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moderato

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1

Freitag, 14. Februar 2014, 05:47

Musik und Mythologie der Antike

Unsere Kultur hat ihre Wurzeln in der Antike.

Mit Antike ist im engeren Sinne die Geschichte des archaischen und klassischen Griechenlands, des Hellenismus und des Römischen Reichs gemeint. Ich dehne den Zeitraum der Antike im weiteren Sinne auch auf die Geschichte der altorientalischen nahöstlichen Hochkulturen Ägyptens, Mesopotamiens, Assyriens, Persiens und Kleinasiens aus.

Wie wurden die mythologischen Stoffe dieser Kulturen in Musik umgesetzt? Was bewegt Komponisten unserer Zeit antike Stoffe zu vertonen?

Ein weites Feld ist dieses Thema. Ich bin mal gespannt, was hier alles zusammengetragen wird.
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Alleen / Alleen und Blumen // Blumen / Blumen und Frauen // Alleen / Alleen und Frauen // Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer

Aus Solidarität mit Eugen Gomringer habe ich die Übersetzung eines seiner Poeme gesetzt, weil dieses Gedicht, das sich an einer Hausfassade in spanischer Sprache befindet, überpinselt werden muss. Grund: Sexismus-Vorwurf
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2

Freitag, 14. Februar 2014, 06:05

Kürzlich stiess ich auf das Gilgamesch Epos in einem kurzen Text von Marie Luise Kaschnitz. Es stammt aus sumerischer Zeit 3000 vor Christus. Ich recherchierte, welche Vertonungen dieses Stoffes komponiert wurden:

Bohuslav Martinů (1890-1959) hat ein Oratorium zum Epos von Gilgamesch und Enkidu vorgelegt, wovon eine Aufnahme bei Naxos erschienen ist.



Jetzt wird nicht jeder die Geschichte Gilgameschs und seines Freundes Enkidu kennen.
Der Komponist schreibt dazu:

Zitat

"Das Gilgamesch-Epos ist eine große assyrisch-babylonische Dichtung, die in Keilschrift auf Tontafeln aufgezeichnet wurde, die wahrscheinlich aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. oder vielleicht aus noch früherer Zeit stammen...
...Trotz der gewaltigen Fortschritte, die wir in Technik und Industrie gemacht haben, fand ich, dass die Gefühle und Fragen, die die Menschen bewegen, sich nicht verändert haben und dass sie in der Literatur der ältesten Völker, von denen wir Kunde haben, ebenso vorhanden sind wie in der unseren. Es sind Fragen der Freundschaft, der Liebe und des Todes. In dem Gilgamesch-Epos wird sehr intensiv und mit fast schmerzhafter Ängstlichkeit der Wunsch laut, die Antworten auf jene Fragen zu finden, Antworten, nach denen wir bis jetzt vergebens suchen.
Meine Komposition befasst sich mit den folgenden Ereignissen: Gilgamesch, der große König von Uruk, wird gefürchtet und verehrt wie ein Gott. Er schließt Freundschaft mit Enkidu, einem merkwürdigen Manne. Enkidu ist der ursprüngliche Mensch im Naturzustand. Er hat lange in Unwissenheit und Sorglosigkeit gelebt. Die Tiere, die er verteidigte, waren seine Freunde. - Um diesen gefährlichen Widersacher zu gewinnen, sandte Gilgamesch eine Frau zu ihm, eine Tänzerin aus dem Tempel der Istar, die ihn verführte. Als Enkidu seine Unschuld verloren hatte, fürchteten ihn die Tiere und flohen bei seinem Nahen. Er folgt der Frau in die Stadt, in der man Brot isst und Wein trinkt und in der es Tänze und Feste gibt. Seine Lebensweise ändert sich rasch, aber er begreift auch, dass er arbeiten muss, um seinen Unterhalt zu verdienen. Er wird ganz bleich, und es kommt ein Augenblick, in dem er mit Bedauern an seine Jugend zurückdenkt. Er kämpft gegen Gilgamesch, aber schließlich werden die beiden Waffenbrüder. Die beiden Helden schließen enge Freundschaft.
Eines Tages wird Enkidu krank. Gilgamesch beobachtet ihn - einen Tag, zwei Tage, elf Tage; aber er rührt sich nicht, er ist tot. Die ihm wesensfremde Frage des Sterbens erhebt sich vor Gilgamesch. Er begreift nicht, dass Enkidu für immer von ihm gegangen ist, „ dass es die Erde war, die ihn nahm“. Er beginnt, um sich selbst zu fürchten, um sein Leben. Er bittet die Götter, ihm seinen Freund zurückzugeben, aber die Götter bleiben stumm, er erhält keine Antwort. Gilgamesch macht sich auf, die Unsterblichkeit zu suchen, aber er weiß jetzt: „ Nur Götter leben ewig, die Tage des Menschen sind gezählt. Freue dich deshalb, Tag und Nacht, sei glücklich und zufrieden, Nacht und Tag.“
Er stößt leidenschaftliche Bitten aus, er fleht die Götter an, ihm zu gestatten, seinen Freund Enkidu wenigstens für einen Augenblick wiederzusehen. Durch die Kraft seiner Beschwörung öffnet sich die Erde, und der Geist des Enkidu erscheint wie ein Hauch. Gilgamesch fragt ihn angstvoll darüber aus, was er in jener anderen, unbekannten Welt gesehen hat. Mit diesem pathetischen und höchst düsteren Monolog schließt das Epos.

