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hart

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541

Montag, 21. Mai 2018, 15:42

Lieber Stimmenliebhaber,
hab´ besten Dank für Deine ins Detail gehenden Ergänzungen, die sicher auch für Mitlesende interessant sind. Du hast natürlich schon seit Jahren den Vorteil ganz nahe an diesen Geschehnissen dran zu sein, aber diese exakten Daten und Fakten wollen ja auch erst einmal festgehalten werden, nun hast Du mal wieder eine Bestätigung, dass so etwas ab und an auch seine praktische Anwendung findet und verwendet werden kann.

hart

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Mittwoch, 23. Mai 2018, 17:58

Wilhelm Kempff - * 25. November 1895 Jüterbog - † 23. Mai 1991 Positano (Italien)


Zum heutigen Todestag von Wilhelm Kempff



Wilhelm Friedrich Walter Kempff wurde als viertes Kind seiner Eltern im Brandenburgischen Jüterbog geboren, das etwa hundert Kilometer südlich von Berlin liegt; damals ein Ort von etwas mehr als siebentausend Einwohnern.
Wilhelm Kempff ist der Sohn einer Bauerntochter, die einen Organisten geheiratet hatte, die Eltern wohnten in einem früheren Franziskanerkloster.
1899 zog die Familie von Jüterbog nach der preußischen Residenzstadt Potsdam, wo Vater Kempff an die Nikolaikirche als Organist und Kantor berufen wurde. Natürlich war der Bub ständig von Musik umgeben; der Vater notierte den ersten Kompositionsversuch seines Sprösslings, da zähltr der Knabe gerade mal fünfeinhalb Lenze.
Nach dem ersten väterlichen Klavierunterricht übernahm dann eine erfahrene Klavierpädagogin den weiteren Klavierunterricht des Jungen. Im Alter von sechs Jahren gab das »Wunderkind« sein erstes öffentliches Konzert; er führte Mozarts C-Dur-Sonate auf.
Neben der Begabung für das Klavier besaß er auch einen schönen Knabensopran, sodass er zusammen mit seinem älteren Bruder Mitglied des liturgischen Chores wurde und lernte auf diese Weise auch die alten Meister wie zum Beispiel Orlando die Lasso kennen.
Bald weihte ihn sein Vater auch ins Orgelspiel ein, wo Kempff Junior erstmals im Alter von neun Jahren öffentlich in Erscheinung trat.
Als sich die ersten Kompositionen des Sohnes erweitert hatten, nahm der Vater Kontakt mit der Berliner Singakademie auf, wo der Direktor vom Leistungsvermögendes Kleinen so beeindruckt war, dass er sich bereit erklärte, ihm den Weg zur Musikhochschule zu ebnen. Dort erklärte der große Joachim, Direktor des Instituts, dass man an der Hochschule keine Kinder aufnehmen wolle, aber es fand sich ein Weg den hochbegabten Jung-Musikus privat zu unterrichten, eine wohlhabende jüdische Familie kam für die Kosten der Ausbildung auf. Von Robert Kahn wurde er in Komposition unterrichtet, für den Klavierunterricht war Heinrich Barth zuständig. Letzterer nahm die pianistische Ausbildung so wichtig, dass er darauf drängte, die gymnasiale Ausbildung zugunsten des Klavierspiels aufzugeben und stellte dem Vater das Ultimatum: »Pianist oder Gymnasiast!
Man trennte sich schweren Herzens; der schulischen Ausbildung wurde Priorität eingeräumt, aber man verlor natürlich die musikalischen Aspekte nicht aus den Augen und besuchte viele Konzerte hervorragender Interpreten, zum Beispiel eines von Eugen d´Albert im Februar1912, das in dem jungen Kempff ein nie mehr erlöschendes Feuer entfachte.
In dieser Zeit kam auch ein Kontakt mit Busoni zustande, was bedeutet, dass Vater Kempff mit Professor Busoni einen Vorspieltermin für seinen Sohn vereinbarte.

Im Frühjahr 1914 legte Wilhelm Kempff sein Abitur ab, wobei das Procedere den Schönheitsfehler hatte, dass der Prüfling im Fach Mathematik ein leeres Blatt abgab, weil er keine Lösungsmöglichkeit sah. Aber das Lehrerkollegium fand in Anbetracht seiner außerordentlichen musikalischen Leistungen, die er während seiner Gymnasialzeit erbrachte, eine Möglichkeit ihm die Reife zu bestätigen.
Also stand einer Anmeldung an der Berliner Musikhochschule nichts mehr im Wege, wo es zu einer Weiterentwicklung des durch die Gymnasialzeit unterbrochenen Unterrichts bei Heinrich Barth kam. Zu dieser Zeit saß auch der sechzehnjährige Geiger Georg Kuhlenkampff im Schulorchester, schon dort spielten die beiden Jungmusiker Schuberts Phantasie op. 159.
Inzwischen waren Kriegszeiten angebrochen und Kempff und Kuhlenkampff begaben sich zur Westfront, um dort in Kathedralen - das erste Konzert war in Laon - aber auch in Theatern, Kinos und sogar Scheunen zu spielen.

So ganz allmählich machte sich der junge Kempff auch außerhalb der Hochschule einen Namen, den man an den Anschlagsäulen lesen konnte und der aufstrebende Pianist konnte in der Presse häufig positive Kritiken seiner Konzerte lesen; im Dezember 1916 hatte er seinen ersten Auftritt in der Reihe »Populäre Konzerte« in der Philharmonie mit dem Philharmonischen Orchester.

Noch bevor Kempff sein Musikstudium beendet hatte, musste er im Januar 1917 als Landsturmmann seinen Militärdienst antreten.
In dieser Zeit erreichte ihn an seinem Dienstort ein Telegramm, welches ankündigte, dass sein Vorspiel zu Kleists »Hermannsschlacht« im Berliner Beethovensaal uraufgeführt werden soll.
Dabei kam es jedoch zu einigen Querelen, weil man von Kempff verlangte, sich an den Konzertkosten zu beteiligen, was dieser ablehnte. Es gab einiges Hin und Her, aber am 13. Januar 1917 konnte das Werk dann doch, zusammen mit Werken anderer junger Komponisten, aus der Taufe gehoben werden. Während die Komponisten-Kollegen zumindest einen Achtungserfolg verbuchen konnten, fiel Kempffs Werk mit Pauken und Trompeten durch; es gab da einige Missgeschicke, die dafür sorgten, dass die Aufführung zwar ein außergewöhnlicher Heiterkeitserfolg wurde, aber auf breiter Linie hat man das Werk als Komposition nicht anerkannt und Heinrich Barth schimpfte, weil sein ehemaliger Zögling nicht konsequent den Weg eines Klaviervirtuosen verfolgte. Barth meinte:

»Warum musst du solch scheußliche Musik schreiben, wo du doch ganz passabel Klavier spielst? Überhaupt diese ewige Irrlichterei von einem zum anderen, vom Klavier zur Orgel und in einem Satz womöglich mit fliegenden Frackschwänzen zum Dirigentenpult; pass bloß auf, dass du nicht ein zweiter Bülow wirst!«

Als Soldat taugte Kempff nicht viel; als man das bemerkte, wurde er zum Postdienst versetzt, und weil die Pferde im Krieg gebraucht wurden, musste der verhinderte Held den Postwagen durch Berlin ziehen. Aber immer wieder ergaben sich Gelegenheiten des Musizierens.
In den letzten Wochen der Kriegswirren wurde dem Berliner Domchor zum dritten Male die Erlaubnis erteilt mit dem Solisten Wilhelm Kempff eine Tournee durch Schweden zu machen, noch am 29. September 1918 spielte er an der großen Domorgel in Uppsala, als in anderen Gegenden Europas der Krieg tobte. Mitte Oktober bestritt Kempff in Berlin zum ersten Mal einen Bach-Abend als Pianist und Organist.
1919 folgte seine vierte Skandinavienreise, diesmal ohne Domchor, aber mit seinem Vater. Elly Ney, die auch hier weilte, schrieb nach Hause: »Einer namens Kempff hat alles ausverkauft«, das klingt so als sei ihr der Name damals noch nicht geläufig gewesen.
Aber dieser machte schon 1920 seine ersten Schallplattenaufnahmen bei Polydor, denen dann noch viele in den nächsten sechs Jahrzehnten folgten; Kempffs letzte Schallplattenaufnahme entsteht 1980mit Praeludien und Fugen aus Bachs »Wohltemperiertes Klavier« I und II.

1924 übernahm Kempff die Leitung der Stuttgarter Musikhochschule; die Stuttgarter wollten nicht nur einen lehrenden Professor haben, sondern jemanden der noch aktuell auf internationalen Konzertpodien agiert und sich dort beweisen muss. Bei seiner Berufung war Kempff 28 Jahre alt und demnach der jüngste Hochschuldirektor in Deutschland. Er hatte hier nur an zwei Tagen Unterrichtsverpflichtungen, so dass ihm noch ausreichend Zeit blieb seiner Konzerttätigkeit nachzugehen. Nach fünf Jahren wollte Kempff seine Stuttgarter Tätigkeit aufgeben; man bot ihm traumhafte Konditionen, aber er strebte nach voller Freiheit, verließ Stuttgart in aller Freundschaft und ging nach Potsdam zurück.

1926 hatte Wilhelm Kempff seine Klavierschülerin Helene Freiin Hiller von Gertringen geheiratet, die Hochzeit fand im Berliner Dom statt. Die junge Familie wohnte in Stuttgart, Kräherwald.
Dem Paar wurden zwei Söhne und fünf Töchter geboren und man konnte noch die Goldene Hochzeit feiern.
Als im Februar 1945 immer klarer wurde, dass es mit dem propagierten »Endsieg« wohl nichts mehr werden wird, verließ die Familie Kempff Potsdam in Richtung Oberfranken, wo sie im Schloss Thurnau Unterschlupf fand; es war das Schloss der Familie seiner Frau, nun hatte man für etwas mehr als zehn Jahre hier seinen Wohnsitz.
Im Dezember 1955 bezog die Familie Kempff ihr eigenes Heim in Ammerland am Starnberger See, es war ein Isartaler Haus.

Wenn man sagt, dass Wilhelm Kempff soundso lang irgendwo wohnte, dann kann das nicht die ganze Wahrheit sein; zählt man nämlich die Anzahl seiner Auftritte zusammen und verfolgt seine Konzertreisen auf einem Globus, wird klar, dass dieser Mann eher selten zu Hause anzutreffen war.
Kempff war schon in seinen jungen Jahren ein gefragter Mann, bereits 1927 traf er sich in der Türkei mit Staatspräsident Atatürk, um die türkische Regierung zu beraten, welche Musiker an die neugegründete Musikhochschule nach Ankara berufen werden sollen; man gab zu Ehren Kempffs in der Präsidentenvilla ein Abendessen das bis 23 Uhr dauerte. Nachdem alle anderen Gäste das Haus verlassen hatten, bat Atatürk den deutschen Gast in sein Arbeitszimmer. Bei dem Gespräch legte Atatürk seine Meinung dar, dass bei der Modernisierung der Türkei die westliche Musik eine wesentliche Rolle spielen müsse, da sonst die übrigen Reformen nicht vollständig sein könnten. Konkret fragte der Staatspräsident:
»Wie können wir die klassische Musik verbreiten? Welche Schulen oder Institutionen müssen wir gründen? Welche bedeutenden Künstler und Musikwissenschaftler sollen eingeladen werden, um dazu die Grundsteine zu legen?«
Das Gespräch dauerte immerhin bis morgens vier Uhr. Kempff empfahl zunächst, dass man Furtwängler mit dieser Entwicklungsarbeit betraut, aber der konnte aus Zeitgründen diesen Job nicht annehmen, so dass Paul Hindemith letztendlich in dieser Sache tätig wurde.
Wilhelm Kempff weilte insgesamt fünfmal in verschiedenen Jahren in der Türkei, letztmals 1950.

Seine erste Konzertreise nach Südamerika - das war 1934 - unternimmt Kempff als Ehrengast von Hugo Eckner mit dem Luftschiff »Graf Zeppelin«; er konzertiert in Argentinien, Uruguay und Brasilien - 1951 findet man in seinem Terminkalender die fünfte Südamerikareise und 1964 gibt er Konzerte in Mexiko und am Teatro Colón in Buenos Aires. Erstaunlicherweise gibt er erst 1964 sein Debüt in den USA bei einem Konzert in der Carnegie Hall New York.

Die erste Japanreise absolvierte Kempff bereits 1936 und seine Reisetätigkeit in das Land der aufgehenden Sonne endet erst 1979 mit seiner zehnten Reise die er nach Japan macht.
Als Kempff zum ersten Mal nach Japan kam, waren seine Beethoven-Schallplatteneinspielungen schon so weit im Land verbreitet, dass man ihm einen begeisterten Empfang bereitete; auf der Woge dieser Begeisterung erhielt sogar eine kleine Insel den Namen »Kempu-san«.
Im Zusammenhang mit Kempffs Reisen ist noch zu erwähnen, dass er immer leidenschaftlich fotografierte, wenn er unterwegs war.
Als 1945 die GIs nach Schloss Thurnau kamen und ihm eröffneten, dass er von jetzt an das Verbot habe öffentlich Klavier zu spielen (Kempff war kein Parteimitglied gewesen), antwortete Kempff: »In diesem Fall werde ich fotografieren und davon leben, weil ich ein ausgezeichneter Fotograf bin.«

Es ist in diesem Rahmen einfach nicht möglich, auf alle Aktivitäten Kempffs einzugehen; er war auf fast allen bedeutenden Festivals und den bedeutenden Musikzentren der Welt zu hören, aber zum Beispiel auch an Orten wie dem Kloster Alpirsbach, wo er mir Albert Schweitzer musizierte. Seine Konzertpartner sind Legende ...
Wenn der Name Wilhelm Kempff erwähnt wird, assoziiert man in aller Regel den Begriff Pianist, aber neben all diesen überaus zahlreichen weltweiten Konzertauftritten entstanden noch eine Menge Kompositionen. Das waren Opern, Lieder, Orchesterwerke, Kammermusik und natürlich auch Klaviermusik.

