Domenico Scarlatti: Sonate d-Moll K141/L422 - die "Nähmaschine"

  • Hallo, liebe Freunde der Klavier (und Cembalo) Musik,


    Sicher lassen sich aus den 555 Sonaten von Scarlatti viele hervorheben. Fast alle Interpreten müssen eine Auswahl treffen. Schon vom ersten Höreindruck her ist diese Sonate ein Ausnahmefall. Sie hat bei Scarlatti eine ähnliche Sonderstellung wie das "La Rappel des Oiseaux" bei Rameau, die kleine Gigue KV 574 bei Mozart, die Triller in den Finalsätzen der Hammerklavier-Sonate und Sonate op. 111 von Beethoven, der Schluß-Satz in Chopins b-Moll Sonate, Schumanns Toccata op. 7, "Vers la Flamme" von Scriabin, Prokofjews teuflische Einflüsterungen op. 4 oder als extremer, vorläufiger Abschluss "Continuum für Cembalo" (1968 ) von Ligeti. Alle diese Stücke zeichnet eine besondere Zeitlosigkeit aus, wodurch sie in ihrer jeweiligen Zeit fremd, für manche Ohren geradezu pathologisch klingen. Die Komponisten waren sich der Einmaligkeit dieser kleinen Meisterstücke bewusst.


    Pianisten nutzen diese Sonate von Scarlatti, um die Fingertechnik für äußerst schnelle Läufe zu üben. Offenbar hatte bereits Scarlatti systematisch die Beweglichkeit der einzelnen Finger geübt und bis ins Extrem getriebene Wiederholungen des gleichen Tons. Diese Sonate ist in dieser Hinsicht äußerst geschickt aufgebaut. Ich vermute stark, dass sie aus intensiven Übungen am Klavier entstanden ist, die einen Spieler bis in Trance-Zustände versetzen kann.


    Heute wird meist vergessen, welche technischen Wunderwerke die frühen Klaviere zu ihrer Zeit waren. Zug-, Hammer- und Pedaltechnik waren voll entwickelt, lange bevor in überdimensionalem Maßstab ähnliche Maschinen zur Metallbearbeitung zum Einsatz kamen. Es gehörte ein gutes Stück Technik-Begeisterung dazu, alle Möglichkeiten dieser Instrumente zu erkunden und auzuschöpfen. (Das gilt nicht weniger für den Orgelbau, für dessen technische Aspekte sich z.B. Bach jederzeit interessierte.)



    Ebenso kann übersehen werden, dass damals die Tonarten und Harmonien noch sehr experimentell waren. Kompositionsregeln lagen nicht als jahrhundertelang überliefertes Werkzeug vor, erstarrt in akademischer Routine. Die Komponisten konnten hoffen, mit jeder außergewöhnlichen Technik etwas zum Tönen zu bringen, das in dieser Technik enthalten ist und von ihnen wie von einem Handwerker freigesetzt wird, der innere Spannkräfte von Materialien entdeckt und in neuen architektonischen Entwürfen ausnutzt, einbaut und zum Vorschein bringt.


    Scarlatti will den puren Temporausch nach außen treiben und aus der bloßen Geschwindigkeit eine innere Melodie entdecken, die dort bereits enthalten ist und von ihm lediglich aufgespürt und offenbart wird.


    Er sucht damit den unfassbaren Punkt zu treffen, der im Innern jeder kreativen Erfindung steckt. Wenn aus der reinen Geschwindigkeit heraus eine ähnliche Melodie entsteht, wie er sie sonst komponiert hat, stellt sich die Frage, ob nicht auch sonst beim Komponieren im Innern des Bewusstseins, vielleicht auch im rein motorischen Ablauf des Muskelapparats auf einer höheren Ebene ähnliche Prozesse ablaufen, die mit ihrem eigenen Zeittakt dem Bewußtsein entzogen sind. Stockhausen und erst recht Techno-Musiker haben damit experimentiert. Das muss Spekulation bleiben, aber Scarlatti ist mit diesem Stück an die Grenze solcher Fragen gestoßen. Viele Komponisten beschreiben, wie sie selbst überrascht sind über die Werke, die ihnen während der harten Arbeit des Tonsetzen zufliegen.


