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Alfred_Schmidt

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1

Donnerstag, 11. März 2010, 02:57

Hat Klassische Musik eine Zukunft ?

In ähnlicher Form wurde dem deutschen Musikkritikerpapst Joachim Kaiser dies Frage gestellt und er beantwortet sie....vorsichtig.

Tja - und was meint Ihr ?
Wird klassische Musik in 20 oder 30 , vielleicht erst in hundert Jahren - Geschichte sein ?

Hat dann Eaysy listening, HIP HOP, Heavy Metal - oder etwa gar der Musikantenstadl die Klassik endgültig ins Eck gedrängt ?

Oder wird es eine neue Renaissance geben, wo das Hören von klassischer Musik wieder zum "guten Ton" gehören wird ?

Alles ist möglich....

mfg aus Wien

Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

2

Donnerstag, 11. März 2010, 10:38

RE: Hat Klassische Musik eine Zukunft ?

Na ja, wenn man allein überlegt, wie lange die als Beispiel angeführten Musikrichtungen existiert haben und wieviel Wegweisendes oder Visionäres sie hervorgebracht haben, erübrigen sich da doch existenzielle Befürchtungen.
Die "Renaissance" wird wohl eher davon abhängen, ob eine dem Original angemessene Säkularisierung gelingt, die den Zeitgeist trifft und neue Menschen begeistern kann. Die von manchen Gestrigen gewünschte Sakralisierung ist es ja oft gerade, die vielen Neuen und Jungen den Weg in die Theater versperrt, hier schließt sich dann wieder der Kreis zu den zahlreichen Threads zum Regietheater.
Beste Grüße, KFB
_________________________________________
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zatopek

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3

Donnerstag, 11. März 2010, 10:46

RE: Hat Klassische Musik eine Zukunft ?

Zitat

Original von Alfred_Schmidt
In ähnlicher Form wurde dem deutschen Musikkritikerpapst Joachim Kaiser dies Frage gestellt und er beantwortet sie....vorsichtig.

Tja - und was meint Ihr ?
Wird klassische Musik in 20 oder 30 , vielleicht erst in hundert Jahren - Geschichte sein ?
....
Oder wird es eine neue Renaissance geben, wo das Hören von klassischer Musik wieder zum "guten Ton" gehören wird ?


Ob das Hören "klassischer Musik" zum Guten Ton gehört oder nicht, weiss ich nicht.

Aber wenn man sich die musikalische Landschaft anschaut. ist klassische Musik doch erstaunlich präsent. Es vergeht kaum ein Tag, in dem nicht auf einem - meist öffentlich rechtlichen - Sender ein Konzert oder eine Feature über einen Musiker dieser Richtung übertragen wird. Häufig finden klassische Musiker auch Eingang in eher massenkompatible Sendungen, sind nicht selten Gast in einer Talkshow oder ähnliches.

Natürlcih kann man sich jetzt darüber ereifern, dass das ja nur eine kleine Handvoll Künstler seien, die auch eher dem Massengeschmack zuträgliche Musik verbreiten. Aber wass soll´s ? Ich freue mich immer, wenn ein David Garrett oder eine Cecilia Bartoli Gast bei Thomas Gottschalk oder sonst wo ist. Auch wenn man ihre Musik nicht unbedingt mag, so verbreiten sie doch die klassische Musik auch in solche Wohnzimmer, in denen die sonst eher selten bis gar nicht läuft. Oder ein Paul Potts. Mit seinem Auftritt im Rahmen der Werbung für die Telekom hat er für die Verbreitung dieser Musik mehr getan, als so mancher Intendant eines Musikhauses mit einer extravaganten Aufführung.

Prognosen sind ja bekanntlich vor allem dann schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen. Gleichwohl würde ich die Vermutung wagen, dass es auch noch lange diese Zweigleisigkeit in der Präsenz der klassischen Musik gegeben wird: auf der einen Seite der Mainstream auf der anderen aussergewöhnliche Musikerpersönlichkeiten und Musikrichtungen ("Neue Musik") die einen eher avantgardistischen Musikgeschmack bedienen (dazu würde ich jetzt auch mal die "Alte Musik" zählen, die ja auch eher selten gehört wird).

BTW: diese Zweigleisigkeit gibt es ja auch in der populären Musik (Independet einerseits und Radio-Rock-und.Pop andererseits) oder im Jazz (Free Jazz, Bebpop etc. vs. Swing, Modern Jazz).

Also ich bin da ganz optimistisch !

Viele Grüße aus Dortmund,

Bernd

WotanCB

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4

Donnerstag, 11. März 2010, 12:57

Auch ich sehe der Zukunft der klassischen Musik ganz optimistisch entgegen. Hier sind Melodien unterwegs, die seit ihrer Entstehenung nichts von ihrer Faszination verloren haben.
Einbußen wird es sicherlich unter den "Freaks" geben, den Leuten wie wir, die weniger die klassische Musik im Event suchen, sondern die Musik als solches wahrnehmen und für die diese Musik auch etwas leben-begleitendes ist. .
Schüler werden Meister, Meister sind schüler - ohne Anfang, ohne Ende

  • »Hans Sachs« ist männlich

Beiträge: 559

Registrierungsdatum: 29. August 2006

5

Donnerstag, 11. März 2010, 13:23

In den klassischen "Star Trek"-Folgen wird ganz gerne mal "moderne" Musik gespielt, wenn an Bord der Enterprise ein festlicher Anlaß ansteht. Diese Musik ist so dermaßen schnell gealtert, daß seit der "Next Generation" bei solchen Gelegenheiten immer Klassik gespielt wird. Immer wieder putzig, Außerirdische mit Violinen zu sehen...
Was ich damit sagen will: aus welchem Grund soll "die Klassik" denn verschwinden? Musik für die Massen wird es wohl nie wieder werden, aber ich bin mir sicher, daß es auch in hundert Jahren noch entsprechende Musik und Konzerte geben wird.

:pfeif: Jürgen
Ich brauche keine Millionen, mir fehlt kein Pfennig zum Glück...

  • »Christian Biskup« ist männlich

Beiträge: 507

Registrierungsdatum: 24. Februar 2009

6

Donnerstag, 11. März 2010, 15:15

Auch ich sehe der Zukunft der klassischen Musik recht optimistisch entgegen.
Schließlich hat diese schon mehr als 500 Jahre angedauert. Warum sollte sie nun abrupt abbrechen?

Da ich ja noch Schüler bin, habe ich oft die Gelegenheit die Bemerkungen zur Klassik im Musikunterricht mitzuerleben.
So sehe ich es immer mit Freude wenn plötzlich einer ruft " Das ist aus einer Oper ? Das kenn ich ! " .
Als wir z.B. neulich die Moldau von Smetana gehört haben, war die halbe Klasse doch sehr beeindruckt und meinten, dass es doch gar nicht so langweilig ist wie sie immer gedacht haben. Auch hat sich die Klasse beim Schlussakkord glänzend erschreckt :hahahaha:

Desweiteren werde ich auch immer aufgefordert mal ein Stück auf dem Klavier zum besten zu geben, da es die Klasse so gerne Klaviermusik hat.

Damit die Schüler auch noch weiter an die Musik herangeführt werden hat meine Musiklehrerin und ich einen Theaterbesuch zur " Carmen" geplant, und der erwartete Protest kam kaum zustande, da die meisten durchaus an der "unbekannten" Klassik interessiert sind.
Ich denke es liegt auch vor allem daran, dass die Eltern der heutigen Jugend nicht mehr viel mit Klassik anfangen können und sie teils auch sehr ablehnen ( obwohl sie diese gar nicht kennen ). Daher werden diese auch häufig erst in der Schule auf diese aufmerksam.

Das die Jugend aus den Konzertsälen verschwindet kann ich in meinem ständigen Konzerthaus in Braunschweig nicht beobachten. Eher im Gegenteil. Das Staatstheater bietet immer besondere Kinderkonzerte an ( z.B. Max und Moritz von G. Näther, oder Peter u. der Wolf ) die vom Orchesterdirektor gut moderiert werden.
Auch war bei der Aufführung des Le Sacre eine Truppe Jugendlicher dabei, die auch ganz begeistert letztendlich dabei waren.

Ich denke , dass einfach viele sich nicht hintrauen, obwohl sie durchaus das Interesse haben, da es eben nicht mehr in die " coole Gangster" Einstellung von heute passt. Man muss sie einfach damit vertraut machen.

Ich hoffe ich habe die Thematik einigermaßen getroffen. Bin in den Sachen noch immer ein wenig unsicher ...