Noch mit 85 Jahren absolvierte Kempff öffentliche Konzerte. Die in Bielefeld erscheinende »Neue Westfälische« schrieb damals:

»Für den hochbetagten Pianisten war offensichtlich das Klavier ein Jungbrunnen ... und nun ist auch Wilhelm Kempff 85 Jahre alt und spielt noch immer. Sein Gang zum Flügel ist nicht mehr ganz so schwebend und schnell. Aber wie eh und je genügen wenige Sekunden der Konzentration. Die Faszination des Hörers fängt schon bei den ersten Takten an. Kempff spielt sich nicht ein. Er beginnt jetzt noch jedes Konzert so gelöst, als spiele er für sich selber. Im Schwung der Emotion geht ihm nun etwas öfter die Perfektion der Technik verloren - es gibt brillantere Klavierspieler - , aber Noten waren für ihn immer nur ärmliche Behelfszeichen, die gar nicht in der Lage sind, das auszudrücken, was Beethoven erlebt hat. Die Partitur ist für Kempff nichts Absolutes. Kempf hat kleine, zarte Hände, und so verbietet sich physisch das Tastendonnern. Die leisen Töne vor allem sind sein Feld, ohne das geringste Zugeständnis an den Effekt.«

Eine ganz bedeutende Sache im Leben des Wilhelm Kempff waren die Meisterkurse im italienischen Positano. Bereits auf seiner Hochzeitsreise nach Sorrent hatte Kempff diesen Ort kennen gelernt; nun kam es etwas mehr als drei Jahrzehnten später hier 1957 zur Gründung der »Fondazione Culturale Orfeo«, einer Schweizer Stiftung, die für den Erhalt der »Casa Orfeo« sorgte und die alljährliche Durchführung der Beethoven-Kurse organisierte.
Kempff hatte hier eine schon in seiner Potsdamer Zeit verwirklichte Idee wieder aufleben lassen, denn schon dort hatte er einen kleinen Kreis von ausgewählten jungen Pianisten unterrichtet, und schon dort gab es - wie in Positano auch - einen wunderschönen Garten.
Die »Fondazione Culturale Orfeo« stiftete einen Preis, der es zwei Wochen lang jungen Pianisten ermöglichte, kostenlos an den Beethoven-Interpretationskursen teilzunehmen. Lediglich die Kosten für Anreise und Unterkunft mussten die Teilnehmer selbst tragen.
Jeder konnte da nicht kommen; die Teilnehmerzahl war auf 15 begrenzt und für die Bewerber bestand die Bedingung, dass sie schon in eigenen Klavierabenden aufgetreten waren und einige Klaviersonaten aus den drei Schaffensperioden Beethovens beherrschen.
Im Juni 1984 hat in Positano Kempffs letzter Kurs stattgefunden; im Januar 1986 übersiedelte Kempff auf Anraten seiner Ärzte ganz nach Positano, einen Monat später starb seine Frau Helene in einer Klinik am Starnberger See.
In den Nachmittagsstunden des 23. Mai 1991 starb Wilhelm Kempf in der »Casa Orfeo«; unmittelbar nach seinem Tod trat er seine letzte Reise nach Schloss Wernstein in Oberfranken an, wo er in der Halle der Burg aufgebahrt wurde. In der Nähe des Schlosses hat die Familie der Freiherren von Künssberg einen privaten Waldfriedhof, auf dem auch Wilhelm Kempffs Mutter und seine Frau ihre letzte Ruhe gefunden hatten - hier ruht nun auch einer der letzten Vertreter der Musiktradition des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Praktische Hinweise:
Schloss Wernstein liegt in 95336 Markt Mainleus, es handelt sich hier um den Zusammenschluss vieler früher selbständiger Gemeinden.
Der private Waldfriedhof befindet sich in einiger Entfernung vom Schloss. Der Weg dorthin führt vom Schlosseingang aus nach links Richtung Schmeilsdorf (Fahrstraße). Als Fußgänger folgt man dieser Straße etwa 150 Meter und nimmt dann den nächstmöglichen Feldweg, der nach rechts in den Wald führt.


Ein des Weges kommender Wanderer vermutet hinter dieser Einzäunung wohl kaum einen Friedhof ...


Teilansicht von Schloss Wernstein

hart

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543

Samstag, 26. Mai 2018, 20:55

Paul Sacher - * 28. April 1906 in Basel - † 26. Mai 1999 Basel


Zum heutigen Todestag von Paul Sacher



Paul kam zwei Monate zu früh zur Welt und beinahe wäre aus dem Frühstarter ein Kurt geworden, denn diesen Namen hatte seine Mutter für ihren Erstgeborenen ausgesucht, aber dem Kindesvater klang dieser Name zu Deutsch, auf dem Weg zum Standesamt beschloss er eigenmächtig seinen Sohn als Paul Oswald Sacher eintragen zu lassen, weil er zu der Ansicht gelangt war, dass Paul sich in Französisch und Englisch besser aussprechen lässt.
Dieser Vorgang ist unter dem Aspekt besonders beachtlich, dass Anny Sacher in dieser Ehe »die Hosen anhatte«, wie man landläufig zu sagen pflegt.
Anny Sacher hatte das Schneiderhandwerk erlernt und nahm gezielt eine Stelle in Fribourg an, um dort ordentlich Französisch zu lernen, danach ging sie für einige Zeit als Kindermädchen nach England. Krankheitsbedingt kehrte sie in die Schweiz zurück, wo sie Oswald August Sacher, Pauls Vater, kennen lernte, was bei Annys Vater keine Freude auslöste denn der tobte:
»Bisch e schöni Chueh! Jetz bisch achtezwanzig und hesch de Ärmschti gnoh.« (Du bist eine schöne Kuh! Jetzt bist du achtundzwanzig und hast die den Ärmsten ausgesucht).
Pauls Vater war Speditionskaufmann und hatte durchaus Anlagen etwas in seinem Beruf zu werden, aber absolut keinen Ehrgeiz. Vorerst trug Anny Sacher mit ihrem eigenen Schneideratelier zum Familieneinkommen bei. Anny war äußerst geschäftstüchtig und hatte inzwischen einige Näherinnen angestellt, aber für den kleinen Paul hatte sie kaum Zeit.
1912 kam Pauls Schwesterchen Nelly zur Welt, was für Paul bedeutete, dass sich seine Großmutter nun verstärkt der Kleinen zuwandte und seine Mutter hatte nach wie vor keine Zeit, aber sie bot ihm die bestmöglichen Bedingungen, dass er lernen konnte.
Paul zog sich zurück und erschuf sich seine eigene Welt, er war sechs Jahre alt und hatte zur Musik noch keinerlei Bezug, denn seine Eltern verfügten weder über Radio noch Grammophon; sie gingen auch nicht in Konzerte; die Kammermusiksoirées gehörten nicht zum Arbeiterklassenleben der Sachers. Der erwachsene Paul Sacher sagte einmal ironisch: »Es gab keine erbliche Belastung«.

Dennoch hatte er einmal die Bach-Passionen im Basler Münster gehört, die ihn beeindruckten und irgendwie sehnte sich das Kind nach Musik und es entstand der Wunsch nach einer Geige, die er zu seinem sechsten Geburtstag erhielt; eine wohlhabende Tante bezahlte den Geigenunterricht, der bei einem Violinisten aus dem städtischen Symphonieorchester stattfand.
Paul fand den Klang des Instruments faszinierend, aber schon im Kindesalter war ihm klar geworden, dass er nie ein Violinvirtuose werden wird. Mit sechs Jahren wurde er eingeschult, die Mitschüler waren schon sieben und die Klassenstärke betrug so um die fünfzig Schüler.
Als Paul lesen konnte, tat sich für ihn eine neue Welt auf; wie er sich erinnerte, störten jetzt die Erwachsenen nur noch.
Dann störte der Beginn des Ersten Weltkriegs, von Basel aus konnte man sehen und hören wie sich Deutsche und Franzosen bekriegten; da war auch die Lebensqualität der Schweizer erheblich eingeschränkt, aber Anny sorgte stets dafür, dass ihre Familie nicht hungern musste.
Einen tiefen Einschnitt in die familiären Verhältnisse gab es, als Pauls Vater - praktisch über Nacht - urplötzlich religiös wurde und niemand wusste, was der Auslöser dazu war; er sprach nun stundenlange Tischgebete; der Erwachsene Paul Sacher vermutete bei der Sacher-Linie einen Hang zur Depression.

Nachdem Paul im Frühjahr 1916 die Primarschule verlassen hatte, musste entschieden werden, welche weiterführende Schule er nun besucht. Die Mutter befürchtete, dass ihr Sohn danach strebt Geiger zu werden, was sie für brotlose Kunst hielt und als Paul sagte, dass er eigentlich eher daran denke Dirigent zu werden, war Anny eher noch mehr beunruhigt.

Für Paul gab es da keine Wahlmöglichkeiten aus den drei angebotenen Schultypen etwas herauszusuchen, das entschied nämlich Anny; es war die von ihm am wenigsten geliebte auf Naturwissenschaften und Mathematik spezialisierte Realschule, die von Jungs besucht wurde, die Ingenieure und Wissenschaftler werden wollten.
Paul Sacher war ein erfolgreicher Schüler und brachte überdurchschnittlich gute Zeugnisse nach Hause, erhielt aber von seiner Mutter deswegen kein Lob, sie meinte, dass man seine Sache gut macht sei selbstverständlich.
Seinen täglichen schulischen Pflichten entledigte er sich möglichst rasch, um sich noch der Geige zuzuwenden und pro Tag ein Buch zu lesen.

Nelly, Pauls Schwester, bekam, als der Krieg zu Ende war, ein Klavier, aber Paul dachte nicht daran auch darauf zu spielen. Er empfand das Klavier als ein schreckliches Instrument, weil es aus seiner Sicht keinen noblen und schönen Klang hat - viel schöner empfand er Orgel oder Cembalo. Ihm war bewusst, dass ein Dirigent eigentlich Klavierspielen können muss; er hätte ja ohne diese Kenntnisse an keinem Theater arbeiten können, aber Sacher fand einen Weg ...

Als Sechzehnjähriger konnte er seinen Wunsch klar artikulieren; er wollte Dirigent werden. Während seiner Schulzeit hatte er nur wenig Musik gehört, weil diese damals ja nicht so einfach zugänglich war, wie das heute der Fall ist. Deshalb machte er sich zwei Jahre vor seinem gymnasialen Abschluss auf die Suche nach jemand, der ihm weiterhelfen konnte. Sacher wandte sich an den Basler Komponisten und Lehrer für Musiktheorie Rudolf Moser.
Zwei Jahre lang erteilte ihm Moser Unterricht, trainierte sein musikalisches Gehör und unterwies ihn in Kontrapunkt und Harmonielehre. Ganz billig waren Mosers Stunden nicht zu haben, also betätigte sich Paul Sacher ebenfalls pädagogisch und erteilte Nachhilfeunterricht.

Im Frühjahr 1924 wurde bei Sacher Tuberkulose festgestellt, während seiner gesamten Kindheit hatte er an Atemwegserkrankungen gelitten; ein Kuraufenthalt in Arosa wurde notwendig. Das Heimleiter-Ehepaar hatte drei Töchter, prompt verliebte er sich in Lili ... und binnen kurzer Zeit wurde er zum Mittelpunkt. Er hielt Lesungen bei Kerzenschein und gründete ein kleines Orchester.
Auch an seiner Schule gründete er zwei Jahre vor der Matura ein Orchester; schlagartig war sein Name an der Schule ein Begriff. Im Herbst 1922 begannen die Proben; am 10. November war das erste Konzert mit anspruchsvollem Programm. Wer im eleganten Saal des Restaurants »Zur Post« dabei sein wollte, musste 1,10 Franken berappen, das war der doppelte Preis einer Kinokarte. Das Konzert war ausverkauft. Es gab danach noch zwei Konzerte. Irgendjemandem war es gelungen sogar einen Kritiker der weitverbreiteten »Neuen Basler Zeitung« zu einem dieser Konzerte zu locken - dieser schrieb:

»Herr Sacher ist mit Ernst bei seiner Aufgabe und hat seine Spieler fest in der Hand. Die Disziplin war gut, die Intonation rein, und aus allem spürte man das rassige, frische Temperament des Dirigenten.«

1924 hatte Paul Sacher seine Matura in der Tasche und konnte sich an der Basler Universität einschreiben. Die Grundlage seiner Studien bildete zwar die Musikwissenschaft, aber der junge Student belegte dazu noch viele andere Fächer und besuchte auch Vorlesungen in Geschichte, Nationalökonomie und Jura. Er studierte sein Hauptfach durchaus mit Interesse, machte aber nie einen Abschluss.
Zur Begründung gab er an, dass dies am Dissertationsthema lag, das ihm sein Professor gegeben hatte: »Das oder jenes über Beethoven«; das Thema der Dissertation berührte in einfach nicht.
Sacher hatte sich gleichzeitig am Basler Konservatorium eingeschrieben und spielte dort im Schülerorchester Geige.

