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WoKa

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61

Sonntag, 10. Dezember 2017, 12:23

Hallo!

Diesmal bin ich derjenige, der Fritz Wunderlich einstellt (Ich liebe halt Samt... :P ):

Fritz Wunderlich


Hinsichtlich weiblicher Interpreten habe ich eben Christa Ludwig, (deren Stimmlage ich nicht immer schätze) und Anja Harteros gehört. Für Letztere mit ihrer sehr anmutigen Version des Liedes habe ich mich entschieden:

Harteros


Gruß WoKa
"Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."

Victor Hugo

orsini

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62

Sonntag, 10. Dezember 2017, 22:23

hallo,
meinerseits noch ein Nachtrag zur "Adelaide", die ich in dieser Version mit Peter Schreier auf CD besitze und ganz besonders schätze.
Ich finde es bemerkenswert, daß die Interpretationsunterschiede bei diesem Lied vor allem zwischen den männlichen Interpreten abgesehen von der Stimmlage eher marginal sind. Extreme Deutungen sind kaum zu finden, auch wenn ich eine der vorgestellten Interpretationen schon als ein wenig arg schmachtend empfinde :stumm:


"Ich liebe dich" von Beethoven höre ich am liebsten von einer Frauenstimme gesungen, hier von Arleen Auger. Die Aufnahme entstand im Rahmen eines Konzertes am 11. Mai 1978 in der Salzburger Residenz. Erik Werba begleitet A. Auger am Hammerklavier bei Liedern und Arien von Gluck, Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert. Augers fragile Stimme liebkost und formt geradezu zärtlich den Text, macht sinnfällige Pausen zwischen den Zeilen, über die die meisten anderen hinwegsingen: Ich liebe dich (kleine Pause), so wie Du mich...
Eine wunderbar intime, für ich kostbare Aufnahme.


es grüßt,
orsini
... in diesem Sinne beste Grüße von orsini

„Das Denken ist zwar allen Menschen erlaubt, aber vielen bleibt es erspart.“
Curt Goetz

WoKa

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Samstag, 16. Dezember 2017, 00:06

Hallo!

Ein Lied über das in Tamino schon viel geschrieben wurde:

Johannes Brahms: Von Ewiger Liebe (op. 43/1)

Helmut Hoffmann "Von ewiger Liebe"
(ab Post 106)

Dunkel, wie dunkel in Wald und in Feld!
Abend schon ist es, nun schweiget die Welt.
Nirgend noch Licht und nirgend noch Rauch,
Ja, und die Lerche sie schweiget nun auch.

Kommt aus dem Dorfe der Bursche heraus,
Gibt das Geleit der Geliebten nach Haus,
Führt sie am Weidengebüsche vorbei,
Redet so viel und so mancherlei:

"Leidest du Schmach und betrübest du dich,
Leidest du Schmach von andern um mich,
Werde die Liebe getrennt so geschwind,
Schnell, wie wir früher vereiniget sind.
Scheide mit Regen und scheide mit Wind,
Schnell wie wir früher vereiniget sind."

Spricht das Mägdelein, Mägdelein spricht:
"Unsere Liebe, sie trennet sich nicht!
Fest ist der Stahl und das Eisen gar sehr,
Unsere Liebe ist fester noch mehr.

Eisen und Stahl, man schmiedet sie um,
Unsere Liebe, wer wandelt sie um?
Eisen und Stahl, sie können zergehn,
Unsere Liebe muß ewig bestehn!"


(Hoffmann von Fallersleben, aus dem Wendischen)

Ich habe bisher ausschließlich Aufnahmen weiblicher Interpreten angehört, ausgehend davon, dass die starke Kraft in diesem Text die Magd ist, die dem unglücklich Verliebten (dem offenbar Verunsicherten) die Sicherheit gibt, dass sie zusammen gehören.

Die leidenschaftlichste Aufnahme, die ich kennengelernt habe, ist die von Brigitte Fassbaender in Begleitung von Irwin Gage. Mich beeindruckt die Dunkelheit zu Beginn und der gegen Ende extreme Ausdruck. Ich höre die Aufnahme sehr gerne, bekomme aber leichte Zweifel an der Angemessenheit, wenn ich mir das im Text als Mägdelein bezeichnete Persönchen vorstelle, die dem "Burschen" die Sicherheit gibt, die er offenbar nicht hat.

Fassbaender "Von ewiger Liebe"


Ich stelle zugleich einen Link auf eine Meisterklasse von Brigitte Fassbaender ein, in der sie zur Interpretation dieses Liedes unterrichtet:

Fassbaender Meisterklasse


Zum Abschluss noch eine Anmerkung bzgl. der Diskussion in dem verlinkten Thread, die die Frage zum Inhalt hatte, ob aus den letzten Zeilen nicht eine Verunsicherung auch der Magd zu erkennen sei. Ich neigte anfangs auch zu der Annahme, kam mittlerweile allerdings zu dem Schluss, dass sie ihm Folgendes sagen will:

"Sei sicher, eine Liebe wie unsere, die muss einfach ewig bestehen. Daran gibt es für mich keinen Zweifel."