    So steht diese Sonate für mich am Beginn einer Reihe vergleichbarer Werke anderer Komponisten, denen es in ungewöhnlichen Momenten ihres Schaffens ebenfalls gelungen ist, das Entstehen eines kreativen Einfalls unmittelbar zum Ausdruck zu bringen.


    Der Hörer nimmt sehr fein die schmale, aber alles entscheidende Differenz zu oberflächlich gesehen ähnlichen Werken wahr, bei denen rein mechanisch leere Virtuosität herausgepresst wird.


    Niemand hat sie so glasklar und unerbittlich gespielt wie Wanda Landowska in einem Konzert in Paris im Januar 1939. Martha Argerich wählte sie als einen Höhepunkt bei ihren Konzerten 1978 & 1979 in Amsterdam. Ihr gelingt es, in die rasend schnellen Läufe noch zusätzliche Betonungen unterzubringen.


    Nikolai Demidenko hat sie bei einem Konzert als Zugabe gespielt. Daran kann ich mich noch sehr gut erinnern. Das war wie eine schwebende Klangwolke. Das Stück war schon fast verflogen, als ich es in dieser überraschenden Wendung erkannt hatte. Derzeit hat Tokarew sie auf dem Programm einer Konzertreise durch Deutschland. Weitere Einspielungen gibt es von Andreas Staier, Christian Zacharias, Pletnew, um nur die berühmteren zu nennen. Die Einspielung von Zacharias ist auszugsweise im Internet verfügbar und nimmt für mich etwas enttäuschend das Besondere dieses Stücks stark zurück.


    Viele Grüße,


    Walter

  • Lieber Walter :


    Bezieht sich diese " besondere Zeitlosigkeit " auf die nicht zeitgebundene , also die Gesamtzeit seit ihrer Entstehungszeit , subjektive Wahrnehmung des Hörers wie auch des Interpreten oder
    ist sie bezogen auf das Zeiterleben der subjektiven Wahrnehmung einer physikalischen Messbarkeit der Interpretationsdauer der von Dir angegeben Werke im allgemeinen und dieser Scarlatti - Sonate im besonderen ?


    Eine Subjektivität der Musikwahrnehmung und auch der Musikinterpretation kann psychologisch normal sein oder
    auch intraindividuell pathologisch sein oder viellciht sogar werden , wenn wir Deinen Ausdruck übernehmen " ...., dieeinen Spieler bis in Trance - Zustände versetzen kann " ( 2. Absatz , letzter Satz ) .


    Hälst Du diese von Dir genannten Interpretationen dieser Scarlatti -Sonate für den Ausdruck eines stabilen Zeitsinnes im Sinne etwa von Christian Scherfetter ( Allgemeine Psychopathologie ; 5. Aufl., 2002 , Thiem , pp. 130 - 134 ) oder eine unter Umständen sehr variable Form des Zeiterlebens ?


    Bei der Lektüre über Rezensionen von Einspielungen durch verschieden Pianisten ( von Marcelle Meyer , ihrer ihr in ihrme Sinne nachfolgenden Anne Quefflec , die so besonders gegensätzliche Interpretationen - interssanterweise fast derselben Sonaten - durch den hier höchtsgelobten Alexis Weissenberg ( Weissenberg hat einmal Wanda Landowska als eie seiner wichtigsten Lehrer bezeichnet ) wie etwas später Ivo Pogorelich mit seinen ungewohnt breiten Tempi ergibt sich ein enormer Zeitunterschied von den im allgemeinne her zeitlosen Sonaten Scarlattis .


