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Alfred_Schmidt

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1

Sonntag, 18. Juni 2017, 00:23

Opernfiguren kritisch betrachtet - Vol 2 - Wer ist eigentlich dieser Sarastro ?

Wenngleich der 1 Thread dieser geplanten Serie bislang keine einzige Antwort bekam, wage ich keck eine Fortsetzung, und ich bleibe bei der Zauberflöte, ganz einfach deshalb, weil heute im Thema Religion in der Oper anscheinend das Interesse, - wenngleich keine wirkliche Zuneigung - an dieser Figur bekundet wurde.

Opernfiguren kritisch betrachtet - Vol 1 - Wer ist eigentlich dieser Tamino ?

mfg aus Wien
Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

Sixtus

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2

Montag, 19. Juni 2017, 11:02

Die Zauberflöte: Märchenoper oder Freimaurer-Pamphlet, von Mozart vergoldet?

Lieber Alfred,
ich glaube, du musst deine beiden Schikaneder-Figuren noch nicht zum Verschrotten zwischenlagern.
Dass bisher noch kein Beitragsregen geflossen ist, könnte daran liegen, dass fast jeder Opernfreund diese Fiuren zu kennen glaubt. Der Grund: Sie sind vom Librettisten sehr schablonenartig angelegt und sperren sich einer modernen Interpretation. Wir können sie wohl nur aus dem historischen Zeitgeist heraus verstehen, und der ist uns ziemlich fremd geworden.
Während Tamino und Pamina aus dem Märchenbaukasten zu kommen scheinen. wo in schlichten Primärfarben gepinselt wird, scheint Sarastro der Freimaurerwelt entsprungen zu sein. Er ist (ebenso wie seine Priester) das Sprachrohr dieser Männerloge. Da ist kein Platz für Zwischentöne und persönliches Profil. Die Figuren bleiben dem Schwarz-Weiß-Kontrast verhaftet und machen kaum eine Entwicklung durch.
Dass trotzdem das rezitativische Duett Tamino-Sprecher und auch die Feuer- und Wasserprobe zu Sternstunden der Oper wurden, wüsste vermutlich nicht einmal Mozart selbst zu erklären.
Die Zeit um 1800 war offenbar dem Kontrast Gut/Böse zu sehr zugetan, um ein wenig Psychologie bei den Bühnenfiguren zuzulassen. Sie wirken auf mich überwiegend schablonenhaft. (Ausnahme: die Da-Ponte-Opern!)
Ich glaube auch nicht, dass wissenschaftliche Recherchen viel daran ändern können - meint, mit herzlichen Grüßen, Sixtus

Alfred_Schmidt

Administrator

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3

Montag, 19. Juni 2017, 13:51

Dass bisher noch kein Beitragsregen geflossen ist, könnte daran liegen, dass fast jeder Opernfreund diese Fiuren zu kennen glaubt. Der Grund: Sie sind vom Librettisten sehr schablonenartig angelegt und sperren sich einer modernen Interpretation. Wir können sie wohl nur aus dem historischen Zeitgeist heraus verstehen, und der ist uns ziemlich fremd geworden.


Gamz richtig-. Der Zeitgeist des spätem 18. Jahrhunderts ist den Leuten - ich veremeide bewußt das Wort "UNS" - ziemlich fremd gewordem, sind sie doch mehrheitlich damit befasst von sich mit dem "Handy" (ein Wort das im englischen Sprachraum unbekannt ist) "Selfies" anzufertigen.
Alle Libretti Schikaneders waren sehr einfach - aber dennoch - oder gerade deshalb - publikumswirksam gestrickt.

Bevor ich ich aber deren Strickmuster analysiere, komme ich wieder auf "Sarastro" zurück.
Ein Anführer eines Männerbundes - nichts aussergewöhnliches. Wir findens solche Verbindungen immer wieder, und haben in der weithin katholischen Kirche noch immer einen solchen, von anderen Weltreligionen ganz zu schweigen. Englische Clubs waren ebenfalls nur Männern vorbehalten- und niemand fand daran etwas Aussergewöhnliches. Man ist sich ziemlich sicher, daß Sarastros "Priesterriege" eine Anspielung auf die Freumaurerbewegung ist, mit deren Zielseztung ich ir auch nicht völlig im klaren bein, einerseits angebliche Vorreiter der Aufklärung - andrerseits mit Riten die ans finsterste Mittelalter erinnern und mit einer eigenen Hierarchie.