Bohuslav Martinů"
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3

Freitag, 14. Februar 2014, 13:19

L'Envol d'Icare, Der Flug des Ikarus, nannte Igor Markewitsch (1912-1983) sein sechssätziges Ballett aus dem Jahr 1933. Der Ukrainer war bevor er als Dirigent bekannt wurde, als Komponist tätig. Beim Label Naxos sind bereits 8 CDs erschienen.

Prélude
Jeux des Adolescents: Éveil de la Connaissance
L'Icare attrape deux colombes, il etudie leur vol
L' Icare se fait fixer des ailles aux épaules: il essaye a voler
L'Envol d'Icare
Où l'on apprend la chute d'Icare
L'envol d'Icare: La mort d'Isard

Zitat aus Wikipedia "Ikarus und Dädalus wurden - als Strafe, weil Dädalus dem Theseus hilfreiche Hinweise zur Verwendung des Ariadnefadens gegeben hatte - von König Minos auf Kreta gefangen gehalten. Da Minos die Seefahrt und das Land kontrollierte, erfand Dädalus Flügel für sich und seinen Sohn. Dazu befestigte er Federn mit Wachs an einem Gestänge. Vor dem Start schärfte er Ikarus ein, nicht zu hoch und nicht zu tief zu fliegen, da sonst die Hitze der Sonne beziehungsweise die Feuchte des Meeres zum Absturz führen würde. Zuerst ging alles gut, aber nachdem sie Samos und Delos zur Linken und Lebinthos zur Rechten passiert hatten, wurde Ikarus übermütig und stieg so hoch hinauf, dass die Sonne das Wachs seiner Flügel schmolz, woraufhin sich die Federn lösten und er ins Meer stürzte."

Auf das Werk Igor Markewitschs bin ich in diesem Zusammenhang gestossen:
Am 24.02.2014 findet in Zürich Hochschule der Künste, Kleiner Saal, Flurhofstrasse 6 eine Aufführung dieses selten zu hörenden Werkes in einer Fassung für zwei Klaviere und Schlagzeug statt. Ein weiterer Programmpunkt wird die Sonate für die gleiche Besetzung Bela Bartoks (1881-1945) sein. Benefiz-Veranstaltung zugunsten des Stipendien-Fonds der Musikstudierenden
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Alfred_Schmidt

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4

Freitag, 14. Februar 2014, 15:11

Mythen und Geschichte der Antike war selbstverständliches Bildungsgut der Oberschicht spätestens seit der Renaissance, wobei die Überlieferung gelegentlich arg verfälscht, ausgeschmückt oder einfach nur missverstanden wurde.- teilweise auch durch mangelhafte Übersetzungen, fehlende Textstellen etc bedingt.
Das weiter oben erwähnte Gilgamesch-Epos ist lückenhaft und wurde aus Fragmenten verschiedener Übersetzungen dennoch weitgehend wieder hergestellt – die bisher letzten Ergänzungen erfolgten ca 2005 (!!!) -> siehe Wikipedia
Kein Wunder dass solche Überlieferungen einen fixen Bestandteil des Opernrepertoires darstellten – vor allem im Barock. Der Mangel an Kenntnissen über die Mythen der Antike, die oft verworrenen, komplexen Handlungen und die oft sehr schwer zu merkenden Namen der Protagonisten haben diese Opern dann relativ lange in Vergessenheit geraten lassen.