    Dies hat mich bezogen auf die Zeitwahrnehmung einer Interprettion besonders an die auch von die genannte c - Moll - Klaviersonate Opus 111 von Beethoven , den langsamen wie den Schlussatz in der b - Moll - Soante Opus 35 von Chopin , dessen "Largo"-Satz wie den Schlussat in der h - Mol - Sonate oder dessen Scherzo Nr. 1 in h - Moll Opus 20 denken lassen , aber auch die sehr divergierenden Interpretationen der hochkomplexen C - Dur - Toccata Opus 7 von Robert Schumann , die Du ebenfalls nennst .


    Es stellt sich auch die Frage reflexartig, ob es ein "Idealmass an Zeit" ( , d. h. objektiv messbar ) gibt und geben kann , oder ob wir nicht sogar Gefahr laufen , Interpretationen unter einem gewissen interpretatorischen "Zeitgeist" wahrzunehmen . So schreibt etwa Walter Niemann schon 1921 in seinen berühmt geblieben Pianistenbuch ja ausdrücklich von z. B. typischen "Beethoveninterpreten" (p. 13 ff. ) .


    Es muss auch sehr überraschen , dass dies e Zeitlosigkeit nahezu aller Scarlattisonaten trotzdem dazu geführt hat , dass sie zu viele Jahre ein Dasein am Rande der Klassikmusik führen mussten , obwohl Domenico Scarlatti eine der einflussreichsten Komponisten bis hin zur Französischen Klavierschule ab etwa 1900 geblieben ist . Auffallend ist auch , dass er gerde in Spanien , wo er den wichtigsten Teil seines Lebens am Königshofe verbracht hat nach Aussagen eines dirkten Nachfahrens in einer TV - Sendung 2008 fast völlig vergessen ist .


    Viele Grüsse ,


    Frank

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Lieber Walter :


    Bei dem Versuch eine weitere Interpretation dieser Scarlatti - Sonate zu finden ( in meinem Bestand ) neben der Einspielung Wanda Landowska ( EMI Réfernces ; CEMBALO ! ) , habe ich feststellen müssen , dass die nachfolgend gennaten bedeutenden Interpretn von Scarlatti - Sonaten diese Sonate offensichtlich nie auf Tonträger aufgenommen haben :


    Marcelle Meyer ( EMI "Les Rarissemes" und der GA ihrer bekannten
    Aufnahmen auf 15 bzw 17 CDs ; EMI France , 2008)


    Anne Queffélec ( Erato )


    Vladimir Horowitz ( CBS / Sony )


    Alexis Weissenberg ( DGG / Universal ) u n d


    Ivo Pogorelich ( DGG / Universal ) .


    Kann Deiner Meinung nach auch ein Höreindruck auch dadurch völlig anders werden , wenn man eine Cembalo - Aufnahme einer Aufnahme auf einem grossen Steinway - Flügel gegenüberstellt ?


    Verändern sich dadurch auch die durch uns wahrgenommen , subjektiven
    Z e i t - Eindrücke und Z e i t - Wahrnehmungen ?


    In der menschlichen P h y s i o l o g i e des Hörvorganges knnte ich dazu in meinen Fachbüchern trotz sorfältige s Durchsicht seit der umfangeichsten Edition in Gauer / Kramer / Jung : Physiologie des Menschen , Urban & Schwarzenberg , oder dem Standartlehrbuch von William F. Ganong , Lang , 2006 , gefunden .


    Für mich ist Wanda Lewandoska eine der herausragende Persönlichkeite als Interpretinnen und Lehrenden in der Musikgeschichte .


