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Alfred_Schmidt

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1

Dienstag, 17. August 2004, 08:03

Was ist dran an Karajan? - Versuch einer Analyse

Liebe Forianer,

man verzeihe mir, daß ich erneut das Thema Karajan aufs Tapet bringe, aber mal ehrlich: In ein Forum, das sich mit klassischer Musik befasst gehört er nun mal, ebenso wie Mozart und Haydn, Das sind nun mal Fixpunkte , an denen kein Weg vorbeiführt.

Allerdings kann man an ein Thema von verschiedenen Gesichtspunkten herangehen.



Dismal möchte ich die Frage stellen: Was war (ist !) das Besondere an Herbert von Karajan ?
Es wäre billig zu antworten, er wäre lediglich eine Modeerscheinung gewesen. Wäre dem so, würden längst seine Aufnahmen irgendwo in den Archiven verstauben. Dem ist aber nicht so: Rund 15 Jahre nach den Tod des Maestro, ist sein Ruf mehr oder weniger ungebrochen, seine CD-Präsenz fast beispiellos. Er gibt (und ich werte dies als gutes Zeichen) immer wieder Anlass zu Polarisierungen,
seine Interpretationen werden hochgejubelt, überschätzt, angegriffen, verdammt.
Zu Lebzeiten galt er als medienbewusster Salonlöwe, aber das war er in Wirklichkeit gar nicht. Tief im Innersten introvertiert und egozentisch, erkannte er, daß er die Medien zur Erreichung seiner Ziele einsetzen konnte, und das tat er schließlich auch virtuos. Auch hier erwies er sich als hervorragender Dirigent.
Aber das sind Tempi passati, was bleibt sind seine Aufnahmen. Oft als zu glatt und perfekt angefeindet, als am Stil des jeweiligen Komponisten vorbei, halten sie sich eisern im Katalog aller Labels, auch jener Firma (nein nicht das Gelblabel !!) deren damaliger Repräsentant in einem Interview in einer Klassikzeitschrift in etwa sagte: "Der Mann ist ausgebrannt, hat alles eingespielt, von dem ist nicht mehr zu erwarten."
Was sind aber wirklich seine Leistungen?
Er lenkte die Geschicke der Berliner Philharmoniker und steigerte, wenn das noch möglich war, deren guten Ruf. Er setzte als künstlerischer Leiter der Wiener Staatsoper dort die ausschliessliche Verwendung der Originalsprach bei italienischen Opern durch. Er war Gallionsfigur der Salzburger Festspiele und Begründer der Salzburger Osterfestspiele. Er erkannte die Möglichkeiten des Mediums Schallplatte, ebenso wie jene des Fernsehens (dem er anfangs skeptisch gegenüberstand)
Im Alter förderte er junge Talente.

Jetzt sollte nicht unbedingt eine Aufzählung aller vorhandenen Aufnahmen kommen, sondern jene, von denen man aus heutiger Sicht annehmen kann, daß sie zum eisernen Bestand der Schallplattengeschichte gehörten, gehören, und gehören werden. (und wer will kann auch begründen warum )

Freundliche Grüße aus Wien

Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

Uwe

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2

Freitag, 15. Oktober 2004, 18:37

Hallo Alfred,

ich betätige mich mal wieder als 'Schatzgräber' und hole mal den Karajan-Thread ans Tageslicht...
Also, auch mich hat ja Karajan (musikalisch) bei meinen ersten Schritten begleitet, na, ja, will sagen, als seine große Zeit vorbei war, fing ich langsam an, mich mit Klassik zu beschäftigen. Dennoch war er in den 80ern eben noch der große Star, was sich natürlich auch in den Verkaufstheken niederschlug. Natürlich war sein Name auch uns Nicht-Musikern/Nicht-Klassikkennern ein Begriff, sozusagen als der Inbegriff klassischer Musik.
Als Anfänger beeindruckten mich seine glatten, polierten Aufnahmen, erst später, mit etwas mehr Ahnung, störte mich seine Auffassung. Heute wiederum muß ich sagen, irritiert mich seine Art zu musizieren weniger. Ich kann mittlerweile besser unterscheiden, wo er Hand angelegt hat, was er beabsichtigt hat und wie er Effekte eingesetzt hat. Das soll nicht heißen, dass ich jetzt alles klasse finde, aber ich bin sicher toleranter geworden.
Kommen wir aber zum für mich unverzichtbaren Bestand des Karajan'schen Kulturgutes (oder des Kulturgutes überhaupt):

Richard Strauss - Salome mit Hildegard Behrens



Die Boheme mit Pavarotti/Freni



Erwähnen muß man sicher auch seine 1.Beethoven-GA:



...und eine mir im Gedächtnis gebliebene wunderbare Schumann 4 mit der Staatskapelle Dresden, die es zur Zeit offensichtlich leider nicht mehr gibt, und die ich auch nicht mein Eigen nennen kann... ;( . Ich hatte sie 1998 einmal im Radio gehört (anlässlich 450 Jahre Sächsische Staatskapelle) und konnte sie danach nicht mehr auftreiben. Schade, schade...

Grüße aus Hamburg
Uwe

Alfred_Schmidt

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3

Donnerstag, 21. Oktober 2004, 12:49

Hallo Uwe,

Du schriebst:

Zitat

Dennoch war er in den 80ern eben noch der große Star, was sich natürlich auch in den Verkaufstheken niederschlug. Natürlich war sein Name auch uns Nicht-Musikern/Nicht-Klassikkennern ein Begriff, sozusagen als der Inbegriff klassischer Musik.


Ich würde sagen, was die Plattenverkäufe angeht, ist Herbert von Karajan (HvK) noch immer der Star schlechthin.
Und Karajan als "Inbegriff der klassischen Musik", das gilt noch heute (sehr zum Mißfallen seiner Freunde). Ich gege davon aus, er wird als "Sinnbild des Klassikdirigenten" schlechthin, weiterbestehen, ebenso wie Caruso als "Prototyp des Operntenors" unsterblich wurde.

Auch heute werden noch Bücher über Hvk veröffentlicht, und sie werden nicht gerade wohlfeil in den Handel gebracht.
In Wien existiert das Herbert von Karajan Zentrum, das neben Ausstellungen auch einen eigenen Shop unterhält, wo man CDs, Videos, Bücher zu m Thema Karajan (und Randbereichen) kaufen kann, nebst Büsten des Maestro in allen möglichen Größen.

Zitat

Als Anfänger beeindruckten mich seine glatten, polierten Aufnahmen, erst später, mit etwas mehr Ahnung, störte mich seine Auffassung. Heute wiederum muß ich sagen, irritiert mich seine Art zu musizieren weniger. Ich kann mittlerweile besser unterscheiden, wo er Hand angelegt hat, was er beabsichtigt hat und wie er Effekte eingesetzt hat. Das soll nicht heißen, dass ich jetzt alles klasse finde, aber ich bin sicher toleranter geworden.


Der "glatte" Stil Karajans war jener des Zeitgeistes, und man könnte jetzt darüber diskutieren, ob Karajan von Zeitgeist geprägt war, oder ob Karajan den Zeitgeist prägte.
Teilweise war er sicher auch Klangphilosophie seiner Plattengesellschaft.