Lg
Chrissi

Michael

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  • »Michael« ist männlich

Beiträge: 680

Registrierungsdatum: 16. Januar 2007

7

Donnerstag, 11. März 2010, 15:32

Ich bin auch eher optimistisch, und zwar aus folgenden Gründen:

Diese jungen Leute heute konsumieren unheimlich viel Musik, die auch wenn großteils auf Rhythmus ausgerichtet, dann doch wieder nicht sofort hörbare "Anleihen" bei der Klassik macht und sei es nur bei deren grundsätzlichen Richtlinien.

Junge Leute sind in der Regell unheimlich neugierig, kommen irgendwann mit der Klassik in Berührung, wenn auch nur ansatzweise, aber die "Ansteckungsgefahr" ist groß, wenn der Panzer der Coolness durchbrochen wird.

lg Michael

Siegfried

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  • »Siegfried« ist männlich

Beiträge: 4 664

Registrierungsdatum: 26. Oktober 2005

8

Donnerstag, 11. März 2010, 19:05

Ich halte die klassische Musik für unausrottbar.
Es gibt in meiner Umgebung eine große Zahl junger Menschen, die mit Engagement und Begeisterung die Musikschulen bevölkern und Preise einheimsen , z.B. bei "Jugend musiziert". Da sind keine Negativeinflüsse von Trivialveranstaltungen wie DSDS u.ä. zu befürchten.

:jubel:
Freundliche Grüße Siegfried

zatopek

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  • »zatopek« ist männlich

Beiträge: 422

Registrierungsdatum: 13. Dezember 2008

9

Donnerstag, 11. März 2010, 19:35

Lieber Alfred,

hat Kaiser eigentlich eine Begründung für seine vorsichtige Einschätzung gegeben ? Sieht er irgendwelche Menetekel an der Wand, die auf ein baldiges Aussterben der klassischen Musik schließen lassen oder ist das nur ein allgemeiner Kulturpessimismus, wie wir ihn in Deutschland - ich glaube in Österreich auch - seit Jakob Spengler so gerne pflegen ?

Viele Grüße,

Bernd

  • »Johannes Roehl« ist männlich

Beiträge: 11 232

Registrierungsdatum: 12. August 2005

10

Donnerstag, 11. März 2010, 19:42

RE: Hat Klassische Musik eine Zukunft ?

Zitat

Original von zatopek

Zitat

Original von Alfred_Schmidt
In ähnlicher Form wurde dem deutschen Musikkritikerpapst Joachim Kaiser dies Frage gestellt und er beantwortet sie....vorsichtig.

Tja - und was meint Ihr ?
Wird klassische Musik in 20 oder 30 , vielleicht erst in hundert Jahren - Geschichte sein ?
....
Oder wird es eine neue Renaissance geben, wo das Hören von klassischer Musik wieder zum "guten Ton" gehören wird ?


Ob das Hören "klassischer Musik" zum Guten Ton gehört oder nicht, weiss ich nicht.


Es gehört sicher nicht mehr in dem Maße "zum guten Ton" wie vor 50 Jahren. Aber das Überleben der klassischen Musik ist gewiß nicht davon abhängig, dass sie aus gesellschaftlichen Gründen goutiert wird, sondern von leidenschaftlichen Musikern und Hörern.

Zitat


Aber wenn man sich die musikalische Landschaft anschaut. ist klassische Musik doch erstaunlich präsent. Es vergeht kaum ein Tag, in dem nicht auf einem - meist öffentlich rechtlichen - Sender ein Konzert oder eine Feature über einen Musiker dieser Richtung übertragen wird.


Im Fernsehen? jeden Tag? Im Radio natürlich schon...

Zitat


Natürlcih kann man sich jetzt darüber ereifern, dass das ja nur eine kleine Handvoll Künstler seien, die auch eher dem Massengeschmack zuträgliche Musik verbreiten. Aber wass soll´s ? Ich freue mich immer, wenn ein David Garrett oder eine Cecilia Bartoli Gast bei Thomas Gottschalk oder sonst wo ist. Auch wenn man ihre Musik nicht unbedingt mag, so verbreiten sie doch die klassische Musik auch in solche Wohnzimmer, in denen die sonst eher selten bis gar nicht läuft. Oder ein Paul Potts. Mit seinem Auftritt im Rahmen der Werbung für die Telekom hat er für die Verbreitung dieser Musik mehr getan, als so mancher Intendant eines Musikhauses mit einer extravaganten Aufführung.


Da würden mich Details interessieren. Wieviele, die Paul Potts toll fanden, haben sich außer seiner CD eine richtige Klassik-CD gekauft? Wieviele eine komplette Oper besucht oder auf CD/DVD gekauft. Ich mache mir, wie gesagt, auch nur bedingt Sorgen um das Fortbestehen. Aber wenn solche Popsternchen wie Potts wirklich einen Einfluss hätten, müsste die Klassik viel populärer sein als sie in der Tat ist.

Zitat


BTW: diese Zweigleisigkeit gibt es ja auch in der populären Musik (Independet einerseits und Radio-Rock-und.Pop andererseits) oder im Jazz (Free Jazz, Bebpop etc. vs. Swing, Modern Jazz).


Gibts beim Jazz eigentlich auch das Weltuntergangsgerede? Dort schiene es mir viel mehr angebracht. Jazz war noch bis in die 1950er weit verbreitete Unterhaltungsmusik (wenn auch sicher hauptsächlich in den von Dir genannten "leichteren" Varianten), heute ist es eine kleine Nische, kleiner als Klassik (Während Klassik niemals wirklich weit verbreitet gewesen ist; dass der Marktanteil bei den Platten mal höher war, ist m.E. nur darauf zurückzuführen, dass die meisten Klassikhörer finanziell etwas potenter sind.)

(Kaiser tendiert seit je zum Schwätzen, weniger zum Argumentieren...)

:hello:

JR
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(Bob Dylan)

zatopek

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  • »zatopek« ist männlich

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Registrierungsdatum: 13. Dezember 2008

11

Donnerstag, 11. März 2010, 23:07

RE: Hat Klassische Musik eine Zukunft ?

Zitat

Original von Johannes Roehl
Im Fernsehen? jeden Tag? Im Radio natürlich schon...


Sieh dir mal das Programm von arte oder 3sat an. Ok, ist jetzt kein Mainstream, aber immerhin freiempfangbares Fernsehen.

Zitat

Original von Johannes Roehl
Da würden mich Details interessieren. Wieviele, die Paul Potts toll fanden, haben sich außer seiner CD eine richtige Klassik-CD gekauft? Wieviele eine komplette Oper besucht oder auf CD/DVD gekauft. Ich mache mir, wie gesagt, auch nur bedingt Sorgen um das Fortbestehen. Aber wenn solche Popsternchen wie Potts wirklich einen Einfluss hätten, müsste die Klassik viel populärer sein als sie in der Tat ist.


Ich habe nicht die geringste Ahnung, wieviele vorher klassisch unbedarfte Menschen durch Potts zur Klassik geführt wurden (btw: was ist eine "richtige Klassik-CD"). Aufgrund der Verkaufszahlen der Potts-CD vermute ich einfach, dass viele auch eher klassiikfremde durch ihn dazu geführt wurden.

Nun könne wir "richtigen" Klassikhörer uns natürlich darüber erheben: das ist ja gar keine "richtige" klassische Musik ! Das bedient ja nur einen schlechten Massengeschmack ! Ich zweifle, ob man mit einer solchen Überheblichkeit der klassischen Musik einen Gefallen tut ?!

Zitat

Original von Johannes Roehl
Gibts beim Jazz eigentlich auch das Weltuntergangsgerede? Dort schiene es mir viel mehr angebracht. Jazz war noch bis in die 1950er weit verbreitete Unterhaltungsmusik (wenn auch sicher hauptsächlich in den von Dir genannten "leichteren" Varianten), heute ist es eine kleine Nische, kleiner als Klassik (Während Klassik niemals wirklich weit verbreitet gewesen ist; dass der Marktanteil bei den Platten mal höher war, ist m.E. nur darauf zurückzuführen, dass die meisten Klassikhörer finanziell etwas potenter sind.)


Ich vermute mal - aber mehr als eine Vermutung ist es nun wirklich nicht, weil ich die Jazz-Szene schon seit langem nicht mehr verfolge - dass es auch dort immer wieder diese Untergangsstimmung gibt. Der Jazz wurde mehr als einmal für tot und begraben erklärt und erfreut sich gleichwohl eines quicklebendigen Daseins. Ich vermute das nur anhand der Vielzahl von Neuerscheinungen, die durch aus nicht uninteressant sind (auch nicht für Klassikhörer).

