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Sonntag, 9. Juli 2017, 11:27

Damals und heute

Hallo!

Auch diesen Beitrag von mir möchte ich in ebenfalls überarbeiteter und teilw. erweiterer Version zur Diskussion stellen.


Liebe Grüße,
Hosenrolle1



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Ich habe vor einiger Zeit dieses Buch, das auch auf der SPIEGEL-Bestsellerliste war, fertig gelesen.




Der Titel ist vielleicht etwas untertrieben, denn „kurz“ ist das Buch mit seinen rund 600 Seiten sicher nicht, aber es liest sich sehr flüssig.
Darin geht es in erster Linie um den Haushalt, um völlig alltägliche Dinge in den eigenen vier Wänden, und wie es dazu kam, dass die Dinge heute so sind, wie sie sind.

Und da wird sehr, sehr viel über den Alltag speziell des 17., 18. Und 19. Jahrhunderts geredet, von den armen bis zu den reichen Leuten. Es wird berichtet von neuen Erfindungen, neuen Techniken, neuen Materialien, usw. usf.
Es ist oft amüsant, und es finden sich sehr viele wissenswerte Dinge.

Allerdings ist das Buch auch in der ungeschönten Schilderung des Alltags sowie der Missstände früherer Jahrhunderte auch oftmals schockierend. Natürlich wusste ich, dass das Leben speziell der ärmeren Menschen damals kein Honigschlecken war, aber hier wird das Ganze doch noch deutlicher geschildert.

Und hier möchte ich jetzt auch langsam zum eigentlichen Thema kommen.
Beim Lesen des Buches musste ich oft an die Opern „Le Nozze di Figaro“ und „Hänsel und Gretel“ denken, und habe mir ein paar Gedanken gemacht.


Zuerst zum Figaro.

Das Stück von Beaumarchais ist ja eine Satire auf den Adel, um es grob zu sagen. Das wusste ich auch schon vorher. In diesem Buch liest man nun davon, wie man im 18. Und 19. Jahrhundert z.B. mit armen Kindern umgegangen ist, wie man sie als Arbeitssklaven über 15 Stunden am Tag hat schuften lassen, von den lebensgefährlichen Arbeiten, von den körperlichen Misshandlungen usw. Von manchen Adeligen, die sich einen Jungen oder ein Mädchen nur zu dem Zweck hielten, ihn/sie, wenn einem danach war, verprügeln zu können. Von Frauen, die praktisch keine Rechte hatten, die ebenfalls den ganzen Tag nur arbeiten durften. Davon, wie scheußlich der Winter war, wie kühl es in den Räumen war, von den vielen Krankheiten, die für uns heute relativ leicht heilbar sind, damals aber einen schmerzhaften Tod bedeutet haben. Von dem Gestank und dem Ungeziefer. Wie gesagt, es ist kein romantisierter Bericht dieser Zeit.

Es gibt noch viel mehr Beispiele dieser Art – und dann kann ich Beaumarchais´ Stück irgendwie besser verstehen: was muss sich so ein verprügeltes Kind, was müssen sich Menschen, die täglich in einer kalten Fabrik sitzen müssen und sich die Hände blutig schneiden bei irgendwelchen Aufgaben, denken, wenn sie hören, dass da irgendeine adelige Gräfin in ihrem Anwesen sitzt und weint, weil ihr Gatte sie offenbar nicht mehr liebt!

Das Stück ist eine Satire GEGEN diesen Adel, gegen die hochfeinen Leute, die mir ein bisschen so vorkommen wie die Gesellschaft in Edgar Allan Poes „Maske des roten Todes“. Mir kommt das Stück nach der Lektüre des Buches umso mehr so vor, als würde Beaumarchais sagen „Schaut her, Leute, wir schuften und krepieren, uns geht es sauschlecht, aber die feine Madame in ihrem Prunkschloss hat Liebeskummer. Die Ärmste!“.