Man muß hier gerechterweise sagen, daß auch heutige Dirigierstile, lediglich den Ausdruck der Mode einer Zeit sind. So muten angeblich "historisch" getreue Wiedergaben aus der Vorklassik und Klassik eher an wie ein Popkonzert. Das wird von der heutigen Hörereschaft als "gegeben hingenommen" ist aber IMO doch eine sehr gewagte These. :P

Zurück zu Karajan:

Seine Verdienste liegen sicher in der Tatsache, daß er Klassik "salonfähig" gemacht hat, will meinen interessant, und dies ohne sich bei der breiten Masse anzubiedern. Er war und blieb elitär
(Wahrscheinlich ist er deshalb heute so angegriffen)


Nun zu seinen Einspielungen:

Bewußt nehme ich hier seinen ersten Beethoven-Zyklus in Stereo als Beispiel, gerade weil er heute eher kritisch betrachtet wird.
Da wird von "poliert" und von "geschönt" geredet, von "man war damals noch nicht historisch informiert" etc.
Das ist alles nicht wahr, man wusste damals ganz genau, wie "historisch uninformiert :P man war, aber man nahm es bewusst und selbstbewusst in Kauf.

Ein Zitat aus dem Beiheft (heute neudeutsch Booklet) mag den Geist der damaligen Zeit wiederbeleben. HH.STuckenschmidt schrieb dort u.a:

Zitat

"Die vieldiskutierte Frage, ob diese Musik "zeitgemäß" oder "stilgetreu" aufzuführen sein, verblasst angesichts der imposanten Autorität, mit der das wohl berufenste Musikerensemble unserer Zeit, die Berliner Philharmoniker unter ihrem Chefdirigenten Herbert von Karajan, das zeitlose Werk Beethovens uns Heutigen zum Leben erweckt"


hier noch ein Hinweis, welchem Dirigenten die Deutsche Grammophon noch am ehesten zutraut, das IMO von den Konsumenten ungeliebte Format SACD durchzusetzen:



Beste Grüße aus Wien

Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

Rocco

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4

Montag, 25. Oktober 2004, 15:27

RE: Was ist dran an Karajan ? - Versuch einer Analyse

Hallo Alfred und die anderen,

Herbert von karajan gehört sich zu den umstrittensten Dirigenten des 20. Jahrhundert. Genialität verbanden sich mit einem beinahe schon monströsen Narzissmus. Kein anderer Interpet hat die Klassik-Gemeinde so sehr gespalten und paralysiert wie er.

Seine Aufnahmen, die zu Beginn seiner Karriere bei der DGG und dem BPO standen, zeugen IMHO von einer tiefen Verbundenheit zur deutschen Romantik und Klassik. Unvergessen seine erste Aufnahme der Beethoven-Symphonien.

Für mich war er jedoch eher der Leiter in Regisseur der Salzburger Festspiele, hier konnte er unter seiner künstlerischen Leitung das Ensemble zu Spitzenleistungen anmieren. Überhaupt sind auf dem Gebiet der Oper-Gesamteinspielungen heute noch geltende Referenz-Aufnahmen entstanden: Man denke an den Rosenkavalier aus dem Jahre 1955 mit Elisabeth Schwarzkopf, einem fulminanten Don Carlos mit einer IMHO Traumbesetzung u.a. Carreras und der Baltsa als vielumjumbelte Eboli.

Seine letzte Schaffensperiode war IMHO geprägt von der bizarr wirkenden Arbeit an seinem eigenen Denkmal. Es enstanden unter seiner Regie diese unsäglichen Videos mit Ihm im Mittelpunkt und die Musik war nur noch Mittel zum Zweck. Aufgeblasener Orchesterklang, die Musik untergehend in einem gigantischen Schwulst von Streichern und Blechbläsern (man fühlte sich glatt an Stokowski erinnert).

Allerdings entstand in dieser Zeit auch eine 7.Symphonie von Bruckner, die meiner Meinung nach zu seinem eigenen Vermächtnis geriet. An dieser Aufnahme stimmte fast alles.

Alles in allem eine Persönlichkeit, die sich zweifelsohne Meriten erworben hat aber nicht zuletzt durch seine Egozentrik und zuletzt daraus resultierender künstlerischen Unzulänglichkeit zu einer äußerst umstrittenen Person wurde.
Beste Grüße aus Bonn
Matthias

Ich tu', was meine Pflicht gebeut, doch hass' ich alle Grausamkeit (ROCCO)

Alfred_Schmidt

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5

Mittwoch, 1. Dezember 2004, 11:30

Rocco schrieb:

Zitat

Herbert von karajan gehört sich zu den umstrittensten Dirigenten des 20. Jahrhundert. Genialität verbanden sich mit einem beinahe schon monströsen Narzissmus. Kein anderer Interpet hat die Klassik-Gemeinde so sehr gespalten und paralysiert wie er
.

Hallo Rocco,

Ich antworte vielleicht relativ spät, aber ich wollte abwarten, ob diese 3 Statements irgend jemand anderer kommentieren wollte. Da das bis heute niemand getan hat, tut ich es, vieleiocht ein wenig verspätet, aber ich hab das Thema ein wenig aus den Augen verloren.

1) Karajan war die meiste Zeit seines Lebens in keiner Weise umstritten, er galt bei manchen (wahrscheinlich zu unrecht) als "schwierig", wie die meisten Perfektionisten übrigens, aber künstlerisch gab es, sieht man von den letzten Jahren ab, überhaupt keine Kritik an Karajan, er war einfach Maßstab.

2) Ich würde Karajan (und er sich selbst auch nicht) nicht als "genial" bezeichnen und noch weniger als narzistisch. Introvertiert passt da schon eher. Er hat nur irgendwann erkannt, daß er sein künstlerisches Credo spielend leicht durchsetzen kann, wenn er den Salonlöwen spielt und Kontakte zur Politik knüpft, oder zumindest nicht verhindert.Dem trug er, wenn auch widerwillig, Rechnung. Bevor Karajan die künstlerische Leitung der Wiener Staatsoper übernahm, erklärte er dem zuständigen Minister, daß eine Ära Karajan, des hohen künstlerischen Anspruchs wegen, enorme Summen verschlingen würde.
Ohne riesige Subventionen sähe er sich außerstande jene Qualität zu realisieren, die ihm vorschwebte. Auf Grund seines inzwischen hervorragenden Rufs versprach man ihm, jede
benötigte Summe zu ermöglichen.
Dies war nur denkbar, weil Karajan inszwischen in der Wiener Gesellschaft (und sicher auch in der Berliner) derartig viele einflußreiche Freunde hatte, daß eine Ablehnung undenkbar erschien. Klassische Musik hatte damals einen hohen Stellenwert, teilweise war dies auch tatsächlich Karajan zu verdanken....

