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Dr. Holger Kaletha

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61

Samstag, 15. Mai 2010, 00:37

RE: Schubert & Liszt : Eine Annäherung .

Lieber Frank,

ich habe vorhin "von der Quelle" die Information bekommen, welche Schubert-Werke Liszt gespielt hat. Er hat in der Tat öfters die Sonate B-Dur D 960 aufgeführt, um die es hier geht. Ebenso die große a-moll Sonate (D 845), die Wandererfantasie, auch immer wieder Schuberts Impromptus und diverse Walzer - dann natürlich seine Liedtranskriptionen. Zu seinem Repertoire gehörte auch Beethovens Hammerklavier-Sonate (op. 106). Nach eigenen Angaben brauchte er für die Aufführung 60 (!) Minuten - zum Vergleich: Gulda 35 Min. und Arrau 45 Min. Von Zeitzeugen wird berichtet, daß seine Interpretation beeindruckend schön gewesen sein muß.

Klara Wieck-Schumann dachte wohl sehr professionell und pragmatisch - auf ihrer Rußland-Konzerttournee, wo sie Schumann begleitete, hat sie auch kein einziges Werk von ihm gespielt! Finanziell war die Reise ein großer Erfolg, aber für Schumann als Komponist verständlicher Weise ziemlich deprimierend.

ABM hochhaltend - beste Grüße
Holger

Frank Georg Bechyna

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62

Samstag, 15. Mai 2010, 09:35

Liszt und seine Tempi .

Lieber Holger :

Dass Liszt in seiner zeit nachdem er als reisender Klaviervirtuose abgedankt hatte ( um 1852 / 1853 ) zunehmend langsamer gespeilt haben soll wird oft berichtet ( so auch von seinem vielleicht bedeutesten Schüler Alexander Siloti ) .

Es wäre natürlich doch aufschlussreich , wen wir eine Aufnahme kennenlernen könnten, die wirklich dermassen langsam gespielt worden wäre .
Claudi arraus Interpretation ( Philips , Beethoven : GA ) als Basis nehmend , kann ich mir eine Gesamtdauer von 1 Stunde nicht vorstellen .

Andererseits gibt es die gesicherten Überlieferungen über die Tempi , dei Chopin in seinen wenigen Konzerten gewählt hatte . Auch da sollen grosse Unterschiede bestanden haben .

Seltsam, dass in den beiden Schubert - Handbüchern kein Wort über Liszts Interpretation der Klaviersonate B - Dur D 960 zu finden ist .

Zu Michelaangeli : Es gibt ja nicht wenige grosse pianisten, die Werke öffentlich gespielt haben, aber einer Aufnahme oder gar einer Veröffentlichung nicht zugestimmt haben .
ich habe immer die meinung vertreten, dasses künstlerisch ehrlicher ist, sich auf bestimmt Kompositionen mit der veröffentlichung zu beschränken , statt möglichst alles aufzunehmen .
ABM gehörte zu den Seriösen - natürlich .

Bei Opus 111 von beethoven bin ich auch der meinung, dass wir im zweiten Satz durchaus eine Entwicklung , eine neue Sicht auf das Werk in der Interpretation durch Michelangeli hören können .

( Am Rande . 2006 soll es rund 200 verschiedene Aufnahmen von Opus 111 gegeben haben . )

Beste Grüsse


Frank
Frank Georg Bechyna
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Gustav

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63

Dienstag, 29. Juni 2010, 19:24

Kempff 1967 live

Lieber Frank!

Dankenswerterweise hast du es mir ja ermöglicht, D 960 ausgiebig vergleichend hören zu können. In loser Folge möchte ich nun einmal meine Eindrücke der verschiedenen Interpretationen darlegen.

Zunächst auch noch einmal ein Danke für das Bereitstellen des Schubert - Textes von Manfred Zelenka. Sehr informativ und mit viel Liebe geschrieben - ein wirkicher Genuss, aber auch ein Text, der mir unglaublich weiter gehelfen hat.

Ich glaube FiDi hat einmal gesagt, dass die Lieder Schuberts eigentlich immer "Wanderlieder" seien. Und genau diese Bewegung, dieses Vorwärtsstreben, dieses im Leben Vorankommen, dieses zunächst unaufhaltsam Weitermachende habe ich bei Kempff gefunden. Er ist ja nicht hastig im 1. Satz, er geht/wandert auch nicht unaufhörlich im gleichen Tempo voran, aber er bewegt sich so, wie ein Leben eben auch durchmessen wird.

Und im 2. Satz gab es dann für mich die faszinierenden Momente, in denen die Musik fast zum Stillstand kam, um dann das darauf einsetzende Thema fast hysterisch, angsterfüllt sich zuspitzen zu lassen. Hier finde ich nicht die Idylle, die vielleicht auch im 2. Satz vorhanden ist, sondern eher das Bewusstsein, dass mit der Ruhe, mit dem Stillstand die Angst kommen kann, die Gedanken, die Schatten, die man so gerne vertreiben möchte.

Und folgerichtig klang für mich der dritte Satz eher zwanghaft heiter, mehr gewollt, mehr Pose, mehr Selbstberuhigung und Selbstbetrug.

Und erst im Schlusssatz dann die Akzeptanz, das Zusammenführen all der bewussten und unbewussten Strömungen, die ihn bewegen, hin zur Auf- und Erlösung.

Somit gab es für mich auch keinen Bruch zwischen den Sätzen 1/2 und 3/4. Die Klammer ist da.

Insgesamt eine ausgesprochen schöne Interpretation, die an vielen Stellen wunderbar in die Tiefe geht, ohne aber den großen Bogen, eben die Wanderbewegung zu vergessen.

:hello: Gustav
"Gesegnet sei der Gott, der den Frühling und die Musik erschuf." R. Wagner

Frank Georg Bechyna

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64

Dienstag, 29. Juni 2010, 22:34

Kempff 1967 live & Schubert D 960 BBC Legends

Lieber Gustav :


Ich hatte 2006 / 2007 mit " Zelenka " oft und ausführlich über auch diese Interpretation durch Wilhelm Kempff persönlich diskutiert .

Wer Kempff im Konzert erlebt hat, der wird sich den Meinungen von Alfred Brendel nicht entziehen können .

Etwa so können wir auch Kempffs grosser Kunst - etwa in Schumanns ' Papillons Opus 2 oder der ' Kreisleriana' Opus 16 sowie dem späten Brahms , Opp. 116 - 119 - uns kaum entziehen .

Anders höre ich Wilhelm Kempffs vergleichbare Studioaufnahmen .

Beste Grüsse


Frank

PS.: Deine Analyse der B - Dur - Sonate D 960 halte ich für zutreffend .
Danke sehr für Deinen Beitrag hier zu einem der wichtigen Artikel
in Sachen Franz Schubert !
F.
Frank Georg Bechyna
Musik & Medizin

Frank Georg Bechyna

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65

Mittwoch, 30. Juni 2010, 17:50

Subektivitäten ?

Lieber Gustav :


Nachzutragen bleiben für mich zwei grundsätzliche Fragen :

(1) Welche Faktoren lassen uns eine Entscheidung zugunsten

für eine Studioproduktion bzw. einen Konzertmitschnitt

treffen ?

( Hier am Beispiel von Wilhelm Kempff ) ;


(2) Welche Faktoren sind in uns , um auch eine vielleicht nicht

so berühmte bzw. bekannte Interpretation persönlich weit

in den Vordergrund zu stellen ?

( Hier am beispiel der Aufnahmen durch Imogen Cooper ) .


Beste Grüsse

Frank
Frank Georg Bechyna
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Gustav

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66

Mittwoch, 30. Juni 2010, 20:33

Re: Subjektivitäten

Lieber Frank!

Deine erste Frage ist, für mich jedenfalls, recht einfach zu beantworten.

Egal in welchem musikalischen Bereich, ich ziehe die live - Aufnahme eigentlich immer dem Studioergebnis vor, da sie viel stärker den Moment der Wahrheit enthält. Hier tritt ein Künstler an, der mit allen Fährnissen auch seiner eigenen Person (Lampenfieber, Emotionalität, Gesundheit etc), zu kämpfen hat und dies nicht mehr korrigieren kann. Eben der Moment der Wahrheit, ungeschminkt, ehrlich. Live geht es auch um Risiken, denen mögliches Scheitern mitgegeben ist, die aber eine ganz andere Verbindung zwischen Künstler, Kunstwerk und Publikum schaffen können. Künstler, die im Sinne eines gemeinsamen Interesses (Präsentation eines Kunstwerkes) eine Gratwanderung eingehen, können eine solch intensive, geradezu intime Beziehung zum Publikum aufbauen, die spürbar und hörbar ist und nie und nimmer im Studio zu erzielen ist.

