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Alfred_Schmidt

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1

Montag, 15. November 2004, 16:34

Friedrich Gernsheim - Ein vorauseilender Epigone von Brahms?

Liebe Forianer,

Gelegentlich werde ich hier auch einen "undankbaren" Thread starten, also einen, der kaum oder wenig Chancen auf Entwicklung hat.
Das ist vor allem der Fall wenn man sich mit Komponisten befasst, die niemand kennt, bzw von denen es relativ (oft auch absolut) wenige Aufnahmen gibt. Warum solch ein Thread, wird mancher fragen, der sowieso nie zu Blüte kommt ? Die Antwort ist einfach: Weil wir damit zu erreichen versuchen, daß wertvolles für immer verschüttet wird. Denn gelesen werden solche Themen ja zumeist doch.
Nicht alles was heute unbekannt ist, ist ausgrabenswert.
Friedrich Gernsheims Sinfonien sind es mit Sicherheit. Sie erinnern oberflächlich an unbekannten Brahms, mit dem er übrigens eng befreundet war, sind aber IMO etwas weniger "sperrig" für der Einstieg, also kann für manchen der Weg zu Brahms ohne weiteres über Gernsheim führen.
Gernsheim (1839-1916) stammt aus einer reichen Familie, konnte sich also die beste Ausbildung in Frankfurt leisten, die dann am Leipziger Konservatorium fortgesetzt wurde.
Er bekleidete etliche positionen u.A war er Musikdirektor in Rotterdam, wo er sich vor allem für das Werk seines Freundes Johannes Brahms einsetzte.
Viele versuchen Gernsheims geringen Bekanntheitsgrad, damit zu erklären, des er eben lediglich ein Epigone sei. Eine schöne Erklärung, leider aber verhält sich das nicht so: Gernsheims erste Sinfonie entstand vor jener von Johannes Brahms.
Bei aller Ähnlichkeit sind auch die Unterschiede nicht zu überhören: Wesentlich durchsichtiger und etwas freundlicher kommen uns seine Sinfonien entgegen, von denen er, ebenso wie Brahms, 4 geschrieben hat.




Weniger Beethoven, mehr Mendelssohn ( Sinfonie Nr 2 - 2. Satz: Tarantella !!!) verpflichtet, vereinzelt an Brahms eriinnernd (Sinfonie Nr 1), wie passt das alles zusammen ? Nun die Sprache ist lediglich eine Krücke, wäre er berühmter würde man wahrscheinlich sagen: ein typischer Gernsheim :yes:

Wenngleich die vorhandene Diskographie ein Desaster ist, so gibt es immerhin eine preiswerte Möglichkeit dieses musikalische "Neuland" zu betreten. Arte Nova (entgegen meinen Befürchtungen ist sie noch nicht gestrichen) bietet eine Doppel-CD mit sämtlichen Sinfonien des Titelträgers dieses Threads zum Budgetpreis an (gesehen bei jpc um 9.99 Teuro) die man sich als potentieller Interessent einfach nicht entgehen lassen sollte..
Man braucht dabei nicht die "Katze im Sack" zu kaufen, weil die Möglichkeit des kurzen Hineinhörens ja besteht.

Vielleicht (wenn ich es auch nicht glaube) hat aber auch schon jetzt jemand aus der Gruppe diese Aufnahmen und könnte meine Worte bestätigen oder ihnen widersprechen, bzw neue Gesichtspunkte hinzufügen.....

Friedrich Gernsheim:
Sinfonie Nr 1 in g-moll op 32
Sinfonie Nr 2 in Es-dur op 46
Sinfonie Nr 3 in c-moll op 54
Sinfonie Nr 4 in B-dur op 62

Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz
Siegfried Köhler
Arte Nova

Beste Grüße aus Wien

Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

Uwe

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2

Montag, 15. November 2004, 17:28

RE: Friedrich Gernsheim - Ein vorauseilender Epigone von Brahms ?

Hallo Alfred,

Zitat

Original von Alfred_Schmidt

Vielleicht (wenn ich es auch nicht glaube) hat aber auch schon jetzt jemand aus der Gruppe diese Aufnahmen und könnte meine Worte bestätigen oder ihnen widersprechen, bzw neue Gesichtspunkte hinzufügen.....


einer dieser 'jemands' bin ich, kann allerdings deinen Worten nichts Erhellendes hinzufügen, außer, daß er nicht nur in Frankfurt und Leipzig, sondern auch einen 5-jährigen Aufenthalt in Paris absolviert hat, der ihn mit Zeitgenossen wie Saint-Saens, Rossini und Lalo zusammentreffen ließ.
Gernsheim soll wohl ein recht guter Pianist gewesen sein, pflegte Freundschaft mit Brahms und Bruch.

Seine Sinfonien sind sicher nicht epigonal, auch wenn einem vieles bekannt vorkommen dürfte. Nett anzuhören sind sie allemal.

Grüße aus Hamburg
Uwe

walter

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3

Montag, 15. November 2004, 18:48

RE: Friedrich Gernsheim - Ein vorauseilender Epigone von Brahms ?