3)Erst seit etwa 1980 machte sich Kritik sowohl am Dirigierstil, als auch an seinem Hang zum Elitären bemerkbar. Galt ein elitärer Anspruch bis dato als anstrebenswert, wurde das seit damals eher ungern gesehen und verdammt. Kein Wunder, übrigens wenn man sieht was sich nach Karajan breit machte . :stumm:


Nun eher allgemein. Jene Brüche in diversen Partiuren, die man heute so gerne, nicht nur ausspielt, sondern sogar betont, wurden früher mehrheitlich als Schwächen in der Komposition gesehen, die man dem verwöhnten Publikum nicht zumuten wollte. Demensprechend wurden sie von den meisten Dirigenten "ausgemerzt". Beecham ging dabei soweit, daß er sogar keine kompositorische Retouchen vornahm.
Karajan aber machte das dezent un perfekt, zumindest nach Meinung des damaligen Publikums.

Um Tonaufnahmen von Karajan beurteilen zu können, sollte man einiges über die Ansichten Karajans zu diesem Thema wissen:
Karajan, ein Technikfreak, wie man heute sagen würde, sah in der Tonaufzeichnung (seit Einführung der Stereophonie) nicht etwa die Möglichkeit, ein Konzertereignis naturgetreu festzuhalten, sondern er sah ihn Schallplattenaufnahmen eine neue Kunstform mit völlig neuen ästhetischen Gesetzen. Er meinte, um ein Beispiel zu geben, es wäre für den Durchschnittshörer erstmals möglich, den Klang so zu hören, wie der Dirigent am Pult, zudem noch ohne Störgeräusche durch anwesendes Publikum (Diese Aussage ist schriftlich festgehalten).
Allein diese Aussage zeigt, daß Karajan mit Schallplattenaufnahmen ein anderes Ziel verfolgte, als die meisten anderen. Ob man diesem Ansatz folgen möchte oder nicht, wird jeder individuell entscheiden müssen.

Tatsache ist, daß objektiv gesehen, etliche Einspielungen Karajans noch heute Maßstäbe setzen, jedenfalls in klanglicher Hinsicht, leider war er IMO beim falschen Label, DECCA hätte seinen Klang ädiquater eingefangen.

Beste Grüße aus Wien

Alfred

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peet

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6

Mittwoch, 1. Dezember 2004, 17:14

Zitat

Original von Alfred_Schmidt
Er meinte, um ein Beispiel zu geben, es wäre für den Durchschnittshörer erstmals möglich, den Klang so zu hören, wie der Dirigent am Pult, zudem noch ohne Störgeräusche durch anwesendes Publikum (Diese Aussage ist schriftlich festgehalten).


Dies ist mir neu und ich würde gerne ein Beispiel wissen, wo es tatsächlich möglich ist, diesen "anderen" Klang zu hören. Ich kenne solche Beispiele nicht. Oder war es nur sein Traumwunsch?..

Alfred_Schmidt

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7

Mittwoch, 1. Dezember 2004, 19:14

Peet meinet in Bezug zu Karajans Aussage in Bezug auf Durchhörbarkeit von Aufnahmen.

Zitat

Dies ist mir neu und ich würde gerne ein Beispiel wissen, wo es tatsächlich möglich ist, diesen "anderen" Klang zu hören. Ich kenne solche Beispiele nicht. Oder war es nur sein Traumwunsch?..


Teils, teils, und es hängt natürlich davon ab was man will und wo man im Konzertsaal normalerweise sitzt. Tatsächlich ist eine gut gemachte Studioaufnahme plastischer und analytischer als der Klangbrei der einem im Konzertsaal um die ohren fließ, wenn man nicht einen teureren Platz hat. Dieser Bonus kommt allerding nur mit Kopfhörern der besseren Klasse zum Tagen, vieleicht auch mit elektrostatischen Lautsprechern.

Zudem ist es wie schon gesagt eine Geschmacksfrage und eine Gewöhnungssache.Ich erinnere mich als ich Hermann Prey mit der "Winterreise" live im Wiener Musikverein hörte, daß ich ein wenig enttäuscht war: Auf meiner Schallplatte klang die Stimme sonorer, man hatte "geschönt".

Gruß aus Wien
Alfred

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reklov29

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8

Donnerstag, 2. Dezember 2004, 01:46

Was ist dran an Karajan ? - Versuch einer Analyse

Hallo Karajan-Enthusiasten im Forum,

wie ist der Karajan-Mythos aus heutiger Sicht zu beurteilen?
An dem Beispiel der Berliner Philharmoniker -seit ihrer Gründung bis zur Gegenwart- möchte ich einmal folgendes zur Diskussion stellen:

Den ersten Posten als Chef-Dirigent der B-Philharmoniker übernahm 1887 Hans von Bülow .Als Orchester-Erzieher par excellence, Interpret von höchstem Format, verlangte eiserne Disziplin, völlige Unterwerfung hinsichtlich der vorgegebenen Phrasierung.... Artikulation... Bogenführung...etc. Gelangte mit den B-Philharmonikern zu Weltruhm. Nach 5 Jahren Abdankung. Danach blankes Entsetzen, kein Nachfolger in Sicht.....

Es kam sah und siegte... Arthur Nikisch.... anders als Bülow mit seinen Eigenschaften, nun ein ruhiger
Grandseigneur mit sparsamen eleganten Bewegungen.... dem es um große melodische Bögen, Klangfülle
und Klangfarben ging, warme und in der Weichheit neigenden Ton. Er verzückte und verzauberte das
Publikum. Nach 25 jähriger Tätigkeit verstarb der große Zauberer... Ratlosigkeit.. Bestürzung herrschte vor, es wird nimmer seinesgleichen geben.....

Es kam der für alle Größte Dirigent der Neuzeit ..mit gerade 36 Jahren: Wilhelm Furtwängler.
Schon in jungen Jahren von der Musik tief ergriffen, näherte er sich den Meistern mit einer Ehrfurcht
sondergleichen. Wichtig war ihm, die Seele eines Werkes offenzulegen, ohne dass dies auf Kosten von
Form und Struktur geschah. Man sprach von einer Neugeburt eines spontanen Erlebnisses..........
Sein Tod im November 1954 löste wiederum überall Trauer und Bestürzung aus, es kam fast dazu, das
B-Philharmonische Orchester aufzulösen mit der Begründung, es ließe sich kein würdiger Nachfolger finden.....

Wer trat die Nachfolge 1954 an: der größte Maestro der Neuzeit, 46 jährig... Herbert von Karajan.
Mit einer triumphalen USA-Reise zurückkehrend am Anfang seiner Karriere als Chef der B-Philharmoniker... unter welchen Schwierigkeiten hatten er es endlich zu dieser Position geschafft.
Als Jungdirigent sich bemüht um eine Anstellung ohne Befürworter nach seinem Rauswurf in Ulm, tingelte durch Deutschland wurde zu keinem Probedirigat eingeladen. Hier kann Aachen als Glücksfall in seiner Entwicklung angesehen werden. Aus dieser Situation geprägt, entwickelte sich für Karajahn eine
latente Unsicherheit.....und das Gefühl, auf sich alleine angewiesen zu sein.
Aus dieser Sicht wahrscheinlich seine Kühle und Unnahbarkeit herrührend.