Beaumarchais meinte:

Zitat

"Laster, Missbrauch und Willkür ändern sich nicht, sondern verstecken sich unter tausend Formen hinter der Maske der herrschenden Sitten: diese Maske herunterzureißen ist die edle Aufgabe dessen, der sich dem Theater verschreibt. Ob er nun lachend oder weinend moralisiert (…) Man kann die Menschen nur verändern, indem man sie zeigt, wie sie sind."
Ich denke, dass ich meine Meinung ein bisschen geändert habe. Zuerst meinte ich, dass das Stück ernst sei, und man es nicht komödiantisch zeigen sollte, denn man soll kein Mitgefühl mit den Figuren haben. Teilweise sehe ich das immer noch so, aber ich denke, dass es nun nicht mehr ernst sein muss; die Figuren sollten durchaus in ihrer eigenen heilen Welt leben, dabei aber irgendwie lächerlich wirken. Nicht durch Slapstickeinlagen oder Grimassen, sondern durch ihr Getue. Sie sollen ruhig kleine Scherze oder Neckereien machen, aber immer so, dass man nicht MIT ihnen lacht, sondern den Kopf schüttelt, wie man auch über die besagte Gesellschaft in Poes Kurzgeschichte den Kopf schüttelt. Ich denke auch, wenn man Mitgefühl mit diesen Figuren hat, dann kommt das vor allem daher, dass man nicht gezwungen ist, in dieser Zeit zu leben und unter solchen Herrschaften zu leiden - man kann sich das aus der sicheren Distanz ansehen.

Ich glaube aber, dass das heutzutage schlecht geht. Wir haben nicht mehr die Probleme der „einfachen“ oder gar armen Leute des 18. Jahrhunderts, sondern leben vergleichsweise zu damals im puren Luxus – sind wir vielleicht deswegen eher geneigt, mit den Figuren im „Figaro“ mitzufühlen, weil es uns nun selbst besser geht, und wir die Almavivas nicht mehr als Stellvertreter für „die da oben“ mit ihren First-World-Problems sehen, über die sich endlich mal jemand lustig macht? Im ungünstigsten Fall erfreuen wir uns an den hübschen Kostümen und denken „Ach ja, das war eine tolle Zeit damals“.




Was „Hänsel und Gretel“ angeht, so bin ich umso mehr der Meinung, dass man dieses Werk ernst nehmen muss, um es überzeugend auf die Bühne zu bringen.
Die Oper entstand ja Ende des 19. Jahrhunderts, wo VIELES schon wesentlich moderner war, es gab massenweise neue Erfindungen, die den Menschen Arbeiten erleichterten, die dafür sorgten, dass es wärmer wurde, usw.
Jedoch, ich weiß nicht, wann das Märchen ungefähr spielen soll. Geschrieben wurde es um 1800, und schon da hieß es „Es war einmal“, in Humperdincks Musik höre ich teilweise fast schon mittelalterliche Klänge heraus. Also ich bin mir auf jeden Fall sicher, dass die Oper NICHT um 1890 herum spielt, sondern in einer lange vergangenen Zeit.

Hier geht es sogar um zwei arme Kinder, die bereits arbeiten müssen, damit sich die Familie gerade noch über Wasser halten kann. Das ist keine lustige, sondern eine todernste Situation. Was muss das für ein Leben sein in einer kargen Hütte. Wie müssen die Winter sein? Auch nicht zu vergessen: zu der Zeit, wo die Geschichte spielt, gab es kein elektrisches Licht, und schon gar nicht irgendwo auf dem Land am Rande eines Waldes, und Kerzen waren auch nicht billig. Von den Ratten, die dort garantiert auch leben, ganz zu schweigen. Wenn es keinen Mondschein gab, hieß das völlige Dunkelheit und Kälte, und in diesem Fall auch noch hungern. Der Vater singt sogar noch bezeichnenderweise „Wenn sie sich verirrten im Walde dort, in der Nacht ohne Stern´ und Mond“.

Ja, und dann verirren sich Hänsel und Gretel tatsächlich im Wald, und aus dieser ganzen realistischen, schlimmen Situation heraus taucht dann plötzlich ein absolut unwirkliches Wunder auf, das die beiden Kinder noch nie gesehen haben – das Knusperhaus! Wie Humperdinck hier in der Musik diese Verwunderung und die Freude über diesen Anblick schildert ist schon großartig. (Freilich, schon im zweiten Akt gab es das Sandmännchen und die Engelszene, aber zumindest die Engelszene sehen die beiden ja nicht bewusst, sondern meinen nur, das geträumt zu haben, im Gegensatz zum Knusperhaus).
Aber in diesem Knusperhaus lauert eine tödliche Gefahr.