Ein solches Werk ist die Oper
„Der hochmütige, gestürzte und wieder erhabene Croesus“
von Reinhard Keiser (ca 1710)

Krösus – wie wir ihn heute schreiben ist eigentlich jedermann als Synonym für sagenhaften Reichtum jedermann bekannt. Aber seine Lebensdaten, bzw seine Herkunft werden wohl nur wenige kennen
Kurz gesagt: Er war König der Lydier und regierte etwa von 555 v.Chr. - 541 v.Chr.
Im Konflikt gegen Kysus II von Persien unterlag er.
Die meisten Lexika berichte, er sei auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden – eine zweite Version besagt jedoch er habe sich mit Kyros versöhnt und sei dessen Berater geworden.
Die Oper hält sich an die Version mit dem Happy End. Ursprünglich hatte ich dieses für eine Erfindung des Librettisten gehalten – aber sie stammt in der Tat aus antiken Überlieferungen von Herodot und Xenophon, die allerdings doch mehr als hundert Jahre später lebten.
Überliefert – und in der Oper auch verarbeitete ist die Existenz eines Sohnes namens Atys.
Der Oper nach war dieser Sohn taubstumm (in der Realität war es sein Bruder – dessen Name allerdings nicht überliefert ist). Dieser soll – als sein Vater zum Scheiterhaufen geführt wurde – zu sprechen begonnen haben….
Die Oper selbst enthält – eigenartig genug – neben der historischen Handlung auch durchaus komische Elemente.

Mit freundlichen Grüßen aus Wien

Alfred

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moderato

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Freitag, 14. Februar 2014, 20:10

Die mythologischen Gestalt des Prometheus schuf die Menschen und die Tiere, brachte den Menschen das Feuer und stellte sich mit dieser Handlung gegen den Willen der Götter. Er wurde durch Zeus bestraft, indem er ihn an einen Felsen kettete und quälte. Ein Adler nährte sich von seiner Leber, die ihm jeden Tag nachwuchs. Erst nach langer Zeit wurde er befreit.



Im kniffligen Coverbildratespiel hat JLang in Beitrag 1390 diese Aufnahme mit Prometheus-Kompositionen als Rätsel gestellt. Das Programm, das Claudia Abbado zusammengestellt hatte, enthält diese Werke:

Ludwig van Beethoven: Die Geschöpfe des Prometheus op. 43

Franz Liszt: Prometheus

Scriabin: Prométhée - Le Poème du feu

Luigi Nono: Prometeo-Suite 1992 (Ausz.)




Karl Orff schuf eine Prometheus Oper



Franz Schubert hatte das Prometheus Gedicht Johann Wolfgang von Goethes als Lied vertont.



Johann Peter Selmer (1844-1910) hat in seinem zweisätzigen Orchesterwerk op. 50 die Gestalt des Prometheus als Schöpfer und Leidenden dargestellt.

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JLang

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6

Samstag, 15. Februar 2014, 12:41

Sibelius – Okeaniden

Das ist natürlich eine wunderbare Thema, lieber moderato, zu dem ich aber erst jetzt fand. Danke für diesen thread :)
Ihr werdet mir vielleicht verzeihen, daß ich mit einem vielleicht abwegigen Stück beginne, das mr aber in diesem Zusammenhang sehr interessant scheint: Jean Sibelius, Die Okeaniden (Aallottaret)

Die Okeaniden sind die Töchter des Okeanos und der Thetys. Ihre früheste Erwähnung finden sie in der Götterlehre (Theogonie) des griechischen Dichters Hesiod. Häufig bleiben sie namenlos, eine Reihe von Namen ist allerdings bekannt (u. a. beim Dichter Apollodor überliefert). In der Regel aber bleiben sie ein Kollektiv und spielen im griechischen Mythos auch keine besonders wichtige Rolle. Umso interessanter ist, daß Jean Sibelius eine seiner sinfonischen Dichtung so benannte: Sibelius wählte für das Stück zum einzigen mal keinen nordischen Stoff, sondern bezog sich explizit auf die klassische Mythologie. Uraufgeführt wurde das Stück am 4. Juni 1914 in Norfolk (USA), Sibelius beendete es erst auf seiner Reise in die USA. Das Werk höre ich immer als eine Reise von den leicht bewegte Oberfläche des Meeres hinab zu den Urwesen/ Urkräften des Meeres, die schließend das Meer in eine dramatische See verwandeln und zum Ende hin wieder beruhigen.