Seine phänomenale Ausstrahlungskraft bewirkte Wunder nicht nur im Orchester und beim Publikum auch
er geriet ohne sein Zutun in die Bestimmung.... Karajan zu sein, was er bis zur Neige auskostete.
Auch wenn seine Interpretationen nicht immer Zustimmung fanden, wurde er gefeiert.Der Dank
galt einem genialen Dirigenten, der stets Außergewöhnlches leistete an orchestraler Virituosität und
des Ensemble-Spiels.

Widersprüchlich zum Teil in der Darbietungsform, persönlich habe ich ihn 1962 in der Kieler Ostseehalle
erlebt mit einem Beethoven-Konzert... eine riesige Halle mit 10.000 Zuhörern..... eine Akustik von
der übelsten Ausrichtung... aber das Innere gebannt zuhörend, mit welch einer Leichtigkeit
und Präzision er das Orchester führte... direkt faszinierend und fesselnd seine Einnehmende Art.....
man spürte die Kälte der Halle nicht mehr sondern schaute gebannt auf das Dargebotene........

Aus Sicht der Historie "Berliner Philharmoniker", ein weiterer Meilenstein eines ungewöhnlichen Dirigenten in der Nachfolge.
Zu den oben zitierten Vorgängern, alle mit persönlichen künstlerischen fast übernormalen Fähigkeiten
ausgestattet und zu Weltruhm gelangt..., erstrahlt ein Fixstern in der Historie unangefochten:

"Herbert von Karajan".

Grüße an die Karajan-Freunde
reklov29


Bach ist so vielfältig, sein Schatten ist ziemlich lang. Er inspirierte Musiker von Mozart bis Strawinsky. Er ist universal ,ich glaube Bach ist der Komponist der Zukunft.
Zitat: J.E.G.

walter

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9

Donnerstag, 2. Dezember 2004, 11:39

Zitat

hier noch ein Hinweis, welchem Dirigenten die Deutsche Grammophon noch am ehesten zutraut, das IMO von den Konsumenten ungeliebte Format SACD durchzusetzen:


Hallo Alfred,

das Format ist absolut nicht unbeliebt bei Konsumenten. Erstmals haben wir ein Format auf das ein altes Masterband passt. Die Living Stereos und einige Mercurys sind tatsächlich besser als die LPs (wenn der Player es zulässt).

Warum Universal ausgerechnet die dünn klingenden Grammophöner anstatt legendärer Deccas als SACD rausbrachte, wird mir ein ewiges Rätsel bleiben. Dem typischen Karajan Kunden ist der Klang salopp gesagt scheissegal (ich habe einige Jahre Klassik-Schallplatten verkauft).

Zitat

Tatsächlich ist eine gut gemachte Studioaufnahme plastischer und analytischer als der Klangbrei der einem im Konzertsaal um die ohren fließ, wenn man nicht einen teureren Platz hat. Dieser Bonus kommt allerding nur mit Kopfhörern der besseren Klasse zum Tagen, vieleicht auch mit elektrostatischen Lautsprechern.


Alfred, tut mir leid, aber das ist schlichtweg Blödsinn.
Du wirst doch wohl nicht behaupten, dass heutige Kasperletheater-Aufnahmen wo der komplette Klangkörper zerrissen ist und der Hintergrund wie 'ne Leerstelle klingt auch nur annähernd das Live-Erlebnis - egal auf welchem Platz - ersetzen können. Da ziehe ich sogar noch eine Schützenvereinskapelle im Spass-Zelt vor.

Und die Nummer mit elektrostatischen Lautsprechern, die in der Regel kein Fundament können (habe selbst jahrelang einen Quad ESL63 gehabt) kannst Du allenfalls als Vermutung aber nicht als Tatsache hinstellen. Und 'n Cello übern Kopfhörer? Da fehlt das Kribbeln auf der Haut.

Selbst alte Aufnahmen werden kaputtgemastert. Ich habe grad einige remasterte Melodiyas gehört wo die ursprünglichen Aufnahmen wirklich in Ordnung waren - dynamikkomprimiert und entrauscht. Das ist keine Musik mehr, sondern Krach. Ausserdem kaufte ich Martinus "Jazz Suite" und "Gigamesch" auf Supraphon - beide entrauscht und komprimiert. Bei Gigamesch ist die komplette Raumakustik ruiniert, was grad' bei Chormusik stark stört.

Diese Machenschaften lassen natürlich jedes hochauflösendes Format mehr als fragwürdig erscheinen.

Zitat

Tatsache ist, daß objektiv gesehen, etliche Einspielungen Karajans noch heute Maßstäbe setzen, jedenfalls in klanglicher Hinsicht, leider war er IMO beim falschen Label, DECCA hätte seinen Klang ädiquater eingefangen.


Das kann man ja bei der Bohéme hören.

Grüsse
Walter

peet

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10

Donnerstag, 2. Dezember 2004, 16:28

@ Alfred & walter

Ich habe es immer noch nicht verstanden: Gibt es (wenigstens) ein Beispiel für die Aufnahmeausrichtung Karajans, die oben zitiert wurde?

Gruß

Oliver

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Registrierungsdatum: 3. Dezember 2004

11

Freitag, 10. Dezember 2004, 23:49

Hallo,

in meiner Studentenzeit habe ich mich in Beethovens Sinfonien eingehört. Und da ich keine Ahnung hatte und mit Karajan einen guten Ruf verband, sind es 'voila' die 80er Jahre Aufnahmen geworden....

Ich finde, daß die dritte und neunte Symphonie dieses Zyklus' extrem gut gelungen sind. (Im jugendlichen Überschwung habe ich meinem Opa gegenüber die 9.te als die beste Musik überhaupt deklariert)

Weitere Karajan-Aufhahmen die mir gefallen:

- Mozarts Requiem (mit Jose van Dam)
- Salome von 1978, diese Aufnahme mit ihren extremen Tempowechseln ist denkwürdig.

Gruß,
Oliver

Oliver

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Registrierungsdatum: 3. Dezember 2004

12

Mittwoch, 15. Dezember 2004, 20:19

Zitat

Original von Oliver
...Salome von 1978, diese Aufnahme mit ihren extremen Tempowechseln...


Wieso Tempowechsel? Ich meinte Lautstärke-Unterschiede in der Aufnahme :)

Gruß,
Oliver

teleton

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Registrierungsdatum: 10. Dezember 2004

13

Montag, 20. Dezember 2004, 11:26

RE: Was ist dran an Karajan ? - Versuch einer Analyse

Liebe Karajan-Freunde und solche die es werden sollten !

Warum holt man sich Klassikeinspielungen mit H.v.Karajan ? Weil man mit diesen Aufnahmen rundum zufrieden sein kann. In meinem bisherigen Werdegang ist es mir schon zahlreiche male passiert, das ich klass.Werkreihen mit verschiedenen Dirigenten kennengelert habe und dann bei Karajan das große positive AHA-Erlebnis kam.

