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zweiterbass

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Registrierungsdatum: 2. Juni 2010

1

Donnerstag, 17. September 2015, 10:02

Französische Orgelmusik, Jean Langlais




Hallo,
zu Leben und Werk von Jean Langlais (1907-1991) der Verweis auf Wikipedia, ergänzend: Er nahm auch Improvisationsunterricht bei Tournemire, einem Schüler von Widor und Franck; mit Sicherheit hat er auch die Transkriptionen von Bachschen Orgelwerken in Blindennotation von Franck gekannt. Seine Klangsprache und Harmonik ist weit fortgeschritten, er steht aber voll in der Tradition der frz. Orgelschule, was auch seine Registrierungen beweisen.



Um sich mit seiner Sprache auf der Orgel etwas vertraut zu machen, zuerst die CD mit den von ihm eingespielten Improvisationen über „B A C H“ und über den 130.Psalm „Aus tiefer Not“– beide Werke auf der Cavaille-Coll-Orgel von St. Clotilde, Paris
https://de.wikipedia.org/wiki/Ste-Clotilde_(Paris)#Orgel


Die Improvisation über ein frz. Weihnachtslied auf der 1. Christensen-Orgel in der BRD
1. Manual – Gedackt 8-Fuß, Blockflöte 8-Fuß, Principal 2-Fuß
2. Manual – Regal 8-Fuß, Rohrflöte 4-Fuß, Nasat 1 1/3-Fuß, Cymbel und Tremulant
Pedal – Subbass 16-Fuß


Die Improvisation über „Puer natus est“ auf der Rieger-Orgel der Zisterzienserabteikirche, Marienstatt – ein „gefälligeres“ Werk als das sehr viel Konzentration einfordernde „B A C H“.
https://de.wikipedia.org/wiki/Abtei_Marienstatt

Viele Grüße
zweiterbass
Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

zweiterbass

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Registrierungsdatum: 2. Juni 2010

2

Samstag, 19. September 2015, 21:06




Hallo,

um eine gewisse Entwicklung bei Langlais nachvollziehen zu können, gehe ich nun nicht nach der Reihenfolge der Stücke auf der CD vor, sondern nach dem Kompositionsjahr. (Meine Bemerkungen in Klammer sind keinesfalls lautmalerisch gedacht; nachdem ich keine Noten habe, kann ich nur aus dem Gehöreindruck posten.)





1932 - Nr.14 L’Annonciation op. 7, I – Einstimmig vorgetragenes leicht fassbares Thema (der Engel verkündigt im „Volkston“), das kanonartig verarbeitet wird, in einem hell und fröhlich klingenden Teil übergeht (der Volkston „kommt bei Maria an“), eine erregende Passage in mittleren Registern folgt (Maria wird der Bedeutung der Botschaft gewahr) und wie in einem Zwiegespräch harmonisch in Dur mit großer Differenzierung in den Registerlagen (Unterschiedlichkeit der Beteiligten) endet.

1932 - Nr. 15 La Navite, op. 7, II – In tiefen Registerlagen ohne dynamische Veränderungen und in gleichmäßigem Tempo (das „Urwunder“ einer Menschentstehung); mit Wechsel der Registrierung vollzieht sich die Niederkunft.

1932 - Nr. 16 Les Rameaux, op. 7, III – (der Jubel beim Einzug in Jerusalem) eine prachtvolle Registrierung mit lebhafter/n Dynamik und Tempi.

1933/34 - Nr. 8 Mors et resurrectio, op. 9, I – für die Christenheit wird die Trauer über den Tod und die Freude über das Erlösungswerk – ohne Lautmalerei – deutlich hörbar durch die Dynamik und Wahl des Orgelklanges (Register, Schwellwerk, große Orgelmixtur).

1933/34 – Nr. 9 Ave Maria, Ave maris stella, op. 9,II – zu Ave Maria finde ich keinen Zugang, wohl aber zu Ave maris stella – ein gleichmäßig dahingleitendes, helles, frohes „Präludium“.

1933/34 – Nr. 10 Hymne d’action de graces „Te Deum“, op. 9, III – die Pedal dominierten Stellen höre ich als „liturgischen Gesang der Geistlichkeit“, die große Orgelmixtur als Jubel der christl. Gemeinde.

