Sie sind nicht angemeldet.


JPC Amazon

AMATEURVIDEO-FILMFORUM-WIEN

Lieber Besucher, herzlich willkommen bei: Tamino Klassikforum. Falls dies Ihr erster Besuch auf dieser Seite ist, lesen Sie sich bitte die Hilfe durch. Dort wird Ihnen die Bedienung dieser Seite näher erläutert. Darüber hinaus sollten Sie sich registrieren, um alle Funktionen dieser Seite nutzen zu können. Benutzen Sie das Registrierungsformular, um sich zu registrieren oder informieren Sie sich ausführlich über den Registrierungsvorgang. Falls Sie sich bereits zu einem früheren Zeitpunkt registriert haben, können Sie sich hier anmelden.

Dieter Stockert

Prägender Forenuser

  • »Dieter Stockert« ist männlich
  • »Dieter Stockert« wurde gesperrt

Beiträge: 962

Registrierungsdatum: 27. September 2014

91

Sonntag, 7. Mai 2017, 23:10

Ja, ich sehe die Winterreise – und auch den beliebten Lindenbaum – überhaupt nicht als »romantisch-religiös« verklärtes Werk und sie bietet keinen Trost, sie ist »harte musikalische Prosa«, wie Du schreibst. Ich sehe auch durchaus den »bisweilen geradezu expressionistischen Ausdrucksgestus«. Nur kommt es mir so vor, als ob man diesen Aspekt beim Vortrag der Winterreise eigentlich überhaupt nicht hervorheben sollte, er ergibt sich sozusagen »im Stillen«und von selbst, und Fischer-Dieskau deklamiert eben nicht nur sehr »sprachdeutlich«, sondern er macht viel mehr. Diese große Ausdrucksenergie, die da vorhanden ist, bringe ich nicht mit der so kunstvoll-einfachen Sprache des Klaviers, den schlichten Melodien, der Gefühlsstimmung und innerlichen Verfassung des »Helden« der Winterreise zusammen.
»Ich habe keine Zeile geschrieben.« (Thomas Brasch: Der schöne 27. September)

Dr. Holger Kaletha

Prägender Forenuser

  • »Dr. Holger Kaletha« ist männlich
  • »Dr. Holger Kaletha« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 6 887

Registrierungsdatum: 2. Februar 2008

92

Montag, 8. Mai 2017, 17:48

Ja, ich sehe die Winterreise – und auch den beliebten Lindenbaum – überhaupt nicht als »romantisch-religiös« verklärtes Werk und sie bietet keinen Trost, sie ist »harte musikalische Prosa«, wie Du schreibst. Ich sehe auch durchaus den »bisweilen geradezu expressionistischen Ausdrucksgestus«. Nur kommt es mir so vor, als ob man diesen Aspekt beim Vortrag der Winterreise eigentlich überhaupt nicht hervorheben sollte, er ergibt sich sozusagen »im Stillen«und von selbst, und Fischer-Dieskau deklamiert eben nicht nur sehr »sprachdeutlich«, sondern er macht viel mehr. Diese große Ausdrucksenergie, die da vorhanden ist, bringe ich nicht mit der so kunstvoll-einfachen Sprache des Klaviers, den schlichten Melodien, der Gefühlsstimmung und innerlichen Verfassung des »Helden« der Winterreise zusammen.
Lieber Dieter,

letztlich ist das die Frage: Wie viel Rhetorik verträgt der ausdrucksvolle Gesang? Es gibt im Grunde zwei Auffassungen: Die eine ist die, dass der Ausdruck sich sozusagen "natürlich" selbst ausspricht, wenn man die Musik nur gewissermaßen sich selbst überläßt. Die Rhetorik dagegen geht davon aus, dass man der Musik ihren Ausdruck gleichsam "abtrotzen" muss mit einer gewissen Gewaltsamkeit, weil sie ihn von selbst nicht hergibt und hergeben will. "Beim Vortrag musst Du immer ein bisschen übertreiben!" - sagte mal Horowitz. Die Übertreibung dient dazu, das ansonsten Unhörbare hörbar zu machen, hat also die Funktion der Sinnverdeutlichung. Wo man das gut nachvollziehen kann, ist die "Dichterliebe" von Schumann, wenn man hier Fritz Wunderlich mit Fischer-Dieskau vergleicht. Wunderlich singt wunderbar schlicht, klar und natürlich. Bei Fischer-Dieskau gibt es Rhetorik, Pointen, Nuancen. Aber ich muss sagen: Bei ihm hört man auch mehr, was die untergründige Vielschichtigkeit angeht. Sein Schumann ist einfach "komplexer".