Gruß WoKa
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Victor Hugo

Helmut Hofmann

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Samstag, 16. Dezember 2017, 19:52

Meine erste Begegnung mit diesem so wunderschönen, weil tief anrührenden Lied fand vor nun siebenundvierzig Jahren statt. Nicht live, in einem Liederabend also, sondern im Anhören einer Schallplatte mit dem Titel "Elly Ameling singt Lieder von Johannes Brahms". Sie erschien 1969 bei Harmonia Mundi, und Elly Ameling wurde darin von Norman Shetler begleitet.
Ist es nur die typische Haltung eines alten Menschen, dass er die Erstbegegnung mit einem kleinen, und doch so bedeutenden liedmusikalischen Werk für die sein Wesen am tiefsten treffende hält? Am tiefsten - wie er nach vielen nachfolgenden Begegnungen mit anderen gesanglichen Interpretationen meint -, weil darin der von Brahms auf höchst kunstvoll gebrochene Weise in Liedmusik gesetzte Volksliedton gesanglich am überzeugendsten getroffen worden ist.
Man höre nur einmal, wie Elly Ameling in der vierten Strophe, nach dem vorangegangenen Ausbruch in interpretatorische Expressivität, zu mädchenhaft-schlichter Gesanglichkeit zurückfindet.

Hier die Aufnahme:

Helmut Hofmann

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65

Samstag, 16. Dezember 2017, 22:09

Ich sehe gerade, dass Elly Ameling in dieser von mir verlinkten Aufnahme von Dalton Baldwin begleitet wird. Sie interpretiert das Lied hier aber in genau der gleichen Weise, wie ich das von der von mir erwähnten Aufnahme her kenne.

WoKa

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Samstag, 16. Dezember 2017, 22:49

Lieber Helmut Hofmann!

Die Interpretation von Elly Ameling ist sehr beeindruckend - nicht zuletzt durch die Bandbreite des Temperamentes, die sie bietet. Und ja - ich kann es nachvollziehen, dass eine Aufnahme, mit der man ein Stück kennen lernte, immer zu den Lieblingsaufnahmen zählen wird. Wenn sie nicht sogar ihren Platz Nummer Eins behauptet. Das hat wahrscheinlich auch etwas mit Treue und Bindung (Prägung) zu tun.

Sehr schön ist übrigens, dass ich - als ich das Stück direkt in youtube hörte - in der automatischen Folge der nächsten Stücke, anschließend "Allerseelen" wieder von ihr hörte.

Mit etwas weniger Temperament, dafür einer für meine Begriffe sehr geradlinigen Interpretation, tritt Bernarda Fink auf. Die Steigerung auf den Ausbruch hin ist sehr wohl kalkuliert und auch das Klavierspiel finde ich hervorragend. Als ich die Aufnahme zum ersten Mal sehr bewusst gehört habe, erschien es mir, als würde Roger Vignoles mit jedem Anschlag seiner Tasten dem Lied den Weg bereiten.

Beranrda Fink Von Ewiger Liebe


Gruß WoKa
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Victor Hugo

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Mittwoch, 20. Dezember 2017, 22:03

Hallo!

Eine Darstellung die mich durch ihre atmosphärische Dichte und die enorme Dynamik anspricht, ist die von Janet Baker:

Janet Baker Von Ewiger Liebe

(ab 29:20)

Gruß WoKa
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Dr. Holger Kaletha

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Donnerstag, 21. Dezember 2017, 13:38

Das ist wirklich eins der wunderbarsten Lieder. Wobei man sagen muss, dass die Musik von Brahms das Kunststück fertigbringt, mit ihrer "Romantisierung" diesen doch schon fast peinlichen Text zu adeln. Nur der Schluss ist ein bisschen sehr schlicht affirmativ geraten finde ich. Aber das kann man verschmerzen. In der Romantik mit ihrem Liebes-Enthusiasmus hat man das halt so geglaubt. :D

Jessye Norman mit ihren unglaublichen Tonfarben in der Stimme ist schon erhebend:



Auch Vesselina Kasarova singt das ganz wunderbar:



Schöne Grüße
Holger

hart

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69

Donnerstag, 21. Dezember 2017, 14:39

Und wer glaubt, dass ich bei so viel Borniertheit und Heuchelei noch irgendwelche Lust hätte, meine Zeit mit so einem Thread zu verschwenden, der irrt sich. Ich habe wahrlich Besseres zu tun.

Dr. Holger Kaletha

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Donnerstag, 21. Dezember 2017, 18:41

Bestimmte Dinge sind tatsächlich härter als Stahl und Eisen, wer hätte das gedacht! Auch solche, die ganz sicher nichts mit "Liebe" zu tun haben. Aber vielleicht habe ich mich ja auch verhört, das hier besprochene "hart"-wie-Stahl-Lied heißt in Wahrheit "Von ewiger Feindschaft". Nur irgendwie passt dieses hartgeschmiedete "hart"-Lied nicht zur romantischen Harmonik von Johannes Brahms. Aber ich habe wahrlich Besseres zu tun, als mich mit solchen Stahl-Verhärtungen zu beschäftigen. Das ist zweifellos richtig und insofern bin ich für diesen Hinweis unendlich dankbar. :D

WoKa

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Donnerstag, 21. Dezember 2017, 21:14

Hallo!

Nur soviel zu den beiden letzten Posts:

In diesem Thread ist jeder willkommen, der sich an der Diskussion über Liedinterpretationen beteiligen möchte. Leitplanken habe ich mit Post 33 eingezogen. Dabei freue ich mich auch über jeden, der zurück kommt.