Hallo Alfred,

danke für den Gernsheim Hinweis. So etwas suche ich immer. Manchmal glaube ich zwar, der Markt sei endgültig abgegrast, aber Dank solcher Tipps gibt's immer neue Überraschungen.

Bei Arte Nova bin ich bisher bis auf die Berwald Sinfonien, die doch klanglich sehr magersüchtig geraten sind, noch nie richtig reingefallen.

Grüsse
Walter

BigBerlinBear

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4

Montag, 15. November 2004, 23:36

Uwe schrieb:

Zitat

Seine Sinfonien sind sicher nicht epigonal, auch wenn einem vieles bekannt vorkommen dürfte. Nett anzuhören sind sie allemal.


Genau: nett anzuhören, nicht mehr und auch nicht weniger !
Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

Alfred_Schmidt

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5

Dienstag, 16. November 2004, 00:47

Zitat

Genau: nett anzuhören, nicht mehr und auch nicht weniger
!

Aber das war ja auch genau der Zweck wofür im 19. Jahrhundert Musik geschrieben wurde. Oder glaubt jemand Mendelssohn wollte mit seiner 4. Sinfonie die Leute "aufrütteln" ?

Es hat sich in den letzten 30 Jahren eine Art Diktat entwickelt, Musik müsse sperrig und nahezu unanhörbar sein, damit sie "Wert und Tiefe" besitze, der Komponist müsse um das Werk "gerungen" haben, der Hörer müsse es sich erst "erarbeiten" Vordergründige Schönheit und Anmut wird gern als Seichtheit abgetan, da macht man heutzutage nicht mal mehr vor Mozart halt .

Auch Vivaldi, Bocherini, teilweise Haydn und Mozart sind "nett anzuhören", ähnliches ließe sich über Raff, Rubinstein und einiges von Schubert sagen. Was daran schlecht sein soll werde ich nie verstehen.
(und ich will es auch gar nicht :D)

Tut mir leid, aber das musste mal gesagt werden :yes:

Trotzdem beste Grüße aus Wien

Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

BigBerlinBear

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6

Dienstag, 16. November 2004, 08:21

Alfred schrieb:

Zitat

Aber das war ja auch genau der Zweck wofür im 19. Jahrhundert Musik geschrieben wurde. Oder glaubt jemand Mendelssohn wollte mit seiner 4. Sinfonie die Leute "aufrütteln" ?


Nein darum geht es nicht, denn da, wo Mendelssohn originell ist, ist Gernsheim bloß artig-epigonal und wo Brahms einen Satz bis auf den Grund auslotet, ist bei Gernsheim nichts weiter, als ordentlicher Tonsatz.
Der "Zweck" (so Kunst einen solchen überhaupt haben mag), weshalb im 19. Jahrundert Musik geschrieben wurde, war für viele bedeutende Komponisten der, hinter dem, was Beethoven als intellektuell und formal verbindlich neu definiert hatte, NICHT zurückzubleiben ! Dieser Fakt ist z.B. der Grund, weshalb Brahms "nur" 4 Sinfonien geschrieben hat und wahrscheinlich ebensoviele vernichtete,weil die seinem eignen Anspruch nicht genügten. Dies war auch der Grund, der Bruckner zwang, in der Sinfonik völliges Neuland zu betreten, eben, weil er ein Gespür dafür hatte, daß es wenig bringt, denselben Boden zu beackern, den andre vor ihm schon erfolgreich bestellt hatten.
Also was Brahms und Bruckner ganz gewiss nicht wollten, war, gefällig zu unterhalten. Auf Berlioz und Schubert, die ungefähr gleichalt waren, trifft diese Aussage ebenfalls zu, von Richard Wagner ganz zu schweigen,
der seinen eigenen Klang- und Bild-Kosmos schuf. Und mit der "vordergründigen" Schönheit ist es so eine Sache.Von Mozart ist gleich mehrfach überliefet, daß er lieber weitere Kompositionen im Stile de cmoll-Messe und des Requiem geschaffen hätte, aber diejenigen, die ihn finanzierten, verlangten z.B.Kirchenmusk im neapolitanischem Gusto.
Der arme Gernsheim, der hier zum Dreh-und Angelpunkt meiner Ausführung wurde, war ganz ohne Zweifel ein Komponist, der sein Handwerk so gut beherrschte, daß er, lebte er jetzt, in Hollywood Karriere machen würde. Es sei jedem anheimgestellt, Mozarts "Serenata notturna" als "schön" oder Beethovens "Große Fuge" als "sperrig-schwierig" zu empfinden. Tatsache jedoch ist, daß erst eine Vielfaltder Klänge und eine Vielfalt der Meinungen einen Eindruck dessen machen, was Musik im besten Sinne sein sollte: eine wunderbare Bereicherung unseres Lebens ! In diesem Sinne herzliche Grüße aus dem sonnigen Kapstadt
Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

Alfred_Schmidt

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7

Donnerstag, 18. November 2004, 09:06

Hallo BBB, Hallo Forianer,

Natürlich darauf weise ich explizit hin ist immer ein großer Unterschied zwischen deutschen und österreichischen Auffassungen.