Und wie oft wurde der Rock schon für tot erklärt und wie häufog feiert er freudige Wiederauferstehung ? Lebt nicht jeder neue Hype davon, er habe nun gerade die Rockmusik gerettet und zu neuen Ufern gefürht ? Wenn man sich dass dann genauer anhört merkt man schnell, dass es alles schon mal da war. Was zählt ist die Verpackung, weniger der Inhalt. das ist bei Rock/Pop/Jazz genauso wie bei der klassischen Musik: es kommt alles auf den Aufkleber an, den man dem Musiker aufklebt.


Zitat

Original von Johannes Roehl
(Kaiser tendiert seit je zum Schwätzen, weniger zum Argumentieren...)


Mag sein. Trotzdem würde mich einfach mal interssieren, wie der zu dieser Einschätzung kommt. Immerhin sägt er damit am Ast, auf dem er selber sitzt, oder ?

Viele Grüße,

Bernd

Alfred_Schmidt

Administrator

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12

Freitag, 12. März 2010, 00:06

Zitat

hat Kaiser eigentlich eine Begründung für seine vorsichtige Einschätzung gegeben ? Sieht er irgendwelche Menetekel an der Wand, die auf ein baldiges Aussterben der klassischen Musik schließen lassen oder ist das nur ein allgemeiner Kulturpessimismus, wie wir ihn in Deutschland - ich glaube in Österreich auch - seit Jakob Spengler so gerne pflegen ?


Wie man sicher bemerkt hat, habe ich mit "vorsichtig" eigentlich "nichts" ausgesagt - schon um diesen Thread nicht zu beeinflussen. Nun ist dieser Thread bereits im Laufen - und man kann hier konkreter werden.

Kaiser meinte, es sei unleugbar, daß Klassik heute nicht mehr jenen Stellenwert besäße, der ihr im Zeitalter des "Bildungsbürgertums" eingeräumt wurde. Er erwähnt - völlig richtig, wie ich meine, daß dieses Zeritalter bis in "seine" Zeit gewirkt habe - ich würde sagen, sogar bis in "meine" Jugend und ein wenig wirkt es ja noch heute- wenn auch in stark abgeschwächter Form. Kaiser erwähnt, wie viele Orchester für klassische Musik gerade in Deutschland noch aktiv seine, wenn ich es richtig in Erinnerung habe sind es ca 165.
Aber die Abschwächung der Bedeutung sei andrerseits nicht zu übersehen, solche Ehrbietung die man einem herbert von Karajan oder einer Callas entgegengebracht habe, sei heute nicht mehr denkbar - auch in Zukunft nicht (Letzterer Aussage stimme ich nicht zu, in Zukunft kann viel passieren - alles ist offen)

Fazit: Es gebe ein mögliches Szenario, daß die klassische Musik an gesellschaftlicher Bedeutung verliere - ganz aussterben werde sie jedoch nie. Kleine Grüppchen würden sich immer wieder finden......

Ich persönlich sehe die Klassische Musik auf einem guten Weg, wenngleich nicht in Sachen Vermarktung. Es ist für mich auch keine Kardinalfrage ob Krethi und Plethi unbedingt Mozart hören müssen, Klassische Musik wurde immer nur für eine Minderheit gemacht, und das wird vermutlich so bleiben. Natürlich war sie immer allen Menschen zugänglich, wie viele Kinder aus ärmsten Verhältnissen wurden vom Adel in Sachen Musik gefördert, man bezahlte ihre Ausbildung , hatte man erst ihr Talent erkannt.

Aber man sollte sich nicht anbiedern, die Spielregeln macht immer die Klassikgemeinde, nicht jene, die zu ihr stoßen wollen...

mfg aus Wien

Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

John Doe

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Beiträge: 825

Registrierungsdatum: 27. Juni 2009

13

Freitag, 12. März 2010, 07:56

Mag der Stellenwert von Klassik im Moment auch rückläufig sein, verschwinden wird sie nie. Schlimmsten Falls wird sie ihres gesellschaftlichen Ansehens weitgehendst entblößt zu einer Musikrichtung unter vielen, was sie zumindest im Kommerziellem eh schon ist.

Das ist aber grundsätzlich kein Grund zu Trauer, braucht man doch nur den Blick zu heben und nach Osten zu schauen: China entdeckt sie gerade und in Japan gehört sie zum guten Ton oder anders formuliert, Herr Heymann hat sein Label Naxos nicht ohne Grund in Hong Kong gegründet.
D.h. ich kann mir gut vorstellen, in 20 Jahren Mozart von einem HIP-Ensemble aus China gespielt zu hören. Und wenn sie es gut machen: kein Problem, zumal wir ja auch schon einen japanischen Bach in der Oberliga haben!

Klassische Musik ist grenzübergreifend, ist international, sie ist in Sternstunden der Menschheit entstanden und wenn sie das letzte ist, was übrig bleibt von ihr, z.B. in Form von irgendwelchen Ätherwellen im All, dann haben wir Glück gehabt.

Viele Grüße
John Doe
:angel:

14

Freitag, 12. März 2010, 09:00

Haben Antiqitäten eine Zukunft? Klar, auch wenn die Welt hauptsächlich bei Ikea einkauft.

Klassische Musik ensteht ja immer im Zusammenwirken der Komposition und der Aufführung. Und damit werden auch der historische Canon der klassischen Musik immer wider aktualisiert.


Gleichzeitig ist ja die historische Quellenforschung nicht abgeschlossen. Es gibt ja noch unglaublich viele heute unbekannte und damit nicht aufgeführte Werke. Der Lullist schrieb hier mal etwas dazu.


Was neue klassische Musik angeht, so bin ich skeptisch. Wenn sehen wie selten zeitgenössische Musik schon von Vertretern dieses Forums rezipiert wird, so wird man hier eher an ein Auslaufmodell denken.


Im Gegensatz zum Theater ist es in der klassischen Musik nicht gelungen, einen zeitgenösschen Ausdruck mit ähnlicher Breitenwirkung zu finden.

Der "alte Kram" wird immer gespielt und gehört werden. Er ist Bestandteil der Kulturgeschichte der Menschheit.

Einen neuen Mozart werden wir nicht erleben. Im wesentlichen weil Mozart heute HipHop machen würde.
marta

operus

Ehrenpäsident und Außenminister

  • »operus« ist männlich

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Registrierungsdatum: 14. Mai 2008

15

Freitag, 12. März 2010, 09:28

Hat klassische Musik eine Zukunft?

Die Eingangsfrage dieses Threads müsste eigentlich umgekehrt formuliert werden:
Haben Hochkulturen eine Zukunft ohne klassiche Musik?
Sie würden zwar weiterleben aber auf einem kulturell verarmten Niveau.
Auch ich bin trotz Joachim Kaisers pessemistischer Provokation optimistisch. Ich gehe sogar noch weiter: Musik, allerdings in Richtung cross over. wird im Zeichen der Globalisierung eine noch nicht gekannte Verbreitung gewinnen.
Nie war weltweit die Zahl der Jugendlichen, die Musikschulen besuchen höher als heute. Wenn man sich allein die Zahl der Spitzeninsturmetalisten und Sänger ansieht, die z. B. aus China, Korea, Japan, Lateinamerika usw. kommen, wird sofort klar, klassische Musik bewegt und erfüllt die ganze Welt.
Nur Musikrichtungen werden vielfältiger, fließen ineinander über, ergänzen sich im Sinne von komplexen Erlebniswelten.
Bereits heute ist selbst in der Provinz das traditionelle Konzert in seiner Gliederung Ouvertüre, Solistenkonzert, Sinfonie tot. Selbst bei uns im wunderschönen Heilbronn, übrigens eine Stadt mit einem Sinfonie- und einem Kammersorchester und dadurch großem musikalischen Reichtum, muss heute jedes Konzert ein kleines Event sein. Selbst wir müssen z.B Geigenfestivals, musikalische Traumreisen, ein Konzert mit mit 6 ausgezeichneten Profisolisten aus einer musikalischen Familie, ausgefallene Instumente wie Domra oder Alphorn, Kooperationen mit anderen Musikrichtungen bieten, wenn wir die notwendigen Besucherzahlen zwischen 1500 und 2000 Hörern pro Mietekonzert zum Konzertbesuch animieren wollen. Eine Veranstaltung ohne zugkräftigen Titel und Aufhänger, der das Publikum spontan anspricht, läuft überhaupt nichts mehr.
Einzige Sorge von uns ist der hohe Altersschnitt der Besucher der Konzerte. Wahrscheinlich muss man für klassische Musik heranreifen. Jugend fängt bei Konzertbesuchern und vor allem Abonnenten mit 30 Lebensjahren plus an. Da ist die erste Aufbauphase geschafft, die Kinder größer und im Sinne der Maslowschen Bedürfnisspyramide entwickeln sich neue Interessenfelder.
Wenn sich klassiche Musik also dem Wandel stellt, die Herausforderungen annimmt und und neue und/oder erlebnisreichere
Formen entwickelt wird sie zur Freude kommender Generationen unsterblich sein und sogar eine nie gekannte weltweite Renaissance erleben.
Herzlichst
Operus

16

Freitag, 12. März 2010, 09:58

Zitat Alfred Schmidt: "Klassische Musik wurde immer nur für eine Minderheit gemacht, und das wird vermutlich so bleiben."