;) 1. Die Bruckner-Sinfonien hatte ich auf LP mit Jochum kennen und lieben gelernt. Als ich dann auf CD die Karajan/BerlinerPH-Gesamtaufnahme bekam war ich begeisert, was man noch aus den Werken herauszuholen vermag und das bei größter Spannung.
;) 2. Die Beethoven-Sinfonien habe ich mir auf Grund von Empfehlungen und Kritiken in mehreren Aufnahmen angehört und gekauft. Der Karajan-Beethoven auf CD (70er-Jahre-DG-Aufnahme) ist mir die liebste Aufnahme. Habe auch alle Sinf. mit Solti und Bernstein, die ich ebenfalls schätze.
;) 3. Die letzten Schubert-Sinfonien hatte ich mit Jochum. So richtigen Zugang konnte ich zur "langatmigen"9ten nie finden. Erst Karajan hat mir gezeigt wie man von der 1.bis 9.Sinfonie einen interessanten Schubert dirigieren kann.
;) 4. Die Sibelius-Sinfonien Nr.4-7 auf DG sind Jahrhundertaufnahmen mit Karajan. Nur Ashkenazy hat die ersten drei auf Decca besser hin bekommen, als Karajan auf den umstrittenen EMI-Aufnahmen.
;) 5. Von Brahms-Sinfonien habe ich nur die Erste mit den WienerPH auf Decca-eine Wahnsinnsinterpretation. Aber auch mit Karajan wäre ich voll zufrieden,( wenn da nicht die Solti-Aufnahme wäre.)
;) 6. Die Mendelssohn-Sinfonien mag ich mit Karajan sehr. Erst diese Aufnahme hat mich zu Mendelssohn aufhorchen lassen. Einen ähnlichen Interpretationsansatz verfolgt Dohnanyi bei der 3.+4.Sinfonie.
;) 7. Die Schumann-Sinfonie Nr.3 ist mit Karajan ein Traum. Alle Sinfonien hatte ich auf LP. Die Anderen hätte ich mir auch noch auf CD geholt, wenn nicht die Bernstein/WienerPH-DG-Gesamtaufnahme auf CD mich ebenfalls voll zufriedengestellt hätte.
;) 8. Richard Strauß-alle Tondichtungen: Alles was mir bisher mit Karajan auf den Platten oder CD-Teller gekommen ist war fantastisch. Ich kenne keine ergreifendere Einspielung von TodundVerklärung als die alte Decca-Aufnahme(1960) mit Karajan, auch wenn sie etwas rauscht.
;) 9. Die Tschaikowsky-Sinfonien sind mit Karajan erste Wahl. Auch wenn ich die 5.und 6.mit Solti sehr gerne höre, so bleibt mein Herz bei der Pathetique bei der 60er-Jahre-DG-Aufnahme mit Karajan. Die ersten drei Sinfonien hatte ich mit versch.russ.Dirigenten; erst Karajan vermag es, die etwas ungeschickt komponierten Werke in dem Maße aufzupolieren, das große Meisterwerke über den Lautsprecher tönen.

Die wichtigsten habe ich genannt, ich könnte noch weitere nennen.
Gruß aus Bonn
Wolfgang
Gruß aus Bonn, Wolfgang

Gerrit_Stolte

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14

Montag, 20. Dezember 2004, 12:23

RE: Was ist dran an Karajan ? - Versuch einer Analyse

Zitat

Original von teleton
Die wichtigsten habe ich genannt, ich könnte noch weitere nennen.
Gruß aus Bonn
Wolfgang


Glaube ich gern :P Alles andere, was er aufgenommen hat? :D Im Ernst, da frage ich mich wirklich, warum es überhaupt andere Aufnahmen gibt. Es scheint ihn also doch zu geben, den "Immer-gut-Dirigenten". Nur zu ein paar Einzelnennungen: Mit Beethoven bin ich d'accord, bei Bruckner und Siblius muss ich - verzeih' mir - verwundert die Augen/Ohren reiben. Abgesehen von der 8. und mit Abstrichen der 7. hat Karajan kein Gefühl für AB. Und dass Karajans insgesamt eher durchschnittlischer Siblius im Vergleich zu Ashkenazy (oder auch den Bosten-Aufnahmen von C. Davis) wie ein heller Stern erstrahlt, ist auch kein Wunder. Aber da gibt es immer noch eine Handvoll überzeugendere Gesamteinspielungen (Sanderling um nur ein Beispiel zu nennen). Strauss ist wirklich sehr empfehlenswert, aber da sind Leute wie Böhm, Karajan und vor allem Kempe und Reiner wahrlich auch keine Leichtgewichte. Und Tchaikovsky? Na ja, Geschmäcker sind bekanntlich verschieden, aber Markevitch, Mravinsky treffen den slawischen Ton einfach besser in dieser Musik.

Karajan hat sehr viele gute Aufnahmen gemacht (vor allem Oper), aber er hat auf oft daneben gelegen - wie viele andere Dirigenten auch. Was ihn von vielen positiv abhebt, ist die Fähigkeit einen erkennbaren Klang zu erzeugen, ein Orchester dazu zu bringen, seine eigenen Klangvorstellungen umzusetzen.
Gruß,
Gerrit

Norbert

Moderator

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15

Montag, 20. Dezember 2004, 22:12

RE: Was ist dran an Karajan ? - Versuch einer Analyse

Zitat

Original von Thorsten_Mueller
Nur zu ein paar Einzelnennungen: Mit Beethoven bin ich d'accord, bei Bruckner und Siblius muss ich - verzeih' mir - verwundert die Augen/Ohren reiben. Abgesehen von der 8. und mit Abstrichen der 7. hat Karajan kein Gefühl für AB.


Hat er nicht?
Auch wenn ich fernab davon bin, irgend einen "Glaubenskrieg" pro oder kontra Karajan vom Stab brechen zu wollen, denke ich, daß ich der pauschalen Aussage so nicht zustimmen möchte.

Mir persönlich sind Karajans Darstellungen der 3. und 4. Sinfonie beispielsweise zu sehr auf Schönklang und knallige Effekte getrimmt, aber was er zu den Sinfonien 6-9 zu sagen hat, ist imo absolut konkurrenzfähig bis (fast schon) sensationell.
Besonders die "Abstriche" bei der Sinfonie 7 kann ich nicht erkennen. Mit seiner letzten Aufnahme hat Karajan für mich sehr wohl gezeigt, daß er Bruckners Tonsprache verstand und in der Lage war umzusetzen. Bei aller Klangschönheit gelingt es ihm, die großen Bögen zu spannen und dabei die vielen schönen Details der Partitur nicht zu vernachlässigen.

Es muß ja nicht jeder meine Sichtweise teilen, aber in der Absolutheit, mit der Du Deine Worte schreibst, wollte ich sie dann doch nicht stehen lassen... ;)
Grüße aus der Nähe von Hamburg

Norbert

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Gerrit_Stolte

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16

Montag, 20. Dezember 2004, 22:29

RE: Was ist dran an Karajan ? - Versuch einer Analyse

Zitat

Original von Norbert
Es muß ja nicht jeder meine Sichtweise teilen, aber in der Absolutheit, mit der Du Deine Worte schreibst, wollte ich sie dann doch nicht stehen lassen... ;)


Kein Problem, aber im Vergleich zu teletons "across-the-board"-Lob (er hat ja noch mehr angedroht :stumm: ) fast aller Karajan-Einspielungen kam ich mir eigentlich noch recht ausgewogen vor :D
Gruß,
Gerrit

Alfred_Schmidt

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17

Dienstag, 21. Dezember 2004, 04:32

Na endlich,

Karajan polarisiert, das ist klar.

