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Alfred_Schmidt

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1

Freitag, 21. November 2014, 16:00

Wiener Klassik als "Kernrepertoire" eines Musikfreundes

Ich habe allen Grund, mich bei Johannes Roehl zu bedanken, denn immer wieder regen mich seine Statements zu neuen Threads an - die dann noch dazu gut besucht sind. Es ist wie das Schiesspulver und der zündenede Funke.....
Hier nun das Originalzitat:

Zitat

Ich unterstelle Alfred auch nicht, dass er Ries hört, weil sonst alle Debussy und Prokofieff hören, sondern vermute, dass ihm Ries tatsächlich gefällt.


Das bedurfte natürlich einer (längeren) Antwort, die ich aber im Originalthread nicht geben wollte, weil damit das Theme, das sowieso schon leicht abgedriftet ist (Wagnergesang und Wagnerstimmen) schliesslich in völlig andere Bahnen gelenkt würde.
Vorerst gebe ich meiner Verwunderung Ausdruck, daß "alle anderen DEBUSSY und PROKOFIEFF hören - das habe ich bis heute nicht bemerkt. Allerdings ist mir eine gewisse Bruckner- Schostakowitsch- und Mahlerlastigkeit - zumindest in diesem Forum aufgefallen (und ich habe letzteres sogar unterstützt) - was mich doch ein wenig gewundert hat.

Ich habe in meiner frühen Jugend (als etwa ab 15) begonnen klassische Musik - vorzugsweise auf Konserve - zu hören (Konzertbesuche waren dann etwa ab 19 bis etwa 35) Das wurde mir erleichtert, da ich bei Donauland (damals NICHT mit Bertelsmann vereint) zum Buch- und Musikalienhändler ausbilden liess und sich sehr bald meine Neigung zur Plattenabteilung zeigte, wo ich den ganzen Tag lang Musik hören durfte - und zwar - ohne daß von den Kollegen Protest gegen meine Musikauswahl erhoben worden wäre. Mein Musikgeschmack war damals sehr klar definiert und eng begrenzt, wobei ich das Gebiet der Oper momentan ausgrenze, damit wir beim Thema bleiben: Es waren die 4 "Wiener Klassiker" (wenngleich die ja teilweise schon in die frühe Romantik reichte- aber im Titel steht ja "Kernrepertoire")
Es ist naheliegend, daß ein 15 jähriger, der eigentlich nie "musikalisch geschult" wurde damal über ein sehr beschränktes Wissen über Komponisten und ihr Repertoire besass. Anfangs störte mich das nicht, aber allmählich kam ich darauf, daß ich mit vielen anderen Komponisten überhaupt nichts anfangen konnte. Weil weiter oben Prokofieff genannt wurde: Schon in der Vorschule wurde uns Kindern "Peter und der Wolf" vorgespielt - und ich fand das öde und langweilig.Ich fand bald heraus, dass ich weder lange, noch düstere, spröde oder atonale Werke ertrug. Somit blieb mir in erster Linie mein geliebter Mozart. Daß er nur 36 Jahre alt geworden war, empfand ich stets als ein persönliches Unglück. Inzwischen katte ich mich auch an Beethoven herangewagt und mich in seine Musik verliebt. Ich begab mich also auf die Suche nach Zeitgenossen von Haydn bis Schubert, weil ich folgerichtig zum Schluss kam, daß Zeitgenossen einen ähnlichen Stil haben müssten. Sachlich betrachtet ist das natürlich falsch - aber ich entdeckte doch zwei Komponisten deren Klangwelt ich mit Mozart in Verbindung brachte, nämlich Johann Christian Bach und Johann Nepomuk Hummel. In späteren Jahren habe ich gefunden, daß es da kaum Ähnlichkeiten gäbe, aber ganz falsch war meine Auswahl ja gar nicht, denn Hummel wurde immerhin von Mozart unterrichtet und Mozart hat eigentlich bedeutende stilistische Anleihen bei Johann Christian Bach gemacht.
Dies nur für den Einstieg - ein Monolog soll dieser Thread ja nicht werden. Ries kommt später an die Reihe.
Ich war damals - wie es scheint - durchaus kein Einzelfall. Vieles was heute als "unverzichtbar " gilt war noch in meiner Jugend geächtet...

mit freundlichen Grüßen aus Wien
Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

Siegfried

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2

Freitag, 21. November 2014, 17:13

Ein interessantes Thema!

