Sie sind nicht angemeldet.


JPC Amazon

AMATEURVIDEO-FILMFORUM-WIEN

Lieber Besucher, herzlich willkommen bei: Tamino Klassikforum. Falls dies Ihr erster Besuch auf dieser Seite ist, lesen Sie sich bitte die Hilfe durch. Dort wird Ihnen die Bedienung dieser Seite näher erläutert. Darüber hinaus sollten Sie sich registrieren, um alle Funktionen dieser Seite nutzen zu können. Benutzen Sie das Registrierungsformular, um sich zu registrieren oder informieren Sie sich ausführlich über den Registrierungsvorgang. Falls Sie sich bereits zu einem früheren Zeitpunkt registriert haben, können Sie sich hier anmelden.

chrissy

Prägender Forenuser

  • »chrissy« ist männlich
  • »chrissy« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 3 742

Registrierungsdatum: 20. Oktober 2010

1

Mittwoch, 21. März 2018, 20:22

Giacomo Puccini "La Boheme" - eine tolle, gelungene Premiere in Liberec /Reichenberg


Zitat La Roche
(aus einem anderen Thread):
Nicht in ein und derselben Inszenierung, aber ein variantenreicheres Theater, dafür stehe ich ein, dafür steht Gerhard ein uva.
Ich will nicht nach Liberec fahren, um eine Oper so zu sehen, wie es Chrissy kann!

Das solltest Du aber, lieber La Roche, wenn Du wieder mal ein vernünftiges, akzeptables und rundum hochqualitatives, beglückendes Theatererlebnis genießen möchtest.
Und ich weiß und bin mir sicher - Du würdest das auch machen, leider ist die Entfernung zu groß!
Dies nur als kurzes Vorwort - nun zum eigentlichen Thema, zur Premiere von "La Boheme".

Diese war bereits am 9. März und aus Zeit - und pers. (Forums -) Gründen, komme ich erst jetzt dazu, von dieser Premiere zu berichten und ich sage -

Herzlich willkommen im Klub "Freunde der ital. Oper":

Bis auf wenige freie Plätze in den beiden oberen Logen, war das Haus ausverkauft. Wir hatten prima Plätze in der Mitte der 2. Reihe im 2. Rang mit bester Sicht auf alles.
Die Verfechter und "überzeugten Anhänger von modernem Regietheater" behaupten ja immer, wir, die Traditionalisten für werkgetreue Wiedergabe einer Oper,
wollen immer nur dasselbe sehen, wie einen Film oder eine DVD, und verschließen und sperren uns gegen neue Ideen.
Das ist natürlich völliger Unsinn - wichtig ist selbstverständlich, daß der Grundgedanke, das Konzept erhalten und erkennbar bleibt und es keine Verunstaltung ist!
Und so hat sich auch hier die junge Regisseurin Linda Keprtova (34) eine in manchem neue Gestaltung und Sichtweise einfallen lassen
und doch das Werk in allem erkennbar gelassen.