    Wenn ich mir nun anlässlich Deines faszinierenden Artikel etwa die Interpretationen durch Landowska ( J S Bach : WTK I II , Geldberg-Variationen , Scarlatti-Sonaten ) im direkten Vergleich zu Interpretationen derselben Aufnahme durch


    bei WTK I , II durch S. Richter oder F. Gulda ,


    bei den Goldberg-Variationen' durch A Weissenberg ( 1967 & 1982)
    oder M. Perahia


    den Scarlatti - Sonaten durch die ebenfalls sehr konträren Interpretationen durch Weissenberg oder Pogorelich anhöre , so liegen die Unterschiede wie auch die Gemeinsamkeiten der Werkaufassungen und folglich der Interpretationne zwischen i h r und


    Gulda ( WTK I , II ) ,


    Weissenberg ( Goldberg - Variationen und Scarlattisonaten )


    enger beieinander zusammen wegen der perkussiven Gestaltung als den anderen Aufnahmen und auch diese untereinander .


    Landowskas Aufnahmen sind nicht ohne Grund z e i t - los gebleiben . Sie haben den "Zeitgeschmack" durch ihre gewisse z e i t - unabhängige Wiedergabe überdauert . Sie habe also weder im psycho(patho)logischen Sinne eine Zeiteinangung wie Zeitdehnung erfahren .


    Dass eine doch recht kurze Scarlatti - Sonate dermassen zum Nachdenken über den Begriff Z e i t wie dessen breitere Bedutung
    anregt , macht mir doch staunen .


    Viele Grüsse ,


    Frank

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Lieber Frank,


    ich befürchte, die Psychiatrie könnte kreative Prozesse wie den hier bei Scarlatti beschriebenen als "Störung der Zeitkategorien" bezeichnen, um in der Sprache von Scharfetter zu bleiben. Die Psychiatrie kennt die objektive Zeit und die innere Erlebenszeit. Bei verschiedenen Krankheiten gelingt es den Kranken nicht, zwischen beiden das richtige Verhältnis zu finden. Die innere Erlebniszeit kann für den Kranken stocken, ganz stehen bleiben, sich in der Vergangenheit festhaken u.ä.


    Binswanger hat in einem anderen Zusammenhang in seinem Buch "Melancholie und Manie" die Frage aufgegriffen, dass kreative Menschen Verhaltensweisen zeigen können, die Ähnlichkeiten mit pathologischem Verhalten im Sinne der Psychiatrie haben. Die meisten Kreativen kennen ein Überwältigungsgefühl, das der Manie ähnelt. Um kreatives und pathologisches Verhalten zu unterscheiden, zieht er die Grenze, dass diese im Gegensatz zu den Manischen sich getrieben fühlen, dass sie sehr wohl wissen, dass sie am Abgrund arbeiten, während die Manischen sich völlig überschätzen und glauben, alles falle ihnen von allein zu.


    Scarlatti hat sich nach meiner Überzeugung mit seinen Spielübungen bewusst in einen Geschwindigkeitsrausch begeben, um das normale Verhältnis von innerer Zeit und objektiver Zeit zu durchbrechen und dadurch unbekannte Erfahrungen zu machen, die ihn zu neuen kreativen Ideen führen. Er unterscheidet sich daher - im Sinne von Binswanger - von Depressiven oder Hyperaktiven, die jedes Zeitgefühl verlieren, weil er dies alles bewusst steuert und im Ergebnis wieder in das gewohnte Leben zurückfindet.


    Das ist aber immer mit einer Gefährdung verbunden. Es gibt genügend Beispiele, wenn Kreative völlig das Gleichgewicht verlieren und sich ganz buchstäblich in eine Drogenabhängigkeit begeben, wie wir es am Beispiel von Sofronitsky diskutiert haben.


    Das Besondere an dieser Sonate von Scarlatti ist für mich daher, dass sich hier dies alles so gut nachvollziehen lässt, was sonst oft Spekulation über das Geheimnisvolle des Schöpferischen bleibt.


    Viele Grüße,


    Walter

  • Im Rahmen meiner Erforschung der Sonaten Scarlattis bin ich auch auf diesen Thread gestoßen - und habe prompt K141 gesucht und gefunden. Auf meiner Aufnahme mit Pletnev wird behauptet es sei "das Geklimper auf einer Gitarre" dargestellt, wobei ich sagen muß, daß ich noch niemand auf einer Gitarre klimpern habe hören.


