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Christian B.

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31

Montag, 4. November 2013, 20:17

Von Emil Gilels gibt es in diesem an Neuerscheinungen ohnehin schon sehr reichen 'Klavierherbst' einige sensationelle neue Liveaufnahmen - über spotify habe ich mir bereits die ICA-Live CD angehört und bin überwältigt von den Brahms Balladen. Das ist so differenziert ausgeleuchtet und inspiriert gespielt, wie man es ganz selten hört. Auch die dritte Chopin Sonate ist eine große Aufnahme mit einem sehr zwingenden Finalsatz. Hier ein Überblick der neuen Mitschnitte:



schon etwas älter:



Grüße,
Christian

Dr. Holger Kaletha

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32

Montag, 4. November 2013, 20:25

Lieber Christian,

den Moskauer Konzertmitschnitt der Brahms-Balladen habe ich auch schon ausgespäht - der gefällt mir weitaus besser als die Studioaufnahme. Wirklich toll! Den Orfeo-Mitschnitt hatte ich noch gar nicht entdeckt! Beide stehen auf meiner Wunschliste! :hello:
Schöne Grüße
Holger

Dr. Holger Kaletha

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33

Donnerstag, 7. November 2013, 16:50

Emil Gilels und Yakov Flier 1941

Auf Youtube entdeckte ich kürzlich dieses faszinierende Video:

http://www.youtube.com/watch?v=SqzcG4ERjqg

Der ganz junge Emil Gilels und Yakov Flier spielen an zwei Klavieren "Navarra" von Albeniz.

Yakov Flier ist wenig bekannt, er war ein wirklich bedeutender Pianist und einflußreicher Lehrer. Zu seinen Schülern zählte u.a. Michail Pletnev.

Schöne Grüße
Holger

Dr. Holger Kaletha

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34

Samstag, 3. Mai 2014, 23:36

Emil Gilels und Günter Wand

Das Zusammenspiel von Günter Wand und Emil Gilels ist wirklich ein glücklicher Moment: Wand ist nicht nur ein überaus einfühlsamer Partner von Gilels, sondern das Orchester besticht durch immer natürliches, höchst differenziertes und in den Motivstrukturen wunderbar rhythmisch schwingendes Spiel. Gilels schafft das Wunder, die Aura des Geheimnisvollen im ersten Satz zu beschwören, ohne von klassischer Klarheit und Schlichtheit ins Romantisieren abzugleiten. Im langsamen Satz beeindrucken beide durch deutliche Phrasierung, Gilels durch eine strebensdynamische Motivbildung. Die Sternstunde ist für mich aber das Finale. Sehr beeindruckend, wie Gilels da die Charaktergegensätze herausarbeitet: Mal zart beschwingt, mal zuschlagend. Ein ganzes Füllhorn von musikalischen Charakteren wird ausgeschüttet. Das Finale wird so zu wahrlich „reicher“ Musik. Wand und Gilels scheinen sich blind zu verstehen. Da stimmt die „Chemie“ zwischen beiden vollkommen. Sehr beeindruckend!

Schöne Grüße
Holger

Don_Gaiferos

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35

Sonntag, 19. Oktober 2014, 10:54

98. Geburtstag




http://archiv.emilgilelsfoundation.net/cd-kaufen/

Am heutigen Tag wäre Emil Gilels 98 Jahre alt geworden. In diesem Zusammenhang sei auch auf zwei Einspielungen verwiesen, die über die Emil-Gilels-Foundation erworben werden können, auf die Holger dankenswerter Weise in diesem Thread hingewiesen hat.

Zudem wird es in Freiburg, wie auch in diesem Jahr, ein Gilels-Festival geben: 2016 sieht das Programm wie folgt aus:

DRITTES EMIL GILELS FESTIVAL

14. – 19. März 2016

zum 100. Geburtstag von EMIL GILELS

in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik Freiburg



KONZERTE

14.03.2016 – Grigory SOKOLOV

17.03.2016 – András SCHIFF

19.03.2016 – Evgeny KISSIN




MEISTERKURS

14. – 15.03.2016 – Robert LEVIN

16. – 17.03.2016 – Lilya ZILBERSTEIN

18. – 19.03.2016 – András SCHIFF



VORLESUNG

15.03. 2016 – Vorlesung von Robert LEVIN

Beethoven: der erste moderne Komponist


AUSSTELLUNG ZU EMIL GILELS

Dies scheint mir sehr veheißungsvoll zu klingen; ich werde es auf jeden Fall vormerken.

