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Alfred_Schmidt

Administrator

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Beiträge: 18 973

Registrierungsdatum: 9. August 2004

151

Mittwoch, 16. Juli 2014, 09:24

Ich wende mich nun einmal mehr der Hauptfrage zu:
"Wie rückwärtsgewandt ist das Tamino Klassikforum?"

Ursprünglich - so ich mich richtig erinnere - als implizite "Verteidigung" gehen den Vorwurf gedacht, das Tamino-Forum empfehle vorzugsweise Aufnahme aus der Vergangenheit und habe mit den Interpreten der Gegenwart wenig am Hut.

Ich habe schon zu Beginn darauf hingewiesen, dass dies ein fast normaler Vorgang ist - und in amerkanischen Foren weit ausgeprägter.

Aber erst seit dieser Thread wieder aktiv ist, habe ich mir Gedanken darüber gemacht WARUM das so ist.
Das hat weniger mit der Altersstruktur von Tamino zu tun als mit dem Persönlichkeitsprofil der Klassiksammler an sich.
Hier könnte man sich die Frage stellen, was einen denn überhaupt zum Sammeln motiviert. Sicher nicht,das Einzige, aber ein Hauptmotiv wir das Festhalten und Archivieren von liebgeworder Musik in liebgewordenen Einspielungen sein - archiviert für die Zeit, wo ein Künstler nicht mehr zur Verfügung steht.
Denn, wenn ich heute aktive Interpreten hören will, da gibt es genug im Radio und auch Konzert, da bräuchte man nicht zu sammeln. Der Sammler vergleicht aber auch gern die einzelnen Interpretationen miteinander. Leider leben wir in einer Zeit, wo viel gutes Mittelmaß, aber nur wenig "Aussergewöhnliches" geboten wird. Da bieten sich die "Legenden" der Vergangenheit geradezu an. Ehrlicherweise muß gesagt werden, dass es sich bei den meisten Legenden in der Tat um bessere Aufnahmen handelt als als die heutigen, die zwar oft von technischer Perfektion (ich meine hier nicht die Tontechnik, sondern die Interpreten) geprägt sind aber auch von einer gewissen Unruhe und Hektik, eben unserer Zeit entsprechend. Dass man hier vielen Aufnahmen noch den Mantel des "historisch korrekten" umhängt, kann man auch als Hohn empfinden.
Indes ist es nicht so, dass heutige Interpreten nicht geschätzt würden. Im Konzertsaal sind sie ja ohnehin unverzichtbar, da ihre Konkorrenten ja zumeist verstorben oder physisch kaum mehr in der Lage sind ihren "einstigen" Standard aufrecht - zu erhalten.
Anders schaut das beim Tonträger aus. Der Fortschritt der Tontechnik - er verlief in Etappen - brachte es mit sich, daß irgendwann (für mich ist das etwa seit 1955/60) Aufnahmen in ausgezeichneter technischer Tonqualität möglich waren.
In dieser Zeit wurde quasi der Grundstein für den heute gültigen "Klassikkanon" gelegt. Er ändert sich zwar langsam aber sicher - allerdings mit der Geschwindigkeit, die dem Klassikpublikum angepasst ist.
Dennoch gibt es auch derzeitige Künstler, die den "Durchbruch" geschafft haben, ich erwähne hier nur Korstick, Flores, Nebtrebkow, Norrington. Buchbinder und Harnoncourt waren schon in meiner Jugend beliebt.

