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SchallundWahn

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  • »SchallundWahn« ist weiblich

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91

Dienstag, 24. Juli 2012, 18:49

Wer ist Wotan?

Eine der Rollen in der mich so gesehen noch keiner völlig überzeugt hat, sodass ich kaum sagen kann, wer denn der "Beste" war, aber danach ist ja eigentlich auch nicht gefragt, sondern nach allgmein großen Rolleninterpreten, jedoch auch da kann ich nicht überschwänglich werden.
Zuerst wäre vielleicht wichtig zu sagen, wie ich mir Wotan denn vorstelle bzw. was der Interpret meiner Meinung nach herüberbringen muss. Zuallererst muss er männlich-kernig klingen, entschlossen, markig und gerade in "Rheingold" braucht er einen Schuss Sarkasmus/Zynismus, trotzdem in "Walküre" väterlich klingen (obwohl ich persönlich ja finde, dass sich sein Abschied weniger wie der eines Vaters, als der eines Liebhabers anhört). Er braucht etwas Gebieterisches. Meiner Meinung nach darf er aber nicht zu dunkel oder auch zu tief oder zu schwer klingen. Wotan ist für mich aber kein Großvater, in keinster Weise, bestenfalls als Wanderer mag das noch hingehen (streng genommen für mich nicht mal da).
Es wurden ja schon "die üblichen Verdächtigen" genannt.

Hans Hotter : natürlich, ich als Hotter-Fan, bin da schon sehr angetan, aber es ist auch mehr die Art wie er gestalten, die mir wirklich gefällt, gesanglich - gerade in späteren Jahren - ist es doch etwas arg, was mich allerdings außerdem stört ist zu einen seine teils undeutliche Aussprache (was aber auch mit den wooblen zusammenhängen kann) und (hat jemand hier schon erwähnt) sein Timbre, dass doch eher viel zu großväterlich klingt...

Ferdinand Frantz : mag seltsam klingen, aber er ist mir zu deutlich, im Sinne von kalt-analytisch-genau, da kommt für mich kein Gefühl rüber, obwohl es nicht schlecht gesungen ist (seinen Sachs finde ich besser)

Theo Adam : kenne ich "nur" vom Böhm-Ring...finde ich gar nicht so schlecht (die Rätsel-Szene im "Siegfried") gefällt mir ganz gut), aber immer wieder stößt mir dann doch das Graue und Angegriffene der Stimme auf, die Linie kommt so einfach gar nicht zustande.

Jerome Hines : kenne ich vom Kempe-Ring...stimmlich sehr passend, könnte mir soagr richtig gefallen, aber hat ähnliche Probleme wie London, zu schwer und unflexibel, auch die Diktion ist etwas schwammig.

Noch vier Beispiele bei denen mir leider nur jeweils eine Aufnahme von "Wotans Abschied" bekannt ist :

George London : mal abgesehen davon, dass ich sowieso kein großer Fan von ihm bin, ist seine Stimme mir zu behäbig und wuchtig, zu unflexibel und klingt in meinen Ohren sehr kartoffelig, was ich grundsätzlich nicht mag.
Der Abschied unter Kna wird sehr langsam gespielt, was Londons Stimme eher entgegen kommt, denn schnelle Wechsel und Tempo liegen ihm meiner Meinung nach eher nicht...auch er klingt mir zu "alt". Was die Darstellung, so hat die mich auch nicht vom Hocker gerissen, vor allem was verschiedene Farbwechel und leisere Töne angeht fehlt mir da einiges.