Das sehe ich nicht unbedingt so. Die Theater sind ja letztendlich nie etwas anderes gewesen, als Orte der Massenunterhaltung und ich denke zum Beispiel Verdis Angst um die vorzeitige Verbreitung von "la donna e mobile" zeigt doch, dass ihm klar war, dass Hans und Franz die Melodien durch die Gassen pfeiffen würden; und genau das hat doch am Ende seinen Erfolg ausgemacht.
Ich glaube, dass wir das aus heutiger Sicht einfach nur überschätzen, weil wir in Zeiten einer musikalischen Niederkultur leben, damals war vieles einfach "normal".
Beste Grüße, KFB
_________________________________________
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Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Karl-Friedrich Börne« (12. März 2010, 09:59)


teleton

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  • »teleton« ist männlich

Beiträge: 4 929

Registrierungsdatum: 10. Dezember 2004

17

Freitag, 12. März 2010, 11:59

Zitat

Zitat Alfred Schmidt: "Klassische Musik wurde immer nur für eine Minderheit gemacht, und das wird vermutlich so bleiben."


Leider ist es so. Klassische Musik wird zwar auch als Filmmusik verwendet und schon dadurch einem breiteren Publikum näher gebracht. Aber das ist nur Stückwerk und kein heranführen an Klassische Musik.

Dazu gehört Interesse und eine Anleitung, sei es wie bei mir durch meine familie (da habe ich Glück gehabt), oder durch einen guten Musikunterricht, der wirkliches interesse weckt.
?( Aber wo gibt es wirklich guten Musikunterricht ???
Wenn ich an meinen Musikunterricht denke - Katastrophe !

Ein beispiel: Da wurden im 8.Schuljahr Stücke von Christoph Penderecki )der war derzeit ziemlich aktuell) angespielt mit denen keiner etwas anfangen konnte.
Fazit: Es klingt modern; atonal; für den Normal-Popmusikhörer wie meine Mitschüler freilich uninteressant - also abgehakt - und der Gedanke der nach diesem Unterricht bleibt übrig: Klassik ist sch......

Dann in der nächsten Stunde wurden Troimmeln rausgeholt und drei Schüler sollten Penderecki nachahmen :faint:
Es hat mir Spaß gemacht, denn meine Trommelvorstellung wurde als die Penderecki-würdigste befunden. Aber was bleibt nach diesem Unterricht übrig - nichts .... auf jeden fall keiun kauf einer Penderecki-LP (damals).

So kann kein Musikunterricht bleibende Reaktionen hervorrufen.
Gruß aus Bonn, Wolfgang

Marnie

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  • »Marnie« ist weiblich

Beiträge: 786

Registrierungsdatum: 7. Oktober 2010

18

Freitag, 12. März 2010, 12:23

Zitat

Original von teleton

Aber wo gibt es wirklich guten Musikunterricht ???


Gute Frage. Ich finde, ich hatte guten Musikunterricht. An unserer Schule gab es 2 Musiklehrer. Der eine machte den üblichen klassischen Musikunterricht, der andere machte guten Musikunterricht :D Und den hatte ich.

Hier wurden keine Noten gelernt, etc. Unser Musikunterricht bestand im Wesentlichen darin, dass wir Musik gehört haben. Zuerst kam eine Einleitung unseres Musiklehrers hinsichtlich des Werkes und des Komponisten, dann gab es meist Reclam-Texthefte und dann wurde einfach gehört. Querbeet durch die gesamte Klassik. Und das hat Spaß gemacht.

Zusätzlich hat unser Musiklehrer uns regelmäßig Schülerkarten für Opern und Konzerte besorgt. Ein Opernkarte kostete damals 3,50 DM. Schon für damalige Verhältnisse spottbillig. Ich bin damals schon ganz regelmäßig mit meiner Freundin in der Oper gewesen und wir haben uns alles angesehen und angehört, wofür wir Karten bekommen konnten.

Ich denke, die klassische Musik wird nie aussterben, weil es zu ihr keine Konkurrenz gibt.Und wie lange hält sich schon so ein DSDS-Superstar? Die kennt doch nach 3 Wochen schon keiner mehr.

Verdi, Mozart, Wagner, etc. werden bestimmt nicht in Vergessenheit geraten.
Viele Grüße,

Marnie

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Marnie« (12. März 2010, 12:25)


  • »Johannes Roehl« ist männlich

Beiträge: 11 232

Registrierungsdatum: 12. August 2005

19

Freitag, 12. März 2010, 13:38

Mal abgesehen von denen die sogar Wettbewerbsreife erlangen, ist mein Eindruck, dass Instrumentalunterricht für Kinder in "bürgerlichen Kreisen" nach wie vor weit verbreitet, wenn nicht gar obligatorisch ist. Klar, kann das inzwischen auch mal Schlagzeug oder E-Gitarre sein, aber Klavier, Geige, Cello, Querflöte usw. dürften nach wie vor dominieren. Das muss nicht unbedingt dazu führen, dass diese Kinder später auch Klassik hören, aber auch auf diese Art bleibt Klassische Musik ein wichtiger Teil des Lebens.

Zitat

(Zatopek) Ich habe nicht die geringste Ahnung, wieviele vorher klassisch unbedarfte Menschen durch Potts zur Klassik geführt wurden (btw: was ist eine "richtige Klassik-CD"). Aufgrund der Verkaufszahlen der Potts-CD vermute ich einfach, dass viele auch eher klassiikfremde durch ihn dazu geführt wurden.


Eine "richtige Klassik-CD" wäre mindestens ein Recital eines "richtigen" Sängers, der "Nessun dorma" tatsächlich ohne Mikro- und Mischpult adäquat singen könnte, nicht bloß so, dass man es halbwegs erkennen kann. Oder auch ein Opernquerschnitt oder so etwas. Es muss nicht komplett Turandot oder Götterdämmerung sein, gewiß nicht.

Deine Vermutung wird immer mal wieder geäußert. Dito für Bocelli, Wet-T-Shirt-Violinistinnen usw. Ich habe aber noch nie gehört, inwiefern sie zutrifft, nicht einmal anekdotische Belege.
Meine gegenteilige Vermutung ist daher, dass eine überwältigende Mehrheit der Paul-Potts-Hörer eben nicht über das Pavarotti-Recital zur DVD/CD von La Traviata, Butterfly oder Rigoletto kommt, sondern bei Potts, Bocelli und anderen Pseudo-Opernsängern hängen bleibt. Das ist ja auch o.k. so (oder halt nicht). Für eine Minderheit mag es anders sein, aber selbst da habe ich Zweifel.

Zitat


Nun könne wir "richtigen" Klassikhörer uns natürlich darüber erheben: das ist ja gar keine "richtige" klassische Musik ! Das bedient ja nur einen schlechten Massengeschmack ! Ich zweifle, ob man mit einer solchen Überheblichkeit der klassischen Musik einen Gefallen tut ?!


Warum ist es überheblich, wenn man Sternchen und Kreaturen der Werbung von professionellen Sängern, die einigermaßen singen können, unterscheidet? Jeder Rockmusik-Fan differenziert zwischen Stefan Raab und Eric Clapton (oder wem auch immer), jeder Comicfreund zwischen Fix&Foxi und Asterix, nur im Falle der "Hochkultur" soll ein Anbiedern an den kleinsten Nenner und eine Akzeptanz von Fake-Künstlern und Kitsch Pflicht sein?