Deine zweite Frage ist aber durchaus schwieriger. Zunächst einmal muss man unbekanntere Interpretationen ja überhaupt erst einmal kennen lernen. Dann muss man natürlich auch überhaupt Ahnung von dem Sujet haben, um das Ergebnis beurteilen zu können. Und da kommen dann die persönlichen Aspekte hinzu: Traue ich mir eine Meinung jenseits des Mainstreams zu? Traue ich mir überhaupt eine eigene Meinung jenseits der Medien zu? Habe ich so viel eigenes Standing, diese Meinung auch weiterhin zu verteidigen? (Es gibt ja übrigens auch den Fall, dass Menschen alles toll finden, was eben nicht Mainstream ist. Eine ebenso armselige Haltung wie das Hinterherlaufen großer Namen.) Bin ich überhaupt neugierig auf Neues, Unbekanntes? Bin ich mit so viel Herzblut dabei, dass ich bereit bin, mich immer wieder auf neue Wege zu begeben? Oder bin ich auch irgendwann zufrieden?

(Ganz pragmatisch auch die Frage: Habe ich so viel Geld/Platz/Zeit/Möglichkeit viele neue Aufnahmen zu erwerben, zu lagern, zu hören, zu kaufen?)

Sehr interessante Fragen, in der Tat. Letzten Endes muss man auch als Hörer Risiken eingehen wollen, sich darauf einlassen bereit sein. Nur dann kann man Neues, Aufregendes entdecken. Auch wenn man in vielen Fällen scheitert.

:hello: Gustav
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Gustav

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67

Mittwoch, 30. Juni 2010, 20:55

Haskil 1957 live

Heute habe ich mit Haskil, Horowitz und Lacic weitergemacht.

Bei Haskil fiel mir ein Zitat von Menuhin ein:

Es gibt keine Grenze zwischen Süße und Sentimentalität, man darf sie nur nicht überschreiten.

Die Gefahr besteht bei Haskil nicht, fast ist sie mir ein wenig zu weit von der Süße entfernt, die eben zu Schubert auch gehört.

Faszinierend das fast choralartig gespielte Thema des ersten Satzes, das damit eine ganz andere Dimension in das Stück hineinbringt. Und dann das keck - freche, aufmüpfige Spiel gegen diesen "Choral", etwas was die Haskil durchhält, bis sie sich dann erst im 4. Satz "ergibt". Und auch hier wieder das "Wandern" durch die ganze Sonate hindurch, wenn auch ohne jeglichen sentimentalen "Naturtouch", eben ganz das Existenzielle darstellend.

Ich bin ja nun eigentlich ein hemmungsloser Horowitz - Fan, aber mit dieser Sonaten - Interpretation (späte Aufnahme bei der Grammophon) habe ich größte Probleme. Horowitz wandert nicht stetig durch das Leben, sondern hüpft eher wie ein Spaziergänger im Sumpf von trockener Stelle zu trockener Stelle. Er reiht vermeintlichen Höhepunkt an Höhepunkt, donnert mir zu häufig viel zu stark mit seiner linken Hand in das Geschehen hinein (da geht der Affe mit ihm durch), schafft es aber nicht, eine große Linie zu finden.

Und das vermisse ich bei Lazic auch. Sehr schöner Ton, schön gespielt, aber der Bogen fehlt, die Perspektive, die ein Stück zusammen hält.

Möglicherweise sind aber Horowitz und Lazic die moderneren Interpreten. Vielleicht ist es ja doch ein Zeichen unserer Zeit, dass ein festgefügtes philosophisches System nicht mehr allgemeingültig besteht. Und dass Menschen von daher, sich eher von Moment zu Moment im Leben weiterhangeln und weniger den Blick auf das Ganze noch haben.

(Ein Eindruck, den ich in der Oper bei der "Bewältigung" von Arien immer wieder habe. Die Sänger kämpfen sich von Ton zu Ton, haben aber nicht mehr das im Blick, was die Callas in etwas einmal so, ganz lapidar, ausdrückte: Eine Arie hat einen Beginn, einen Höhepunkt und ein Ende. Und ich galube, gerade das ist es. Man muss zu Beginn wissen, wo es hingeht und was dem allen zu Grunde liegt.)

Und das gilt wohl auch für die Bewältigung von solchen Sonaten. Wissen wo ich hin will und erahnen, welches Band das Werk zusammenhält. Und das fehlt mir bei Horowitz und Lazic, aber ich finde es bei Kempff und Haskil.

Aber meine Entdeckungsreise geht ja noch weiter.

:hello: Gustav
"Gesegnet sei der Gott, der den Frühling und die Musik erschuf." R. Wagner

Frank Georg Bechyna

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Mittwoch, 30. Juni 2010, 21:56

Haskil ; Horowitz ; Lazic : D 960

Lieber Gustav !


CLARA HASKILS zebrechlicher und doch so fest in seiner Architektur wirkender Schubert gehört wohl zu den Aufnahmen, die auch dann sehr nachdenklich machen sollten, wenn wir zuvor ein ganz anderes , falsch überkommenes Schubert - Bild hatten .
Matthias Konrnemann hat in seiner besprechungsreihe von " The Great Pianists of the Century " im Heft 03 / 1999 einen kurzen , sehr einfühlsamen Beitrag zu ihrer Interpretation verfasst . MK zeichnete einen Zusammenhang auf zwischen Haskils eigener Biographie und ihrer Interpretation dieser letzten Schubert - Klaviersonate in B - Dur .

Selbst unter den vielen mir zugänglichen Aufnahmen und Konzertmitschnitten halte ich diese Aufnahme für geradezu prägend .


VLADIMIR HOROWITZ ist mit dieser Klaviersonate D 960 bekanntlich quer durch die USA gereist, um die Reaktionen des Publikums zu erleben . Entsprechend ist das Ergebnis : Alles ist künstlich , fremd und befremdend . Die berühmten Horowitz - Bässe geraten hier zu einem reinen Störfaktor .
Horowitz ist , gemessen an seine berühmten EMI - Aufnahmen ab etwa 1930 mit Schumann , Liszt oder Rachmaninov , hier an sich und seinem unorganischen " Forscherdrang " nicht einmal auf hohem Niveau gescheitert .


LAZICs Interpretation verdanke ich selbst einem Hinweis von " Zelenka " aus 2006 . Diese interpretation hat einen natürlichen, schönen Klavierton . Nichts wirkt maniriert . Aber es fehlt dann in der Gesamtschau auf diese aufnahme im Vergleich zu den von mir ( aber auch zu dem grössten Teil von " Zelenka " ) favorisierten Aufnahmen
wie selbstverständlich klingende Werkwiedergabe .
Dies hat sich auch nach einem nochmaligen Hören 2010 gegenüber 2006 7 2007 nicht geändert .

Die Reise in das innere der komposition bleibt auch dann immer neu iund faszinierende , wenn wir die Sonate zigmal gehört hatten und nun neu im Sinne eines neuen Nacherlebens analysieren und auf uns wirken lassen .

Beste Grüsse


Frank
Frank Georg Bechyna
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69

Mittwoch, 30. Juni 2010, 22:37

Risiken des Musikerlebens .

Lieber Gustav :


Der zweite Absatz Deiner Ausführungen hat , Du weisst dies aus Deiner Besprechungsreihe " Maria Callas - live " ( hier im Tamino-Klasssikforum.at ) meine volle zustimmung .
manche " experten " fliehen in eine für die meisten nicht mehr erreichbare Tonträger-Vergangenheit , in dem sie auf Aufnahmen verweisen , die man üblicherweise nicht ( mehr ) bekommen kann .
Ander flüchten sich in eine HIP - Subkultur ohne bedeutende Interpretationen nur kennenlernen zu wollen .

Deine Aufnahme des Pragmatamismuses ( geld - vor allem , Zeit , Raum ) in Zusammenhnag mit Musierkunden und Musikhören war und bleibt ein zentrales Thema . Ich bin daher sehr gut gefahren , mir von Kennern Empfehlungen geben zu lassen , welche Aufnahme(n) diese
etwa an meiner Stelle kaufen würden . Besser noch : Sie selbst .

Sogennnate " herrschende Meinungen " ( vergleichbar denen in der Rechtsprechung oder juristischen Fachliteratur ) haben mich im Falle des eigenen zugangs zur Musik n i e irritieren und lenken können .
Diese " herrschenden Meinungen " - auch in der Humanmedizin - unterliegen jedenfalls in unserem Fach oft einer sehr rasanten , überraschenden Entwicklung .

Als " Zelenka " seine Aufsatz über Franz Schuberts Klaviersonate D 960 verfasst hat schrieb er doch auch nachdenklich bezüglich der sog. Neufnahmen zwei , drei kluge , kenntnisreiche Sätze . Seit seiner eigene möfglichkeit , diese Neuaufnahmen noch erleben zu können, hat sich meiner Meinung nach keine Interpretation dem erfahrenen Hörer aufgedrängt .

Du kannst dies in meinem konkreten fall in den guten Blättern nachlesen wie auch heute eher zeitgemäss bei Facebook.com nachlesen, dass ich nur noch zu Aufnahmen etwas schreibe, wenn das Thema allgemein lohnt oder auch der Vorautor mich dazu anregt oder auffordert .

Sehr hilfreich erweisen sich dabei meine kontakte etwa in Sachen Klaviermusik zu dem Russischen rundfunk St. Peterburg oder dem Russichen rundfunkt Moskau . Hier habe ich seit 1994 so viele hilfen bekommen, die wir in der Kultusbürokratie Deutschlands mit ihren staatlichen Radiosendern n i e bekommen würden .

