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Michael Schlechtriem

Prägender Forenuser

  • »Michael Schlechtriem« ist männlich
  • »Michael Schlechtriem« wurde gesperrt

Beiträge: 2 765

Registrierungsdatum: 11. Dezember 2005

31

Freitag, 25. Mai 2007, 23:00

Aber die Naxos ist doch sehr preisgünstig und auch sehr gut.
Wolfgang kann sie sich ja bei Interesse auch einmal kaufen und seine Eindrücke schildern.

Außerdem finde ich es wirklich toll, daß es bei einer relativ unbekannten Sinfonie fast nur herausragende Aufnahmen gibt, keine einzige ist schlecht oder mittelmäßig.
Für mich persönlich fällt die Dilkes-Aufnahme zwar hinter den anderen zurück, aber auf immer noch hohem Niveau.
Da ist für jeden etwas dabei.

LG,
Michael
"I should never have switched from Scotch to Martinis.“
Humphrey Bogarts letzte Worte.

  • »Holger Sambale« ist männlich

Beiträge: 527

Registrierungsdatum: 4. September 2006

32

Mittwoch, 10. September 2008, 19:15

Hallo,

nachdem ich gerade eben mal wieder die Moeran-Sinfonie gehört habe, möchte ich nun mein lang gehegtes Vorhaben in die Tat umsetzten, zu diesem Thema auch etwas beizutragen.

Ich habe mir vor gut einem Jahr (angeregt durch die hiesige Diskussion) die von Michael empfohlene CD mit Leslie Heward zulegt - hier ist der Link zu jpc:



Seither ist die CD schon sehr oft in meinem CD-Spieler gelandet und ich muss sagen, das Werk fasziniert mich. Übrigens hatte ich keinerlei Anlaufschwierigkeiten, was umso bemerkenswerter ist, da mir viele englische Werke eben nicht so stark zusagen (wie zum Beispiel Russisches).

Klar erinnert Moerans Werk stellenweise an Vorbilder: Sibelius wurde ja schon genannt, und der Beginn der Durchführung des ersten Satzes erinnerte mich spontan an Tschaikowskis Sechste Sinfonie, ein Eindruck, den das Booklet mir bestätigte. Allerdings stören mich diese Bezüge nicht im Geringsten: das Werk wirkt absolut rund, in sich geschlossen und irgendwie doch sehr eigentümlich. Ich würde nicht davor zurückschrecken, die Sinfonie als Meisterwerk zu bezeichnen, und zwar vor allem wegen ihrer emotionalen Intensität.

Die Landschaftseindrücke, die weiter oben (insbesondere in der Kritik zur Naxos-Einspielung) genannt wurden, sind zwar deutlich zu vernehmen, nicht zuletzt wegen der sangbaren Themen (das Hauptthema des ersten Satzes, auf das ja auch schon hingewiesen wurde, ist ein echter Ohrwurm!) und der modal angehauchten Harmonik. Moeran hat ja selbst berichtet, dass große Teile des Werkes inmitten der irischen Natur konzipiert wurden. Ich persönlich würde das Werk aber nicht darauf reduzieren wollen.

Was mir beim Hören noch stärker auffällt, ist die Tragik und Bitterkeit dieser Musik. Das korrespondiert mit dem, was ich im Beiheft gelesen habe (übrigens nach dem ersten Hören, dass sich meine Eindrücke damit decken, ist also keineswegs Voreingenommenheit geschuldet). Im Booklet wird hierbei auf Moerans Biograph Geoffrey Self verwiesen, der eine Verbindung zu Moerans persönlichen Erlebnissen im Ersten Weltkrieg herstellt - drei Jahre Front und eine schwere Kopfverletzung, die Moeran offenbar den Rest seines Lebens lang zu schaffen machte. Ich könnte kaum bessere Worte als der Bookletautor (Andrew Rose) finden, daher mal ein Zitat - die deutsche Version stammt allerdings (frei übersetzt) von mir selbst:

Self schreibt: "Ich glaube, dass die g-moll-Sinfonie eine Art Requiem oder In Memoriam darstellt..." und bemerkt, wie der Komponist im ersten Satz pastorale Musikabschnitte durch "Bilder grimmiger Entschlossenheit" entstellt und zerstört. Der zweite, langsame Satz ist sicherlich dunkel und brütend, während das Finale bitter und zornig erscheint. Und dennoch finden wir im Scherzo eines der schönsten - und wahrhaftigsten - Beispiele eines englischen Sinfonie-Scherzos überhaupt. Sein Kontrast zum Rest des Stücks dient nur dazu, die kommenden Schwierigkeiten hervorzuheben.

