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Sixtus

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1

Donnerstag, 18. Februar 2016, 19:34

Ultimative Notizen aus dem Opernmuseum

Liebe Forum-Freunde!
Zuerst muss ich euch um Nachsicht bitten, dass ich so lange in der Versenkung verschwunden war. Dafür gibt es zwei Gründe. Der eine lautet „Alter Mann und neue Medien“, also meine Schwierigkeiten, mich im Internet zu bewegen. Der andere hat mit meiner Tätigkeit für den Wiener Merker zu tun, die mich in Anspruch genommen hat (z.B. der Leitartikel Heft 1/16). Aber jetzt versuche ich einen neuen Start. Bei der Lektüre eurer Diskussionen bin ich an einigen Punkten hängengeblieben, zu denen ich gern etwas sagen möchte. Nicht alles auf einmal, aber peu à peu.

Inszenierte Ouvertüren: Als Maßstab sollte doch der Wille des Autors gelten. Er besagt: Die Ouvertüre findet vor geschlossenem Vorhang statt. Am Beginn der ersten Szene steht in der Partitur die Anweisung „Der Vorhang geht auf“. Es gibt begründete Ausnahmen, z.B. „Hänsel und Gretel“ als Oper a u c h für Kinder. Eine andere Ausnahme hat mich kürzlich überzeugt: Bei Janaceks „Makropoulos“ wurde in Straßburg die Ouvertüre bebildert – mit mehrfachem Kostümwechsel der Protagonistin auf der Bühne, als Veranschaulichung ihrer wechselnden Identidäten in 300 Jahren. Aber ich möchte beim „Freischütz“ keine Herde Wildsäue auf den Vorhang projeziert bekommen oder mir beim „Tannhäuser“ den Pilgerzug und die folgende Venusberg-Orgie schon während der Ouvertüre illustrieren lassen. Dafür ist mir die Musik zu schade. Es wäre das Recht des Dirigenten, sich derlei zu verbitten.
Das führt direkt zum übergeordneten Thema
Freiheit der Kunst: Wir kennen Tucholskys Forderung Satire darf alles. Das wird heute gern variiert zu Kunst darf alles. (Der Betrachter darf aber auch gelegentlich bezweifeln, ob es sich noch um Kunst handelt. Nur der Rezensent hat oft Angst, als gestrig abgestempelt zu werden.) Es gibt aber auch Künste, in denen der Künstler sein Werk gleichsam unfertig abliefert: Musik und Theater, also erst recht die Oper. In der Partitur ist in Form von Regieanweisungen die Information enthalten, wie sich der schöpferische Künstler sein Werk fertig vorstellt. Das galt so lange als verbindlicher Auftrag, bis sich auch interpretierende Künstler auf die Freiheit der Kunst beriefen. Was sie vergessen (nein: verschweigen!), ist die Tatsache, dass sie diese Anweisungen zu befolgen haben – den Auftrag, abstrakte Visionen des Schöpfers in konkrete Bilder und Bewegungen umzusetzen, seine Ideen zu veranschaulichen.
Was wir heute Regietheater nennen, ist also bei Lichte besehen nicht mehr und nicht weniger als Amtsanmaßung – oder, politisch formuliert: Usurpation fremden Territoriums. Derlei funktioniert, solange sich der Besitzer nicht dagegen wehrt (wehren kann). Nun ist hier in der Regel der Besitzer tot. Aber er hat lebende Statthalter: die Theaterleiter, die Dirigenten (s.o.) und, wenn alle Stränge reißen: das Publikum! Doch die meisten Stränge sind längst gerissen: Theaterleiter sind oft selbst Regisseure, Dirigenten sind abhängig (Vertragsverlängerung). Bleibt das Publikum. Und das ist ein eigenes Kapitel:
Opernvorstellungen sind mehrheitlich ausabonniert. Ein Abonnent aber ist selten ein Mensch, dessen Gemüt von Sachkenntnis getrübt ist. Er verlässt sich gern auf die Kompetenz der professionellen Macher, wie sich die meisten angeblich mündigen Staatsbürger bei einer technischen Störung auf die Handwerker verlassen. Nichts dagegen einzuwenden. Aber die Rückseite der Medaille: Beiderlei Experten merken das schnell – und entscheiden oft nach Gutdünken: Handwerker nach Geschäftsvorteil, Regisseure nach Karrierevorteil. Und der heißt: Aufmerksamkeit. Verschärfend kommt hinzu: In einer Zeit, in der die Popkultur alle Lebensbereiche durchdringt, tendiert die Urteilsfähigkeit des Opernpublikums gegen Null. Wir (eine verschwindende Minderheit) sitzen in der Falle. Warten wir auf ein Wunder – oder genießen wir das Schöne, wo es noch zu finden ist? Ich habe mich entschieden... Leider kann ich nichts Erfreulicheres dazu sagen. Coraggio! Sixtus

Gerhard Wischniewski

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2

Donnerstag, 18. Februar 2016, 20:23

Lieber Sixtus,

ein großartiger Beitrag. Genauso denke ich auch, aber du hast diese Gedanken sehr treffend ausgedrückt. Danke. :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:

Vielleicht sollte man noch einen Satz aus deinem Beitrag besonders hervor heben.

Zitat

Nur der Rezensent hat oft Angst, als gestrig abgestempelt zu werden.
Deshalb werden wohl viele entstellenden Inszenierungen immer noch hochgejubelt. Andererseits habe ich auch den Eindruck, dass manche Regisseure sich vor den Rezensenten fürchten und daher den derzeitigen Modetrend mitmachen. Glücklicherweise gibt es inzwischen auch wieder Rezensenten, die mutig genug sind, ihre Abneigung gegen die verunstalteten Inszenierungen öffentlich kundzutun. Allerdings dürfen wir nicht - wie du richtig sagst - auf ein Wunder hoffen. Nur, wo ist das Schöne noch zu finden. Vielleicht ab und zu in Wien und auf osteuropäischen Bühnen.