:hello:

JR
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Glockenton

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Registrierungsdatum: 27. Juli 2006

20

Freitag, 12. März 2010, 14:34

Zitat


Original von Johannes Roehl
Warum ist es überheblich, wenn man Sternchen und Kreaturen der Werbung von professionellen Sängern, die einigermaßen singen können, unterscheidet? Jeder Rockmusik-Fan differenziert zwischen Stefan Raab und Eric Clapton (oder wem auch immer), jeder Comicfreund zwischen Fix&Foxi und Asterix, nur im Falle der "Hochkultur" soll ein Anbiedern an den kleinsten Nenner und eine Akzeptanz von Fake-Künstlern und Kitsch Pflicht sein?


Wohl wahr!
:jubel: :jubel: :jubel:

Endlich sagt es einer.
Für mich ist dieses Anbiedern an den kleinsten Nennen nicht der ehrenwerte Versuch, die Klassik breiteren Kreisen bekannt zu machen.
Vielmehr wird ein Flurschaden in Sachen Image und Geschmack angerichtet, weil die Leute vor der sogenannten "schweren Klassik" bewusst "bewahrt" und ferngehalten werden.
Stattdessen wird in der Breite vielfach nur noch eine Mischung aus "ewig goldenen Perlen" aus Oper, Operette und Musical wahrgenommen - wenn überhaupt.

Beethoven kennt man kaum, und wenn doch, dann unter dem Stichwort "Ta Ta Ta Taaaah". Aber kein Mensch kann die Symphonie weitersingen...
Ich beklage auch, dass ein begabter chinesischer Pianist sich dadurch in die Gedächtnisse der Leute einbrennt, dass er vorführt, wie extrem schnell und perfekt menschliche Finger über ein Klavier fliegen können - WOW! heisst es dann. Als wenn diese Zirkusnummern typisch für die Klassik wären.

Ich hoffe nicht, dass diese Art von Populärklassik die Perspektive für die zukünftige Welt der klassischem Musik im Bewusstsein und Geschmack des Publikums sein wird.
Das wäre schon schlimm.
Zudem finde ich, dass man so etwas auch aussprechen darf, ohne gleich in eine Schublade einsortiert zu werden auf der "Arrogant" oder "Elfenbeinturm" steht.

Als Nischensparte für Minderheiten mit Spezialinteressen wird die Klassik m.E. auch in Zukunft eine Chance haben, zu überleben.
Ob man weiterhin leicht an Klassik-CDs kommt ( ist hier in Norwegen in Läden fast nicht möglich, vielleicht gibt es 4-5 Klassikläden landesweit...) bestimmt der Markt; und klassische Konzerte wird es nur dann weiterhin geben, wenn Leute sich das anhören wollen.
Ich bin meinen Eltern dankbar, dass ich durch sie mit dieser Musik schon als kleines Kind in Berührung kam.
Aber wenn man nicht diese Voraussetzungen hat, dann ist es wohl schwerer, hier einen Zugang zu dieser "Minderheitenmusik" zu finden.

Insgesamt bin ich nicht so optimistisch wie die Vorschreiber, aber ich hoffe wenigstens, dass es bis zu meinem 67. Lebensjahr noch ein interessiertes Publikum und bis zu meinem Lebensende noch die Möglichkeit geben wird, leicht und bezahlbar an Bild- und Tonträger mit klassischer Musik heranzukommen.
Manche hervorragende CDs aus meiner Sammlung sind schon lange nicht mehr erhältlich, und ich hüte diese Schätze...

Gruss :hello:
Glockenton
"Jede Note muss wissen woher sie kommt und wohin sie geht" ( Nikolaus Harnoncourt)

iLLumination

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21

Freitag, 12. März 2010, 17:23

Ich denke, dass es einen leichten Aufschwung geben wird. Wir haben ja diese ganzen Mainstreaminterpreten wie Lang Lang und so, die ein wenig klassische Musik unters Volk bringen. Gepaart mit einfacheren Informationsmöglichkeiten (konkret: dem Internet) dürften einige Leute mehr zur "richtigen" Klassik kommen. Aber nur ein paar...

Es hat wie gesagt seinen Grund, dass klassische Musik von der Popularität nicht mit Rock, Rap, Metal, Chart bla bla mithalten kann - sie ist einfach zu anstrengend. Mag zwar elitär klingen, aber so ist es nunmal.

Was einer weiteren Steigerung der Popularität im Wege steht ist auch das menschliche Sozialverhalten und dass klassische Musik in einem Teufelskreis steckt. Besonders unmusikalische Menschen wählen ihre Lieblingsmusik auch nach sozialen Kriterien, da aber nur wenige Menschen Klassik als ihr Lieblingsgenre bevorzugen, bildet sich auch keine große Klassikszene. Dazu kommt noch, dass die ohnehin schon winzige Klassikszene keine Identifikation bietet, die vor allem bei Jugendlichen eine Rolle spielt. Charts bieten auch keine Identifikation und in dem Sinne keine Szene. Beim Thema Charts vs Klassik wären wir wieder bei dem Niveau der musikalischen Leistung oder wie oben gesagt: Klassik ist zu anstrengend.

Ich glaube Alfred hat schon geschrieben, dass Klassik nie als Populärmusik gedacht war und es auch nie werden wird. Dem stimme ich zu.

zatopek

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22

Freitag, 12. März 2010, 18:07

Zitat

Original von Johannes Roehl

Warum ist es überheblich, wenn man Sternchen und Kreaturen der Werbung von professionellen Sängern, die einigermaßen singen können, unterscheidet? Jeder Rockmusik-Fan differenziert zwischen Stefan Raab und Eric Clapton (oder wem auch immer), jeder Comicfreund zwischen Fix&Foxi und Asterix, nur im Falle der "Hochkultur" soll ein Anbiedern an den kleinsten Nenner und eine Akzeptanz von Fake-Künstlern und Kitsch Pflicht sein?



Die bloße Unterscheidung ist mit Sicherheit nicht verwerflich. Aber häufig sind solche Urteile schon sehr abwertend formuliert (und wahrscheinlich auch so gemeint). Nun gut, auch gegen klare Worte wird man nicht viel einwenden können.

Ich gebe nur zu bedenken, dass - ebenso wie in anderen Musiksparten - Klassik nur wird überleben können, wenn sie eine Art Mischkalkulation betreibt, aus Populärklassik einerseits - die das Geld bringt - und "richtiger" Klassik (ein anderer Begriff fällt mir jetzt nicht ein) die eher Geld kostet, weil die Verkaufszahlen nicht so hoch sind.

Gibt es eigentlich das von Kaiser beschworene Bildungsbürgertum noch ? Und wieso soll das Hören klassischer Musik mit einem bestimmten sozialen Status verbunden sein ?

Vielleicht sollten wir unter den Forenmitgliedern eine Untersuchung anstellen, zu welchem sozialen Panel sie sich selber zählen und zu welchem sie tatsächlich gehören. Wäre doch mal interessant zu erfahren, in welcher "Gesellschaft" man sich hier so herumtreibt.

Viele Grüße,

Bernd

John Doe

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23

Freitag, 12. März 2010, 19:11

Zitat

Dito für Bocelli, Wet-T-Shirt-Violinistinnen usw. Ich habe aber noch nie gehört, inwiefern sie zutrifft, nicht einmal anekdotische Belege.


Eine Wet.T.Shirt-Violistin war`s nicht, die mich Ende der 70er zwar nicht auf Klassik gebracht, aber so doch darin bestätigt hat, mich gänzlich auf diese Musikrichtung einzulassen, dafür war´s ein Kinofilm:



Vom damaligen Untertitel "Ein Alprtraum aus Sex, Gewalt und Beethoven" würde er ja gerade noch zu o.g. Dämchen passen, aber das wär´s dann auch schon gewesen, denn musikalische Konstante dieses Films ist Beethovens 9. in der Interpretation mit Ferenc Fricsay in dieser Aufnahme:



:pfeif:

Aber jetzt mal das Anekdotische bei Seite, wenn klassische Musik zu einem Film als Soundtrack hergenommen wird, dann erweckt das meiner Erfahrung nach schon ein gewisses Interesse beim Zuschauer für diese Musik.

So ist "Der Tod in Venedig" dafür verantwortlich, dass in manchem gebildeteren Haushalten eine Mahler 5 herumliegt, wie je"Jenseits von Afrika" gleiches bei Mozarts Klarinettenkonzert bewirkte, "Diva" bei Catalanis "La Wally" und "Excalibur" für Orffs Carmina Burana.