Die Verwandtschaft zu Mozarts Klangwelt sehe ich auch in einigen Vertretern der Mannheimer Schule, über die mal gesondert gesprochen werden sollte.
Freundliche Grüße Siegfried

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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3

Freitag, 21. November 2014, 18:30

Es ging bei der Bemerkung um etwas ganz anderes. Die Vermutung stand im Raum, dass mindestens einige vorgebliche Liebhaber historischer Aufnahmen sich hauptsächlich als solche geben, um durch besonders exklusiven Geschmack aufzufallen. Man kann das nicht ausschließen und ich habe in einem anderen Thread mich selbst schon über Empfehlungen unfindbarer obskurer Aufnahmen lustig gemacht.
Freilich wird beinahe dasselbe häufig Klassikhörern überhaupt unterstellt. Oder Hörern von Musik der Avantgarde. Oder denen, die lieber englische Virginalisten und französische Clavecinisten hören als Beethoven und Chopin. Oder Ries, Joseph Marx etc. "ausgraben". Die machen das nur, weil sie auffallen und exquisiten, besonderen Geschmack zeigen wollen.

Wie gesagt, es mag ja sein, dass jemand Abendroth hört, weil "jeder" Furtwängler hört, oder Furtwängler, weil "jeder" Karajan kennt. Aber erst einmal würde ich doch vermuten, dass diese Hörer genuines Interesse an diesen Interpreten (oder eben an Ries' Musik) haben und sich deswegen damit befassen, nicht weil sie sich von der "Masse" absetzen wollen.

Alfred_Schmidt

Administrator

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4

Freitag, 21. November 2014, 22:29

Zitat

Es ging bei der Bemerkung um etwas ganz anderes. Die Vermutung stand im Raum, dass mindestens einige vorgebliche Liebhaber historischer Aufnahmen sich hauptsächlich als solche geben, um durch besonders exklusiven Geschmack aufzufallen. Man kann das nicht ausschließen