    Mein Versuch eine Alternativaufnahme, Beispielsweis auf Cembalo zu finden scheiterte.


    BEi JPC fand ich jedoch die Möglichkeit Klangschnippsel von 2 Aufnahmen abzuhören:


    Belder für Brilliant Classics spielt das Stück schlank und behende - aber nicht aussergewöhnlich - Pierre Hantai spiel sie derart, daß ich sie kaum wiedererkennen kann. "Rabiat" wäre hier ein ädiquater Ausdruck....


    Den Begriff "die Nähmaschine" erkenne ich am besten bei der Einspielung von Scott Ross wieder, wo Agressivität, Rhythmik und Tempo, sowie Erkennbarjeit an sich in einer guten Balance zu sein scheinen.


    Ich habe leider keine weiteren Einspielungen auf modernem Klavier vergleichen können, aber mir scheint die Sonate ohnedies besser für Cembalo geeignet, als für Klavier......


    mfg aus Wien


    Alfred

    Die Tamino Moderation arbeitet 24 Stunden am Tag - und wenn das nicht reicht - dann fügen wir Nachtstunden hinzu.....



  • Lieber Alfred ,



    in 2008 wurde ich privat einmal auf diese Scarlatti - Sonate hingewiesen .


    Damals habe ich weder in den Eigenbeständen noch woanders eine mir klanglich sinnvolle Interpretation auf Klavier / Flügel geunden .


    Danke für Deine Hinweis ehier mit der kommentierung .


    Beste Grüsse ,


    Frank

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Besten Dank für die lehrreichen Hinweise. Bei der Suche nach Aufnahmen dieser Sonate in meinem Bestand bin ich auf Gilels Locarno Einspielung vom 25.09.1984 (erschienen bei Ermitage) gestoßen. Der spürbar gealterte Gilels spielt diese Sonate offenbar mit einem außerordentlich ausgegrägten Willen zum Ausdruck, der mich schlicht entzückt. Hier wird im positiven Sinne auf nichts Rücksicht genommen. Gelegentliche Verhaspler sind deutlich hörbar, stören mich aber für mein Empfinden bei der Aufnahme des Werks nicht im Geringsten.
    ....Beglückend!

  • Ich habe das durchaus nicht negativ gemeint - im Gegeteil. Wenn jemand wie Gilels im Jahr 1984 auf ein langes und erfolgreiches Pianistenleben zurückblicken kann und dann den Mut aufbringt diese Soante in der Weise zu spielen, wie er sie spielt, finde ich das außerordentlich bemerkenswert. Ich bilde mir ein, daß man zu eine solchen Spielweise am ehesten dann befähigt ist, wenn man im Alter aus einem reichen Fundus pianistischer Erfahrung gepaart mit pianistischem Können schöpfen kann. Diese Spielweise erinnert mich im übrigen an den späten Serkin, insbesondere an dessen Liveaaufnahme von op. 109 - 111 (geradezu ungestüm), erschienen bei DG ende der 80 er Jahre. Vielleicht spukte aber auch ein Hinweis aus dem Begleitheftchen in meinem Kopf herum, wonach Gilels zum Zeitpunkt der Aufnahme in Locarno sehr krank gewesen sein soll. Vielleicht sollte man das Thema Altersaufnahmen großer Pianisten an anderer Stelle einmal aufnahmen. Aus meiner Sicht wäre da jedenfalls sehr interessant.

  • Zitat

    Original von tom
    Bei der Suche nach Aufnahmen dieser Sonate in meinem Bestand bin ich auf Gilels Locarno Einspielung vom 25.09.1984 (erschienen bei Ermitage) gestoßen. Der spürbar gealterte Gilels spielt diese Sonate offenbar mit einem außerordentlich ausgegrägten Willen zum Ausdruck, der mich schlicht entzückt. Hier wird im positiven Sinne auf nichts Rücksicht genommen. Gelegentliche Verhaspler sind deutlich hörbar, stören mich aber für mein Empfinden bei der Aufnahme des Werks nicht im Geringsten.
    ....Beglückend!