Felix Weingartner, Liszt-Schüler und der Nachfolger Gustav Mahlers an der Wiener Hofoper, kreuzte nun auf seine alten Tage in Basel auf. Wenn er Meisterkurse gab, kamen die Leute aus der ganzen Welt, um daran teilzunehmen. Einer der Teilnehmer war natürlich der »dirigiersüchtige« Sacher. Aber so einfach war das nicht zu bewältigen, denn wer an diesen Kursen teilnahm musste Klavier spielen können. Auf die Problematik wurde schon hingewiesen; so gesehen musste Sacher eigentlich außen vor bleiben, denn die Kursteilnehmer mussten aus der Partitur spielen können. Aber Weingartner hatte von den Bemühungen des jungen Mannes um die moderne Musik gehört und ließ ihn deshalb seinen Dirigentenkursen beiwohnen. Leute, die Sacher näher kannten, glaubten, dass er sich da einiges bei Weingartner abgeschaut hat, was Sacher jedoch nicht gelten lassen wollte.

Mit einem großen Orchester konnte Sacher eigentlich nichts Rechtes anfangen, er brauchte ein intimeres Orchester in der Größe, für die Paul Hindemith und Arnold Schönberg schon Sachen komponiert hatten. Heute ist das eine ganz andere Musiklandschaft als damals, unsere Zeit kennt eine Vielzahl von Kammerorchestern, das gab es so nicht und Sacher war zu der Ansicht gelangt, dass man so etwas neu erschaffen müsse.
Zwar hatte sich sein Klassenorchester am Ende der Schulzeit aufgelöst, aber einige seiner Ehemaligen waren durchaus gewillt unter seinem Dirigat weiterzumachen. Auf der Suche nach zusätzlichen Instrumentalisten lernte er Annie Tschopp kennen, die nur wenige Monate jünger war als Paul Sacher. Die junge Dame hatte auf der Töchterschule in Basel ebenfalls ein Klassenorchester geleitet und wollte dieses erhalten.
Ende August 1925 konstituierte sich das Orchester junger Basler als Verein. Annie Tschopp hatte einen anderen familiären Hintergrund als Sacher, sie bewohnte in ihrem Elternhaus, das fünf Stockwerke hoch war, eigene Räume. Familie Tschopp verkehrte in einem gehobenen Milieu, was Annie, die ebenfalls der zeitgenössischen Musik nahe stand, die Möglichkeit gab in diesen Kreisen entsprechend zu werben.
Der 4. November 1926 war das Gründungsdatum des Basler Kammerorchesters. Die Sache war gründlich vorbereitet, der Presse wurden entsprechende Informationen anhand gegeben.
Das Orchester hatte sich gegründet, um zeitgenössische und frühe Musik aufzuführen.
Aber wenn Bach, Mozart, Haydn oder Händel auf dem Programm standen, hat Sacher immer unbekannte Sachen dieser Komponisten ausgewählt, er suchte stets die vergessenen Stücke.
Sacher sah, dass die Konzentration der üblichen Orchesterprogramme auf die Musik des 19. Jahrhunderts den Komponisten seiner Ära nur wenige Chancen boten aufgeführt zu werden.
Im Januar 1927 trat das Basler Kammerorchester in der Martinskirche zu Basel erstmals vor die Öffentlichkeit. Der erste Programmteil war den unbekannten Stücken einiger Klassiker vorbehalten, im zweiten Teil erfolgte eine Weltpremiere, es war die »Suite für Violoncello und Kammerorchester« op. 35; der Komponist dieses Werks war Paul Sachers Lehrer Rudolf Moser. Alle Kritiken zu diesem Konzert waren positiv ausgefallen.

Paul Sacher stand nun selbständig im Leben, aber so ganz doch nicht, denn seine Mutter beklagte sich, dass er sich zuhause wie ein Hotelbesucher verhalte.
Als Musiker des BKO war man arm dran, alle Musiker einschließlich des Dirigenten verrichteten ihren Dienst fast zehn Jahre lang ohne Bezahlung. Aber auch wenn die Musiker kein Geld bekamen, entstanden dem Orchester Kosten. Sacher gelang es aber Leute in die Vorstandschaft zu bringen, die Geld hatten und sich großzügig zeigten.

Aber auch der noch arme Sacher vergab schon Aufträge an Komponisten, deren Lohn bestand darin, dass das BKO die komponierten Stücke an die Öffentlichkeit brachte. Zuerst waren das nur Schweizer Komponisten, aber allmählich kamen auch Werke Fortners und Hindemiths in Basel zur Aufführung, so zum Beispiel Paul Hindemiths »Das Marienleben« und wenig später noch weitere Werke von Hindemith, bei denen dieser selbst als Bratschensolist tätig wurde.
Zeitgenossen Sachers berichten, dass rhythmische Elemente eine ganz besondere Vorliebe Sachers waren. Dirigierte er alte Musik, so konnte man schon mal Stimmen hören, die von »eiskalt« sprachen und Sacher nur zugestanden, dass er »nichts weiter als ein Organisator« sei.
1929 brachte Sacher zum ersten Mal Arthur Honeggers »König David« in Basel zur Aufführung, ein Riesending, bei dessen Bewältigung auch Organisationstalent gefragt war.

Aus Gründen der Geldknappheit wurde Sacher 1925 Chordirigent; aus seiner damaligen Perspektive war die Bezahlung fürstlich, aber die Tätigkeit war ihm ein Gräuel, er fand es langweilig, mit einem Laienchor etwas einzustudieren.
Ende der 1920er Jahre weitete das BKO seine Aktivitäten aus und konzertierte auch außerhalb der Schweizer Grenze und Sacher dirigierte 1930 das Orchestre Chambre de Lausanne in der Schweiz und das Göteborger Symphonieorchester in Schweden.

Die Frau von Felix Weingartner hatte Paul Sacher im Sommer 1930 darum gebeten, dass das BKO auf der Geburtstagsparty ihres Mannes spielen möge. Beim Geburtstagsmenü nach dem Konzert hatte Frau Weingartner Paul Sacher so platziert, dass die Frau von Dr. Emanuel Hoffmann, Maja Hoffmann-Stehlin, zu seiner Rechten saß.
Maja war Bildhauerin und sammelte zeitgenössische Kunst: Marc Chagall, Max Ernst, Pablo Picasso ... man kam gut ins Gespräch und es entwickelte sich eine Freundschaft zwischen Paul Sacher und den Hoffmanns, der bald regelmäßiger Gast im Lilienhof, dem feudalen Wohnsitz der Hoffmanns, war.
Am Abend des 3. Oktober 1932 verunglückte Emanuel Hoffmann-Stehlin beim Überqueren eines Bahnübergangs tödlich, ein Zug hatte sein Auto erfasst. Als Sacher am nächsten Tag von dem Geschehen erfuhr, ging er unverzüglich zu Maja, um der Witwe beizustehen, die im Folgenden noch mehr zu ertragen hatte, nur wenige Monate nach dem Unglück erkrankte ihr dreizehnjähriger Sohn an Leukämie und starb ein Jahr nach seinem Vater.
Im Juni 1934 heiraten Paul Sacher und Maja Hoffmann-Stehlin. Er war achtundzwanzig, sie achtunddreißig. Freunde des Paares erhielten erst kurz vor der Hochzeit eine Nachricht.
Unmittelbar nach der Hochzeit unternahm Paul Sacher mit seiner Frau eine fast einjährige Reise, die sie um die halbe Welt führte.

Für einige Damen in Paul Sachers bisherigem Leben war diese Nachricht eine unangenehme Überraschung, für manche sogar ein Schock. Eine ganz wichtige Person auf diesem unmusikalischen Gebiet war Romana Segantini, eine Enkelin des Schweizer Malers Giovanni Segantini. Sacher hatte Romana im Sommer 1925 kennen gelernt; er war neunzehn, sie zwei Jahre jünger. Diese Freundschaft endete erst mit Romanas Tod 1992. Bei ihrer Beerdigung wurde in der Kirche in Maloja ein riesiges Gebinde blassrosa Rosen abgegeben; daran steckte eine Karte auf der nur der Name Paul Sacher stand. Keiner in ihrer Familie hatte jemals gehört, dass sie diesen Namen aussprach.

Natürlich traten nach dieser Eheschließung Neider mit entsprechend gehässigen Kommentaren auf den Plan, aber da waren kaum Musiker dabei, denn diese konnten am besten einschätzen, was der Dirigent vor seiner reichen Heirat alles ohne einen solchen monetären Hintergrund geschaffen hatte.

Nun konnte Sacher dank seines neuen Vermögens seine Kompositionsaufträge ordentlich bezahlen und es war jetzt auch nicht mehr notwendig, dass die Musiker nur aus Freude an der Musik spielten - zumindest meinte das Annie Tschopp, wogegen Sacher von Bezahlung nichts wissen wollte. Mit einem großen Knall trat Anni Tschopp aus dem Orchester aus. Erst viele, viele Jahre später näherte man sich wieder etwas an; spät in seinem Leben gab Sacher an, dass er ihr gegenüber ein schlechtes Gewissen habe. Die Musiker bekamen nun zwar etwas Geld, aber diesbezüglich darf man Sacher als knausrig bezeichnen.

Mit der Schola Cantorum Basilensis gründete Sacher 1933 ein privates Lehr- und Forschungsinstitut für alte Musik. Eine beachtliche Sammlung alter, gepflegter Musikinstrumente wurde dem Institut leihweise zur Verfügung gestellt.

1936 hatten sich Sacher mit seiner Frau, in deren Adern Architektenblut floss, ein neues Haus erbauen lassen, das keine Wünsche offen ließ, auch Paul Sachers Eltern wurden nicht vergessen, sie verfügten jetzt über ein eigenes Haus mit Dienstpersonal.

In den 1950ger, sechziger und siebziger Jahren war Sacher in vielen europäischen Ländern als Gastdirigent gefragt und er arbeitete mit bedeutenden Orchestern wie dem Royal Philharmonie Orchestra in London oder dem Mozarteum Orchester in Salzburg. In seinen Programmen erschienen immer wieder Werke, die er selbst in Auftrag gegeben hatte. Zum einen liebte er es, Werke zu dirigieren, bei denen er die Autorität des Komponisten hinter sich hatte, und zum anderen wich er damit elegant der Gefahr aus, zu seinen Ungunsten mit Vorgängern wie Weingartner oder Zeitgenossen wie Herbert von Karajan oder Sergiu Celebidache verglichen zu werden. Sacher hatte sich einen Ruf erworben, der namhafte Komponisten veranlasste ihm die neu geschaffenen Kompositionen anzuvertrauen.
Eine fruchtbare Zusammenarbeit ergab sich mit Strawinsky, den er schon 1930 kennenlernte und Béla Bartók. Letzterer reiste als Gast der Sachers an, um an der beauftragten Komposition zu arbeiten. Seit Jahren mietete Maja Sacher in den Sommermonaten in den Berner Alpen ein Chalet, in dem nun Bartók im Sommer 1939 arbeitete, zu diesem Zweck, hatte man aus Bern ein Klavier ins Chalet bringen lassen.
Andere Komponisten kamen nach Schönenberg; Arthur Honegger wohnte zum Beispiel mit seiner Familie fast ein ganzes Jahr dort und jahrelang hieß eines der Zimmer im Haupthaus »Pierres Zimmer«, weil Pierre Boulez dort so häufig übernachtete.

Aber die Musik spielte auch in der Firma - im Mai 1938 trat Paul Sacher in den Verwaltungsrat des pharmazeutischen Unternehmens F. Hoffmann-La Roche ein. Und er tat das nicht etwa widerwillig, sondern war von dieser ganz anderen Welt fasziniert.
1944 erfolgte dann eine ganz andere Berufung, die von der Schweizer Regierung ausging, Sacher wurde in die Kulturstiftung Pro Helvetia berufen, wo er fünfzehn Jahre mitwirkte und einen enormen Einfluss ausübte; seine Dominanz in diesem Gremium war nicht zu übersehen. Selbstverständlich nutzte er seine wachsende Autorität, um die Arbeit seiner Komponistenfreunde zu fördern. Aber er förderte auch Strauss - der natürlich überhaupt nicht zum Kreis der von Sacher favorisierten Musiker passte - als dieser mittellos in der Schweiz auftauchte. Auf der Bettkante von Frau Strauss sitzend, wurde das Werk »Metamorphosen« von Sacher in Auftrag gegeben. Es kostete fünftausend Franken, für den gleichen Betrag erwarb Sacher dann sukzessive noch das von Strauss eigenhändig abgeschriebene Manuskript und etwas später auch noch das Original, also summa summarum 15. 000 CHF.

»Sie war ein faszinierendes Weibsbild: schön, rassig, feingliedrig, gescheit, gebildet, musikalisch begabt - eine außergewöhnliche Frau.« So beschreibt Paul Sacher Nina von Faber-Castell; seine Affäre mit ihr dauerte immerhin drei Jahrzehnte und die Dame war verheiratet und hatte Kinder, denen Onkel Paul ganz sympathisch war.
In dieser Beziehung wurde auch Paul Sacher Vater, Maja blieb diese Beziehung über Jahre hinweg verborgen.