Biedermeier war ja an sich keine österreichische Erfindung, aber gerade bei uns wurde es zum Kult erhoben, so ist unsere Wertung in allgemeinen anders, als die eines deutschen Musikfreundes.

Gernsheim ist natürlich kein Biedermeierkomponist mehr aber, es wurde schon angerissen, er hat eingängige Themen verwendet und, hierin ähnelt er (dem ebenfalls heute unterschätzen ) Raff.

Natürlich kann ich nicht für die gesamte Wiener Musikszene sprechen, aber ich glaube doch sagen zu können, daß zumindest in Wien Mendelssohn wegen seiner wunderbaren Melodik in der vierten und im Sommernachtstraum geschätzt wurde, und nicht weil er originell war (Im Gegenteil dies wäre uns suspekt erschienen, nur keine Experimente, nur nichts Neues)

Wenn ich aus meiner Sicht den Unterschied deutsche und österreichischer Musikfreunde (natürlich verallgemeinernd) darstellen müsste, so würde ich sagen, der Deutsche sucht das "dynamische" oft verstörende und Neue", der Österreicher das "Schöne", in jedem Fall gefällige (Das durchaus temperamentvoll sein kann)
Deshalb signiere ich auch stets mit "aus Wien", eine Warnung gewissermaßen.


Ich führe das deshalb so genau aus, weil ich vermeiden möchte, daß heutige "Dogmen" sich in den Gehirnen festsetzen, so das Dogma "gefällige" Musik sei minderwertig. Vor etwas 200 Jahren war man gerade konträrer Meinung......

Zu Gernsheim: Ein Komponist mit teilweise sehr markanten melodischen Einfällen, ein typischer Vertreter des ausgehenden 19. Jahrhunders ohne den Anspruch ein "Neuerer" zu sein, sehr gut vergleichbar Bruch,
von dem man auch lediglich eine Komposition gelten ließ...
Ich verstehe schon, daß er von deutschen Plattenproduzenten nicht beachtet wird, jedoch ist er andererseits ein Idealfall für österreichisches Abonnementpublikum, das beispielsweise Mahler, der ja ein Erneuerer war, rigoros ablehnte, teilweise bis in die späten 60er Jahre des 20. Jahrhunderts und später.

Ich bin der festen Überzeugung, daß es dem Publikum (und damit meine ich Klassikpublikum ) mehrheitlich völlig egal ist, ob ein Komponist die Musik "weitergbracht" hat (ein Begiff den ich sowieso ablehen, würde er doch aussagen, daß Schönberg und Webern über Mozart und Beethoven zu stellen sei, ein Gedanke, der mir nur ein müdes Lächeln abringt) oder nicht, es will gute Musik hören.
Man wirft dem etablierten Publikum gerne vor, es würde lediglich ein kleines Repertoire immer und immer wieder hören wollen. Das stimmt nur teilweise, nämlich dadurch daß man Komponisten wie Gernshein, Bruch, Raff, Rubinstein,Reinecke u.a. erst mal gar nicht auf die Spielpläne setzt, in dem irrigen Glauben, die Leute würden dann "Zeitgenössisches" hören. Wohin das führt kann man an der derzeitigen "Klassikkrise" sehen

Gernsheims Schaffen umfasst übrigens über 60 Werke aller Gattungen, besonders die Lieder werden in meiner Quelle (Metzlers "Neues Lexikon der Musik" in 4 Bänden) positiv erwähnt, sie sollen an jene des jungen Richard Strauß erinnern. Auf CD dürften sie nicht erhältlich sein.

Ich fand lediglich ein Streichquartett (besitze ich allerdings im Gegensatz zu den Sinfonien nicht) gekoppelt mit Brahms auf einer Audite CD....



Ich wollte und will mit diesem Thread keine "Aufwertung" von Gernsheim vornehmen, daß er von der Musikgeschichte vergessen wurde wird ihn nicht sehr tangieren, war er doch zeitlebens ausserordentlich erfolgreich, jedoch wollte ich auf seine Sinfonien aufmerksam machen, natürlich vornehmlich jene, die die Musik der Romantik und Spätromantik lieben, ein Gegengewicht gewissermaßen zum heutigen "Zeitgeist"

Freundliche Grüße

aus Wien

nach Kapstadt und überall wo wir halt gelesen werden

Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

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8

Mittwoch, 1. Februar 2006, 14:30

1) Kann man denn den österreichischen Klassik-Freund des 19.Jh. und den deutschen Klassik-Freund des 19.Jh. wirklich so gut rekonstruieren? Sind es Spielpläne oder Zeitungsberichte, die dazu herangezogen werden können? Ich habe mich mit solchen Fragen noch nicht beschäftigt.

