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dr.pingel

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31

Freitag, 2. März 2012, 21:27



Das tschechische Gemüt drückt sich selten in großen Gesten aus, einen Meyerbeer wird es dort wohl nie geben, sonder eher in stiller Wehmut oder gar Resignation.

Ich hörte mir gerade gestern das Schlaue Füchslein an in einer Aufführung vom Covent Garden und war überrascht, wie schön sich das Englische der Musik anschmiegt.

Die wunderbare Musik lässt nie richtige Trauer aufkommen über den tragischen Tod des Füchsleins, ´s ist halt der Lauf der Welt´, sagt man sich und geht zu seinem Bierchen.

Nicht umsonst hat ja Janacek verfügt, dass die Schlussmusik des "Füchsleins" zu seiner Beerdigung gespielt werden sollte. Das Geheimnis Janaceks ist eben auch, dass bei aller Verzweiflung und Trauer doch das Leben siegt; beim Füchslein ist das am deutlichsten, sogar bei Makropulos und Totenhaus. In der Katja am wenigsten.
Was ist ein Mensch, der Waffen träget? Der Schwert und Harnisch angeleget? Ein Zeugnis der verderbten Welt (Oratorium von Telemann)!

rodolfo39

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32

Freitag, 2. März 2012, 21:41

Höre grade auf France Musique von Puccini " Suor Angelica " aus dem Trittico und die Musik ist von Anfang an einfach nur bewegend, vor allem der Dialog zwischen der Fürstin und Angelica.

zweiterbass

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33

Sonntag, 4. März 2012, 00:32





Hallo,

Short Ride in a Fast Machine

die Orchestrierung ist schon sehr beeindrucken - die verschiedenen "Bläserchöre" -
auch wenn sie Berlioz weit nicht erreicht,

aber der Rhythmus sucht schon seines Gleichen,

das ist schon Polyrhythmus, stark synkopiert und die "völlig unmotivierten Trommelschläge", da komm' ich schon ins Schwärmen.

Viele Grüße
zweiterbass
Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

zweiterbass

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34

Mittwoch, 4. April 2012, 09:15



Hallo,
auf die Frage, warum er seine sakralen Chorwerke sehr traditionell komponiert, anders als seine experimentellen Werke, antwortete Vasks: "Mit einfachen und ehrlichen Tönen will ich das Einfachste und Wesentlichste ausdrücken."

Seine Antwort ist der 1. Grund, warum ich "Dona nobis pacem" hier einstelle.
Der 2. Grund: Es ist für mich die Fortsetzung des 1. Grundes, dass er in einem 14-minütigen Werk nur diese 3 Worte "zu Wort kommen lässt".
Der 3. Grund und da geht es wieder um die Musik: Die Spannung zwischen sehr konventionellen Klängen - die Sehnsucht nach...ausdrückend - und den z. T. disharmonischen Klängen - die Zerissenheit, das Fehlen von...ausdrückend - verbunden mit der stark wechselnden Dynamik, bewegt mich.

Viele Grüße
zweiterbass
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dr.pingel

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35

Freitag, 13. April 2012, 00:06

Ruhet wohl, ihr heiligen Gebeine

In meinem ersten Beitrag habe ich mich mit den Janacekschen Opern beschäftigt, die mich immer bis in das tiefste Innere aufwühlen, obwohl ich sie so gut kenne.
Noch emotionaler ist wohl nur eine Musik, an der man selber beteiligt ist; da kann ich mir vorstellen, dass man als Chorsänger stärker ergriffen wird als als Orchesterspieler. Aber ich weiß es natürlich nicht.
Die insgesamt ergreifendste Musik, die ich je erlebt habe, sind die "Musikalischen Exequien" von Schütz (1636), die ich früher mit meinem Vokalensemble viel gesungen habe, wobei wir auch alleine oder zu zweit die Solopartien übernommen haben. Diese durch Text und Musik bewältigte Trauer über das letzte unauflösbare Rätsel des Lebens - unfassbar. Nach den jeweiligen Aufführungen waren wir immer aufs Äußerste erschöpft, obwohl die Musik technisch nicht schwer ist, aber eben unglaublich anspruchsvoll. Es gibt nur ein Stück, das mich mehr gefordert hat, bis an die Grenzen meiner psychischen Fähigkeit, das zu singen (technisch nicht so schwer).
Das ist der Schlusschor aus der "Johannespassion" von Bach (der nur noch gefolgt wird vom Schlusschoral "Ach Herr, lass dein lieb Engelein"). "Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine, die ich nun länger nicht beweine. Ruht wohl, und bringt auch mich zur Ruh. Das Grab, so euch bestimmet ist, und ferner keine Not umschließt, macht mir den Himmel auf und schließt die Hölle zu".
Das ist, auch musikalisch, ein allerletztes Wort. Das war uns in den Proben, in welchem Chor auch immer, sehr bewusst. In den Aufführungen haben wir Chorsänger das mit allerletzter Kraft gesungen, viele, auch ich, mit Tränen in den Augen. Jeder hat geahnt: hier geht es nicht nur um das Schicksal des Jesus von Nazareth, sondern um unseres.
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zweiterbass

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Freitag, 13. April 2012, 09:22

Hallo dr.pingel,

ich bin mir etwas unsicher ob ich folgende Frage stellen darf, Du sie beantworten kannst (Trennung Musik, Text) und wenn ja ob Du sie beantworten willst:

Bist Du mehr bewegt von Text oder wie der Komponist in der Musik den Text überhöht hat oder wärst Du von der Musik genauso bewegt, wenn Du sie ohne Text hören würdest und zwar zum 1. Mal - Du also keine Möglichkeit hättest zu sagen, "diese Musik kenne ich doch, aber mit Text"? Der letzte Teil der Frage ist natürlich nicht praktikabel, es soll nur dazu dienen, zu verdeutlichen, was ich meine.