Von Filmen, die sich mit Musiker befassen, wie "Amadeus", "Mit meinen heissen Tränen" (Schubert) und Farinelli ganz zu schweigen, wobei ich aber extra darauf hinweisen möchte, dass für diese Soundtracks nahmhafte Interpretationen hergenommen und nicht irgendwelche Sternchen gehyped werden.

Bei "Caligula" waren es Auszüge aus Chatschaturians Spartacus und Prokofieffs Romeo und Julia, bzw. Cinderella und bei "Shining" Werke von Béla Bartók, György Ligeti und Krzysztof Penderecki, wobei die beiden letzgenannten Filme, sowohl von ihrem Inhalt, als der Musikauswahl etwas zu heavy waren, um für eine größere Verbreitung der als Soundtrack verwendeten Musik zu sorgen.

Zusammenfassend kann man feststellen, dass es gelegentlich auch durchaus anspruchsvollere Klassik schafft, ihre Niesche zu verlassen und für eine Zeit in den Mainstream zu gelangen und zwar mittels Film. In wie weit damit langfristig das Hörverhalten des Zuschauers beinflußt wird, ist eine andere Frage.

Viele Grüße
John Doe

Alfred_Schmidt

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24

Freitag, 12. März 2010, 20:13

Als ich diesen Thread - Joachim Kaiser sei Dank - gestartet habe, war mir nicht bewusst wie interessant er doch werden könnte.
Und nun beginnt er mich sogar zu "fesseln"

Zitat

Ich gebe nur zu bedenken, dass - ebenso wie in anderen Musiksparten - Klassik nur wird überleben können, wenn sie eine Art Mischkalkulation betreibt, aus Populärklassik einerseits - die das Geld bringt - und "richtiger" Klassik (ein anderer Begriff fällt mir jetzt nicht ein) die eher Geld kostet, weil die Verkaufszahlen nicht so hoch sind.


Ich frage mich nur, was unter "Populärklassik" zu rechnen ist, ist as der Gefangenenchor aus "Nabucco" - bearbeitet für die Fischer-Chöre ?
Oder zählt schon Beethovens Sinfonie Nr 5 - ihrer Popularität wegen dazu ? (hier würde ich energisch widersprechn, pupulär sind allenfalls die ersten paar Takte...)
Ich sehe keine Abwertung darin, wenn einige wenige Werke es geschafft haben VIELEN zu gefallen.

"Richtige Klassik" . der Begriff gefällt mir, darüber werde ich einen eigenen Thread starten, denn hier würde die zweifellos interessante Themenstellung den vorgegebenen Rahmen dieses Threds sprengen...


Zitat

Gibt es eigentlich das von Kaiser beschworene Bildungsbürgertum noch ? Und wieso soll das Hören klassischer Musik mit einem bestimmten sozialen Status verbunden sein ?


Zwei Fragen in einem Zitat.
Zunächt zur ersten: Kaiser selbst meint - allerdings - implizit . daß mit dem Niedergang dieser Schicht auch ein wenig von der Bedeutung der Klassischen Musik verloren gegangen ist, hält sich aber eher bedeckt, wenn es um Prognosen geht.
Diese Schicht gibt es meiner Meinung nach nämlich noch durchaus immer, sie ist aber heute durchaus anders zusammengesetzt als man es sich vorstellt. Es gibt den kleinen und mittleren kulturbeflissenen Angestellten´, der an dies Stelle des adeligen Grußgrundbesitzers und des reichen Fabrikanten getreten ist, die Manager von heute sind ja heutzutage meist eher mit Einfalt und Ahnungslosigkeit gesegnet, sie verbergen dies hinter kryptischen Anglizismen, die Bildung wirtschftlicher Art vortäuschen wo oft gar keine ist, und natürlich schon gar keine humanistische. Die Gesellschaft ist hier im Wandel begriffen, Bildung beginnt langsam wieder ihren Stellenwert zurückzubekommen, und einst wird jemand das Dogma verbreiten, daß nur jene Leute imstande wären ein Unternehmen vor roten Zahlen zu bewahren, die Shakespeare gesehen, Kant und Schlegel gelesen und mit Mozart und Beethovens Musik schon im Kindesalter gefüttert wurden. Aber noch ist es nicht soweit.


Zitat

Vielleicht sollten wir unter den Forenmitgliedern eine Untersuchung anstellen, zu welchem sozialen Panel sie sich selber zählen und zu welchem sie tatsächlich gehören. Wäre doch mal interessant zu erfahren, in welcher "Gesellschaft" man sich hier so herumtreibt.


Das halte ich für Forenschädlich.

Wir haben Anonymität auf Wunsch zugesichert - und daran halten wir uns. Ich kann auch nur andern Forianern raten, nicht allzu offenherzig mit persönlichen Daten umzugehen, es macht sie verletztlich und angreifbar. Ich bin diesen Weg zwar gegengen - würde es aber heute nicht mehr tun.....

Ich kann nur sagen, daß dieses Forum sehr gut gemischt ist, Angestellte, Beamte, Hausfrauen, Lehrer, Universitätsproffessoren, Ärzte, Musiker, Instrumentenbauer, Publizisten, Buchhändler, Hifi-Spezialisten, Rechtsanwälte, Adel und Hochadel, Politiker, Manager... und etliche mehr ...und von manchen weiß auch ich nichts näheres.

Ich glaube persönlich, daß wenn gewisse Kreise unser Musik als "uncool" bezeicnen, und uns auf ihre Art und Weise diskriminieren, wir mit dem gleichen Recht das Selbein umgekehter Richtung tun durfen. Und wenn mich jemand als "arrogant" bezeichnet, dann liegt er wahrscheinlich mit seiner Einstufung meiner Person nicht ganz daneben, wenn gleich ich auch durchaus umgänglich sein kann. ;)

Daß die klassische Musik bessere Chancen hat, wenn sie sich aus den Klauen der sogenannten "Musikindustrie" befreit , das halte ich für eine unleugbare Tatsache - aber dieser Prozess ist derzeit ohnedies im Laufen.....

mfg aus Wien

Alfred

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25

Freitag, 12. März 2010, 21:22

Zitat

Original von zatopek

Zitat

Original von Johannes Roehl

Warum ist es überheblich, wenn man Sternchen und Kreaturen der Werbung von professionellen Sängern, die einigermaßen singen können, unterscheidet? Jeder Rockmusik-Fan differenziert zwischen Stefan Raab und Eric Clapton (oder wem auch immer), jeder Comicfreund zwischen Fix&Foxi und Asterix, nur im Falle der "Hochkultur" soll ein Anbiedern an den kleinsten Nenner und eine Akzeptanz von Fake-Künstlern und Kitsch Pflicht sein?


Die bloße Unterscheidung ist mit Sicherheit nicht verwerflich. Aber häufig sind solche Urteile schon sehr abwertend formuliert (und wahrscheinlich auch so gemeint). Nun gut, auch gegen klare Worte wird man nicht viel einwenden können.


Sie sind bei mir auch als wertend gemeint. Aber ich will ja die Personen, die Potts hören, nicht als Menschen abwerten, weil Pavarotti singen kann und Potts jedenfalls nicht so wie ein Profi-Solist. Auch nicht Potts als Mensch, der seine Viertelstunde Berühmtheit kriegt. Allerdings muss ich zugeben, dass das System der gegenwärtigen Unterhaltungsindustrie mir schon sehr zuwider ist (Pocher wiederum schlimmer als der arme Potts) und ich es auch als ein "Verdummungsinstrument" im weiten Sinne auffasse.

Zitat


Ich gebe nur zu bedenken, dass - ebenso wie in anderen Musiksparten - Klassik nur wird überleben können, wenn sie eine Art Mischkalkulation betreibt, aus Populärklassik einerseits - die das Geld bringt - und "richtiger" Klassik (ein anderer Begriff fällt mir jetzt nicht ein) die eher Geld kostet, weil die Verkaufszahlen nicht so hoch sind.


Klassik wird seit jeher größtenteils aus öffentlichen Mitteln gezahlt.
Ich wollte beliebte Arien, Ouverturen usw. keineswegs aus der "richtigen Klassik" rauswerfen. Aber wenn sie, wie bei Bocelli gemeinsam mit Schlagern wie Time to say goodbye ? auftauchen und von Sängern, die unverstärkt höchstens für zweite Reihe Chor geeignet werden dargeboten werden, ist das eben noch eine Stufe weiter von ihrem ursprünglichen Kontext etwa in einer Oper entfernt als bei dem gewöhnlichen Recital eines Opernsängers.