Sarastro vertritt in der Oper das "sogennnte Gute", aber er ist kein "Gutmensch" im abwertenden Sinne des 20.und 21, Jahrhunderts. Er führt -ziemlich unangefochten - seinen Männerkreis, wirkt erhaben und souverän. und vertritt selbstverständlich auch das Weltbild des 18. Jahrhunderts. Wenn er Monostatos entgegenschleudert. "Ich weiss, dass deine Seele ebenso schwarz als dein Gesicht ist." so wurde das als völlig normal hingenommen, niemand hat darüber nachgedacht, Sarasto des Rassismus zu bezichtigen, allenfalls hätte jemand feststellen mögen, dass der Satz SPRACHLICH inkorrekt sein, es müsse heissen "schwarz WIE dein Gesicht" und nich "schwarz ALS dein Gesicht"....

Man hat Sarastro auch Frauenfeindlichkeit vorgeworfen. Das ist nur bedingt wahr. Männerbünde sind nicht "frauenfeindlich", sondern sie halten eine kritische Distanz, lassen eine "Unterwanderung" von Frauen nicht zu und entziehen sich auf diese Weise deren Einfluß. Im Gegensatz zu anderen Verhaltensarten unterdrücken sie keine Frauen, sondern ziehen sich auf ureigenstes männliches Terrain zurück. Das Vorurteil, der intellektuellen Minderwertigkeit der Frau (dazu später mal) mag dadurch gefestigt sein, daß solche elitären Verbindungen generell nur mehr oder weniger intellektbegabte Männer zulassen, sich also dem "einfachen Volk" verweigern, somit also mit intellekt unbegabten Männern ebenfalls nicht zusammenkommen. Iwieweit dies Illusion ist, inwieweit frommer Selbstbetrug, darüber könnte man nachdenken.

Der schablonenhafte Sarastro als Figur, war vermutlich auch deshalb so beliebt - in das war er in der Tat - weil er das "Gute" verkörperte und zudem noch Autorität war. Man konnte sich orientieren, hatte ein Leitbild. Und selbstverständlich darf der Führer der "Guten" auch Strafen verhängen, ja es wurde von ihm geradezu erwartet. Auch in den Religionen gibt es ja die Idee von der Bestrafung der Sünder - in der Endkonsequenz sogar durch ewige Verdammnis, ein Gedankengang, der in unserer Zeit allmählich in den Hintergrund gedrängt worden ist - weil er unbequem ist.

Was wäre das für ein erstaunan, wenn es doch ein Jenseits gäbe und man plötzlich eine endlose Warteschlange vor sich sähe und fragte: "Komme ich nun in den Himmel oder in die Hölle ?" und ein weißgekleideter Engel mit himmlischem Hoheitsabzeichen und Unformkappe antwortete: Das wissen wir erst nach der Computerauswertung - das dauert aber, Wndows ist nämlich abgestürzt"

Zurück zu Sarastro. Mit einer einer derartig eindimensionalen, einseitigen Figur konnte man natürlich wenig anfangen, sodaß es in den letzten Jahrzehnten - und vermutlich schon länger - Ausdeutungen der verschiedensten Art gegeben hat.

Pikante Anmerkung am Schluß - Die Person des Don Fernando, Minister des spanischen Königs ais Beethovens "Fidelio" ist mindestens ebenso eindimensional und ebenso hinterfragbar - Daran hat sich bislang allerdings noch niemand gestoßen.

mfg aus Wien
Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

Waltrada

Fortgeschrittener

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Registrierungsdatum: 15. März 2008

4

Donnerstag, 6. Juli 2017, 19:57

.....
Pikante Anmerkung am Schluß - Die Person des Don Fernando, Minister des spanischen Königs ais Beethovens "Fidelio" ist mindestens ebenso eindimensional und ebenso hinterfragbar - Daran hat sich bislang allerdings noch niemand gestoßen.

mfg aus Wien
Alfred
Der Unterschied bei der Bewertung dürfte mit der Funktion beider Figuren zu tun haben. Don Fernando ist nun einmal nur eine Nebenfigur ist, eigentlich sogar eine Randfigur, es wäre theoretisch möglich, seinen Auftritt wegzulassen. Sarastro ist dagegen eine wichtige Nebenfigur oder sogar Hauptfigur.

Ansonsten bietet die Figur eigentlich viel Potential, benötigt werden halt Sänger und eine vernünftige Regie, die das für eine schlüssige Interpretation nützt.
Il mare, il mare! Quale in rimirarlo
Di glorie e di sublimi rapimenti
Mi si affaccian ricordi! Il mare, il mare!
Percè in suo grembo non trovai la tomba?

Alfred_Schmidt

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5

Freitag, 7. Juli 2017, 11:26

Wieder eine Beschreibung der Figur, äh des Charakters des Sarastro aus der "Allgemeinen Wiener Musikzeitung" von 1842.

Sie ist der gleichen Kritik entnommen, die wir auch zur Beschreibung des "Tamino" verwendet haben.
Auch wenn das Abschreiben dieser alten Rezensionen (Fraktur, Copy und Paste funktioniert hier nicht)viel Mühe verurascht, so lohnt es sich letztlich doch:
Wir bekommen ein Weltbild gelidert das aus der Zeit, fünfzig Jahre nach Mozarts Tod stammt und und klar machen sollte, wie grundverschieden man damals die Welt sah und wie anders man wertete....

Zitate aus der "Allgemeinen Wiener Musikzeitung" vom 18. Jänner 1842"
mit genauer Beschreibung des besprochenen Charakters

Zitat

Sarastro, Oberpriester

Als Gegensatz der Königin der Nacht, ist er das gute Princip in dem Leben der dramatischen Handlung. Der ehrwürdige Weis ist erhaben über die Leidenschaften; tiefer Ernst liegt über seinem Wesen ausgebreitet, die Weisheit ist sein Talisman und das Wohl der Menschen der Zweck seines Wesens. Mozart scheint diesen Character mit besonderer Vorliebe durchgeführt zu haben. Da ist weder in der Tonart des einzelnen Tonstücks, noch im Tempo oder in der Begleitung auch nur das Kleinste, was nicht in schönstem Einklang mit seinem Character stünde. Welche Hoheit, welche Frömmigkeit und Zuversicht liegt in der einfachen, tiefergreifenden Melodie des Gebetes „O Isis und Osiris“, während sich wieder in der Arie „In diesen heiligen Hallen“ die ganze Kraft der Überzeugung, das ruhige Selbstbewusstsein seiner hohen Sendung ausspricht. Dieser Part erfordert überhaupt, abgesehen von den physischen Mitteln, viel künstlerische Besonnenheit, eine wahrhaft poetische Auffassung und eine durchaus verständige Darstellung.
Herr Staudigl als Sarastro übertraf sogar die hochgespannten Erwartungen, die man von ihm hegte, und erwies sich als ein ebenso begabter, als denkender Künstler. Seine Darstellung entsprach ganz dem Character seiner Roll, sein Gesang war vorzüglich, und hätte er es über sich gewinnen können, den Beifall der Menge der Wahrheit und Würde dieser erhabenen Tondichtung aufzuopfern und die allerdings künstlichen und brillanten Gesangverzierungen in den zwei großen Arien, welch jedoch die erhabene und einfache Würde des Tonstücks beeinträchtigen, ganz wegzulassen. Man hätte seine Leistung eine kunstvollendete nennen können


mit freundlichen Grüßen aus Wien
Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

Klaus 2

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Beiträge: 1 413

Registrierungsdatum: 28. Oktober 2011

6

Freitag, 7. Juli 2017, 11:54

ein Problem bei der Bewertung ist auch bei ihm, dass seine Güte vor allem auf seinen eigenen Aussagen beruht. Tamino zu überzeugen ist ja, wie im anderen Thread schon deutlich wurde, nicht allzu schwer.
Sein Kult mit den Prüfungen und einigem Pomp ließe sich bestimmt auch negativ konnotieren.
ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.