Viele Grüße
zweiterbass
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dr.pingel

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37

Freitag, 13. April 2012, 11:40

Lieber zweiterbass, diese Frage kann ich klar beantworten, die Antwort ist sogar von dir vorgegeben und hat mir wieder einmal einen deutlichen Aufschluss über mein Musikverständnis gegeben. Ich bin bewegt davon, wie der Komponist den Text überhöht hat. Alle meine Musikvorlieben der letzten 30 Jahre bewegen sich in diese Richtung. Ich habe angefangen mit den großen Sinfonien, mit der romantischen Musik, habe aber immer schon in Chören gesungen und von daher eine große Chorliteratur kennengelernt. Dazu kamen die Besuche der Oper. Die Gesamtrichtung, die ich deutlich sehe, ist: Vertiefung des Textes durch Musik, Ablehnung von reiner Virtuosität( etwa in der Oper oder den Instrumentalkonzerten), Neutralität bei rein symphonischen Werken. Meine Lieblingskomponisten sprechen da ja für sich: Janacek, Monteverdi, Cavalli, Britten, Schütz, Bach, die flämische, italienische, spanische Polyphonie. Interessant ist z.B., dass ich bei Mahler so richtig nur die Sinfonien 2-4 und die Orchesterlieder mag, das geht in die gleiche Richtung.
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zweiterbass

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38

Freitag, 13. April 2012, 13:58

Hallo dr.pingel,

auch ohne langamtige Erklärung und Beschreibung weißt Du genau, welche Stellen ich meine: Die fast identischen Bläserpassagen + Percussion in der Glagolitischen Messe und gleich zu Anfang der Sinfonietta (hier ist die Passage länger? - ich habe mir die Messe nun nicht extra angehört.) Das ist für mich äußerst beeindruckende und zugleich sehr emotional bewegende Musik - auch ganz ohne Text - nur und nur Musik!!!

Bei einer meiner nächsten speziellen Beiträge zu einer bestimmten Musik werde ich auf mein Verhältnis Text:Musik eingehen.

Viele Grüße
zweiterbass

Nachsatz: Ich glaube Wolfram hat geschrieben "...Zeit, Zeit..."; das Rad der Zeit läuft schneller, wenn es den Zenit der...erreicht und überschritten hat.
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zweiterbass

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39

Montag, 16. April 2012, 23:09

Musik, die emotional stark bewegt

Hallo dr.pingel,

ich habe mir mal angesehen, wie oft ich hier zu textbasierter und "absoluter" Musik geschrieben habe: 3 x textbasiert (sakrale Werke) und 7 x absolut. Bevor ich aber das Verhältnis zu textbasiert verbessere,
eine 3. Variante:
Textbasierte Musik, die ich aber höre, als wenn kein Text vorhanden wäre, ich also meine, nur von der Musik stark bewegt zu werden, unabhängig vom Text.



Diese Musik versetzt mich in eine fast euphorische Stimmung.

Schon die Reihenfolge der Stücke verrät viel Einfühlungsvermögen:
Es beginnt mit einem einstimmigen (gregorianischen?) Choral, der instrumental bordunartig unterlegt ist und schon hier ein starkes Klangereignis vermittelt, was sich bis zum Schluss in einem Vokalsatz für 5 Chöre (jeder Chor aus zwei z. T. getrennt agierenden Quartetten bestehend) + Instrumente steigert. Dabei gibt es immer wieder Passagen, in welchem sich der polyphone Satz zu einem Klang vereinigt oder einzelne Chorstimmen hörbar werden bzw. im Hintergrund (oder echoartig) zu hören sind. Es gibt so viele Stellen auf dieser CD, die sehr stark wirken, dass ich fast von der gesamten Musik der CD sehr bewegt bin ("ich falle die Stufenleiter der Begeisterung hinauf").

Und nun kommt's: Dabei ist mir der Text fast egal, den ich zwar eindeutig als sakral höre (auch Messtext), aber ich meine, ein anderer Text unterlegt (was damals gängige Praxis war), würde meine Emotionen nicht verändern (unterstellt Rhythmus und Phrasierung unverändert).

Ein Wort zu den Interpreten: Der einstimmige Chor anfangs und später die einstimmigen Antiphone, wie eine Stimme, hervorragend. Der homophone Chorklang im polyphonen Satz , bei Bedarf auch durchsichtig und noch mal bei Bedarf auch unterschiedlich im Timbre, im Stimmklang, es ist unbeschreiblich schön und gut, ergänzt durch die verschiedenartige Instrumentalbesetzung und Dynamik - Musik, Musik, Musik - und nur Musik!

