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Harald Kral

Erleuchteter

  • »Harald Kral« ist männlich
  • »Harald Kral« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 14 983

Registrierungsdatum: 20. Juni 2007

1

Dienstag, 29. Mai 2012, 16:07

Premiere heute vor 50 Jahren: King Priam von Michael Tippett



King Priam
(König Priamus),
Oper in 3 Akten
von Michael Tippett,
Text vom Komponisten nach Homers Ilias,
Uraufführung: 29.5.1962 Coventry
mit Marie Collier • Josephine Veasey • Margreta Elkins • Richard Lewis • Forbes Robinson • John Dobson • Victor Godfrey • John Lanigan,
Dirig. John Pritchard.

Sir Michael Kemp Tippett OM CH CBE (* 2. Januar 1905 in London; † 9. Januar 1998 in London), Sohn eines Rechtsanwalts und einer Schriftstellerin, war ein englischer Komponist.
Er schrieb Opern, Orchester- und Chorwerke, Vokal- und Kammermusik.
Er war auch politisch und sozial engagiert, durchgehend und konsequent war seine pazifistische Haltung.
Sein bedeutendstes und bekanntestes Werk ist das Oratorium A Child of Our Time.

LG
Harald

Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
(Vinícius de Moraes)

Edwin Baumgartner

Prägender Forenuser

  • »Edwin Baumgartner« ist männlich

Beiträge: 5 583

Registrierungsdatum: 17. Dezember 2005

2

Freitag, 3. März 2017, 22:51

In "King Priam" drängt Michael Tippett den Trojanischen Krieg auf die Länge einer unter zweistündigen Oper zusammen und fokussiert dabei alles auf Priamos und die Trojaner. Auftraggeber war die Kathedrale von Canterbury - wie Brittens "War Requiem", so sollte auch Tippetts Werk, ursprünglich als Kantate geplant, als Antikriegstatement zur Eröffnung gespielt werden. Tippett bat, den Auftrag auf eine Oper zu erweitern, und man willigte ein.
Während Tippett in seinen sonstigen Opern packende Musik zu einem problematischen Libretto schreibt (wobei ich "New Year" nicht kenne), ist es hier umgekehrt: Das Libretto ist hervorragend, eine Dichtung, die fast von T. S. Eliot sein könnte oder zumindest von Christopher Fry.
Aber die Musik...

Es ist die Schaffensphase, in der sich Tippett von einem spätromantisch-neoklassizistischen Mischstil in Richtung Neoexpressionismus entfernt. Stellenweise schreibt er Kreuze und Bs vor, als wolle er Tonalität suggerieren, aber in Wahrheit ist die Oper völlig frei von Dur-Moll-Beziehungen, wenngleich Tippett Dur- und Mollakkorde als Klangsymbole hin und wieder einsetzt.

Verstörend ist aber weniger der herbe, extrem spröde Kontrapunkt, als die Instrumentierung. Tippett verwendet ein Orchester mit herkömmlicher Bläserbesetzung (cum grano salis 2-faches Holz, 4 Hörner, 4 Trompeten, 2 Posaunen, Baßtuba, Klavier, Gitarre, Schlagzeug), aber eine kleine Streicherbesetzung. Das kann apart klingen, wie zB Messiaen in "Des Canyons aux Etoiles zeigt - aber fein differenzierte Klänge sind nicht in Tippetts Sinn. Vielmehr geht es ihm darum, das Orchester in zahlreiche kleine Gruppen aufzusplittern, denen er einzelne thematische Blöcke zuweist, die in sich keine oder nur wenig Entwicklung erfahren. Aus der Kombination dieser Mosaiksteine entstehen die größeren formalen Einheiten.

Dieses Werk ist dadurch allerdings sehr schwer zu hören. Es wirkt extrem kleinteilig, und sehr bald hat man das Gefühl, es geht schlicht nichts weiter - womit aber die Musik dem Text widerspricht. Was für mich noch schlimmer ist: Ich kenne wenige Opern, die dermaßen ausgeblutet auf mich wirken. Ein paar prägnante Motive stehen wie verloren im Raum - das mag Absicht sein, um die Einsamkeit des Menschen in der Bedrohung auszudrücken, aber rein musikdramatisch oder musiktheatralisch funktioniert's nicht.
Das Instrumentarium der Schlachtenszene beschränkt Tippett auf Bläser, Schlagzeuge und das Klavier, das den Part der Streicher übernimmt, während die nächste, intime Szene nur Streicher als Begleitung verwendet - auf dem Papier eine glänzende Idee, aber was nützt es, wenn die Bläser nur in abstrahierten Klangsymbolen agieren und die Streicher in ihren dünnen dissonanten Linien keine Wärme erzeugen?
Ich persönlich halte "King Priam" für ein interessantes, nicht aber gelungenes Werk des Übergangs. In ihm erarbeitet sich Tippett einen neuen Stil, der uns dann Meisterwerke wie die 3. und 4. Symphonie und die Oper "The Ice Break" beschert.

Nichts desto weniger sei angemerkt, daß "King Priam" auch heute noch polarisiert. So stellen ihn einige Kritiker im Vergleich der Coventry-Werke höher als das "War Requiem", das sie als zu gefällig erachten, während andere sich die Frage stellen, warum es so schwer ist, selbst für einen Anhänger von Tippetts Musik, "King Priam" zu mögen. Was mich betrifft: Ich habe mich redlich um diese Oper bemüht, ich wollte sie mögen. Allein - ich bin gescheitert...
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