Das habe ich natürlich nicht überlesen - und da ist mit Sicherheit ein wahrer Kern dahinter. Allerdings sollte man es sich nicht zu einfach machen, denn die Sache ist viel komplexer.
Ich gehe fürs erste davon aus, daß HEUTZUTAGE NIEMAND wirklich Klassische Musik nur deshalb hört, um sich von der "Masse" abzugeben, denn für jemand, der diese Musik nicht liebt wäre das eine unzumutbare Qual. Da gibt es einfachere Mittel, die noch dazu auf die "Masse" einen größeren Eindruck machen....
Aber es ist eine unleugbare Tatsache, daß die "Masse" mit dem untrüglichen Gefühl ihrer Mittelmäßigkeit die - echte oder vermeintliche "Elite" als Störfaktor empfindet und diese Leute auszugrenzen oder als unbedeutend darzustellen versucht.
Und nun gibt es verschieden Möglichkeiten von seiten der Klassikgemeinde darauf zu reagieren.
Die einen fühlen sich von der sogenannten Gesellschaft missverstanden und ausgegrenzt, die anderen betonen die Überlegenheit des eigenen guten Geschmacks und lassen dies die "Masse" fühlen.
Das ist aber mit Sicherheit nicht der Grund, warum ich klassische Musik höre, denn ich trete kaum je öffentlich in Erscheinung , nehme seit Jahren so gut wie keine Einladungen an, lebe für meine Cds, meine Bücher und (seit nunmehr 10 Jahren) für dieses Forum.
Kommen wir zurück zum Hauptthema DIESES Threads. Wessen Geschmack auf die Musik einiger weniger Jahrzehnte eingegrenzt, ist, tut gut daran die Musikgeschichte nach geeigneten Kandidaten zu durchsuchen - Und das habe ich von Jugend an getan. Leider war das Angebot der Tonträgerindustrie gerade damals relativ beschränkt. Um ca 1955 ging allmählich die Ära der Schellackplatte zu Ende, wodurch zahlreiche Aufnahmen der Vergangenheit zumindest vorübergehend aus dem Verkehr gezogen wurden. Das hat sich erst ausgewirkt als ich ca 10 Jahre später die ersten Schallplatten für meine Sammlung kaufte - nicht wissen, daß es eine Sammlung werden sollt, denn Schallplatten waren auf die Gehälter bezogen - sehr teuer. Es wurde in dieser Zeit wahnsinnig viel aufgenommen, aber vorzugsweise "Mainstream" und Oper (dafür müssen wir heute dankbar sein), weil inzwischen auch die Mono-Platten allmählich aus den Regalen verschwanden - für das, was wir heute Nischenrepertoire nennen war in der Regel kein Interesse vorhanden.
So sammelte ich die wichtigesten Werke "meiner" Epoche und unternahm gelegentlich auch Ausflüge in andere Zeitalter. Irgendwann gab es dann einiges von Vivaldi - und er mutierte zu meinem Lieblingkomponisten des Barock - damals noch scheel angesehen. In die andere Richtung fand ich DAMALS allmählich Gefallen an Mendelssohn - nicht aber an Schumann.

Es mag der eine oder andere diesen Thread allzu persönlich auf mich zugeschnitten finden - aber das ist nicht der Fall, hatten wir in der Vergangenheit ein Mitglied , das meinte, mit dem Jahre 1828, nach Beethovens und Schuberts Tod - sei die Musikgeschichte eigentlich abgeschlossen. Ähnliche - schwerpunktmässig individuell verschieden abgestimmte Standpunkte finden wir immer wieder, und ich möchte auf diese Weise jahrelange Nur-Mitleser, die sich bis dato nicht getrauen hier mitzumachen, zur Teilnahme am Forum ermuntern.

wird fortgesetzt.

mfg aus Wien
Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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5

Samstag, 22. November 2014, 10:22

Ich finde nach wie vor ungewöhnlich und m.E. sehr selten, dass jemand so stark auf eine Epoche fixiert ist. Zumal auf eine relativ kurze, die nur 60-70 Jahre dauerte, im Ggs zu 150 Jahren Barock und ca. 120 Jahren "Romantik".
Eines der Ex-Mitglieder, das mit dem 1828 Datum spielte (Pius), hörte allerdings nicht gerade wenig Renaissance- und Barock-Musik und meiner Erinnerung nach auch Mendelssohn, Schumann und Brahms.

Ich habe eigentlich von Beginn an Stücke aus Klassik, Romantik und zumindest einige der bekanntesten von Bach und Händel gehört, auch wenn ein Hauptschwerpunkt schnell Beethoven und Mozart gewesen ist. Aber dann kam Brahms und einige Sinfonien von Bruckner und Mahler, überhaupt gab es sehr viel zu hören, bevor ich auch nur auf die Idee gekommen wäre, etwas von einem Bach-Sohn zu hören und Boccherini oder Ries hätte ich schon gar nicht auf dem Schirm gehabt.