William B.A.

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36

Mittwoch, 14. Oktober 2015, 00:02


Heute möchte ich an Emil Gilels Todestag erinnern.


Einer der größten Pianisten des 20. Jahrhunderts ging vor 30 Jahren für immer von uns.


Ich habe aus diesem Anlass eine Aufnahme ausgewählt, die ich noch gestern Abend bzw. gestern Nacht besprochen habe:



Wer die Besprechung lesen möchte, wird hier fündig: Beethoven: Klaviersonate Nr. 28 A-dur op. 101, CD-Rezensionen und Vergleiche (2015)

Liebe Grüße

Willi :)
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

Tobias C.B.

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37

Donnerstag, 28. Januar 2016, 12:38

Emil Gilels Festival und Emil Gilels Foundation vermelden heute, daß ab sofort eine weitere CD mit bislang unveröffentliichten Aufnahmen von Gilels erhältlich ist. Es handelt sich um Studioaufnahmen mit Werken von Johann Sebastian Bach aus den Jahren 1948 bis 1964. Weitere Details und die Möglichkeit, die CD zu bestellen, finden sich per Klick auf das CD-Cover:


Prima con brio || Plattenschrank

Dr. Holger Kaletha

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38

Donnerstag, 28. Januar 2016, 13:03

Danke, lieber Tobias! Die Chopin-Preludes habe ich, das ist schlicht überwältigend! Die Duo-Aufnahmen mit Yakov Flier muß man natürlich auch haben (ich kenne bisher nur ein Youtube-Video), ebenso wie den Bach. Flier war ein großartiger Pianist - Jude wie Gilels übrigens (was man bei dem üblen Antisemitismus in Rußland leider durchaus erwähnen muß, in Lazar Bermans Autobiographie gibt es darüber ein ganzes Kapitel) - und sehr einflußreicher Lehrer u.a. von Mikhael Pletnev.

Schöne Grüße
Holger

Christian B.

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39

Donnerstag, 28. Januar 2016, 17:17

Emil Gilels Festival und Emil Gilels Foundation vermelden heute, daß ab sofort eine weitere CD mit bislang unveröffentliichten Aufnahmen von Gilels erhältlich ist. Es handelt sich um Studioaufnahmen mit Werken von Johann Sebastian Bach aus den Jahren 1948 bis 1964.

Leider stimmt das nur bedingt, nur ein Track auf der CD war bisher nicht veröffentlicht (BWV 90). Die Partita und frz. Suite finden sich bspw. hier:



Trotzdem vielen Dank für den Link zu dieser interessanten Facebook-Seite! Das schöne Gilels-Porträt dort kannte ich noch gar nicht! Das Interview mit Sawallisch ist eine Perle (über Gilels Schumann-Tempi!).


Viele Grüße,

Christian

Christian B.

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40

Donnerstag, 28. Januar 2016, 19:54

Sawallisch erzählt in dem oben verlinkten Interview so wunderbar über Gilels' langsame Schumann-Tempi. Nur zu gerne hätte ich gehört, wie die beiden das Klavierkonzert gespielt haben. Auch wird mir nicht ganz klar, ob sich Sawallisch letzlich auf seine ungewöhnlichen Tempi eingelassen hat? Dabei gibt es mit Gilels keine einzige Aufnahme des Schumann-Konzerts, oder täusche ich mich da? Nur auf youtube wird man fündig:
https://www.youtube.com/watch?v=oJJJUXiN8nU

Viele Grüße,
Christian

Dr. Holger Kaletha

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41

Donnerstag, 28. Januar 2016, 21:57

Dabei gibt es mit Gilels keine einzige Aufnahme des Schumann-Konzerts, oder täusche ich mich da? Nur auf youtube wird man fündig:

Lieber Christian,

da werde ich gleich meinen Freund L. fragen, der hat schlechterdings alles, was es von Gilels gibt und muß es wissen! :) Das tolle Sawallisch-Interview ist ein Ausschnitt aus dem Gilels Portrait-Film, den ich vor urlanger Zeit im Fernsehen gesehen habe (gibt es auch bei Youtube meine ich)! :hello:

Hier zu sehen Gilels und Flier mit Albeniz Navarra. Ein eindrucksvolles Dokument!