Viele Grüße
zweiterbass

Nachsatz: Je öfter ich die CD höre umso mehr habe ich dass Gefühl, doch auch vom Text mit beeinflusst zu werden.
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dr.pingel

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40

Mittwoch, 18. April 2012, 13:28

Eine interessante Musik, lieber zweiterbass (dir liegt ja das Ausgraben). War Striggio nicht einer der Librettisten Monteverdis? Über diese Musik werde ich noch etwas schreiben in meiner Vorstellung meiner Lieblingskomponisten, in diesem Falle die Renaissance, also die Periode nach der Polyphonie. Gegenstand wird nicht Monteverdi sein, sondern Cavalli, weil Monteverdi zu bekannt ist.
Zum Verhältnis Text und Musik: im Laufe meines Lebens hat sich die Waage bei mir immer stärker zur Musik hin verlagert, die eine untrennbare Einheit von Text und Musik darstellt. Die beiden größten Meister dieser Verbindung sind nun mal meine Nr. 1 und Nr. 2 Janacek und Schütz (und es ist zu blöd, dass Janacek auf tschechisch schrieb). Ich glaube, diese Komposiitonen erreichen eine größere Tiefe als nur instrumentale Musik (obwohl es natürlich Ausnahmen wie Schuberts C-Dur-Quintett oder der "Tod und das Mädchen" gibt. Aber auch hier liegt ja der Claudiussche Text unausgesprochen darunter). Biographisch gibt es für diese Tatsache zwei Quellen, die mich halt ab 20 begleitet haben: die Liebe zur Oper und das Chorsingen.
Nachtrag: witzigerweise gibt es auch manchmal das umgekehrte Phänomen, dass mich der instrumentale Teil begeistert, der textgebundene nicht. Das ist die Neunte von Beethoven, deren 2. Satz einer der unglaublichsten Sinfoniesätze ist, den es gibt, und dessen Chorfinale ich für misslungen halte. Dafür musste ich ja, wie so manchmal, hier einiges einstecken.
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zweiterbass

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41

Donnerstag, 26. April 2012, 09:39

Musik, die emotional stark bewegt

Hallo,



was haben Händel und Schubert gemeinsam? Auf den 1. Blick wohl wenig. Und wenn man sich aus Händels Oper "Acis und Galatea" das Duett "Happy we" und bei Schubert "Den Musensohn" anhört? Für mein Empfinden sind beide Stücke der Ausdruck überschwänglicher, ja fast euphorischer Gefühlslage, weswegen sie mich sehr "packen".

Bei Händel ist es der Überschwang von Liebesgefühlen, bei Schubert - wie so oft bei ihm - die Sehnsucht nach…, zuvor aber ebenfalls ein Lebensgefühl voll überschäumender Freude.

Und wie drücken die Komponisten dies in Musik aus, ein Opernduett, orchesterbegleitet und ein Kunstlied, üblicherweise mit Klavier? Wenig gemeinsam, aber die Art, der Charakter, die musikalischen Ausdruckmittel beider Stücke sind durchaus vergleichbar: Das Tempo und der Rhythmus (mit sehr unterschiedlichen Notenwerten), sehr bewegt (rasch eilend) und voranstürmend - das gilt gleichermaßen für Singstimme (Melodie), als auch für die Begleitung. Die Melodie aufsteigend, auch mit großen Intervallsprüngen, und dabei sehr einprägsam, besonders bei Schubert (wer kann sein Lied nicht "mitträllern, mit pfeifen"?) und "natürlich" (im doppelten Wortsinn) in reinstem Dur (die kurzen Molleinschübe bei Händel unterstreichen noch den Dur-Jubel) und völlig üblicher, gängiger Harmonik. wobei Schubert den größeren Reichtum (Mittelteil des Strophenliedes) an Harmonikveränderungen hat, was textbedingt ist.

Nachhören, dabei Freude haben und sich mitreißen lassen, das wünscht

zweiterbass
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operus

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Montag, 30. April 2012, 10:47

Die für mich emotional berührendste Musik sind die teilweise nahezu mystischen Klänge des gesamten Wagnerschen "Parsifal". Besonders der Karfreitagszauber trifft mitten in die Seele. "O, höchstes Heil."

Herzlichst
Operus
Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

zweiterbass

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Sonntag, 6. Mai 2012, 13:38

Musik, die...

Hallo,

Sehnsucht (na, da will ich doch wieder erst mal versuchen grob zu strukturieren)

1. nach - der Mensch kann sich nach Allem sehnen: Materielles, Immaterielles, Gutes, Schlechtes (? ein Pyromane nach…, ein Sadist nach… auch nach Trauer kann man sich sehnen, um endlich trauern - Trauerarbeit leisten - zu können).

2. wie - Intensität und Dauer überschneiden sich ab und zu:
a) Heftige Sehnsucht nach Wasser (bei großem Durst) - kurz, beendet
b) Heftige Sehnsucht nach einem Menschen, der 1 Jahr verreist ist - lang, beendet
c) Heftige Sehnsucht nach einem verstorbenen Menschen - lang, langsam abnehmend
d) Heftige Sehnsucht nach/bei unerfüllter Liebe - lang, langsam abnehmend, ein "Bodensatz" bleibt?
(Außer Konkurrenz: Sehnsucht nach "lieber reich und gesund (+ glücklich?), als arm und krank (+ unglücklich?)" - Heftigkeit und Dauer in Abhängigkeit von individueller Dummheit)

3. Sehnsucht nicht nach - sondern als ein das Leben begleitende Grundgefühl, was in der Intensität und dem Umgang damit individuell sehr verschieden sein mag.


Im Beitrag Nr. 119 im Thread "Edward Elgar" bin ich auf die Variation "Nimrod" eingegangen und habe auch mitgeteilt, warum ich meine, das Nimrod etwas mit Sehnsucht zu tun hat und was mich musikalisch dabei sehr bewegt. Diese Sehnsucht würde ich in die "Schublade 2d einsortieren".