2) Ich freue mich ja, dass die schönen Symphonien Gernsheims hier gewürdigt werden, das "vorauseilende" im Threadnamen erklärt sich wohl dadurch, dass seine 1. Symphonie vor der ersten von Brahms entstanden ist. Allerdings sind die meisten seiner etwa gleichramgigen Generationsgenossen wie Draeseke, Herzogenberg, Brüll, Scharwenka oder Goetz im heutigen Betrieb nicht viel stärker vertreten, wobei zu bemerken ist, dass sich diese Situation bessert, eben aufgrund eines zu begrüßenden Zeitgeists, der sich auch den weniger bedeutenden Meistern annimmt, viel mehr, als das in der ersten Hälfte des 20. Jh. der Fall war.

Von jemandem, der die Gernsheim-Symphonie-Gesamteinspielung zum Zeitpunkt des Threadstartes auch schon im Regal stehen hatte.
:hello:

klingsor

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9

Mittwoch, 1. Februar 2006, 15:10

hallo, bbb, ich teile deine auffassungen voll und ganz. ich hatte auch mal für einige zeit in die gernsheim-werke hineingehört, sie dann aber als zu 'harmlos' und 'uninteressant' verworfen.
vielleicht war ich zu voreilig, mag sein, aber mir sagten sie nichts. das geht mir auch bei vielen anderen brahms-zeitgenossen so.

nichtsdestotrotz finde ich die idee von alfred, hier unbekanntere komponisten vorzustellen, außerordentlich begrüßenswert! :yes:
--- alles ein traum? ---

klingsor

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10

Freitag, 23. Februar 2007, 15:32

Zitat

Original von Kurzstueckmeister
seiner etwa gleichrangigen Generationsgenossen wie Draeseke, Herzogenberg, Brüll, Scharwenka oder Goetz

Ähem, räusper, also Draeseke, Herzogenberg und Goetz sind Gernsheim, Brüll und Scharwenka wohl doch vorzuziehen. Letztere 3 werde ich wohl nur noch in übermüdetem oder aus anderen Gründen nicht so ganz aufmerksamem Zustand mir zu Gemüte führen - ich war aber mal ziemlich süchtig nach diesen Sachen, das muss ich schon zugeben.

Außerdem spielt die Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz hier schon ein wenig unter ihrer Würde, da muss man schon alle möglichen Hühneraugen zudrücken ...

Khampan

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11

Freitag, 23. Februar 2007, 22:45

für Streichquartettfreunde kann ich die genannte CD mit dem Mandelring Quartett empfehlen, und zwar gerade wegen Gernsheim.
Das brahmst stellenweise ganz heftig, da würde beim Komponistenraten im Kennerkreis mancher in arge Verlegenheit geraten, da bin ich sicher. Abesehen davon ist es einfach ein sehr schönes Werk, wovon man in der Streichquartettliteratur ja nie genug kriegen kann.

Ich schreibe bewußt "sehr schön", damit meine ich mehr als "ganz nett", das als Makel anzusehen ich allenfalls für größere Besetzungen durchgehen lassen würde. Je größer der Aufwand, umso mehr muß dabei herauskommen, sozusagen. Gerade so ging es mir nämlich beim Anhören von Gernsheims Sinfonie Nr. 4, die ich mir dann doch lieber als Streichquartett umgeschrieben gewünscht hätte, oder so...

Zur Audite-CD wäre noch anzumerken, daß mich die Interpretation des Brahms-Quartetts op. 51/1 nicht überzeugt hat. Aber das Stück gehört auch nicht zu meinen Favoriten (=op. 52/2). Das konzentrierte nur-ja-auf-Beethovens-Spuren-folgen des ersten Quartetts ist mir im Ergebnis sozusagen zu wenig "nett" ;)

Gruß,
Khampan

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12

Montag, 26. Februar 2007, 10:43

Zitat

Original von Khampan
[...]"ganz nett", das als Makel anzusehen ich allenfalls für größere Besetzungen durchgehen lassen würde. Je größer der Aufwand, umso mehr muß dabei herauskommen, sozusagen. Gerade so ging es mir nämlich beim Anhören von Gernsheims Sinfonie Nr. 4, die ich mir dann doch lieber als Streichquartett umgeschrieben gewünscht hätte, oder so...

Also diese Auffassung teile ich nicht. Die Besetzung ist mE gleichgültig.
Dabei hat gerade Brahms damit gezögert, Streichquartette herauszubringen, da gerade diese Gattung aufgrund ihrer Geschichte seit Haydn höchster Maßstab war - oder zumindest so interpretiert werden konnte.

Natürlich kann jeder Komponist seine besten Sachen in der Besetzung liefern, die ihm am besten liegt. Dass eine größere Besetzung einen größeren Anspruch mit sich bringt, den man vor sich herschiebt und dem man gerecht werden soll, möchte ich zurückweisen.