Zitat


Gibt es eigentlich das von Kaiser beschworene Bildungsbürgertum noch ? Und wieso soll das Hören klassischer Musik mit einem bestimmten sozialen Status verbunden sein ?


Darüber habe ich nichts gesagt. Das Bildungsbürgertum als greifbare Schicht gibt es schon seit 70 Jahren nur noch rudimentär.
Die Familie, die ich oben, als ich den Musikunterricht erwähnte, im Blick hatte, gehört zur normalen Mittelschicht, er ist BWLer, was er genau macht, weiß ich nicht, sie ist Lehrerin an einer Berufsschule. Sicher finanziell solide abgesichert, aber unprätentiös, keine Alteingesessenen, bei denen schon der Uropa Arzt oder Anwalt war und daher die Tradition fortgeführt werden muss. Ganz normale Leute, die vermutlich gar nicht viel Klassik hören (allerdings, glaube ich, beide als Jugendliche im Schulorchester gespielt), aber die Kinder (ca. 8 u. 10) lernen beide seit ein paar Jahren ein Instrument.

Zitat


Vielleicht sollten wir unter den Forenmitgliedern eine Untersuchung anstellen, zu welchem sozialen Panel sie sich selber zählen und zu welchem sie tatsächlich gehören. Wäre doch mal interessant zu erfahren, in welcher "Gesellschaft" man sich hier so herumtreibt.


ich selbst
finanziell: untere Mittelschicht
bildungsmäßig: elitär (Top 1%) ;)

aber wie Alfred zu Recht meint, sollte man hier die Anonymität wahren.

:hello:

JR
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Travinius

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26

Freitag, 12. März 2010, 21:24

Zitat

Original von teleton
ich hatte Dein Avatar-Bild direkt erkannt (vielleicht bin ich der Erste, dem das auffällt).

Ganz sicher nicht... :D Das ist auf jeden Fall eine seiner stärksten Rollen, finde ich...


Aber deshalb antworte ich nicht.

Heute waren meine Frau und ich unterwegs, weil zwei große neue Filialen einer großen Elektronik-, CD- und DVD-Kette mit riesigem Bohei vor kurzem eröffnet haben (einer in Neuss vergangenen Monat, und einer in Düsseldorf gestern).

Ok, mag man sagen, Düsseldorf-Flingern ist nicht das Hauptzielgebiet der Klassikvermarktung... direkt hinter dem Laden liegt die berühmte 'Kiefernstraße' - für Auswärtige: vergleichbar der Hamburger Hafenstraße in den 80er- und 90er-Jahren.
Aber andererseits werben die mit zahllosen kostenlosen Parkplätzen und sprechen eindeutig auch Kunden aus anderen Gebieten Düsseldorfs und Umgebung an. Und Neuss hat ein neues Einkaufszentrum aus dem Boden gestampft, das alle Zielgruppen anlocken soll.

Warum erzähle ich das?

Wir haben einen Blick auf die... das Wort traut man sich kaum in den Mund zu nehmen: Klassikabteilung zu werfen. Was soll ich sagen: ein Debakel. 'n Meter NAXOS, 'n Meter Komponisten (Motto: Bach, Beethoven und B diverse), und 'n Meter Interpreten und Compilationen (darunter noch erkleckliche Anteile von Andre R***, dessen Namen ich nicht in den Mund nehme). Das ist alles. Absoluter Mist.
Und in Neuss kam dazu, dass man so dermaßen laut mit irgendwelchem Schlagergedröhn zugetextet wurde (nicht mal 'anständige' Popmusik), dass man nicht nur in nichts reinhören konnte (besagte Kette hat ja Terminals mit Kopfhörern und Samples), sondern sich nicht mal unterhalten konnte. Unter den Boxen, in der DVD-Abteilung, konnte man sich nicht mal aufhalten, weil das körperliche Schmerzen bereitet.

Das ist die Bedeutung der Klassik in der Öffentlichkeit: es gibt prinzipiell keine! Manche haben Glück, wie hier im Rheinland, dass es in Düsseldorf und Köln noch je einen Laden mit vernünftigen Preisen und Riesenauswahl gibt (interessanterweise zur selben Kette gehörig), aber ansonsten wird man mit sowas beleidigt!

Ich möchte meine Klassik nicht nur online kaufen, ich möchte mit einem Verkäufer klönen können, die CDs in die Hand nehmen, bequen reinhören in die echte CD, nicht in irgendwelche verrauschen Samples! Was war der JPC-Laden in Münster seinerzeit nett! Oder der in Hamburg! Alles weg!

Das ist ein Circulus Vitiosus: mit der sinkenden Nachfrage werden die Waren aus den Läden genommen und damit generiert man immer weniger Nachfrage.

Natürlich stirbt die Klassik nicht aus! Es gibt gottseidank immer nachwachsende junge Menschen, die diese Musik für sich entdecken.

Aber aus dem breiten Bewußtsein wird sie sich mehr und mehr zurückziehen.

Was habe ich schon erdulden müssen, weil mir eine Disco körperliche Schmerzen bereitet. Alle Kollegen sagten: Du verpaßt was. Nein! Verdammt noch mal: NEIN! Ich habe nichts verpaßt - außer One-Night-Stands im Disco-Fieber vielleicht! Mir fehlt nichts! Ich bin GLÜCKLICH mit meiner Musik. Sie befriedigt mich emotional! Das schafft bei meiner perversen Psyche eben kein Schlager und kaum Popmusik (ich sage bewußt nicht: keine - denn es gibt durchaus welche. Ich achte viel auch in der Popularmusik und liebe weniges).

Aber sehen wir der Sache ins Auge: wir sind Freaks, und jeder, der uns darob belächelt oder offen auslacht, wird in der Öffentlichkeit immer Recht bekommen, denn was richtig oder falsch ist, bestimmti die Mehrheitsdiktatur.

Man braucht schon eine verdammt starke Psyche, um zu seiner klassischen Musik zu stehen.

Mir hat diese Liebe viel sozialen Kummer bereitet und viel von meinem Selbstbewußtsein untergraben.
LuciusTravinius Potellus

Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety. (B.Franklin)

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27

Freitag, 12. März 2010, 21:30

Zitat

Original von John Doe

Zitat

Dito für Bocelli, Wet-T-Shirt-Violinistinnen usw. Ich habe aber noch nie gehört, inwiefern sie zutrifft, nicht einmal anekdotische Belege.


Eine Wet.T.Shirt-Violistin war`s nicht, die mich Ende der 70er zwar nicht auf Klassik gebracht, aber so doch darin bestätigt hat, mich gänzlich auf diese Musikrichtung einzulassen, dafür war´s ein Kinofilm:



[...]

So ist "Der Tod in Venedig" dafür verantwortlich, dass in manchem gebildeteren Haushalten eine Mahler 5 herumliegt, wie je"Jenseits von Afrika" gleiches bei Mozarts Klarinettenkonzert bewirkte, "Diva" bei Catalanis "La Wally" und "Excalibur" für Orffs Carmina Burana.


In manchem gebildeteren Haushalt liegt hoffentlich auch Mahler 5 ungeachtet des Tod in Venedig herum. Man sollte bedenken, dass eine Reihe der genannten Filme ja ebenfalls ziemlich anspruchsvoll sind und nicht unbedingt dasselbe Publikum ziehen wie "Otto - der Film" oder x sucht den Superstar ;)

Zitat


Von Filmen, die sich mit Musiker befassen, wie "Amadeus", "Mit meinen heissen Tränen" (Schubert) und Farinelli ganz zu schweigen, wobei ich aber extra darauf hinweisen möchte, dass für diese Soundtracks nahmhafte Interpretationen hergenommen und nicht irgendwelche Sternchen gehyped werden.


Amadeus mag eine Ausnahme sein. Aber die anderen dürften wohl eher ein Publikum anziehen, das sich ohnehin schon für Musik/Musiker interessiert.

Zitat


Bei "Caligula" waren es Auszüge aus Chatschaturians Spartacus und Prokofieffs Romeo und Julia, bzw. Cinderella und bei "Shining" Werke von Béla Bartók, György Ligeti und Krzysztof Penderecki, wobei die beiden letzgenannten Filme, sowohl von ihrem Inhalt, als der Musikauswahl etwas zu heavy waren, um für eine größere Verbreitung der als Soundtrack verwendeten Musik zu sorgen.


Und es sind alles richtige Stücke in normalen Interpretationen (außer einer Synthie-Version in Clockwork orange, wo aber jedenfalls die originalen Versionen dominieren).
Du hast sicher recht, dass Filme ein wichtiger Verbreitungsfaktor sind. Aber ich sehe Originalmusik in vergleichsweise anspruchsvollen Filmen noch etwas anders als Britain sucht den Superstar oder die leichtgeschürzte Vanessa Mae mit Synthiebegleitung.

:hello:

JR
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John Doe

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28

Sonntag, 14. März 2010, 09:38

Was spricht eigentlich gegen Klassik?

Hallo Johannes,

das Film-Beispiel habe ich deswegen angeführt, weil ich die Beobachtung gemacht habe, dass Klassik gar nciht so "out" ist innerhalb der Gesellschaft, dass dort doch ausreichend Potential vorhanden wäre, bezüglich der Klassik getrost in die Zukunft blicken zu können.

Das Problem ist nur, dass der potetielle Klassikhörer einen Anstoß braucht, der deutlich genug ist, ihn seine diversen Vorurteile gegenüber der E-Musik überwinden zu lassen, wobei ein Film dafür vorzüglich geignet sein kann.
Sich dann über ein Werk schlau zu machen, sich zu informieren, von wem der Soundtrack stammt und welches Orchester ihn gespielt hat, ist nicht mehr so das Problem, da gibt es zwischenzeitlich genügend Filmseiten im Netz, die diese Fragen beantworten.

Dass klassische Musik im Augenblick eher einen schlechten Stand hat, liegt meines Erachtens doch sehr in den Vorurteilen, die der Nicht-Klassikhörer ihr gegenüber hat und in ihrer Selbstdarstellung, die teilweise so mies ist, dass sie so manches Vorurteil wieder bestätigt.
Und dass selbstverständlich hier und heute niemand ein Interesse hat, daran irgend etwas zu ändern.

Meines Erachtens sollten wir einmal Argumente zusammentragen, die gegen klassische Musik sprechen und selbige dahingehend untersuchen, welche auf Vorurteilen resultieren, an welchen was dran ist und an welchen nicht und unsere Bereitschaft dahingehend überprüfen, ob wir diesbezüglich überhaupt etwas geändert haben wollen oder ob wir im Grunde unseres Herzens mit gewissen Aspekten der jetzigen Situation durchaus zufrieden sind. D.h. einer Elite anzugehören ist zwar ganz schön, wenn selbiger aber der Nachwuchs ausgeht dann wird es halt eng auf der Baustelle, dann verwandelt sich der Elfenbeinturm ganz schnell in einen aus edlem Material errichteten Turmkerker.

Viele Grüße
John Doe
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29

Sonntag, 14. März 2010, 11:27

RE: Was spricht eigentlich gegen Klassik?

Zitat

Original von John Doe
das Film-Beispiel habe ich deswegen angeführt, weil ich die Beobachtung gemacht habe, dass Klassik gar nciht so "out" ist innerhalb der Gesellschaft, dass dort doch ausreichend Potential vorhanden wäre, bezüglich der Klassik getrost in die Zukunft blicken zu können.


Dass Klassik nicht so "out" ist, sehe ich wie angedeutet, durchaus ähnlich. Nur schien mir schon der Hinweis wichtig, dass Klassik in einem "Bildungsbürgerfilm" wie TiV nicht unbedingt zu einer Verbreitung über diejenigen hinaus beiträgt, die mit der Musik ohnehin schon einigermaßen vertraut sind.

Zitat


Dass klassische Musik im Augenblick eher einen schlechten Stand hat, liegt meines Erachtens doch sehr in den Vorurteilen, die der Nicht-Klassikhörer ihr gegenüber hat und in ihrer Selbstdarstellung, die teilweise so mies ist, dass sie so manches Vorurteil wieder bestätigt.
Und dass selbstverständlich hier und heute niemand ein Interesse hat, daran irgend etwas zu ändern.

Meines Erachtens sollten wir einmal Argumente zusammentragen, die gegen klassische Musik sprechen und selbige dahingehend untersuchen, welche auf Vorurteilen resultieren, an welchen was dran ist und an welchen nicht und unsere Bereitschaft dahingehend überprüfen, ob wir diesbezüglich überhaupt etwas geändert haben wollen oder ob wir im Grunde unseres Herzens mit gewissen Aspekten der jetzigen Situation durchaus zufrieden sind. D.h. einer Elite anzugehören ist zwar ganz schön, wenn selbiger aber der Nachwuchs ausgeht dann wird es halt eng auf der Baustelle, dann verwandelt sich der Elfenbeinturm ganz schnell in einen aus edlem Material errichteten Turmkerker.


Es liegt also am schlechten "Marketing"?
Das verstehe ich nicht so recht. Ich bin allerdings ebenfalls der Ansicht, dass wir es mit einer schizophrenen Situation zu tun haben. Wir haben da schon etliche Male in anderen threads drüber diskutiert, leider finde ich gerade nichts Einschlägiges.

Einerseits ist Klassik so problemlos zugänglich wie kaum je zuvor: Radio, preiswerte Tonträger oder downloads gar für umsonst, kein Krawattenzwang, die Musik ist präsent in Filmen, Werbung, oder eben als "Populärklassik" usw. Da ist einem gar nicht klar, was noch für Hürden abgebaut werden müssten. Noch mehr Häppchen a la Klassikradio kann kaum die Lösung sein, da man sich letztlich klarmachen muss, dass man bei derartiger Konsumption das wesentliche der Kunstmusik fast immer verfehlen wird. Da wird die Klassik immer den Kürzeren gegen Populärmusik ziehen.

Andererseits kann man jedoch nicht bestreiten, dass, obwohl oberflächliche Hindernisse nicht mehr bestehen, vielleicht tiefliegende Aspekte unserer Gesellschaft "klassikfeindlich" sind: Reizüberflutung, Zapping-Rezeptionshaltung, die die Aufmerksamkeitsspanne auf wenige Minuten reduziert, mangelhafte kulturelle Bildung an allgemeinbildenden Schulen, eine alles verschlingende Unterhaltungsindustrie mit einer auch in öffentlich-rechtlichen Medien dominante Popkultur. Wenn die Top-Meldung des Tages ist, dass Lena "uns" in Oslo repräsentiert, kann ich eigentlich nur noch... :kotz:
Gewiß gibt es noch einzelne Freiräume, aber die totalitäre Dominanz der Popkultur scheint mir doch wesentlich zugenommen haben, seit meiner Kindheit/Jugend in den 1980ern.
Viele dieser (in meinen Augen) Mißstände fallen aber offenbar gar nicht als solche auf, bzw. sind von den bestimmenden Schichten oder Gruppen vielleicht durchaus erwünscht (das Opium des 21. Jhds. eben).
Frag mich jedenfalls nicht nach einer Lösung, die ohne Zweckentfremdung von Laternenpfählen oder andere tiefgreifende gesamtgesellschaftliche Veränderungen auskommt... ;)

:hello:

JR
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WolfgangZ

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30

Sonntag, 14. März 2010, 13:10

Hallo, Ihr Lieben!

Wenn ich mich mit Kollegen, Freunden, Bekannten - und natürlich auch Bekanntinnen - bisweilen etwas intensiver unterhalten kann und wir auf Musik zu sprechen kommen ... dann sprechen wir von Musik, so wie wir von "Literatur" sprechen, wenn wir von Literatur sprechen, also von Walter von der Vogelweide, von Goethe, von Thomas Mann, von Martin Walser, Erich Fried oder von Tanja Kinkel.

Ich weiß schon, warum das so ist, aber ich möchte es wieder einmal ablehnen, hier immer von "Klassik" zu sprechen, ja es hängt mir zum Hals heraus.

Sind wir nicht selber schuld an einer völlig sinnlosen Schublade, die uns zu solchen Threads zwingt, ganz gleich, ob wir lieber herausgehoben sein wollen - der Begriff "Klassik" hebt aber nicht heraus, sondern verwischt, simplifiziert, sagt überhaupt nichts - oder ob wir gerade nicht herausgehoben werden wollen - dann ja erst recht !?

Ist es nicht auch unsere Schuld, wenn auf einem Konzertplakat zu lesen ist: Zigeunerensemble - Elemente des Gipsy, Flamenco, der Klassik, des Jazz, Fado, Scat ?? Was soll das??

Wenn wir über Musik sprechen, sie werten, uns berühren lassen, sie analysieren, uns mitreißen lassen, brauchen wir dann diesen Begriff? Wozu brauchen wir ihn?

:hello: Wolfgang
Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!