Mit besten Grüßen zum Wochenende
JLang
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Gombert

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7

Samstag, 15. Februar 2014, 12:56

Das gibt's ja nicht! Eben wollte ich dieses Werk hier einstellen! Selbst Assoziationen und Einspielung wären identisch gewesen.
Unverschämtheit! :thumbsup:

JLang

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8

Samstag, 15. Februar 2014, 12:59

Wie schön, noch ein Liebhaber der Ozeanien und noch dazu mit denselben Assoziationen, darüber freue ich mich riesig :D
Aber es ist ja noch genug Mythos in der Musik übrig. ;)

Herzliche Grüße
JLang
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lutgra

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9

Samstag, 15. Februar 2014, 15:05

Herakles - Hercules

Herakles war einer der tapfersten und stärksten Helden der Antike, Sohn von Zeus und Alkmene, weitere Details findet man hier.

Händel hat gleich zweimal den Herakles-Mythos als Vorlage verwendet, einmal als Oper, einmal als Oratorium. Saint-Saens hat der Jugend des Helden eine symphonische Dichtung gewidmet.


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10

Samstag, 15. Februar 2014, 16:59

Interessanterweise hat allerdings keines der Händel-Stücke mit den berühmten "Arbeiten" zu tun, die Herkules vollbringen musste (Augiasstall ausmisten, Hydra töten usw.). Vermutlich wäre das auch zu "albern" gewesen.
Das späte (fast durchgehend aus älterem Material zusammengestellte) Stück ist die auch von Bach in einer weltlichen Kantate behandelte Parabel "Herkules am Scheidewege", d.h. die Wahl des jugendlichen Helden zwischen Laster und Tugend.
Das andere Werk ist eine englischsprachige Oper mit der eifersüchtigen Frau des Helden, Dejanira, die unwissend seinen Tod verschuldet (das Kleidungsstück, das den Liebeszauber bewirken sollte, war mit einer Art Napalm vergiftet). Damals nicht erfolgreich, wird es heute als eines der überzeugendsten spätbarocken "Musikdramen" gesehen.
(Die Erhebung des sterbenden Herkules auf den Olymp ist ein zeitensprechendes Pseudo-Happy-End, eigentlich ist es eine tragische Geschichte.)

Wenn auch wenig originell, fällt mir als erstes natürlich der Orpheus-Stoff ein.
Vermutlich ist es kein Zufall, dass dieser Mythos, der nicht nur Liebe und Tod, sondern zuerst die Macht der Musik zum Thema hat, einer der ersten Opern der Musikgeschichte zugrunde liegt, Monteverdis "L'orfeo" (1607)

Und mit Glucks Orfeo ed Euridice diente der Stoff 1762 (franz. Fassung 1774) wieder einem Schlüsselwerk der Operngeschichte als Vorlage.

Wikipedia listet eine große Zahl weiterer Bearbeitungen des Orpheus-Mythos, von einer nicht vollständig erhaltenden Euridice (Peri 1600) über Charpentier, Keiser, Fux, Haydn bis zu Liszts Sinfonischer Dichtung, Offenbachs Operette und Stravinskys Ballett.

Gombert

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11

Sonntag, 16. Februar 2014, 22:25

NABUKUDURRIUSUR

lautet in etwa die Transkription des babylonischen Namens von König Nebukadnezar. Moderato hat unseren Forschungthred ja gleich um die Disziplinen "Altorientalistik & Vorderasiatische Altertumskunde" erweitert, hier also die Fortsetzung.
Bekanntlich ist dieser Monarch Protagonist der Oper eines namhaften italienischen Komponisten des 19. Jahrhundert, der in einem anderen Kontext auch mit Ägyptologen zusammenarbeitete. Wesentlich weniger bekannt ist das gleichnamige Oratorium von Michelangelo Falvetti, einem kalabreser Musiker, der im 17. Jahrhundert am Hof von Palermo wirkte. Ob dieses süditalienischen Hintergrundes findet in der neuen Einspielung auch orientalisches Instrumentarium Verwendung.


Felix Meritis

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Sonntag, 16. Februar 2014, 22:38

Nebukadnezar ist aber eine historische Figur, nicht? Als mythologisch im eigentlichen Sinne, sehe ich sie jedenfalls nicht. Wenn man Nebukadnezar und Krösus hier anführt, dann könnte man jeglichen biblischen und allgemein antiken Stoff hier anführen.

Ein typisch mythologisches Thema liegt auch Bachs Kantate BWV 201 zugrunde: "Geschwinde, ihr wirblenden Winde". Untertitel des Weks ist "Der Streit zwischen Phoebus und Pan". Apollo und Pan wetteifern, wer von ihnen am besten musizieren könne, und König Midas muss den Sieger küren. Leider wählt er den flaschen, Pan nämlich, und muss zusehen, wie ihm Eselsohren wachsen. Das Stück ist wohl eine Satire auf das "Kritikertum".


Gombert

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13

Sonntag, 16. Februar 2014, 22:45

Als Protagonist [einer zweifellos apokryphen Story] des AT ist "Nabucco" auch Teil der altorientalischen b.z.w. antiken Mythologie. Zudem ist dieser König auch Gegenstand mesopotamischer mythologischer Schriften. Auch König Gilgamesch könnte einen historischen Hintergrund haben.

Felix Meritis

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14

Sonntag, 16. Februar 2014, 22:57

Als Protagonist [einer zweifellos apokryphen Story] des AT ist "Nabucco" auch Teil der altorientalischen b.z.w. antiken Mythologie. Zudem ist dieser König auch Gegenstand mesopotamischer mythologischer Schriften. Auch König Gilgamesch könnte einen historischen Hintergrund haben.

Es gibt ja vier Nebukadnezars. Derjenige aus dem AT (der II.) ist definitiv eine historische Figur, ebenso wie die Eroberung Jerusalems durch ihn historisch belegt ist. Dass die Darstellung Nebukadnezars in der Bibel nicht historisch akkurat sein kann, ist wieder ein anderer Punkt. Zu Zeus und Konsorten sehe ich hier trotzdem einen Riesenunterschied.

Gombert

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15

Sonntag, 16. Februar 2014, 23:28

Die Historizität Nebukadnezars II. ist ja unbestritten.
Hercules ist eine mythologische Figur, Noah nicht?
Wie differenziert man diesbezüglich die Figuren der Ilias?
Debatten über die Begriffe "Mythos" und "Mythologie" gibt es wie Amphorenscherben in manch griechischem Sand, nicht nur aus meiner Sicht ist das AT eine Sammlung von historischen, mythologischen und religiösen Schriften und darin intern schwer definierbar. Welche mythologischen Figuren haben einen hundertprozentig fiktiven Hintergrund? Jeder Protagonist eines zentralen Mythos ist doch beinahe per definitionem auch eine Mythologische Figur. Allerdings sollten wir hier wohl keine unproduktiven Diskurse lostreten, "moderato" scheint halbmythologische Figuren (Gilgamesch, Krösus) ja zu akzeptieren...

Beste Grüße!

Felix Meritis

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16

Sonntag, 16. Februar 2014, 23:34

Allerdings sollten wir hier wohl keine unproduktiven Diskurse lostreten, "moderato" scheint halbmythologische Figuren (Gilgamesch, Krösus) ja zu akzeptieren...

Da hast Du natürlich recht. Wenn Moderato nichts gegen einen weiteren Radius der in Frage kommenden Stoffe hat, dann brauchen wir das hier nicht zu diskutieren.
Noah würde ich übrigens definitv als mythologische Figur sehen, ebenso wie Abraham oder alle anderen mehrere Hundert Jahre lebenden Personen im AT. Bei Nebukadnezar und Konsorten liegen wir allerdings schon bei ca. 500 v.Chr. und da häuften sich die schriftlichen Zeugnisse aus vielerlei Quellen über geschichtliche Ereignisse in Vorderasien. So würde niemand die Perserkriege als mythologisch einstufen, den Trojanischen Krieg hingegen schon.