Alfred_Schmidt

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6

Sonntag, 23. November 2014, 02:12

Ich habe ja zu Beginn schon festgehalten, daß es sich lediglich um das "Kernrepertoire" handelte. Und natürlich kannte ich die GoldbergVariationen, die Brandenburgischen Konzerte, die weltlichen Kantanten, sowie das Weihnachtsoratorium von Bach. Aber richtig begeistern konnte er mich damals nicht. Mir war aber die Bedeutung durchaus bewusst - und ich hatte einiges in meiner damals etwa 400 Langspielplatten umfassenden Sammlung. Von Boccherini und Ries hatte ich natürlich auch nichts - denn von Boccherini war noch kaum etwas aufgenommen , von Ries meines Wissens gar nichts -und mir war von letzerem die Existenz gar nicht bewusst. Um 1983 begann die Ära der CD - und entgegen meiner sonstigen konservativen Einstellung fühlte ich, daß sich diese Technik durchsetzen würde - und das Rauschen an den Pianissimistellen bei Klavieraufnahem endlich ein Ende haben würde. Ich war also die nächsten Jahre damit beschäftigt meine Sammlung neu zu beginnen - diesmal auf CD.
Ich war inzwischen 33 und - wie ich meinete - jung genung - nochmals von vorne anzufangen. Die nächsten Jahre war ich damit beschäftigt, die wichtigsten Aufnahmen meiner Sammlung auf CD nachzubeschaffen und dabei auch einige neue dazu zu erwerben. Inzwischen hatte ich auch meine Liebe zur Barockmusik entdeckt, und die Veröffentlichungspolitik dieser Tage kam mir hier entgegen. Der Durchbruch kam Anfang der neunziger Jahre. Das neu gegründete Label cpo brachte die Sinfonien von Boccherini heraus und bald darauf die erste CD mit zwei Sinfonien von Ferdinand Ries. Ich eraknnre,m daß ich hier etwas gefunden hatte, wonach ich lange gesucht hatte: Werke eher unbekannter Komponisten, die jenen der "Grossen "
oberflächlich betrachtet sehr ähnlich waren. ich lernte durch cpo jede Menge unbekannter Mozart- und Beethoven Zeitgenossen kennen, später kamen dann noch Naxos (die ich vorerst wegen ihrer unbekannten Interpreten und ihres billigen Preise ablehnte) und Chandos, aber auch Dynamic (Viotti-Violinkonzerte) dazu.
Nach Wien wurde immer nur ein kleines Kontingent dieser CDs importiert und kaum je nachbestellt - den meisten Händlern war das Risiko zu groß, auf diesen obskuren Werken sitzenzubleiben.
Inzwischen war geradezu ein Boom ausgebrochen "Kleinmeister" wieder zu entdecken - und ich kam mit meinen Käufen kaum nach. Meine Sammlung füllte sich allmählich mit Werken von Rosetti, Ries, Cannabich, Kozeluch, Vanhal, Vranicki, Devienne, Czerny, Field, Cambini. Schlagartig kam meine Sammeltätigkeit zum Erliegen: Es wurde kolportiert, daß CDs nur eine mittlere Lebenserwartung von 10 Jahren hätten. So kaufte ich etwa 5 Jahre keine einizge CD mehr, denn es dauerte einige Zeit bis zum Dementi - und noch länger als ich bereit war diesem zu glauben.
Vielleicht sollte man nur am Rande erwähnen, daß die Wichtigsten Werke der 19 Jahrhunderts - egal ob ich sie mehr oder weniger mochte - bereits in meiner Sammlung - und auch gehört hatte.

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  • »kurzstueckmeister« ist männlich

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7

Dienstag, 25. November 2014, 10:30

Ich finde nach wie vor ungewöhnlich und m.E. sehr selten, dass jemand so stark auf eine Epoche fixiert ist.
Das denke ich auch. Meine Initialzündung war in der Kindheit Tschaikowski mit den Sinfonien 4-6, die nächste wichtige Station Strawinskys Sacre mit 14 Jahren. Als ich 16 war ging der Horizont etwa von Vivaldi bis Stockhausen, als Spät-Teenager dann von Perotin bis Rihm, diesem Bereich bin ich dann als "Kernrepertoire" treugeblieben, wenn ich auch vor ein paar Jahren Jazz, Pop und Rock mit einzelnen Beispielen meiner Sammlung angegliedert habe.
:D
Das ist zwar sicher auch nicht repräsentativer als Alfreds Lebenslauf, aber den Durchschnittsradius würde ich als Bach-Schostakowitsch annehmen mit von Person zu Person anderen Schwerpunkten. Ob dann öfter Dvorak oder Haydn vorkommt, will ich nicht abschätzen.