In den 1960er Jahren und danach hatte das Wirken Sachers eine weltweite Bedeutung erlangt, weil er bei einer Menge zeitgenössischer Werke Pate war. Persönlich hatte er so um die hundert Musikstücke in Auftrag gegeben und bis auf wenige Ausnahmen, auch selbst uraufgeführt.
Dank seiner finanziellen Ressourcen konnte man bei Sacher mitunter auch Arroganz und Selbstherrlichkeit bemerken und zum Teil hatte man Angst vor ihm. So wurde schon mal ein kritisch gehaltener Zeitungsartikel nicht gedruckt oder eine geplante Radiosendung nicht ausgestrahlt.

Die Paul Sacher Stiftung wurde 1973 zunächst mit dem Ziel der Bewahrung der musikalischen Bibliothek von Paul Sacher gegründet. Mit der einige Zeit später einsetzenden systematischen Erweiterung der Bestände wandelte sich diese Aufgabe. Mit rund hundert Nachlässen und Sammlungen von bedeutenden Komponisten und Interpreten bildet die Stiftung heute ein internationales Forschungszentrum für die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts.

Im privaten Bereich hatte sich die Beziehung zu Nina stark eingetrübt.1974 lernte Sacher eine Ärztin aus Norddeutschland kennen, die als Assistenzärztin an ein Krankenhaus in Basel gekommen war; sie war 33 Jahre alt und hieß Irma, hatte rotblondes Haar und grüne Augen; Sachers Interesse war geweckt. Es war wieder einmal der Beginn einer heimlichen Affäre, die auch dem engen Umfeld über Jahre verborgen blieb. Und Irma wollte unbedingt ein Kind, wogegen sich der inzwischen 75-jährige Sacher vehement wehrte, auch mit dem Argument, dass er bereits zwei Töchter habe, die nicht seinen Namen tragen. Irma hielt an ihrem Kinderwunsch fest, 1981 wurde Paul Sacher Vater eines Sohnes.
Zu keinem Zeitpunkt hatte Paul Sacher die Absicht sich von Maja scheiden zu lassen. Irma erkrankte schwer und hatte keine Überlebenschance und mit Nina und Maja stand es auch nicht zum Besten; Paul Sacher, dem in seinem Leben so viel gelungen ist, war stark angeschlagen und zog sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Nach sechzig Jahren hatte er dann den Entschluss gefasst sein Orchester aufzulösen.
Irma begleitete ihren Paul im Juni 1988 nach Oxford, wo er mit Doktorwürden ausgezeichnet wurde, es war der letzte gemeinsame öffentliche Auftritt der beiden; Irma starb Anfang November 1988. Maja Sacher-Hoffmannstarb am 8. August 1989. Nina, mit der er in den letzten Jahren keinen regelmäßigen Kontakt mehr hatte, starb 1994.

Es war angedacht, dass Jean Tinguely, ein von Maja seit langem verehrter Künstler, der später auch mit Paul Sacher befreundet war, eine Skulptur für Irmas Grabstätte schaffen sollte, und diese Grabstätte war auch für Paul Sacher vorgesehen. Tinguely hatte an etwas Bewegliches gedacht, aber Sacher wollte weder Bewegung noch Geräusche an seinem Grab; er meinte: »nach dem Tod ist alles still, nichts bewegt sich.« Jean Tinguely starb 1991, man konnte die Diskussion nicht mehr zu Ende führen ...

Es kam dann ganz anders, plötzlich teilte Paul Sacher seinem Sohn mit, dass er sich eine Grabstätte auf einem anderen Friedhof gekauft hat. Dort ruht er nun alleine, unweit des Familiengrabes der Hoffmanns, in dem auch Maja Sacher begraben ist.

Praktische Hinweise:
Das Grab befindet sich im Gräberfeld 11
Am besten benutzt man den Eingang am Grenzacherweg, von dort aus geht man etwa 250 Meter nach links


Der Haupteingang des Friedhofs am Hörnli in Basel - von hier aus muss man zum Grab nach ganz hinten laufen und dann nach rechts.





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hart

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Samstag, 16. Juni 2018, 12:28

Karl Liebl - *16. Juni 1915 - † 19. Januar 2007 Wiesbaden


Zum heutigen Geburtstag von Karl Liebl



Mitte Dezember 1959 sang Birgit Nilsson an der »Met« erstmals die Isolde. Zehn Tage nach diesem Debüt stand wieder »Tristan und Isolde« auf dem Spielplan, und die Erinnerung an diese denkwürdige Aufführung währt bis heute.
Die Zeitungen schrieben: »Schwedische Isolde verbraucht pro Akt einen Tristan« - einer davon war Karl Liebl, die beiden anderen Ramón Vinay und Albert da Costa.
Der Tristan für Akt I war Ramón Vinay; für Akt II, Karl Liebl; und für Akt III, Albert da Costa.
In der Literatur ist überliefert, dass sich alle drei Tenöre aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage gesehen hätten die drei Akte durchzustehen. In dieser Situation soll Rudolf Bing, der legendäre Chef der »Met«, die drei Tenöre dazu überredet haben, dass jeder der Herren einen Akt übernimmt. Karl Liebl selbst vermutete später, dass das auch ein wohlinszenierter PR-Gag von Direktor Bing gewesen sein könnte.
Insgesamt 57 Vorstellungen sang Karl Liebl in New York und 27 an der Wiener Staatsoper. Er gastierte unter anderem in München, Hamburg, Stuttgart, Berlin, London, Brüssel, Bordeaux, Chicago, Baltimore, Toronto, Rom und Venedig, vorwiegend mit Wagner-Partien.
Seine Stimme ist auf Schallplatten und CDs noch zu hören.

Geboren wurde Karl Liebl in einem kleinen Ort im Chiemgau. Als der Zweite Weltkrieg beendet war, ließ sich Karl Liebl zunächst zum Volksschullehrer ausbilden und übte diese Tätigkeit dann auch in seiner bayrischen Heimat aus. Da er im Besitz einer überdurchschnittlichen Singstimme war, konnte er sich auch vorstellen diese Anlagen zu entwickeln und studierte neben seiner pädagogischen Tätigkeit bei dem bekannten Bassisten Paul Bender Gesang. In seiner Soldatenzeit hatte Liebl nämlich den Sohn von Paul Bender kennengelernt.
Weitere Studien betrieb er bei Franz Hallasch in München und Albert Mayer in Augsburg. Auch Karl Liebl hatte der Krieg viel Zeit geraubt, sodass er erst mit 35 Jahren auf der Bühne stand; in seinem Falle war das die Bühne des Stadttheaters in Regensburg. Aber dort sang er dann nicht etwa zwei Sätze als dritter Geharnischter, sondern den Radames in »Aida« und Riccardo im »Maskenball«. Nach Verdi näherte er sich dann schon Wagner und sang den Siegmund in der »Walküre« - an etwa fünfzig Abenden stand er in Regensburg auf der Bühne.

1951 kam dann schon ein großer Sprung ans Staatstheater nach Wiesbaden, wo er ein wichtiges Ensemblemitglied war und fast vierhundert Mal auf der Bühne stand. In den Jahren 1956 bis1959 war er am Kölner Opernhaus zu hören wo am 18. Mai 1957 das neue Riphan-Opernhaus mit Carl Maria von Webers »Oberon« eröffnet wurde. Karl Liebl sang den Hüon und Leonie Rysanek wird überraschend seine Bühnenpartnerin.

Liebls Stimme entwickelte sich immer mehr in Richtung Heldentenor, der ganz besonders im Wagner-Fach gefragt ist. An der Wiener Staatsoper sang er von1956 bis 1960 Stolzing, Siegmund, Tannhäuser und Tristan, aber auch Florestan in »Fidelio« und »Palestrina«.
Unter dem Dirigat von Karl Böhm singt Liebl an der WSO am 17. Mai 1958 in der Erstaufführung von Hindemiths »Mathis der Maler« die Rolle des Albrecht von Brandenburg.

Wer an der Wiener Staatsoper erfolgreich sang, hatte schon immer auch in New York seine Chance, so auch Karl Liebl, natürlich im deutschen Fach. Seine Debütrolle an der »Met« war der Lohengrin.
Bis 1968 ist er dort in Partien wie dem Tristan, dem Walther von Stolzing in den »Meistersingern«, dem Erik im »Fliegenden Holländer«, dem Loge, dem Siegmund und dem Siegfried im Nibelungenring, dem Parsifal und dem Herodes in »Salome« von Richard Strauss aufgetreten.

Ab 1967 übernahm Karl Liebl am Peter-Cornelius-Konservatorium Mainz die Gesangsklasse Ewald Böhmer. 1969 wechselte er als Dozent für Musikerziehung ans Hochschulinstitut für Musik der Johann-Gutenberg-Universität Mainz. Im Oktober 1978 wurde er zum Professor ernannt.

Praktischer Hinweis:
Das Grab befindet sich in Wiesbaden auf dem Friedhof Sonnenberg, Flandernstraße 10
Man geht vom Eingang aus etwa 40 Meter zum Gebäude, dann wendet man sich 50 Meter nach rechts und findet das Grab im Gräberfeld 10

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Einen besonderen Hörgenuss darf man von dieser CD nicht erwarten, es klingt so als hätte man einfach ein Mikrofon vom Schnürboden herunter in die Szenen gehängt, man bekommt das ganze Bühnengepolter mit.
Aber - man kann auch heraushören, dass das wahrscheinlich das Publikum begeisternde Abende in den 1960er Jahren am Staatstheater Wiesbaden waren, denn eine hörenswerte Stimme war da, das ist unverkennbar.

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545

Samstag, 16. Juni 2018, 13:22

Er gastierte unter anderem in
Berlin

An der Staatsoper Berlin gastierte Karl Liebl:
- 2x als Siegfried (im "Siegfried") am 9. Oktober 1957 und am 18. November 1959 (unter der Musikalischen Leitung von Franz Konwitschny bzw. Hans Knappertsbusch neben Gertrude Grob-Prandl bzw. Helena Braun als Brünnhilde, Margarete Klose bzw. Maria von Ilosvay als Erda, Ina Faßbaender bzw. Jutta Vulpius als Waldvogel, Gerhard Stolze als Mime, Rudolf Gonszar als Wanderer, Frans Andersson als Alberich und Gerhard Frei als Fafner)
- 3x als Lohengrin am 25. Oktober 1959, 22. Mai 1960 und 16. April 1961 (unter der Musikalischen Leitung von Horst Stein neben Ruth Keplinger bzw. 2x Brünnhild Friedland als Elsa, Irmgard Klein bzw. 2x Sigrid Ekkehard als Ortrud, Frans Andersson als Telramund und Theo Adam als König Heinrich)
- 1x als Tristan am 19. Feburar 1966 (unter der Musikalischen Leitung von Otmar Suitner neben Ludmila Dvorakova als Isolde, Annelies Burmeister als Brangäne, Theo Adam als König Marke und Antonin Svorc als Kurwenal)
- 2x als Tannhäuser am 8. April und 4. September 1966 (unter der Musikalischen Leitung von Heinz Fricke neben Elisabeth Rose als Elisabeth, Ludmila Dvorakova bzw. Ingrid Steger als Venus, Robert Lauhöfer bzw. Rudolf Jedlicka als Wolfram und Gerhard Frei bzw. Theo Adam als Landgraf).
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

Inhalten aller Art in Beiträgen anderer in diesem Forum stimme ich hier ausdrücklich nur dann zu, wenn ich ihnen in Antwortbeiträgen ausdrücklich zustimme! ;)

hart

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546

Samstag, 16. Juni 2018, 14:08

Eine schöne detaillierte Ergänzung, die natürlich nur ein Berliner Insider liefern kann - merci beaucoup!

hart

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547

Sonntag, 17. Juni 2018, 14:54

Charles Gounod - * 17. Juni 1818 Paris - † 18. Oktober 1893 Saint-Cloud

Zum 200. Geburtstag von Charles Gounod





Charles Gounod ist heute vor allem als Komponist der Opern »Faust« und »Roméo et Juliette« sowie des sehr bekannten, als »Ave Maria« bearbeiteten Méditation sur le 1er prélude de piano de Johann Sebastian Bach bekannt. Die Tatsache, dass Gounod vor allem als Komponist dieser drei populären Stücke Berühmtheit erlangte, drängen sein umfangreiches Œuvre, das er in allen Gattungen erarbeitet hat, leider etwas in den Hintergrund. Den eigentlich zentralen Schwerpunkt im Schaffen Gounods bilden seine kirchenmusikalischen Werke, deren Umfang die aller anderen französischen Komponisten des 19. Jahrhunderts weit übertrifft.

In Charles Gounods Adern floss reinstes Künstlerblut; sein Vater war Maler, die Mutter Pianistin. Charles Mutter musste nach dem frühen Tod ihres Mannes die Kinder alleine durchbringen. Obwohl er schon recht früh von seiner Mutter in Musik unterwiesen wurde, war es nicht ausgemacht, dass er einmal ein berühmter Komponist werden wird.
Als Charles' Schuldirektor die Mutter auf das außergewöhnliche musikalische Talent ihres Sohnes ausdrücklich hinwies, war sie einverstanden, dass er nicht, wie sie es erhofft hatte, die Juristenlaufbahn einschlug, sondern die Aufnahmeprüfung für das Konservatorium absolvierte.

Nach dem häuslichen Unterricht studierte er zunächst privat, bei Anton Reicha, einem Musiker, der immerhin schon zusammen mit Beethoven in einem Orchester gespielt hatte.
Ab 1835 - manche Quellen nennen 1836 - ist er dann ordentlicher Student am Pariser Conservbatoire, wo er von Jacques Fromental Halévy in Kontrapunkt und Jean-François Lesueur in Komposition unterrichtet wird; als Lesueur dann 1837 stirbt, studiert Gounod noch für kurze Zeit bei Ferdinando Paër.
In den meisten Darstellungen von Gounods Werdegang heißt es lapidar »1839 erhielt er den Prix de Rome«; dazu sei ergänzt, dass es dazu dreier Anläufe bedurfte, aber so außergewöhnlich ist das nun wieder auch nicht. Auch Debussy errang - gute vier Jahrzehnte später - erst nach aufreibendem Procedere diesen Preis und war da gar nicht glücklich darüber und empfand den Aufenthalt in der Villa Medici als »Zwangsarbeit«. Nach zwei Jahren brach Debussy diese Exkursion vorzeitig ab. Dieses Rom-Stipendium war ja keine rein touristische Veranstaltung, die Stipendiaten sollten in der Villa frei arbeiten können und etwas Vorzeigbares nach Hause bringen.
So gesehen war Gounod ein Musterstipendiat. In Rom besuchte er regelmäßig die Sixtinische Kapelle, wo er mit der Musik Palestrinas und Bachs vertraut wurde.
Und er traf die Hensels, wobei sich Gounod auch etwas in die musikalisch versierte Fanny verguckt hatte, die wenig von der italienischen Musik hielt. Fanny Hensel musiziert und diskutiert stundenlang mit Gounod und Georges Bousequet. Fanny spielt Bach rauf und runter, auswendig, denn sie hat keine Noten dabei. Sie spielt auch Beethoven, »Fidelio« und »Waldsteinsonate« - für die Franzosen eine ganz neue Musik; und Fanny berichtet:
»Gounod ist auf eine Weise leidenschaftlich über Musik entzückt, wie ich es nicht leicht gesehen. Mein kleines venezianisches Stück gefällt ihm außerordentlich.«
Auf jeden Fall hat Gounod das C-dur Präludium von Bach durch Fanny kennen gelernt ...Seine tiefe Religiosität fand in vielen kirchenmusikalischen Werken Ausdruck, wenn auch deren Erfolg insgesamt hinter dem seiner Bühnenwerke zurücksteht.

Beinahe wäre Charles Gounod katholischer Pfarrer geworden, aber die Tochter eines Klavierprofessors am Conservatoire hatte ihn offensichtlich auf andere Gedanken gebracht, 1852 heiratete er Anne Zimmerman.
Noch vor seiner Heirat war Charles Gounod als Opernkomponist in Erscheinung getreten; am 16. April 1851 wurde sein Erstlingswerk »Sapho« in Paris aufgeführt. Die berühmte Sängerin Pauline Viardot hatte Gounod dazu gedrängt eine Oper zu schreiben und zog dann auch alle Register, damit daraus auch etwas werde, aber da waren dann letztendlich so viele Imponderabilien, dass man unterm Strich sagen muss, dass dieser ersten Oper Gounods, der dann noch elf folgen sollten, kein Erfolg beschieden war.
Pierre-Joseph-Guillaume Zimmerman, der Schwiegervater Gounods, ließ seine Beziehungen spielen, damit sein Schwiegersohn Leiter des »Orphéon de la Ville de Paris«, des größten Männerchores der Stadt, werden konnte; er war auch für den Vokalunterricht an den öffentlichen Pariser Schulen zuständig. Diese Tätigkeit übte Gounod bis 1860 aus und bewertete diese Arbeit in seinem Rückblick als sehr positiv für seine weitere musikalische Entwicklung.

Vermutlich hatte sich Gounod schon 1849 mit seinem bedeutendsten Werk, der »Messe solennelle zu Ehren der Hl. Cäcilie« befasst und es kam in den folgenden Jahren erst einmal zu der Aufführung von Fragmenten, so zum Beispiel im Januar 1951 in der Londoner St. Martins Hall.
Im September 1855 war die Messe fast fertiggestellt, es fehlte lediglich noch das »Domine, salvum fac«. Am 29. November 1855 gelangte die »Cäcilienmesse« in Saint-Eustache zu Paris zur Erstaufführung.
In der »Messe Solennelle« verbindet Gounod die Tiefe seines Glaubens mit der musikalischen Ausdruckskraft der Oper. So schreibt er nicht nur drei Gesangssolisten neben dem Chor vor, sondern auch eine derart große und umfangreiche Orchesterbesetzung mit einer Vielzahl von unterschiedlichen Instrumenten wie sie seinerzeit nur in der Oper zu finden war. Mit dieser Messe fand Gounod allgemeine Anerkennung als Komponist.


Zur weltberühmten Bekanntheit verhalf ihm seine Oper »Faust«, die am 19. März 1859 im Pariser Theater Lyrique erstmals aufgeführt wurde. Der Erfolg hing am seidenen Faden, denn der Kartenvorverkauf lief schleppend. In dieser Situation verschenkte der Impresario die freien Plätze an Leute, die außerhalb der Stadt wohnten, dann ließ er durch die Pariser Zeitungen verbreiten, dass für die ersten Vorstellungen keine Eintrittskarten mehr erhältlich sind. Das Interesse der Pariser Operngänger war geweckt und die Oper trat ihren Siegeszug um die Welt an.
In Deutschland fanden Aufführungen unter dem Operntitel »Margarethe« statt, was der Handlung nach eigentlich auch nachvollziehbar ist. In Deutschland wurde das Werk erstmals am 17. Februar 1861 am Hoftheater in Darmstadt aufgeführt; der Komponist war anwesend und bekam dann wenige Tage nach der Aufführung vom Großherzog Ludwig III. eine goldene Verdienstmedaille für sein musikalisches Schaffen.
Aber das sah man nicht überall in Deutschland so, denn als die Oper auch an anderen Häusern gespielt wurde, traten tatsächlich Kritiker auf den Plan, die eine Ausschließung dieser Oper von deutschen Bühnen forderten, weil sie in dem Werk des Franzosen eine ehrenrührige Parodie des Goethe´schen Faust sahen.
All das konnte den Siegeszug dieser Oper nicht aufhalten; als am 22. Oktober 1883 die Metropolitan Opera in New York eröffnet wurde, stand »Faust« auf dem Programm.

Nach diesem ersten großen Opernerfolg mit »Faust« griff Gounod erneut zu einem großen Stück der Weltliteratur. Bereits 1839 hatte er als 21-jähriger Student in Paris Hector Berlioz´ dramatische Symphonie »Roméo et Juliette« gehört und sah in Italien Bellinis »I Capuleti e i Montecchi«. Schließlich war Wagners Musikdrama »Tristan und Isolde« gerade 1865 entstanden, die Zeit war nun reif, dass Gounod dem Musiktheater wieder ein bedeutendes Werk aus seiner Feder schenkte - zudem war zum Jahr 1867 mal wieder eine Weltausstellung in Paris geplant.
Er wandte sich an seine bewährten Librettisten Jules Barbier und Michel Carré, die den Text bereits im Frühjahr 1865 fertig hatten, der ihm sofort zusagte, weil er sich weitgehend an der literarischen Vorlage orientierte. Noch im April des Jahres verließ er Paris in Richtung Côte d'Azur, wo er sich unverzüglich an die Arbeit machte und das Stück in atemberaubender Geschwindigkeit vertonte; schon innerhalb eines Monats hatte er wesentliche Teile seiner Oper fertiggestellt. Das blieb nicht ohne Folgen, er erlitt einen Nervenzusammenbruch, der eine Arbeitspause von vierzehn Tagen erforderlich machte. Dennoch konnte Gounod bereits im August 1866 dem Theaterleiter des Théâtre Lyrique, Léon Carvalho, die fertige Partitur zukommen lassen; aber was heißt hier fertige Partitur?
Der erfahrene Theatermann Carvalho redigierte das Werk so, dass es Gounod Angst und Bange wurde; er musste Rezitative hinzufügen und auch die später so berühmte Walzer-Arie »Je veux vivre dans le rêve« ist eine solche Hinzufügung.
Aber der »Karten-Trick«, welcher noch bei der Uraufführung des »Faust« zum Tragen kam, musste diesmal nicht angewendet werden, es ergab sich eine andere wohlüberlegte Möglichkeit.
Die Aktivitäten der Weltausstellung waren bereits angelaufen und es ergab sich, dass am Tag der Uraufführung - das war der 27. April 1867 - auch ein großer Staatsball mit allem Drum und Dran in Szene gesetzt wurde. Die von der Uraufführung begeisterten Besucher eilten nach der Opernaufführung zum Staatsball und machten die neue Oper »Roméo et Juliette« zum Tagesgespräch der besseren Gesellschaft.

Und der Erfolg war nachhaltig, denn bereits in der ersten Saison wurde das Werk mehr als hundert Mal gespielt und hatte - wie »Faust« auch - weltweiten Erfolg. In den 30 Jahren nach der Uraufführung soll es alleine in Paris etwa 500 Aufführungen des Werkes gegeben haben.
Noch vor Ablauf des Jahres der Uraufführung fanden Inszenierungen in London, Mailand, Brüssel und Dresden statt.
Juliettes Walzer-Arie »Je veux vivre« und gleich vier große Duette der beiden Liebenden stehen für die musikalische Qualität, die dem Werk zu seiner Beliebtheit verholfen haben. Musikalisch begeistert die Oper mit einer Fülle an bezaubernden Melodien, wobei neben den Titelfiguren auch die kleineren Partien mit wunderbaren Arien bedacht sind.

Auch wenn »Faust« heute unter verschiedenen Aspekten eine höhere Stellung einnimmt als »Roméo et Juliette«; zu Lebzeiten des Komponisten war »Roméo et Juliette« sein größter Erfolg.

Die Jahre 1870 bis 1874 verbrachte Gounod wegen des Deutsch-Französischen Krieges in England. Das Angebot, Nachfolger von Daniel-François-Esprit Auber - der 1971 starb - am Pariser Conservatoire zu werden, lehnte Gounod ab.
In London zeigte man durchaus großes Interesse an seiner Musik, wie zum Beispiel dem Oratorium »La returnation und Mors et vita«; zu den vielen, die Gounods musikalisches Schaffen bewunderten, gehörte auch Königin Victoria.
Etwas schwieriger war eine Bewunderin Gounodscher Musik, die mit einem Leutnant der königlichen Husaren verheiratet war, das war Georgina Weldon. Diese Dame hatte sängerische Ambitionen, auch eine ansprechende Stimme, die jedoch eher amateurhaft einzustufen war.
Der Herr Leutnant machte von seiner starken Position als Ehemann Gebrauch und verbot seiner Gattin sich als professionelle Sängerin auf Londons Bühnen zu zeigen; wenn sie sie schon singen wollte, sollte sie dies in Kirchenversammlungen oder Wohltätigkeitsveranstaltungen tun.
Gounod war ja zu dieser Zeit schon ein sehr bekannter Komponist und Mrs. Weldon sah hier eine Chance in der Nähe dieses großen Namens auch etwas Glanz abzubekommen.
Anna Gounod glaubte eine Verliebtheit ihres Gatten bemerkt zu haben, packte ihre Koffer und kehrte nach Paris zurück.
Währenddessen zog Charles Gounod im November 1871in das Tavistock House, den ehelichen Wohnsitz von Georgina und William Henry Weldon, wo er ein kleines Zimmer bewohnte. Dort soll Georgina täglich gesehen worden sein ... Sie soll ihn dazu verleitet haben, immer mehr für sie zu komponieren.
Georgina Weldon engagierte sich sehr für Waisenkinder und führte Erlöse, die sie mit dem Vortrag von Gounods Kompositionen erwirtschaftet hatte, einem Waisenhaus zu.

Mrs. Weldon konnte sich nun aber auch der Hoffnung hingeben endlich als Opernsängerin groß ins Rampenlicht zu treten; in der Literatur heißt es:
»In einem Moment der begeisterten Leidenschaft versprach Gounod Georgina sogar die Titelrolle in seiner neuen Oper "Polyeucte", basierend auf einem Drama von Pierre Corneille«

Allmählich wurde dem Komponisten dieses englische Abenteuer unangenehm und er kehrte 1874 - hastig, wie es heißt - zu seiner Frau nach Paris zurück.
Nun begann ein heftiges Gerangel um die Partitur von »Polyeucte«, Georgina beanspruchte das Eigentum an dieser Komposition und unterstrich diesen Anspruch optisch, indem sie mit blauer Kreide auf jede Seite diagonal ihren Namen schrieb.
Gounod war nun gezwungen die Partitur aus dem Gedächtnis zu rekonstruieren. Eduard Hanslick schrieb einmal zu diesem Stück: »... ist das Werk eine Mischung von weltlicher und geistlicher Oper geworden und konnte nach keiner Seite befriedigen.«
Die Uraufführung fand 1878 mit großem Aufwand in Paris statt, aber ein Erfolg wurde es nicht, nach nur 29 Wiederholungen verschwand es vom Spielplan - Gounod bezeichnete es als »Die Trauer meines Lebens«.

Seinem letzten Werk, dem »Requiem in C«, liegt ein trauriges Ereignis zugrunde; Gounods Enkel Maurice, noch keine fünf Jahre alt, war gestorben. Das Werk liegt in eine für ein Requiem eher ungewöhnlichen Grundtonart C-Dur vor.

Das Requiem erklang in eindrucksvoller Darbietung anlässlich des ersten Todestags des Komponisten in der Pariser Kirche Sainte-Madeleine unter der Leitung von Gabriel Fauré und die zeitgenössische Presse war von dieser Aufführung tief beeindruckt.

Die nationale Trauerfeier für Charles Gounod fand in der Madeleine statt, wo, seinem Wunsch entsprechend, eine Gregoreanische Messe gesungen wurde.

Charles Gounod hatte 12 Opern, eine Fülle von Liedern, Symphonien, Streichquartetten, Klavier- und Kammermusiken hinterlassen; er komponierte als zutiefst gläubiger Katholik in seinen letzten Lebensjahren fast nur noch Kirchenmusik.


Im Innern des Grabmals findet man die Lebensdaten der hier Bestatteten, die auch zeigen, dass in diesem Falle der Name Zimmerman nur mit einem »N« geschrieben ist, in der Literatur wird das nämlich unterschiedlich gehandhabt.





Praktische Hinweise:

Man findet das Grab auf dem Friedhof Cimetiére d´ Auteuil, ein kleiner Friedhof, der von hohen Wohnhäusern umgeben ist, in der 57 Rue Claude Lorrain, 75016 Paris.
Vom Friedhofseingang aus geht man nur etwa 25 Schritte geradeaus und steht rechts des Weges vor Gounods Häuschen.
Die Metro-Linie 9 führt dorthin, die nächstgelegene Station zum Friedhof heißt Exelmans.j

William B.A.

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548

Sonntag, 17. Juni 2018, 15:04

Sehr schön, lieber hart,

dass du auch an den heutigen Ehrentag von Charles Gounod gedacht hast. und das wie immer in einem sehr gekonnten und umfassenden Artikel zum Ausdruck gebracht hast.

Liebe Grüße

Willi :)
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

hart

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549

Freitag, 22. Juni 2018, 15:57

Lucille Weingartner - Marcel - * 1877 New York - † 22. Juni 1921 Wien

Auch ihr späterer Ehemann, der Hofoperndirektor Felix von Weingartner, wusste nicht genau wann seine Frau, die eigentlich als Lucille Wasself geboren wurde, Geburtstag hat; wie er selbst einmal erklärte, sei es damals in den USA nicht üblich gewesen im Besitz einer Geburtsurkunde zu sein.




Zum heutigen Todestag von Lucille Weingartner - Marcel

Weingartner hatte 1908 von Gustav Mahler das Direktorat der Wiener Hofoper übernommen und begleitete dieses Amt für drei Jahre. In dieser Zeit sollte an der Hofoper »Elektra«, eine neue Oper von Richard Strauss, aufgeführt werden und man war auf der Suche nach einer Sängerin der Titelpartie. In dieser Situation kam ein Telegramm eines Pariser Freundes von Richard Strauss, der auf eine Sopranistin mit dem Namen Lucille Marcel aufmerksam machte, die in Paris bei Jean de Reszke studiert hatte. Reszke war immerhin einer der bedeutendsten Tenöre des 19. Jahrhunderts.
Wie mitgeteilt wurde, sei die Dame - gegen Erstattung der Kosten - bereit zum Vorsingen nach Wien zu kommen. Der große Name ihres Lehrers beeindruckte Weingartner, der die Sängerin willkommen hieß; am 31. Dezember 1908 gab Lucille Marcel eine Probe ihres Könnens, das Weingartner so schildert:

»Eine zunächst nicht besonders auffallende jugendliche Erscheinung betrat die Bühne des halbverdunkelten Opernhauses, auf der ein Klavier stand und begann »Ritorna vincitor«, die erste Arie der »Aida« zu singen. Eine Stimme von seltener Kraft und Schönheit, kultiviert und ausgeglichen in allen Lagen, drang zu mir und ließ mich und meine Begleiter aufhorchen. Alle fühlten wir sofort, dass hier etwas Ungewöhnliches erschienen war«

Leider stellte sich nach dem so beeindruckenden Vortrag heraus, dass sie sich in der deutschen Sprache nur radebrechend bewegen konnte. Ihr eine große deutsche Rolle anzuvertrauen schien äußerst riskant. Weingartner beauftragte nun Kapellmeister Reichenberger damit, herauszufinden, welche Chancen bestehen, dass sie diese Rolle lernen kann.
Als Direktor Weingartner nach einigen Tagen mal im Probezimmer vorbeischaute, strahlte sie ihn - den Klavierauszug der »Elektra« in der Hand - an und rief: »Mon Dieu, quel rôle!

Bis hierher hatte man sie für eine Französin gehalten, aber nun stellte sich heraus, dass sie Amerikanerin war, »a real Newyorkgirl«, wie sie sagte. Weingartners letzte Zweifel zerstreute sie mit einem selbstbewussten »Ja, ja, wird gehen!«
Man vereinbarte, dass Lucille Marcel nach Paris zurückkehrt, um dort mit einem erfahrenen Musiker die Rolle einzustudieren und steckte dafür einen Zeitrahmen von etwa sechs Wochen ab. Es kam zu einem Vertrag, der die Sängerin verpflichtete für die kommende Saison die Rolle der »Elektra« zu übernehmen.
Als Lucille Marcel wieder in Wien erschien, zeigte es sich bei der ersten Probe, dass sie ihre Rolle schon zum größten Teil beherrschte und die Worte gut und deutlich aussprach, obwohl sie oft nicht verstand, was sie sang und die Laute dem Gehör nach imitierte.
Nun konnte sie sich auch insoweit in deutscher Sprache verständigen, dass eine bescheidene Konversation möglich war.
Als Richard Strauss zu den Proben in Wien eintraf war er erstaunt, dass eine ausländische Anfängerin ihrer Aufgabe in solcher Weise gerecht werden konnte. Die Premiere verlief gut, es war ein großer Erfolg, den sogar der gefürchtete Dr. Korngold anerkannte.
Auch Jean de Reszke war zur Premiere von Paris herüber gekommen, um das Debüt seiner Schülerin mitzuerleben. Man bot ihr den am Hause üblichen sechsjährigen Vertrag an, den sie freudig akzeptierte.

Bei all der intensiven Zusammenarbeit bemerkte der Herr Hofoperndirektor, dass sein Interesse inzwischen nicht nur der Stimme seiner Angestellten galt. Er versuchte zwar alle Kontakte so geschäftsmäßig wie möglich ablaufen zu lassen, aber man kam sich näher und näher. Lucille hatte die dreißig gerade überschritten, er war um fünfzehn Jahre älter. Als beide wussten, dass da mehr als nur berufliches Interesse war, versuchten sie dies vor der Öffentlichkeit zu verbergen, was sie so übertrieben gestalteten, dass sie auf einer Einladung, bei der sie Tischnachbarn waren, kein Wort miteinander sprachen.
Im Zustand der Verliebtheit wuchsen dem Komponisten - der ja hauptsächlich als Dirigent wahrgenommen wurde - neue Kräfte zu und er komponierte einige Lieder, aber auch seine dritte Sinfonie, die 1910 erstmals aufgeführt wurde.

Natürlich blieb es trotz distanziertem Getue am Theater auf Dauer kein Geheimnis, dass die beiden Künstler mehr verband als ihre gemeinsamen Liederabende. Auf der Opernbühne sang Lucille Marcel unter Weingartners Leitung sehr erfolgreich die Eva in den »Meistersingern«, bei einem Gastspiel in Prag war sogar der große Wagner-Spezialist Angelo Neumann beeindruckt.
Weingartner war klar, dass er sich dem Vorwurf der Protektion aussetzen würde, wenn Lucille und er gleichzeitig an der Hofoper wirkten und sagte ihr, dass sie ihre Entlassung einreichen muss. Die Situation war etwas grotesk - als Tosca hatte sie im zweiten Akt einen Beifallssturm entfesselt, aber die Kritik mäkelte so herum, dass sie nun selbst nicht mehr am Theater bleiben mochte; sie begründete ihr Entlassungsgesuch damit, dass sie sich künftig nur noch dem Konzertgesang widmen wolle. Am Pfingstmontag 1910 erklang ihr Stimme letztmals an der Wiener Hofoper.

Noch war Weingartner Wiener Hofkapellmeister, aber zum Saisonende wusste er, dass er auch nicht bleiben wird. Das immer noch unverheiratete Paar ging nach Paris, wo es ein herzliches Wiedersehen mit Jean de Reszke und seiner Familie gab.
Lucille war als blutjunges armes Mädchen nach Europa gekommen und hatte zuerst bei Professor Emmerich in Berlin studiert. Dann tauchte sie mit wenig Geld in der Tasche in Paris auf, um dem berühmten Reszke vorzusingen. Dieser fand an ihrer Stimme so viel Gefallen, dass er sie über mehrere Jahre nicht nur kostenlos ausbildete, sondern ihr und einer alten Frau, die sie stets begleitete, auch Mittel zur Verfügung stellte, die es ermöglichten auf bescheidene Weise in Paris zu leben.

Im Moment war es für den erholungsbedürftigen Weingartner in Paris zu umtriebig, sodass man die Ferienzeit in der Schweiz verbrachte. Im Anschluss folgten Konzertauftritte in Russland, danach waren sie nach Rom engagiert. Als Lucille in Paris einen Liederabend mit Kompositionen Weingartners gab, war auch Henry Russell, der Direktor der Boston-Opera im Publikum. Sie wurden zum nächsten Winter in die USA eingeladen.

Dr. Löwenfeld, der neue Direktor des Hamburger Stadttheaters, lud sie zu einem vier Monate währenden Gastspiel nach Hamburg ein.
Für Boston musste Lucille die »Aida« in Italienisch neu lernen und für Hamburg in Deutsch; »Tosca« und »Margarethe« waren für Boston italienisch und französisch, also in den Originalsprachen, vorzubereiten.

Nach den Erfolgen in Amerika und anderswo kamen beide wieder musizierend nach Wien, denn Weingartner hatte zwar seinen Chefposten an der Oper aufgegeben, aber immer noch seine Verpflichtungen bei den Wiener philharmonischen Konzerten, die für ihn eine Herzenssache waren. Gleichzeitig sang auch Lucille Marcel wieder mit großem Erfolg in Wien.
Als schließlich der damals schon berühmte Caruso an der Hamburger Oper ein Gastspiel gab, sang Lucille die Aida und Weingartner gab den Ton an.

Im Frühjahr 1912 bezog das Paar sein neues Haus in St. Sulpice bei Genf, es sollte auch einmal als Alterssitz dienen, mit dem Ersten Weltkrieg zerstob dieser Traum, der Besitz musste verkauft werden - Weingartner sagte, dass der frevelhafte Krieg sie zwang, ihr »Fairy-Home« aufzuessen.

Als sie 1912 das Haus erworben hatten, schien es auch an der Zeit diese nun schon seit Jahren gelebte Zweisamkeit zu »legalisieren«; sie wollten in Österreich oder Deutschland heiraten.
Aber hier türmten sich nun ungeahnte bürokratische Hürden auf. Man forderte Papiere aus Amerika zu beschaffen, die den dortigen Behörden überhaupt nicht bekannt waren.
Nun aktivierte Weingartner einen amerikanischen Freund, der drüben alles vorbereitet; in ihrer gewohnten Umgebung hielten sie die bevorstehende Eheschließung geheim.
In New York ging die Eheschließung ohne Komplikationen vonstatten, am 29. Januar 1913 forderte der amerikanische Standesbeamte Felix Weingartner auf: »Now kiss Your wife« und Lucille jubelte stolz und glücklich: »Jetzt bin ich Mrs. Weingartner!« Während man sich in Amerika an den neuen Namen der Sängerin rasch gewöhnte, blieb man in Wien beim traulichen »Die Marcel«.

Die Kriegseinwirkungen hatten die Weingartners wieder nach Wien gebracht, wo auch sie von der herrschenden Not nicht verschont blieben. Im Frühjahr 1919 bot man Weingartner die Leitung der Wiener Volksoper an; Ende August gingen dann hier die »Meistersinger« über die Bühne, aber dann ordnete die Behörde an, dass alle Theater wegen der Kohlennot geschlossen werden.
Eine weit bessere Lebensqualität - wenn man einmal von der Seekrankheit absieht - war auf der »Principessa Mafalda« geboten, ein Dampfer, der das Künstlerpaar nach Südamerika brachte.
Auf dieser Schiffsreise war Lernen angesagt, Lucille musste die Sieglinde in italienischer Sprache zu Ende studieren und mit dem Neustudium der Elsa beginnen. Die Übungen gehen in gedämpften Piano vonstatten, damit keine neugierigen Zuhörer angelockt werden.

In Südamerika wird eine ausgedehnte Konzertreise in diversen Ländern und Städten absolviert, natürlich gastiert man auch am Teatro Colón in Buenos Aires.
Wieder zurück in Europa, gab Lucille Marcel in Rom ihren letzten Liederabend, gemeint ist der letzte überhaupt, was keiner in ihrer Umgebung, und sie selbst auch nicht, ahnen konnte. Auf dem Programm standen Lieder von Franz Schubert und einige der japanischen Lieder von Felix Weingartner. Das Paar reiste nach Neapel, weil Weingartner dort einige »Parsifal«-Vorstellungen zu dirigieren hatte. Nach einigen Tagen wurde Lucille unruhig und wollte nach Hause fahren. Sie erkrankte in Florenz, erholte sich aber wieder rasch und gelangte über Venedig wieder nach Wien. Als später dann beide wieder in Wien waren, zog Lucille alle Register, um am 2. Juni den 58. Geburtstag ihres Gatten mit einem Aufwand zu inszenieren, als sei es schon der 60.
Es gab ein rauschendes Fest, dennoch schien Lucille in ihrem Wesen verändert. Am 15. Juni gab sie eine glanzlose »Tosca« und sagte nach dieser Vorstellung, dass sie müde sei, ein Zustand der anhielt; man konsultierte einen Professor, der zu einer Kur in Marienbad riet.

Aber dazu sollte es nicht mehr kommen. Während sie am Vormittag des 19. Juni noch scheinbar ruhig in Karl Maria von Webers Biografie las, hörte ihr Mann während eines Telefonats plötzlich die erschreckte Stimme des Stubenmädchens aus dem Schlafzimmer, eilte hinzu und fand seine Frau röchelnd auf dem Boden. Die herbeigerufenen Ärzte diagnostizierten eine Nierenschrumpfung im höchsten Stadium und die Einlieferung in ein Sanatorium. Dort verweilte Weingartner die meiste Zeit, dirigierte aber am 20. Juni noch die Festvorstellung einer Strauß-Operette, weil er glaubte in Lucilles Sinn zu handeln.
Am 22. Juni 1921, nachmittags, bat Weingartner darum, ihn mit der Sterbenden alleine zu lassen - kurz nach drei Uhr starb Lucille Marcel im Sanatorium.
Weingartner bezeichnet es als glückliche Fügung, dass er auf dem alten Teil des Hietzinger Friedhofs noch ein Grab erwerben konnte, das man einfach vergessen hatte.
Von dem Wiener Architekten Karl Jaray ließ er einen schlichten Grabstein entwerfen; Jaray hatte schon in früheren Jahren Lucilles Wohnung in der Bruckner Straße 4 eingerichtet.

Praktischer Hinweis:
Friedhof Hietzing, Maxingstraße 15 - 1130 Wien
Man findet das ehrenhalber in Obhut genommene Grab in Gruppe 7
Egal welches der drei Tore man von der Maxingstraße aus benutzt - am günstigsten ist Tor 3 - das Gräberfeld 7 befindet sich an der linken äußeren Ecke des Friedhofs.

Anmerkung:
Ganz rechts, an der dritten Backsteinreihe von unten, weist ein kleines grünes Schildchen das Grab als ein Ehrengrab der Stadt Wien aus.
Die letzte Ruhestätte von Felix Weingartner hatte 60 Jahre als Privatgrab auf dem Friedhof Rosenberg in Winterthur bestand, war im heutigen Feld 114 und wurde im Jahr 2003 aufgehoben.

hart

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Mittwoch, 27. Juni 2018, 23:50

Johann Friedrich Reichardt - * 25. November 1752 Königsberg / Preußen - † 27. Juni 1814 Giebichenstein ( bei Halle)




Zum heutigen Todestag von Johann Friedrich Reichardt





Die Verhältnisse, in die der kleine Fritz - so sein Rufname - hinein geboren wurde, werden als ärmlich beschrieben; aber es wird auch darauf hingewiesen, dass er im Einflussbereich des aufgeklärten Hochadels zur Welt kam. Der Vater war Stadtmusikus und ein allseits geachteter Lautenlehrer; seine Mutter die Tochter eines Hutmachermeisters. Der Vater unterrichtete seinen Sohn im Violinspiel, im Klavierspiel ließ er ihn unterrichten. Als Achtjähriger soll er auf der Violine und am Klavier nicht ganz leichte Stücke rein und gut gespielt haben. Einige Zeit später erfand er schon eigene Melodien.

Der Vater achtete sehr darauf, dass sein Sohn Unterricht bei wirklichen Könnern ihres Faches erhalten konnte. Ausbilder auf hohem Niveau waren der Violinist Franz Adam Veichtner, der aus Regensburg stammte und auf der Durchreise nach St. Petersburg auf dem Hin- und Rückweg für einige Zeit in Königsberg Station machte; der andere Carl Gottlob Richter, der ein Meister am Cembalo war. Durch kriegsbedingte Einflüsse nahm Fritz auch schon recht früh Melodien russischer Volkslieder und Haydnscher Musik in sich auf.
Die gute Ausbildung trug Früchte; schon im Alter von zehn Jahren trug der Knabe Stücke von Johann Sebastian Bach in öffentlichen Konzerten vor. Eine Reise, die Fritz 1762 mit seinem Vater - im Gefolge des Grafen - nach Kurland unternahm, wurde auch dazu genutzt den Knaben als »Wunderkind« zu präsentieren.
Der Ausbildung in Musik räumte man Priorität ein, von einer geregelten schulischen Ausbildung von Kindesbeinen an konnte bei Fritz keine Rede sein. Aber immerhin wird Reichardt ab 1768 für drei Jahre Student der Rechtswissenschaft und hört bei Immanuel Kant philosophische Vorlesungen an der Königsberger Albertina. Wie man nachlesen kann, soll der junge Mann in dieser Zeit nicht nur studiert, sondern auch ein recht lockeres Studentenleben geführt haben.

Im Frühjahr 1771 strebte Reichardt aus Königsberg hinaus, seine Reisekasse war schlecht bestückt, zwei Dukaten mussten für die ersten Schritte reichen, aber was heißt hier Schritte, bis Danzig konnte er kostenlos und bequem mit der Kutsche des Fürsten reisen.
In Danzig lernte er den um fünf Jahre älteren Musiker Johann Abraham Peter Schulz kennen, der in Lüneburg geboren war, aber von Berlin aus nach Danzig kam. Dieser Musiker mit dem Allerweltsnamen Schulz ist insoweit ein bedeutender Mann, weil er das zeitlose Lied »Der Mond ist aufgegangen« nach einem Text von Matthias Claudius vertonte.
Beide tauchen nun bald in Berlin auf, wo der ältere Schulz seinen neuen Freund in die relevanten Künstlerkreise einführen konnte.
Aber auch die Universität Leipzig zog ihn an, zumal da einige Kurländer und Livländer studierten, die er kannte. Dort wurde er in die Familie des alten Johann Adam Hiller aufgenommen, der sich damals sehr engagiert am Musikleben der Stadt beteiligte und auch seit 1771 eine Singschule betrieb, aus der berühmte Sängerinnen hervorgingen; in eine von diesen, Carona Schröter, war Reichardt bis über beide Ohren verliebt und kam natürlich sehr intensiv mit vokaler Musik in Berührung. In Leipzig schrieb er mehrere Violinkonzerte. Hiller, der auch als Gewandhaus-Kapellmeister wirkte, drängte Reichardt auch dazu sich mehr der Gesangsmusik und Werken fürs Theater zuzuwenden.

Die nächste Station seiner Reise - es war Ostern 1772 - war Dresden; Hiller hatte dazu geraten, beim Dresdner Kreuzkirchen-Kantor seine Kenntnisse noch zu festigen.
Aus einem Brief, den Reichardt im Februar 1973 aus Dresden schreibt, geht hervor, dass er bezüglich seiner Berufswahl noch unentschlossen ist. Als er dann Richtung Böhmen weiterreiste, hatte er zwar nur noch zwei Taler in der Tasche, aber er konnte immer mal wieder gegen Honorar Konzerte geben, die sogar so viel abwarfen, dass er sich eine Bäderkur in Karlsbad leisten konnte. Schließlich fand dann seine Reise in den Süden in Prag ein Ende; erstaunlicherweise bemühte er sich damals nicht nach Wien zu kommen; es geht wieder zurück nach Berlin, wo er Zugang zu einem Kreis von Musikern hat, so auch zur Familie des Hofviolinisten Franz Benda, wobei hier auch sein Interesse dessen jüngster Tochter Juliane - einer Sopranistin und Komponistin - galt, die Reichardt 1777 auch heiratete.
In der Lindenoper hörte er sich kritisch Opern von Graun und Hasse an, bemerkte auch, dass anderswo die Orchester moderner spielten - und er schrieb dann auch über das Gehörte; im Verlaufe seines ganzen Lebens war Reichardt stets ein eifriger Schreiber.

Reichert taucht in vielen Ländern, Städten, Höfen und Gesellschaften auf und kennt jede Menge wichtige und weniger wichtige Leute, er war ein echter »Hans Dampf in allen Gassen«
Einer der wichtigen Leute, die er kannte, war gewiss Goethe, von dem er 142 Texte in seinen etwa 1500 Liedkompositionen vertonte.

Johann Friedrich Reinhardt war Hofkapellmeister dreier Preußenkönige. Erstmals kam er 1775 etwas überraschend zu dieser Ehre, als ihn Friedrich der Große nach Berlin berief. Reichardt hatte in Litauen von einem Durchreisenden, der aus Berlin kam, eher beiläufig erfahren, dass in Berlin der Hofkomponist Agricola gestorben und die Stelle noch vakant sei. Längst hatte Reichardt in seiner Berliner Zeit eine Oper vorbereitet, die er flugs fertigstellte, um sie als eine Art Bewerbungsschreiben zu benutzen. Franz Benda hatte in Berlin gute Lobbyarbeit geleistet und gab Reichardt auch den Tipp, dass dieser einfließen lassen sollte, dass sich sein Opernschaffen am Stil von Hasse und Graun orientiert, was eigentlich nicht zutreffend war. Reichardt ließ seine Partitur binden und sandte sie direkt an den König:

»Sire! Euer Königl. Majestät wage ich eine Oper zu überreichen, bei deren Bearbeitung mir Hasse und Graun Muster gewesen. Ein hoher Kennerblick wird entscheiden, ob der Componist derselben es verdient, die ehrenvolle Stelle eines Graun´s zu bekleiden. In tiefster Ehrfurcht ...
Königsberg, den 26. Sept. 1775 J. F. Reichardt«


Die Sache zog sich etwas hin, weil Majestät erkrankt war und als lange keine Reaktion aus Berlin kam, begann der Compositeur am Erfolg seiner Mission zu zweifeln. Endlich kam der Bescheid, dass der König Reichardt zu sehen wünscht.
Bei der Audienz stellte sich heraus, dass der König sehr genaue Vorstellungen davon hatte, wie eine Oper nach seinem Geschmack zu konzipieren sei. Reichardt nahm seinen Dienst auf und hatte vor allem Schwierigkeiten mit dem Gesangsstar Gertrud Elisabeth Mara-Schmehling, die als beste deutsche Sängerin galt und eine von Reichardt komponierte Arie nicht singen wollte. Als man sie dennoch dazu zwang, interpretierte sie das Stück so, dass sie ihren Direktor Reichardt der Lächerlichkeit preis gab.
Vergebens wartet Reichardt darauf, dass er aufgefordert wird eine neue Oper zu schreiben, aber er muss immer wieder nur das altbewährte Repertoire wiederholen oder modifizieren. Zudem schwand das Interesse des Königs an der Oper, weil er sich kriegerisch in Süddeutschland betätigte. In den folgenden Jahren zerfällt der Berliner Opernbetrieb immer mehr und Reichert hat mehr Zeit für Dinge, die in persönlich interessieren.
Im privaten Bereich treffen ihn Schicksalsschläge, nach nur fünfjähriger Ehe starb Reichardts junge Frau am 5. Mai 1783; recht schnell, am 14. Dezember des gleichen Jahres, heiratet Reichardt zum zweiten Male, sein neues Eheweib ist die Witwe Johanna Dorothea Wilhelmina Alberti-Hensler, die drei Kinder aus ihrer ersten Ehe mitbringt, Reichardt hatte zwei Töchter; im Laufe der Jahre kommen noch fünf gemeinsame Kinder dazu.
Im Jahr 1783 absolviert er auch seine erste Italienreise, wo er auf der Rückreise über Wien kommt und noch den greisen Christoph Willibald Gluck kennenlernt.
Reichardt reist viel, 1785 erhält er vom König Urlaub für eine Reise nach London.
Anfang 1786 bittet Reichardt den König um einen sechsmonatigen Urlaub, weil er in Paris seine Oper »Tamerlan« aufführen möchte. Als der Komponist am 23. März 1786 in der französischen Hauptstadt eintrifft, läuft dort einiges schief, der Unternehmung ist kein Erfolg beschieden; 1788 versucht er in der französischen Metropole nochmal sein Glück.
In Hamburg erreicht Reichardt die Nachricht, dass sein König am 17. August starb; er eilt sofort nach Berlin und erhält von Friedrich Wilhelm II. sogleich den Auftrag eine Trauerkantate für das Leichenbegräbnis des Großen Friedrich zu komponieren.

Ab diesem Zeitpunkt ist Reichardt Kapellmeister Friedrich Wilhelms II., der schriftlich darlegt:

»Als mein Kapellmeister haben Sie die Direktion über alle meine Musici, Benda bleibt bei der ersten Violine, Duport beim ersten Violoncell, alle übrigen rangieren Sie nach Ihrem Talent.«

Das Orchester der Hofoper und die kronprinzliche Kapelle wurden zusammengelegt; es entstand so ein respektabler Klangkörper.
1787 erhielt Reichardt den Auftrag, seine erste große italienische Oper »Perseo e Andromeda« zu präsentieren. Der neue Herrscher ist für die neuen künstlerischen Kräfte seiner Zeit aufgeschlossen; Reichardt erhielt den Auftrag, jährlich eine Oper aus eigener Hand und eine Oper von einem anderen Komponisten aufzuführen.