Dr. Holger Kaletha

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Sonntag, 16. Februar 2014, 23:49

Maurice Ravel: Daphnis et Chloe


JLang

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18

Montag, 17. Februar 2014, 00:28

Zitat von »Felix Meritis«

So würde niemand die Perserkriege als mythologisch einstufen, den Trojanischen Krieg hingegen schon.

Lieber Felix Meritis,

aus heutiger Sicht hast Du natürlich vollkommen recht, aber im antiken Griechenland unterschied man nicht streng zwischen Mythos und Geschichte, es sind einfach unterschiedliche Zeitebenen, die ineinander übergehen. In der Ilias zum Beispiel wird ja auch seinerseits auf Beispiele aus der Vorzeit zurückgegriffen: d. h. man bezeichnet eher Zeitebenen, die Frage einer Historizität, die wir zu stellen gewohnt sind, stellte sich nicht.

Herzliche Grüße
JLang
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Felix Meritis

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19

Montag, 17. Februar 2014, 00:33

Lieber Felix Meritis,
aus heutiger Sicht hast Du natürlich vollkommen recht, aber im antiken Griechenland unterschied man nicht streng zwischen Mythos und Geschichte, es sind einfach unterschiedliche Zeitebenen, die ineinander übergehen.

Sicherlich! Aber wir leben eben im post-herodotischem Zeitalter :D

JLang

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20

Montag, 17. Februar 2014, 00:35

Wollte ja nur die Möglichkeit in Betracht ziehen, daß man sich beim Thema Antike in diesem thread auch gern an antiken Auffassungen orientieren kann, aber das zu entscheiden überlasse ich dem Eröffner dieses schönen threads :)

Herzlich
JLang
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21

Montag, 17. Februar 2014, 00:50

Zitat

im antiken Griechenland unterschied man nicht streng zwischen Mythos und Geschichte
und aus Sicht der gegenwärtigen Historischen Wissenschaften gewinnt dieser Standpunkt zunehmend an "rezenter" Plausibilität und Relevanz, jedenfalls verabschiedet man sich zunehmend von hergebrachten Historizitätsauffassungen.

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22

Montag, 17. Februar 2014, 00:55

und aus Sicht der gegenwärtigen Historischen Wissenschaften gewinnt dieser Standpunkt zunehmend an "rezenter" Plausibilität und Relevanz, jedenfalls verabschiedet man sich zunehmend von hergebrachten Historizitätsauffassungen.

Inwiefern?

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23

Montag, 17. Februar 2014, 01:21

Bald müssen wir das Thema doch auslagern :D

Daher nur Stichworte:

-Wandlung der Auffassung von "historischer Wahrheit" , im Vergleich etwa zum Historismus
-Wandlung und Ausweitung des Begriffs "historische Quelle(n)",
-weitere damit einhergehende terminologische Neudefinitionen

(man würde beispielsweise Versuche, einen historisch wahren Kern eines Mythos von fiktiven Momenten trennen zu wollen als anachronistisch ablehnen und die qualitative Gleichwertigkeit der Quellenaussagen hinsichtlich ihrer historischen Relevanz betonen, was natürlich mit dem Aufschwung von Kultur-, Mentalitätsgeschichte etc. zusammenhängt)

-stärkere Vernetzung der Historischen Wissenschaften samt einer gewissen Entphilologisierung - klingt vielleicht nicht logisch, ist aber relevant

Felix Meritis

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24

Montag, 17. Februar 2014, 01:30

Bald müssen wir das Thema doch auslagern :D

Werden wir wohl tun müssen ;) . Die Sichworte haben mir nämlich nicht sehr weitergeholfen.

William B.A.

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25

Montag, 17. Februar 2014, 03:18

NABUKUDURRIUSUR

Mir ist der Name des alten "Nebu" auch noch aus meiner Kindheit in der wohl katholischen Schreibweise "Nabuchodonosor" bekannt. Anscheinend ist dies aber wohl heute nicht mehr gebräuchlich?

Interessant ist auch, dass ich einige Werke hier finde, die ich auch in meinem Bestand habe, so z. B. die Bachsche Kantate BWV 201, die ich in der Hänssler-Gesamtausgabe habe, oder Daphnis und Chloe von Ravel, das ich in den Einspielungen von Eliahu Inbal, Michael Gielen und Sir Simon Rattle habe, natürlich auch den Nabucco. Vielleicht fällt mir ja im Laufe der Zeit noch das eine oder ander auf.