Ich würde nie vor irgendwelchen berühmten Namen schweissüberstömt und verängstigt eine Kotau machen . Es ist dann doch auch Wehmut dabei, wenn man nach moskau , ganz unerwartet , eingeladen wird, um unter anderem die gräber von emil Gilels , Richter , Schostakowitsch oder prokoviev sowie von dem von mir so verehrten David Oistrach besuchen zu können ( Einladung vom 16. Juni 2010 ) .

Deine Begeisterung für die Kunst von Horowitz teile ich seit meiner Jugend .

Damit verbinde ich n i c h t primär die hohe Annerkennung für die rein pianistischen Leistungen . damit verbind e ich auch die zeitübergreifenden Erkenntnisse, die etwa schon die Mutter von Horowitz ihrem damals noch nicht einmal 18jährigen Sohn mitgegeben hatte : Grosse Allgemienbildung , Neugier im Hinblick auf Neues , Menschlichkeit .

Wahrscheinlich könne wir aus der sorgfältigen Analyse der Biographien - etwa im Sinne von Stefan Zweig - sehr viel mehr für uns selbst lernen ( etwa bei Maria Callas oder Renata Tebaldi , bei Horowitz oder dem grossen Sapellnikov ) als durch den möglichst vollständigen Besitz aller Aufnahmen .

Beste Grüsse


Frank
Frank Georg Bechyna
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Mittwoch, 30. Juni 2010, 23:13

Re: Haskil / Re: Kotau

Lieber Frank!

Kurz noch zu deinem ersten Beitrag. Witzigerweise kam mir beim Anhören der Haskil - Interpretation auch immer wieder ihre Biographie vor Augen. Daher wohl auch ihre sehr unsentimentale Annäherung an diese Sonate. Wobei sentimental hier der falsche Begriff ist. Annäherung mit wenig Süße, aber auch ohne Verbitterung, sondern eher ein objektives Feststellen. Wobei mir die Süße bei Schubert nicht fehlen darf (Süße im Sinne Menuhins), aber da beginnt wohl die große Schwierigkeit. Ganz schnell kippt es um und wir haben den Schubert vom "Dreimädelhaus" in den Ohren. Den gibt es zum Glück bei Haskil nicht.

Was du über Horowitz und Lazic schreibst sehe ich absolut genauso. Schon seltsam, dass sich ein Mann wie Horowitz, der ja vielen "Langformen" im Repertoire aus dem Weg gegangen ist, immer wieder an D960 versucht hat.

Glückwunsch zu der Einladung nach Moskau. Ich kann diesen Weg zu den Gräbern gut verstehen. Das hat ja nichts mit Kotau zu tun, sondern mit Liebe. Und letzlich würde man ja auch zu Iwan Höbenklöben gehen, hätte er eine Interpretation hinterlassen, die einen getroffen hätte.

Ich muss gestehen, dass ich bei Beginn einer Beschäftigung nicht frei von "vorherrschenden Meinungen" bin. Ich brauche dann einfach einen Faden, an dem ich mich orientieren kann. Auch bin ich häufig in die Oper gegangen, weil der bekannte Sänger x oder y dort sang, denn ich zwar kannte, aber noch nie gehört hatte. Nach dem Motto: Wenn alle davon schwärmen, muss ja 'was dran sein.

Und ich muss auch gestehen, dass ich bei bestimmten Personen zum absoluten Sammeln neige. Vom Kopf her hast du natürlich recht was die Beschäftigung bzw die Einbeziehung der Biographien angeht. Aber meine Sammelleidenschaft bei diesen 5 oder 6 Künstlern kann ich verstandesgemäß auch nicht mehr rechtfertigen, will es eigentlich auch nicht, auch wenn ich es erklären könnte.

Trotzdem bleibt die Lust auf Neues, bei all den Konstanten, die mich begleiten und für die ich auch dankbar bin. Ob dies Neue an meinen Hausgöttern immer kratzen kann (bei D960 sehr wohl) ist eine andere Frage. Aber sie bringen immerhin immer neue Aspekte und neue Gedanken. Und wie viele Perlen sind dabei!

:hello: Gustav
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71

Donnerstag, 1. Juli 2010, 11:52

Hörannäherungen .

Lieber Gustav :


ein zentrales Thema ist wohl , w i e ich mich einer Klaviersonate annähere .

Es wird immer weider diskutiert, wieviele verschiedene Aufnahmen wir dazu tatsächlich benötigen .
Dann die Frage der noten . Ich persönlich orientiere mich in aller Regel an den Ausgaben bei HENLE .

Oft ist doch der erste Höreindruck zumindest für eine lange Zeit prägend .

Hinzu kommen , so wir die Möglichkeiten haben, die Eindrücke, die wir in und durch ein Konzert als einmaligem Ereignis bekommen .

Sog. Fachverkäufer in CD - Geschäften sind in aller Regel nur dasnn hilfreich , wenn sie einen Zugriff auf Datenbanken mit sehr vielen Aufnahmen haben .

Bei der hier besprochenen und weiter zu besprechenden Klaviersonate B - Dur D 960 von Franz Schubert war es ein fast nicht zu lösendes Projekt , dass " Zelenka " seinerzeit einer Besprechung von Beethovens Klaviersonate in c - Moll Opus 111 vorgezogen hat , weil es von der Beethovensonate rund 200 verschiedene Aufnahmen geben sollte .

Lesen wir nu den Schlussteil von " Zelenkas " gehörten und ihm sonst bekannten Einspielungen, dann nähern wir uns auch bei Schubert dieser Zahl 200 .

Wenn wir etwa "nur" 20 Aufnahmen kaufen, dann müssen wir mindestens 200 bis 300 Euro ausgeben .

In diesem konkreten projekt war dies deswegen s e h r lohnend , weil wir herausragende Interpretationen kennengelernt haben . Vor allem gab es eine Begeisterung über die Aufnahmen durch Eduard erdmann , dann den Klangpoeten Radu Lupu , die vielleicht nich unproblematischen Deutungen durch S. Richter - ich schätze sie sehr - oder die bewegenden Einspielungen durch Zuhu Xiao - Mei , Anna Malikova ( in der etwa von hier 80 Kilometer entfernt gelegenen ehemals grossen Hansestadt Wesel am Niederrhein aufgenommen ) oder Richard Goode .

Muss man aber , so es sie gibt, alle Aufnahmen eines Pianisten haben ? Hier denke ich : Nein .
Dies ist bei S. Richter n i c h t erforderlich . Seine Deutungen sind untereinander sehr ähnlich .
Dasselbe gilt für Aufnahmen durch die mit ergreifender Klarheit spielende Clara Haskil .

Imogen Cooper hat mit der end e 2009 erschienen zweiten Aufnahme ( mit deutlich verhalteneren tempi ) Neues " gesagt " .

Machen wir eine betriebswirtschaftliche Kosten - Nutzen - Rechnung auf, so denke ich, dass sich in dem Fall dieser Schubertsonate die Investition mehr als " gerechnet " hat .
es waren auch die exzellenten textbeiträge in den bverschiedenen CDs der Schubertaufnahmen durch richard Goode, die keinen wissenschaftlichen Vergleich zu scheuen brauchen und vor allem nicht das zu oft störende Herumgesuche über Schuberts Privatleben enthalten .

Clifford Curzon ist sicherlich einer der bedeutensten Schubertinterpreten über Jahrzehnte hinweg gewesen und geblieben .
unvergleichlich seine frühen Impromptus oder die " Wanderer - Fantasie " .

Es gab und gibt , zumindest subjektiv , ( grosse ) Enttäuschungen wie auch positive Überraschungen ( etwa L O Andsnes ; EMI ) .

Einige Painsisten spielen die Sonate vielleicht nur wegen des bekanntheitsgrades ein . Ihre Wiedergaben erschöpfen sich aber in Belanglosigkeiten . Meistens fehlt der grosse Bogen auf die ganze Klaviersonate . es handelt sich eben nicht um die Aneinanderreihung von vier einzelsätzen .
Franz Schubert selbst hat nach fertigstellung seiner letzten drei Klaviersonaten diese handschriftlich " freigegeben " .

ich bi sehr gespannt , welche weiteren Eindrücke Du im Rahmen Deines vergleichende Hörens finden wirst .

Beste Grüsse


Frank
Frank Georg Bechyna
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Gustav

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72

Donnerstag, 1. Juli 2010, 22:58

Schnabel 1939

Lieber Frank!

Zunächst zur Herangehensweise. Da ich weder Klavier spiele noch auch nur annähernd ein Fachmann bin, was Noten angeht, binich einfach auf das vergleichende Hören angewiesen. Und da brauche ich eine gelinde Anzahl von Aufnahmen, zunächst möglichst konträr, um mich in die Möglichkeiten des Werkes hineinzuhören und hineinzufühlen. Wichtig ist dabei für mich auch, Aufnahmen aus allen Perioden der Aufnahmegeschichte zu hören, um eine Veränderung der Annäherung an die Komposition erleben zu können.

Im Moment springe ich da ziemlich, vielleicht hätte ich D960 eher historisch angehen sollen. Aber sei's drum. Nach Lazic nun wieder zurück: Schnabel.