Kommen wir zu einem weiteren Marktsegment: Den Wiederentdeckungen vergessener Komponisten. Dieses Segment ist derzeit verhältnismäßig stark vertreten - und knabbert dem Mainstream ein Stück vom Kuchen ab.
Die in diesem Bereich tätigen Künstler geniessen auch auf CD relativ hohe Wertschätzung - allerdings nur bedingt - da dem an diesem Bereich interessierten Publikum anscheinend die Werke wichtiger sind als die Interpreten. Meine Versuche, diese Interpreten ein wenig in den Mittelpunkt zu rücken sind bisher eher von bescheidenem Erfolg gekrnt - aber das stört mich nicht. Wenn auf diese Weise vereinzelt neue Mitglieder zu Tamino stossen (oft mit jahrelanger Verspätung) dann will ich mich nicht beklagen. Ausdauer ist hier ein guter Berater - Belegbar durch die Aktivitäten eines Exmitglieds, welches es geschafft hat einen bis dato weitgehend ignorierten französischen Barockkomponisten - und seine Epigonen und Widersacher erfolgreich im Tamino Forum zu etablieren....
Im übrigen muss man bei der Beurteilung des "Erfolgs" eines Threads auch die Anzahl der Seitenaufrufe (hier sind die Mitleser in der Überzahl) in einem gewissen Zeitraum einbeziehen. Mit 3031 Seitenaufrufen seit 21. März kann sich der Thread
Alte Referenzen - Neue Referenzen - Alternativen
eines relativ guten Zuspruchs erfreuen.
Kommen wir zu den Sängern: Natürlich gibt es auch heute fabelhafte Stimmen.
Wenn Opernsänger von heute im Forum seltener genannt werden - oder ungerecht beurteilt werden, so hängt dies meiner meinung nach durchaus mit dem Regietheater zusammen. Ein nicht unerheblicher Teil des Publikums ist so der Oper verloren gegangen und schwelgt in Erinnerungen. Die Antipathie gegen das Regietheater wird mehr oder weniger unbewusst auf die dort aktiven Sänger übertragen (zumindest bei mir persönlich ist das so) - und wenngleich das vermutlich nicht alle Opernfreunde betrifft, so ist es doch merkbar.

Der Klassiksammler ist also schon a priori als "Bewahrer des Vergangenen" zu sehen
Die hier aufgezählten Gründe mögen im Einzelnen anfechtbar sein, im Kern dürfte wohl viel wahres hier stehen.
Aber das sind noch lange nicht ALLE Gründe für rückwärtsgewandte Beiträge.....

mit freundlichen Grüßen aus Wien
Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

  • »Johannes Roehl« ist männlich

Beiträge: 11 490

Registrierungsdatum: 12. August 2005

152

Mittwoch, 16. Juli 2014, 10:00

Meiner Ansicht nach wurden in den entsprechenden Werkthreads durchaus oft neuere Aufnahmen genannt. Man könnte ja mal eine Statistik machen. Da es gar nicht so wenige Hörer gibt, die Mono- oder noch ältere Aufnahmen vermeiden, haben es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, Einspielungen VOR ca. 1955 eher schwer. Ich vermute, dass bei Orchestermusik zwischen 1780 und 1950 die meisten häufig besprochenen oder empfohlenen Aufnahmen zwischen ca. 1960 und 1990 eingespielt wurden. Sicher aber auch noch vieles aus den 1990ern und 200ern. So werden zB Boulez späte DG-Aufnahmen oft empfohlen und waren auch kommerziell meines Wissens ziemlich erfolgreich, nur ein Beispiel, es gäbe sicher noch mehr, etwa die große Zahl der Schostakowitsch-Einspielungen der letzten Jahre.
In der Oper vermutlich ein paar mehr ältere und weniger zwischen 1980 und 2000.
Bei der Barockmusik, der Alten Musik oder überhaupt dem HIP-Bereich, der ja inzwischen auch bis in die (Früh-)romantik reicht, werden Aufnahmen vor 1970 wohl nur sehr vereinzelt empfohlen, sehr häufig dürften solche der letzten 25 Jahre genannt werden, auch ohne dass man das forciert.

Natürlich ist, gerade bei sehr bekannten Werken wie der Sinfonie Fantastique oder dem Mendelssohn-Violinkonzert schon vor vielen Jahren eine "Sättigung" eingetreten; es gibt einfach schon so viele Aufnahmen, dass nicht so klar ist, was eine weitere noch Neues bringen sollte.