Zumindest durchs Schuberts Lieder zieht sich die Sehnsucht wie ein roter Faden. Besonders eindrucksvoll und in ihren erschreckenden Folgen sowohl im Text als auch in der Musik der "Winterreise" überdeutlich nachzuempfinden.

Die Taubenpost, das letzte, kurz vor seinem Tod von Schubert komponierte Lied (als letztes Lied dem, nicht von Schubert zusammengestellten, "Zyklus" Schwanengesang beigefügt) wird von Experten (ich meine nicht die Forumsexperten, sondern tatsächliche) als "von der Komposition nicht so hochwertig" eingestuft. Das stört mich nicht in meiner ganz anderen Einschätzung des Liedes insgesamt, ohne mich jedoch dabei als Experte zu fühlen.

Im Text der Taubenpost heißt es, "ich hab'…in meinem Sold" und "ich sende sie viel tausend mal auf Kundschaft täglich hinaus" und " Bei Tag und Nacht im Wachen und Traum" und "…sie wird nicht müde, sie wird nicht matt, der Weg ist stets ihr neu" und "…die …ist so mir treu!" und "Drum heg' ich sie auch…versichert des schönsten Gewinns; sie heißt - die Sehnsucht! Kennt ihr sie? - die Botin treuen Sinns".

Erst die Vertonung Schuberts macht mir deutlich, dass Schubert an seinem Lebensende wohl "Frieden mit der verzehrenden Sehnsucht geschlossen hat". Und wie höre ich das in seiner Musik (und spricht mich musikalisch sehr an)?

Eine Vertonung, fast eine Strophenvertonung, die trotz aller Modulationen in verschiedene
Tonarten, und auch stets kurzfristiger Wechsel in Molltonarten, in ihrem Charakter in einem "fröhlichen Dur" bleibt, über Allem aber ein in der Klavierbegleitung (die linke Hand wechselt das Motiv und den Rhythmus überhaupt nicht) begründeter Vorwärtsdrang, der über das ganze Lied erhalten bleibt und den ich zweierlei deute: Die immerfort währende (schmerzliche) Sehnsucht - und - die diese Sehnsucht als positiven Lebensantrieb letzten Endes akzeptierend.

Viele Grüße
zweiterbass


Nachsatz: Zur Taubenpost stelle ich keine CD ein, denn ich will hier keine Diskussion über die unterschiedlichsten Interpretationsansätze div. Interpreten lostreten.
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m-mueller

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44

Donnerstag, 10. Mai 2012, 01:13

Emotional bewegende Musik ist in der Tat höchst individuell, sie ist geschmacks- als auch auch instrument- und interpretationsabhängig.

Zum Teil sind es wenige Noten, zum Teil ein ganzes (kurzes) Stück, zum Teil bewirkt es ein Innehalten und ein "In-sich gehen", zum Teil bewirkt es eine Sicht auf einen Weg in die "Unendlichkeit", also ein Hineinfließen des eigenen Ich in das größtmögliche Umsystem.

Zum Teil wirkt die Musik als tragenden Ebene, so, als säße man auf einer Wolke, ohne wirkliche Entwicklung nach vorn oder hinten, oben oder unten, zum Teil ist es nur eine kurze Stelle, die mit einer unglaublichen Strahlkraft ein Spotlight schafft, so, als dränge die Sonne durch ein schmales Loch innerhalb dichter Wolken.

Genug der Lyrik - her mit den Beispielen, da emotionale Musik nicht mit Hilfe der Theorie, sondern nur anhand konkreter Stellen dingfest gemacht werden kann - und das auch nur wieder für Leute, die mit dem jeweiligen Beispielgeber geschmackskompatibel sind - dann aber ist der Hinweis auf eine Stelle, die man noch nicht kannte, sehr viel mehr wert als alle Tips zu Aktien oder Obligationen zusammen.

http://www.as.miami.edu/personal/sevnine/barricades.htm

mal nicht youtube - Les Barricades misterieuses von Francois Couperin - ein Stück, das mich befreit, beruhigt, besänftigt (scheinbar das Gegenteil von emotional stark bewegend, aber tatsächlich nur scheinbar - es ist eines der wenigen Stücke, das mich auf eine Wolke setzt); ich höre es allerdings in der Version für Gitarre (Göran Söllscher, 11 String Baroque), und da ist es noch viel ausdrucksstärker.

Man kann es aber auch hinrichten: http://www.youtube.com/watch?v=U0akoNArIVE

Noch am ehesten an den unerreichten Söllscher kommt http://www.youtube.com/watch?v=ECkMI78tNbY&feature=related, mit David Russell immerhin die Nummer 2 des aktuellen Gitarrenfirmaments


Ein Beispiel für "Sonne durch Wolken" liegt im zweiten Satz der Bachianas Brasileiras von Villa Lobos

http://www.youtube.com/watch?v=t1HNy0EJI-I

eine im Prinzip bis dahin belanglose Kette von Tönen verwandelt sich nach 50 Sekunden für 1,5 Minuten und dann wieder nach 5:50 in eine aufwühlende, herzerwärmende Musik, die einen mitreißt in einen Mahlstrom von Emotionen.

Ich habe das Stück in einer noch intensiveren als der vorgestellten youtube-Fassung vom Pleeth Cello Octett, aber youtube kommt schon ganz gut ran.