Holger, vielen Dank für die beiden Vorschläge.

Die Brahms-CD habe ich gestern erhalten, nachdem die Brahms - CD von Jessye Norman, die ich bislang hatte, dieses Lied nicht enthielt.

Bei der Aufnahme derVesselina Kasarova musste ich schmunzeln.

Ich habe die CD auch und habe mich schnell mit der Interpretation angefreundet. Das hat mich selbst gewundert, da mich ihr Akzent sonst eher davon abhält, ihre Liedinterpretationen zu hören. Erklärt habe ich es mir damit (Achtung: Jetzt kommt ein Klischee!), dass sie mir ihrem leicht östlichen Akzent vielleicht die Herkunft des wendischen Volksliedes unterstreicht wobei ich zugeben muss, dass ich zunächst nachlesen musste was "wendisch" bedeutet. Irgendwie scheint mir das passend.

Ich erlaube mir, die beiden Videos einzustellen:

Jessye Norman Von Ewiger Liebe


Vesselina Kasarova Von Ewiger Liebe
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Victor Hugo

Dr. Holger Kaletha

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72

Donnerstag, 21. Dezember 2017, 21:55

Bei der Aufnahme derVesselina Kasarova musste ich schmunzeln.

Ich habe die CD auch und habe mich schnell mit der Interpretation angefreundet. Das hat mich selbst gewundert, da mich ihr Akzent sonst eher davon abhält, ihre Liedinterpretationen zu hören. Erklärt habe ich es mir damit (Achtung: Jetzt kommt ein Klischee!), dass sie mir ihrem leicht östlichen Akzent vielleicht die Herkunft des wendischen Volksliedes unterstreicht wobei ich zugeben muss, dass ich zunächst nachlesen musste was "wendisch" bedeutet. Irgendwie scheint mir das passend.
:D Da ist ja auch was dran, lieber WoKa. Diese doch so gar nicht deutsch-romantische, unsentimentale Art, das zu singen, dabei aber auch sehr fein, kommt auch mir bekannt vor:



Die CD ist wirklich sehr empfehlenswert und kostet nur 4 Euro derzeit. Die bulgarischen Lieder sind sehr traurig meist - das Land hat Jahrhunderte unter türkischer Fremdherrschaft gelitten. Aber da ist diese typische Rhythmik drin, und die höre ich auch bei ihrem Brahms. Nietzsche würde das gefallen haben, keine deutsche Sentimentalität, die das rhythmische Gefühl entartet und den Magen verschleimt. :D Irgendwie ist das erfrischend. Nur als Randbemerkung: Der CD-Klang besonders bei Youtube ist doch sehr mit Vorsicht zu genießen. Irmgard Seefried habe ich nun auch auf CD mit Wolf und Strauss - da erkennt man die Stimme kaum noch wieder...

Ich habe natürlich etwas übertrieben - an sich ist das Gedicht eigentlich ein romantisch-schönes. Aber diese Eisen-Stahl-Metaphorik (das ist ja große Industrie und nicht "Natur") in einem romantischen Gedicht ist schon etwas seltsam, zumal wir heute (was man natürlich einem Gedicht des 19. Jhd. nicht vorwerfen kann) kaum umhin können, bei solcher Metaphorik an die "Stahlgewitter" des 1. Weltkrieges und die Panzer-Ungetüme des "tausendjährigen Reiches" denken. Diese deutsche Sehnsucht nach Eisen und Stahl mit der Assoziation von stählernem Halten und Durchhalten schon in der Romantik? Ich kriege da doch ein flaues Gefühl im Bauch. Bei Brahms ist davon zum Glück nichts zu hören. :hello:

Schöne Grüße
Holger

WoKa

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Donnerstag, 28. Dezember 2017, 22:56

Robert Schumann: Widmung (aus Myrthen op. 25)

In seinem Liederjahr 1840 schrieb Robert Schumann den Liederkreis „Myrthen op.25“, den er Clara am 11. September, am Vortag ihrer Hochzeit, zum Geschenk machte - 2 Tage vor ihrem 21. Geburtstag. Dabei vertonte er u.a. 5 Gedichte von Friedrich Rückert, u.a. das Stück das mit der Textzeile "Du meine Seele" beginnt und das Schumann aus diesem Grund „Widmung“ nannte.

Eine tiefer gehende Behandlung der Liedersammlung bzw. des ausgewählten Liedes in Tamino habe ich nicht gefunden.

Das Gedicht aus Rückerts Liebesfrühling, das dieser 1821 verfasst hatte, drückt wiederum dessen Liebe zu seinem Mündel Luise Wiethaus-Fischer aus. Die beiden heirateten noch im selben Jahr.

Vor dem Hintergrund dieser Lebenssituationen, die in beiden Fällen – Dichter und Komponist – von überbordender Liebe gekennzeichnet waren, wird nachvollziehbar, weshalb dieses erste Lied aus dem Zyklus das möglicherweise anrührendste und leidenschaftlichste der Lieder Schumanns, möglicherweise im gesamten Genre des Kunstliedes ist. Auch wenn es wahrscheinlich nicht das größte Meisterwerk aus den Myrthen ist.