Zu den ersten Takten öffnet sich der Vorhang und gibt den Blick frei auf einen kargen Raum, ausgestattet mit der Malstaffelei, ein paar Stühlen,
einem Tischchen und einem kleinen eisernen Ofen.
Während Rodolfo und Marcello in ihrem Handlungsablauf agieren, wird im Hintergrund eine "Cafe - Sitzecke" angestrahlt mit Tischen und Stühlen,
an denen acht gut gekleidete Personen unbeweglich und stumm sitzen. Das Ganze ist eingefaßt von einem riesigen Bilderrahmen.
Zugegeben, es stört nicht, aber der Sinn, warum das schon im 1. Bild zu sehen ist, erschließt sich mir nicht ganz.
Ich könnte es mir höchstens so erklären, daß es einen bewußt dargestellten Kontrast zur ansonsten ärmlichen Behausung darstellen soll.
Bühnentechnisch hat es natürlich einen Vorteil, weil im 2. Bild der große Rahmen einfach hochgeklappt wird und daraus das Cafe Momus entsteht
und im Vordergrund nur noch zusätzlich ein paar Tische und Stühle dazu gestellt wurden.
Und so wird auch im 3. Bild im Hintergrund die Zollschänke daraus. Natürlich fehlte auch in diesem Bild der leicht rieselnde Schnee nicht und vermittelte die kalte Atmosphäre.
Die Kostüme aller Beteiligten waren auch der Zeit der Handlung entsprechend.
Nun komme ich aber zum einzigen, aus meiner Sicht, negativen Kritikpunkt:
Im 4. Bild, wie im 1., der karge Raum. Die todkranke Mimi wird hereingeführt und auf der Bühne steht nur ein einziger Stuhl.
Auf diesen wird sie gesetzt und stirbt auch darauf im Sitzen!
Und da meine ich, das geht gar nicht!!! (es erinnert mich an die Inszenierung der Dresdner Semperoper, wo Mimi auf einer Holzkiste dahin scheidet).
Wenn man mal gedanklich mit der ärmlichen Behausung mitgeht, meine und sage ich, auch Rodolfo schläft ja in der Opern - Handlungsrealität nicht auf einem Stuhl,
sondern er hat ganz sicher ein bescheidenes Bett oder eine Liege. Und das gehört n. m. M. auch unbedingt dazu!
Sehr gut war die Regie betr. der Personenführung. Allen Akteuren war wie gewohnt, eine große Spielfreude anzumerken.
Ihre Aktionen, Gefühle und Beziehungen zueinander, waren immer glaubwürdig und nachvollziehbar.
Selbst die Szenen der "kleinen Partien", wie der Hauswirt Benoit beim beabsichtigten Eintreiben der Miete, oder die Szene im Cafe Momus zwischen Musetta
und ihrem Galan Alcindoro, toll gespielt.
Hervorragend und großartig die Darstellung und Aktionen vom Chor im Cafe Momus und dabei besondere Hochachtung für die Leistung der mitwirkenden Kinder,
die ja den Chor verstärkt haben.

Kommen wir zur musikalischen Darbietung:
Unter dem gewohnt hervorragenden Dirigat von Chefdirigent "Martin Doubravsky" wurde die Interpretation zu einem Genuß,
zu einer perfekten Interpretation ohne Fehl und Tadel. Er ist wohl wirklich ein Spezialist für die ital. Oper.
Er hat das notwendige Gefühl und das Gespür für diese Musik, trifft die jeweiligen Tempi, wie auch die unterschiedlichen Lautstärken.
Das Orchester folgt ihm absolut und hatte einen großartigen, berührenden Klang. Wie immer und auch gewohnt - überaus hervorragend der Chor.
Alle Solisten boten, neben hervorragender Darstellung, ebenfalls eine großartige gesangliche Leistung.
Bei den Solisten der Mimi und des Rodolfo störte mich etwas ein gewisses Tremolieren ihrer Stimmen.
Dafür hatten sie eine sichere Höhe auch bei den Schlußtönen mit hohem C bei der Arie "Che gelida manina" und beim Duett "O soave fanciulla".
Den Rodolfo sang ja eich echter Italiener. Da hatte ich natürlich besonders hohe Erwartungen. Mir fehlte bei ihm ein wenig das Italianita, auch ein wenig Geschmeidigkeit,
Wärme und Gefühl. Aber das ist meinerseits "meckern auf sehr hohem Niveau" und hängt auch mit Erinnerungen und Vergleichen früher erlebter Aufführungen zusammen.
Und bestimmt, oder vielleicht, spielt auch die Premieren - Nervosität eine gewisse Rolle.

Unter´m Strich war es eine überaus gelungene Premiere und ein beglückendes Erlebnis. Es gab viel Szenenbeifall und am Schluß war das Publikum "ganz aus dem Häuschen".
Es gab überaus lang anhaltenden Beifall, Jubeln, Trampeln, z. T. stehende Ovationen und Bravo - Rufe.
Mit vielen, vielen Vorhängen wurden alle Beteiligten, zurecht auch die Regisseurin (!!!), gefeiert.

Mir sind zwar keine neuen Erkenntnisse und Belehrungen vermittelt worden, dafür war es aber ein genußvoller, beglückender Theaterabend.

Danke für Eure Aufmerksamkeit und evtl. Interesse.

CHRISSY

http://www.saldovo-divadlo.cz/program/de…i/r/3654/bohema
Jegliches hat seine Zeit...