Beiträge: 470

Registrierungsdatum: 6. Oktober 2010

153

Mittwoch, 16. Juli 2014, 10:02

Ich werd es meinen Lebtag nicht verstehen, warum ich als Hörer und Liebhaber verpflichtet bin, mich mit heutigen Aufnahmen auseinanderzusetzen; mich quasi permanent „weiterbilden“ zu müssen. Ich hatte es schon mal geschrieben … ich fühl mich in der glücklichen Lage, dieses Metier als Liebhaber zu leben und nicht als Juror, Werter oder Aspirant für allumfassende Diskussionen. Und ich will/muss auch keine Doktorarbeit darüber schreiben – ich kann mir den Mut zur Lücke leisten; ich kann mich auf das einlassen, war MIR taugt, was mir in mein Hör-, Sammel- oder sonstwas-Raster passt. Und ich höre und sammle nun mal gern die Aufnahmen, die hier von einem von der Liebe träumenden User bekrittelt werden. Bin ich ein Banause?

Ich bin mit meinen beiden Shostakovich-Zyklen von Kondrashin und Rozhdestvensky mehr als ausreichend bedient (noch n paar Einzel-CDs dazu); mir reicht mein (recht umfangreiches!) Portfolio an Aufnahmen der Werke von A Dvorak, das zu ca 90% mit den tschechischen Meistern der 1950er-1980er – Talich, Ancerl, Smetacek, Neumann, Sejna, Belohlavek, Panocha-Q und noch einige mehr – abgedeckt ist. ICH brauche da keine Aufnahme aus Cleveland oder Pittsburg oder so. Und ich(!) habe halt keinen Bedarf an CD-Aufnahmen jüngeren Datums – so gern ich mir die, wenn sie mir über den Weg laufen sollten, auch anhöre. Und vereinzelt verirrt sich so eine Aufnahme tatsächlich auch in meinen CD-Schrank. Schön :-)
Mir haben in den vergangenen Jahren die Gustav-Mahler-Zyklen von Mariss Jansons (München) oder Jonathan Nott (Bamberg) ausnehmend gut gefallen, aber MEINE Aufnahmen (MEINE Sammlung) ist halt mit ewiggestrigen Aufnahmen nahezu zementiert. Ich finde dieses Gekrittel am Liebhaben „alter“ Aufnahmen einfach nur lächerlich und wenn die entsprechenden User hier dann in gemacht abfälliger Weise quasi kleingemacht werden (um sich selber erhöhen zu wollen?) ist das mE(!) ziemlich daneben.

Bin ich ein Banause?



...,
es geht doch nicht darum alle Aufnahmen nach 1990 aufzuzählen, so ganz ohne Kommentar.
...
Der ist allerdings gut ... :-)

Beiträge: 470

Registrierungsdatum: 6. Oktober 2010

154

Mittwoch, 16. Juli 2014, 10:05

...
Natürlich ist, gerade bei sehr bekannten Werken wie der Sinfonie Fantastique oder dem Mendelssohn-Violinkonzert schon vor vielen Jahren eine "Sättigung" eingetreten; es gibt einfach schon so viele Aufnahmen, dass nicht so klar ist, was eine weitere noch Neues bringen sollte.

Totally agreed ... :thumbup:

lutgra

Prägender Forenuser

  • »lutgra« ist männlich

Beiträge: 5 124

Registrierungsdatum: 9. April 2013

155

Mittwoch, 16. Juli 2014, 10:43

Ich kann den drei Vorredner nur zustimmen. Ein kurzes Blättern in "Was hört ihr gerade jetzt" zeigt auch, das die Forenmitglieder insgesamt sehr viel (ca. 50%) Neuaufnahmen hören. Nur scheint es so zu sein, dass gerade die, die viel Neuaufnahmen hören, keine Lust haben, detailliert darüber zu berichten. Das ist zwar schade, muss man aber akzeptieren.