Angesichts der Tatsache, dass jeweils Männer am Werke waren, tendiere ich stärker zu Interpreten dieses Geschlechtes, wenngleich sich die Unzahl an Einspielungen wahrscheinlich paritätisch verteilt.

Als erste Interpretation möchte ich den Bariton Thomas Quasthoff einstellen.

Thomas Quasthoff Widmung


Er drückt gleich zu Beginn hervorragend die Leidenschaft mit all ihrer Kraft in feurigem Tonfall aus, bedient allerdings auch den Hymnus („Du bist die Ruh…“) in einer beeindruckenden Weise.

Unter den weiblichen Interpreten habe ich Kathleen Ferrier ausgesucht. Auch wenn ich mich etwas am Akzent, der in den Vokalen zu Ausdruck kommt, störe, unterstreicht auch ihre Interpretation in sehr schöner Weise die erhöhende Wirkung der Liebe.

Kathleen Ferrier Widmung


Und hier der Text des Rückert-Gedichts:

"Du meine Seele, du mein Herz,
Du meine Wonn’, O du mein Schmerz,
Du meine Welt, in der ich lebe,
Mein Himmel du, darein ich schwebe,
O du mein Grab, in das hinab
Ich ewig meinen Kummer gab.

Du bist die Ruh, du bist der Frieden,
Du bist vom Himmel mir beschieden.
Daß du mich liebst, macht mich mir wert,
Dein Blick hat mich vor mir verklärt,
Du hebst mich liebend über mich,
Mein guter Geist, mein beßres Ich!"

Gruß WoKa
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Victor Hugo

operus

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74

Freitag, 29. Dezember 2017, 09:59

"Sei sicher, eine Liebe wie unsere, die muss einfach ewig bestehen. Daran gibt es für mich keinen Zweifel."
Lieber Woka, liebe Freunde,

die eingestellte Gesangsstunde mit Brigitte Fassbaender ist wenn - auch in englisch gehalten - exemplarisch. Selbst der Zuhörer versteht jeden gesangspädagogischen Hinweis,empfindet jede Geste und selbst vom Bildschirm übertragt sich die Zuwendung von der Meisterin zur Schülerin. Welch ein Unterschied zu dem sehr autoritären Unterricht anderer großer Sängerinnen, den ich sogar selbst live miterlebte. Ergebnis Demotivation - im eingestellten Beispiel ist es aufbauende Motivation und liebevolle Persönlichkeitsförderung.
Noch etwas früh, um es zu veröffentlichen: Für unsere Taminos, die Freunde des Forums und die Mitleser tue ich es dennoch. Es ist uns gelungen für im Rahmen des Künstlertreffens der Gottlob-Frick-Gesellschaft am 13. Oktober 2019 Frau Prof. Kammersängerin Brigitte Fassbaender für ein Künstlergespräch mit dem Fachjounalisten Thomas Voigt zu gewinnen. :jubel:
Herzlichst
Operus

Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

La Roche

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Freitag, 29. Dezember 2017, 14:05

n diesem Thread ist jeder willkommen, der sich an der Diskussion über Liedinterpretationen beteiligen möchte. Leitplanken habe ich mit Post 33 eingezogen. Dabei freue ich mich auch über jeden, der zurück kommt.
Lieber WoKa, in diesem Thread habe ich viel gelernt und ich habe mich gerne beteiligt. Bis zum Beitrag 36, das war für mich der Punkt zum Ausstieg, wie ich Dir auch in Nr. 37 mitgeteilt habe. Es tut mir leid, aber wenn meine persönliche Meinung zum wiederholten Male mit persönlichen Beleidigungen belegt wird (lies 37 noch mal, auch Du wirst angegriffen, und auch 39!!), dann habe ich keine Lust mehr.

Herzlichst La Roche
Ein Gespräch setzt voraus, daß der andere Recht haben könnte. Gadamer


orsini

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Samstag, 30. Dezember 2017, 22:27

Nachdem ich mich beim Brahms-Lied etwas zurückgehalten habe (da ich nicht wirklich mit allen Brahms-Liedern etwas anfangen kann) hier nun zwei Interpretationen der "Widmung", die mir besonders gefallen:

Die erste Version wird gesungen von Anneliese Rothenberger, begleitet von Günther Weissenborn am Klavier. Als Verehrer der Stimme von A. Rothenberger ist mein Urteil hier nicht völlig objektiv :-) Besonders geglückt erscheint mir jedoch die Wortbehandlung, beeindruckend das tiefe und für eine leichte Sopranstimme recht resonante "... du bist der Frieden". Ingesamt vielleicht eher die interpretation einer Frau, nicht die eines jungen Mädchens...
"Bin ich zu laut?" fragte einst Gerald Moore im Titel seiner Biographie... zumindest im Falle von G. Weissenborn bei dieser Aufnahme würde ich das bejahen :stumm:

Im zweiten Beispiel singt Peter Schreier begleitet von Norman Shetler. Besonders beeindruckend die Gegenüberstellung des hoch auffahrenden Glücksgefühls (das durch eine Tenorstimme besonders prägnant verdeutlicht wird) und der verhaltenen Momente (Du bist die Ruh), wo die Stimme fast völlig in sich gekehrt erklingt.
... in diesem Sinne beste Grüße von orsini