Das Schumann-Konzert gibt es auch bei Youtube - Konzert aus Moskau (später Gilels langsam! :) ):



Herzlich grüßend
Holger

WoKa

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42

Donnerstag, 28. Januar 2016, 22:23

"Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."

Victor Hugo

Dr. Holger Kaletha

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43

Donnerstag, 28. Januar 2016, 22:39

Hier noch ein anderes Video:



:hello:

Christian B.

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44

Freitag, 29. Januar 2016, 13:04


Vielen Dank für den Hinweis auf diese Aufnahme! Es gibt noch eine weitere Aufnahme von op. 54 mit Karl Böhm, habe ich inzwischen herausgefunden (in einer 4er Box des Labels ANDANTE). Dieses russische Label VISTA VERA war mir aber völlig unbekannt. Großartig ist auch, dass es da noch eine unbekannte Live-Aufnahme von 1979 aus LA gibt - mit dem Carnaval! Gilels hat ihn ja mal in der 50ern gespielt (in der Brilliant Box veröffentlicht), aber ich wusste nicht, dass er sich so spät noch einmal dem Zyklus zugewandt hat. Habe ich gleich bestellt :-)

Viele Grüße,

Christian

Christian B.

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45

Freitag, 29. Januar 2016, 15:06

In dieser Box findet sich die Gilels/Böhm-Einspielung des Klavierkonzerts von Robert Schumann:



Viele Grüße,

Christian

Dr. Holger Kaletha

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46

Dienstag, 30. August 2016, 10:00

Emil Gilels im Opernhaus von Seattle 1964



Diese Veröffentlichung ist ein Glücksfall! Sie zeigt nämlich, was Gilels im Konzert verkörperte und die Studioaufnahmen nur schwer vermitteln können: die „Kraft“ und große Macht seines Spiels. Vor allem bei der „Waldsteinsonate“, dem Inbegriff der überragenden Qualitäten seines Beethoven-Spiels, demonstriert er seine Ausnahmestellung. Nicht nur, dass man kaum glauben kann, mit welchem abenteuerlichen Tempo er die Oktav-Glissandi und die darauf folgende Trillerpassage bewältigt, das wahrlich Große ist, dass „Kraft“ sich bei Gilels vereint mit übergroßer Sensibilität, ja Zerbrechlichkeit. Wer Gilels im Konzert erleben konnte, wird seine fast schon bäuerliche Statur mit Riesenhänden in Erinnerung haben. Aber anders als die „Deutschen“ ist seine Wucht nie derb und burschikos unsensibel. Derbheit poltert, ist nicht biegsam, sondern steif. Die ungeheure Kraft bei Gilels dagegen zeigt sich höchst beweglich, flexibel, ein Ausschütten von Fülle des Lebens, die im einen Moment mächtig auftrumpfend schon im nächsten die zartesten Töne hervorbringen kann. Besonders eindrucksvoll belegen dies die Chopin-Variationen – ein Virtuosenstück des 17jährigen, das bei anderen Pianisten nichts wäre als brillantes Tastengeklingel. Gilels dagegen verleiht dem Stück Leben mit Saft und Kraft, eine volltönende Fülle, die sich jedoch höchst sensibel beweglich vom einen zum anderen Augenblick verwandeln kann in betörende Zartheit und Leichtigkeit. Man braucht nicht hervorzuheben, dass Gilels´ klassischer Geist mit seiner Klarheit dieses Stück adelt zum Abbild jugendlicher Lebendigkeit und wohlgeformter Ausdruckskraft. Und wer könnte es wagen, auf frühen Chopin ausgerechnet Prokofieffs maschinenhafte 3. Klaviersonate folgen zu lassen? Die Antwort lautet: Gilels! Da ist sie, die pure Energie einer Seele, die ihre romantischen Neigungen negieren kann, ihre eigenen Grenzen zu überschreiten vermag, weil sie über die nötige innere Weite verfügt. Debussy rückt Gilels in die Nähe von Prokofieff, was die Modernität dieser Musik unmissverständlich klar macht: sie gehört ins 20. und nicht ins 19. Jahrhundert. Und dass er der beste Interpret von Prokofieffs Visions fugitives war, die er leider nie komplett aufgenommen hat, zeigt er auch hier. Kein Wunder! Denn in höchster Konzentration und Knappheit wird eben jene sensible Beweglichkeit verlangt, von elementarer Kraftentfaltung zu mystischer Zartheit von einem Moment zum anderen gleichsam umzuschalten. Und ein wirkliches Wunder an Dämonie und Ausdrucksfähigkeit ist Ravels Alborada del gracioso – Gilels macht daraus eine bittere Tragödie, „spanischer“ kann man das wahrlich nicht spielen! Von Anfang bis Ende ist dieser denkwürdige Abend einfach nur beeindruckend! :)