Kann irgendwer von Euch meine Vorstellungen nachvollziehen?

zweiterbass

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45

Donnerstag, 10. Mai 2012, 09:15

Genug der Lyrik - her mit den Beispielen, da emotionale Musik nicht mit Hilfe der Theorie, sondern nur anhand konkreter Stellen dingfest gemacht werden kann - und das auch nur wieder für Leute, die mit dem jeweiligen Beispielgeber geschmackskompatibel sind - dann aber ist der Hinweis auf eine Stelle, die man noch nicht kannte, sehr viel mehr wert als alle Tips zu Aktien oder Obligationen zusammen.

Lieber m-mueller,
:jubel: :jubel: :jubel:


Kann irgendwer von Euch meine Vorstellungen nachvollziehen?

Was für eine Frage?

Ich schätze Cembalo-, Spinettmusik sehr - bislang habe ich nur 1 CD mit "Sonaten" von D. Scarlatti - da muss noch mehr her, was allerdings schwierig und zeitaufwändig ist, die richitge Auswahl aus 600 Sonaten zu treffen (Schnipsel auf div. CDs bei JPC hören und dann...).
Die Klavierfassung - nein - da stimmt schon der Klangcharaker nicht (+Tempo + Phrasierung); es ist eben ein Unterschied in der Tonerzeugung ob die Saite geschlagen oder gerissen/gezupft wird, dies ist verwandt. Und wenn Du Dir Deine 3. Interpretation anstatt auf einer Gitarre auf einer Barockgitarre oder Laute oder Theorbe -mit sehr gemässigtem Einsatz tiefer Saiten - gespielt vorstellst, dann kommt das m. E. dem Stück noch näher. bzw. dem, wie ich es empfinde.

Ich habe schon öfter verucht, mein Empfinden bei einer Musik mit einem bestimmten Naturereignis zu vergleichen in der Hoffnung, mich damit verständlicher machen zu können, weil ein/e Naturereignis/-situation öfter auch von anderen Menschen vergleichend erlebbar ist; also versuche ich es auch hier:
Ich stehe, sitze, liege auf einem Berghügel (am Beginn, wo's wieder abwärts geht)- nicht in den Alpen - mit freier Sicht ins weite Land - ein Gefühl von Übersicht, Ruhe, Entspannung, Befreiung - das verbinde ich mit dem Stück von Couperin.
Und ich kann mich danach fragen, wie bewirkt die Musik dies, welche muikalischen Mittel ereichen dies. Ohne Noten und ohne intensiv nachgehört zu haben: Die oftmalige, nicht krass veränderte Wiederholung des Themas/Motivs. Ich melde mich dazu noch, ebenso zu Villa Lobos.

Zum Schluss: Deine Idee, mit youtube Musik vorzustellen, finde ich super (ich selber stand da wohl auf der berühmten "Leitung"), macht sie es doch möglich, auch ohne lfd. CD-Kauf sich hier auszutauschen.

Viele Grüße
zweiterbass
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zweiterbass

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Samstag, 12. Mai 2012, 12:18

Hallo,

ein Nachtrag (ausnahmsweise zu einer Interpretation) zu meinem Beitrag Nr. 43 - Taubenpost:

Die Aufnahme mit Matthias Goerne/Christoph Eschenbach ist m. E. im Vergleich zu FiDi/Moore nicht gut - Tempo zu getragen, Phrasierung und Artikulation nicht text- und musikgemäß, es fehlt der Vorwärtsdrang, wie ihn Schubert in der Klavierbegleitung angelegt hat.

Viele Grüße
zweiterbass
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47

Sonntag, 20. Mai 2012, 13:02

Ein Beispiel für "Sonne durch Wolken" liegt im zweiten Satz der Bachianas Brasileiras von Villa Lobos

http://www.youtube.com/watch?v=t1HNy0EJI-I

eine im Prinzip bis dahin belanglose Kette von Tönen verwandelt sich nach 50 Sekunden für 1,5 Minuten und dann wieder nach 5:50 in eine aufwühlende, herzerwärmende Musik, die einen mitreißt in einen Mahlstrom von Emotionen.

Lieber m-mueller,
für mein Empfinden muss die Sonne da aber sehr stark kämpfen und die Wolken gewinnen laufend die Oberhand. Aufwühlend und Mahlstrom der Emotionen - ja - herzerwärmend? Durch die stest fallenden Moll-Akkordrückungen und Sequenzen höre ich eine tiefe Melancholie, die selten durch wenige Sonnenstrahlen aufgehellt wird (=wenn ein vermeintlicher Dur-Akkord erklingt, der aber in Wahrheit der Dominantakkord der Moll-Tonart ist).

Brasilien ist/war portugiesisch bestimmt - ob da der "Fado" durchschimmert?

Herzliche Grüße
zweiterbass
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zweiterbass

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48

Samstag, 2. Juni 2012, 23:21

Musik, die emotional stark bewegt

Hallo,
unbeeindruckt von der Frage ob Mann/Frau sich nun das ganze Musikwerk anhören muß um adäquat zu hören oder sich nur die "schönen Rosinen" rauspickt, stelle ich hier aus dem Ballett Fancy Free "Competition Scene" vor und fühle mich dabei überhaupt nicht als "naiver" Hörer - und das nicht deswegen, weil ich mir auch das ganze "Fancy Free" anhöre.

Das ist nun kein Musikstück "Stimmung zum niederknien" (die, entspr. Musik vorausgesetzt, auch angebracht sein kann), sondern das "bringt Stimmung in die Bude".
Der Polyrhythmus ist hier sowas von ausgeprägt, die Synkopen so "schräg" - die Freude bewegt emotional stark, "der Spaß an der Freud" steckt an, dazu passt auch die Orchestrierung.