  • »Johannes Roehl« ist männlich

Beiträge: 11 490

Registrierungsdatum: 12. August 2005

156

Mittwoch, 16. Juli 2014, 11:11

Ich gebe gern zu, dass mich erstens bei vielen Werken, bei denen ich mit dem, was ich habe, zufrieden bin, Neuaufnahmen wenig interessieren (dazu gehören fast alle Werke in Liebestraums thread) und dass ich auch weder Zeit noch Platz noch Geld habe mir bei Werken, bei denen mich "im Prinzip" alle Neuaufnahmen interessieren würden, allzu viele neue (nicht notwendig i.S.v. neu aufgenommen) anzuhören oder anzuschaffen. Anders als bei Willy ist zB bei Beethovens Klaviersonaten bei mir definitiv eine weitgehende Sättigung erreicht.

Aufnahmen des 21. Jhds.
Potential zur Legende ab 2000
Referenzen ab 2000

Alfred_Schmidt

Administrator

  • »Alfred_Schmidt« ist männlich
  • »Alfred_Schmidt« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 18 973

Registrierungsdatum: 9. August 2004

157

Mittwoch, 16. Juli 2014, 12:22

Mit dem Suchbegriff
SINFAU21J
erreicht man 11 Threads der Serie "Aufnahmen des 21. Jahrhunderts" (Ein Klavierkonzert hat sich eingemogelt)

Ich habe vor einigen Tagen bereits darauf hingewiesen, aber leider das Suchwort falsch geschrieben, nämlich ein Space eingefügt, was nicht sein darf.
Diese Serie soll sich mit sinfonischen Aufnahmen ab 2000 befassen
Ich habe die Arbeit an diesem Thread ausgesetzt, weil die Resonanz relativ gering war, aber vor allem um nicht in Kollision mit dem ähnlichen (aber doch anders gestalteten) Thread von Liebestraum zu geraten, denn ich möchte durchaus , dass von Mitgliedern gestaltete Threads erfolgreich verlaufen.
Mir persönlich ist der Erfolg meiner Threads eher nicht so wichtig, ich gabe weit über tausend gestartet, etliche liegen eben noch heute brach - wogegen andere "Renner" wurden.
Die Serie kann von jedem der sich berufen fühlt, fortgesetzt werden, so er einige Richtlinien beachtet.
A) Sie soll DERZEIT nur sinfonische Werke beeinhalten (das Klavierkonzert war ein Lapsus von mir)
B) Der Serientitel soll eingehalten werden
C) Man sollte vor Threadstart abchecken, ob bereits genügend Aufnahmen seit 2000 gemacht wurden - Das ist überhaupt das Hauptproblem, welches aber von Tag zu Tag kleiner wird ......

Und wenn aber keine Beiträge kommen, bzw keine Seitenaufrufe, dann müssen wir zur Kenntnis nehmen, daß ein Interesse an Neuaufnahmen mit Künstlern der Gegenwart nicht wirklich besteht.
Denn es kann nicht Aufgabe des Publikums sein, Kunst zu konsumieren und zu bezahlen, an dem ein kein Interesse hat - nur zu dem Zweck, damit der Künstler davon leben kann. Dieser Satz wird vermutlich einen Aufschrei provoziern - aber er beschreibt nichts anderes als ein ewig gültiges Gesetz, das erst im 20. Jahrhundert "gebogen" wurde......

mfg aus Wien
Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

Dr. Holger Kaletha

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  • »Dr. Holger Kaletha« ist männlich