Ich meine, dass ein Regisseur diese Oper unbedingt ernst nehmen muss, und das wird leider so gut wie gar nicht getan. Beim Lesen des Buches habe ich wieder gemerkt, wie schlimm es besonders armen Kindern damals ging, und musste an diese unsäglichen Slapstick-Inszenierungen denken, wo Hänsel und Gretel ständig Richtung Publikum schauen und herumalbern. Die Sozialkritik kann hier keinem entgehen, der sich den Text ansieht, etwa wenn der Vater singt „Ja, ihr Reichen könnt euch laben, wir, die nichts zu essen haben …“ . Der erste Akt muss harte Realität sein, damit die Engelszene umso stärker wirkt, und das Erscheinen des Knusperhauses ebenfalls. Wenn Humperdinck notiert, dass der zweite Akt im Wald im Abendrot beginnt, dann hat das einen guten Grund: Abendrot bedeutet, dass es bald dunkel wird, und wenn es dunkel wird, dann bedeutet das WIRKLICHE Dunkelheit, also Gefahr.
Nach dem Abendsegen schlafen die beiden Kinder ein, und es wird vollkommen dunkel auf der Bühne. Das wäre eigentlich nun die gefährlichste Zeit – doch plötzlich kommt ein Lichtstrahl, dann die Treppe und die 14 Engel, und die ganze Bühne erstrahlt im hellen Licht; kein dunkler, bedrohlicher Wald mehr.

So viele Regisseure, die diese Oper in modernere Zeiten verlegen, kommen mit irgendwelchen Analogien a la „Damals gab es arme Kinder mit Eltern, die sie vernachlässigen, heute gibt es das auch, also verlegen wir das ganze einfach mal in die 1960er Jahre und machen aus den Eltern Hippies“. Aber es ist immens wichtig, dass diese Oper zur DAMALIGEN Zeit spielt, weil die Umstände völlig andere waren. Klar, in manchen Dingen ist es gut, wenn man zumindest ein bisschen weiß, wie man damals gelebt hat, und dass das keine schöne Zeit war. Aber solche langweiligen Dinge interessiert das sowieso meist kindliche Publikum nicht, die wollen natürlich lieber bunte Kulissen sehen, und wie Hänsel und Gretel lustige Witze machen und auf den Boden plumpsen …



Zusammenfassend denke ich, dass der „Figaro“ in keinster Weise so inszeniert werden sollte, dass man mit den Figuren irgendwie mitfühlt, man sollte das Stück aus der damaligen (hässlichen) Zeit heraus sehen. Wie oft wird – obwohl es NICHT in der Partitur steht und somit eine Verfremdung durch Regisseure ist! – Cherubino bei „Venite, inginocchiatevi“ in einer lustigen Nummer als Frau verkleidet, ohne dass man daran denkt, dass Cherubino im dritten Teil der Figaro-Trilogie auf dem Schlachtfeld krepiert und einen Abschiedsbrief mit seinem eigenen Blut schreibt, die letzten Worte von Tränen verwischt? Im dritten Teil werden der Graf sowie die Gräfin bürgerlich und sind sich doch beide fremdgegangen, auch die Leidenschaft in Figaros Ehe ist dahin. Beaumarchais wollte meiner Meinung nach sicher nicht sympathische adelige Figuren zeigen, die ein paar kleine Fehler haben, die man mit einem „Ach, das ist alles menschlich“ abtun kann. Das Stück galt ja auch als revolutionär und Aufführungen waren ja auch verboten in Österreich, weil man nicht wollte, dass man sich über die Hoheiten lustig macht. Man hätte sicher nicht so gedacht, wenn der Adel eh gut weggekommen wäre.


Und bei HUG bin ich umso mehr dafür, dass man die Oper strikt nach Anweisung inszeniert. Manch einer würde sagen „Ja klar, eine verstaubte, altbackene romantische Inszenierung“, aber das ist Unsinn. Zum einen sehe ich in einer kargen Holzhütte und einem bedrohlichen Wald nichts altbackenes oder verstaubtes, zum anderen darf man nicht vergessen, dass gar nichts romantisiert wird. Ganz im Gegenteil, sogar Humperdincks Musik schildert etwa den Wald nicht als fröhlichen Zuckerguss-Märchenort, sondern als bedrohlich und tödlich, im Hexenritt, aber auch danach. Man muss unbedingt in dieser Zeit bleiben, um dem Text und auch der Musik gerecht zu werden. Da wird eine bittere Realität geschildert, die der damaligen Zeit entsprochen hat, sowie Bedrohungen, die vor allem auch der damaligen Zeit entsprochen haben (mit Ausnahme der Hexe, die unwirklich ist).