Viel Spaß wünscht
zweiterbass
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Sonntag, 3. Juni 2012, 11:33

RE: Fancy Free

Hallo zweiterbass,

im Prinzip schade, dass dieseer Thread nicht so einen vollen Erfolg bei allen Taminos hat und hauptsächlich von Dir bedient wird.

Auch mit Fancy Free (1944)hast Du heute wieder ein Programm dabei, mit dem ich mich auch voll identifizieren kann.
Ich ziehe aber Bernsteins eigene Aufnahmen vor - am Besten finde ich diesesmal sogar seine spätere DG-Aufnahme (und nicht die auf SONY):

-->
DG, 1979, ADD

Bei dieser Aufnahme haben sich die DG oder Lenny (??) etwas zusätzlich einfallen lassen:
Es wird ein Blues mit Bernstein ( ;( singend) am Klavier vorangestellt und auch ans Ende gesetzt.
Gut, mir persönlich gefällt das nicht - und ich beginne Fancy Free dann eben immer mit Track 7 (Anfang) bis Track 15 (Finale) und lasse den Big Stuff weg. Aber Fancy Free ist auch mit dem Isreal PO eine gelungene Aufnahme.
:!: Dem Thema dieses Threads passend. :hello:

Das erste Werk auf der CD, die Serenade für Violine und Orchester passt aber auch hier rein:
Besonders "emotional bewegt" bin ich beim kurzen 3. Satz Presto, aber nicht minder beim packenden Finale. :thumbsup: Das ist Musik des 20.Jahrhunderts, die es in sich hat !

Hier halte ich übrigens Bernsteins Aufnahmen auf DG mit Gidon Kremer und auf SONY mit Zino Francecatti für gleich stark (die Referenezen) !
Ich bin kein ASM-Verächter - wie viele hier - sondern schätze sie bei vielen Konzerten. Aber die Aufnahme mit Mutter / Previn (DG) ist recht schwach. Nicht wegen des Violinparts, sondern wegen der unterbelichtenden Begleitung durch Previn.
Das hat auch Hillary Hahn mit Zinman (SONY) weit besser hinbekommen - aber auch hier = Nichts gegen Kremer/Bernstein oder Francescatti/Bernstein !
Gruß aus Bonn, Wolfgang

zweiterbass

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Montag, 4. Juni 2012, 00:34

Ich ziehe aber Bernsteins eigene Aufnahmen vor

Hallo teleton,

die ich ursprünglich auch haben wollte, dann aber den Kauf wegen anderer CDs (und Budget) verschoben habe - und dann gabs die CD nicht mehr.

Wegen der Serenade für Violine und Orchester komme ich noch auf Dich zu - ich bitte um Geduld; der Thread "Französische Orgelmusik" macht mir viel Arbeit und auch sonst bin ich ja im Forum "nicht ganz untätig" - von meinen eigentlichen Aufgaben/Pflichten ganz zu schweigen

Viele Grüße
zweiterbass
Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

teleton

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Mittwoch, 6. Juni 2012, 10:23

Britten: Sinfonia da Requiem

Die Sinfonia da Requiem (1941) gehört für mich zu den wichtigsten und gleichzeitlich emotional aufwühlensten Werken des 20.Jahrhunderts.

Brittens eigene Aufnahme mit dem New Philharmonia Orchestra London (Decca, 1964, ADD) erfüllt nicht nur den Anspruch der Autentizität, sondern ist auch unerreicht. Die scharfen Klangballungen und Gegensätze werden kaum irgendwo krasser und packender gegeneinandergesetzt, als bei Britten selber. Wir haben das grosse Glück, diese Aufnahmen auch klanglich in bestens gewohnter Decca-Qualität erleben zu dürfen.
Das ist Gänsehaut pur - :angel: ein Meisterwerk der allerobersten Klasse.
Die Cellosinfonie (1963) steht dem kaum nach - und dann noch mit dem grossen Rostropowitsch --- was kann es besseres geben ?


Decca, 1963-64, ADD


Kennengelernt hatte ich das Werk auf einer CBS-LP mit Previn / St.Louis SO. Eine für Previn ungewöhnlich emotionale Aufnahme, die hörenswert ist. Sie hat mich schon damals für das Werk hoch begeistert.

Natürlich wollte ich auch nach Britten weiteren Aufnahmen kennenlernen.
So kam mir zunächst die Aufnahme mit Myer Fredman / New Zealand SO (NAXOS) in den CD-Player. Natürlich ist das qualtativ kein Orchester, wie eines der grossen Londoner. Aber die Neuseeländer spielen mit Hingabe und Engagement und die exquisite Schlagzeugtruppe agiert vom Feinsten. Die scharfen ungeheuer schnell und schwierig zu meisternden Passagen im 2.satz meistern sie mit bravur. Es müssen also wirklich nicht immer die Weltorchester sein !
NAXOS, 1994, DDD

Erst dieser Tage habe ich mich für eine weitere Aufnahme interessiert (aber zunächst wegen der Kopllung von neuen Britten werken auf der CD = Gloriana-Suite).
Steuart Bedford / London Symphony Orchestra (NAXOS)
Die Aufnahme ist klanglich hervorragend - eine Übernahme von Collins - die Collins-CD war ehemalig eine Hochpreis-CD ! Also hier erwaret einen keine Naxos-Sound. Der Frequenzgang reicht von den tiefsten Bässen (grosse Trommeln) und ist klingt ungeheuer mitreissend. Bedford gelingt soweit auch eine gute Interpretatation, die anhörenswert ist (ich würde 8-9 Punkte vergeben). Aber es fehlt ihm das Vorwärsdrängende, das die Britten-Aufnahme in erster Linie, die Fredman-Aufnahme und sogar die Previn-Aufnahme noch spanender macht.
NAXOS, 1989, DDD
Gruß aus Bonn, Wolfgang

zweiterbass

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Freitag, 15. Juni 2012, 23:23

Musik, die emotionalstark bewegt



Hallo,

ich wähle nur einen Satz aus, es ist keine Rosinenpickerei (ich höre auch die ganze Vesper), jetzt aber eben nur das "Sancta Maria ora pro nobis".