    Emil Gilels hat die Sonate d-moll K. 141 (= L. 422) in verschiedenen Phasen seines Lebens im Konzertsaal gespielt (und, soweit ich das anhand der mir zur Verfügung stehenden LPs und CDs beurteilen kann, immer zu Anfang des Scarlatti-Blocks, welchen er wiederum stets - wie Horowitz - an den Anfang des Konzerts gesetzt hat). Bei
    http://www.doremi.com/DiscGilComp.html
    werden folgende Live-Mitschnitte gelistet:


    Der BBC-Mitschnitt vom 22. April 1957 aus der Memorial Hall in London ist auf dieser BBC Legends-CD erhältlich

    und künstlerisch uneingeschränkt empfehlenswert (wenn auch mono und mit deutlich hörbarem Grundrauschen). Es gibt aber noch einen weiteren BBC-Mitschnitt der Sonate, den die obige Diskografie zu listen übersehen hat: Gilels live at St. John's, Smith Square, London am 15. Oktober 1984 (also in auffälliger zeitlicher Nähe zum Locarno-Mitschnitt vom 25. September 1984). Erhältlich auf dieser BBC Legends-CD:

    Übrigens in bester Stereo-Qualität, wie auch der bekannte Locarno-Mitschnitt auf Ermitage (der vorzüglich klingt).


    tom
    Du hast selbstverständlich Recht damit, dass Gilels 1984 in Locarno bei dieser Sonate ein paar Mal danebengriff. Das tat er übrigens auch 1960 in Moskau und 1984 in London, während er 1957 in London makellos spielte (den 1955er Mitschnitt aus Moskau kann ich nicht beurteilen, er fehlt in meiner Gilels-Sammlung). Aber Du sagst ja glücklicherweise selbst, wie unwichtig das ist! Gilels spielt so dermaßen überirdisch gut, dass der eine oder andere Fehlgriff mir persönlich völlig unwichtig ist. Zumal Gilels 1984, also im Jahr vor seinem Tod, tatsächlich nicht mehr gesundheitlich voll auf der Höhe gewesen sein dürfte.


    Mein Fazit: an Martha Argerich, die diese Sonate 1978 live im Concertgebouw Amsterdam


    sowie 1979 live in Warschau

    (jeweils als Zugabe) darbot, kommt man kaum vorbei. Das ist wirklich vom Feinsten. Fast ins Wahnwitzige getriebene Virtuosität (wobei ich den polnischen Mitschnitt wegen seiner deutlich besseren Klangqualität vorziehe. Zumal sich Frau Argerich in Amsterdam bei 00:48 min. einen kleinen Fehlgriff leistete. Der natürlich - wie bei Gilels - überhaupt nicht ins Gewicht fällt. In Warschau passierte ihr das allerdings nicht). Aber Gilels ist bei dieser Sonate ebenfalls kaum wegzudenken aus einer gutsortierten Sammlung. Wobei ich persönlich die Versionen 1957 (London) und 1984 (Locarno) am liebsten mag. 1960 (Moskau) und 1984 (London) sind ebenfalls sehr hörenswert, wenn man Gilels-Komplettist ist. An sich reichen aber die beiden genannten Gilels-Mitschnitte.

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  • Zitat

    Original von Walter.T
    Heute wird meist vergessen, welche technischen Wunderwerke die frühen Klaviere zu ihrer Zeit waren. Zug-, Hammer- und Pedaltechnik waren voll entwickelt[...]