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Rheingold1876

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77

Samstag, 30. Dezember 2017, 23:10

Die erste Version wird gesungen von Anneliese Rothenberger, begleitet von Günther Weissenborn am Klavier. Als Verehrer der Stimme von A. Rothenberger ist mein Urteil hier nicht völlig objektiv :-) Besonders geglückt erscheint mir jedoch die Wortbehandlung, beeindruckend das tiefe und für eine leichte Sopranstimme recht resonante "... du bist der Frieden". Ingesamt vielleicht eher die interpretation einer Frau, nicht die eines jungen Mädchens...
"Bin ich zu laut?" fragte einst Gerald Moore im Titel seiner Biographie... zumindest im Falle von G. Weissenborn bei dieser Aufnahme würde ich das bejahen


Lieber Orsini, mir scheint, Weissenborn begleitet auf dieser YouTube-Version noch "lauter" als im Original der EMI. Dort ist das Klangbild allerdings auch nicht optimal. Ich habe das eben mal vergleichend nachgehört. Nun sind wir alle Nutzer der Platform. Allerdings beobachte ich auch, dass dort manches nur mit Einschränkung zu vernehmen ist. Wen wundert's? Es kostet ja nichts. Doch zurück zum Thema. Die Rothenberger singt die "Widmung" mit viel Emphase, rückt das Lied fast schon in Opernnähe. Mir scheint, diesem Interpretationsansatz folgt auch der Pianist, indem er etwas zu kräftig in die Tasten greift. Ich finde es gut beobachtet, dass hier kein junges Mädchen in Erscheinung tritt. So soll es vielleicht auch sein - obwohl die Entstehungsgeschichte des Gedichts, die uns WoKa weiter oben berichtet, dagegen spricht. Schumann aber dürfte bei der Kompositionen gewiss eigene verbindende Gedanken gehabt haben. Bedeutende Kunstwerke lassen viele Deutungen zu, wie ich finde.

In ihrem New Yorker Abschiedskonzert sang Lotte Lehmann 1951 das Lied. Bei aller natürlichen Einschränkung - die Sängerin war damals 63 - kommt der reife Aspekte des Liedes für mich hier besonders ergreifend zum Ausdruck:


https://www.youtube.com/watch?v=CIVM9Sj36sM
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

WoKa

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Samstag, 30. Dezember 2017, 23:52

Hallo!

Vielen Dank für die interessanten Beiträge.

Die Interpretation von Peter Schreier habe ich in Vorbereitung auf dieses Lied gehört. Sie gefällt mir sehr gut, nachdem ich - wie ich ja eingangs geschrieben habe - ohnehin mit männlichen Interpreten in diesem Zusammenhang eher klar komme. Ich bin der Meinung, die Attribute, die der angesprochenen Person zugeordnet werden, (Du meine Seele..., Du bist die Ruh´) lassen sich einer Frau eher zuschreiben. An der Schreier-Aufnahme gefällt mir besonders, dass sie mir den Eindruck vermittelt, er würde nicht direkt, sondern lediglich in Gedanken mit der Geliebten sprechen, in sich gekehrt. Das empfinde ich als sehr authentisch.

Bei der Aufnahme von Anneliese Rothenberger teile ich die Zurückhaltung, da sie - wie Du Rheingold schreibst - sehr "opernhaft" klingt. Aber das ist mein Geschmack,, da kann man sicher unterschiedlicher Ansicht sein.

Ähnliche Einschränkung in der Beurteilung habe ich bei Jessye Norman:



Das ist perfekt - mir aber etwas zu viel.

Eine Aufnahme, die meiner Vorstellung der idealtypischen Interpretation nahe kommt, kann ich leider nicht einstellen, da kein Video verfügbar ist:



In einem der vielen Booklets habe ich im Zusammenhang mit diesem Lied den Begriff "Dynamische Variabilität" gelesen. Wäre mir alleine nicht eingefallen, trifft auf die Aufnahme mit Christiane Karg allerdings gut zu. Sie schöpft die unterschiedlichen Stimmungen sehr gut aus. Auch der Klavierbegleiter, Malcolm Martineau, spielt sehr einfühlsam. Allerdings muss ich zugeben, dass ich bei ihr in ähnlicher Weise nicht objektiv bin, wie Du Orsini bei Anneliese Rothenberger.

Gruß WoKa
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Victor Hugo

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79

Montag, 1. Januar 2018, 22:09

Hallo!

Ich mag die warme Stimme von Barbara Hendricks. Ich meine, das Stück auch in ihrer Interpretation zum ersten mal gehört zu haben. Die Klavierbegleitung hält sich stets leicht im Hintergrund, geht gleichzeitig alle emotionalen Schwankungen sehr schön mit. Da ist halt noch die Sache mit den Vokalen (siehe Kathleen Ferrier)...

Leider finde ich diese Aufnahme ebenfalls nicht in youtube:



An Orsini:

Gibt es ein Stück, das du bevorzugt einbringen möchtest?