Liebe Grüße
Gerhard
Ich bin einverstanden, und ohne Bedauern, wenn meine Opern nicht aufgeführt werden; aber wenn sie aufgeführt werden, verlange ich, dass es so sei, wie ich sie mir vorgestellt habe.
(Verdi an Giulio Ricordi, Juni 1894)

m.joho

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3

Donnerstag, 18. Februar 2016, 20:56

Auch ich bin glücklich, dass sich mit Sixtus ein Kenner der " goldenen Zeit" der Oper zu Wort meldet und hoffe auf viele ergiebige Diskussionen!

Dieter Stockert

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4

Donnerstag, 18. Februar 2016, 23:24

Wenn jemand in einer Diskussion meine Meinung bestätigt, so mag mir das gefallen, aber zu einer »ergiebigen« Diskussion gehört für mich noch mehr, zumal wir argumentativ da schon ein gutes Stückchen weiter waren.
»Ich habe keine Zeile geschrieben.« (Thomas Brasch: Der schöne 27. September)

rodolfo39

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5

Donnerstag, 18. Februar 2016, 23:49

Zumindestes das Premieren Publikum urteilt über eine Inszenierung indem das Regieteam Buhrufe oder Bravos bekommt. Und eine ergiebige Diskussion wird deshalb schon nicht stattfinden, weil die Meinungen hier eh festgefahren sind.

Gerhard Wischniewski

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6

Freitag, 19. Februar 2016, 12:10

Zitat

Zitat von Rodolfo: Und eine ergiebige Diskussion wird deshalb schon nicht stattfinden, weil die Meinungen hier eh festgefahren sind.
Lieber Rodolfo,

so möchte ich das noch nicht einmal sagen. Es zeugt doch von einem starken, individuellen Charakter, wenn man klar seine Meinung vertritt und sich nicht einfach umkrempeln lässt. Ich habe - auch manchmal gegen Familie und Freunde - meine Meinung vertreten, auch wenn es von allen anderen anders gesehen wurde, bin nicht jedem Modetrend nachgelaufen. Ich achte daher jeden - auch wenn er anderer Meinung ist - wenn ich feststelle, dass er eine Ahnung von der Materie hat aber eine andere Sichtweise zu den Dingen hat, nicht jedoch den, der sich arrogant über andere erhebt, sich hinter allen möglichen an den Haaren herbeigezogenen Zitaten (bis hin zu antiken Philosophen) versteckt, sich nicht für alle verständlich auszudrücken weiß (Da zitiere ich jetzt auch einmal einen Philosophen: "Nichts ist leichter als so zu schreiben, dass kein Mensch es versteht; wie hingegen nichts schwerer, als bedeutende Gedanken so auszudrücken, dass jeder sie verstehen muss (Schopenhauer)") Und das hat hier manchmal die Atmosphäre verdorben.
Es wäre, wie ich schon einmal sagte, langweilig, wenn hier alle die gleiche Meinung vertreten würden. Dann brauchten wir nicht mehr zu diskutieren, sondern brauchten nur noch einen Chor zu gründen, der unisono singt.

Liebe Grüße
Gerhard
Ich bin einverstanden, und ohne Bedauern, wenn meine Opern nicht aufgeführt werden; aber wenn sie aufgeführt werden, verlange ich, dass es so sei, wie ich sie mir vorgestellt habe.
(Verdi an Giulio Ricordi, Juni 1894)

Sixtus

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7

Freitag, 19. Februar 2016, 16:31

Ultimative Notizen...

Zunächst mal herzlichen Dank für den großen Blumenstrauß, lieber Gerhard!
Und auch den anderen, die meine Anmerkungen kommentiert haben, vielen Dank.
Von Dieter möchte ich gern wissen, inwiefern ihr "schon ein gutes Stück weiter" wart. (Ich bin ja erst vor Kurzem zu euch
gestoßen und werde deshalb noch öfters dumm nachfragen.)
Seid gegrüßt von Sixtus!

Gerhard Wischniewski

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8

Freitag, 19. Februar 2016, 19:12

Zitat

Zitat von Sixtus:Von Dieter möchte ich gern wissen, inwiefern ihr "schon ein gutes Stück weiter" wart.
Lieber Sixtus,

das möchte ich auch gern wissen. Ich denke, es kann nicht genug dazu beigetragen werden, wie man die heutige Misere der Inszenierungen sieht und jede Stimme ist wichtig. Mit "weiter" meint er wohl nur, dass das Thema für ihn ausdiskutiert scheint. Aber das ist es noch lange nicht, denn immer wieder kommt noch Verrückteres.

Liebe Grüße
Gerhard
Ich bin einverstanden, und ohne Bedauern, wenn meine Opern nicht aufgeführt werden; aber wenn sie aufgeführt werden, verlange ich, dass es so sei, wie ich sie mir vorgestellt habe.
(Verdi an Giulio Ricordi, Juni 1894)

operus

Ehrenpäsident und Außenminister

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9

Freitag, 19. Februar 2016, 20:18

Lieber Sixtus,

danke für diesen fundierten, umfangreichen Beitrag. In jedem Fall bist Du ein Gewinn für die Opernfraktion im Tamino-Klassik-Forum und ich bin fast ein wenig stolz darauf, dass ich Dich als Merker-Kollege für die Mitarbeit im Tamino-Klassik-Forum gewinnen konnte. :jubel: Allerdings vorsichtig, jede Diskussion über das Regietheater ist vermintes Gelände, weil sich Befürworter und Gegner nahezu unversöhnlich gegenüber stehen. Also nicht erstaunt sein, wenn heftige Gegenreaktionen kommen. Nun hoffe ich auf baldige weitere "Ultimative Notizen aus dem Opernmuseum" und dadurch belebte Diskussionen, um das was uns eint: Die Oper, die Gesangskunst, schöne Stimmen und der Erhalt des Andenkens an aktive und ehemalige Sängergrößen.