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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8

Dienstag, 25. November 2014, 11:10

Ja, man findet hier im Forum zwar auch andere, die zB wenig vor Beethoven (oder erst recht vor Bach) oder nach Mahler/Strauss, interessiert und schon auch mal welche (zB Guercoeur), bei denen der Schwerpunkt noch enger in Spätromantik und beginnender Moderne ca. 1880-1930 liegt und natürlich auch "Alte-Musik"-Hörer, für die spätestens bei Haydn Schluss ist.

Für mich lag auch jahrelang der Schwerpunkt in der "Wiener Klassik", aber zB Brahms gehörte eben genauso zum "Kern" und mir wäre nie eingefallen, Dittersdorf o.ä. eher als die berühmten Komponisten der klassisch-romantischen Tradition im 19. Jhd. von Mendelssohn bis Mahler zu hören. Ich finde auch nach wie vor ungewöhnlich, wenn jemand mehr Interesse für zB Ries aufbringt als für Schumann, Tschaikowsky oder Bruckner.

Dass man sich als Hörer auf Epochen "spezialisieren" kann, ist ja erst seit wenigen Jahrzehnten durch Schallplatte und Radio möglich. Es erfordert aber auch ein besonderes Interesse. Wer per Abo ins Konzert geht oder sich an den bekannten, häufig (ein)gespielten Werken/Komponisten orientiert, kommt nicht so schnell auf Dittersdorf oder Ries.

Alfred_Schmidt

Administrator

  • »Alfred_Schmidt« ist männlich
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9

Samstag, 29. November 2014, 21:57

Zitat

Ich finde auch nach wie vor ungewöhnlich, wenn jemand mehr Interesse für zB Ries aufbringt als für Schumann, Tschaikowsky oder Bruckner.

Na ja - Ries war in meiner Jugend noch nicht "wiederentdeckt" und Dittersdorf ist es in letzter Konsequenz eigentlich bis heute nicht. Aber dennoch ist die Antwort relativ leicht gegeben. Ich haderte mit Mozarts frühem Tod und auch daß es neben Beethoven niemanden gegeben haben sollte der ihm ähnlich war. Das hing auch damit zusammen, daß ich damals keine Kammermusik hörte, sondern lediglich Sinfonien, Solistenkonzerte und Klaviersonaten, aber vereinzelt auch Lieder.
Allerdings kannte ich wesentlich mehr als es hier anklingt. Ich besass ein wenig Tschaikowsky, vorzugsweise Das Klavierkonzert und die Balletsuiten, Brahms (mochte ihn aber nicht besonders) zwei Sinfonie von Mahler (Nr 1 und 4) - und natürlich die "Lieder eines fahrenden Gesellen" hörte gelegentlich Strawinsky und Bartoks "Konzert für Orchester", Dvoraks "Neue Welt" Mendelssohns Italienische und die Schauspielmusik zum Sommernachtstraum. Klarinettenkonzerte von Weber. Sehr viel Vivaldi - und seit verfügbar auch Boccherini. Etliches habe ich auch vergessen hier anzuführen. Ich hatte also durchaus eine breitere Palette an klassischer Musik zur Verfügung. Lediglich das 20. Jahrhundert war unterrepräsentiert - und das 21. gab es noch gar nicht. - Manche meinen, es sei mein Alter, welches meine Abneigung gegen "Neues" erklärt. Das stimmt aber nicht. Ich bin heute wesentlich milder in meinen Ansichten als vor 40 Jahren. Damals habe ich anlässlich eines Konzerte in meinem Jugendabonnement über ein Konzert "Lutoslawski dirigiert Lutoslawski" gesagt: "Jeden Dreck, den sonst niemand will, versucht man der "Jugend" unterzujubeln, das fängt mit den spartanischen Jugendherbergen an - in die mich keine 10 Pferde bringen - das geht bis zu den Abonnementskonzerten "für die Jugend"........
Meine Zugänge an unbekannten Komponisten in meiner Schallplattensammlung wurden gefiltert. Ein (mir) unbekannter Komponist wurde nur in die Sammlung genommen, weinn sein Geburtsjahr mit 17xx begann - "Da kann er noch nicht allzuviel Unheil angerichtet haben.... (was natürlich nicht unbedingt richtig ist)....