Was BBB Gernsheim implizit unterstellt, nämlich "nur unterhalten zu wollen" im Gegensatz zu Brahms, das glaube ich auch nicht so recht. Wenn seine Sachen nicht so gut geworden sind, wie die von Brahms, läßt sich (gerade bei doch recht großer stilistischer Nähe) doch nicht folgern, dass er es nicht genauso ernst gemeint hätte (dann hätte er Operetten komponiert - mein Argument dagegen, dass er heute Filmmusik schreiben würde). Und nur das Handwerkliche zu loben geht mE auch zu weit. Nein, das ist schon ein ernst zu nehmender Komponist, aber vorher kommen eben einige andere, die für die meisten Spätromantikhörer vollauf ausreichen.
:hello:

Khampan

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13

Montag, 26. Februar 2007, 11:50

Hallo Kurzstückmeister,

deine Kritik kann ich nachvollziehen, so ganz wohl war mir bei meiner Formulierung auch nicht. Ich versuche mir nur irgendwie das Phänomen zu erklären, warum ich von mehr Komponisten gute Kammermusik finde als gute Orchestermusik.
Der Grund ist mir zumindest im Fall Gernsheim nach nochmaligem (und unwiederbringlich letzten) Anhören der 4. Sinfonie klargeworden: Die Orchestrierung ist einfach unmöglich. Z.B. setzt er bei jedem Forte die 4 Hörner in enger Lage als Klotz in die Mitte, es gibt nichts womit sie klanglich verschmelzen könnten; auch sonst gibt es zwar reizvolle Einzelaktionen verschiedener Instrumente aber kaum Klangfarbenmischungen zwischen Streichern, Holzbläsern und Hörnern, was ja spätestens seit Schumann den eigentlichen Reiz des romantischen Orchesters ausmacht.
Bei Gernsheim klingt alles irgendwie "hohl", und dieser klangliche Eindruck überträgt sich unvermeidlicherweise auf die musikalische Ebene.

Daß Gernsheim ein guter Pianist gewesen ist, erklärt die Sache für mich etwas. Nur ein Pianist kann so wenig Sinn für Orchesterklang haben :stumm:
Glücklicherweise ist das aber auch da die Ausnahme, wie etwa Schumann, Liszt und Brahms eindrucksvoll beweisen.

Gruß, Khampan

Wulf

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14

Montag, 26. Februar 2007, 16:09

Zitat

Original von Kurzstueckmeister

Zitat

Original von Kurzstueckmeister
seiner etwa gleichrangigen Generationsgenossen wie Draeseke, Herzogenberg, Brüll, Scharwenka oder Goetz

Ähem, räusper, also Draeseke, Herzogenberg und Goetz sind Gernsheim, Brüll und Scharwenka wohl doch vorzuziehen. Letztere 3 werde ich wohl nur noch in übermüdetem oder aus anderen Gründen nicht so ganz aufmerksamem Zustand mir zu Gemüte führen - ich war aber mal ziemlich süchtig nach diesen Sachen, das muss ich schon zugeben.


Gruess Dich KSM,

gebe Dir recht - mit einer Ausnahme: Scharwenka. Ich beziehe mich nur auf seine Klavierkonzerte. Hoer die z.B. noch mal das Finale seines 1. an. Ich bin der Ansicht, dass
im 19. Jhd. wesentlich uninspiriertere KK geschrieben wurden. Bruell gehoert fuer mich dazu. Auch das Goetz KK schneidet IMO nicht besser ab. Scharwenka klingt frisch,ist melodienreich und inspiriert.

:hello:
Wulf.
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15

Montag, 26. Februar 2007, 16:24

Gerade dieses Klavierkonzert gehört zu den ehemaligen Dauerbrennern meiner Sammlung, wobei ich vor allem vom ersten Satz nicht genug kriegen konnte.

Freut mich, dass ein anderer Raritätenfreund das so ähnlich sieht wie ich. Beim Vergleich Brüll-Scharwenka ist natürlich die extrem unterschiedliche Entstehungszeit von Interesse, Brüll war zwar etwa gleichaltrig mit Scharwenka, schrieb sein 2. aber in den 60ern während Scharwenka erst 1908 mit seinem ersten herausrückt. Er befindet sich da in einem etwas anderen Umfeld und wurde bei mir hörend mit Schillings konfrontiert, dessen frühe Orchesterdichtung "Seemorgen" oder so (die erste auf der CPO-CD) ich ebenso wie das Scharwenka-KK manchmal täglich im Auto-CD-Spieler genoss.
:)
Und so stelle ich jetzt Kienzl über Schillings und Scharwenka aber diese Details meiner persönlichen Wertschätzung sind vielleicht nicht ganz Tamino-würdig.
:untertauch:

Alfred_Schmidt

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16

Montag, 21. November 2011, 02:00

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.
Wer zu Zeiten des Threads sich von einigen (Ex-)Taminos abschrecken ließ, die wohlfeile arte nova 2CD Ausgabe der Sinfonien zu erwerben, für den ist es jetzt zu spät. Die Aufnahem ist gestrichen. Ersatz gibt es nicht - und ist wohl auch nicht in Aussicht.