Schöne Grüße
Holger

Christian B.

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47

Sonntag, 11. September 2016, 22:22

Vielen dank für Deine Besprechung, Holger! Was für eine Konzert! Ich war von der Waldstein-Sonate so beeindruckt, dass ich sie mir gleich zweimal und den dritten Satz dreimal hintereinander angehört habe. Ich konnte nicht fassen, was hier alles passiert. Bemerkenswert ist im dritten Satz ja wirklich das Tempo, Gilels ist viel schneller als in der Studio-Aufnahme und wenn er dann noch einmal das Tempo anzieht, muss ich den Atem anhalten, so spannend ist das. Es dürfte eine der schnellsten Aufnahmen des Satzes überhaupt sein. Aber wie Du schreibst, ist sein kraftvolles Spiel eben gleichzeitig von großer Eleganz und Sensibilität. Zu den anderen Stücken bin ich noch gar nicht vorgedrungen. Nur schade, dass die erste Chopin-Ballade fehlt, die hat wohl nicht mehr auf die CD gepasst. Die DG sollte sie zumindest Online für Käufer zur Verfügung stellen, da sind andere Labels weiter.

Viele Grüße,
Christian

Nachtrag: Ich sehe soeben, dass Gilels in London (BBC Legends) den dritten Satz ähnlich schnell gespielt hat! Willi hat diese Aufnahme ja auch besprochen, ich muss sie noch einmal im Vergleich hören.

William B.A.

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48

Montag, 12. September 2016, 00:32

Nach alledem, was ich bisher über die Aufnahme gelesen habe, werde ich wohl noch ein wenig warten, bevor ich sie mir anschaffe. Bevor Holger dankenswerterweise diese Aufnahme aufgetan hat, hatte ich allerdings schon drei Waldstein-Aufnahmen Gilels hier in diesem Thread besprochen, und zwar die Studio-Aufnahme von 1972, das denkwürdige Konzert aus Ossiach 1971 und die Aufnahme aus London vom 17. März 1968.
Und es kann überhaupt keine Rede davon sein, lieber Christian, dass die Seattle--Aufnahme um so vieles schneller sei als die Studio-Aufnahme (Es sind nur 17 Sekunden).
Nach meinen Aufzeichnungen ergeben sich folgende Vergleichszeiten:

1964 (Seattle).: 10:33 - 3:20 - 9:02 --- 22:54 min.;
1968 (London): 10:46 - 3:49 - 8:56 --- 23:31 min.;
1971 (Ossiach): 11:00 - 4:19 - 9:35 --- 24:54 min.;
1972 (Berlin)...: 11:04 - 4:38 - 9:19--- 25:01 min.;

Was wir wohl sehen, ist eine bei Gilels gar nicht so seltene Zunahme der Spielzeit des langsamen Satzes mit zunehmendem Alter. Aber sie geht nach meinen Erkenntnissen einher mit einer Zunahme der musikalischen Tiefe. Das gilt übrigens auch für das hier beschworene Allegro moderato, also kein besonders schneller Satz (bis zum Presto).
Was ja noch viel interessanter ist, ist die Differenz aller Sätze vom Schnellsten bis zum Langsamsten, und da haben wir im ersten Satz eine Differenz von 31 Sekunden, im zweiten Satz eine Differenz von 88 Sekunden und im in Rede stehenden Finale eine Differenz von 39 Sekunden.
Dabei ist zu beachten, dass er im Kopfsatz praktisch keinerlei temporale Auffassungsunterschiede zeitigt, interessanterweise sind diese im kürzesten Satz am größten, und in der Tat ist im Finale nicht die Aufnahme aus Seattle am schnellsten, sondern die aus London.
Für mich sind aus nachvollziehbaren Gründen die beiden Aufnahmen aus Ossiach und Berlin am überzeugendsten. Die Live-Aufnahme aus Ossiach scheint mir unvergleichlich.
Man muss beim Tempo des Finales auch immer die Satzbezeichnung im Fokus haben, und die lautet nun einmal Allegro moderato für den größten Teil.