Cesare Siepi : bin Fan, aber hier ist er mir auch zu wuchtig zu dunkel, auch sprachlich hat er natürlich seine Problemchen, auch der Ausdruck ist bestenfalls Durchschnitt

Lawrence Tibbett : kommt na dran an totale Zufriedenheit, nicht zu schwer, wunderbar gesungen, tolle Diktion

Besonderes Augenmerk :
Hermann Uhde : (na wer hätte das von mir erwartet :P )... kenne ihn als "Rheingold"-Wotan und Wanderer, was "Walküre"-Wotan angeht bin ich untröstlich, dass ich nur den Abschied mit ihm kenne, obwohl ich weiß, dass er die ganze Rolle gesungen hat...was soll ich sagen, ich finde ihn große Klasse, weil er genau das Kernige und Männliche in der Stimme hat, dass ich von "meinem" Wotan erwarte und dabei weder zu dunkel und schwer herüberkommt und auch noch wunderbar singt. Einzig in Kempe 1960er "Siegfried" enttäuscht mich etwa die Rätsel-Szene etwas, da bemerkt man einige Unebenheiten und Probleme, dafür in der Erda-Szene grandios...und sein Abschied, herrlich! Man muss nur einmal hören wie er "mit zehrenden Schrecken" herausschleudert oder das einmalige "der freier als ich, der Gott!", dass in unterschwelliger, bitterer Verzagheit ertrinkt. :jubel:
"Die Glücklichen sind neugierig."
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Joseph II.

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92

Dienstag, 24. Juli 2012, 19:49

Danke für die tollen Ausführungen und die Empfehlung mit Hermann Uhde!

Ich wusste bis heute nicht, dass er den Wotan-Abschied sang.

Könntest du evtl. das Jahr, Dirigent und Orchester benennen? ;)

Liebe Grüße vom George-London-Fan
Joseph
:hello:
»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

SchallundWahn

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93

Dienstag, 24. Juli 2012, 21:28

Hallo Joseph,

wie gesagt, hat er sogar den gesamten "Walküren"-Wotan gesungen, nur scheint es (bisher) nur den Abschied daraus zu geben bzw. nur der wurde mitgeschnitten. Dieses Stück ist auf beiden Arien-CDs vertreten, die es von Uhde gibt, aber während auf der Preiser 'unbekannte Herkunft' steht, wird bei der Gala-CD eine Herkunft angegeben.
Hier die Daten : Metropolitan Opera House 20. Februar 1957; MET-Orchester, Dirigent : Dimitri Mitropoulos
(ist laut MET-Archiv auch nachprüfbar, ich habe nachgeschaut)

PS: Ich selbst kann gut damit leben, wenn Sänger, die ich mag von anderen (auf vernünftige Weise) kritisiert werden und deshalb finde ich es übrigens sehr sympathisch von dir, dass du als George London-Fan mit meinen Äußerungen bezug dieses Sängers so gelassen umgehst, das können leider nicht viele...
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Rheingold1876

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94

Dienstag, 24. Juli 2012, 23:01

Hallo Joseph, hallo SuW, mit diesem Uhde-Wotan ist es etwas mystisch. Es gibt bekanntlich eine Walküre aus der Met unter Mitropoulos vom 2. Februar 1957, in der allerdings nicht Uhde den Wotan sang sondern Otto Edelmann. Nun kann es tatsächlich am 20. des gleichen Monats noch eine Walküre gegeben haben, denn die Stücke wurde ja immer am Stück aufgeführt. Nach allen mir zur Verfügung stehenden Quellen gibt es vom 20. Februar, also der Vorstellung mit Uhde, keine Aufzeichnung.

In meinem Archv habe ich aber große Szenen aus allen drei Aufzügen der Walküre mit der folgenden dieser Besetzung:

Wotan: Hermann Uhde
Brünnhilde: Margaret Harshaw
Sieglinde: Marianne Schech
Siegmund: Ramon Vinay
Fricka: Blanche Thebom
Hunding: Norman Scott
Dirigent: Dmitri Mitropoulos

Als Quelle wird die Met genannt, ein Datum ist nicht angegeben, die Walküren-Sängerinnen auch nicht, dafür aber MORC, was wohl mal ein Plattenlabel war - oder irre ich mich?