Es gibt hier viel, das mich freudig bewegt - zuvor ohne Beachtung des Textes:

Es ist der Wechsel zwischen getragenen und freudig sehr geprägten Stellen (in Verbindung mit dem Rhythmuswechsel), was auch der Klang der Zinken bewirkt. Das wirkt auf mich in einer Weise, dass ich mitsingen und -tanzen (bei den bewegten Stellen gut möglich) möchte, ich kann da nur schwer ruhig sitzen bleiben. Es strömt eine Heiterkeit und Fröhlichkeit aus, welche durch die langsamen Stellen noch gesteigert wird.
Hinzu kommt, dass die eingängige, liedhafte Melodie, die auch noch oft wiederholt wird, mich anregt, meine eigenen Einfälle (zu den Variationen) dazu zu summen, singen, pfeifen - "ein echter Stimmungsaufheller". (Wo ich heute sowieso schon einen super Nachmittag hatte, 5 Stunden war mein Leihenkel bei mir - es ist so befreiend, mit Menschen, die noch nicht reden können, nonverbal zu kommunizieren.)

Heilige Maria bitt' für uns - von einem Knabensopran gesungen, kein Vibrato, kein Timbre - eine klare, unverbildete Stimme, die so gut mit den alten Instrumenten harmoniert, tonrein, ohne Affekte - man stelle sich vor, das würde von einem "üblichen" Sopran gesungen - ich vergesse sofort die Vorstellung, um mir die "Laune" nicht zu verderben.

Zum Text: Vorstehendes steht mit dem Text nicht in Verbindung - streng religiöse Menschen
mögen verzeihen, ich kann den Text ausblenden. Gut fände ich allerdings, wenn auch unter Beachtung des Textes die Fröhlichkeit der Musik bei diesen Mensche erhalten bliebe und nicht einer…Platz machen würde.

Viele Grüße
zweiterbass
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zweiterbass

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Sonntag, 24. Juni 2012, 12:18



Hallo,

es ist bei dieser Musik eine ganz andere Art von "bewegt sein" - da verbindet sich für mich Emotionalität mit der Faszination eines "intellektuellen Reizes", die jene erst auslöst?

Es geht um Polyrhythmus:
Modul 41_17: Der "gaaaaanz laaaaangsame" Aufbau der Rhythmusschichtung, das gespannte Warten (zwischen den Variationen), wann und wie setzt nun ein neue Variation ein.

Modul 46 + 45 gehen schneller vor, manches Mal mit einem Überraschungs-, Überrumplungseffet.

Modul 44 - da ist eine Andeutung von Melodie dabei, dafür dominiert der Grundrhythmus etwas.

Kopfhörer, Augen schließen, jede Störung ausschließen - dann kann's los gehen (bewegungslos ruhig sitzen - für mich fast unmöglich).

zweiterbass

Nebenbei: Die Aufnahmetechnik, insbesondere die (Klang-) Balance, wie gewohnt bei EMC super, da "sticht" (im "Ohr") kein Instrument hervor.
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SchallundWahn

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Sonntag, 8. Juli 2012, 12:04

"Aus einem Totenhaus": hier berichten die Gefangenen von ihren Untaten, aber auch von ihren Leiden. Eine der eindringlichsten Szenen der Operngeschichte ist die Beichte Schischkoffs am Schluss, in der er berichtet, wie er von Frau und Nebenbuhler verhöhnt wurde und die Frau getötet hat. Neben ihm stirbt ein Mensch, es ist dieser Nebenbuhler: "Filka, bist du´s? Du Schurke, du Schurke...!"

Lieber Doktor, da kann ich dir ingesamt für alle Janacek-Opern zustimmen, aber die oben genannte Stelle, vor allen anderen, gehört für mich zu einem der emotional am meisten bewegenden Momente der Opernliteratur..."Aufstehen, Akulka! Auf, du stirbst jetzt!"

Eine andere Opernstelle, die mich sehr emotional bewegt, findet sich im Dialog zwischen Michele und Giorgetta in Puccinis "Il Tabarro"...das Ehepaar, welches sich auseinander gelebt hat (Giorgetta hat einen Liebhaber, Michele ahnt etwas, er weiß es nichts Genaues) und spricht über die "alten" Zeiten ihrer Ehe. Es gibt eine Passage, die er zwei Mal wiederholt, da die Stelle, als er zum zweiten Mal "Quando tu m'amavi" singt ("Als du mich noch liebtest"), diese ganze stille Verzweiflung, Trauer, Resignation in dem einen Augenblick, der sich dann nur noch in einen Ausbruch überleiten kann, weil sie sonst so erdrückend wäre, "Resta vicino a me! La notte è bella!"