Liebe Grüße

Willi :)
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

JLang

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26

Montag, 17. Februar 2014, 22:36

Liszt – Prometheus

Nicht nur Beethoven, auch Liszt hat sich ins einem Schaffen dem Überbringer des Feuers gewidmet.
Franz Liszt komponierte seine sinfonische Dichtung Prometheus im Jahr 1850 (es war die Nr. 5 seines Zyklus sinfonischer Dichtungen). Als Begleitung für Johann Gottfried Herders Der entfesselte Prometheus bringt Liszt die Gefangenschaft, den Schmerz, die Hoffnung und den letztendlichen Triumph des Heros zum Ausdruck.



Mit besten Grüßen
JLang
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Felix Meritis

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27

Montag, 17. Februar 2014, 23:03

Als Begleitung für Johann Gottfried Herders Der entfesselte Prometheus bringt Liszt die Gefangenschaft, den Schmerz, die Hoffnung und den letztendlichen Triumph des Heros zum Ausdruck.

Wenn mich nicht alles täuscht, vertont Liszt aber noch größere Abschnitte des Mythos. Zum Beispiel wird die Erfindung des Feuers (also der Zivilisation) durch eine Fuge symbolisiert.

Alfred_Schmidt

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28

Dienstag, 18. Februar 2014, 23:05

Wenngleich das thema schon im Dittersdorf-Thread:

Carl Ditters von Dittersdorf - Die Sinfonien

behandelt wurde: Auch Dittersdorfs Sinfonien-Zyklus über Ovids Metamorhosen gehört hier in diesem Thread wenigstens erwähnt. Leider sind nur 6 Sinfonien erhalten geblieben, der Rest existiert immerhin in Klavierauszügen die Dittersdorf selbst hergestellt hat. Ob diese irgendwo in einem Archiv ihrer Wiederentdeckung harren oder auf immer verloren sind - das wissen allen die Götter....

mfg aus Wien
Alfred

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29

Mittwoch, 19. Februar 2014, 19:39

Zitat Felix Meritis

Zitat

Wenn mich nicht alles täuscht, vertont Liszt aber noch größere Abschnitte des Mythos. Zum Beispiel wird die Erfindung des Feuers (also der Zivilisation) durch eine Fuge symbolisiert.

Du täuschst Dich mitnichten :): Liszt schrieb das Werk in insgesamt 13 Szenen, wenn ich es recht im Kopf habe. Ich hätte also "u. a." vor meine Beispiele setzen müssen.
Danke für die Präzisierung und herzliche Grüße
JLang
Gute Opern zu hören, versäume nie
(R. Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln)

Gombert

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Freitag, 21. Februar 2014, 20:14

Vincent d'Indy: Istar, variations symphoniques

Mesopotamisch-vorderasiatische halbmythologische Figuren werden in diesem thread umgehend attackiert. Daher nun eine mesopotamisch-vorderasiatische vollmythologische Figur. Anhänger babylonischer Religionen unter den Tamino-Lesern mögen diese Einordung ggf. verzeihen! Istar ist eine kulturübergreifende Göttin des Krieges und des Begehrens - die übliche Kombi halt - und trägt einen akkadischen Namen. Sie wurde mit dem Planeten Venus gleichgesetzt. Laut einer mindestens 4000 Jahre alten Erzählung stieg Istar (oder Ischtar - siehe Pergamonmuseum) durch sieben Tore in die Unterwelt, um ihren Geliebten zu befreien. Profunden Kennern der klassischen Mythologie mag dieser Plot vage bekannt vorkommen. Vermutlich haben die Griechen wieder einmal von den Orientalen gekl :stumm: adaptiert. Da Istar beim Durschreiten besagter sieben Tore jeweils ein Kleidungsstück ablegen muß, komponierte d'Indy eine umgekehrte Variationsfolge. Erst am Schluß ertönt das eigentliche Thema, gänzlich "entblättert", in einfachstem F-Dur. Das Werk dauert kaum eine Viertelstunde, schließlich mußte man in der Oberwelt während Istars Abwesenheit der Erfüllung gewisser Begierden entsagen. Entsagen muß auch der Freund von Tonträgern, ist doch die Referenzaufnahme (SFSO, Monteux) nicht lieferbar.