Gruß WoKa
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Victor Hugo

Dr. Holger Kaletha

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80

Montag, 1. Januar 2018, 22:18

Ich komme im Moment nicht dazu, das nachzuhören und will deshalb nur an einen anderen Thread erinnern, wo die hörenswerten Klaviertranskriptionen von Clara Schumann und Franz Liszt das Thema waren. :hello:

Schöne Grüße
Holger

orsini

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81

Dienstag, 2. Januar 2018, 19:14

hallo Woka und Rheingold1876

noch ein kleiner Nachtrag zur Widmung. Nachdem wir heute von unserem Silvester-Ausflug nach Salzburg zurückgekehrt sind, habe ich nochmal im CD-Regal ein paar Widmungen gesucht. Die für mich augenblicklich schönste Aufnahme stammt von Felicity Lott. Auf youtube habe ich keinen clip gefunden, den ich hier einstellen wollte. Es gibt ein oder zwei mit der Widmung, die aber stammen von 2010+ und sind eher schwache Erinnerungen an eine ehemals schöne Zeit...

Die Aufnahme, die mir so gefällt, ist u.a. auf dieser CD enthalten. Eigenartigerweise hat amazon die Hörbeispiele jeodch nur bei der mp3-Version zur Verfügung gestellt. Deshalb hier nochmal der Link zum Nachhören, es ist Track 16:
https://www.amazon.de/Schumann-Favourite…14915360&sr=8-3
Obwohl ich die Version von C. Karg nur von den Hörschnipseln im Netz beurteilen kann, glaube ich doch, daß beide Aufnahmen einen ähnlichen Interpretationsansatz verfolgen: eine klare, gut fokussierte jugendliche Stimme, ein eher liedhaftes (im Gegensatz zu opernhaftem) Singen, ohne viel Vibrato. Vorbildlich die Textverständlichkeit.
Soll es eine Widmung gesungen von einer Frau sein, dann für mich Christiane Karg oder Felicity Lott.

PS
Eure Kommentare zu Rothenberger kann ich gut verstehen, aber da höre ich halt mehr mit dem Herzen als mit dem Ohr/Verstand...
... in diesem Sinne beste Grüße von orsini

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Curt Goetz

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Dienstag, 2. Januar 2018, 20:12

Gustav Mahler: Wo die schönen Trompeten blasen (aus Des Knaben Wunderhorn)

Dann will ich mal WoKa's Wink mit dem Zaunpfahl aufnehmen und das folgende Lied vorstellen 8-)
Das Lied Wo die schönen Trompeten blasen entstand im Juli 1898 und ist Bestandteil der Lieder und Gesänge aus "Des Knaben Wunderhorn". Mahler hat hier zwei Wunderhorn-Gedichte kombiniert: "Bildchen" und "Unbeschreibliche Freude". Von den Lied existiert auch eine Orchesterversion von Mahler selbst.

In der Literatur finden sich recht gegensätzliche Deutungen des Liedes. P. Revers spricht z.B. von einer "... Szene, zwischen zwei sich Liebenden. Der Soldat begehrt Einlaß in das Haus des Mädchens, dieses läßt ihn jedoch lange warten. Nachdem sie ihn in das Hausgelassen hat, teilt er ihr mit, dass er in den Krieg ziehen werde."
W. Oehlmann hingegen sieht hier "... die oft erzählte Geschichte von dem toten Soldaten, der nachts an das Fenster seiner Liebsten klopft, um sie zu sich ins Grab zu holen".

Kennen- und lieben gelernt habe ich das Lied in der Interpretation von Thomas Hampson mit Geoffrey Parsons am Klavier. Einen kurzen Ausschnitt von Track 11 kann man bei amazon hören.
Für das gesamte Lied habe ich den folgenden clip gefunden, wiederum gesungen von Thomas Hampson, diesmal aber mit Wolfram Rieger am Flügel. youtube link Das Lied selbst beginnt ungefähr bei 56:45 min, davor und danach finden sich auch Erläuterungen von Hampson und Rieger zu den dargebotenen Liedern.

Es gelingt Hampson durch ungeahnte Variabilität seines Ausdrucks, die gespenstische Atmosphäre dieses Liedes auszudrücken. Fahl in den erzählenden Teilen, einschmeichelnd oder militärisch forsch in der direkten Rede des Soldaten erschafft Hampson hier einen eigenen Kosmos, kongenial begleitet von Parsons (auf der CD).
Wunderschön das wiegende "Willkommen, lieber (trauter) Knabe mein" oder das "Aufs Jahr sollst Du mein eigen sein"... :hail: :hail: :hail:





Der Text
Wer ist denn draußen und wer klopfet an,
der mich so leise wecken kann!?

Das ist der Herzallerlieble dein,
steh’ auf und laß mich zu dir ein!
Was soll ich hier nun länger steh’n?
Ich seh’ die Morgenröt’ aufgeh’n,
die Morgenröt’, zwei helle Stern’.
Bei meinem Schatz da wär ich gern’,
bei meinem Herzallerlieble.

Das Mädchen stand auf und ließ ihn ein;
sie heißt ihn auch willkommen sein.
Willkommen lieber Knabe mein,
so lang hast du gestanden!

Sie reicht’ ihm auch die schneeweiße Hand.
Von ferne sang die Nachtigall,
das Mädchen fängt zu weinen an.

Ach weine nicht, du Liebste mein,
auf’s Jahr sollst du mein Eigen sein.
Mein Eigen sollst du werden gewiß,
wie’s Keine sonst auf Erden ist!