Gerhard Wischniewski

Prägender Forenuser

  • »Gerhard Wischniewski« ist männlich

Beiträge: 4 547

Registrierungsdatum: 7. April 2011

2

Mittwoch, 21. März 2018, 21:27

Lieber Crissy,

vielen Dank für deine ausführliche Schilderung einer wieder einmal im Großen und Ganzen werkgerechten Inszenierung in Liberec. Auch mir wird nicht ganz klar, warum im ersten Akt bereits die Café-Sitzecke auftaucht. Aber das sind Nebensächlichkeiten. Der Tod auf dem Stuhl ist da wohl noch hinzunehmen, jedenfalls besser als in der Holzkiste oder auf dem kargen Boden regelrecht zu krepieren.
Aber die Oper ist wohl nicht durch eine verfälschende Handlung und durch unnötigen Schnickschnack verunstaltet worden.
Nun noch zu LaRoche: Ich habe ihn anders verstanden: Er wollte sicherlich sagen, ich will nicht nach Liberec fahren müssen, um vernünftige Operninszenierungen sehen zu dürfen, sondern ich erwarte, werkgerechte Aufführungen auch in Deutschland in meiner Nähe erleben zu können, und genauso sehe ich es auch. Wer von uns hat schon die Chance wie du, nach Liberec oder in ein anderes osteuropäisches Land fahren zu können, um noch die unverfälschten Opernhandlungen zu sehen?

Liebe Grüße
Gerhard
Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
(Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

Melomane

Fortgeschrittener

  • »Melomane« ist männlich

Beiträge: 256

Registrierungsdatum: 8. November 2017

3

Donnerstag, 22. März 2018, 11:51

Der Tod auf dem Stuhl ist da wohl noch hinzunehmen, jedenfalls besser als in der Holzkiste oder auf dem kargen Boden regelrecht zu krepieren.


Du meinst also die Mimì in Puccinis/Illicas/Giacosas Stück stirbt einen transzendenten, erhabenen Tod und krepiert nicht an der Schwindsucht?

La Roche

Prägender Forenuser

  • »La Roche« ist männlich

Beiträge: 2 914

Registrierungsdatum: 21. Februar 2012

4

Donnerstag, 22. März 2018, 13:19

ch will nicht nach Liberec fahren, um eine Oper so zu sehen, wie es Chrissy kann!
Lieber Chrissy,

wie Gerhard schon feststellte, meinte ich die Entfernung und den Aufwand, der zu betreiben wäre, wenn wir eine Oper in Liberec sehen möchten. Ohne Übernachtung geht das nicht, und dieser Aufwand ist mir zu hoch.

Ich freue mich für Dich, daß Du Inszenierungen sehen kannst, in denen man eindeutig sehen und hören kann, welche Oper auf dem Programm steht! Nur hören reicht mir nicht, wenn ich live dabei bin. Da müßte es schon Wagner oder Strauss sein!!

Viele Grüße aus Gera, wo es gerade wieder schneit, von La Roche
Ein Gespräch setzt voraus, daß der andere Recht haben könnte. Gadamer


La Roche

Prägender Forenuser

  • »La Roche« ist männlich

Beiträge: 2 914

Registrierungsdatum: 21. Februar 2012

5

Donnerstag, 22. März 2018, 13:25

Du meinst also die Mimì in Puccinis/Illicas/Giacosas Stück stirbt einen transzendenten, erhabenen Tod und krepiert nicht an der Schwindsucht?
Diese Stichelei ist furchtbar. Auch wenn man an Schwindsucht "krepiert" und selbst wenn Mimi finanziell sicher nicht auf Deiner Stufe steht sollte man ihr ein Bett gönnen. Es muß ja kein Himmelbett und kein Boxspringbett sein.