Was mich zunächst befremdete war die (teilweise) Monumentalität, mit der an die Sonate heran gegangen ist. Das war mir dann streckenweise zuviel vom klassischen Beethovenbild darin. Schubert ist für mich viel feiner, subtiler, eleganter, aber auch abgründiger. (Hat Elly Ney die Sonate eigentlich auch eingespielt? Und wenn ja, macht sie daraus wie bei ihrem Beethoven einen Titanenkampf?)

Aber dann begeisterte mich Schnabel doch ungemein. Was ich an ihm immer wieder schätze, ist, dass er Emotionen bis zum Exzess ausspielt. Er lädt Phrasen auf, bis sie fast etwas Hysterisches bekommen und schafft so, für mich, ein Schubert - Bild, das ganz weg vom Götterliebling einen Mann zeigt, der starke Neigungen zu Exaltaltionen hatte. Und genau das kann ich mir bei Schubert gut vorstellen. Romantik und Vorromantik hat ja nichts mit "Candlelightdiner" zu tun, sondern ist eine Welt, die emotional immer wieder an Grenzen gegangen ist.

Der zweite Satz ist für mich ein Wunder. So viel Melancholie, so viel Stillstand, so viel Aufgabe.

Und dann der dritte Satz. Mechanisch, maschinenhaft wird hier Freude und Leichtigkeit vorgegauckelt. Größtes Misstrauen gegenüber den Verführungen dieser Welt und eben auch die Unfähigkeit, den "Wonnen der Gewöhnlichkeit" zu frönen.

Und auch der vierte Satz bringt ja kein reines "heiteres" Erlöstsein. Und ich denke, Schubert war dies sehr wohl bewusst.

Morgen kommt Ciccolini dran. Mal sehen, was nun kommt.

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Thomas Pape

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73

Donnerstag, 1. Juli 2010, 23:31

RE: Schnabel 1939

Zitat

Original von Gustav
(Hat Elly Ney die Sonate eigentlich auch eingespielt? Und wenn ja, macht sie daraus wie bei ihrem Beethoven einen Titanenkampf?)




Diese Frage, lieber Gustav, kann ich mit nein beantworten. Ob sie die Sonate live gespielt hat kann ich allerdings nicht sagen.

Da ich einen Großteil der Aufnahmen von Elly Ney kenne würde ich allerdings vermuten, dass ein sehr inniger Schubert herausgekommen wäre. Ihr Beethovenbild ist auch innerhalb ihrer Hinterlassenschaft ein Sonderfall. Ein paar Moments Musicaux hat sie von Schubert hinterlassen, die Wanderer-Fantasie, 15 Deutsche Tänze, ein paar Impromptus, keine Sonate, in der Kammermusik das Trio op.99 und das Forellenquintett.

Es gibt einige Aufnahmen jenseits von Beethoven, die eine Pianistin zeigen, die zu sehr viel Leichtigkeit, Innigkeit und Charme in der Lage war. Mendelssohn z.B. oder die Symphonischen Etuden von Schumann.

Bei Ciccolini wünsche ich Dir viel Hörvergnügen.

Liebe Grüße vom Thomas :hello:
Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

Gustav

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74

Freitag, 2. Juli 2010, 00:01

Re: Elly Ney

Lieber Thomas!

Danke für die prompte Antwort.

Ich kenne von ihr vor allem op. 111, eine Aufnahem, die mir die Struktur des Werkes deutlich gemacht hat, wie kaum eine sonst, auch wenn ich das Heroische nicht immer gut ertragen kann.

Deshalb habe ich natürlich auf ähnliche Interpretationen anderer Werke geschlossen. Es freut mich aber zu hören, dass sie auch anders konnte. Die Wanderer - Fantasie habe ich irgendwo, da werde ich noch einmal hineinhören.

Aber erstmal ist D960 dran. Ciccolini habe ich heute halb gehört und er hat mich sehr neugierig gemacht.

:hello: Gustav
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75

Freitag, 2. Juli 2010, 22:34

Herangehensweise(n) .

Lieber Gustav :

Meiner Meinung nach und aus meiner Erfahrung heraus gibt es keine Idellösung, wie wir uns solch einer Fülle von Interpretationen der letzten Schubert - Klaviersonate nähern können oder sollten .

Die von Dir erwähnte " historische " Ausrichtung , also ausgehend von der ersten bekannten Aufnahme ist gut begrünbar un d In dem konkreten fall Artur Schnabel auch sinnvoll . Das kernproblem hier ist, dass Schnabel leider die Wiederholungen n i c h t gespielt hat . " Zelenka " hatte darauf ja in seinem Text ausdrücklich hingewiesen .
Der Rezensent in " Gramophone " ( 1941 ) hat dies auch richtigerweise moniert .
Der Hörer m u s s diese gespielten unbedingt und möglichst früh kennen . Sonst erhält er ein Hör - Zerrbild .
Auch Eduard Erdmann verzichtet auf die Wiederholt in allen seinen Aufnahmen - leider .

Das Problem im Laufe vieler Jahre bestand darin, dass wir sehr viel der älteren Aufnahmen von auch historischer Bedeutung nicht bekommen konnten .

Auch bei Franz Schubert hat wohl jeder Rezensent seine ganz bevorzugten Interpreten . Bei " Zelenka " war dies Wilhelm Kempff .

Im Laufe solch einer Besprechung geht man von dem eigenen vorhanden Material aus und versucht dann, sich per Brief oder E-Mail auszutauschen . Dies ist ein Hauptproblem , um an möglcihst viele Aufnahmen zu kommen . " Zelenka " hat hier sogar die weltberühmte Bristish Library in London intensiv bemüht .

In meinem nicht veröffentlichten Text, der " Zelenka " zur Verfügung stand , hatte ich 2004 / 2005 aus etwa 30 Aufnahmen ausgewählt , die ich subjektiv für die überzeugensten Interpretationen gehalten hatte : Schnabel , Kempff ( live & 1950 ) , Friedrich Wührer ,
Clara Haskil ( Studio ) , Curzon ( Studio & live ) , Radu Lupu , Anna Malikova , Rafael Orozco und mehrere der Aufnahmen durch S. Richter .

2004 / 2005 war die Aufnahme von Zhu Xiao - Mei noch nicht hier erhältlich und die sehr gute , überzeugend e Aufnahme durch richard Goode ( 1978 ) lag mir noch nicht vor .

Ich sende Dir sehr gerne mein Originalmaterial weiterer Aufnahmen zu ,
wenn Du meine handschridtlichen Kurhinweise teilweise so stehen lässt . Diese waren mir 2006 / 2007 eine Arbeitshilfe gewesen .

Darunter sind vor allem auch Interpretationen, die etwa " Zelenka " nicht so sehr schätzte ( dann bitte seinen Text oben vergleichen ) .

Erstaunlich (?) ist auch hier , dass ich heute noch dieselben Aufnahmen greifbar habe wie 2004 - 2007 .

Beste Grüsse


Frank
Frank Georg Bechyna
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Gustav

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76

Samstag, 3. Juli 2010, 21:50

Erdmann Köln 1952

Lieber Frank!

Zitat

Ich sende Dir sehr gerne mein Originalmaterial weiterer Aufnahmen zu , wenn Du meine handschridtlichen Kurhinweise teilweise so stehen lässt . Diese waren mir 2006 / 2007 eine Arbeitshilfe gewesen .


Gerne, aber wie meinst du das mit den Kurzhinweisen?

Heute wollte ich Ciccolini vollständig hören, aber leider hatte mein CD-Player Schwierigkeiten mit den Sätzen 2 und 3. Nun muss ich sie erst noch auf einem anderen Player versuchen.

Dafür legte ich dann Erdmann ein. Von dem fiebrig - nervösen Beginn bis zu den quasi hingehuschten Tönen im 4. Satz - begeisternd.

Das wirkt dann ja schon wie eine Aufhebung der Marterie und einem "Sieg" des reinen Geistes. Auflösung der Form, Ablegen der Erdenschwere, Eindringen in eine Dimension fern jeglichen Leids, jeglichen Schmerzes. Vielleicht auch ein "Gesang der Geister über den Wassern".

Wunderbar die Tempi, die Erdmann wählt. Das ist natürlich kein "Wandern" mehr, aber es geht auf. Und faszinierend, wie er diese neue Dimension hineinbringt.

Danach wollte ich Firkussny und Ciccolini nicht mehr hören, weil ich überzeugt bin, dass ich sie direkt nach Erdmann nicht objektiv gehört hätte. Sie müssen also noch warten, vor allem, weil ich morgen noch einmal Erdmann hören werde.

:hello: Gustav
"Gesegnet sei der Gott, der den Frühling und die Musik erschuf." R. Wagner

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77

Samstag, 3. Juli 2010, 23:46

Erdmann Köln 1952 u. a.

Lieber Gustav :

Eduard Erdmann war eine sehr komplexe , daher höchst interessante , Persönlichkeit .

Ich teile m. E. seine Einstellungen über Aufnahmen auf Tonträger .