O Lieb auf grüner Erden.
Ich zieh’ in Krieg auf grüne Haid,
die grüne Haide, die ist so weit!
Allwo dort die schönen Trompeten blasen,
da ist mein Haus,
mein Haus von grünem Rasen!
... in diesem Sinne beste Grüße von orsini

„Das Denken ist zwar allen Menschen erlaubt, aber vielen bleibt es erspart.“
Curt Goetz

Helmut Hofmann

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83

Dienstag, 2. Januar 2018, 22:35

Zit. orsini: "In der Literatur finden sich recht gegensätzliche Deutungen des Liedes. P. Revers spricht z.B. von einer "... Szene, zwischen zwei sich Liebenden. Der Soldat begehrt Einlaß in das Haus des Mädchens, dieses läßt ihn jedoch lange warten. Nachdem sie ihn in das Hausgelassen hat, teilt er ihr mit, dass er in den Krieg ziehen werde."
W. Oehlmann hingegen sieht hier "... die oft erzählte Geschichte von dem toten Soldaten, der nachts an das Fenster seiner Liebsten klopft, um sie zu sich ins Grab zu holen"."

Anmerkung hierzu:
Der zugrundeliegende Text stellt eine Montage dar, bei der Mahler sich in großer Eigenmächtigkeit einschließlich eigener Wortschöpfungen zweier Wunderhorn-Gedichte bedient hat. Die Vermutung des Mahler-Freundes Siegfried Lipiner, dass es hier um die Begegnung eines Mädchens mit dem Geist eines Soldaten gehe, dürfte abwegig sein. Mahler hat ihr – wie Natalie Bauer- Lechner berichtet – zu Recht widersprochen. Die Liedmusik lässt in der Art und Weise, wie sie den beiden Personen zugeordnet ist und die Begegnung der beiden in Gestalt motivischer Verflechtung reflektiert, recht eindeutig – und auf beeindruckende Weise – vernehmen, dass hier ein „Herzallerliebster“ bei einem Mädchen Einlass findet, um sich danach als in den Krieg ziehender Soldat in der Ahnung, dass er dort den Tod finden wird, zu verabschieden.

Das ist typische Mahler-Thematik, die in ihrer Auseinandersetzung mit den menschlichen Urerfahrungen „Krieg“, Abschied“ und „Tod“ grundsätzlich kompositorisch realistisch angegangen und ausgeführt wird. Mahler wollte in seiner Musik Klarheit, was existenzielle Grundfragen anbelangt. Das Thema „Krieg“ war ihm zu seiner Zeit viel zu gewichtig, als dass er sich diesbezüglich irgendwelchen kompositorischen Phantasiegebilden hingegeben hätte.

Dr. Holger Kaletha

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84

Dienstag, 2. Januar 2018, 23:05

Dieses Wunderhorn-Lied ist hier besonders eindrucksvoll musikalisch getroffen:



Der Grund ist Claudio Abbados Subtilität, sein ungemein feinsinniges, stilles ud leises, aus der Stille kommendes Musizieren mit dem Orchester. Zu Recht gab es für diese Aufnahme einen "Grammy".

Schöne Grüße
Holger

Rheingold1876

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85

Mittwoch, 3. Januar 2018, 08:52

W. Oehlmann hingegen sieht hier "... die oft erzählte Geschichte von dem toten Soldaten, der nachts an das Fenster seiner Liebsten klopft, um sie zu sich ins Grab zu holen".


Für mich hat daran auch nie ein Zweifel bestanden. Auch wenn Mahler - wie uns Helmut verdeutlicht - dem selbst widersprochen hat. Interpretation kann kann nach meiner Überzeugung weiter gehen, auch über die eigentlichen Intentionen des Schöpfers hinaus. Sonst müsste es ja immer genau so sein wie bei einer Uraufführung. Aus dem Vortrag von Christa Ludwig, begleitet von Otto Klemperer, meine ich die Oehlmannsche Deutung genau herauszuhören. Schon der Beginn ist wie der Ruf aus dem Jenseits. Einer der unheimlichsten Momente, die ich bei Mahler kenne. Dieses Lied hat für mich nichts Irdisches mehr. Wo sonst sollten die "schönen Trompeten" blasen?


https://www.youtube.com/watch?v=0uzlefS0mOg
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

Stimmenliebhaber

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86

Mittwoch, 3. Januar 2018, 09:07

Interpretation kann kann nach meiner Überzeugung weiter gehen, auch über die eigentlichen Intentionen des Schöpfers hinaus. Sonst müsste es ja immer genau so sein wie bei einer Uraufführung.
Der zweite Satz scheint mir nicht zwingend aus dem ersten abzuleiten bzw. setzt voraus, dass bei jeder Uraufführung die Intentionen des Schöpfers zwingend getroffen werden. Das ist mitnichten immer der Fall.
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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Rheingold1876

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87

Mittwoch, 3. Januar 2018, 09:13

Ich habe ganz bewusst von "einer Uraufführung" gesprochen, nicht von "der" und nicht von "jeder". Damit wollte ich nur etwas Grundsätzliches andeuten.
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

Bertarido

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88

Mittwoch, 3. Januar 2018, 09:53

W. Oehlmann hingegen sieht hier "... die oft erzählte Geschichte von dem toten Soldaten, der nachts an das Fenster seiner Liebsten klopft, um sie zu sich ins Grab zu holen".