La Roche
Ein Gespräch setzt voraus, daß der andere Recht haben könnte. Gadamer


Siegfried

Prägender Forenuser

  • »Siegfried« ist männlich

Beiträge: 4 708

Registrierungsdatum: 26. Oktober 2005

6

Donnerstag, 22. März 2018, 23:12

Auch in der Dresdener Bohème- Inszenierung, die noch aus DDR-Zeiten stammt, ist der armen Mimi zum Sterben kein Bett vergönnt. Da müssen eine Apfelkiste und ein Klavierdeckel zum Aushauchen ihres Lebens herhalten. Auch nicht schöner als der Stuhl, doch dafür ein vielfach teureres Ticket.
Freundliche Grüße Siegfried

MSchenk

Prägender Forenuser

  • »MSchenk« ist männlich

Beiträge: 2 710

Registrierungsdatum: 5. März 2011

7

Freitag, 23. März 2018, 07:27

Mir sind zwar keine neuen Erkenntnisse [...] vermittelt worden, [...].
Eigentlich ja auch ein bisschen schade, oder? Mir fällt dazu folgende K-Geschichte von Brecht ein: „Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: ‚Sie haben sich gar nicht verändert.‘ ‚Oh!‘ sagte Herr K. und erbleichte.“
mfG Michael

Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs.

La Roche

Prägender Forenuser

  • »La Roche« ist männlich

Beiträge: 2 914

Registrierungsdatum: 21. Februar 2012

8

Freitag, 23. März 2018, 11:03

Eigentlich ja auch ein bisschen schade, oder? Mir fällt dazu folgende K-Geschichte von Brecht ein: „Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: ‚Sie haben sich gar nicht verändert.‘ ‚Oh!‘ sagte Herr K. und erbleichte.“
Lieber MSchenk,

was wäre, wenn ein Mann Herrn K. lange nicht gesehen hatte und ihn mit den Worten begrüßt: "Lange nicht gesehen. Sie sehen aber schlecht aus. Sind Sie krank?"

Oder gar, wenn er nicht Herrn K., sondern Frau K. so begrüßen würde?

Herzlichst La Roche
Ein Gespräch setzt voraus, daß der andere Recht haben könnte. Gadamer


rodolfo39

Prägender Forenuser

  • »rodolfo39« ist männlich

Beiträge: 3 217

Registrierungsdatum: 7. Oktober 2010

9

Freitag, 23. März 2018, 11:55

Lieber la Roche,
das wäre eine ehrliche Aussage.

MSchenk

Prägender Forenuser

  • »MSchenk« ist männlich

Beiträge: 2 710

Registrierungsdatum: 5. März 2011

10

Freitag, 23. März 2018, 12:10

Tja, was wäre wenn? Und was will man eigentlich selber? - Will man sich verändern, will man neue Erkenntnisse gewinnen? Und warum sagen wir manche Dinge so leichthin und was bedeuten sie eigentlich? Und wie ernst meinen wir, was wir so sagen? - Fragen über Fragen!
mfG Michael

Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs.

Gerhard Wischniewski

Prägender Forenuser

  • »Gerhard Wischniewski« ist männlich

Beiträge: 4 547

Registrierungsdatum: 7. April 2011

11

Freitag, 23. März 2018, 12:56

Also ich lege es nicht darauf an, wenn ich erneut in dieselbe Oper gehe, immer neue Erkenntnisse zu erlangen. Geht man denn nur noch in die Oper, um neue Erkenntnisse zu haben? Ich habe mir manche Oper auf DVD nach einiger Zeit erneut angesehen, aber niemals gedacht: Ach je, was bist du alt geworden. Ich halte diese Diskussion um neue Erkenntnisse bei jedem Operngang für völlig witzlos.

Liebe Grüße
Gerhard
Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
(Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

chrissy

Prägender Forenuser

  • »chrissy« ist männlich
  • »chrissy« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 3 742

Registrierungsdatum: 20. Oktober 2010

12

Freitag, 23. März 2018, 13:29

Mir sind zwar keine neuen Erkenntnisse [...] vermittelt worden, [...].
Eigentlich ja auch ein bisschen schade, oder?
Hallo, Michael
Nein, überhaupt nicht schade, im Gegenteil!
Ich bin mir doch aber sicher, daß Du meinen bewußt ironischen Seitenhieb verstanden hast.
Er war gerichtet an die, die eine Oper nur als Vorlesung und Belehrung mit intellektuellem Erkentnisgewinn verstehen und erleben wollen und nicht begreifen können oder wollen,
daß es auch einfache, naive Kunst - und Kulturbanausen gibt, die sich nur an der Musik, gepaart mit einer dem Werk entsprechenden Inszenierung, also einer aus ihrer Sicht
gelungenen Aufführung, erfreuen können und diese auch als solche genießen.
Wobei ich den anderen, ihre Interessen und Erwartungen keinesfalls absprechen und mißgönnen möchte - wer´s halt anders braucht und will, nichts dagegen.

Herzlichst
CHRISSY
Jegliches hat seine Zeit...

La Roche

Prägender Forenuser

  • »La Roche« ist männlich

Beiträge: 2 914

Registrierungsdatum: 21. Februar 2012

13

Freitag, 23. März 2018, 13:39

daß es auch einfache, naive Kunst - und Kulturbanausen gibt, die sich nur an der Musik, gepaart mit einer dem Werk entsprechenden Inszenierung, also einer aus ihrer Sicht
gelungenen Aufführung, erfreuen können und diese auch als solche genießen.
Und, lieber Chrissy, ich behaupte einfach (es kann ja auch keiner das Gegenteil beweisen!!), daß in den kleinen und mittleren Opernhäusern und Stadttheatern die Mehrzahl der Theatergänger zu den von Dir sogenannten "naiven Kunst- und Kulturbanausen" gehören. Ausnahmen bilden evtl. die Premieren, wo sich die Kritikergilde einfindet.

Herzlichst La Roche
Ein Gespräch setzt voraus, daß der andere Recht haben könnte. Gadamer


MSchenk

Prägender Forenuser

  • »MSchenk« ist männlich

Beiträge: 2 710

Registrierungsdatum: 5. März 2011

14

Freitag, 23. März 2018, 13:45

Also ich lege es nicht darauf an, wenn ich erneut in dieselbe Oper gehe, immer neue Erkenntnisse zu erlangen.
Das ist mir vollkommen klar! - Allerdings wirst selbst Du es nicht vermeiden können, Erkenntnisse zu erlanegn, und sei es die immer wieder neue Erkenntnis, dass Dir das allermeiste, was heute auf der Opernbühne zu sehen ist, nicht gefällt. Und auch chrissy gelangte bei seinem Opernbesuch zu verschiedenen Erkenntnissen, wie z.B. der, dass ein Bett, in welchem Mimi stirbt für ihn quasi unerläßlich ist.

Geht man denn nur noch in die Oper, um neue Erkenntnisse zu haben?
Nein, denn dafür dazu brauche ich nicht einmal in die Oper zu gehen: Jeden Tag, den der Liebe Gott werden läßt, trete ich in die Welt hinaus und erlange - mehr oder weniger bewußt - neue Erkenntnisse; da kann ich mich garnicht gegen wehren. Mit anderen Worte: Jemandem, dem es nicht so geht, muss offenbar tot sein.

Ich halte diese Diskussion um neue Erkenntnisse bei jedem Operngang für völlig witzlos.
Witzlos finde ich allerhöchstens diese Verweigerungshaltung gegenüber einem geistigen Prozess (Erkenntnisgewinn), der m.E. geradezu eine menschliche conditio sine qua non darstellt.

Bevor Du, lieber Gerhard, nun betonen wirst, dass Dich dass alles wenig tangiert und es sich aus Deiner Sicht um pseudo-philosophisches Gewäsch handelt, laß Dir versichert sein, dass mein obiger Beitrag genauso gemeint war: Als verallgemeinende, abstrakte Assoziation zu chrissys vielleicht etwas leichthin gemachter Bemerkung, einen genußvollen, gar beglückenden Theaterabend ohne jeglichen Erkenntnisgewinn verbracht zu haben.
mfG Michael

Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs.

MSchenk

Prägender Forenuser

  • »MSchenk« ist männlich

Beiträge: 2 710

Registrierungsdatum: 5. März 2011

15

Freitag, 23. März 2018, 13:48

Ich bin mir doch aber sicher, daß Du meinen bewußt ironischen Seitenhieb verstanden hast.
Ja, natürlich habe ihn verstanden. Und trotzdem - und nichts anderes wollte ich mit meinem Einwurf eigentlich formulieren - ist soetwas doch leicht gesagt, wiegt aber schwer, wenn man darüber nachdenkt. Genauso, wie der allfällige Satz zur Begrüßung, man habe sich ja garnicht verändert ...
mfG Michael

Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs.

chrissy

Prägender Forenuser

  • »chrissy« ist männlich
  • »chrissy« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 3 742

Registrierungsdatum: 20. Oktober 2010

16

Dienstag, 17. April 2018, 23:19

Ergänzung:
Inzwischen ist ein kleiner Video - Link erschienen, den ich unten reinstelle.
Er ist zwar nur eine reichliche Minute, aber Interessenten können sich da einen kleinen Eindruck über die Inszenierung verschaffen.
Heute in einer Woche ist die nächste Vorstellung und ich freue mich, da wieder mit dabei zu sein.

CHRISSY

http://www.saldovo-divadlo.cz/program/de…i/r/3693/bohema
Jegliches hat seine Zeit...

chrissy

Prägender Forenuser

  • »chrissy« ist männlich
  • »chrissy« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 3 742

Registrierungsdatum: 20. Oktober 2010

17

Mittwoch, 25. April 2018, 18:00

Vor einem Monat hatte ich die teilweise Alternativ - Besetzung erlebt und gestern war ich erneut in Liberec /Reichenberg zur Boheme und möchte,
ergänzend zu meinem ersten ausführlichen Bericht, kurz davon berichten:

Es war gestern die gleiche Besetzung, wie zur ersten Premiere und man spürt, daß die Premieren - Nervosität vorbei ist
und nun eine gewisse Routine eintritt und Sicherheit verleiht. Besonders lobend hervorheben möchte ich gestern die Musetta und den Marcelo.

Stimmlich und darstellerisch vom Allerfeinsten!
Beeindruckend wie immer die Leistung des
Orchesters und des großen Chors.
Im zweiten Bild, im Cafe Momus, stehen da bestimmt mind. 50 Personen auf der
Bühne und machen stimmlich und darstellerisch
eine "tolle Action", wie es heute so schön neudeutsch heißt.

Überaus großartig und hervorragend eigentlich auch die Interpreten der Mimi und des Rodolfo, wobei ich aber kleine Abstriche machen muß.
Das ist aber "meckern auf allerhöchstem Niveau" und hängt auch mit pers. Gewohnheiten und Erwartungen zusammen.
(Zu sehr hat sich da bei mir die für mich unerreichte, gefühlvolle Interpretation einer Mirella Freni manifestiert).
Beide haben eine sehr kräftige Stimme und ihre Stärken liegen vor allem in den hohen Tönen, die sie mit großer Sicherheit rüberbringen.
Unglaublich kräftig, sicher und lang anhaltend das "hohe C" des ital. Tenors "Paolo Lardizzone" am Schluß
der Arie "Che gelida manina".
So weit alles richtig gut, mir geht aber mit diesen ständigen kräftigen
Tönen, etwas Lieblichkeit, Geschmeidigkeit, Wärme und Gefühl verloren.
Es fehlt mir ein wenig die gefühlsmäßige Akzentuierung. Aber wie gesagt - das ist meckern auf höchstem Niveau!

Das Haus war für einen Wochentag sehr gut besucht, es gab viel Szenenapplaus und am Schluß viele Vorhänge mit Jubeln,
Bravo - Rufen und viel, viel verdientem Beifall für alle Beteiligten.


Nach der Vorstellung hatte ich auch die Gelegenheit mit der Interpretin der Musetta "Jolana Slavikova" zu sprechen.
Wir sind uns ja vor einem Monat schon
mal vor dem Theater begegnet - sie erkannte mich, kam zu mir und wir hatten ein
überaus herzliches und sehr
interessantes Gespräch von bestimmt einer viertel Stunde Dauer.
Das war wirklich so herzlich und
natürlich und vertraut, ohne jegliche Starallüren, als würden wir uns schon zehn Jahre kennen.
Und wenn man nicht wüßte, daß sie ja eine Tschechin ist, man würde es nicht glauben.
Sie spricht ein einwandfreies, deutliches Deutsch, fließend, ohne hörbaren Akzent! Sie muß im Satz nicht mal nach Worten suchen.
Sie ist 27 Jahre jung, studiert seit einigen Jahren in Frankfurt und setzt ihr Studium demnächst in Weimar fort.
Wir haben dann beim Verabschieden noch zwei Fotos gemacht und freuen uns gegenseitig demnächst auf´s Wiedersehen und Wiederhören.

Danke für Euer Interesse.