Liebe Grüße

Willi :)
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Christian B.

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49

Montag, 12. September 2016, 19:08

Lieber Willi,

wenn man schon drei Aufnahmen einer Sonate von einem Pianisten hat, ist eine vierte Aufnahme unter normalen Umständen gewiss verzichtbar. Aber bei Gilels ist das natürlich anders. Ich konnte jedenfalls nicht widerstehen und außerdem habe ich die Aufnahme aus Ossiach nicht, da es sich um eine DVD handelt und der Ton von DVDs nach Überspielen auf eine Anlage oder einem Computer zumeist sehr bescheiden ist.

Tatsächlich ist Gilels im dritten Satz doch in Seattle am schnellsten, er ist bei 8:40 fertig, der Rest ist Applaus. Da haben sich meine Ohren also nicht getäuscht ;)
Gegenüber der etwas dumpfen Aufnahme aus London ist dieser Mitschnitt brillianter und fängt das gewaltige Klangvolumen seines Spiels etwas besser ein. Die BBC-Legends-Aufnahmen sind ja leider alle eher dumpf und hallig. So schade. Das Prestissimo in Seattle ist einfach sensationell, nicht nur wegen der Glissando-Stelle.

Viele Grüße,
Christian

William B.A.

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50

Dienstag, 13. September 2016, 18:15

Mein Zögern bei der Anschaffung dieser Aufnahme, liebe Christian, ist zunächst dieser Rezension zu verdanken:

https://www.amazon.de/Seattle-Recital-Gi…customerReviews

Kannst du etwas dazu sagen?

Liebe Grüße

Willi ?(
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Christian B.

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51

Dienstag, 13. September 2016, 21:08

Der Klang ist gewiss nicht ideal, es handelt sich ja wohl um eine private Aufnahme. Das Klavier ist weiter weg und auch etwas leise. Aber den Klavierklang an sich finde ich besser und brillianter als bspw. bei den dumpfen BBC-Legends-Aufnahmen. Ich habe immer noch nicht die ganze CD durchgehört, nur den Beethoven und das mir bislang unbekannte Stück von Chopin. Letzteres ist ein richtiges Virtuosen-Stück, aber wie schon Holger schrieb, spielt es Gilels mit hinreißender Eleganz! Aber Du wirst dir bestimmt bald selber davon einen Eindruck verschaffen können ;)

Viele Grüße, Christian

William B.A.

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52

Mittwoch, 14. September 2016, 01:48

Schönen Dank, lieber Christian, für die Übersendung. Der Klang ist ja doch mehr als akzeptabel, und die Interpretation ist, wie ich das auf die Schnelle auf mich wirken lassen konnte, außerhalb jeder Diskussion. Mal schauen, ob ich sie demnächst dazwischen schieben kann.
So, jetzt muss ich aber ins Bett, weil ich am Vormittag einige Implantate in den Unterkiefer verpflanzt bekomme.

Liebe Grüße

Willi :)
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William B.A.

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Mittwoch, 19. Oktober 2016, 19:44

Emil Gilels zum 100. Geburtstag

19. Oktober 2016:

Emil Gilels,
* 19. 10. 1916 - + 14. 10. 1985, war ein russischer Pianist:




Gilels wurde im damaligen Russischen Reich in Odessa als Sohn von Esfir und Grigori Gilels geboren. Beide Elternteile gehörten zur großen jüdischen Gemeinde in Odessa.[1] Mit sechs Jahren begann er Klavier zu spielen. 1930 begann er am Konservatorium in Odessa Klavier zu studieren. Er gewann 1933 den ersten Preis beim neu gegründeten sowjetischen Musikwettbewerb. Nach dem Studium in Moskau bei Heinrich Neuhaus gewann er 1938 den Concours Musical Reine Elisabeth in Brüssel, wo er sich u. a. gegen Arturo Benedetti Michelangeli durchsetzte.
Sergei Prokofjew widmete Emil Gilels 1942 seine 8. Klaviersonate, die Gilels uraufführte.
Als einer der ersten sowjetischen Künstler debütierte er 1955 mit dem ersten Klavierkonzert Tschaikowskis in den USA. Im Unterschied zu vielen anderen sowjetischen Künstlern, die Auslandsaufenthalte dazu nutzen aus der Sowjetunion zu emigrieren, kehrte Gilels immer wieder dorthin zurück.[1]
Im Zentrum seines umfassenden Repertoires standen die Wiener Klassiker sowie Werke von Schumann, Brahms, aber auch Kompositionen der Barockmusik und des 20. Jahrhunderts. So entwickelte er gemeinsam mit Gidon Kremer und Lazar Gosman als Mitglied des Leningrader Kammerorchesters Aufarbeitungen von mehr als 200 Werken der Kammermusik, darunter Stücke von Dmitri Schostakowitsch und Benjamin Britten. Das internationale Emil-Gilels-Gedenkprojekt der Emil Gilels Foundation im Internet gewährt Einblicke in das Leben und Wirken des Musikers. Die Emils Gilels Foundation wird im zweijährlichen Rhythmus ein Emil Gilels Festival veranstalten. Das erste fand vom 26. bis 31. März 2012 in Freiburg statt.

Heute ist Emil Gilels' 100. Geburtstag.


Wesentlich mehr über Emil Gilels gibt es hier: http://www.emilgilels.com/

Liebe Grüße

Willi :)

https://de.wikipedia.org/wiki/Emil_Gilels
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
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Dr. Holger Kaletha

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54

Mittwoch, 19. Oktober 2016, 20:06

Was für ein denkwürdiger Tag! :hello:

Liebe Grüße
Holger

William B.A.

Erleuchteter

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55

Mittwoch, 19. Oktober 2016, 22:48

Ausnahmsweise, bzw. aus gegebenem Anlass, möchte ich auch an dieser Stelle auf meine heutige Rezension von Emil Gilels Einspielung der Klavier-Sonate Nr. 3 C-dur op. 2 Nr. 3 von Ludwig van Beethoven verweisen:

Beethoven, Klaviersonate Nr. 3 C-dur op. 2 Nr. 3 CD-Rezensionen und Vergleiche (2016)

Liebe Grüße

Willi :)
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

Dr. Holger Kaletha

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56

Mittwoch, 19. Oktober 2016, 23:22

Eine wunderbare Aufnahme von Gilels, gespielt mit "russischer Seele", die ich immer wieder gerne höre und auch zu seinem 100. eben gehört habe:



Schöne Grüße
Holger

hasiewicz

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57

Mittwoch, 19. Oktober 2016, 23:29

gespielt mit "russischer Seele"


Die "russische Seele" ist eine Phrase, die in Flauberts Wörterbuch der Gemeinplätze gehört. Was soll das sein? Es gibt das Individuum Emil Gilels, genauso wie das Individuum Svjatoslav Richter. Es mag auch noch eine pianistische Tradition geben, aus der sie kommen, aber schon die beiden klingen sehr unterschiedlich. Aber was soll diese "russische Seele" sein, und warum spricht man dann nicht von "tschechischer Seele", "amerikanischer Seele" etc. Genau - weil es Nonsens ist - eine Projektion von Klischees.

Dr. Holger Kaletha

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58

Mittwoch, 19. Oktober 2016, 23:50

gespielt mit "russischer Seele"


Die "russische Seele" ist eine Phrase, die in Flauberts Wörterbuch der Gemeinplätze gehört. Was soll das sein? Es gibt das Individuum Emil Gilels, genauso wie das Individuum Svjatoslav Richter. Es mag auch noch eine pianistische Tradition geben, aus der sie kommen, aber schon die beiden klingen sehr unterschiedlich. Aber was soll diese "russische Seele" sein, und warum spricht man dann nicht von "deutscher Seele", "amerikanischer Seele" etc. Genau - weil es Nonsens ist.
Das sehe ich nicht so. Die "russische Seele" ist nicht zuletzt ein literarischer Topos - Gogols "Taras Bulba" ist dazu ein klassisches Beispiel. Und was meint ein Vladimir Ashkenazy wohl, wenn ersagt, Rachmaninow sei der russischste aller russischen Komponisten? Was die "russische" Seele ist, merkt man z.B., wenn manche Pianisten Russisches spielen, was einfach nicht russisch klingt. Der Begriff "deutsche Seele" ist ja auch bemüht worden - z.B. von Rudolf Steiner. Das ist natürlich nationalistisch gefärbt. Klar.