Für mich hat daran auch nie ein Zweifel bestanden. Auch wenn Mahler - wie uns Helmut verdeutlicht - dem selbst widersprochen hat. Interpretation kann kann nach meiner Überzeugung weiter gehen, auch über die eigentlichen Intentionen des Schöpfers hinaus. Sonst müsste es ja immer genau so sein wie bei einer Uraufführung. Aus dem Vortrag von Christa Ludwig, begleitet von Otto Klemperer, meine ich die Oehlmannsche Deutung genau herauszuhören. Schon der Beginn ist wie der Ruf aus dem Jenseits. Einer der unheimlichsten Momente, die ich bei Mahler kenne. Dieses Lied hat für mich nichts Irdisches mehr. Wo sonst sollten die "schönen Trompeten" blasen?
https://www.youtube.com/watch?v=0uzlefS0mOg[/url]


Ich glaube, dass beide Interpretationen möglich sind, wobei ich auch dazu tendiere, das Lied zumindest schon an der Grenze zur Sphäre des Jenseitigen anzusiedeln. Die musikalischen Signale hierfür deute ich ebenso wie Rheingold. Und wenn wir auf den Text schauen, so wird in der letzten Strophe doch ganz klar, dass der Soldat, wenn er noch nicht tot ist, so doch den sicheren Tod vor Augen hat, denn "Allwo dort die schönen Trompeten blasen" (im Jenseits), "da ist mein Haus, mein Haus von grünem Rasen!" (sein Grab), zu dem er nun aufbrechen muss. Die in der vorletzen Strophe besungene Vereinigung mit seiner Geliebten: "auf’s Jahr sollst du mein Eigen sein. Mein Eigen sollst du werden gewiß," kann also nur im Tod erfolgen.

Das ist typische Mahler-Thematik, die in ihrer Auseinandersetzung mit den menschlichen Urerfahrungen „Krieg“, Abschied“ und „Tod“ grundsätzlich kompositorisch realistisch angegangen und ausgeführt wird. Mahler wollte in seiner Musik Klarheit, was existenzielle Grundfragen anbelangt. Das Thema „Krieg“ war ihm zu seiner Zeit viel zu gewichtig, als dass er sich diesbezüglich irgendwelchen kompositorischen Phantasiegebilden hingegeben hätte.


Ich verstehe nicht, warum die von Dir abgelehnte Deutung irgendetwas an der Bedeutung der Erfahrungen von Krieg, Abschied und Tod ändern sollte, die hier besungen werden. Im übrigen finden sich solche "kompositorischen Phantasiegebilde" auch in einem anderen Wunderhorn-Lied, in dem das Kriegsgrauen thematisiert wird, nämlich "Revelge", wo am Ende die Soldaten als Totengebeine vor dem Haus der Geliebten aufmarschieren.

Kinderstück

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89

Mittwoch, 3. Januar 2018, 10:08

denn "Allwo dort die schönen Trompeten blasen" (im Jenseits), "da ist mein Haus, mein Haus von grünem Rasen!" (sein Grab), zu dem er nun aufbrechen muss.
das bestreitet wohl niemand. Es geht aber doch darum, ob das eine Schlußwendung ist, oder ob der Soldat schon zu Beginn des Gedichtes ein Gespenst ist. Da, wo von solchen Gespenstern erzählt wird, singt da eigentlich auch die Nachtigall?

Dr. Holger Kaletha

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90

Mittwoch, 3. Januar 2018, 11:33

Ich habe selbst das Lied immer anders interpretiert - aber Interpretationen sind natürlich alle legitim, die einen Sinn geben.

Meine Deutung: Ich sehe eine Parallele zu "Schildwaches Nachtlied". Da widersteht ein Soldat der erotischen Verführung (die Schwarzkopf singt das wirklich genial wie eine Sirene!) als sirenenhafter Verlockung mit der Glorifizierung des Soldatischen: Ich diene einem König, einem Kaiser. Hier geht es um eine rührende Abschiedszene - also ganz ähnlich die Antithese Liebe/Erotik - soldatisches Dasein. Der Soldat verspricht sie zu heiraten - aber er versteht sein Soldatensein als "Beruf". Sein "Haus" - wo er als Soldat zuhause ist - ist dort, wo man den Ruhm im Krieg erlangt. Die Trompeten sind ja die königlichen, "herrschaftlichen" Instrumente. D.h. er verabschiedet sich mit der Begründung, dass eigentlich sein Soldatendasein sein Zuhause ist - der Ort, wo man dem Erhabenen, dem König dient - und nicht primär die häusliche Liebe. Er will zwar zurückkehren um zu heiraten, aber eben nicht im Haus der Geliebten bleiben, weil sein eigentliches Zuhause auf dem Schlachtfeld ist, wo man Ruhm und Ehre erlangt, für welche die Trompeten blasen. In "Schildwaches Nachtlied" wird diese Soldatenexistenz und ihr Glaube an Ruhm und Ehre ironisiert und verhöhnt von der Sirene "wers glauben tut, wers glauben tut", hier nicht. Es wird aus der Perspektive des verlassenen Mädchens gesungen: ein rührend-trauriger Abschied. Dass das Soldatendasein ein verlorenes von vornherein ist, das schwingt da sicher mit in der leisen Trauer.

Schöne Grüße
Holger