Dieser Thread sollte aber weder ein Monolog noch ein Kreuzverhör werden - ich hatte gehofft, daß viele Mitglieder sich hier zu Wort melden...

mfg aus Wien
Alfred

mfg aus Wien
Alfred

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Garaguly

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10

Samstag, 29. November 2014, 22:54

Setzen wir den Begriff "Musikfreund" einmal gleich mit "Freund 'klassischer' Musik", dann muss man heutzutage sicher nicht mehr den Kernbereich seiner musikalischen Leidenschaften bei den Wiener Klassikern und deren zeitlich engstem Umfeld suchen. Es gibt Menschen, die ganz ohne jeden Zweifel als Musikliebhaber zu verstehen sind, die ihren Hör- und Sammlungsschwerpunkt definitiv im 20. Jahrhundert haben. Ich könnte es mir zwar für mich selbst nicht vorstellen, ausschließlich oder auch nur überwiegend so zu hören und zu sammeln, aber wenn jemand seinen musikalischen Weg ohne Haydn und Mozart und mit nur wenig Beethoven und Schubert gehen mag, dann ist das eben so.
Bitte das nicht als relativistisch zu verstehen, doch wer echte Leidenschaft für Schostakowitsch, Prokofieff und Bartok aufbringt und darin aufgeht, der ist ja genauso sehr Musikliebhaber, nur mit anderen Schwerpunkten.

Früher mögen die Gralshüter des Wahren, Schönen, Guten gestrenger in diesen Fragen gewesen sein, aber mittlerweile sind viele Komponisten, die beim damaligen bildungsbürgerlichen Publikum in den 1950er und 1960er Jahren noch als Bürgerschrecke verschrieen waren und die nicht goutiert wurden, doch längst 'kanonisiert' und in den Olymp aufgenommen worden.

Manchmal habe ich das Gefühl (also wirklich gaaaaanz subjektiv, nur eine Ahung, keine Gewissheiten, oder so etwas), dass in Konzerten, in denen, sagen wir einmal, drei 'Klassiker' des 20. Jahrhunderts dargeboten werden, sich ein jung-bürgerliches Publikum in größerer Zahl im Saal befindet als dies bei eher klassisch-romantisch ausgerichteten Konzerten der Fall ist. Für diese Leute spielt ein Mozart wahrscheinlich nicht mehr die zentrale Rolle, die er noch vor 50 Jahren für einen damals altersmäßig vergleichbaren Hörer gespielt haben mag.

Ich persönlich bin aus diesen Zwickmühlen eh' raus, denn ich höre alles, sammele alles, was tönt, egal, ob spätes 18. Jahrhundert oder mittleres 20. Jahrhundert. Legte ich alle meine Tonträger, die Musik aus der Zeit zwischen 1770 und 1810 enthalten, zusammen, dann entstünde sicherlich ein respektabler Quader -- aber ähnlich verhielte es sich auch mit CD's, auf denen sich Musik von 1920 bis 1970 befindet.

Grüße
Garaguly

m-mueller

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11

Samstag, 29. November 2014, 23:17

Ich höre auch wenig Mozart und Beethoven, gar keinen Haydn, Brahms, Wagner etc., bin aber nicht im 20. Jahrhundert unterwegs, sondern im 17. und 18., teilweise auch im 16., den Threadtitel jedenfalls würde ich genauso ablehnen wie die Fraktion derer, die eher das 20. Jahrhundert hören (das höre ich auch, aber fast nur als Jazz, Blues, Rock und Pop).