Herzlichst
Operus :hello:
Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

Gerhard Wischniewski

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10

Freitag, 19. Februar 2016, 23:38

Lieber Hans,

auch dir herzlichen Dank, dass du uns solch ein kompetentes Mitglied zugeführt hast. Wenn ich das mutige Bekenntnis eines Mannes, der beim Neuen Merker mitarbeitet, lese, denke ich, er wird sich wohl auch - wie ich - nicht durch, wie du es ausdrückst, "vermintes Gelände" beirren lassen.
Ich sehe das nicht ganz so schlimm wie du und fürchte mich nicht davor. Was heißt hier "unversöhnlich"? Wenn jemand anderer Meinung ist als ich, soll er es doch sein. Sind wir denn nur "versöhnlich", wenn sich die eine Richtung der Meinung der anderen unterwirft, d.h. sie sich aneignet? Unversöhnlich bin ich nur dann, wenn jemand mit persönlichen Worten versucht, mich unbedingt belehren zu wollen, was ich schreiben darf und mich mit Gewalt bekehren will. Darüber kann ich dann nur lachen und ignoriere denjenigen künftig.

Liebe Grüße
Gerhard
Ich bin einverstanden, und ohne Bedauern, wenn meine Opern nicht aufgeführt werden; aber wenn sie aufgeführt werden, verlange ich, dass es so sei, wie ich sie mir vorgestellt habe.
(Verdi an Giulio Ricordi, Juni 1894)

Dieter Stockert

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11

Samstag, 20. Februar 2016, 10:34

Von Dieter möchte ich gern wissen, inwiefern ihr "schon ein gutes Stück weiter" wart. (Ich bin ja erst vor Kurzem zu euch gestoßen und werde deshalb noch öfters dumm nachfragen.)
Keine dumme Nachfrage, sondern sehr berechtigt. Ich lasse mal Caruso41 zusammenfassen (in Beitrag Nr. 240 am 17.12.2015 unter »Bemerkenswertes Gerichtsurteil für unsere Diskussionen!«):

Zitat

Für mich ist - ich habe das in verschiedenen Zusammenhängen immer wieder geäussert - jedes musikalische Kunstwerk darauf angelegt, aufgeführt zu werden. Wie detailliert auch immer Partiturangaben und Szenenanweisungen sein mögen, dieses Aufführen ist ein künstlerischer Vorgang sui generis. Er ist darauf gerichtet, das ästhetische Potential des Werkes in der Materialität und im Zeichensystem des Theaters zu entfalten. Nach meinem Verständnis schliesst das auch ein, dass Zusammenhänge, Bezüge, Dimensionen, Bedeutungen und Sinnpotentiale entdeckt werden, die den Autoren möglicherweise gar nicht bewusst waren.

Dazu gab es hier durchaus gute Argumente. Ich kann jetzt auf die Schnelle leider nur pauschal auf die entsprechenden Diskussionen wie »Widerstand gegen das Regietheater wächst unaufhörlich - ist das Ende nah?« verweisen, wohl wissend, dass dies eigentlich eine Zumutung ist (ich habe dort gerade, von hinten anfangend, ein Dutzend Seiten durchgeblättert). Es ist wirklich furchtbar mühsam und vor allem zeitaufwändig, sich durch die vielen hundert Beiträge zu quälen auf der Suche nach dem Wenigen, was beispielsweise von Holger substanziell dazu gesagt worden ist. An eine ernst zu nehmende Diskussion darüber mit den Gegnern des Regietheaters kann ich mich aber nicht erinnern, da die Gegner des so genannten Regietheaters eigentlich immer nur darauf bestanden haben:

Zitat

- Abweichungen vom (unterstellten) Willen des Komponisten oder Librettisten sind unzulässig
- Neudeutungen der (vordergründigen) Handlung sind unzulässig
- Bühnenbilder, die nicht naturalistisch der im Libretto (vermeintlich) vorgegebenen Kulisse und Zeitepoche entsprechen, sind unzulässig
- Nicht-historische Kostüme sind unzulässig
- Nacktheit, angedeutete Gewalt, sexuelle Handlungen und "Hässliches" auf der Bühne sind unzulässig
- etc.

So Bertarido in »Widerstand gegen das Regietheater wächst unaufhörlich - ist das Ende nah?« am 6.11.2015 (Beitrag Nr. 2260). Bertarido schreibt dort noch: »Am Ende des Tages läuft es dann aber bei allem Argumentieren und Theoretisieren auf eine Frage der persönlichen Vorlieben hinaus. Die eine Gruppe will Oper à la Schenk oder Zeffirelli sehen, die andere will dies gerade nicht. Und da werden wir uns auch in zehn Jahren nicht einig werden.« Vielleicht hat er damit ja Recht.
»Ich habe keine Zeile geschrieben.« (Thomas Brasch: Der schöne 27. September)