    Ist Scarlatti etwa mit Hammerklavieren in Berührung gekommen?
    Ich hätte erwartet, dass seine Sonaten für Cembalo komponiert sind.
    Da Scarlatti 1757 gestorben ist, würde mich ein Interesse für Hammerklaviere bei ihm sehr wundern.


    Die Aufnahme, die schon am längsten in meinem Besitz ist, dürfte nun so aussehen:

    Pinnock - natürlich am Cembalo.

  • Zitat

    Original von Kurzstueckmeister
    Die Aufnahme, die schon am längsten in meinem Besitz ist, dürfte nun so aussehen:

    Pinnock - natürlich am Cembalo.


    Die Sonate d-moll K. 141, über die wir hier diskutieren, finde ich weder auf der von Dir verlinkten Pinnock-CD noch auf dieser weiteren Pinnock-CD

    Hat Pinnock sie überhaupt eingespielt? Und falls ja, wo?

  • Ach so, entschuldigung, ich habe aus dem Blick verloren, dass es hier um eine bestimmte Sonate gehen soll ... Wahrscheinlich kenne ich die "Nähmaschine" nicht. Ist dieser Spitzname eigentlich von Scarlatti selbst?

  • Zitat

    Original von Kurzstueckmeister
    Wahrscheinlich kenne ich die "Nähmaschine" nicht.


    Wenn Du mal Nähmaschinensound in Vollendung hören möchtest, lieber KSM, dann halt mal nach den Einspielungen des WTK I und II von Hans Pischner Ausschau. Freundlich formuliert, nicht gerade das, was man als Referenzaufnahme bezeichnen würde. Nähmaschinensound steht für mich aiuch weniger für das irrwitzige Tempo der Wiedergabe, sondern vielmehr für einen außerordentlich unnatürlichen mechanischen, techniisierten Cembaloklang, was man vielfach Instrumenten moderner Bauart angedichtet hat

  • Vielen Dank, Gustav, für diesen Link! Frau Argerich spielte natürlich auch 2008 großartig. Trotzdem bleibe ich dabei: mein Argerich-Favorit ist der Mitschnitt aus Warschau von 1979 - aber das sind wirklich nur Nuancen (wenn man bedenkt, dass 29 Jahre liegen zwischen beiden Aufnahmen).


    Eine interessante Version mit der noch jungen (und noch schwarzhaarigen) Martha Argerich findest Du hier:
    http://www.youtube.com/watch?v=PcsRl_LIJHA&feature=related
    Große Klasse.

  • Lieber Swjastolaw!


    Danke für den link. Ich gebe dir recht, das ist noch wieder eine andere Sache. Das Nervöse, das Mechanische, eben die "Nähmaschine" kommt noch besser zum Ausdruck als 2008.


    Kannst du eigentlich diesen link zeitlich einordnen? Locarno ist das ja wohl nicht.


    http://www.youtube.com/watch?v=sZVwrYDCbCA


    :hello: Gustav

  • Zitat

    Original von Gustav
    Kannst du eigentlich diesen link zeitlich einordnen? Locarno ist das ja wohl nicht.


    http://www.youtube.com/watch?v=sZVwrYDCbCA


    Doch, das ist Locarno 1984. Allerdings: da ich heute nachmittag beim HNO-Arzt war und einen Verband am rechten Ohr trage, kann ich heute abend nur auf dem linken Ohr hören. Aber ich bin mir sicher, dass dieses Video die charakteristischen Merkmale des Locarno-Mitschnitts aufweist.

  • Zitat

    Original von Gustav
    Das Nervöse, das Mechanische, eben die "Nähmaschine" kommt noch besser zum Ausdruck als 2008.


    Das sollte man - jedenfalls ich - angesichts von A`s und G`s Spielkunst besser nicht mt einer Nähmaschine in Verbindung bringen (Grund s.o.). Die N. ist m.E. eben doch eher instrumenten- als werkbezigen, weshalb ich den Titel dieses Treads etwas - aber nur etwas - unglücklich finde.


    Liebe Güße


    t

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