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WoKa

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1

Sonntag, 19. August 2018, 02:48

Richard Wagner -Wesendonck Lieder



Die Wesendonck-Lieder entstanden in Wagners Züricher Exil in den Jahren 1857 und 1858.

Während Wagner am 1. Akt seines Tristan arbeitete, vertonte er die fünf Gedichte:

Der Engel
Stehe still
Im Treibhaus
Schmerzen
Träume

Aus der Lyrik seiner Muse und Geliebten Mathilde Wesendonck, Frau des wohlhabenden Seiden-Kaufmanns Otto Wesendonck, der ein großer Mäzen und Förderer Wagners war, schöpfte Wagner die Fantasie für 5 sehr ausdrucksstarke Lieder. Im Tagebuch, das er in Venedig schrieb, vermerkte er: „Nie habe ich etwas besseres als diese Lieder geschrieben, und wenige meiner Werke werden dem Vergleich mit ihnen standhalten.“ Im Original sind die Lieder für Sopran und Klavier komponiert "

Dennoch lassen sich die Aufnahmen in zahlreiche Kategorien unterteilen:
Lieder mit Klavierbegleitung
Orchestrierung nach Mottl
Orchestrierung nach Henze
Weitere Bearbeitungen
…und das alles nochmals unterteilt in Sopran- und Männerstimmen.

Die erste Orchestrierung erfolgte durch den Dirigenten und Komponisten Felix Mottl, nachdem Wagner selbst den Weg aufgezeigt hatte. Zum 29. Geburtstag Mathildes arrangierte er die „Träume“ zu einem Ständchen für Solovioline und Orchester. Felix Mottl orchestrierte die verbleibenden vier Lieder.

Eine weitere „intimere“ Orchestrierung erfolgte 1976 durch Hans Werner Henze. Hierzu meinte Wolfgang Sawallisch:

Henzes tiefe Fassung unterstreicht die „Privat“- Atmosphäre der an Wagner gerichteten Worte ganz dezent mit dem teilweise ganz zurückgenommenen Klang eines Kammerorchesters von wenig über dreissig Musikern unter solistischer Verwendung normalerweise selten gebrauchter Instrumente wie Bassklarinette oder Altflöte. Gezielt gesetzte Effekte – wie beispielsweise durch die Harfe oder mehrfach geteilte Streicher, auch Flageolett -Soli – ergeben eine weit bessere und dem Text ungleich genauere und auch ästhetisch wertvollere „Bearbeitung“ der wunderbaren Lieder, die dadurch in einem neuen Licht „aufblühen“ und jeden auch nur Anschein bombastischer Orchestrierung verlieren. Es scheint, als seien in dieser „Fassung“ die Worte wirklich nur an Richard Wagner gerichtet und die Musik wiederum nur zurückgegeben an Mathilde Wesendonck… (Aus dem Booklet zur Einspielung mit der Mezzo-Sopranistin Yvonne Naef aus dem Jahr 2003).

In den Gedichten lassen sich Parallelen zur konkreten Situation der beiden entdecken. So beispielsweise in „Treibhaus“:

„Wohl ich weiß es, arme Pflanze:
Ein Geschicke teilen wir:
Ob umstrahlt von Licht und Glanze,
unsre Heimat ist nicht hier!“

Die Parallele zur Situation im Schweizer Exil in der Villa auf dem „Grünen Hügel“, das der Gatte von Mathilde Wesendonck zur Verfügung gestellt hat, ist offensichtlich.

Wagner selbst hat zwei Lieder – Im Treibhaus und Träume – als Studien zu Tristan und Isolde bezeichnet. In einem Booklet fand ich die Formulierung „Musikalische Puppenstube“ für den Tristan.
Der Musikkritiker Werner Oehlmann: Die Wesendonck-Lieder haben „eine seltsam zentrale Bedeutung in Wagners Schaffen; sie sind Ahnung, Entwurf und Skizze zu einer neuen musikalischen Welt, die sich dem Komponisten in konkreten Klängen und Motivgestalten ankündigte, ehe er noch ihren Umriss und ihre Dimension ermessen konnte.“

Parallelen zu Tristan und der Götterdämmerung, wie sie in manchen Texten erwähnt werden, kann ich leider nicht herausarbeiten, da ich die Werke zu wenig kenne. Ebensowenig habe ich die Kompetenz, die Lieder im Detail zu analysieren. Vielleicht finden sich andere Taminos, die hier einen Beitrag leisten wollen.

Es wäre schön, wenn Ihr Eure Lieblingseinspielungen hier mit Cover oder Youtube-Video vorstellen würdet.

Gruß WoKa

PS: Jetzt ist kurz vor drei, ich habe mindestens 7 oder 8 Einspielungen angehört und bin jetzt müde -Gute Nacht :hello:
"Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."

Victor Hugo

Rheingold1876

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2

Sonntag, 19. August 2018, 09:53

Lieber WoKa, ein schönes Thema hast Du in später Nacht eröffnet. Die Nacht ist ein passender Rahmen dafür. Bevor Aufnahmen besprochen und empfohlen werden, möchte ich mich kurz bei einem Detail aus Deinem Eröffnungsbeitrag aufhalten. Ich bezweifele, dass Mathilde Wesendonck die Geliebte Wagners nach herkömmlichen Vorstellungen und Maßstäben gewesen ist. Dafür gibt es keinen Beleg. Sie war es in einem gesteigerten platonischen Sinne. Für die Sicht auf die Lieder ist das nach meinem Dafürhalten sehr wichtig. Ich alte sie für eine hinreißenden künstlerische Projektion. Wahrscheinlich war Mathilde die Frau, die Wagner am besten verstanden hat. Für die Umgebung ist das schwerer nachzuvollziehen gewesen als eine handfeste sexuelle Beziehung. Das Platonische ist in der bürgerlichen Welt viel Verdächtiger. ;)

Vor einigen Jahren habe ich mal in Zürich die berühmte Villa und das benachbarte Exil-Haus Wagners genau in Augenschein genommen. Es ist noch viel zu spüren von jener Stimmung, die dort einst geherrscht haben muss und die ich auch aus den Liedern heraushöre. Ob die Villa selbst für Masken und allerlei ähnliche Stücke aus Asien, Afrika, Amerika und Ozeanien der Sammlung des Museums Rietberg den richtigen Rahmen abgibt, wage ich zu bezweifeln. Das fand ich etwas verstörend.

Wer sich in das Thema vertiefen will, dem sei auch diese sehr aufwändige Publikation ans Herz gelegt:

Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

hart

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3

Sonntag, 19. August 2018, 14:48

Zitat

Es ist noch viel zu spüren von jener Stimmung, die dort einst geherrscht haben muss

Ja, lieber Rheingold, noch näher waren die Bülows dran.
Als die mal nach Zürich kamen, hing dort der Haussegen schief und es herrschte Gewitterstimmung, es gab eine fürchterliche Szene zwischen Richard und Minna; Wagner hatte in einem Brief geschrieben: »Nimm meine ganze Seele zum Morgengruße«, aber der war nicht an Minna Wagner adressiert, sondern an Mathilde Wesendonck; Minna Wagner hatte den Brief abgefangen und war stinksauer... man trennte sich für immer.

Christian Biskup

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4

Sonntag, 19. August 2018, 20:10

Zitat

WoKa: Parallelen zu Tristan und der Götterdämmerung, wie sie in manchen Texten erwähnt werden, kann ich leider nicht herausarbeiten, da ich die Werke zu wenig kenne. Ebensowenig habe ich die Kompetenz, die Lieder im Detail zu analysieren. Vielleicht finden sich andere Taminos, die hier einen Beitrag leisten wollen.