Gerhard Wischniewski

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12

Samstag, 20. Februar 2016, 11:36

Das alles, was Herr Stockert aus Zitaten anderer für verunstaltete Meisterwerke und Fortschritt in der Diskussion vorgebracht hat, sind weit hergeholte und rein persönliche Ansichten Einzelner und bringen in Wirklichkeit keinen Schritt weiter. Noch niemand hat mir plausibel begründen können, warum diese Meisterwerk heute nicht mehr so aufgeführt werden dürfen, wie sie vom Komponisten und Librettisten konzipiert wurde.
Wichtig ist für mich allein, wie der Komponist und sein Librettist, mit dem er vor der Komposition eine Einigung erzielt haben muss (sonst hätte er wohl das Libretto abgelehnt) das Werk gesehen haben. Ich habe hier auch schon auf die Schriften Wagners hingewiesen, der sein eigener Librettist ist und der - wie daraus hervorgeht - viele Handlungen und Gesten bewusst um des Sinngehalts und der szenischen Wirkung so gestaltet hat. Diese Handlungen sind in den letzten Jahren recht willkürlich von Regisseuren verändert und damit das Werk oft völlig missachtet worden - ich will nicht alle Beispiele noch einmal zitieren, bei den das nachgewiesen wurde -, was die Befürworter zu bestreiten versuchen. Bei vielen Werken wurde nur noch der Name verwendet, damit der unbedarfte Zuschauer ins Opernhaus gelockt wurde - was die Inszenierung betrifft für mich ein grober Missbrauch. Die Abwanderung vieler Besucher und die Abonnementskündigungen zeugen davon.
Eine geringen Schritt "weiter" sind wir vielleicht nur dadurch, dass durch die ständigen Anprangerungen, nicht nur hier, sondern auch in anderen Gegenströmungen im Internet, die Presse ein wenig mehr aufgewacht ist und es heute auch schon mal einige Rezensenten wagen, ihre wahren Gefühle - nämlich dass sie diese Willkür inzwischen auch leid sind - auszudrücken.

Liebe Grüße
Gerhard
Ich bin einverstanden, und ohne Bedauern, wenn meine Opern nicht aufgeführt werden; aber wenn sie aufgeführt werden, verlange ich, dass es so sei, wie ich sie mir vorgestellt habe.
(Verdi an Giulio Ricordi, Juni 1894)

Sixtus

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13

Samstag, 20. Februar 2016, 11:52

Der Amtsanmaßung zweiter Teil

Danke, Hans und Gerhard, für eure besorgten bzw. ermunternden Worte!
Ich habe vor, mich noch mit einer zweiten Flanke der Kritik zu stellen, und ich hoffe, dass es nicht zum Zweifrontenkrieg ausufert.
Die Kompetenzüberschreitung durch die Regie ist ja nur die eine Seite der Amtsanmaßung. Auch von (un)musikalischer Seite droht Gefahr. In den Besetzungsbüros sitzen manchmal Leute, die von Gesang keine Ahnung haben. Im Pfalztheater Kaiserslautern, einem mittleren Dreispartenhaus, meint der Intendant, jeder Spielzeit ein kassenfüllendes Motto verpassen zu müssen. Diesmal ist es Liebe. Also setzt man den Tristan auf den Plan! Woher will man die Titelrollensänger nehmen und das Orchester? Dabei hat man die beiden letzten Neuproduktionen Barbier v.S. und Onegin praktisch ohne Bariton (also ohne Titelpartie!) laufen lassen. Beide Sänger hatten angenehme Sprechstimmen, mehr nicht. Den Rest haben sie überspielt, von Publikum und Presse unbemerkt. So schaukelt sich die Inkompetenz von Leitung, Presse und Publikum immer weiter nach unten. Woher soll der Sachverstand kommen, wenn nicht aus dem Vergleich mit wirklicher Qualität?
Doch das ist kein Einzelfall. Ähnliches könnte ich (eine Stufe höher) aus meinem Merker-"Stammhaus" Saarbrücken berichten - und sogar (noch eine Nummer größer) aus Straßburg. Dabei gibt es genügend gute Sänger. Man muss sie nur klug auswählen und ihnen die Partien geben, an denen sie wachsen können. Sonst verkommen die Operntheater zum Eventzirkus. Und das vor allem, weil fachfremde Leute nicht nur Regie führen, sondern auch Opernpartien nach außermusikalischen Kriterien besetzen. Sie wiisen es oft nicht besser! Oder sie wenden Kriterien von Schauspiel und Film auf die Oper an. Das kann nicht gut gehen!
Dieser Aspekt wird hoffentlich auf mehr Einigkeit treffen als die leidige Regie.

Herzlich grüßt euch Sixtus

rodolfo39

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14

Samstag, 20. Februar 2016, 11:59

Aber muss Oper denn unbedingt was mit einem Museum zu tun haben ? Oper muss sich verändern und die Inszenierungen müssen sich der Zeit anpassen. Es wäre ein Rückschritt wenn immer nur Zeffirelli , Ponnelle oder Otto Schenk Inszenierungen gespielt werden würden, so gerne ich sie aehe. Wichtig ist das man als Zuschauer immer offen für was neues sein muss .

Stimmenliebhaber

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15

Samstag, 20. Februar 2016, 12:10

Wichtig ist das man als Zuschauer immer offen für was neues sein muss .
Wenn man als Zuschauer offen für etwas Neues sein soll (Müssen muss man gar nichts außer sterben), warum sollte sich diese Offenheit dann nicht eher auf neue Opern, neue Gemälde, neue Kompositionen, neue Texte beziehen? Warum wird hier ein Postulat formuliert, dass man den alten Opern szenisch jede beliebig andere Geschichte einfach überstülpen darf, anstatt die alte Geschichte so spannend, glaubhaft, verständlich und faszinierend wie möglich zu erzählen?
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

Inhalten aller Art in Beiträgen anderer in diesem Forum stimme ich hier ausdrücklich nur dann zu, wenn ich ihnen in Antwortbeiträgen ausdrücklich zustimme! ;)

rodolfo39

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  • »rodolfo39« ist männlich