Tatsächlich war er zu Lebzeiten so etwas wie eine unantastbare Person.
Ich selbst, war in meiner jugend kein Karajan-Verehrer. Meine Dirigenten-Götter waren Karl Böhm und Eugen Jochum.
Karajan war mir zuuu erfolgreich. Aber natürlich hatte ich Schallplatten, und später CDs von ihm, er war ja allgegenwärtig....

Erst in den letzten Jahrenl, seit er tot ist und es leicht ist ihn "anzugreifen" habe ich begonnen mich ernsthaft mit ihm zu beschäftigen. (Wie gut muß dieser Mann gewesen sein, daß er heute 15 Jahre nach seinem Tod noch so viele Feinde hat ???)

Ich habe einige Bücher über ihn gelesen und plötzlich ein ganz anderes Bild von ihm bekommen. Ich sehe ihn als eher introvertierten Menschen, der jedoch gleichzeitig auch Perfektionist war. Als er erkannte daß "die High Society" für seine musikalischen Vorhaben von eminenter Wichtigkeit war, begann er ihre Spielregeln zu akzeptieren.
Und seinem Wesen entsprechend, tat er dies perfekt, wie fast alles.

Daß seine Strategie richtig war, kann man erkennen, wenn man seine Karriere mit der seines Bruders, Wolfgang von Karajan vergleicht, der sich der alten Musik verschrieben hatte, und den heute kaum noch jemand kennt. (Ich erinnere mich an ein sehr interessantes Konzert mit Wolfgang und Hedi von Karajan und ihrer kleinen Formation)

Karajan tat das richtige zur Richtigen Zeit.

Nun aber zu den letzten Aussagen von Wolfgang, Gerrit und Norbert:

Die Karajan-Aufnahme der Beethoven Sinfonien aus den 70ern ist ausgezeichnet, am spontansten ist sicher jene von ca 1960.
Aber das sind eher Nuancen, Karajan bot einen Beethoven, der auf der Höhe der Zeit war und von dem (das sollte man nicht vergessen) Publikum und Kritik gleichermaßen hingerissen war......
Schönklang galt zu Karajans Blüte als anstrebenswert.....

Schubert ist sicher keine Spezialität von Karajan, aber natürlich schlägt er sich auch in solchen Fällen achtbar....

Über von Karajan dirigierten Sibelius habe ich bis dato nur gutes gehört, sowohl vom Hören als auch vom Sagen.

Als Mozart-Dirigent mochte ich ihn nicht, obwohl er auch da seine Anhänger hatte. Aber natürlich wußte auch Karajan, daß Böhm hier der erste Mann war, und holte in immer wieder nach Salzburg.....

Beste Grüße aus Wien

Alfred

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Oliver

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18

Sonntag, 26. Dezember 2004, 22:02

Hallo,

hier wird ja eine richtige Materialschlacht vollzogen! Da kann ich nicht mithalten...Aber: Benötigt es soviel Material um die Qualität eines Dirigenten zu 'beweisen'?

Karajan dix points.....Böhm neuf points....

Gähn...

Was Karajan und andere schlecht gemacht haben? Wen interessierts? Was sie lala gemacht haben? Wen interessierts?

Was sie exzeptionell gut gemacht haben, jeder für sich in 'seinem' Genre. Das zählt.

Ich halte die Karajansche Salome für überragend. Deshalb ist K. für mich ein guter Dirigent. So einfach ist das :)

Gruß,
Oliver

Alfred_Schmidt

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19

Sonntag, 26. Dezember 2004, 22:23

Hallo Oliver,

du nimmst das Ganz zu ernst, oder Du bermutest, daß wir das zu ernst nehmen.

Ich glaube. das ist aber nicht so.
Was allerdings Tatsache ist, ist, daß Karajan Zeit seines Lebens mehr oder weniger sakrosankt war, ein Umstand der ihm viele Feiled eingetragen hat, und jene die ihn überlebten rächen sich nun.

Das ist verständlich, tolerierbar ist es indes (aus meiner Sicht) nicht.
Wenn man die Beurteilungen seiner Beethoven Sinfonien Gesamtaufnahmen im Laufe der Jahre hernimmt und vergleicht, dann weiß man was ich meine.


Materialschlachten im Musikbereich waren schom immer eine Domäne österreichischer Theater- und Konzertmacher, so wurde etwa vor 30 Jahren kolportiert, die Wiener Staatsoper mache pro Abend einen Verlust von etwa 1 Million Mark. Ein Deutsches Klassikmagazin schrieb jedoch, es wären pro Abend ca 100.000 DM, einfach deshalb, weil sie die echte Zahl für eine Fehlinformation hielten, sie konnten das einfach nicht nachvollziehen, wie viel Geld wir für Perfektion verschwenden.

Und hier wieder der Bogen zu Karajan: Als Karajan dereinst die künstlerische Leitung der Wiener Staatsoper übernahm verlangte er vom zuständigen Minister vor allem drei Dinge: Geld, Geld und wieder Geld. :D

Selbstverständlich war das kein Problem.......


Beste Grüße aus Wien

Alfred

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Norbert

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20

Donnerstag, 7. April 2005, 00:29

*staubwegpust* ;)

Anläßlich dieser Aufnahme, die ich mir vorgestern zulegte, noch ein paar Gedanken zu Karajan:



Ich habe ein recht ambivalentes Verhältnis zu HvK. Seine frühen Stereo-Aufnahmen gefallen mir zum Teil sehr gut, weil dort der "Karajansche Schönklang" noch nicht so ausgeprägt war.
Insbesondere dieser verleidet mir manche Aufnahme aus den 70 ern, weil dort der "dicke, plakative Pinsel" geschwungen wurde.

Aber was Karajan in der DDD-Ära (also seitdem die CD auf dem Markt ist), an Aufnahmen hervorbrachte, ist aller Ehren wert und kennzeichnet ihn imo als herausragende Dirigenten-Persönlichkeit (Einschränkung: Seinen Beethoven-Sinfonien-Zyklus kenne ich nicht).

Karajans letzte Aufnahme, die 7. Sinfonie Bruckners, ist zu Recht immer wieder viel gelobt worden.



Aber auch die Aufnahme der 8. verdient höchstes Lob.
Karajan hat einerseits den "großen" Atem für die riesigen Klanggebirge, die Bruckner entwirft, legt aber andererseits auch die Binnenstruktur der Musik offen. Viele Details sind bei Karajan hörbar, die man bei wenigen Dirigenten vernehmen kann.

Außerdem läßt er die Wiener Philharmoniker in beiden Bruckner-Aufnahmen so spielen, als seien sie tatsächlich das "beste Orchester der Welt" (ja, ich bin mir der Tragweite dieser Aussage bewußt ;) :D ).
Grüße aus der Nähe von Hamburg

Norbert

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21

Donnerstag, 7. April 2005, 03:59

Hallo Norbert,

Das trifft sich gut, daß Du von diesem Thread den Staub weggepustet hast, (Obwohl ja auf Festplatten bekanntlich systembedingt wenig Staub ist :D, aber schaden kann ja nie) weil ich hatt sowieso vor einige Worte zu Karajan zu sagen, was sich aus den Threads der letzten Tage ergab.