Schöne Grüße
Holger

hasiewicz

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59

Donnerstag, 20. Oktober 2016, 00:07

gespielt mit "russischer Seele"


Die "russische Seele" ist eine Phrase, die in Flauberts Wörterbuch der Gemeinplätze gehört. Was soll das sein? Es gibt das Individuum Emil Gilels, genauso wie das Individuum Svjatoslav Richter. Es mag auch noch eine pianistische Tradition geben, aus der sie kommen, aber schon die beiden klingen sehr unterschiedlich. Aber was soll diese "russische Seele" sein, und warum spricht man dann nicht von "deutscher Seele", "amerikanischer Seele" etc. Genau - weil es Nonsens ist.
Das sehe ich nicht so. Die "russische Seele" ist nicht zuletzt ein literarischer Topos - Gogols "Taras Bulba" ist dazu ein klassisches Beispiel.
Es geht hier ja nun eigentlich um Musik - aber wenn wir nun schon bei der Literatur sind: Wenn man den (exil-russischen) Schriftsteller Nabokov liest (vielleicht auch seine Gogol-Biographie), wird man wahrnehmen, wie er sich über das Klischee der "rrrusischen Sääääle" herzlich amüsiert und es mit dem Wort "poschlost" (russisch für "spiessig") abtut.


Und was meint ein Vladimir Ashkenazy wohl, wenn ersagt, Rachmaninow sei der russischste aller russischen Komponisten?


Keine Ahnung. Ein Aperçu ist ein Aperçu ist ein Aperçu. Wenn man das über Peter I. Tschaikowski sagen würde oder über Dmitri Schostakowitsch, würde es genauso wahr oder belanglos klingen.


Was die "russische" Seele ist, merkt man z.B., wenn manche Pianisten Russisches spielen, was einfach nicht russisch klingt.


Merkwürdig nur, dass die meistsgepielte Version von Mussorgskis Bildern einer Ausstellung die Orchestierung von Ravel ist. Russische Seele, sponsored by France?

Dr. Holger Kaletha

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Donnerstag, 20. Oktober 2016, 00:23

Es geht hier ja nun eigentlich um Musik - aber wenn wir nun schon bei der Literatur sind: Wenn man den (exil-russischen) Schriftsteller Nabokov liest (vielleicht auch seine Gogol-Biographie), wird man wahrnehmen, wie er sich über das Klischee der "rrrusischen Sääääle" herzlich amüsiert und es mit dem Wort "poschlost" (russisch für "spiessig") abtut.
Das ist doch klar, dass solche Vorstellungen, die dem Nationalismus des 19. Jhd. entsprungen sind, dann gerne von den Nationalismuskritikern als Klischees entlarvt werden. Man kann das aber auch als Beschreibung einer besonderen kulturell und lebensweltlich geprägten Mentalität verstehen, die natürlich auch literarisch konstruiert wurde. Aber das gilt für die "Naturbegeisterung" des 18. Jhd. genauso. Wenn ich von der "russischen Seele" bei Gilels oder Richter spreche, weiß ich jedenfalls, was ich meine. Ich habe "russische Seele" aber in Anführungszeichen gesetzt...

Merkwürdig nur, dass die meistsgepielte Version von Mussorgskis Bildern einer Ausstellung die Orchestierung von Ravel ist. Russische Seele, sponsored by France?
Vladimir Ashkenazy meinte, dass Ravels Orchestrierung nicht russisch genug sei und komponierte deshalb eine sehr hörenswerte eigene Orchesterfassung, die in der Tat viel russischer klingt als Ravel! (Auch Ashkenazy bestreitet natürlich nicht, dass Ravels Orchestrierung (mit etlichen Fehlern allerdings!) genial ist.)



Schöne Grüße
Holger