Aber - Ironie des Schicksals, kurz nach dem bisher letzten Beitrag dieses Threads (2007) erschien die
hier abgebildete CD mit den Klavierquartetten 1 und 3, gespielt von Mitgliedern des Diogenes Quartetts und dem Pianisten Andreas Kirpal. Wer Brahms oder Mendelssohn liebt, dem ist dieser Kauf anzuraten, er wird vermutlich begeistert, zumindest aber zufrieden sein....
Ein Vorschlag zum Probehören: Klavierquartett Nr 3 - 3. Satz (Andante cantabile)

mit freundlichen Grüßen
aus Wien
Alfred

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17

Montag, 21. November 2011, 09:54

Amazon listet die Sinfonien-Box nach wie vor als lieferbar, in etwas anderem Cover
(was nicht heißt, dass sie tatsächlich lieferbar ist; ich hatte aber mit einer Reihe anderer ältere ArteNova-CDs nie Schwierigkeiten, sie auf dem 2nd Markt zu kriegen)

Struck by the sounds before the sun,
I knew the night had gone.
The morning breeze like a bugle blew
Against the drums of dawn.
(Bob Dylan)

Alfred_Schmidt

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18

Samstag, 9. Juni 2012, 00:22

Neben Naxos macht sich nun auch Brilliant Classics um die Ausgrabung von wenig bekanntem Repertoire verdient. Am 29. Juni 2012 erscheint dort die in diesem Thread abgebildete DoppelCD zum Sonderpreis mit Violinsonaten von Gernsheim und schließt somit eine weitere diskographische Lücke. Wirft hier das Gernsheim-Jahr 2016 bereits seine Schatten voraus ?? -- Es steht zu hoffen, daß Brilliant Classics dereinst auch die Rechte an den gestrichenen Arte-Nova Aufnahmen von Gernsheims Sinfonien erwirbt, denn inzwischen dürfte es diese in der Tat nur mehr antiquarisch zu kaufen geben...

mfg aus Wien
Alfred

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Alfred_Schmidt

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19

Donnerstag, 25. April 2013, 01:19

Ich habe es bei den demnächst erscheinenden Neuigkeiten bereits angekündigt, daß diese CD mit den Sinfonien Nr 1 und 3 am Monatsende erscheinen wird. Aber eigentlich sollte auch in diesem, Gernsheim gewidmeten Thread diese Großtat Erwähnung finden. Gegenüber meinem Eintrabg bei den "künftigen Neuerscheinungen" hat sich zweierlei geändert:
1) kann man nun bereits in die Klangproben hineinhören
2) hat cpo nun erklärt, daß geplant ist alle vier Sinfonien zu veröffentlichen.

Damit wäre ein Ersatz für die gestrichenen arte Nova Aufnahmen geschaffen worden.


mit freundlichen Grüßen aus Wien
Alfred

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20

Donnerstag, 25. April 2013, 10:12

Ich war mit der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz immer zufrieden, sehe daher keine Notwendigkeit einer Mainzer Konkurrenzeinspielung. ("Großtaten" stelle ich mir anders vor ...)

Alfred_Schmidt

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21

Donnerstag, 25. April 2013, 11:40

Zitat

Ich war mit der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz immer zufrieden

Das bin ich auch - aber sie wurde inzwischen gestrichen und ist vermutlich nur mehr antiquarisch zu haben. Da ich selbst keine gebrauchten CDs in meiner Sammlung haben will - und von fremden Leuten nichts kaufe - empfehle ich das auch anderen nicht.
Die "Großtat" ist, daß hier offensichtlich schwer verkäufliche Werke auf den Markt gebracht werden....

mfg aus Wien
Alfred

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lutgra

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22

Dienstag, 8. April 2014, 14:33

Gernsheim Streichquartett No. 2 op. 31

Bei der Diskussion andernorts über die Schwierigkeiten, die so mancher Tamino mit den Streichquartetten von Brahms hat, habe ich u.a. auf folgende CD hingewiesen, die ich jetzt noch einmal gehört habe. Alfred hatte sie weiter oben schon erwähnt, kannte sie da aber noch nicht.

Wenn man die beiden auf dieser CD vereinigten Quartette Musikfreunden vorspielen würde, die sie nicht kennen und ihnen nicht sagen würde, von wem sie seien, würde es mich nicht wundern, wenn die Mehrzahl das Gernsheim Quartett als das schönere bezeichnen würde. Darf man so etwas auch mit dem Wissen um die musikgeschichtliche Bedeutung der beiden sagen?
Es ist lyrischer als das von Brahms, zeichnet sich aber in allen vier Sätzen durch memorable Themen aus, die sehr geschickt in romantischer Manier entwickelt werden. Auch hier gibt es durchaus Zuspitzungen, wenn auch nicht ganz so schroff wie in 51.1, aber es fehlt das etwas nervige und zickige des Brahmserstlings. Und es hängt nicht im 3. Satz durch.

Die Mandelringer agieren in gewohnter Exzellenz.

Wikipedia sagt, es gäbe 5 Gernsheim Quartett. Ich erlaube mir die Frage, wo sind die anderen 4?