Das trifft sehr genau das, was ich über diese Sinfonie denke: der oben vielleicht etwas kritisierte dritte Satz ist so etwas wie das "Blümchen zwischen den Abgründen". Die Konflikte und Kämpfe der Sinfonie scheinen nur stellenweise durch, ansonsten sind hier deutlich folkloristisch-heitere Anklänge zu vernehmen (die Pizzikati!). Es ist ja nicht nur mit Abstand der kürzeste Satz dieser Sinfonie, sondern auch der einzige in Dur (Tonartenschema ist g-moll / h-moll / D-Dur / g-moll). Wenn dagegen die langsame Einleitung des Finales mit den intensiven, fast flehenden Streicherklängen beginnt, ist man wieder voll im Drama gefangen. Übrigens: den zweiten Satz finde ich auch nicht himmlisch, sondern sehr finster.

Was das Finale betrifft: für mich besitzt eine Stelle (an der das Tempo etwas verlangsamt wird, so in etwa von 5:00 bis 7:00 in Hewards Einspielung) deutlich Trauermarschcharakter. Kurz vor Schluss herrscht, so wie ich die Sinfonie höre, pure Resignation, ehe grollende Paukenwirbel die Sinfonie zu dem oben besprochenen Schluss führen, der auf mich ein bisschen wie ein taumelnder Boxer wirkt. In der von mir zitierten Passage wird das Finale ja als "bitter" beschrieben, und so empfinde ich es ebenfalls.

Insgesamt wie gesagt ein äußerst gelungenes Opus, das mittlerweile auch zu meinen besonders geschätzten Sinfonien zählt. Auch wenn ich keine Vergleichsaufnahme besitze, bin mit der Heward-Einspielung voll und ganz zufrieden. Klar rauscht es etwas (die Aufnahme ist aus dem Jahre 1942!), aber nicht so, dass die Musik entstellt würde. Und eine intensivere, packendere Interpretation kann ich mich schwerlich vorstellen; im Übrigen schenke ich Michaels Einschätzung volles Vertrauen.

Viele Grüße
Holger

Alfred_Schmidt

Administrator

  • »Alfred_Schmidt« ist männlich

Beiträge: 19 081

Registrierungsdatum: 9. August 2004

33

Montag, 24. September 2018, 23:49

Heute habe ich aus gegebenem Anlass eine Hörsitzung der g-moll Sinfonie absolviert. Der Unmittelbare Anlass war der Erwerb des Violinkonzerts, sowie der beiden Rhapsodien (auf Lyrita). Bevor ich mir den Neuerwerb anhöre - so dachte ich mit - wäre es vielleicht angebracht, mir die Sinfonie zurück ins Gedächtnis zu rufen.
Und so möchte ich in aller gebotenen Kürze meinen Gesamteindruck schildern.
Ein durchaus interessantes Werk mit sehr effektvoller Instrumentierung, zahlreichen Stimmungsschwankungen und dynamisch exzessiver Bandbeite, stellenweise fühlte ich mich an Strawinskys "Sacre du Printemps" erinnert, nämlich der Kontraste von lyrischen Stellen gegenüber rhythmisch stampfenden Passagen, und einem Flair des Geheimnisvollen.
Vermutlich ist es aber auch eine Frage der Aufnahmetechnik und der Interpretation. Hier finde ich mich bei der Einspielung des Bournemouth Symphony Orchestra unter David Lloyd-Jones für Naxos bestens aufgehoben. Ich würde dieser Aufnahme (wie übrigens vielen dieses Labels in letzter Zeit gehörten) bedenkenlos das Attribut "audiophil" zugestehen
Ich habe heute diesen Thread umbenannt und ihn auf die gesame Sinfonik Moerans erweitert um pragmatisch zu agierenm weil ich zumindest einen über Konzerte, sowie einen weiteren für Kammermusik Moerans plane. Der Rest wird sich finden - oder nicht.

mit freundlichen Grüßen aus Wien
Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix