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Timo

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1

Dienstag, 26. Dezember 2017, 08:22

Analyse Eingangschor Johannespassion BWV 245

Ich schreibe (fast) nur etwas zu "harten Fakten", also Aussagen und Beobachtungen, die sich am Notentext belegen lassen, und keine (subjektive) Interpretation der Musik. Wenn dies jemand tun will, ich würde es dennoch gerne lesen, für mich ist es aber zu spekulativ, dass ich mich da selbst heranwagen würde. (Zum Beispiel habe ich einmal die Interpretation gelesen, dass die drei Ebenen Holzbläser/Streicher/Bass die Dreifaltigkeit repräsentieren sollen/könnten.)

Klavierauszug und Partitur kann man sich auf IMSLP herunterladen. Es gibt auch eine Fassung der Johannespassion (zweite Aufführung 1725, die erste war 1724 und in der dritten von 1728 oder 1732 wurden die Änderungen rückgängig gemacht), wo der Eingangschor durch den Schlusschor des ersten Teils der Matthäuspassion "O Mensch, bewein dein Sünde groß" ersetzt ist (und mit einigen anderen Änderungen an Rezitativen und Arien, z.B. Ersetzung von "Erwäge").

Zunächst ein paar Äußerlichkeiten:
- Tonart: g-Moll (laut Wikipedia: "ernst, schwermütig, traurig, süß oder rührend" [de] und "has been considered the key through which Wolfgang Amadeus Mozart best expressed sadness and tragedy" [en])
- Form: ABA,
A = "Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm
In allen Landen herrlich ist!",
B = "Zeig uns durch deine Passion,
Dass du, der wahre Gottessohn,
Zu aller Zeit,
Auch in der größten Niedrigkeit,
Verherrlicht worden bist!"
Der Text von einem unbekannten Textdichter ist nicht aus der Brockespassion, von der viele Arientexte der Johannespassion stammen, und auch nicht aus der Bibel oder von einem Choral.
- Besetzung: Traversflöte I/II, Oboe I/II, Violine I/II, Viola, Chor (SATB), Orgel, Continuo

Zum Orchester (von hoch zu tief):
- Die Holzbläser spielen Dissonanzen, die über dem ganzen Stück liegen. (Hier könnte man einiges mehr schreiben. Das muss ich noch genauer analysieren.)
- Die Violinen spielen die ganze Zeit 16-tel, Gruppen von einem Motiv aus (meist) vier Tönen mit Intervallen (meist) "große Sekund abwärts, große Sekund aufwärts, große Sekund/kleine Terz aufwärts". Das Motiv wird auf gleichen und verschiedenen Höhen, insgesamt langsam steigend wiederholt.
- Die Bratschen spielen 8-tel, Gruppen von einem Motiv aus vier Tönen, und das Motiv der Violinen.
- Der Bass hält sich meist auf einer Tonhöhe auf (wenig Bewegung). Außnahmen: Dort, wo der Chor B-T-A-S zum zweiten Mal im A-Teil mit "Herr, unser Herrscher" einsetzt, spielt der Bass die Melodie der Violinen, und dort, wo der Chor im B-Teil B-T-A-S "Zeig uns durch deine Passion, Dass du, der wahre Gottessohn" singt, ebenfalls. Die Bezifferung habe ich noch nicht angeschaut.

Zum Chor:
- Der dreifache Ruf "Herr, Herr, Herr" am Anfang ist homophon und syllabisch, die Noten im Sopran sind ein fallender c-Moll-Dreiklang (kommt nach g-Moll im Quintenzirkel, c-Moll ist die Subdominante), der Bass in Gegenbewegung aufwärts. Das erste "Herr" ist ein g-Moll-Akkord (Moll-Tonika), beim zweiten kommt ein Es-Dur-Akkord (die parallele Durtonart zur Subdominante c-Moll), dann ein halbverminderter fis-Moll-Septkkord (fis-Moll liegt im Quintenzirkel ziemlich weit von g-Moll entfernt; ein verminderter Septakkord kommt auch bei "Barrabam" in der Matthäuspassion vor).
- Das folgende "Herrscher" ist die 16-tel-Melodie der Violinen, insgesamt langsam aufsteigend.
- Der anschließende zweite, wieder homophone und syllabische "Herr, Herr, Herr"-Ruf fängt nun mit einem G-Dur-Akkord an (Varianttonart zu g-Moll), der zweite ist c-Moll (Moll-Subdominante), der dritte ein halbverminderter d-Moll-Septakkord (d-Moll ist die Moll-Dominante von g-Moll).
- Melismen auf "Herrscher", "herrlich", "Landen".
- Danach bei "Herr, unser Herrscher" setzen B-T-A-S wie in Engführung in einer Fuge nacheinander ein.
- Fermate am Ende des A-Teils, homophoner syllabischer g-Moll-Akkord "ist." (Bekräftigung)
- Danach der B-Teil "Zeig uns durch deine Passion, ..." wieder wie Engführung in einer Fuge B-T-A-S nacheinander einsetzend.
- Bei "Niedrigkeit" tiefe Töne und Dissonanzen, anschließend das jubelnd aufsteigende "verherrlicht" (musikalischer und affektiver Kontrast zu "Niedrigkeit"; so etwas findet man auch in Bachkantaten oder in der Arie "Es ist vollbracht", wo zwei gegensätzliche Affekte gegenübergestellt werden).
- Lange Melismen wieder bei "verherrlicht".

In meiner Analyse bin ich nicht groß auf die Harmonik (funktions- und stufentheoretische Analyse der Akkorde etc.) eingegangen. Dazu könnte man noch sehr viel mehr schreiben, auch eine Interpretation der Harmonien der "Herr, Herr, Herr"-Rufe, z.B. dass die halbverminderten Mollseptakkorde Schmerz und Leiden darstellen könnten, die Durakkorde dagegen den Sieg Jesu über den Tod. Das hole ich vielleicht in einem Anschlussposting nach, wenn ich mich etwas eingelesen habe.

Wem fällt noch mehr auf?

Zum Schluss möchte ich noch sagen, dass ich den Eingangschor der Johannespassion für eines der größten und schönsten Werke überhaupt halte.

Eine Aufnahme mit Harnoncourt und dem Tölzer Knabenchor von 1985 in Graz:

dr.pingel

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2

Dienstag, 26. Dezember 2017, 11:56

Danke für diese Analyse, auch wenn ich wegen mangelnder Musiktheorie nicht alles verstanden habe. Ich habe die Johannespassion vier Mal gesungen und könnte sie wieder mit 2 Proben mit aufführen. Die Orchesterfiguren (Streicher) im ersten Chor empfand ich immer als frühes Beispiel von "minimal music". Ich empfand auch immer die Johannespassion als Bachs "Oper". Hier sind die Emotionen stärker als in der Matthäuspassion. Die beiden Chöre "Kreuzige, kreuzige" und "Weg mit ihm, kreuzige" sind bis heute mit die kühnste und aufregendste Chormusik, die je geschrieben wurde. Bei diesen Chören ging bei uns der Adrenalinspiegel immer nach oben. Vielleicht nimmst du sie dir mal vor. Der Schlusschor "Ruhet wohl.." mit dem B-Teil "Das Grab, das euch bestimmet ist, und ferner keine Not umschließt" rührte viele von uns fast zu Tränen.
Eine Schwierigkeit hatten wir fast immer. Bei der Bassarie "Eilt, ihr angefochtnen Seelen" hat der Chor sehr knifligge Einsätze.
"Zeitvernichtungsdienste wie Facebook, Twitter oder Instagram..." (Jaron Lanier, Computerexperte).
"Facebook ist von vorneherein als sozialer 'Validierungs-Feedback-Loop' angelegt gewesen, der die anthropologische Sehnsucht seiner Nutzer, von anderen Bestätigung zu erfahren, in Verweildauer umwandelt, die dann wiederum die Anzeigenkunden interessiert" (dieser Satz ist nicht von Peter Sloterdijk, sondern von Facebook-Mitbegründer Sean Parker).

Timo

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3

Dienstag, 26. Dezember 2017, 12:05

Sehe ich ähnlich. "Weg, weg mit dem, kreuzige ihn!" werde ich mir bestimmt auch mal vornehmen. Das ist mein liebster Turba-Chor.

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4

Dienstag, 26. Dezember 2017, 12:20

Das kann man sicher irgendwo genauer nachlesen, aber der Text des Eingangschors ist eine Kombination aus einer Doxologie, wobei die erste Zeile an Ps. 8,1: "HERR, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen, der du zeigst deine Hoheit am Himmel!" angelehnt ist und einer Erläuterung des erbaulichen Charakters der Passion, worauf sich der folgende Text, zu dem es sicher auch Parallelen gibt, bezieht. Er ist wie eine Art Überschrift (vgl. die auskomponierten Überschriften in Schütz' Weihnachtshistorie) oder "Portal" außerhalb der Handlung, während es zu dem Eingangschor der Matthäuspassion ja das Bild gibt, dass eine Volkmenge zusammenläuft, um den Kreuzweg zu betrachten und zu begleiten. Interessant vielleicht, dass die im weiteren Verlauf dramatischere der Passionen solch einen eher statischen "ausgeklammerten" Anfang hat.

Timo

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5

Dienstag, 26. Dezember 2017, 12:25

Interessant. Dann ist der Text also an eine Bibelstelle aus dem alten Testament angelehnt, wo es noch keine "Passion" und "Gottessohn" gab.

dr.pingel

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6

Dienstag, 26. Dezember 2017, 13:58

Das lässt sich dadurch erklären, dass die erste christliche Gemeinde einfach das Alte Testament (was bei den Juden ja richtigerweise nicht so heißt) sich angeeignet und Prophezeiungen übernommen hat. Die bekanntesten sind der "leidende Gottesknecht" (Deuterojesaja, ab Jesaja Kap.40) und die Bezeichnung von Jesus als aus dem Stammbaum Davids kommend.
Sehr oft findet sich im NT der Satz: "...damit war erfüllt der Satz des Propheten NN, der sprach.." Darauf folgte ein Zitat aus dem AT.
Nachtrag zu "Weg mit dem, kreuzige..". Ich hatte am Anfang große Probleme mit dem Text. Es ist ein schnelles, dramatisches Stück, da kann man durcheinander kommen, wann man "weg" und wann man "kreuzige" singen muss. Die Lösung war einfach. Ich habe "kreuzige" mit schwarz und "weg" mit rot unterstrichen.
Ansonsten, lieber Timo, freue ich mich, dass wir mit dir hier die Fraktion der Alten Musik nachhaltig verstärken können.
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7

Dienstag, 26. Dezember 2017, 15:15

Der besagte Psalm 8 ist aber keine der "prophetischen" Passagen, sondern war damals (bei den vorchristlichen Israeliten) einfach ein Lob des Gottes des AT. Diese erste Zeile ist gewissermaßen "neutral" zwischen Judentum und Christentum. (Genauso wie das "Sanctus, Sanctus, Sanctus... aus der prophetischen Engelschor-Vision des AT in die christl. Liturgie übernommen wurde. Oder zig andere Psalmausschnitte wie "Die Himmel erzählen die Ehre Gottes", "Lobet den Herrn, alle Heiden" usw.)

Die Pointe des folgenden Textes ("Zeig uns....") wird man vermutlich so explizit nicht einmal im NT finden. Evtl. in einem Paulus-Brief, aber ich kenne mich nicht gut genug aus. Das Paradox der Menschwerdung und Kreuzigung Gottes wird hier so kommentiert, dass auch in dieser paradoxen Selbsterniedrigung (dem Verzicht auf die Göttlichkeit) eine Verherrlichung stattfindet. (Erstmal eine Zumutung, die das Paradox eigentlich nicht auflöst.)

dr.pingel

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8

Dienstag, 26. Dezember 2017, 17:16

Die Johannespassion enthält ja neben biblischen Texten und Chorälen auch freie Dichtungen; deren Verfasser sind unbekannt. Man vermutet, dass die berühmte Brockes-Passion (vertont u.a. von Telemann) als Vorbild diente. Der B-Teil unserer Passion (Zeig uns durch deine Passion...) gehört auch zu diesen Dichtungen. Der einfachste Grund, dass er nicht biblisch ist, ist der, dass der Text gereimt ist, was im NT nicht vorkommt, schon gar nicht bei Paulus. Gereimt wurde im AT auf besondere Weise: es gab keine "Klangreime" wie bei uns, sondern es wurde inhaltlich gereimt. D.h., die zweite Zeile eines Psalms etwa wiederholte die Aussage der ersten mit anderen Worten.
Ps.23: 1: "Der Herr ist mein Hirte / mir wird nichts mangeln!"
2: "Er weidet mich auf grüner Aue / und führet mich zum frischen Wasser."
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William B.A.

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9

Dienstag, 26. Dezember 2017, 19:38

Ich werde am 25. März 2018 in der Kölner Philharmonie sitzen und der Johannespassion lauschen. Es dirigiert Philippe Herreweghe Chor und Orchester des Collegium Vocale Gent, Und es singen Dorothy Mields, Damien Guillon, Robin Tritschler, Peter Kppij, Maximilan Schmitt und Kresimir Strazanac.
Vielleicht sitzt du ja auch in der Johannespassion, lieber dottore, und wenn, dann vermutlich in Essen? Jedenfalls werde ich diesen Thread aufmerksam verfolgen, um relevante Information zu dem Oratorium zu erhalten.

Liebe Grüße

Willi :)
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

dr.pingel

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10

Mittwoch, 27. Dezember 2017, 13:47

Leider bin ich nicht in Essen, und leider habe ich auch das "Weihnachtsoratorium zum Mitsingen" in Essen verpasst. Auf der Bühne: Orchester, Solisten, Dirigent. Im Parkett: 500 Sänger mit Noten, nach Stimmen geordnet. Im Rang: Zuhörer. Im letzten Jahr war es so schön. Ich könnte mich in den Bauch beißen, dass ich dieses Jahr nicht hingegangen bin!
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11

Sonntag, 31. Dezember 2017, 16:42

Ich habe mir gerade mal die Holzbläser (Traversflöten, Oboen) angeschaut: Es ist eine Mischung aus Konsonanzen und Dissonanzen. Die Dissonanzen sind hauptsächlich Sekunden und Tritoni.

An der Stelle "zu aller Zeit, auch in der" spielen diese plötzlich das Motiv der Violinen (!). Den Grund verstehe ich leider nicht.