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16

Samstag, 20. Februar 2016, 12:26

Lieber Stimmenliebhaber,

das meinte ich doch. Ich bin durchaus für gutgemachtes RT, wie den Britten Zyklus an der Rheinoper wo man erkennt, das sich der Regisseur mit dem Stück auseinander gesetzt hat. Was ich unmöglich finde, wenn die Sänger von Statisten gedoubelt werden oder irgendwelche Personen auftauchen, die gar nichts mit dem Stück zu tun haben. Ich finde nur das Oper nicht zu einem reinen Ausstattungstheater verkommen sollte, sondern das auch die Handlung erkennbar sein sollte. Wie hat mein Bekannter der als Regisseur arbeitet mal gesagt: Eine Inszenierung ist dann gelungen, wenn man von jemanden gefragt wird wie es wahr der die Oper nicht gesehen hat und man den Inhalt der Aufführung demjenigen so vermitteln kann, das dieser sich wiederum alles genau vorstellen kann, obwohl er die Aufführung nicht besucht hat.

Alfred_Schmidt

Administrator

  • »Alfred_Schmidt« ist männlich

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17

Samstag, 20. Februar 2016, 12:27

Zitat

Aber muss Oper denn unbedingt was mit einem Museum zu tun haben ?


Natürlich - JA
Überall wo Werke der Vergangenheit (aller Sparten, also auch der Malerei und Bildhauerkunst und Architektur, aber auch der Literaturm sei es Roman oder Theater - und nicht zuletzt der Musik des Konzertsaals und des Opernhauses) gezeigt, ausgestellt oder aufgeführt werden ist der Bezug zu eimem Museum angebracht, erwünscht, ja sogar notwendig.

Niemand wird sich (derzeit noch !!) erlauben einen Rembrandt zu übermalen, um ihn "der Zeit anzupassen".
Bei historischen Gebäuden hat man es gewagt - das Ergebnis sieht dementsprechend aus.

Zitat

Oper muss sich verändern und die Inszenierungen müssen sich der Zeit anpassen. Es wäre ein Rückschritt wenn immer nur Zeffirelli , Ponnelle oder Otto Schenk Inszenierungen gespielt werden würden, so gerne ich sie sehe
.

Zumindest DERZEIT ist gegen diese Inszenierungen nichts vorzubringen, da sie den Intentionen der Librettisten weitgehend entsprechen. Es gab natürlich auch schon vorher begabte Regisseure und Ausstatter, aber damals war die Technik noch nicht so weit, daß man alles perfekt realisieren konnte, beispielsweise einen Vulkanausbruch auf der Bühne oder dreidimensionalle Bühnenbilder aus faszinierend realistisch aussehendem Kunststoff.

Zitat

Wichtig ist das man als Zuschauer immer offen für was neues sein muss .


Ich als zahlender Zuschauer, Steuerzahler etc lese immer wieder, was ich eigentlicht tun müsse. Das geht davon aus schlechte Aufführungen und ungeniessbares zu konsumieren, nur damit andere damit Geld verdienen.
Ich MUSS als für NICHTS offen sein, ICH bestimme was ich sehen will - und was nicht.
Ich lasse mir von den Profiteuren des schlechten Geschmacks nichts aufzwingen !!

Aber nehmen wir nur rein hypothetisch an, die Oper benötige Erneuerung:
Dann wäre es doch nur logisch, neue zu schreiben und auf die Bühne zu bringen.
Das geschieht teilweise ja auch - aber nur ein kleiner Teil des Publikums ist dafür zu gewinnen
Dem Rest der Opernfreunde sind diese neuen Opern egal bis widerwärtig, sie gehen nur in die Oper wenn
Wagner, Verdi, Mozart oder Rossini etc am Programmzettel steht.
Und natürlich wollen sie das eigentlich in einer unverfälschten Fassung sehen.
Dass die Opernhäuser trotz allen noch einigermaßen besucht sind, verdanken sie nur der Liebe des Publikums zu ihren Sängern, die hier quasi in Geiselhaft genommen werden.

Fazit: Wennn ich etwas "zeitgemäßes" sehen möchte (bei mir nicht der Fall), dann gehe ich in ein Musical oder in ein "Theaterstudio" mit experimentellen Aufführungen. Wenn mir aber nach "Hochkultur" zumute ist, dann suche ich ein Museum oder Opernhaus auf....

Mit Hampe und Pizzi haben wir übrigens zudem noch AKTIVE Regisseure mit Geschmack

Interessant wären aber auch Statements zu Beitrag Nr 13 von Sixtus.

mit freundlichen Grüßen aus Wien
Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

Bertarido

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18

Samstag, 20. Februar 2016, 12:31

Aber muss Oper denn unbedingt was mit einem Museum zu tun haben ? Oper muss sich verändern und die Inszenierungen müssen sich der Zeit anpassen. Es wäre ein Rückschritt wenn immer nur Zeffirelli , Ponnelle oder Otto Schenk Inszenierungen gespielt werden würden, so gerne ich sie aehe. Wichtig ist das man als Zuschauer immer offen für was neues sein muss .

Lieber rodolfo, ich wollte mich eigentlich aus diesem "Opernmuseum" heraushalten, ein Verständnis von Oper als musealer Kunst ist dem meinigen diametral entgegengesetzt. Anfangs dachte ich noch, der Titel sei ironisch gemeint, ist er aber wohl doch nicht.

Deinen Worten muss ich aber nun doch Beifall spenden! :jubel: Genau diese Offenheit für Neues - bei allen Differenzen des persönlichen Geschmacks - vermisse ich bei vielen hier schmerzlich, und genau dadurch wird die Diskussion auch so unfruchtbar. Ich bin es wirklich leid, die gebetsmühlenartig wiederholten Anwürfe gegen "Verunstaltungen" noch zu kommentieren oder auch nur zu lesen, ich komme mir da manchmal vor wie in "Und täglich grüßt das Murmeltier" (nur dass der Protagonist dort es immerhin schafft, seine festgefahrenen Verhaltensweisen allmählich zu verändern).