Beiträge: 7 045

Registrierungsdatum: 2. Februar 2008

158

Mittwoch, 16. Juli 2014, 17:17

Ich finde die Diskussion doch etwas verkrampft, muß ich sagen. Wer kauft denn schon Aufnahmen, nur weil sie neu oder alt sind (von einigen wenigen audiophilen Freaks mal abgesehen, die eine Aufnahme vornehmlich nicht wegen der intepretatorischen Qualität, sondern mehr der Aufnahmetechnik wegen haben wollen)? Ich bin ein solcher Jahrgang, der - ich bleibe jetzt mal beim Klavier - mit solchen Jahrhundertgrößen wie Richter, Gilels, Horowitz, Michelangeli, Arrau usw. groß geworden ist. Natürlich habe ich die neuen Platten von ihnen, wenn sie erschienen, sofort gekauft. Dieses Glück haben die später Geborenen leider nicht mehr, für die sind das "historische" Aufnahmen. :D Wenn ich der Meinung bin, dass ein Interpret Bedeutendes zu sagen hat, dann werde ich die aktuellen Aufnahmen erwerben. Natürlich kaufe ich jede neue Volodos-Platte - er hat mich bisher noch nie enttäuscht. Das Concertgebouw-Orkest ist ein Mahler-Orchester mit Tradition. Wenn ein Mariss Jansons die Symphonien aufnimmt, dann macht mich das neugierig - es ist eine hochinteressante Paarung. Es ist auch ganz normal, dass man sehr selektiv sammelt. Wenn ein Repertoire einem besonders nahe ist, dann möchte man gerne verschiedenste Aufnahmen haben. In anderen Fällen reichen dagegen ein oder zwei Einspielungen. Wirklich bedeutende, herausragende Aufnahmen entstehen nicht jeden Tag. So ist das nun mal. Und es gibt eine ganze Reihe von solchen zeitloser Gültigkeit, die "Referenzen" darstellen, an denen sich alle anderen erst einmal zu messen haben. Wirklich lächerlich fand ich, als Fono-Forum mal auf die absurde Idee kam, aus rein verkaufsstrategischen Gründen (sie machen ja letztlich Werbung für Neuaufnahmen und dienen damit der Industrie) irgendwelche neuen Aufnahmen von Debussy als "Referenzen" zu küren, dagegen Gieseking und Michelangeli nicht als "Referenz", sondern "historische Aufnahme" einzustufen. Das ist allein schon deshalb völliger Blödsinn, weil es keinen lebenden Pianisten gibt, der sich ohne Gieseking oder Michelangeli gehört zu haben an die Debussy-Klavierwerke überhaupt herantraut. Einen besseren "Beweis" für einen Referenzstatus gibt es nicht.

Schöne Grüße
Holger

  • »Joachim Schneider« ist männlich

Beiträge: 531

Registrierungsdatum: 31. Dezember 2013

159

Mittwoch, 16. Juli 2014, 17:55

Hallo,

ich finde auch, daß wir es hier mit einer Geisterdebatte zu tun haben.
Warum sammelt man eigentlich (Schallplatten, wertvolles Porzellan, Erstausgaben und andere bibliophile Werke etc, etc.)? Doch nicht aus Besitzgier, sondern in dem Wunsch, wertvolle Kulturgüter zu bewahren. Es ist nur logisch, daß hier aus den von Holger und Alfred schon genannten Gründen beim Schallplattensammeln Aufnahmen aus vergangenen Jahrzehnten den Löwenanteil ausmachen, natürlich innerhalb der geschmacklichen Präferenzen des Sammlers. Das heißt aber keineswegs, daß "neuere" oder "jüngere" Aufnahmen per Saldo abgelehnt werden müssen. Man sollte hier den guten Grundsatz bewahren "Prüfe alles, behalte das Gute und verwirf das Schlechte".
Ist der Schallplattensammler also rückwärtsgewandt? Jawohl, aber aus durchaus ehrenwerten Motiven. Man sollte auch nicht den Fehler begehen, "rückwärtsgewandt" mit "reaktionär" zu verwechseln!