Alles deutet darauf hin, dass diese Szenen auch als solche aufgenommen wurden - und zwar unter Studiobedingungen. Der Klang ist vorzüglich, es gibt keinerlei Nebengeräusche, die auf Publikum verweisen. Alle Sänger sind ziemlich nahe am Mikrophon. Die Kürzungen, wenngleich etwas abenteurlich und rabiat, sind aber so angelegt, dass der inhaltliche Gesamtzusammenhang gewahrt bleibt. Die Übergänge sind nicht hart wie bei einem nachträglichen Schnitt, sie sind weich und akustisch unauffällig. Die Wotanserzählungen aus dem zweiten Aufzug fehlen ganz. Ich möchte wetten, dass der "Abschied und Feurzauber" aus dieser Aufnahme identisch ist mit den Veröffentlichungen bei Preiser bzw. Gala.

LG Rheingold
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

La Roche

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  • »La Roche« ist männlich

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95

Mittwoch, 25. Juli 2012, 13:49

Beim Wotan komme ich nicht an der kraftvollen, schwarzen und sogar im Deutschen eingermaßen verständlichen Stimme von Nicolai Ghiuselev vorbei. Leider habe ich nur den Abschied und Feuerzauber mit ihm, aber immer wieder gern!

La Roche
Ein Gespräch setzt voraus, daß der andere Recht haben könnte. Gadamer


SchallundWahn

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  • »SchallundWahn« ist weiblich

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96

Mittwoch, 25. Juli 2012, 18:20

Hallo rehingold,

hier die Seite im MET-Archiv, wo die Vorstellung mit Uhde angegeben ist (und auch dem Rest der Besetzung)
http://archives.metoperafamily.org/archives/frame.htm
...natürlich kann es trotzdem sein, dass die Aufnahme nicht von diesem Abend stammt, sondern separat eingespielt wurde.
Du hast also eine Aufnahme mit anderen Teilen aus der Walküre??? Welche Szenen sind das denn? Und am wichtigsten, ist das wieder so ein Sammlerstück oder bekommt man das auch so irgendwo zu kaufen?
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(Friedrich Nietzsche)

SchallundWahn

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  • »SchallundWahn« ist weiblich

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97

Samstag, 28. Juli 2012, 18:53

Um die Liste von Wotan-Darstellern mal weiterzuführen und auch in "jüngere" Gefilde zu kommen :

John Tomlinson : kenne eine Aufnahme von Wotans Abschied mit ihm unter einem gewissen Francesco d'Avalos (nie von dem gehört, aber gibt es bei youtube) in der er mir sehr gut gefällt, wo er hingegen sonst nicht eben zu meinen Favoriten gehört, gerade weil er in späteren Zeiten starke Stimmprobleme bekam

Donald McIntyre : der Wotan des Chereau/Boulez-Rings, trotz seiner (im Gegensatz zu manch früherem Vetretern) Leichtigkeit, gefällt er mir ganz gut, wenn auch die Stimme ab und an ein wenig zu gaumig wird...vor allem auch ein hervoragender Darsteller im Film-Mitschnitt

Thomas Stewart : auch eher leicht, aber sehr intelligent in seiner Darstellung, das hat wirklich Musiktheater-Charakter, die Tiefe fehlt etwas, dafür hat er ausgezeichnete Höhe und vor allem eine Top-Diktion


Noch ein kleiner Nachtrag :
George London : ich habe eben die große Wotan-Fricka-Szene mit ihm und Rita Gorr unter Leinsdorf gehört...also da gefällt mir George sehr viel besser! Das muss ich auch mal den Abschied in der Version anhören (kannte bisher ja nur den unter Kna).

Bryn Terfel : ich war ehrlich ein wenig überrascht als ich hörte, er würde nun auch den Wotan singen...ich finde sein Timbre sehr unpassend, auch hat er im Gegensatz zu früheren Jahren viel von der stimmlichen Schönheit eingebüßt. Probleme mit der Tiefe, die er stets nur makiert. Sprachlich aber, wie ich es von ihm kenne, sehr gut.