Streichquartett Nr. 1, op. 25; Streichquartett Nr. 2, op. 31; Streichquartett Nr. 3, op. 51; Streichquartett Nr. 4, op. 66; Streichquartett Nr. 5, op. 83

Hüb'

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23

Mittwoch, 13. Januar 2016, 09:25

Hallo,

Die Sinfonien von Friedrich Gernsheim. Die Musik von Gernsheim wird allgemein in die Nähe von Johannes Brahms gerückt. In den ersten beiden Sinfonien drängt sich diese Verbindung in meinen Ohren nicht unbedingt auf, wird dann in der 3. und 4. aber durch einen "brahm'sisch drängenden" Fluss der Musik naheliegender (wer hörend den Vergleich zieht, wird sicher wissen, was ich meine).
Es gibt im Netz - unter anderem bei Amazon - einige positive Besprechungen zu den Sinfonien. Die dort geäußerte Begeisterung mag ich nicht 1:1 teilen. Zwar ist das allemal schön gearbeitete Spätromantik - auch mit der ein oder anderen netten Idee und Wendung versehen - gemessen an den Vorbildern meiner Ansicht nach jedoch nur Mittelmaß im Umfeld der Masse an (romantischem) Nischenrepertoire. Vielleicht daher auch nicht ganz unverständlich, dass es bis zum Beginn der Weltersteinspielung der Sinfonien immerhin bis ins Jahr 1996 gedauert hat. Ein weiteres Indiz für die Bedeutung Gernsheims mag sein, dass Alternativaufnahmen auf sich warten lassen. Allerdings bemüht sich CPO zunehmend um den Komponisten, insbesondere im Bereich der Kammermusik.
Siegfried Köhler und die Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz machen einen guten Job und setzen sich für "ihren" (Wormser) Gernsheim engagiert ein. Meister diffiziler Zwischentöne und -stimmungen sind sie jedoch nicht. Dem Orchester scheint die Musik so etwas wie eine Herzensangelegenheit zu sein, denn auf CPO existiert mit ihm eine weitere Einspielung der 1. und der 3. Sinfonie (2. und 4. werden vermutlich folgen).
Insgesamt dennoch eine gelungene Ausgrabung, die man zumindest dann nachdrücklich ans Herz legen kann, wenn die Musik ins persönliche "Beuteschema" passt.

Viele Grüße
Frank

WolfgangZ

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Mittwoch, 13. Januar 2016, 10:25

Ich möchte hier nur kurz auf den Beitrag 16 von Alfred Schmidt verweisen. Die beiden Klavierquartette in der Einspielung des Diogenes-Quartetts und des Pianisten, der mit dem Ensemble quasi verschwistert ist, kann man nur empfehlen - Brahms hin, Schumann oder Mendelssohn her.

Insofern müsste ich mal über die Violinsonaten nachdenken, welche ebenfalls von den Kirpals bei cpo produziert wurden. :yes:

:hello: Wolfgang
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musikwanderer

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Mittwoch, 13. Januar 2016, 12:17

Für das CD-Regal passt Gernsheim - wenn die Musik der Zeit dem Ohr gefällt - auf jeden Fall. Auch ich habe mir die Arte-Nova-Ausgabe seinerzeit gekauft. Und sieht man als Musikfreund seine Sammlung auch als eine Art Musiklexikon, dann ist die Anschaffung von Gernsheim-Kompositionen m.M.n. gerechtfertigt. Insofern muss dann auch der Wagemut der Labels gewürdigt werden, denn ich habe so meine Bedenken, dass damit Geld zu verdienen ist - und das müssen die Firmen ja. Ich halte es da mit kurzstückmeister, dem die Arte-Nova-Ausgabe genügt, jpc/cpo kann in diesem Fall an mir nichts verdienen. In die Konzerthäuser wird es Gernsheim trotz eingängiger Musik nicht schaffen - mögen Ausnahmen auch die Regel bestätigen...

:hello:
.

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Alfred_Schmidt

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Mittwoch, 13. Januar 2016, 18:39