Wenn ich mich nicht irre ist ein großes Stück des Treibhauses (mein Favorit) nahezu identisch mit dem Vorspiel zum 3. Akt des Tristans. Auch die Träume haben deutlich im Liebesduett Spuren hinterlassen. Bei den restlichen Stücken bin ich mir nicht sicher, aber oft werden die Lieder ja als Vorstudien zum Tristan angesehen. Weiteres werde ich am Freitag hören - da gehts nämlich nach Bayreuth!
Die Lieder liebe ich alle sehr, führte sie auch mehrfach schon auf. Meiner Meinung ist der Klaviersatz schon sehr orchestral geprägt, es würde mich nicht wundern, wenn Wagner eine Orchestrierung selber geplant hätte. Es ist jedenfalls wunderbar spielbar und gehört sicher zu Wagners schönsten Schöpfungen.

LG
Christian

Rheingold1876

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5

Sonntag, 19. August 2018, 20:24

Meiner Meinung ist der Klaviersatz schon sehr orchestral geprägt, es würde mich nicht wundern, wenn Wagner eine Orchestrierung selber geplant hätte.


Zumindest "Träume", als Tristan-Studie ausgewiesen wie "Im Treibhaus", hat ja Wagner selbst instrumentiert.
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

dr.pingel

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6

Sonntag, 19. August 2018, 21:56

Die "Wesendonck-Lieder" gehören zu meinen Wagner-Favoriten. Kennengelernt habe ich sie in der Henze-Fassung mit Ortrud Wenkel (Aufnahme des saarländischen Rundfunks). Eine bessere habe ich noch nicht gehört.
Eichendorff, In der Fremde.
Aus der Heimat hinter den Blitzen rot/ da kommen die Wolken her,/ aber Vater und Mutter sind lange tot,/ es kennt mich dort keiner mehr./ Wie bald, wie bald kommt die stille Zeit,/ da ruhe ich aus und über mir/ rauscht die schöne Waldeinsamkeit,/ und keiner kennt mich auch hier (vertont von Robert Schumann).

WoKa

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7

Montag, 20. August 2018, 18:57

Hallo!

Die erste Aufnahme der Wesendonck- Lieder, die ich hörte, war die Aufnahme mit Jessye Norman:



Ich gebe zu, ich mag die großen, orchestralen Einspielungen.

Hier Jessye Norman erst mit den Orchesterliedern nach Franz Mottl und anschließend in der Klavierfassung, begleitet von Irwin Gage




Die nächste Aufnahme, die ich kennenlernte, war die Interpretation von Agnes Baltsa:



Ich höre beide Aufnahmen heute noch gerne, da ich Mezzo-Sopran für die geeignetste Stimmlage für die Lieder halte.

Gruß WoKa
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Victor Hugo

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8

Samstag, 25. August 2018, 18:42

Hallo!

Eben höre ich die Orchesterversiion mit Measha Brueggergosman



Live kann man sie hier erleben:

Träume (Orchesterversion)


Im Treibhaus (am Klavier begleitet von Marc André Hamelin)


Gruß WoKa
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Victor Hugo

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9

Samstag, 25. August 2018, 20:28

Ich hatte ja am 23. Januar dieses Jahres in Köln ein Konzert besucht, in dem Anja Harteros, begleitet von den Münchner Philharmonikern unter Valery Gergiev, die Wesendonck-Lieder sang. Ich war von ihrem Vortrag sehr angetan und hatte hier darüber berichtet:

Münchner Philharmoniker mit Anja Harteros und Valery Gergiev in der Kölner Philharmonie, 23. 1. 2018

Da ich aber die Wesendocnk-Lieder zum ersten Mal live gehört hatte, konnte ich nicht im Einzelnen darüber sprechen.

Liebe Grüße

Willi :)
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

nemorino

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10

Samstag, 25. August 2018, 22:19

Für mich die schönste Aufnahme der Wesendonck-Lieder, denn ich habe nur diese :D :


Christa Ludwig (Mezzosopran) und das Philharmonia Orchestra London, Dirigent: Otto Klemperer (Aufnahme: 3/1963, Kingsway Hall, London).

Also ich denke, schöner und erfüllter kann man diese Lieder nicht singen. Eine glanzvolle Aufnahme dieser großartigen Sängerin, die in diesem Jahr 90 Jahre alt wurde.

LG, Nemorino
Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).