Aber zuerst zum etwas weichen verwaschenen Klang der siebziger. Nach meinem Ermessen ist der nicht auf Karajan zurückzuzführen , sonder auf die Tontechnik.Auch viele Abbado-Aufnahmen dieser Zeit klingen so.

Zur Digitalaufnahme der Beethoven Sinfonien: Auch sie empfand ich als weniger räumlich, als jene von 1961. Dazu kam, daß man sich ja was Besonderes erwartet hatte - und in dieser Hinsicht wurde man enttäuscht, es war ein erneuter Aufguß, das Spontane, was den Reiz der aufname aus den 60ern ausmachte, war der Routine gewichen.
Dennoch ist die Aufnahme besser als ihr Ruf.

Und ohne daß ich es beabsichtigte hab ich jetz gleich den Bogen zu jenem Thema gefunden, das mir eigentlicham Herzen liegt:

"Schlechte" Karajan-Aufnahmen

Immer wieder lesen Neulinge, wie schlecht Herbert von Karajan eigentlich Mozart dirigiert habe, was er Vivaldi und Bach angetan habe, wie wenig er von Sibelius verstünde und daß er keinen Zugamg zu Haydn, Mozart und Schubert hätte.

Dann hören sie so eine Karajan-Aufnahme und stellen fest: Die ist doch sowieso gut, warum wurde die von allen schlechtgeredet ??

Die Anwort ist sicher mehrschichtig.

Der erste Grund ist: Von Karajan wird besonderes erwartet, galt er doch zu Lebzeiten als "der" Dirigent schlechthin. Da werden besondere Maßstäbe angelegt.

Dazu kommt, daß Karajan seine Große Zeit VOR HIP hatte, auf historisierende Wiedergabe wurde kein Wert gelegt.
Vivaldis Jahreszeiten mit relativ Großem Orchester scheint vielen
heute unerträglich, als Karajan das aufnahm, war es das nicht.

Aber auch wo Karajan von "Spezialisten" zweifellos übertroffen wird ist er nicht eigentlich schlecht. Hätte man ihm gesagt, sein Bach währe historisch nicht korrekt, so hätte er wahrscheinlich geantwortet: Das weiß ich, aber schließlich leben wir im 20. Jahrhundert...

Natürlich war Karajan kein Mozart-Spezialist, hier hatte Böhm eindeutig die Nase vorn. Mozart (jemand hat schon ganz richtig geschrieben: ausgenommen Oper) lag Karajan nicht besonders. Dennoch - Er meisterte auch solche Interpretationen handwerklich gediegen. Es wäre verfehlt von "schlecht" zu spreche, allenfalls von "mittelmäßig"

Für den Einsteiger jedoch ohne Einschränkung zu empfehlen.

Beste Grüße aus Wien

Alfred

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22

Donnerstag, 7. April 2005, 08:25

Hallo zusammen,

ich finde auch immer mehr Gefallen an Karajan. Mit dem späten Beethovenzyklus tue ich mich allerdings schwer, vor allem die Aufnahmequalität ist teils enttäuschend und trägt Ihren Teil dazu bei, das Ganze schwülstig und schwer klingen zu lassen.
Viele späte Aufnahmen und vor allem die frühen (sein Beethoven, der Ring, viele Opern) begeistern mich.

Ich möchte aber noch eine Lanze für Ihn brechen als Interpret der Zweiten Wiener Schule, im speziellen für diese Aufnahme:



Karajan´scher Schönklang im besten Sinne: Kein dickliches Pinselgeschmiere sondern eher rafinierte Al Fresco Malerei (schreibt man das so ? :D) Vor allem die Passacaglia ist hervorragend, auch aufnahmetechnisch gut.
Gruß
Anti

ThomasBernhard

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23

Donnerstag, 7. April 2005, 11:06

de mortuis nihil nisi bene ?

@alfred

Zitat


"Schlechte" Karajan-Aufnahmen


Hallo,

mit Karajan kann ich mittlerweile sehr gut leben. Ich weiß um seine problematischen Seiten und schätze möglichst unvoreingenommen all seine großartigen Aufnahmen, zum Beispiel die lebendigen Opernaufnahmen seit 1953 (EMI) und vieles vieles andere. Sogar Vivaldis Jahreszeiten mit AS Mutter (EMI) finde ich wahrlich nicht "schlimm" (Kategorie Durchscnitt).
Insgesamt würde ich sagen ist ein Drittel seiner Aufnahmen hervorragend, ein Drittel durchaus kaufenswerter Durchschnitt und das letzte Drittel tendiert in Richtung Müll.
Wollen wir ein bisschen unstreitig miese Aufnahmen sammeln??
Daß dieses Mozartrequiem mit und nicht nur wegen Wilma Lipp unerträglich ist, sagte ich schon an anderer Stelle :evil:




damit ich auch wirklich nur die allerschlechtesten Aufnahmen zusammentrage, muß ich mich zur Beratung zurückziehen.
Gruß, Markus
Frauen und Kinder zuerst

good night and good luck

thomasbernhards-1[ätttttt]yahoo[punkt]de

Norbert

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24

Donnerstag, 7. April 2005, 11:23

Zitat

Original von Alfred_Schmidt

Aber zuerst zum etwas weichen verwaschenen Klang der siebziger. Nach meinem Ermessen ist der nicht auf Karajan zurückzuzführen , sonder auf die Tontechnik.Auch viele Abbado-Aufnahmen dieser Zeit klingen so.



Hallo Alfred,

sicherlich mag auch der "Zeitgeist" der Aufnahmetechnik mit eine Rolle spielen für ein bestimmtes Karajan-(Klang)Bild, aber das scheint mir als Begründung zu einfach.

Karajan hat Anfang der 70er Bruckners 4. für die EMI aufgenommen und Ende der 70er für die Deutsche Grammophon.

Das Ergebnis ist bei beiden Aufnahmen identisch: Eine knallige, plakative Aufnahme, die sich weniger um die Binnenstruktur der Musik kümmert, sondern eher um vordergründige (ibs. Bläser-) Effekte.

Anders bei den beiden oben beschriebenen Bruckner-Aufnahmen und z.B. auch bei Bruckners 6. (1980 analog aufgenommen). Hier läßt HvK die Musik selbst wirken, setzt nicht auf vordergründigen Schönklang, und selbst das berühmt-berüchtigte knallige "Karajan-Tutti" ist nicht mehr vorhanden.

Mir scheint, daß bei Karajan ein Umdenkprozeß eingesetzt hat, ob aus Gründen des Zeitgeists oder eventuell aufgrund seiner größer werdenden Leiden sei dahin gestellt. Mich jedenfalls freut es außerordentlich, daß der "späte Karajan" sehr viele schöne Aufnahmen hinterlassen hat (neben Bruckner seien Holst, "The Planets" oder Strauss genannt).
Grüße aus der Nähe von Hamburg

Norbert

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Rienzi

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25

Freitag, 8. April 2005, 19:21

Karajan als Marketing-Genie

Die Aufnahmen, Konzerte haben meine lieben Taminos schon ausführlich gewürdigt, bzw. verdammt.