Man stelle sich vor, es gäbe nur EINE Gesamtaufnahme aller Beethoven Sinfonien !!
Im Falle von Gernsheim scheint man das zu akzeptieren, weil er eben nicht so berühmt ist. Tatsächlich ist Gernsheim mit Sicherheit besser als seine heutige "Reputation" die vermuten lässt, zudem ist er Deutscher und die Deutschen von heute wollen ja hauptsächlich "aufmüpfige" Werke hören, Wäre Gernsheim Engländer, wäre er von seinen (fiktiven) Landsleuten hochgeschätzt..
Warum ist Gernsheim - und viele seiner Zeitgenossen - weniger bekannt als Brahms ?
Zum einen hatte Brahms das Glück, trotz einer eher spröden Art im Umgang mit Menschen, in Wien anerkannt zu werden. Wien war damals schon ein optimaler Platz zur Erzeugung von "Weltruhm"
Er wurde plötzlich für viele "das Maß aller Dinge" - und bei fast jeder Rezension der damaligen Zeit - und eigentlich bis heute wurde erwähnt, daß Gernsheim zwar "ganz gut" sei, aber NATÜRLICH Brahms nicht das Wasser reichen konnte. So etwas ist tödlich für den Nachruhm- Ich gestehe indes, daß ich zum "spröden" Johannes Brahms (bezogen auf seine Sinfonien) den Zugang schwerer gefunden hatte, als zu Gernsheim, dessen Musik einfach freundlicher ist. Zudem ist es fraglich inwieweit man Gernsheim mit Brahms vergleichen kann. Allerdings wird er immer mit ihm in einem Atemzug genannt, als kleiner Bruder gewissermaßen.
Die Neuaufnahme der Gernsheimschen Sinfonien 1 und 3 bei cpo ist IMO eine NOTWENDIGE Bereicherung des Repertoires - für die einen als Vergleichsmöglichkeit mit der (längst gestrichenen) ARTE NOVA Aufnahme (so man sie schon seit langem besitzt), für die anderen die vermutlich letzte Chance die Sinfonien selbst kennenzulernen und sich ein Bild davon zu machen.
Es ist zu hoffen, daß cpo auch die (implizit) versprochenen Sinfonien 2 und 4 herausbringt, denn der Abverkaufspreis der Folge 1 (Euro 7.99) schon nach zweieindhalb Jahren nach Veröffentlichung lässt nichts Gutes ahnen.
Leider ist heutzutage das Interesse an unbekanntem Repertoire des 19. Jahrhunderts eher gering. Wäre ich Zyniker, so würde ich als Begründung schreiben: Wer sich die Ohren mit Sinfonien von Mahler, Schostakowitsch, Penderecki und Ligeti verdorben hat, der hat natürlich kein Empfinden mehr für die Schönheit weitgehend unbekannter Sinfonien der Romantik und Spätromantik.... :baeh01:

mfg aus Wien
Alfred

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lutgra

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Mittwoch, 13. Januar 2016, 18:52

Wer sich die Ohren mit Sinfonien von Mahler, Schostakowitsch, Penderecki und Ligeti verdorben hat, der hat natürlich kein Empfinden mehr für die Schönheit weitgehend unbekannter Sinfonien der Romantik und Spätromantik....

Lieber Alfred

zum einen hat Ligeti keine Symphonie geschrieben und zum anderen bin ich der lebende Beweis dafür, dass das eine nicht unbedingt das andere nach sich zieht. ;)
Diese Neuaufnahme kenne ich noch nicht, die Arte Nova steht aber seit Erscheinen in der Sammlung. Ich sollte sie tatsächlich auch mal wieder hören. Ebenso sollte ich über Gernsheim Streichquartett berichten. Was ich demnächst auch tun werde.


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Mittwoch, 13. Januar 2016, 19:45

Komisch, dass sich anscheinend kaum jemand mit Mahler oder Ligeti die Ohren für Brahms und Schumann verdirbt.
Wird man vielleicht doch eher durch Brahms, Bruckner, Schumann für Gernsheim oder Raff "verdorben"?

lutgra

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29

Mittwoch, 13. Januar 2016, 20:10

Ebenso sollte ich über Gernsheim Streichquartett berichten. Was ich demnächst auch tun werde.

Wie ich gerade sehe, habe ich es unter Beitrag 22 schon getan. :untertauch:

Hüb'

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Donnerstag, 14. Januar 2016, 09:56

@Alfred:
Mein Eindruck der Sinfonien ist eben ein eher "mittelmäßiger" - also kein schlechter. Raff (von Johannes angeführt) bzw. Herzogenberg liegen mir im Vergleich bspw. einfach mehr und ich würde ihren Werke sowohl mehr Eigenständigkeit, als auch eine höhere Qualität bescheinigen (auch wenn das ein subjektiver Eindruck sein mag). Ein Vergleich gar mit Brahms "auf Augenhöhe" verbietet sich IMHO völlig. Die Sinfonien von Brahms sind aus meiner Sicht eben mit dem Moment an Genialität gekennzeichnet, die Meisterwerke von einfach nur "guten" Werken (von denen es sehr viele gibt und zu denen die Gernsheim-Sinfonien sicher gehören) unterscheiden. Gernsheims Sinfonien auf einem Niveau mit den Werken Brahms' zu vermuten, käme einem Gleichsetzen eines beliebigen Violinkonzerts von Spohr mit dem VK von Beethoven nahe... ;)

Und ob man nun lieber Gernsheim entdeckt, als sich mit anderen Feldern, Epochen und Bereichen der Musik zu befassen, ist schlicht eine Frage des persönlichen Geschmacks. Auch ich tummel mich lieber in diesen Bereichen, als bestimmten Strömungen der Moderne - oder auch des Barock und der (Früh-)Klassik - nachzuspüren. Absolut gesehen würde ich deshalb Gernsheim aber nicht überbewerten.

Viele Grüße
Frank

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