Als ich 2006 Erdmann nach langer Zeit wiedergehört habe, da war mir sein Spiel vor allem emotional fremd . Und nach einer kurzen Phase der Begeisterung für seine klare Linie , sei fast an die Grenzen gebrachtes Schubertdeuten hatte ich doch wieder erhebliche Zweifel . Ich wollte und konnte mich nicht ( mehr ) damit abfinden, dass dies eine " richtige " Werkauslegung sein sollte .
Ich wollte ganz einfach die S e e l e der Kompositon erfahren und miterleben können .

Diese " inner voice " habe ich dann ja rasch bei anderen Interpreten gefunden .

Hören wir Eduard Erdmann nach rund drei jahren noch einmal , so erlebe ich ihn faszinierend mit seinem sehr scharfen, analytischen Bild . Doch mir fehlt die distanzierende Hineinsicht in die Sonate .

Dennoch halte ich Erdmanns Aufnahme(n) für unverzichtbar - und grossartig !

Meine Frage bleibt erneut : Suchen wir in einer " ultimativen Aufnahme " ( Manfred Voss / " Zelenka " ) nicht auch einen Teil unserer eigen Seele in Franz Schuberts Klaviersonate ?

Beste Grüsse


Frank
Frank Georg Bechyna
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78

Sonntag, 4. Juli 2010, 21:40

Re: Erdmann

Lieber Frank!

Ich kann gut verstehen, dass man mit dem Verstörenden bei Erdmann Probleme hat. Die "Seele" der Komposition findet man dabei wohl nicht.

Die Frage ist, bei wem findet man sie oder (hier geht es um deine Frage) findet man immer nur die "Seele", die man finden will oder, aufgrund eigener Disposition, finden kann?

Ein Grund, warum es keine "ultimativen" Aufnahmen geben kann, ist sicherlich im jeweiligen Hörer selber zu finden. Wir alle gehen mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen und persönlichen Vorbedingungen an solche Kunstwerke heran. Filtern wir das Gehörte nicht automatisch durch unser eigenes Sein? Inwieweit gibt es ein objektives Hören?

Ich denke, ein bestimmter Klang, eine Art der Phrasierung, eine vorgenommene Betonung hier oder da spricht uns an (oder auch nicht), weil sie etwas in uns selber zum Schwingen bringt, dass mit unserer eigenen Person und eben nur mit unserer Person zu tun hat.

Frage aber: Wo bleibt Schubert dabei? Können wir überhaupt den Schubertschen Kosmos objektiv erfahren, erleben, ja mit durchleiden. Querverweis zum Parsifal. Sind wir als normalsterbliche Menschen in der Lage auf höchster Stufe, d.h. ganz und gar ehrlich, mit anderen Wesen wirklich mitzuleiden?

Ich habe da meine großen Bedenken. Sicherlich können wir rational Leiden nachvollziehen. Aber die Schwere dieses Leidens, eben der genaue Nachvollzug, das wird wohl unmöglich sein.

Und so können wir uns dann Schubert auch immer nur annähern, nie aber wirklich im Innersten miterleben.

Übrigens filtert ja nicht nur der Hörer, der Interpret tut es ja auch. Hier nun die Frage: Wo beginnt eigentlich eine schlechte Interpretation (fern von technischer Unvollkommenheit), wenn man konstatiert, dass die Schubertsche Intention doch nicht vollständig wiedergegeben werden kann?

Ist Erdmann in diesem Sinne (weil fern von Schubert) nicht vielleich doch eher eine gescheiterte oder sogar schlechte interpretation? Ich denke nicht. Aber hier komme ich, der Hörer, der ein Urteil fällt, wieder als eigene Person mit Vorlieben und Abneigungen, die durch meine Biographie und mein Sein bedingt sind, ins Spiel.

Ich mag Künstler, die ins Extrem gehen, die etwas wagen und die durchaus ein Kunstwerk auch für ihre eigenen Interpretationen "zurechtbiegen". Das ist eine Gradwanderung. Sobald es in "Vergewaltigung" ausartet, ist Schluss. Aber dies höre ich bei Erdmann noch lange nicht. Da ist viel Erdmann im Schubert, aber das heißt ja auch, dass sich dort ein Interpret mindestens auf Augenhöhe mit einem Kunstwerk trifft und mit diesem um eine neue Erkenntnis ringt. Durchaus mit einer gewissen Rücksichtslosigkeit, aber immer auch (und das ist extrem wichtig) mit einer Liebe zum Werk.

Erdmann ist nicht die alleinseligmachende Interpretation. Aber es ist ein, für mich äußerst faszinierendes Teil in diesem Riesenpuzzle.

:hello: Gustav

PS: Sein Tochter, die 2. Frau Emil Noldes, ist gerade diese Tage gestorben.
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79

Sonntag, 4. Juli 2010, 22:40

Mitleiden .

Lieber Gustav :


Eduard Erdmann hat grösste Verdienste in Sachen Schubert !
Diese sind auch für mich bleibend .

Es gibt ein " ehrliches " Mitlieden !
Dies können wir nicht, ich jedenfalls nicht, hier an Beispielen darlegen .
Dies alles ist in der Fachliteratur nicht erst seit Kübler - Ross allgemein zugänglich .
Eigene Erfahrungen , theoretisch in der auch ehtsichen wie praktischen Überlegung , sind so unterschiedlich , dass es absolut unmöglich scheint, dies hier darzulegen .

Der Freuburger Internist und Direktor des Institus für Medizinethik Professor Maio hat eine sehr umfangreich tätige eigene Forschungsabteilung . Seine Ausführungen sind dann Gott sei Dank noch immer von einer Hoffnung auf einer Hinwendung zum Menschen getragen .

( Die ist auch mit Hinweisen nachlesbar auf der Website des universitätsklinkums Freiburg i. Breisgau . )

Die mir bekannten Schilderungen über Franz Schubert selbst sind bis heiute nachlesbar sehr, sehr kontrovers .

Dies ändert nichts daran, dass i c h hoffe , auch eine Aufnahme ( oder mehrere Interpretationen ) gefunden zu haben, die mir nicht nur einen bestmöglichen Zugang zu den letzten drei Klaviersonaten Schuberts zu finden oder sogar gefunden zu haben , sondern auch eine " Lösung " eines Lebensproblems in dieser B - Dur - Klaviersonate D 960 immer wieder finden zu können .

Nach so vielen jahren des Musikhörens habe ich - warum auch immer - mehrere der Interpretationen jederzeit zur Verfügung . Sie geben mir auch eine Form der Eigentherapie , der Hoffnungen .

Die langen Briefwechsel und Austausche der Meinungen mit Manfred Voss / " Zelenka " waren mir dabei eine grosse Hilfe .

Das Licht am Ende eines Lebensweges , so es dieses gibt und geben kann , höre ich - im langen vergelichenden Hören aber auch eine Partnerin von mir - bewgend heraus .

Das subjektive Hoffen und Sehnen nach einer besseren Welt kann sich nach meiner Meinung nur angesichts der Endlichkeit unseres Lebens nur in unsrem eigene Leben erfüllen .

Beste Grüsse

Frank

PS.: Ich habe ganz bewusst darauf vewrichtet , berühmte Aussprüche hier im Text einfliessen zu lassen .
Frank Georg Bechyna
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80

Montag, 5. Juli 2010, 00:16

Re: Mitleiden

Lieber Frank!

Zitat

Es gibt ein " ehrliches " Mitlieden !


Ich bin da skeptisch.

Wenn sich jemand seinen Finger klemmt (bleiben wir einmal ganz banal), dann können wir diesen Schmerz nachempfinden, weil wir ihn aus eigener Erfahrung kennen. Welche Intensität er beim Anderen hervorruft, können wir aber wir aber kaum noch nachvollziehen.

Was wir aber können und müssen, ist, uns ihm ehrlich, mitleidsvoll zuwenden.

Zitat

Der Freuburger Internist und Direktor des Institus für Medizinethik Professor Maio hat eine sehr umfangreich tätige eigene Forschungsabteilung . Seine Ausführungen sind dann Gott sei Dank noch immer von einer Hoffnung auf einer Hinwendung zum Menschen getragen .


Genau darauf kommt es an.

Den Schmerz und das Glück eines Künstlers können wir in seinen Werken erkennen. Und vielleicht in der Musik als einer andersprachlichen Kunst vielleicht eher als in Literatur oder Malerei. Aber können wir wirklich die Stärke, die Intensität miterleben?

Aber ist das überhaupt wünschenswert? Würde das nicht bedeuten, dass wir, auf die Spitze getrieben, von z.B. D960 quasi nur eine Interpretation hätten? (Wenn denn alle Interpreten um ein "ehrliches Miteleiden" bemüht wären?)

Schubert und das, was wir über sein Leben wissen (und auch hier kommen ja eigene Interpretationen mit ins Spiel) berührt uns, lässt uns mitleiden.

Aber:

Zitat

Dies ändert nichts daran, dass i c h hoffe , auch eine Aufnahme ( oder mehrere Interpretationen ) gefunden zu haben, die mir nicht nur einen bestmöglichen Zugang zu den letzten drei Klaviersonaten Schuberts zu finden oder sogar gefunden zu haben , sondern auch eine " Lösung " eines Lebensproblems in dieser B - Dur - Klaviersonate D 960 immer wieder finden zu können .


Kommt da nicht unser eigenes Sein mit hinzu? Suchen wir primär Schubert oder suchen wir auch Antworten für uns?

Ich denke letzteres und das ist auch vollkommen in Ordnung. So schrecklich es für Künstler vielleicht auch ist, aber mit der Veröffentlichung geben sie ihr "Produkt" frei, frei für uns, als ein Geschenk, vielleicht auch als eine Gnade. Und wir dürfen mit diesem "Produkt" umgehen, sei es, dass man es nur als ein gefällig - wohlklingendes Musikstück nimmt, sei es, wie du es beschrieben hast, als eine Lösung für Lebensprobleme. Oder wir versuchen anhand dieses Kunstwerkes den Komponisten besser verstehen zu lernen. Oder wir machen alles gleichzeitig.

Welch ein Geschenk!!! Und deshalb, um auf dein zweites Zitat noch einmal zurück zu kommen, aus Dankbarkeit auch die Hinwendung zum Menschen Schubert.

:hello: Gustav
"Gesegnet sei der Gott, der den Frühling und die Musik erschuf." R. Wagner

Frank Georg Bechyna

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81

Montag, 5. Juli 2010, 12:44

Mitleiden II .

Lieber Gustav :


Mitleiden ist für mich ein ( vielleicht gar nicht so erwünschter ) Gesichtspunkt in der Behandlung von Menschen .

Würden wir mit Patienten mitleiden , etwa bei schweren und chronischen Krankheiten, so würden wir dies kaum dauerhaft in und ertragen und tragen können .

Wenn ich an Schuberts bekannter Syphilis ( damasls in dem modernsten Klinikum behandelt . Dieses Klinikum gibt es höchstmodern in Wien am Währinger Gürtel noch heute . ) mitlieden würde, dann müsste ich an allen an Syphilis Erkrankten ebenfalls als Behandler mitlieden . Es ist eine Distanz erforderlich .

Schuberts andere mögliche Erkrankungen benötigen wie bei anderen " Berühmten " einer doch sinnvollerweise distanzierten Betrachtung .

In der Litertur über Franz Schubert ist es höchst erstaunlich geblieben, dass es in den beiden Schubert - Handbüchern - auch in der neuesten Auflage - gerade zu den letzten drei Klaviersonaten so wenig Literatur gibt . Selbst der Versuchung , darüber ausschweifend zu spekulieren , haben die jeweiligen Verfasser(innen) interessnaterweise widerstehen können . Es gibt als nicht einmal eine unbekannte schöne Geliebte oder einen bezaubernden Jüngling aus dem Freundeskreis .

Frau uchifa hat es in einem Satz zusammengeasst ( 2006 f. 9 : " Schubert hatte einen verhängnisbringenden Freund und einen einzigen wahren Freund in seinem Leben .

Sachlich zutreffend ist, dass Franz Schubert immer wieder , also nicht nur im Jahre seines Todes , Phasen mit einer fast grenzenlosen Schaffenskraft hatte .

Warum er nicht wenige Kompositonen nicht vollendet hat, ist auch mit annähender Sicherheit nicht zu klären .

in den vorzüglichen Textbeiträgen zu den sehr empfehlenswerten Interpretationen durch Richard Goode lesen wir von konkreten weiteren Plänen Schuberts .

Was die soziale Lage anbelangt , so war Franz Schubert eher ein typischer Mann der damaligen Wiener Verhältnisse .
Dann müssste " man " mit jedem Schicksalsträger der damaligen Jahre " Mitleid " haben . Dies ist unmöglich .

Chopin und Schumann haben sich in Wien sehr unwohl gefühlt - und beide sind weggegangen .
Beethoven war sicherlich d i e Persönlichkeit jener zeit in Wien : hochanerkannt vor allem in den ersten Adressen der Adelscliquen .
Er hätte Wien verlassen können . Und es gab ja auch enstprechende Gedankenspiele . Auch bei beethoven wäre Paris das Ziel gewesen .

M. Uchida hat in dem oben gennaten Gespräch Beethoven als " Kölner Komponmisten " etikettiert , Mozart als " italiensichen Komponisten " und ist dann fortgefahren, dass Franz Schubert der einzige typisch Wiener Komponist gewesen sei .

In der mir bekannten Schubert - Literatur finde ich keinen Hinweis, dass sich Franz Schubert je mit dem Gedanken getragen hat, Wien zu verlassen .

Schuberts kompositionen halte ich für genial . Es gibt auch ohne seine Biographie zu kennen , Aufnahmen von tief bewegender Innerlichkeit wie auch staunenmachender Expressivität .

Franz Schubert haben seine Lebensumstände wohl genügt - so karg sie für den heutigen Betrachter auch gewesen sein mögen .
Schubert ist der einzige mir bekannte grosse Tondichter , der es bei keinem Werk verstand ( oder dies auch nicht wollte ) , sich zu den damalige Möglichkeiten zu " vermarkten " .

Ich denke, dass er in Wirklichkeit auch kein Interesse hatte, den angeblich so hochverehrten Ludwig van Beethoven zu treffen . Etwa zu einem gemeinsamen Musikzieren . Diese Hürde haben selbst so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Horowitz und Rachmaninov überwunden .
Man findet interessanterweise nichts darüber, wie Beethovens Einstellung zu Franz Schubert war ! Warum nicht ? Bei genauer Analyse stellen wir fest, dass Beethoven keineswegs der ideologisierte Typus ees unverwundbaren germanischen reckens gewesen sit . Er war selbst so problembeladen , dass er wahrscheinlich dermassen mit der eigenen Existenzsicherung befasst war, dass er sich nicht noch um Franz Schubert kümmern konnnte . Und dies vielleicht gar nicht wollte .

Schubert hat sich selbst genügt !

Du hast angemerkt , dass es d i e Idealaufnahme möglichweise nur sunjektiv geben könne .
Eine messbare Objektivierbarkeit kann es nicht geben .

Weiter oben in dem Thread habe ich meine persönlichen herausragenden Interpretationen benannt . Würdest Du mich bitten, mich für e i n e Aufnahme zu entscheiden , so würde ich dies jedenfalls für mich leisten können .

( Dasselbe gelänge mir noch einfacher mit der c-Moll-Klaviersonate D 958 mit der Interpretation durch John Ogdon , EMI ), bei der Klaviersonate D 959 würde ich mich wahrscheinlich für die frühe Aufnahme mit Wilhelm kempff entscheiden , DGG )

Und ein letzter Hinweis, weil Du Elly Ney erwähnt hattest :
Meine bevorzugten Aufnahme von Beethovens Klaviersonate in c - Moll Opus 111 sind die durch Arturo Bendetti Michelangeli ; vor allem die Studioaufnahme vom Mai 1961 in London , BBC Legends . Und die selbst zweimal gehörten Interpretationen durch Claudio Arrau .


Beste Grüsse


Frank
Frank Georg Bechyna
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82

Montag, 5. Juli 2010, 21:07

Re: Mitleid

Lieber Frank!

Da hast du natürlich recht und ich mich sicherlich unklar ausgedrückt.
Natürlich können wir nicht mit jedem Menschen auf der Welt mitleiden, bei Ärzten wird dies besonders schnell deutlich, wir haben auch ein Recht auf uns, ein Recht auf den Schutz unserer eigenen Person.

Aber was ich meinte, ist, dass es die vielleicht vornehmste Aufgabe des Menschen ist, wann immer möglich, uns in die Situation anderer Menschen hineinzuversetzen. Eben nicht von vornherein abzublocken, sondern uns mit allen Sinnen dem Nächsten zuzuwenden. So weit es uns möglich ist!

Die Etikettierung durch Uschida finde ich übrigens interessant. Was genau macht wohl einen typisch wienerischen Komponisten aus? Kommen wir da nicht ganz schnell in den Bereich der Klischees? A bisserl Wiener Schmäh (gut, das wäre wirklich sehr klischeehaft), aber vielleicht eine bestimmte Form der "Gemütlichkeit" oder der Nähe zum Tode? Ich weiß es nicht, was genau das ausmachen würde. Als was würde sie wohl Brahms bezeichnen? Ist er nach wie vor ein norddeutscher Komponist oder vielleicht ein Wiener - Slawe?

Ich finde die Frage ganz spannend, vor allem die Kriterien, an denen man es misst.

:hello: Gustav
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83

Montag, 5. Juli 2010, 22:04

Etikettierungen

Lieber Gustav :

Frau Uchida hat sich nur über Komponisten geäussert, deren Werke sie wohl ganz bevorzugt spielt .

W e r war Robert SCHUMANN in seinem Innersten im Laufe seines Lebens ?
Die Meinungen sind bekanntlich seit jeher extrem auseinandergegangen . War er tatsächlich der Erwachsene , der in den " Kinderszenen " Opus 15 auf seine eigen Kindheit musikalisch zurückblickt ?

BRAHMS verbinde ich mit allen seinen Facetten doch am Ende mit dem Gedanken an einen von inneren Kämpfen zerrissenen Mann .
Und anders als dies vordergründig ( wegen der un- reinen Neugierde ) scheinen mag , ist es dann doch ein erforderlicher Selbstschutz gewesen , den Johannes Brahms schon sehr früh um sich aufgebaut hat . Die späte Rückbesinnung in seinen Kompositionen ab Opus 116 gehört für mich zu den herausragenden Kompositionen überhaupt .

Auch die Persönlichkeit von Frédéric CHOPIN ist deshalb immer so eindimensional beschreiben worden - und falsch dazu - , weil er eben kein Mann für den damaligen Boulevard gewesen ist .

TSCHAIKOWSKY wäre heute wegen seiner wohl dominierende sexuellen Präferenz nicht einer Zeile wert , damit dies als " wichtig " herausgestellt würde . Der Meister ist als komponist bedeutend un d als mensch unserer Anteilnahme wert wegen der Missachtungen, die ihm angetan worden sind .

Ich darf noch einmal auf einen der besten Artikel hinweisen zu diesem Thema . Phlip WEISS " Open me carefully !" in ' The New York Times' ; davon gibt es meines Wisenss noch heute , 13 Jahre später, eine via googeln abrufbare , gekürzte deutsche Übersetzung in dem ZEIT - Archiv , Hamburg .

Es mag spekulativ klinmgen oder sogar sein : Aber bei sehr genauer Analyse von berühmten Gemälden dauert es oft Jahrhunderte bis wir genau wissen, was der Maler in dem Bild an ganz Persönlichem " versteckt " hat .

Hier im Tamino - Forum gab es ca. 2005 einmal eine Diskussion über die Bedeutung der Tonarten . Auch in der Wahl einer Tonart liegt eine ganz besondere , tiefere Bedeutung .

Bei den Satztempi etwa hier der B - Dur - Klaviersonate D 960 hat Sviatolsav Richter sich ja zu seinen eigenen Tempi, besonders dem im ersten Satz , mit der ihm eigenen Knappheit klar geäussert .
Dass die Wahl der Tempi mit dem musikästhetischen persönlichen Wahrnehmungseindruck nicht viel zu tun haben muss , das wirst Du an drei Aufnahmen, die ich Dir zukommen liess , feststellen können .

Vielleicht hat Franz Schubert der Nachwelt überhaupt nichts sagen wollen, sondern nur für sich selbst komponiert ?! Und dann begann die oft wenig illustre musikalische Welt Jahrzenhte später zu erforschen, wie es denn um diese letzten drei Schubert - Sonaten bestellt sein könnte . Schon Robert Schumann lag da mangels Verständnises für diese Kompositionen völlig daneben .

Ich denke nach wie vor, dass kaum etwas so schwierig ist wie zu sagen : Ich weiss es nicht und möchte die letzten Geheimnisse auch nicht kennen, weil diese nur der wissen kann , der sie in sich trägt .

Dies halte ich übrigens für einen ganz wichtigen Teil der Gedankenfreiheit !

Und diese Gedankenfreiheit hat in meiner Sicht durchaus viel in den Kompositionen , die uns wahrscheinlich für immer verschlossen bleiben .

Das Leben ist unendlich viel mehr als das Bauwerk aus Genen , umfassender als alle patho - biochemischen Vorgänge , komplexer als das durch moderne technische Kunstgriffe verstehbar gemacht werden Könnende .

Es gibt vielleicht einen Sinn, der nur auf einer höheren Ebene erfahrbar und zu vermuten ist .
" Denn der Grund , warum unsere Seele von einem Körper umgeben
wird, könnte der sein , dass sie nur darin fähig ist zu leiden , so dass sie sich anderen mitteilt , um so schliesslich die wichtigste Dimension der Schöpfung zu erfahren : die Liebe " .

- Prof. U - N Riede
Pathologisches Institut der Universität Freiburg i. Br. .
Aus dem Vorwort zu " Taschenatlas der allgemeinen Pathologie "
Thieme - Verlag , 1998 - .


Beste Grüsse


Frank
Frank Georg Bechyna
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Gustav

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84

Dienstag, 6. Juli 2010, 20:14

Lieber Frank!

Viele Sätze, die man einfach so über nehmen kann, ohne dass man etwas hinzufügen muss.

Vielleicht einiges zur Homosexualität Schuberts und Tschaikowsky. Unter Boulevardgesichtspunkten natürlich völlig uninteressant, unter musikalisch - biographischen Aspekten natürlich extrem wichtig. Denn beide hatten unter gesellschaftlichen Repressionen zu leiden und ein gutbürgerliches Leben, wie Wagner oder Verdi es führen konnten, war ihnen verwehrt. Dieser Leidensdruck hat sich natürlich in ihrem Werk niedergeschlagen, das ein anderes wäre, wären sie im gesellschaftlichen Sinne "normal" gewesen. Und beim Hören ihrer Werke (das gilt natürlich für andere homosexuelle Künstler von Bellini bis Britten genauso) muss man das immer wieder auch mit bedenken, will man die Dimensionen ihrer Werke wirklich nachvollziehen können.

Zitat

Ich denke nach wie vor, dass kaum etwas so schwierig ist wie zu sagen : Ich weiss es nicht und möchte die letzten Geheimnisse auch nicht kennen, weil diese nur der wissen kann , der sie in sich trägt .


Eine große Idee. Steckt nicht der Tabu - Gedanke darin. Dass man anerkennt, dass es einen Bereich gibt, der nicht betreten, den man nicht entweihen darf. Allerdings wohl auch ein völlig unmoderner Gedanke in einer Zeit, die bemüht ist, alle letzten Geheimnisse zu enthüllen. Aber vielleicht wäre ein wenig Demut vor bestimmten Bereichen mal wieder angebracht. Vielleicht auch Anerkennen von Dingen, die größer sind als unsere Normalmenschenvernunft.

Zitat

Dies halte ich übrigens für einen ganz wichtigen Teil der Gedankenfreiheit !


Genau!

Zitat

Es gibt vielleicht einen Sinn, der nur auf einer höheren Ebene erfahrbar und zu vermuten ist .
" Denn der Grund , warum unsere Seele von einem Körper umgeben
wird, könnte der sein , dass sie nur darin fähig ist zu leiden , so dass sie sich anderen mitteilt , um so schliesslich die wichtigste Dimension der Schöpfung zu erfahren : die Liebe " .


Dem ist nichts hinzu zu fügen.

:hello: Gustav
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Gustav

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85

Freitag, 16. Juli 2010, 23:55

Fischer, Afanassiev, Curzon, Andsnes

Diese vier doch sehr unterschiedlichen Interpretationen habe ich mir in den letzten Tagen angehört.

Annie Fischer von 1968 fand ich in ihrer Heransgehensweise angenehm unspektakulär. Alles erscheint wie aus einem Guss, baut wunderbar aufeinander auf, ist großräumig gedacht und hat mich manchmal an das Enstehungsjahr erinnert: Ein Schubert in Jeans, modern und ohne Schnörkel.

Curzon aus Salzburg 1974 fand ich beim ersten Hören in den ersten beiden Sätzen wunderschön, intelligentes, sensibles Spiel, warm und mitfühlend. Die beiden Schlusssätze gefielen mir weniger, ich fand seinen Anschlag ein wenig hart. Beim erneuten Hören verschob sich der Eindruck aber. Satz 3 und 4 fand ich nun besser in die Gesamtanlage eingebunden, Satz 2 nach wie vor überirdisch schön. Allerdings störte mich nun und das kann ich musikalisch kaum richtig ausdrücken, die Betonung aller Nebenstimmen ein wenig. Es war mir oft zu viel Rokoko im Spiel, es fehlte mir das Geradlinige von Annie Fischer. Aber insgesamt eine wirkllich beeindruckende Interpretation.

Afanassiev live 1985 kam für mich sehr bedeutungsschwanger daher, brachte dann aber leider nur eine Fehlgeburt zustande. Wandert Kempff, verharrt Richter geradezu in Depression, klingt Afanassiev meist so, als ginge er rückwärts. Dazu die ewigen, elenden Pausen, die den letzten Zusammenhalt noch zerstören. Manchmal hatte ich zudem das Gefühl, er würde bestimmte Stellen doch sehr für ein Publikum spielen, das er insgeheim immer fragt: "Habe ich es nicht schön gemacht?". Bei Satz 3 und 4 hat es mich dann schon nur noch gelangweilt.

Ganz anders Andsnes von 2004. Mühselig und beladen, voller Qual und dunkler Ahnungen im 1. Satz. Gleichzeitig kam mir aber auch die Erinnerung an die stille Sanftmut des Lamm Gottes in den Sinn. Und das Getröstetsein und die Zuversicht: "Du kannst nicht tiefer fallen, als in die Hand Gottes.", wie Gorch Fock es einmal gesagt hat. Und dann die Befreiung im 3. Satz und der endgültige Durchbruch und Triumph, die Erlösung im 4. Großartige Interpretation, wunderbarer Zusammenhang der Sätze mit einem wirklich hoffnungsfrohen Abschluss.

:hello: Gustav
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Frank Georg Bechyna

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86

Samstag, 17. Juli 2010, 15:56

Annie Fischer : D 960

Lieber Gustav :


Deine Beschreibung Deiner Höreindrücke der Interpretationen durch Annie Fischer teile l ich inzwischen auch .

Wobei mich die Aufnahme bei Hungaroton aus 1968 noch mehr überzeugt als die bei EMI .

A. Fischer beweist , dass sie eine klare linie ihrer Werkauffassung über die ganze komposition hat und ingterpretatorisch auch durchhält .

Die Hervorhebung des 4. Satzes ( " Allegro ma non troppo " ) ist einer der ganz wichtigen Betonungen in allen mir bekannten Aufnahmen .

Angeichts der Art ihrer Wiedergabe wären bei ihr die Wiederholungen im 1. Satz höchstwahrscheinlich für die Interpretationsstruktur nicht günstig gewesen .

Dies scheint mir ein grundsätzliches Problem in fast allen Aufnahmen ohne die - vorgeschriebenen - Wiederholungen zu sein .
Annie Fischer gilt zu recht nicht wenigen Kennern der Pianistenszenen nicht zu Unrecht als die bedeutesten Pianisten überhaupt .


Beste Grüsse


Frank


PS.: CURZON : Ja was Du als rokokohaft schildesrt ist eben das, was andere Autoren als die feinsinnige , akribische Herausarbeitung jedes Teilchens in dem Notentext verstehen , wenn Clifford Curzon spielt .
Dies klingt in seiner späteren Aufnahmen oft doch gewollt , künstlich , weil der natürliche Fluss verlorengeht .

Bei Brendel , den Du ja auch hast , wird Dir das noch mehr auffallen . Wobei Curzon dann doch der deutlich bessere Interpret dieser Sonate ist .

AFFANASSIEV . Er spielt ein Zerrbild der Komposition . Dies ist einfach falsch .

ANDSNES . Da gebe ich Dir wie " Zelenka " ohne jeden Abstrich recht : Die mit Abstand bedeutenste Interpretation bis zu der durch Imogen Cooper ( Dezember 2009 ) .

F.
Frank Georg Bechyna
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s.bummer

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87

Sonntag, 18. Juli 2010, 00:15

Vielen Dank

für diese sehr ergiebige Diskussion.
Ich möchte sie nicht unterbrechen, nur etwas Persönliches anmerken.
Die B-Dur Sonate habe ich nach der A-Dur(?) Sonate D-859 für mich entdeckt als es den Fernsehfilm. "Mit meinen heißen Tränen" mit Udo Samel als Schubert im Fernsehen gab
Anschließend konnte ich mich nicht satt hören an den "todesnahen" Interpretationen eines Richter oder noch übertriebener Afanasjev oder anderen.
Richter habe ich mehrmals und finde ihn immer noch sehr schön. Wenn ich auch die Aufnahmen mit einem leisen Lächeln höre.
Die teilweise (für mich) gekünstelten Interpretationen ala Brendel mochte ich nicht so gerne. Auch Curzon war mir zu artifiziell.

2008 und 2009 schaute ich gesundheitlich selbst in den Abgrund.
Ich stand sehr nahe dran!

Seit dem hat sich meine Einstellung gerade zu dieser Sonate sehr geändert.
Kein Erschauern mehr vor den existenziellen Aufnahmen, Richter mag ich ungebrochen, aber eben mit einem Lächeln.
Ich habe mir die Aufnahmen von Fleisher (die alte wie die neue), Schnabel und Serkin, die alle sicherlich nicht zu den Steinen der Weisen gehören, zu eigen gemacht, weil ich finde, das in ihnen etwas unbedingt lebensbejahendes ist.

Gruß S.
Johannes Richter: Neue Ideen setzen sich nur durch, weil die Anhänger der alten aussterben

Frank Georg Bechyna

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88

Sonntag, 18. Juli 2010, 15:00

Eigene Abgründe und Grenzerfahrungen

Lieber S . !



Da Du ganz zu beginn Dich zu den langen Ausführungen von " Zelenka " hier geäusserst hast :

Vielleicht kannte " Z. " auch solche Erfahrungen , die Du für Dich in 2008 und 2009 hier erwähnst ?

Er ist jedenfalls rund ein Jahr nach Abschluss seines Textes ( in London am 7. Juli 2007 ) " plötzlich " verstorben .

Die Interpretationen durch S. Richter - sie sind sich substantiell sehr ähnlich - haben mich schon beim ersten Hören sehr angezogen . Dies ist so geblieben .

Grüsse ,

Frank
Frank Georg Bechyna
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Gustav

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Dienstag, 20. Juli 2010, 00:32

Walter Klien / Inon Barnatan

Als nächstes hörte ich Walter Klien (1996) und Inon Barnatan (2005), zwei Pianisten, deren Namen ich nicht kannte.

Klien empfand ich als sehr ungleichmäßig in der Ausführung, wie auch in der Interpretation. Teilweise, wie bei der Einführung des 2. Themas im 2. Satz mochte ich seinen Ansatz und seinen Ton, streckenweise hatte ich aber auch große Schwierigkeiten. Einerseits empfand ich den Klavierton als zu klirrend, andererseits hatte ich immer wieder das Gefühl, dass er zwar etwas darstellend möchte, es aber nicht kann. Zudem fehlte mir die Einheitlichkeit, der große Bogen, auch innerhalb der Sätze.

Barnatan gefiel mir insgesamt besser. Sein Ton empfand ich als sehr wohlklingend, ebenso auch die Interpretation als größtenteils ausgewogen. Gar nicht mochte ich allerdings die starke Betonung der linken Hand in den ersten beiden Sätzen, die für mich Schubert eine zu monumentale Form gibt. Das ist nicht das Schubertbild, das ich habe. Ich empfinde ihn, neben allem Tiefgang, doch eher leicht in der Form (was nicht anspruchslos bedeuten soll), charmant, tänzerisch oder eben wandernd. Aber eben nicht massiv, dröhnend, schwer. Zum Glück verzichtet Barnatan in den letzten beiden Sätzen auf diese schwere, linke Hand, so dass vor allem der 4. Satz wunderbar zwischen Triumph, Freude und beseligtem Glück hin und her geht.

:hello: Gustav
"Gesegnet sei der Gott, der den Frühling und die Musik erschuf." R. Wagner

Frank Georg Bechyna

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Dienstag, 20. Juli 2010, 01:56

Klien & Barnatan . Ein Schubertbild ?

Lieber Gustav :


Danke für deine weitere Ergänzung .

Als " Zelenka " seinen Aufsatz abgeschlossen und veröffentlicht hatte war schon überdeutlich feststellbar , dass es den meisten Interpreten darum ging eine oft sehr willkürliche Deutung zu beiten .

Auch die Übersichtsarbeiten, die " Zelenka " mit empfohlenen Aufnahmen hier erwähnt , gehen auf die " richtige " , subjektiv " beste " Interpretation ein . Nicht aber auf eine eigenes Schubertbild !
Angesichts der Schubertforschung muss ich dies noch einmal betonen, weil es dort höchst akrbische untersuchungen von Notenpapiereh gibt , handschriftliche ( wahrscheinliche ) Eintragungen von Franz Schubert , aber schon befremdend ist, wie wenig sich ein Schubertbild - und sei es falsch - herauslesen lässt .

Eines der zentralen Themen ist sicherlich das Wandern . Nicht eben das Donnern, das Bombastische , das künstlich Hervorgehobene .

Franz Schubert hatte sicherlich nicht Beethovens Klaviersonate in f - moll Opus 57 im Sinn als er diese eigene Sonate komponiert hat . Und auch bei der sog. Appassionata hat gerade sviatoslav Richter seine heute noch so enthusistisch besprochene Interpretation in der Hitze seine s USA - Debuts sehr zurückhaltend betrachtet . Richtesr Technik war stupend , sein Spiel mitreissend , gewaltig , leidenschaftlichst , ja wild . Doch es gibt von Richter dann doch ganz andere , domestiziertere Aufnahmen der " Appassionata " - Sonate . Diese haben an interpretatorischer Bedeutung nichts verloren gegenüber dem Debut - Mitschnitt aus den USA .

Horowitz, der mit Schuberts B-Dur-Sonate D 960 gescheitert ist, , gelingt mit seiner Wiedergabe der " Apaassionata " eine kühl angelegte , den grossen Zusammenhang erfassende interpretation ohne jede ihm immer wieder unterschobene Hemmungslosigkeit . Die typischen Horowitzbässe böleiben sehr kontrolliert . Ähnlich hat Alexis weissenberg die Beethoven-Sonate in seinen Konzerten wie auf LP bzw. später CD gespielt ( EMI ) .

Auch S. Richter hat , bei allen Vorbehalten , die wir haben können , es doch verstanden , die Sonate gerade auch unter Einbeziehung der gespielten Wiederholungen als Ganzes darszustellen . Richter macht hörbar, dass es keiner Monumentalisierungen bedarf, um das herauszuspielen, was in den noten steht . Richter wie andere von " Zelenka " oder auch von mir genannten Interpreten spielen nicht aneinadergereihte vier Sätze und Notenfolgen , sondern sie spielen eben wegen ihrer Natürlichkeit das , was die Faszination dieser Sponte ausmacht : Ihre Seele , den Geist im schubertschen Sinn .

Klien und Barnatan sind , jeder auf seine Weise , daran gescheitert .

Beste Grüsse


Frank
Frank Georg Bechyna
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