Viele Grüße

J.Schneider
"Die Musik steht hinter den Noten" (Gustav Mahler)

Bernward Gerlach

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Beiträge: 2 734

Registrierungsdatum: 19. November 2009

160

Donnerstag, 17. Juli 2014, 13:36

Es wäre ja auch möglich, dass ihr generell der Meinung seid, der Geschmack der Taminoianer wäre gar nicht "rückwärtsgewandt"

Diesen Satz schrieb Alfred am Sonntag, 13. Juni 2010 im forum. Und was ist falsch daran, nichts. Dass jahrzehntelange Sammler große Schätze, die teilweise heute nicht mehr zu haben sind, oder zu unverschämten Preisen, sein eigen nennt, ist die eine Seite der Medaille. Die andere, jede Zeit hat ihre Meriten. Auch die Gegenwart produziert klassische Musik auf hohem Niveau, auch wenn der Interpretationsstil und Geschmack Veränderungen mit sich bringt. Das trifft für alle musikalischen Bereiche zu. Beethoven mit dem Freiburger Barockorchester oder der Bremer Kammerphilharmonie klingt eben anders als Beethoven mit Bruno Walter oder Wilhelm Furtwängler. Warum auch nicht
Trotz oder wegen Klaus Florian Vogt sind die Festspiele in Bayreuth ausverkauft. Bei dem Eröffnungskonzert des Schleswig-Holstein Festivals gab es außer Brahms und Mendelssohn auch Beethovens Fünfte mit dem NDR-Sinfonieorchester unter Hengelbrock. Hatte ich so weder unter Wand noch Dohnanyi bisher gehört. In der Pause hat der Dirigent erläutert, warum er heute Beethoven so dirigiert. Höchst interessant.
Also, trotz der jahrzehntelangen Sammler, zu denen ich mich auch zähle, ist das forum modern, zeitnah und keinesfalls nur "rückwärtsgewandt."

LG, Bernward

"Nicht weinen, dass es vorüber ist
sondern lächeln, dass es gewesen ist"
Waldemar Kmentt (1929-2015)


wok

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Beiträge: 864

Registrierungsdatum: 18. Juli 2011

161

Samstag, 19. Juli 2014, 03:21

Ich glaube nicht, daß man von einer rückwärtsgewandten Haltung sprechen kann, wenn man sich immer wieder auch mit älteren oder auch alten Musikaufnahmen beschäftigt, diese mit zum Vergleich heranzieht, oder eine solche Aufnahme sogar über alle anderen nachfolgenden Aufnahmen stellt. Dieses Forum muß Raum haben für junge UND ältere Aufnahmen , auch wenn letztere vielleicht nicht mehr den technischen Anforderungen heutiger Ansprüche entsprechen. Entscheidend ist immer noch die Musik und deren Interpretation. Dabei sollten jüngere Forumsmitglieder eigentlich froh sein, wenn es noch ältere gibt, die noch umfangreiches Schallplattenmaterial früherer Interpreten besitzen, dieses in ihren Beiträgen vorstellen und kommentieren, und die sogar die ältere Garde der Dirigenten, Orchester, Ensembles, Instrumentalsolisten und Sänger oft noch persönlich erlebt und kennengelernt haben, und somit auch etwas zu deren Persönlichkeit aussagen können. Dabei müssen nicht immer nur die ganz großen früheren "Stars" zitiert und gerühmt werden, sondern es gibt so viele ganz hervorragende Künstler, die auf ihre Weise über singuläre Attribute verfügten, die vielleicht genauso viel - oft vielleicht sogar mehr - Erwähnung verdienen als manch anderer große Name.