1945 – Nr. 3 Chant de paix, op. 40, III – zu dem friedlichen, meditativen Klang trägt bei, dass bei den Akkord tragenden Registern der Tremulant aktiviert ist und zugleich das bedächtige, gleichmäßige Tempo und die sich beinahe ständig wiederholenden Melodie.

1945 – Nr. 13 Mon ame cherche une fin paisible, op. 40,VII – dass es eine Suche nach dem friedvollen Ende ist, macht Langlais durch die immer neuen Dissonanzen deutlich.

1947 – Nr. 2 Tiento, op. 56,II – ob es sich nun um eine 4-stimmige Fuge handelt oder nur um fugenartige Einsätze kann ich nicht hören/feststellen; die Harmonik lässt mich an eine Imitation von Akkordfolgen aus der Renaissance denken.

1947 – Nr. 7 Plainte, op. 54,II – das schwerfällige Tempo – es hört sich für mich an wie ein Alla-Breve-Takt. Die Akkorde empfinde ich z. T. wie ohne Bezug nebeneinander gestellt; auch die unterschiedliche Registrierung mit langsamen Tremulant berührt mich emotional.

1948 – Nr. 11 Meditation sur les jeux de fonds, op. 59,VII – ein sehr homophones Stück, bei dem Manual und Pedal in der Tonhöhe sehr weit auseinander liegen und dadurch die homophone Satzweise deutlich wird.

1949 – Nr. 6 Incantation pour un jour saint, op. 64 – ich übersetze Incantation… hier als Verzauberung durch einen heiligen Tag, demzufolge beginnt das Stück wie ein Aufruf, ein Fanal. Die Orgel könnte man als „in Zungen reden“ hören – und die Orgel findet zum Ende eine Sprache – Freude.

1951 – Nr. 5 Prelude au Kyrie, op. 70,I – Vorspiel zum Kyrie; an manche 150 – 200 Jahre ältere Vertonung mag ich am besten nicht denken.

1951 – Nr. 4 Theme et variations, op. 70,VII – das Thema klar in der Harmonik (Frühbarock?); auch die Variationen bleiben es und erreichen ihren Reiz besonders durch die Registrierungen, das Ausschöpfen der klanglichen Möglichkeiten der Orgel.

1974 – Nr. 12 Jesus, mon sauvre beni, op. 181,V – wenn ich, die Überschrift lesend, die Musik höre, fällt mir die Fabel von den „Spuren im Sand“ ein.

1979 – Nr. 1 Prelude gregorien, op. 205 – die Gregorianik ist deutlich zu hören – die sehr massiven Orgeleinwürfe, besonders im Pedal – der Bezug zu Langlais‘ Gegenwart?

https://de.wikipedia.org/wiki/St-Sernin_(Toulouse)#Innenraum
Die mechan. Geräusche sind deutlich hörbar, sind aber für mich nicht störend für den Klang der Orgel.

Viele Grüße
zweiterbass
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Registrierungsdatum: 2. Juni 2010

3

Montag, 12. Oktober 2015, 21:02

Hallo,

Nr. 1 Hymne d’Actions de Graces „Te Deum“ op. 5.3 – ein Werk großer thematischer (trotz Bezug zu gregorianischen Gesängen) und dynamischer Gegensätze. Die Interpretation stellt große Anforderungen an den Organisten – ein sehr aufwühlendes Hörereignis.

Nr. 2 Nazard – gibt es einen größeren Unterschied als zu Nr. 1? Einheitlich registriert und in sehr stimmiger Übereinkunft zwischen Manual und Pedal – wie ein impressionistisches Natur-Klanggemälde wirkt dieser kurze Satz auf mich.

Nr. 3 Arabesque sur les flutes – obwohl mit z. T. etwas fortgeschrittener Harmonik, hat es doch viel Ähnlichkeit mit Nr. 2. Arabeske verstehe ich hier nicht unter orientalischem Musikstil, sondern als Verzierung (Dekoration), deren Muster aus Blumen und Ranken entsteht, was in den Läufen im Manual deutlich zu hören und nachzuempfinden ist.