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12

Sonntag, 30. November 2014, 12:17

Der Schwerpunkt von Konzertprogrammen der letzten 100 oder 120 Jahre lag m.E. nie in der "Wiener Klassik", sondern in Musik ab einschließlich Beethoven. Was Mozart und Haydn nicht ausschließt, aber de facto auf je ein oder zwei Handvoll Werke beschränkt hat. Bei Mozart wegen der vielen Konzerte vielleicht ein paar mehr, aber man schaue sich einfach mal das Repertoire und die Plattenaufnahmen in der ersten Hälfte des 20. Jhds. an. Es ist doch auch nachvollziehbar. Allein von der Besetzung des modernen Sinfonieorchesters sind später Haydn/Mozart mehr oder minder die unterste Schranke und es ist viel besser für Brahms oder Tschaikowsky geeignet.

Und so ähnlich kann man m.E. auch erklären, dass heute sich der Schwerpunkt eher noch weiter in Richtung Spätromantik/Klassische Moderne verschoben hat. Um ein modernes Orchester mit allen Sektionen "glänzen" zu lassen, sind nun Mahler, Strauss, Ravel, Prokofieff, Stravinsky usw. erheblich besser geeignet als Mozart. Entsprechend hat nicht nur ein großer Teil des Publikums, sondern auch der Musiker und Dirigenten intensives Interesse an dieser Musik.

Bei der Klaviermusik war es noch krasser. Schuberts Sonaten waren lange beinahe unbekannt und wurden fürs Konzert als ebenso ungeeignet gesehen wie Mozarts oder Haydns (immer von ein paar Schmankerln abgesehen) und sogar der größere Teil der Beethovensonaten. (Man schaue sich an, wie wenig davon Horowitz (I play them all) oder Rubinstein öffentlich gespielt haben.) Bach lieber a la Busoni oder Liszt.

Klar, jeder kann das machen, wie er will. Aber für mich ist nach wie vor der einigermaßen "breit" aufgestellte Hörer der Normalfall.
Wenn ich von mir sagen würde (oder mal gesagt hätte), mein "Kernrepertoire" sei Wiener Klassik, hätte ich damit etwa folgendes gemeint: "Am meisten höre ich Beethoven, Mozart, Haydn, auch viel Schubert. Ich höre von denen mehr als zB Monteverdi, Bach, Brahms, Tschaikowsky, Bartok." (1)
Ich hätte damit aber NICHT gemeint: "Ich höre hauptsächlich Komponisten, die zwischen ca. 1760 und 1830 aktiv waren; so höre ich außer Mozart, Haydn, Beethoven auch sehr gerne zB Joh. Chr. Bach, Boccherini, Vanhal und Hummel. Ich höre die (auch die letztgenannten) (tendenziell) lieber als z.B. Bach, Verdi, Wagner, Brucker oder Schostakowitsch." (2)
D.h. ich hätte "Kernrepertoire" stillschweigend auf die berühmten Komponisten dieser Epoche bezogen und gemeint, dass ich die lieber mag als die beühmten Komponisten anderer Epochen. Ich hätte gar nichts bezüglich Boccherini vs. Brahms ausdrücken wollen. Sondern habe de facto von Boccherini kaum etwas gekannt und hätte in jedem Fall stillschweigend vorausgesetzt, dass ich zB Brahms weit höher schätze und mehr höre als Boccherini, nur eben Mozart mehr als Brahms.
Alfred meint dagegen eher etwas wie (2). Und das finde ich, egal welche Epoche man einsetzt, nach wie vor eher ungewöhnlich (und auch nicht ungewöhnlicher, wenn die Epoche 1900-1950 statt 1750-1800 ist), auch wenn es vielleicht gar nicht so wenige Hörer gibt, auf die das zutrifft.