Da es einmal mein Vorhaben war, ein Interpreten-Lexikon herauszugeben, weil ich mich schon in frühester Jugend immer ärgerte, wenn ich über Interpreten, die ich im Rundfunk, auf Schallplatte oder im Konzert hörte, die mir imponierten, über die ich aber nirgends etwas in Erfahrung bringen konnte, und ich deshalb jahrelang alle biographischen und künstlerischen Daten von Interpreten sammelte - leider wurde aus diesem Vorhaben nichts, weil ich aus beruflichen Gründen dafür nicht mehr die nötige Zeit fand - tut es mir für jeden Künstler der Vergangenheit leid, der m. E. eine große individuelle Leistung vollbrachte, der aber weitgehend oder völlig in Vergessenheit geriet, weil in der Folge eine solche Unzahl von Aufnahmen entstanden, daß sich jüngere Musikliebhaber meist nur noch für die aktuellen groß herausgestellten Interpreten interessieren - oder allenfalls nur für die ganz großen Namen der Vergangenheit.

Es muß deshalb in diesem Forum m. E. auch jemanden geben, der an weniger geläufige Musikernamen aus früheren Jahren erinnert und deren Merkmale und Verdienste in Erinnerung ruft. Man muß diese Interpreten der Vergangenheit nicht verherrlichen und auch durchaus deren Wirken kritisch mit heutigen Künstlern vergleichen, doch habe ich festgestellt, daß oft selbst Interpreten, die jüngeren Musikliebhabern offenbar völlig unbekannt sind, da Versuche, diese in unserem Forum wieder ins Gespräch zu bringen, meist keinerlei Resonanz zeitigen, es künstlerisch und aussagemäßig mit sehr beliebten aktuellen Interpreten, zumindest aufnehmen können, wenn nicht sogar mehr zu bieten haben.

Ähnlich stark bedauere ich es, daß auch weniger bekannte Komponisten, die oft großes geleistet und uns sehr hörenswerte Werke hinterlassen haben, in diesem Forum etwas zu kurz kommen - mit einigen rühmenswerten Ausnahmen von Forumsmitgliedern, die sich sehr für unbekanntere Komponisten und deren Werke einsetzen - und daß statt dessen immer wieder die gleichen bekannten Werke mit den gleichen vermeintlich großen Interpreten besprochen werden. In dieser Hinsicht wäre es m. E. sogar wünschenswert, etwas "rückwärtsgewandter" zu denken und zu agieren!

Viele Grüße
wok

Alfred_Schmidt

Administrator

  • »Alfred_Schmidt« ist männlich
  • »Alfred_Schmidt« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 18 973

Registrierungsdatum: 9. August 2004

162

Freitag, 15. August 2014, 00:01

Zitat

Ich finde die Diskussion doch etwas verkrampft, muß ich sagen. Wer kauft denn schon Aufnahmen, nur weil sie neu oder alt sind

Dazu möchte ich zweierlei anmerken:
1) Ich würde mir wünschen, daß ALLE Themen solch eine aktive Beteiligung verzeichnen könnten, wie diese "verkrampfte" Diskussion. Es wurde ja immer wieder - sogar im Forum behauptet - die Taminoianer seine "rückwärtsgewandt"

2) ich würde das für mich schon bestätigen (wenngleich ich, wie schon mal geschrieben auch "neuere" Aufnahmen kaufe).
Und ich würd durchaus sagen, daß ich Aufnahmen nur kaufe, weil sie alt oder neu sind. Das gilt natürlich nur für Standard Repertoire. Denn selbstverständlich möchte man Beethovens Sonaten mit Schnabel, aber auch mit Kempff, Gulda und Backhaus hören. Selbstverständlich dürfen Badura-Skoda und Brendel nicht fehlen - und die heutige Riege wird durch Buchbinder und Korstick abgedeckt. Es ist also in gewisser Weise doch eine Entscheidung welche Interpreten aus welcher Zeit ich für meine Sammlung als wichtig erachte - und natürlich sind die älteren Aufnahmen eher vom "Vergessenwerden" gefährdet, als Interpreten der Gegenwart....

und da greift man eben dann doch vorerst zu Aufnahmen "von gestern".

mfg aus Wien
Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix