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Joseph II.

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1

Freitag, 7. September 2018, 18:26

Franz Liszt: Sinfonische Dichtung Nr. 6: Mazeppa

2015 startete Alfred eine neue Reihe zu den Sinfonischen Dichtungen von Franz Liszt, dreizehn an der Zahl. Die Serie lief zunächst recht gut an, verebbte aber nach der Tondichtung Nr. 5. Es fehlt also noch mehr als die Hälfte. Zeit, dem Abhilfe zu schaffen.


Horace Vernet: Mazeppa

Die Sinfonische Dichtung Nr. 6 ist "Mazeppa", S. 100, und zählt zu den bekannteren im Liszt'schen Œuvre. Sie basiert auf einem Gedicht von Victor Hugo und greift musikalisches Material aus einem früheren Werk, der vierten Étude d'exécution transcedante, auf. Komponiert wurde das Werk 1851 in Weimar, wo Liszt seinerzeit Hofkapellmeister war; die Uraufführung erfolgte indes erst am 16. April 1854.

Im Mittelpunkt steht der namensgebende Iwan Masepa (1639-1709; in älterer Schreibweise eben auch Mazeppa), ein Hetman (Heerführer) der ukrainischen Kosaken, der einen heldenhaften Status erlangte. Nach mehrjährigem Dienst als Page eines polnischen Magnaten wurde er von diesem in unzweideutiger Situation mit dessen Gattin 1663 in flagranti ertappt. Als Strafe ließ ihn der Magnat nackt auf ein Pferd binden und in die Steppe treiben, was seinen Tod durch Auszehrung und Erschöpfung zur Folge haben sollte. Nach einigen Tagen verendet das Pferd und Mazeppa ist selbst dem Tode nahe, sieht aber in einer Vision das siegreiche Volk der Kosaken. Tatsächlich wird er kurz darauf von Kosaken gefunden und in die Ukraine gebracht. Auf den wilden Ritt zu Anfang folgt ein besinnlicher Mittelteil. Die Sinfonische Dichtung wird durch einen von Fanfaren eingeleiteten Kosakenmarsch beendet, welcher die Rettung durch das Heer und das glorreiche Ende symbolisiert.

An Aufnahmen mangelt es im Falle von "Mazeppa" nicht. Neben Gesamtaufnahmen wurde das Werk auch des Öfteren einzeln eingespielt.







Hier noch die Links zu den bisherigen Threads:

Franz Liszt: Sinfonische Dichtung Nr 1 - Bergsinfonie S96
Franz Liszt: Sinfonische Dichtung Nr 2 - Tasso S96
Franz Liszt: Sinfonische Dichtung Nr 3 - Les Préludes
Franz Liszt: Sinfonische Dichtung Nr 4 - Orpheus
Franz Liszt: Sinfonische Dichtung Nr 5: Prometheus
»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

Alfred_Schmidt

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2

Samstag, 8. September 2018, 18:06

Vorerst meinen Dank an "Joseph II." für die verdienstvolle Fortsetzung der von mir seinerzeit gestarteten Serie. Ich habe dies zum Anlass genommen, mir das Werk anzuhören , in der hier gezeigten - äußerst beeindruckenden - Aufnahme
Auch ich habe ein wenig recherchiert, und fand den Hinweis auf das Gedicht von Victor Hugo, kurz den Inhalt (falsch, bzw modifiziert) dargestellt, In meiner Quelle, dem Harenberg Konzertführer, waren es Feinde die Mazeppa aufs Pferd banden. Es wird weder drauf hingewiesen, dass es sich um eine historische Person handelt, noch dass er die Sache überlebt hat. Unser Mitglierd "Joseph II." hat das dann ins Lot gebracht. Der Historiker lässt sich eben nicht verleugnen.
Die Figur wurde übrigens von zahlreichen Dichtern beschrieben, bzw in Gedichten verewigt. in Romanen erwähnt und Portrais von ihr gemalt - ich habe ein wenig nachgelesen; Fürwahr eine interessante Persönlichkeit
Hier ein kurzer Ausug aus WIKIPEDIA, seinen Nachruhm in der Kunst und Literatur betreffend:

Zitat

Lord Byron hat ihn zum Helden eines seiner Gedichte (Mazeppa, 1819), Faddei Bulgarin zum Helden eines Romans, Rudolf Gottschall zu dem eines Dramas Mazeppa gemacht, auch bei Juliusz Słowacki ist er zum Helden eines Dramas geworden (Mazepa, 1839), Horace Vernet ihn durch zwei Gemälde verherrlicht. Rainer Maria Rilke nennt ihn im Gedicht "Der Sturm" in der Sammlung "Das Buch der Bilder". Bertolt Brecht fingiert in seinem Gedicht "Mazeppa" in der "Hauspostille", dass Mazepa beim Ritt auf dem Pferd in die Steppe ums Leben gekommen sei.

Und ich kann mir das "Wadlbeissen" nun mal nicht verkneifen: Bertholt Brecht musste natürlich die Geschichte dramatisieren und liess Mazeppa am Pferd stereben - ein Vorgriff aufs Regietheater gewissermaßen......

Von Mazeppa gibt seine Menge Portraits, die EINE Eigenschaft mit jenen von Mozart gemeinsam haben:
Jedes schaut anders aus und lässt keinerlei Ähnlichkeit zum anderen erkennen......

mfg aus Wien
Alfred

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musikwanderer

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3

Sonntag, 23. September 2018, 16:36

Auch zu der Sinfonischen Dichtung ‚Mazeppa‘ musste ich mir textliche Informationen einholen, ohne wäre mir das Orchesterwerk wahrscheinlich unklar geblieben. Liszt wählte ein gleichnamiges Gedicht von Victor Hugo als textliche Grundlage zunächst für eine Klavier-Etüde, die er dann später instrumentiert hat. Dabei bleibt er Hugos Vorlage verpflichtet: Die Jagd durch die Steppe, der Fiebertraum und die Rettung.

Schon der Anfang ist in seiner musikalischen Ausdeutung klar: Mit einem Peitschenhieb wird Mazeppa, auf das Pferd gebunden, in die Steppe gejagt - genauso klingt es auch aus dem Orchester ans Ohr. Das Thema des leidenden Helden taucht immer wieder, meist aber nur bruchstückhaft, auf, und ist doch durch diese Bruchstücke hörbar. Das Dahinjagen des Rosses, verfolgt von wilden Tieren und hungrigen Raben, schließlich der Todessturz des Tieres in der Steppe mit der unheimlich wirkenden Stille nach leisem Verklingen der Paukenschläge - Liszt, finde ich, hat Hugos Text deutlich in die Stimmen des Orchesters geschrieben.

Dass aus der Ferne und von allen Seiten plötzlich Trompetensignale ertönen, zeigt die näher kommenden Befreier Mazeppas an. Die Kosaken befreien ihn und erheben ihn zu ihrem Hetmann, der seinen Feinden Rache verspricht - das wird von Liszt in einem marschartigen Schlussteil verkündet.

Ich bin mit den Leistungen von Árpád Joó und den Sinfonikern aus Budapest sehr zufrieden, gestehe aber auch (für diejenigen, die es aus meinen vorigen Posts nicht mitbekommen haben), dass ich keine weiteren Interpretationen besitze. Bis hierhin steht auch eine Antwort auf die durchaus in meinem Hinterstübchen fluoreszierende Frage, ob ich überhaupt noch weitere brauche, noch aus. Angesichts meiner eigentlichen Präferenzen in Sachen Musik ist die Antwort bisher ‚nein‘. Doch soll man ja nie ‚Nie‘ sagen…

:hello:
.

MUSIKWANDERER

Joseph II.

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4

Sonntag, 23. September 2018, 19:00

Ich halte "Mazeppa" nicht nur für eines der besten Orchesterwerke von Franz Liszt, sondern für eine der gelungensten Tondichtungen überhaupt.

An der Stelle möchte ich einige Kritiken aus dem 19. und 20. Jahrhundert anführen, die zum einen das große Unverständnis ausdrücken, das Liszt seinerzeit begegnete, zum anderen aber auch zuweilen ein deutlich weitsichtigeres Urteil beinhalteten:

Der Wiener Chefkritiker Eduard Hanslick hatte (selbstredend) etwas daran auszusetzen, auch wenn sein bissig formuliertes Fazit mehr über ihn selbst aussagt als über Liszt:

"Jeder Mensch mit gesunden Sinnen wird sich von dem dissonierenden Geheul, das einen so wesentlichen Teil der 'Mazeppa-Symphonie' bildet, abwenden."

Hanslick verkennt damit (mit Absicht?) Liszts Intention, indem er sie als absolute Musik (eben als Symphonie) aufzufassen scheint.

Claude Debussy ging in eine ähnliche Richtung und attestierte dem Werk eine "Gewöhnlichkeit", die planlos anmute.

Und noch Humphrey Searle, dem wir das Liszt-Werkverzeichnis verdanken, hatte für dieses Werk wenig übrig:

"'Mazeppa' gehört leider nicht zu den besten Schöpfungen Liszts; obwohl ein Teil der Musik in seiner Art aufregend genug ist, hat der Marsch eine ausgesprochen vulgäre Note – es ist flache und oberflächliche Musik."

Viel positiver dafür Béla Bartók:

"Mit dieser Trivialität geht aber fast überall eine erstaunliche Kühnheit einher, sowohl in der Form als auch in der Intention. Die Kühnheit ist nichts anderes als ein fantastisches Streben nach Neuem, Ungewöhnlichem. [...] Einmal habe ich irgendwo geschrieben: 'Ich glaube, daß die Bedeutung Liszts für die Weiterentwicklung der Musik größer ist als die Wagners.' Und ich erhalte diese Behauptung auch heute noch aufrecht."

Ferrucio Busoni schließlich:

"Im letzten Grunde stammen wir alle von ihm – Wagner nicht ausgenommen – und verdanken ihm das Geringere, das wir vermögen."
»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

Alfred_Schmidt

Administrator

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5

Montag, 24. September 2018, 00:44

Wir wissen natürlich, daß Hanslick generell ein negatives Verhältnis zu Liszt hatte und daß sein Urteil gar nicht neural sein konnte. Generell aber hatte das nicht mit der Person Franz Liszt zu tun, sondern mit den grundsäztlichen anderen Auffassungen von Ästhetik. Hanslich war ein Schöngeist unt tief in den ästätischen Ausrichtungen der Klassik und Romantik verwurzelt.
Prinzipiell ist sein Urteil (auch andere der sinfonischen Dichtungen wurden ja von ihm verbal "vernichtet")m denn wie man sieht, sind bedeutende Zeitgenossen oft recht nahe bei seinen Ansichten, allerdings in der Ausprägung oft gedämpfter.
Ich weiß nicht wie sich das heute darstellt, aber in meiner Jugend kannte man zwar die Namen der bekanntesten Sinfonischen dichtungen von Liszt, gehört hat sie aber kaum jemand. Eine Ausnahme bildete hier "Les Preludes" - aber man hörte das "berüchtigte" Werk eher aus Neugierde, denn aus Zuneigung,

mfg aus Wien
Alfred

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teleton

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6

Montag, 1. Oktober 2018, 13:19

Hanslich war ein Schöngeist und tief in den ästätischen Ausrichtungen der Klassik und Romantik verwurzelt.

Ich weiß nicht wie sich das heute darstellt, aber in meiner Jugend kannte man zwar die Namen der bekanntesten Sinfonischen Dichtungen von Liszt, gehört hat sie aber kaum jemand. Eine Ausnahme bildete hier "Les Preludes" - aber man hörte das "berüchtigte" Werk eher aus Neugierde, denn aus Zuneigung.

Meine klassische Laufbahn in frühester Jugend (in dern 70ern) begann mit Beethoven, Brahms, Tschaikowsky und Khatchaturian (weil der mit Gayaneh auf der LP mit drauf war).
Dann folgte sogleich Franz Liszt mit der Philips-LP-Box der Sinfonischen Dichtungen mit Haitink (meine erste GA in meinem Leben überhaupt).
:hail: Ich war überwältigt von diesen 13 Sinfonischen Dichtungen und zusammen mit den KK mit Richter/Kondraschin führte dieser musikalische Neuzugang bei mir dazu, das Liszt für viele Jahre mein Lieblingskomponist wurde ..... soviel zu "Schöngeist", "ästätische Ausrichtung" und "man hört das eher aus Neugierde, denn aus Zuneigung".
Später kam dann noch die Dante-Sinfonie unter Khaikin mit dem 1.Hammersatz dazu und die Faust-Sinfonie mit Ansermet.

:thumbsup: Liszt hat mich seit dieser Zeit für weitere musikalische Ausrichtungen geprägt wie kein Anderer. Vieles was davor war, kam mir einfach zu langweilig vor. Mit Barock-Musik kann ich bis heute wenig anfangen ...


Was Bartok (einer meiner heutigen Liebingskomponisten) schreibt, kann ich daher ungleich mehr nachvollziehen, als Hanslicks durch sein negatives Verhältnis zu Liszt beizusteuern hatte:

Zitat

"Mit dieser Trivialität geht aber fast überall eine erstaunliche Kühnheit einher, sowohl in der Form als auch in der Intention. Die Kühnheit ist nichts anderes als ein fantastisches Streben nach Neuem, Ungewöhnlichem. [...] Einmal habe ich irgendwo geschrieben: 'Ich glaube, daß die Bedeutung Liszts für die Weiterentwicklung der Musik größer ist als die Wagners.' Und ich erhalte diese Behauptung auch heute noch aufrecht."
Gruß aus Bonn, Wolfgang