In der Instrumentalmusik wäre für miche in Beispiel der Anfang (so die die erste Minute plus 30 Sekunden) des 3.Satzes in Tschaikowskys Streicher-Serenade...da überfällt mich jedes Mal ein bodenlos Loch von absoluter Melancholie und Vergänglichkeit. Ähnlich wie beim Vorspiel zum 3.Akt von "Tristan und Isolde".
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m-mueller

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Sonntag, 8. Juli 2012, 12:52

In der Instrumentalmusik wäre für miche in Beispiel der Anfang (so die die erste Minute plus 30 Sekunden) des 3.Satzes in Tschaikowskys Streicher-Serenade...

Ja, diese anderthalb Minuten sind wirklich ergreifend und erhaben.

zweiterbass

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Donnerstag, 12. Juli 2012, 16:32

Musikm die emotional stark bewegt



Hallo,

aus der Partita Nr. 3 E-Dur, BWV 1006

1. Satz Preludio:
Das versetzt mich in eine freudig erregte Stimmung, obwohl das Thema sich abwärts bewegt - durch den Rhythmus, die Melodieführung hat es eine Aufbruchstimmung und dann: Die Kunst Bachs, aus überwiegend (der Satz hat nur wenig Mehrfachgriffe) Einzelnoten/-tönen eine durchgängige Harmonik zu "zaubern" - dabei wird das Filigrane der Musik besonders deutlich hörbar, was für alle Kompositionen für Solostreichinstrumente gilt; bei Bearbeitungen/Arrangements für Tasteninstrumente geht dies weitgehend verloren. Es entsteht der Höreindruck, es handele sich nur um wenige Musikbausteine, aus welchen das Preludio "zusammengesetzt" ist - ein Blick in die Noten gibt einen anderen Eindruck - es ist ein beeindruckendes Geflecht aus Noten für das Thema/die Melodie und solchen, welche die Harmonik entstehen lassen.
An das denke ich aber nicht und lasse mich vom Vorwärtsdrang und dem überschäumenden Höreindruck mitreißen.

3. Satz Gavotte en Rondeau:
Ohne es zu wissen - ich behaupte mal, der Satz gehört zu den bekanntesten Werken Bachs. Hier gibt es eine Mischung aus relativ vielen Doppel-, Dreifach-, Vierfachgriffen und sie verbindenden "Melodiennoten -tönen. Durch den Tanzrhythmus der Satzteile gibt es auch hier sehr viel Bewegung und Anlass zu "eigentlich nicht ruhig auf dem Stuhl sitzen zu können" - mindestens die Füße müssen andeutungsweise "mit tun" (und Mitpfeifen gestaltet sich einfacher als beim Preludio). Dabei heißt es im Booklet: Milstein macht den Tanzcharakter bei den Partiten nicht zur Hauptsache seiner Interpretation.


Musik von Paganini, Sarasate usw ist mit dieser nicht vergleichbar: Sarasate bringt "Zigeuner"musik, Paganini ist die Spielwiese für Virtuosen. Die Kadenzen in Violinkonzerten sollen dem Solisten, neben einem schöpferischen Akt, auch die Möglichkeit geben, seine Virtuosität zu zeigen - Bach macht "nur Musik".

Zu Milstein: Nicht dass ich schwankend werde, wem die größere Ehre gebührt, Bach oder ihm, aber: Diese Werke zu spielen verlangt Dreierlei: 1. Sehr, sehr viel Wissen, 2. eine perfekte Spieltechnik und 3. die Fähigkeit, 1. und 2. nur in die Interpretation zu investieren. Bei Milstein sitzt jeder Ton perfekt (Intonation, Rhythmik, Agogik, Dynamik, Tongebung etc.); ich kann mich ganz der Musik widmen, ohne auch nur die kleinste Befürchtung haben zu müssen, aus diesem "Traum" auch nur durch den kleinsten Missgriff herausgerissen zu werden. Er spielt mit einer "traumwandlerischen" Sicherheit (und "träumt" dabei mit Sicherheit nicht - ich vermute aber völlig in der Musik versunken und vergessend der techn. Schwierigkeiten, weil es für ihn dann auch keine mehr sind; auf den Beitrag Nr. 202 im Thread "Fragen und Antworten der Gehirnforschung…" sei verwiesen.)

Ich wünsche Hörern dieser Musik soviel Freude, wie ich sie habe.
zweiterbass
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Donnerstag, 12. Juli 2012, 16:56

Diese Werke zu spielen verlangt Dreierlei: 1. Sehr, sehr viel Wissen, 2. eine perfekte Spieltechnik und 3. die Fähigkeit, 1. und 2. nur in die Interpretation zu investieren.

Also ... man kann das auch ohne perfekte Spieltechnik spielen und dabei emotional stark bewegt sein.
;)
Da ich das von der Seite kenne, höre ich es nicht so gerne von der Aufnahme - habe aber inzwischen eine, die mir sehr gefällt:

zweiterbass

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Donnerstag, 12. Juli 2012, 22:13

Also ... man kann das auch ohne perfekte Spieltechnik spielen und dabei emotional stark bewegt sein

"...Spieltechnik Gespielte hören und..." so verstehe ich Deinen Beitrag.

Aber: Gerade diese Musik Bachs verlangt, für mein Gehör, eine makellose Interpretation, nicht gefühllos, aber "souverän die Emotion im Zaum halten und bei musikalischer Notwendigkeit die Zügel lockern".
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Freitag, 13. Juli 2012, 09:35

"...Spieltechnik Gespielte hören und..." so verstehe ich Deinen Beitrag.

Nein, ich meinte das, was ich schrieb.
:hello:

zweiterbass

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Freitag, 13. Juli 2012, 11:57

Spielst Du selbst?
?(
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