Noch nicht entsprechend betrachtet wurde Karajan als Marketing-Genie und als beinharter Kaufmann. Das war bei ihm sicher eine große Triebfedern seines Tuns.
Wie sagte doch ein englischer Komponist (ich weiß blöderweise nicht welcher, zum Nachschlagen bin ich zu faul):
"Mit Bankdirektoren redet man über die Musik, mit Musikern über das Geld".

Nun, mein Faible für HvK ist kein mächtiges. Er war für mich so der Universalist der Musikgeschichte, von Bach bis Webern alles durchdirigiert. Am besten gefallen mir einige Opern-Aufnahmen (Boheme, Falstaff, Don Carlos, Rosenkavalier, Troubadour z.B.), von den Konzertaufnahmen "sein" Heldenleben (vielleicht weil ich es auch leibhaftig genießen durfte), Tschaikowsky-Sinfonien, etc.
Otto Rehhagel: "Mal verliert man und mal gewinnen die anderen".
(aus "Sprechen Sie Fußball?")

Theophilus

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26

Samstag, 9. April 2005, 23:28

RE: Karajan als Marketing-Genie

Hallo Rienzi

Da sind ein paar interessante Gedanken dabei:

Zitat

Noch nicht entsprechend betrachtet wurde Karajan als Marketing-Genie und als beinharter Kaufmann. Das war bei ihm sicher eine große Triebfedern seines Tuns.

Der Gedanke ist richtig, aber ich glaube, die Formulierung ist falsch. Man kann Karajan nicht auf einen genialen Manager reduzieren, der zufällig auch gute Musik gemacht hat. Er war der große Musiker, der seine zusätzlichen Qualitäten voll ausgenutzt hat, um seine künstlerischen Ziele zu verfolgen und zu realisieren. Die Kombination war es, die ihn fast einzigartig machte.


Zitat

Er war für mich so der Universalist der Musikgeschichte, von Bach bis Webern alles durchdirigiert.

Jein. Herbert von Karajan hatte ein Grundrepertoire, das die Wiener Klassik und Teile der Romantik umfasste. Das hat er sozusagen jahraus jahrein gespielt. Sein Opernrepertoire war zeitlich etwas weiter gespannt. Das war insgesamt ein durchaus großes, aber kein überwältigendes Repertoire.
Fast alles andere aus seinem Riesenrepertoire wurde quasi in Blockveranstaltungen verarbeitet. Er hatte Bach am Programm, ihn eine Zeit lang studiert und gespielt und ihn dann ad acta gelegt. Er hat die Elektra studiert, sie einen fulminanten Festspielsommer lang in Salzburg dirigiert und sie dann nie wieder aufgeführt (davon gibt es nur einen Live-Mitschnitt der Premiere mit Astrid Varnay)! Fast das Gleiche bei Boris Godunov (davon haben wir aber auch eine schöne Einspielung). Einige Jahre später glaubt er, er solle sich mit "Pelléas und Melisande" beschäftigen. Das Ergebnis ist eine Einspielung, die die damals aktuelle Referenz von Pierre Boulez ziemlich blass aussehen lässt (und das bei einer zwar wichtigen Oper, die aber dennoch nur Randrepertoire ist und bevorzugt von Speuialisten dirigiert wurde und wird). Und die Webern-Platte passt wiederum genau ins Schema.
Das ist eigentlich nicht die Vorgehensweise eines "Generalisten". Er hat nicht immer alles gespielt, nein. Er war in der Lage, sich mit einem Werk eine Zeit lang intensiv zu beschäftigen und dann hochwertige Aufführungen abzuliefern, ohne ein Spezialist auf dem Gebiete zu sein. So gesehen auch ein positives Mosaiksteinchen im Bild des Großmeisters Karajan.

Ciao

Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!

Joseph II.

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27

Montag, 25. April 2005, 15:51

Welche sind die besten Karajan-Aufnahmen?

Herbert von Karajan (1908—1989)
Die Referenzaufnahmen




Welche Aufnahmen des umstrittenen Genies sind eurer Meinung nach die allerbesten?

V.a. würde mich eure Meinung bzgl. der 9 Sinfonien von Beethoven sowie Don Carlos und Messa da Requiem von Verdi interessieren.


Vielen Dank schon mal

Yo el Rey
»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

Frank Georg Bechyna

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28

Montag, 25. April 2005, 16:25

RE: Welche sind die besten Karajan-Aufnahmen?

Lieber Felipe ,
meine persönlichen Favoriten sind :
Brahms Violinkonzert mit Christian Ferras
Brahms: 3. Symphonie , F-Dur
Brahms : 2. KK, B-Dur, mit Geza Anda
der erste Beethoven-Zyklus ( ausser der Pastorale ! )
Brahms : ein Deutsches Rquiem mit Schwartzkopf und Hotter
Verdi: Il Trovatore - live - Corelli, L Price , Simionato, Bastianini (DG;Salzburg)
Verdi: Don Carlos : Freni , Carreras (EMI )
Wagner : Meistersinger von Nürnberg mit Otto Edelmann (EMI)
Wagner : Tristan und Isolde mit Mödl
Rachmaninov: 2. KK, c-Moll, mit Alexis Weissenberg
Beste Grüsse
Frank Georg Bechyna
Frank Georg Bechyna
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Norbert

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29

Montag, 25. April 2005, 17:34

Hallo Felipe II

Da wir schon einen Karajan-Thread besitzen, habe ich mir erlaubt, Deine Frage (und Frank Georgs Antwort) einzufügen.

Gruß,

Norbert
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Frank Georg Bechyna

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30

Montag, 25. April 2005, 20:00

Lieber Uwe ,
da Du zwei Opern an den Anfang stellst , möchte ich diese Musikgattung um Karajans folgende Aufnahmen ergänzen :
Tristan und Isolde mit Mödl und Vickers
Meistersinger von Nürnberg mit dem jungen Otto Edelmann, Hopof, Schwartzkopf etc.
Don Carlos mit carreras , Cappuccilli, Freni
Wagners "Ring"
Verdis "Trovatore" mit Corelli, Bastianini, L Price -live -;
bei den Symphonien
1. die frühen Beethoven-Symphonien ( ausser der "PAstorale" ; das bleibt grauusam )
2. sein früher Brahms
3. seine Mendelssohn-Symphonien 3 und 4 ( besser hat die niemand dirigiert )
4. sein völlig unterschätzter Tschaikowsky . Karajan hatte ein unglaubliches Gespür für die slawisch-russische Seele ,. Daher ist ihm auch mit Alexis Weissenberg das c-Moll-KLavierkonzert von Rachmaninov so ausserordentlich faszinierend gelungen und das
Brahms -, Beethoven- und Tschaikowsky-Violinkonzert mit dem phaenomenalen Christian Ferras sind Refernzaufnahmen !
Hervorzuheben ist , dass KvK imnmer junge KünstlerInnen ausserordentlich gefördert hat .
Beste Grüsse
FRank
Frank Georg Bechyna
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