René Pape : kenne ich nur mit der Arie aus "Rheingold" und Wotans Abschied...habe es schon mal erwähnt, obwohl es Rollen gibt in denen ich ihn sehr gut finde, Wotan gehört (bisher) sich er nicht dazu...außer als Marke finde ich ihn bei Wagner (er sang ja auch Gurnemanz) nicht sonderlich überzeugend, geradezu langweilig, es fehlt vor allem an Interpretation.

Nachtrag zu George London : habe gerade die Wotan-Fricka-Szene aus "Walküre" mit ihm und Rita Gorr unter Leinsdorf gehört, hier gefällt mir George sehr gut! Muss wohl mal den Abschied aus der Version hören (kannte bisher ja nur Kna)
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Joseph II.

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98

Sonntag, 29. Juli 2012, 15:16

Bryn Terfel : ich war ehrlich ein wenig überrascht als ich hörte, er würde nun auch den Wotan singen...ich finde sein Timbre sehr unpassend, auch hat er im Gegensatz zu früheren Jahren viel von der stimmlichen Schönheit eingebüßt. Probleme mit der Tiefe, die er stets nur makiert. Sprachlich aber, wie ich es von ihm kenne, sehr gut.

Unpassend? Ich würde sagen, Terfel ist heute der beste Wotan, wobei ich dir zustimme: Er klingt nicht mehr so schön wie vor einigen Jahren. Das merkte man bei den Walküre-Mitschnitten aus der MET von 2011 und 2012, wobei ich ihn darstellerisch noch immer herausragend finde. Seine Betonungen sind so schlüssig.

Hier noch zwei Wotan-Abschiede aus seinen besten Zeiten, einmal 2003 unter Abbado und einmal 2005 unter Pappano. Ich würde lügen, wenn ich sagte, dass mir da keine Gänsehaut kam, besonders beim "Denn einer nur freie die Braut, / der freier als ich, der Gott!" Er wird so schön piano an der Stelle, und dann doch so kraftvoll. Mit Bild wirkt das noch mehr. Das ist wirklich Weltklasse. :jubel:


Nachtrag zu George London : habe gerade die Wotan-Fricka-Szene aus "Walküre" mit ihm und Rita Gorr unter Leinsdorf gehört, hier gefällt mir George sehr gut! Muss wohl mal den Abschied aus der Version hören (kannte bisher ja nur Kna)

Also ich persönlich meine, das ist die Nonplusultra-Aufnahme des Wotan-Abschieds. Aber auch hier gilt: Jedem das Seine. Orchestral ist das einfach nicht zu überbieten, und London klingt hier wirklich phänomenal, meiner bescheidenen Meinung nach.
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SchallundWahn

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Montag, 30. Juli 2012, 15:10

Hallo Joseph,

ich habe gestern nachmittag wohl so viele Wotans Abschiede gehört, dass es mich ganz kirre gemacht hat :D
Zu Bryn Terfel...tatsächlich kannte ich nur die Ausschnitte aus der letzten Zeit, die von dir eingestellten, älteren sind wirklich noch besser, vor allem stimmlich ist da noch alles im Rahmen, ich finde, man mekrt selbst von 2003 zu 2005 schon etwas Schwund.
Was mich allerdings dann doch störte, war, dass Terfel (und das mag ja evtl. an seinem Naturell liegen ;) ) mir die meiste Zeit zu fröhlich bzw. nicht traurig und resigniert genug ist, wie es sich für einen ordentlichen Abschied gehört. Bei ihm habe ich ein immer etwas lockeres Gefühl (weswegen ich ihn ja gerade in solchen Rollen sehr schätze).
Und was George London angeht, tja da scheiden sich dann wohl unsere beiden Geister...aber eines haben wir dann doch gemeinsam, auch ich halte Kna Dirigat in dem Fall für ganz großes Kino, einer der Besten, wenn nicht gar der Beste Abschied aus orchestraler Sicht :thumbsup:
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