Lieber Gerhard, die von Deinen abweichenden Meinungen sind natürlich "weit hergeholt" und "rein persönlich", während Deine Ansichten, so folgere ich daraus, selbstevident und von objektiver Gewissheit sind. :no:

Nun denn, ich lasse Euch gerne dieses Museum als weiteren Spielplatz und wende mich der Oper zu, die ich liebe: eine lebende, aktuelle, und sich ständig erneuernde Kunstform.

Dieter Stockert

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19

Samstag, 20. Februar 2016, 14:28

Noch niemand hat mir plausibel begründen können, warum diese Meisterwerk heute nicht mehr so aufgeführt werden dürfen, wie sie vom Komponisten und Librettisten konzipiert wurde.
Das liegt vermutlich daran, dass das niemand behauptet hat.
»Ich habe keine Zeile geschrieben.« (Thomas Brasch: Der schöne 27. September)

Gerhard Wischniewski

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20

Samstag, 20. Februar 2016, 14:39

Lieber Sixtus,

zwei Begriffe möchte ich aus deinem Beitrag besonders hervorheben:
1. Amtsanmaßung: Genau das ist es, denn ich sehe es nicht als "Freiheit" und auch nicht als moderne Forderung an, einfach die Werke früherer Komponisten der Einfachheit halber willkürlich umzukrempeln.
2. Eventzirkus: Es besteht nicht nur die Gefahr, sondern manche Häuser und Festspiele sind es schon heute.

Zitat

Zitat von Rodolfo: Es wäre ein Rückschritt wenn immer nur Zeffirelli , Ponnelle oder Otto Schenk Inszenierungen gespielt werden würden
Wer erwartet denn, dass immer nur Zefirelli- Ponelle- oder Schenk-Inszenierungen gespielt werden?? Ich habe schon von vielen Opern mehrere Inszenierungen gesehen und keine war wie die andere, aber alle hielten sich an die vom Librettisten und Komponisten vorgegebene Handlung im vorgebenen Umfeld. Natürlich werden die Inszenierungen der Genannten als mustergültig angesehen und sind es auch. Außerdem ist die moderne Bühnentechnik noch weit mehr in der Lage, die Regieanweisungen werksgetreu umzusetzen als es früher der Fall war
Das dies alles unbedingt von den Regisseuren umgekrempelt werden muss, konnte - wie schon gesagt - bisher niemand plausibel begründen. Es ist für mich nur der Einführung eines dümmlichen Modetrends zu verdanken, der meint, alles in eine andere Zeit transponieren und daher auch die Handlung verfälschen zu müssen. Und, wie bei der Mode, rennen manche dem "neuesten Schrei" nach, auch wenn es der größte Mist ist.

Zitat

Zitat von Bertarido: sind natürlich "weit hergeholt" und "rein persönlich"
Natürlich! Wenn ich sogar - weil ich selber keine Ahnung habe - aber mitreden muss, sogar Philosophen der Antike als Begründung herbeizitiere, wie es in einigen Fällen geschehen ist.
Und rein persönlich sind hier wohl alle Äußerungen, auch wenn ich weiß, dass viele so denken wie ich. Aber ich glaube, dass wir Befürworter der Darstellung der echten Werke den Werk weit näher stehen als diejenigen, die den Librettisten und Komponisten missachten und deren Werke unbedingt umgekrempelt wissen wollen.

Liebe Grüße
Gerhard
Ich bin einverstanden, und ohne Bedauern, wenn meine Opern nicht aufgeführt werden; aber wenn sie aufgeführt werden, verlange ich, dass es so sei, wie ich sie mir vorgestellt habe.
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Dieter Stockert

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21

Samstag, 20. Februar 2016, 14:43

Auch von (un)musikalischer Seite droht Gefahr. [...] Dieser Aspekt wird hoffentlich auf mehr Einigkeit treffen als die leidige Regie.
Von solchen Sachen verstehe ich zwar wenig, aber was Du da berichtest, scheint mir in der Tat bedenklich.
»Ich habe keine Zeile geschrieben.« (Thomas Brasch: Der schöne 27. September)

Dieter Stockert

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22

Samstag, 20. Februar 2016, 15:12

Wenn ich sogar - weil ich selber keine Ahnung habe - aber mitreden muss, sogar Philosophen der Antike als Begründung herbeizitiere, wie es in einigen Fällen geschehen ist.
Holger, den Du hier gemeint hast, hat ja spätestens mit seinem Bericht über »Hoffmanns Erzählungen in Münster (Aufführung vom 24.1.2016)« gezeigt, dass er sehr wohl etwas von der Sache versteht. Aber diese Diskussion scheint unbemerkt an Dir vorbei gegangen zu sein, zumindest sehe ich dort keinen Beitrag von Dir. Schade, denn das war ein Musterbeispiel dafür, wie man kenntnisreich, differenziert und spannend über eine Aufführung schreiben kann. Wenn Du das gelesen hast, wirst Du Holger sicherlich nicht mehr »keine Ahnung« unterstellen können, sondern Dich vielleicht sogar für Deine Wortwahl bei ihm entschuldigen.
Und wenn Du Holger immer wieder das »Herbeizitieren« von Autoren der Antike ankreidest, so übersiehst Du anscheinend, um was es dabei in der Argumentation eigentlich ging. Auch hier habe ich den Eindruck, Du hast das alles gar nicht oder nur oberflächlich gelesen.
»Ich habe keine Zeile geschrieben.« (Thomas Brasch: Der schöne 27. September)

Sixtus

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23

Samstag, 20. Februar 2016, 15:43

Museum oder Spielwiese?

