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  • »Uwe Aisenpreis« ist männlich
  • »Uwe Aisenpreis« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 461

Registrierungsdatum: 8. Januar 2010

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Samstag, 27. Januar 2018, 17:20

Candide – wieder als Operette erfolgreich

Als ich den Thread "„Komponisten, von denen man keine Operetten erwarten würde“" begann, hatte ich von Leonard Bernsteins Candide nur die Informationen aus Wikipedia und den Beiträgen aus dem Musical Forum. Hauptsächlich aufgrund der Wiki-Beschreibung ging ich (irrtümlicherweise) davon aus, dass Candide ursprünglich eine Operette war, dann aber als Musical umgearbeitet wurde. Auch der Hinweis im Musical Forum, dass Bernstein nochmals eine endgültige Fassung als konzertante Aufführung erstellt hat, brachte mich zunächst noch nicht auf den Gedanken, die Version als Operette könnte wieder auferstanden sein. Dann aber sah ich mir auf YouTube nach der Konzert-Variante noch eine szenische Aufführung an, die, wie sich herausstellte, auf der konzertanten Version beruhte. Und erst da wurde mir klar – das ist wieder eine Operette! Leider ist nicht bekannt, von wo diese szenische Aufführung stammt, lediglich ein Kommentar vermerkt eine „Mason Gross School of the Arts at Rutgers University“. Szenenbild und Dekorationen dieser Aufführung waren sehr schlicht, aber mir hat es trotzdem sehr gut gefallen.

Erst beim nochmaligen Googeln wurde mir schlagartig bewusst, dass Candide gerade in dieser Spielzeit wieder sehr präsent auf deutschen Bühnen ist und in den letzten 3-4 Jahren öfters aufgeführt wurde. Allein in diesem Jahr habe ich Candide auf folgenden Bühnen gefunden:

Bremen
Weimar
Hannover

Und in den zurückliegenden Jahren in

Köln (2016)
Wiesbaden (2014)
Wien (Volksoper 2012)
Pforzheim 2017

Die Informationen im Musical Forum sind schon ca. 10 Jahre alt. In der Zwischenzeit muss sich in Bezug auf dieses Werk viel getan haben, was mir bisher leider entgangen war.

Alle der oben genannten Häuser bringen oder brachten das Werk in einer Version auf die Bühne, die offensichtlich auf Bernsteins „endgültiger“ (konzertanten) Fassung von 1989 beruht. In Weimar war zu lesen

Zitat

Der Regisseur und Autor Martin G. Berger bringt »Candide« in einer Neufassung von John Caird aus dem Jahr 1999, die in Deutschland erstmals aufgeführt wird, in eigener Übersetzung auf die Bühne.

Daneben fand ich allerdings noch eine Aufführung in Leizpzig von 2017 als Musical in 1 Act.

Außer Leipzig bezeichnen die meisten Häuser das Werk „mehr oder weniger“ als Operette – die Angaben schwanken von „grotesker Oper“, „Mischung aus Oper und Operette“ oder auch aus „Musical und Operette“, „komische Oper“, „Comic Operetta“, „Bernstein Operette“. Man sieht, das Werk ist nicht so einfach in irgendeine Schublade zu stecken. Am besten hat mir diese Formulierung gefallen:

Zitat

Bernstein schuf themengerecht die beste aller möglichen Operetten und zeigte: Auch die Operette ist eine Totgeglaubte, die sehr lebendig ist.
(Pressetext Hannover)

Als beste aller möglichen Operetten (eine Anspielung auf das im Stück oft zitierte „Die beste aller möglichen Welten“) möchte ich das Werk dann aber doch nicht bezeichnen. Sicher, von der literarischen Vorlage her gehört es zum Anspruchsvollsten, was das Genre Operette zu bieten hat. Auch die Musik ist stellenweise grandios. Stücke wie „Oh Happy we“, „Dear Boy“, „What a Day for an Autodafé”, “Glitter and be gay”, “I am Easily Assimilated“, “What’s the use” sind hinreißend. Das sind aber jetzt “nur” 6 Titel. Das Werk hat aber, wenn ich richtig mitgezählt habe, 33 Musiktitel. Zum Vergleich: eine klassische Operette hat ca. 20 Musiktitel, davon sind, bei den besten Werken ca. 16-17 richtig gut. Die Operetten der nachfolgenden Ära haben noch weniger Titel, ca.15 und auch da gibt es bei den ganz guten kaum schwache Nummern. Die vielen Musiktitel in Candide sind m. E. ein Problem. Zum Teil sind sie auch für heutige Verhältnisse sehr modern, oft auch dissonant oder mindestens gewöhnungsbedürftig, manchmal nur vertonte Worte die keinen Ehrgeiz entwickeln, eine Melodie zu bilden, also quasi Rezitative. Vielleicht ist das der Grund, warum das Werk manchmal in die Nähe der Oper gerückt wird. Viele der Musikstücke sind äußert kurz; in einem Beitrag aus dem Musical-Forum wurden sie einmal als Preciosen bezeichnet. Ich finde, da sie musikalisch nicht sehr ergiebig sind, ist es vielleicht ganz gut, dass sie nicht so lang sind aber man könnte hier durchaus auch mal den Rotstift ansetzen nach dem Motto: „Weniger ist mehr“.

Im Musical Forum wurde u. a. die Frage diskutiert, warum das Stück so wenig erfolglos war und daher so viele Umarbeitungen nötig waren. Eines der Argumente lautete so.

Zitat

Entscheidend aber für den oft zweifelhaften Erfolg ist aber meiner Meinung nach dieses: Am Ende der Aufführung bleibt ein unversöhntes Gefühl zurück: Candide und Cunegonde haben so viel erlebt und überlebt und sind endlich vereint, da träumt sie von Bällen, Kleidern und Schmuck, Candide aber vom Gemüseanbau im eigenen Garten, Kindern und einem beschaulichen Leben.

Hier muss ein Irrtum vorliegend. Die Situation, die hier beschrieben wird, ist die des Duetts „O Happy we“ (in der „Endfassung“ die Nr. 5 aus dem 1. Akt der Operette). Sowohl im Musical (lt. Beschreibung Wiki) als auch in der Operette besteht das Finale aus dem Titel „Make Our Garden Grow“, ein pathetischer Schluss nach Art der Alt-Wiener Besserungsstücke, der so gar nicht zur vorausgegangenen Satire passen will. Selbst wenn dieser Schluss so aus der Romanvorlage von Voltaire übernommen wurde, wäre der oben genannte Schluss - ein Schluss á la Offenbach - dem Stück angemessener gewesen – und schlüssiger, da Candide ja zuvor gesagt hat, er wolle Cunegonde so lieben, wie sie ist und nicht, wie er sie haben will. Die Wiederholung des meiner Meinung nach schönsten Stückes der Operette wäre auch wirklich operettengemäß.

Insgesamt gesehen ist die Musik Bernsteins auch nach über 60 Jahren noch sehr zeitgemäß, war bestimmt seinerzeit ihrer Zeit schon etwas voraus - manche Titel scheinen mir es heute noch zu sein.
Den derzeitigen Erfolg von Candide begleite ich mit Freude – so könnte sich eine Operette von heute anhören – und vielleicht – vielleicht gibt der Erfolg dieser Operette doch noch Anlass für eine Renaissance des Genres.

:thumbsup: Uwe

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