CHRISSY

PS.: Am Montag sollte ja lt. Spielplan "Rigoletto" sein. Diese Vorstellung ist aufgrund einer plötzlichen Erkrankung von "Vladimir Chmelo",
der die Titelpartie a. G. singen sollte, leider ausgefallen. Ein Ersatz war so kurzfristig nicht zu finden.
Ich erfuhr aber gestern über diesen Bariton, daß er überaus großartig sein soll.
Er singt hauptsächlich in Prag und anderen großen tschech. Bühnen, sowie auch an intern. Häusern, hat sogar schon an der Met gastiert.
Da bin ich gespannt und hoffe, ihn doch mal als Rigoletto hier in Liberec /Reichenberg zu erleben.

Jegliches hat seine Zeit...

chrissy

Prägender Forenuser

  • »chrissy« ist männlich
  • »chrissy« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 3 742

Registrierungsdatum: 20. Oktober 2010

18

Samstag, 2. Juni 2018, 17:40

Erneut rundum gelungener und beglückender Opernabend am Opernhaus Liberec /Reichenberg

Gestern Abend waren wir wieder zur "La Boheme", die nach großartiger Leistung, vor allem auch durch die gegenseitige Begeisterung
von Ensemble und Publikum am Schluß zum krönenden Erlebnis wurde.
Ich habe ja hier in diesem Thread schon ausführlich berichtet und möchte mich deshalb kurz fassen und auf das Wesentliche beschränken:

Wieder kann ich nur in Superlativen sprechen - es war einfach nur rundum gelungen.

Chor, Orchester, wunderschön den Puccini - Klang der Oper getroffen und die Solisten, einfach hervorragend.
Einige Partien sind ja alternativ doppelt besetzt. So auch die Mimi.Die Sopranistin, die ich bisher hier erlebt hatte, ist jetzt in der Baby - Pause und gestern war diese Partie mit "Livia Obrucnik Venosova" besetzt.
Sie habe ich u. a. schon oft als großartige Violetta erlebt. Beide Sängerinnen haben, jede für sich, ihr hervorragenden Qualitäten
und doch gefiel mir die gestrige Mimi etwas besser. Aber nicht, weil sie gegenüber ihrer Kollegin stimmlich besser ist, nein, nein...
Ich halte sie aufgrund etwas mehr stimmlicher Wärme und Differenzierung, für die Partie der Mimi etwas geeigneter und idealer.
Den Rodolfo gab a. G. wieder der ital. Tenor "Paolo Lardizzone". Er gefällt mir von mal zu mal immer besser.
Sein Stimm - Timbre würde ich als hell bezeichnen.
Seine Stärken liegen vor allem in einer absolut sicheren und kräftigen Höhe, die er, scheinbar mühelos, bis zum Schluß durchhält.

Wenn auch sein hohes C in der Arie "Che gelida manina" nicht ganz so klangschön wie bei Pavarotti oder Orofino klingt,
überzeugt er mit Strahlkraft und einem unglaublich lang gehaltenem Ton, der mit großem Szenenbeifall belohnt wurde.
Auch alle anderen Solisten stimmlich und mit großer Spielfreude wie immer ohne Fehl und Tadel.
Das Haus war wieder sehr gut besucht und es gab viel Szenenbeifall. Und am Schluß waren die Leute zu recht "ganz aus dem Häuschen".

Es wurde nicht nur lang anhaltend geklatscht und Bravo gerufen, nein, es wurde gejubelt und getrampelt,
es wurde ein richtig kleiner (positiver) Tumult.
Dieser äußerte sich besonders intensiv, weil der Funken vom Publikum auf das Ensemble übersprang und die Solisten, dankbar und hocherfreut, in einer Reihe mit dem Dirigenten in der Mitte stehend, sich an den Händen nehmend, nach vorn an den Bühnenrand stürmten,
ins Publikum winkten und sogar Kusshändchen warfen.
Die gegenseitige Euphorie und überschäumende Freude war einfach mitreißend, begeisternd und beglückend.

Fazit: Es war wieder ein rundum beglückender Opernabend, der süchtig macht.
Und so freue ich mich, vor der bald beginnenden langen Theaterpause, nach einem 3/4 Jahr wieder auf "Rigoletto" am 12. Juni,
zumal als Duca wieder mal der Tenor "Ales Briscein" von der Staatsoper /Nationaltheater Prag gastiert.

CHRISSY
Jegliches hat seine Zeit...