Eigentlich wollte ich eine Pause einlegen. Aber die Sache nimmt Fahrt auf, und da ist es hilfreich, einige Begriffe zu klären.
Ich freue mich, dass Alfred sich eingeklinkt hat beim Stichwort MUSEUM.
In meiner Überschrift habe ich den Begriff zwar nicht ganz ernst gemeint, Bertarido, eher augenzwinkernd. Aber ich stimme Alfred prinzipiell zu: Ein Opernhaus, Rodolfo, ist ein LEBENDIGES MUSEUM, d.h. die Partitur wird ausgestellt, aber nicht wie ein Bild, sondern in der Aufführung temporär zum Leben erweckt, und zwar nach Maßgabe der Vorgaben der Autoren. Dabei gibt es Spielräume, doch die müssen dort enden, wo das Stück nicht wiederzuerkennen ist. Wäre das nicht ein gemeinsamer Nenner?
Ich erhebe also meine Opernhände und rufe den Streithähnen zu: Pace!
Um neue Missverständnisse gleich im Vorfeld auszuräumen, veranschauliche ich es mit Beispielen: Zauberflöte ist ohne Ägypten immer noch Zauberflöte, aber Meistersinger ohne Dürers Nürnberg, das ist ein anderes Stück. DAS WESENTLICHE sollte erhalten bleiben.
Sehr schön finde ich Alfreds Terminus von der Geiselhaft, in die die Sänger oft genommen werden. Sie müssen oft Anweisungen ausführen, hinter denen sie nicht stehen (können). Das verkrampft die Atmosphäre und die Interpretation des Stückes. Sogar der Dirigent muss das oft über sich ergehen lassen; auch an Stellen, die in seine Kompetenz fallen. Da stimmt etwas nicht bei den Regeln der Hausordnung.
Vorläufig friedliche Grüße an euch alle!
Sixtus

Erich Ruthner

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24

Samstag, 20. Februar 2016, 16:26

Zum Stichwort "Museum" erinnere ich mich, dass ich vor einiger Zeit in einem Zeitungsartikel gelesen habe:

Die großen Opernhäuser verwandelten sich zusehends in das, was man euphemistisch als

Musentempel bezeichnet. Sie wurden zu Museen. Es ist kein Zufall, dass Richard Strauss in

seinem sogenannten Vermächtnis, das er 1945 seinem Vertrauten Karl Böhm zur Neuordnung

der Wiener Musiktheater (Staatsoper, Volksoper und Theater an der Wien) zuspielte, von einem

Museumsbetrieb sprach, bei dem eine Dauerausstellung der wichtigsten Meisterwerke von

wechselnden Sonderausstellungen flankiert werden sollte.

Meine Meinung steht fest. Bitte verwirren Sie mich nicht durch Tatsachen.

Gerhard Wischniewski

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25

Samstag, 20. Februar 2016, 17:14

Zitat

Zitat von Dieter Stockert: diese Diskussion scheint unbemerkt an Dir vorbei gegangen zu sein,
Dass es darüber eine Diskussion gab, habe ich zwar registriert. Aber nachdem der von dir Genannte damals das Thema "Sammelplatz" durch endlos lange und weit abschweifende Beiträge hoffnunglos zerstört hat und trotz Aufforderung nie eine konkrete Antwort geben konnter, ignoriere ich seine Beiträge. Auch die ständigen Lobpreisungen für ihnvon dir lese ich nicht mehr.
Ich denke aber, dass er seine Ansichten über entstellende Inszenierungen wohl auch kaum geändert haben wird.
Ich bin einverstanden, und ohne Bedauern, wenn meine Opern nicht aufgeführt werden; aber wenn sie aufgeführt werden, verlange ich, dass es so sei, wie ich sie mir vorgestellt habe.
(Verdi an Giulio Ricordi, Juni 1894)

rodolfo39

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26

Samstag, 20. Februar 2016, 17:28

Ich denke wir sind uns darin einig, daß auch bei einer modernen Inszenierung das Werk wiedererkenbar sein soll und das keine unnötigen Handlungen oder Personen dazu erfunden werden sollten, die absolut nichts mit dem Stück zu tun haben. Bei den Sängern ist das beste Beispiel der Tenor Corby Welch von der Rheinoper. Er ist schon seit velen Jahren im Ensemble und hat am Anfang hauptsächlich Mozart und mittlere Rollen gesungen. Mittlerweile hat er sich zu einem Heldentenor entwickelt , singt an der Rheinoper diese Spielzeit Lohengrin und Erik und in der nächsten Spielzeit im neuen Ring den Siegmund. Vor kurzem ist er kurzfristige in Linz bei einem Musical eingesprungen und konnte in der Titelrolle einen grossen Erfolg feiern.

Bertarido

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27

Samstag, 20. Februar 2016, 17:41

Zitat

Zitat von Dieter Stockert: diese Diskussion scheint unbemerkt an Dir vorbei gegangen zu sein,
Dass es darüber eine Diskussion gab, habe ich zwar registriert. Aber nachdem der von dir Genannte damals das Thema "Sammelplatz" durch endlos lange und weit abschweifende Beiträge hoffnunglos zerstör hat, ignoriere ich seine Beiträge.

Du ignorierst Holgers Beiträge, erlaubst Dir aber dennoch das Urteil, dass sie weit hergeholt sind? Interessant. Was den "antiken Philosophen" betrifft: wenn man einen Verweis auf Aristoteles in einer Diskussion um Musikdrama als weit hergeholt bezeichnet, offenbart man damit nur seine eigene Ahnungslosigkeit.