Alfred_Schmidt

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Registrierungsdatum: 9. August 2004

13

Mittwoch, 21. Januar 2015, 14:52

Es ist interessant wie Johannes Roehl das analisiert. Persönlich kann ich sagen, daß ich in der Tat die "Wiener Klassik" als meinen musikalischen Horizont betrachtete - und ein bisschen was herum. Ich mochte weder Brahms, Bruckner noch Tschaikowsky (ausgenommen das Capriccio Italien und die Balette, bzw Auszüge davon, sowie das Klavierkonzert Nr 1)von Mahler und Richard Strauss brauchen wir gar nicht erst zu reden. Dennoch gab es Berührungspunkte mit anderen Epochen.
Vivaldi beispielsweise war einer meiner Lieblingskomponist von Anbeginn. Dann Johann Christian Bach, Johann Nepomuk Hummel, Felix Mendelssohn Bartholdy. Und natürlich hörte ich auch die "Schlüsselwerke" der eher ungeliebten Komponisten,
aber von jedem nur die Ohrwürmer. Es mag sein daß um 1975 herum auch die Musik des 19 Jahrhunderts von einem breiten Publikum wahrgenommen wurde - aber Mozart war schon "das Maß aller Dinge" Vielleich war das lediglich in Wien besonders ausgeprägt, hatten wir doch den "Mozart-Papst" Karl Böhm hier (der eigentlich aus Graz stammte, sich aber als Wiener fühlte und von den Wienern auch als solcher gesehen wurde) Vielleicht, daß Haydns frühen Sinfonien nicht jene Aufmerksamkeit geschenkt wurde, die ihnen heute - zumindest auf Tonträger - zuteil wird.
Was ich mir indes NICHT vorstellen kann, ist, daß jemand um 1975 Mozart als "seicht" bezeichnet hätte oder Karl Böhm oder Herbert von Karajan nicht angebetet hätte, daß jemand (unter vorgehaltener Hand !!) Mahlers Sinfonien als "Dreck" (und ärger) bezeichnet hat, indes schon.

mfg aus Wien
Alfred

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dr.pingel

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14

Donnerstag, 22. Januar 2015, 11:35

Für mich war die Klassik (Haydn bis Brahms) der Startschuss für meine Liebe zur klassischen Musik überhaupt. Heute höre ich diese Werke kaum noch, obwohl ich sie durchaus schätze. Mein letztes großes Projekt war immerhin das Hören (bis zu 10 oder 20x jeder Sinfonie) aller Haydn - Sinfonien. Und die Haydn - Quartette kommen auch noch dran. Durch das eigene Singen in kleinen Chören bin ich dann zu meinem ersten Schwerpunkt gekommen, der Chormusik von Josquin über Schütz, Schein, Monteverdi bis Bach. Brahms als Chorkomponist ragt wie ein erratischer Block dahinein. Mit den Opern war es ähnlich: erst kamen die Klassiker (Mozart, Lortzing, deutsche Spieloper), dann die spezielleren wie Janacek, Monteverdi, Cavalli, Händel. Wagner und die Italiener traten damit in den Hintergrund. Dies alles ist eine konsequente Entwicklung für mich selbst gewesen und keinesfalls, wie hier ja vermutet wurde, um aufzufallen und als exzentrisch gelten. Vor wem? Meine Freunde hören wenig klassische Musik, hier im Klassikforum bin ich noch nicht lange und hier ist alles vertreten, eine gewisse Exzentrik ist hier normal, was ich sehr schätze.
Eichendorff, In der Fremde.
Aus der Heimat hinter den Blitzen rot/ da kommen die Wolken her,/ aber Vater und Mutter sind lange tot,/ es kennt mich dort keiner mehr./ Wie bald, wie bald kommt die stille Zeit,/ da ruhe ich aus und über mir/ rauscht die schöne Waldeinsamkeit,/ und keiner kennt mich auch hier (vertont von Robert Schumann).