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MSchenk

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  • »MSchenk« ist männlich
  • »MSchenk« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 2 709

Registrierungsdatum: 5. März 2011

1

Donnerstag, 20. September 2018, 20:43

16.09.2018 (Staatsoper Hamburg) Wolfgang Amadeus Mozart "Così fan tutte"

Fiordiligi - Maria Bengtsson
Dorabella - Stephanie Lauricella
Guglielmo - Kartal Karagedik
Ferrando - Oleksiy Palchykov (für Dovlet Nurgeldiyev)
Despina - Sylvia Schwartz
Don Alfonso - Pietro Spagnoli

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg unter der musikalischen Leitung von Sébastian Rouland;
Inszenierung und Bühnenbild Herbert Fritsch, Kostüme Victoria Behr, Licht Carsten Sander.

(3.Vorstellung seit der Premiere am 8.September 2018)

Nach einer gelungenen Neuproduktion von Le nozze di Figaro (Inszenierung Stefan Herheim, Saison 2015/16; siehe hier und hier), sowie einer szenisch eher schwächeren Zauberflöte (Inszenierung Jette Steckel, Eröffnungspremiere Saison 2016/17; siehe hier) nun als Eröffnungspremiere der Saison 2018/19 Mozarts als Dramma giocoso überschriebene dritte und letzte Da Ponte-Oper Così fan tutte in Szene gesetzt von Schauspielregisseur Herbert Fritsch.

Diese Inszenierung lediglich als farbenfroh zu bezeichnen wäre reinste Untertreibung, eher ist hier wohl das Adjektiv quietschbunt angebracht! Die gesamte Szene im Einheitsbühnenbild uneinheitlicher Farbe, überall verteilt geometrische Blöcke und als einziger realer Gegenstand ein Cembalo, welches von Rupert Burleigh aus dem Orchestergraben virtuos und einfallsreich "bedient" wird. Ebenso bunt und einfallsreich die Kostüme von Victoria Behr, nur die tatsächlichen "Verkleidungen" der Offiziere Guglielmo und Ferrando in schwarz (keine Farbe) und weiß (alle Farben):



Und so, wie diese Produktion optisch ein echter "Hingucker" ist, war dieser Abend musikalisch ein ebensolcher "Hinhörer". Besonders beeindruckend die Sopranistin Maria Bengtsson, der insbesondere die beiden großen seria-Arien "Come scoglio immoto resta" und "Per pietà, ben mio, perdona" ganz ausgezeichnet gelangen. Ihre Stimme strömte frei heraus und war auch im feinsten Piano bis in den vierten Rang gut zu vernehmen. Den expressiv-dramatischen Kontrast lieferte Stephanie Lauricellas Dorabella. Kartal Karagedik gab einen virilen Guglielmo. Lediglich Oleksiy Palchykov wirkte in Ferrandos Arie "Un'aura amorosa del nostro tesoro" etwas rauh. Im ganzen aber gebührt ihm vor allem als Einspringer großes Lob: in der zweiten Vorstellung zog sich Nurgeldiyev bereits sehr früh eine Knieverletzung zu und der im Publikum anwesende Palchykov übernahm stante pede. Als nicht nur virtuos singender Bariton, sondern auch ausgezeichneter Schauspieler erwies sich Pietro Spangnoli als Don Alfonso. In einem leuchtend roten Kostüm dirigierte er im wahrsten Sinne des Wortes das von ihm angezettelte "Bäumchen-wechsel-Dich"-Spiel. Ihm zu Seite stand ebenfalls in tiefes rot gewandet Sylvia Schwartz als frech aufspielende Despina. Sébastian Rouland leitete im erhöhten Graben das klein besetzte Philharmonische Staatsorchester mit Umsicht und Feingefühl. Sänger und Orchester gaben sich sehr gut aufeinander abgestimmt.

(Alle Links zuletzt aufgerufen am 20.09.2018)
mfG Michael

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  • »Ralf Reck« ist männlich

Beiträge: 222

Registrierungsdatum: 23. November 2013

2

Donnerstag, 27. September 2018, 00:12

Einige ergänzende Gedanken anlässlich 6. Vorstellung dieser Neuinszenierung am 26.09.2018

Cosi fan tutte war die erste Oper, die ich mit etwa 16 Jahren in der Hamburgischen Staatsoper sah. Sie gefiel mir überhaupt nicht, es gab kein Drama, nahezu keinen Chor, sondern nur eine höchst unglaubwürdige Verwechslungsgeschichte. Mit der Zeit fand ich Gefallen an der Musik, vor allem an den beiden Arien Fiordiligis und der Liebesarie Ferrandos, eine der schönsten für lyrischen Tenor komponierten Arien überhaupt, und begann auch die Handlung besser zu verstehen. Mozarts Oper ist ja nicht naturalistisch gemeint, sondern zeigt die Wechselhaftigkeit der Liebesbeziehungen, wie sie im alltäglichen Leben auch stattfindet, nur nicht in dieser komprimierten Form. Eigentlich erinnere ich mich nur an die wunderschöne Inszenierung von Marco Arturo Marelli, die ich seit 1991 insgesamt etwa zehnmal gesehen habe. Das Bühnenbild zeigte um eine flache Schale, in der gespielt wurde, herumziehend einen Prospekt des Golfs von Neapel. In der Schale bauten sich mit Zunahme der Verwirrungen immer mehr Mauerstücke auf, auch ließ ein Bühnenvorhang mal mehr und mal weniger einen Blick auf den Prospekt zu. Wer hat in dieser Inszenierung nicht alles Fiordiligi (Karita Mattila, Charlotte Margiono, Soile Isokoski, Brigitte Hahn und Hellen Kwon) oder Ferrando gesungen (Rainer Trost, Kurt Streit und zuletzt Dovlet Nurgeldiyev). Nurgeldiyev sang jetzt auch die Premiere dieser Neuinszenierung von Herbert Fritsch, leider nicht am gestrigen Abend, sein Part war von Oleksiy Palchykov übernommen worden, der mir mit etwas zu wenig Schmelz und Herzblut in der Stimme sang und die Rolle gesanglich fast heldentenoral anlegte. Seine große Arie klang mir eher, als ob Siegfried seiner Brünnhilde die Liebe gesteht. Ansonsten wurde von allen gut gesungen, sehr schönstimmig von Maria Bengtsson (Fiordiligi), aber auch von Ida Aldrian, die für die erkrankte Stephanie Lauricella als Dorabella eingesprungen war, sowie von Kartal Karagedik (Guglielmo), Sylvia Schwartz (Despina) und Pietro Spagnoli (Don Alfonso).

Mit der Inszenierung konnte ich mich zunächst nicht anfreunden, die Ausstattung und die Kostüme waren quietschbunt, wie MSchenk bereits schrieb, den 1970er Jahren verwandt, die Personenregie ein Mittelding zwischen Marionettentheater (geführt von Don Alfonso), Circusclownerie und Slapstick. Der schauspielerische Einsatz der Sängerinnen und Sänger war aber präzische aufeinander abgestimmt, auch die Mimik betreffend, so dass man sich mit der Zeit daran gewöhnte. Beim Publikum kam diese kasperletheaterartige Inszenierung offenbar gut an, zumindest gab es in dieser 6. Vorstellung seit der Premiere vor genau einem Monat immer noch langanhaltenden Beifall für das Ensemble und den Dirigenten des Philharmonischen Staatsorchesters Sebastien Rouland.
Oper lebt von den Stimmen, Stimmenbeurteilung bleibt subjektiv