Nr. 4 Legende de Saint-Nicolas – die Figuren in der Oberstimme im Manual rechts sind fast volksliedhaft einfach gehalten, auch die Harmonik insgesamt ist eingängig; das Alles wird durch eine sehr abwechslungsreiche und gut zu unterscheidende Registrierung unterstützt, welche bei meist einheitlichem Klangbild transparent bleibt.

N. 5 Dans une douce joie – engelsgleich erhebt sich das Manual in große Höhen über die Tiefen das Pedals – die Registrierung ist ungewöhnlich, gleichzeitig beruhigend und sehr eindrucksvoll.

N. 6 Adoration des Bergers – sehr einfach, schlicht kommt diese pastorale Musik daher, mit einer für Langlais ungewöhnlich tonalen Harmonik, gleichmäßiger/m Dynamik und Tempo – sehr meditativ.

Nr. 7 Trio – innerhalb sehr kurzen Zeiten wird das Thema variiert und huscht vorbei, ehe es richtig wahrgenommen wird – ein sehr lebendiges Stückchen Orgelmusik.

Nr. 8 Piece modale Nr. 1 – Zitat aus Wikipedia: „...modale, in der Musiktheorie als Begriff für Musik, die auf den Kirchentonarten basiert (den Modi)“ . Hier die Kirchentonart zu bestimmen ist mir nicht möglich; u. U. sind auch nur Anklänge an Kirchentonarten gemeint, Das Stück ist sehr meditativ und entspr. registriert.

Nr. 9 Incantation pour un jour Saint - ??? – das nur aus wenigen Akkorden bestehende Thema wird stets neu wiederholt.

Nr. 10 Prelude modale – wie Nr. 8; ruhig, in tiefen Akkorden dahinfließend und damit sehr beruhigend.

Nr., 11 Arabesque - wie Nr.10, aber in mittleren und hohen Akkordfolgen, dabei mit gedämpften unterschiedlichen Registern sehr ansprechend und wohltönend interpretiert.

Nr. 12 Pour une Sainte de legende – das sanglich-eingängige Thema verbreitet Ruhe und Entspannung, wieder unterstützt von der klangschönen Registrierung.

Nr. 13 Salve Regina - Zitat aus Wikipedia: „Die gregorianische Singweise des Salve Regina steht im Graduale Romanum.[2] Die in Klöstern und Gemeinden meistgesungene Melodie ist jedoch die des belgischen Barockkomponisten Henri Dumont (1610–1684), im Gotteslob Nr. 666, 4 (GLalt 570). Ihr Anfangsmotiv – der Dur-Dreiklang mit der Sexte – ist auch eine häufige Geläutedisposition, oft Salve-Regina-Geläut genannt.“ Ab Laufzeit 1:09 ist die gregorianische Melodie im Pedal zu hören; nachfolgend ist auch im Manual das „Salve-Regina-Geläute“ hörbar. Langlais baut nun um jede Akkordstufe Variationen auf. Erstaunt bin ich über den aufwühlenden Charakter des Stücks und dessen Registrierung; erst zum Ende höre ich eine dem Text entspr. Musik.

Nr. 14 Andantino – obwohl sich die Harmonik hier weder auf eine Tonart noch auf ein Tongeschlecht festlegen lässt – erst der letzte Akkord ist ein reiner Dur-Akkord – kehrt nach der Nr. 13 große Ruhe ein.

Nr. 15 Pasticcio – Zitat aus Wikipedia: „Pasticcio bezeichnet […] ein kirchenmusikalisches Werk (Oratorium, Passion), dessen Zusammenstellung aus bereits existierender Musik verschiedener Komponisten oder aus verschiedenen Werken eines Komponisten erfolgt.“ Rhythmisch hörenswert und meist in den höheren Manualregistern mit nur wenigen Akkordunterstützungen im Pedal, der Schlussakkord aber im vollen Orgelklang.

Nr. 16 Mors et Resurrectio – aus dem tiefen Pedal-Sub-Bass (64-Fuß?) in Moll erheben sich mächtige Dur-Akkorde im vollen Orgelklang.
https://de.wikipedia.org/wiki/Kathedrale_von_Beauvais (Siehe dazu auch den Thread zu C. Franck)

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