In der Partitur ist in Form von Regieanweisungen die Information enthalten, wie sich der schöpferische Künstler sein Werk fertig vorstellt. Das galt so lange als verbindlicher Auftrag, bis sich auch interpretierende Künstler auf die Freiheit der Kunst beriefen. Was sie vergessen (nein: verschweigen!), ist die Tatsache, dass sie diese Anweisungen zu befolgen haben – den Auftrag, abstrakte Visionen des Schöpfers in konkrete Bilder und Bewegungen umzusetzen, seine Ideen zu veranschaulichen. Was wir heute Regietheater nennen, ist also bei Lichte besehen nicht mehr und nicht weniger als Amtsanmaßung

Genau das, lieber Sixtus, ist Gegenstand des Streites, ich widerspreche dieser Behauptung ganz vehement. Zu diesem Thema sind schon sehr kluge Beiträge vor allem von Holger verfasst worden, die sowohl historisch wie auch theoretisch zu belegen versuchen, warum dies falsch ist. Insofern stimme ich Dieter zu: wir waren schon einmal weiter. Statt sich mit Holgers Argumenten auseinanderzusetzen, wurde dann leider die Person angegriffen - man sieht dies auch hier wieder. Obwohl sich Holger hier nicht einmal zu Wort gemeldet hat, wird schon wieder in seine Richtung ausgetreten. Ohne das scheint es nicht zu gehen - schade.

Gerhard Wischniewski

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28

Samstag, 20. Februar 2016, 17:55

Zitat

Zitat von Bertarido: Du ignorierst Holgers Beiträge, erlaubst Dir aber dennoch das Urteil, dass sie weit hergeholt sind?
Lieber Bertarido,

nachdem ich damals viele seiner endlosen Erörterungen gelesen und er auf konkrete Fälle nie eingegangen ist, er selbst sogar schrieb, dass er sich nicht damit befasse, war ich diese Beiträge, in denen er sich auch nicht einmal bemühte, für alle verständlich zu schreiben, leid und habe ihn auf mein Ignorierliste gesetzt. Ob er sich die letzte Zeit bemüht hat, für alle verständlicher zu schreiben (es ist ja leichter, mit nicht jedermann bekannten Fachausdrücken um sich zu werfen) und nicht alles Mögliche weither heranzuziehen und sich hinter Zitaten zu verstecken anstatt auf den konkreten Fall einzugehen, weiß ich nicht und will es auch nicht mehr wissen. Mag sein, dass er in seinen Bericht über Hoffmanns Erzählungen konkreter geworden ist, aber ich glaube kaum, dass er von seiner Verteidigung der entstellenden Inszenierungen abgerückt ist.


Liebe Grüße
Gerhard
Ich bin einverstanden, und ohne Bedauern, wenn meine Opern nicht aufgeführt werden; aber wenn sie aufgeführt werden, verlange ich, dass es so sei, wie ich sie mir vorgestellt habe.
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operus

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29

Samstag, 20. Februar 2016, 18:00

Vorläufig friedliche Grüße an euch alle!

Lieber Sixtus,

nachdem ich Dich und Deine Schreibe kenne wusste ich selbstverständlich, das der Begriff "Museum" von Dir liebevoll ironisierend gemeint ist. Friedlich sollten unsere Diskussionen wirklich bleiben, weil wir alle engagierte Opernfreunde sind. Wir liegen im Grunde auch gar nicht so weit auseinander: Oper muss bei jeder Premiere neu inszeniert werden. Dabei ist es im Grunde unerheblich, ob diese Neuinszenierung modern oder traditionell ist: Gut gemacht muss sie sein, muss musikalisch, textlich und in der Inszenierung das Werk erzählen, das Komponist und Textdichter geschrieben haben. Neuinszenierung heißt selbstverständlich immer auch Neudeutung, nur diese hat Grenzen genau dort, wo die Oper in ihrem gewollten Sinn grundsätzlich verändert und durch zu starke Verfremdung sogar ins Gegenteil verkehrt wird. Die Oper ist eigenständig, deshalb ist es auch gefährlich, zu viele fremdartige Elemente aus Film oder Showbusiness auf diese Kunstform zu übertragen. Abzulehnen sind alle Ekel-, Gewalt- rassistischen-Religionsverachtenden- und plump sexistischen Darstellungen, die gegen jeglichen guten Geschmack verstoßen. Ich persönlich bin auch dagegen, wenn der Regisseur durch bewusste Provokation sein eigenes Weltbild apodiktisch auf den Zuschauer übertragen und diesen mit Gewalt erziehen will. Wenn die aufgezeigten und im Grunde selbstverständlichen Grenzen beachtet werden, dann kann eine Neuinszenierung ein begeisterndes künstlerisches Erlebnis und ein Lebenselixier für die von uns allen geliebte Kunstform Oper werden.

Herzlichst
Operus
Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

Sixtus

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30

Samstag, 20. Februar 2016, 20:00

Und die Musik?

Liebe Forum-Freunde!

Die erste Runde hat ja recht lebhafte Formen angenommen. Wir werden uns sicher nicht in allem einigen können.
Was mir aber aufgefallen ist: Zum zweiten Hauptteil meines Beitrags über Amtsanmaßung (Nr. 13) hat sich kaum jemand geäußert, obwohl Alfred es nochmals angemahnt hat. Dabei hängt von einer kompetenten Besetzungspolitik sehr vieles ab: ob die Figuren des Stücks lebendig werden durch Stimmklang, Stimmvolumen und Artikulation. Was nützt die schönste Inszenierung, wenn die Intentionen des Komponisten nicht angemessen realisiert werden? Damit sollten wir uns auch auseinandersetzen.

In diesem Sinne herzliche Grüße von Sixtus!