Um zur Winterreise zurüchzukommen: "Gute Nacht" singt Fischer-Dieskau in der Studioaufnahme mit Jörg Demus ungemein differenziert, beschwingt, aber auch sehr natürlich, manchmal fast schon mit einer volkstümlichen Lässigkeit. Der Mitschnitt von den Salzburger Festspielen mit Pollini ist "konzertanter" und von Anfang an hat er einen gewissen heroisch-kämpferischen Ton - aber das liegt wohl in der Natur der Sache. Das ist natürlich weniger intim als in der "Kammer" des Tonstudios. Wobei gerade die Romantik ja das Symphonische, das öffentliche Konzert, zum Maßstab erhebt. Und warum darf ausgerechnet Romantik nicht das "große Ich" hervorkehren? Ich finde, dass die "Winterreise", welche die Extremzustände der menschlichen Seele auslotet, Heftigkeit und Ausdrucksgewalt sehr wohl verträgt.

Die Quasthoff-Aufnahme, die ich höre, ist wirklich sehr schön ausgestaltet. Er hat auch eine schöne Stimme. Was mir den Zugang etwas erschwert, ist die doch etwas betonte "Gemüt"-lichkeit. Das mag natürlich auch an der tiefen Stimmlage des Bassbaritons liegen. "Gute Nacht" im gemächlichen Tempo ist mir einfach zu zäh. Da ist Fischer-Dieskau beschwingter, bewegter, gibt den Gestus des Wanderers wunderbar wieder.

Herzlich grüßend
Holger

isi014

Anfänger

  • »isi014« ist männlich

Beiträge: 14

Registrierungsdatum: 5. November 2017

93

Freitag, 22. Dezember 2017, 10:37

Ich beschäftige mich ja momentan recht intensiv mit der Winterreise, so fern es mein Beruf und die Familie halt zulässt. Momentan gefallen mir von den Interpretationen, die ich auf youtube gefunden habe, zwei besonders gut:

Peter Anders Aufnahme von 1948 mit Günther Weissenborn am Klavier
https://www.youtube.com/watch?v=rDsjX8a8n1o
Ich mag ganz besonders die schnörkellose, für mich ehrliche Art der Präsentation. Ehrlich aber trotzdem "serviert". - Ich denke, so kann jedermann Schubert verstehen.


Peter Schreiers Aufnahme mit Sviatoslav Richter am Klavier
https://www.youtube.com/watch?v=Aim56V_X3Zg
Für mich die tiefgründigste Version, die ich bisher gehört habe. - Ich denke mir dazu aber auch: Für solches interpretatorisches Vermögen sollte ich die geplante Produktion von Ende 2018 auf Ende 2021 legen... Halte ich für meine Produktion nicht wirklich für realistisch, gefällt mir aber trotzdem sehr gut.
Die Menschen muss man nehmen, wie sie sind, nicht wie sie sein sollten.
Franz Schubert

WoKa

Prägender Forenuser

  • »WoKa« ist männlich

Beiträge: 2 510

Registrierungsdatum: 12. Februar 2015

94

Freitag, 22. Dezember 2017, 16:11

Hallo!

du wirst hier in Tamino viele Forianer finden, die von der Winterreise infiziert sind. Ich dachte, ich sei mit meinen ca. 20 Aufnahmen schon schlimm. Bis Willi mich besucht hat uns mich eines Besseren belehrte...

Gruß
WoKa
"Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."

Victor Hugo

Timo

Profi

  • »Timo« ist männlich

Beiträge: 391

Registrierungsdatum: 23. Dezember 2017

95

Samstag, 23. Dezember 2017, 13:40

Im Zauberberg kommt auch der Lindenbaum vor.

Helmut Hofmann

Prägender Forenuser

  • »Helmut Hofmann« ist männlich

Beiträge: 5 773

Registrierungsdatum: 6. Oktober 2010

96

Samstag, 23. Dezember 2017, 19:00

Zit: "Im Zauberberg kommt auch der Lindenbaum vor."
Ja, in der Tat. Und das ist, dies möchte ich Dir, lieber Timo, als Neuling in diesem Forum (dessen Selbst-Vorstellung im Thread "Beschränkter Gastzugang" ich gerade mit Freude gelesen habe) zu bedenken geben, für die Menschen, die sich hier darum mühen, Liedmusik in Worte zu fassen, ein bemerkenswerter Sachverhalt.

Denn selbst dem hochartifiziellen Sprachschöpfer Thomas Mann gelingt es nicht wirklich, das liedmusikalische Wesen und die darin sich manifestierende Aussage des Liedes „Der Lindenbaum“ mit Worten so zu beschreiben, das beides kognitiv fassbar werden könnte.
Im Grunde ergeht er sich in vagen Andeutungen, - freilich solchen, die im Kontext der Zauberberg-Erzählung höchste Relevanz entfalten.
Aber eben nur dort. Nicht im Kontext der Liedmusik Schuberts.