Aber Reichardt hat wirklich Großes als Liederkomponist geleistet; etwa 1500 von ihm komponierte Lieder sind entstanden, mit die bekanntesten sind so einfache Liedchen wie »Schlaf, Kindchen schlaf« oder »Wenn ich ein Vöglein wär« Reichardt meinte: »Das Lied soll der einfache musikalische Ausdruck einer bestimmten Empfindung sein, ein korrektes vollendetes Ganzes ... dessen eigentlicher Wert in der Einheit des Gesanges besteht ...«
Durch seine Hinwendung zur Dichtung der Klassiker erhob Reichardt schon vor Schubert das Lied in den Bereich des anerkannten Kunstgesanges. Dabei differenzierte er durchaus Gesänge, die von allen Leuten gesungen werden konnten, und solchen, die nur von stimmlich ausgebildeten Künstlern vorzutragen waren.
Reinhardt kämpfte auch um die Einrichtung öffentlicher Singschulen, die seine Lieder dem Publikum näher bringen sollten.

Zu Goethe hat Reichardt einen guten Draht, gleich für elf Tage beherbergt der Dichter den Komponisten und findet die Gespräche mit ihm offenbar hochinteressant, weil er den Hofkapellmeister, der ja auch über immense Theatererfahrung verfügte, als einen Tonkünstler von hohem Rang sieht - Zelter lernte Goethe erst später kennen. Andere wiederum sahen Reichardt als zudringlich an, eine Ansicht die dann später auch Goethe anmerkte, als er von Reichardts politischer Haltung enttäuscht war. Auch in den gemeinsam mit Schiller verfassten »Xenien« wurde Reichardt gebeutelt.

Aber wenn man in einem Brief, der 1802 an Schillers Frau Charlotte geschrieben wurde, nachliest, ist festgehalten, dass Goethe ständig in Giebichenstein logiert, wenn er administrativ in Lauchstädt zu tun hat. In der Korrespondenz der tratschenden Damen steht: »Sag mir nur, wie´s kommt, daß auf einmal der Goethe wieder so freund mit Reichardt ist?«

1790 reist Reichardt nach Neapel und interessierte Kreise machen zuhause gegen ihn Stimmung. Man war darauf aufmerksam geworden, dass Reichardt mit den Ideen der Französischen Revolution sympathisierte, was zu einem königlichen Beamten nicht so recht passte.
Also nahm Reichardt eine Auszeit, wie man heutzutage sagt, der König gewährte Reichardt 1791 einen Urlaub »zur Rekonvaleszenz«. Reichert begibt sich auf eine ausgedehnte Reise nach Frankreich.
1793 lebt Reichardt in Hamburg, im September holt er seine Familie aus Giebichenstein, um sie in einem Gut in der Nähe von Eutin unterzubringen, das nun für zwei Jahre der Lebensmittelpunkt der Familie ist. Von ´dort aus unternimmt Reichardt Reisen nach Skandinavien.
1794 wurde Reichardt als Revolutionssympathisant ohne Pension aus seinem Amt als Hofkapellmeister entlassen und lebte dann zunächst in Hamburg; 1796 wurde er begnadigt und zum Salinendirektor in Halle ernannt.

Die demütigende Entlassung kam für Reichardt überraschend in Form einer Kabinettsordre vom 28. Oktober 1794 mit dem Wortlaut:

»Se. Königliche Majestät von Preußen etc. Unser allergnädigster Herr: Erteilen hiermit dem Kapellmeister Reichardt den Abschied; dessen bekanntes Betragen, besonders in Hamburg ist die Haupt-Veranlassung dazu.«

Reichardt setzte alle Hebel in Bewegung, um diese Entscheidung rückgängig zu machen; er beteuerte seine Unschuld und schrieb an den König und den Kronprinzen, aber all seine Bemühungen waren vergeblich.
Ab 1796 entwickelt sich das Gut in Giebichenstein so richtig zur »Herberge der Romantik«. Als der Herr Kapellmeister im Jahre1802 abermals eine Paris-Reise unternimmt, ist seine vormals frankophile Begeisterung einer kritischen Betrachtung gewichen, Reichardt wird zum erbitterten Gegner Napoleons - das sollte für ihn schlimme Folgen haben.

Als Napoleons Truppen 1806 vom Süden kommend gegen Mitteldeutschland zogen, bevorzugten die preußischen General bei der Quartiersuche das gepflegte Gut in Giebichenstein. Gespräche über Kunst waren nun nicht mehr angesagt, alles drehte sich um den immer erfolgreicher werdenden Napoleon Bonaparte, der dann auch im Herbst bei Jena und Auerstedt siegte. Nun wurde es für Reichardt und seine Familie brenzlig, denn es war öffentlich bekannt, dass Reichardt ein Gegner Napoleons war. Reichert verfügte zwar nicht über Truppen, aber als Vielschreibender, der sich zu allen möglichen Sachverhalten äußerte, hatte 1804 etwas mit einer Veröffentlichung zu tun, die Napoleon nicht gefallen konnte. Als nun der neue Herrscher in der Gegend war, ließ er nach dem »professeur de musique« fahnden und ordnete an dessen Gut zu verwüsten.
Reichardt floh nach Danzig, wo er sich in der Form an der Verteidigung Danzigs beteiligte, dass er beim Generalfeldmarschall Graf von Kalckreuth den Dienst eines Sekretärs versah.
Seine Familie hatte Reichardt vorher noch auf einem Gut in der Mark Brandenburg untergebracht.

Als der Pulverdampf der Schlachten verflogen war, kehrten die Reichardts 1807 auf ihr verwüstetes Gut zurück und Luise versuchte, die Wohnung in Giebichenstein wieder notdürftig herzurichten, so dass man wohnen konnte. Die Familie war verarmt, an das Wiederherstellen der vorigen Situation war nicht zu denken.
Der »professeur de musique« muss nun nicht mehr um sein Leben bangen, er wird in der politisch neu geordneten Landschaft unter König Jérôme Bonaparte, dem jüngsten Bruder Napoléons, Generaldirektor der Theater in Kassel. Allerdings wird er aus dieser Position schon nach knapp zehn Monaten mehr oder weniger elegant nach Wien abgeschoben; um ihn in Kassel los zu haben, gab man Reichardt den Auftrag in Süddeutschland und in Wien nach Sängerinnen und Sängern für die Oper in Kassel Ausschau zu halten.
In dieser Zeit war waren in Wien viele Polizeispitzel unterwegs, die sich dann sogleich auch an Reichardts Fersen hefteten - in einem Polizeibericht wird Reichert so beschrieben:

»Er verbindet Künstlertalent, einen bekannten Namen, Weltton, Gewandtheit und Dreistigkeit auf eine solche Art, die ihm überall Zutritt verschafft ...«

Die Beobachter konnten Reichardts Tagesablauf so erleben: Morgens war er beim Komponieren, mittags machte er Besuche in großen Häusern, dann folgten Teegesellschaften und abends Konzert oder Theater. Bei all dem wusste er ja wie es zu Hause in Giebichenstein aussah, aber er vertraute darauf, dass die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm, so wie sein Schwiegersohn, sich um seine Familie kümmerten.
In Wien hatte Reichardt auch mehrmals Kontakt mit Beethoven, wobei es auch schon mal zu Unstimmigkeiten kam, aber als Beethoven zu Silvester 1808 im Hause der Gräfin Marie Erdödy seine beiden Klaviertrios Opus 70 vorstellte, die er der Dame widmete, konnte Reichardt den Komponisten am Flügel erleben und war von den Werken hell begeistert.
Reichardt selbst findet in Wien mit seinen Liedern, Balladen und Deklamationen positive Beachtung, sogar mit einer gewissen Nachhaltigkeit, denn noch zehn Jahre später werden seine Lieder im Kreis von Franz Schubert gesungen. Schubert soll sich auch Stücke aus Reichardts 1804 in Leipzig erschienenen »Lieder der Liebe und der Einsamkeit« kopiert haben.

Reichert hatte Wien auf einigen eingeplanten Umwegen erreicht, auch bei seiner Heimreise 1809 hatte er es nicht eilig und schaute mal hier und dort hinein. Als er wieder in Giebichenstein eintraf, beeilte er sich seine »Reisebriefe aus Wien« herauszubringen, damit wieder einige Taler in die Familienkasse kamen. Aber diese Veröffentlichungen konnten nicht den Beifall Goethes finden und auch Beethoven in Wien war erbost.
Im Mai 1909 brachte Reichardt nochmals eine umfangreiche Sammlung von Goethes Liedern, Oden, Balladen und Romanzen heraus, die er der Königin Luise widmete.
Im April 1810 kommt Reichardt das letzte Mal nach Berlin; er ist müde und sowohl gesundheitlich als auch finanziell ziemlich am Ende. Dort nimmt ihn die Familie Beer mitleidig auf und auch Zelter kümmert sich in selbstloser Weise um ihn.
Noch einmal, man schreibt das Jahr 1812, entwickelt Reichardt Pläne zu einer deutschen romantischen Oper, aber er kam über die Skizze der Ouvertüre nicht hinaus. 1813 übersiedelte seine Tochter Luise in das Haus einer Freundin nach Hamburg, wo sie dann auch den Rest ihres Lebens verbrachte und in der Breite lehrend wirkte - auch schrieb sie Lieder, die heute noch zu hören sind.
Reichardt durfte noch im April 1814 die Abdankung Napoleons erleben, aber er war gesundheitlich bereits so geschwächt, dass Anfang Mai seine Tochter Luise aus Hamburg anreiste, weil sie sein baldiges Ende befürchtete, aber Reichardt starb dann erst am frühen Morgen des 27. Juni.
Über seinen Nachlass wurde der Konkurs verhängt; 1817 wird sein Nachlass versteigert, darunter 2607 Bücher und 569 Musikalien.

Die »Leipziger Allgemeine musikalische Zeitung« schrieb in einem Nachruf:

»In alledem, wo Geist überhaupt und allgemeine Bildung in der Tonkunst entscheiden kann, möchte er schwerlich zu ersetzen sein.«

Praktischer Hinweis:
Das Grab befindet sich nicht auf dem Friedhof Giebichenstein.
Nicht allzu weit von seinem berühmten Garten entfernt, wurde Johann Friedrich Reichardt auf dem Friedhof der St. Bartholomäuskirche bestattet. Der Haupteingang ist am Bartholomäusberg.


Der Haupteingang zum Kirchhof - von hier aus gesehen befindet sich das Grab hinter der Kirche


Die Umfassungsmauer des Kirchhofs sieht - aktuell April 2018 - so aus; unverkennbar hat auch in Giebichenstein eine neue Art von Kultur ihren Einzug gehalten.

hart

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Donnerstag, 28. Juni 2018, 00:23


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Donnerstag, 28. Juni 2018, 09:02


https://www.youtube.com/watch?v=NSWN9RBCrtk

Lieber hart, mit einem musikalischen Beitrag möchte ich für das Gedenken an Johann Friedrich Reichardt danken. Die Altistin Käthe Röschke singt in einer Aufnahme aus Halle Bürgers Ballade "Lenore" in der Vertonung durch Reichardt. Nicht nur, dass ich diese Ballade, die tiefe Spuren hinterlassen hat, über die Maßen schätze. Mir ging auch dieses unerwartet Rendezvous mit der Sängerin bei YouTube nahe. Ihr habe ich meine Liebe zu Johann Sebastian Bach zu verdanken. In ganz jungen Jahren hörte ich in Kirchen die Passionen mit ihr. Sie öffnete mir die Ohren für diese Musik.
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

hart

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Mittwoch, 11. Juli 2018, 16:56

Joseph Beck - *11. Juli 1849 Budapest - † 15.2.1903 Bratislava (Preßburg)




Zum heutigen Geburtstag von Joseph Beck


Detail der Grabinschrift

Wenn man das Geburtsdatum im Großen Sängerlexikon und in Wikipedia anschaut und dann mit den Angaben auf dem Grabstein vergleicht, weiß man, dass sich entweder die Lexikonschreiber oder der Bildhauer geirrt haben - in Lortzings Oper »Der Waffenschmied« wird es vom Knappen Georg gesungen: »Man wird ja einmal nur geboren«

Der laut Grabinschrift 1849 Geborene, war der Sohn des Wiener Hofopernsängers Johann Nepomuk Beck. Man muss den alten Überlieferungen glauben, dass das herausragende Sänger ihrer Epoche waren, Tonaufnahmen gibt es nicht.

Studiert man die Daten auf dem Grabstein genauer, bemerkt man, dass der Vater seinen Sohn überlebte. Johann Nepomuk Beck war einer der bedeutendsten Baritone seiner Zeit, der über mehr als drei Jahrzehnte eine glänzende Karriere an der Wiener Hofoper absolvierte.

Joseph Beck hatte vom Vater reichlich Erbmasse übertragen bekommen und wurde folglich auch von ihm im Singen unterwiesen, hatte sich dann jedoch zunächst für den Beruf eines Lithografen entschieden, den er allerdings nicht lange ausgeübt haben kann; wenn das überlieferte Datum stimmt, dass er 1865 sein Bühnendebüt am Stadttheater von Olmütz gab. Hier und an seiner nächsten Station, dem Theater in Karlsbad, sang er noch Buffopartien.

Joseph Beck ließ sich danach weiter in Wien ausbilden und nahm dann ein Engagement am Laibacher Opernhaus an, heute ist das die slowenische Stadt Ljubljana.
Sein weiterer Weg führte ihn über die Opernhäuser Frankfurt am Main und Köln. Im Verlauf seiner weiteren Karriere hörte man Joseph Beck wieder in südlicheren Gefilden; in den Jahren 1872 bis 1874 sang er in Salzburg und danach für ein Jahr in Graz; seine nächste Station war die Hofoper in Berlin.
Aus Berlin kam auch Richard Lucae, ein Architekt, der in Frankfurt am Main in siebenjähriger Bauzeit ein neues Opernhaus baute. Joseph Beck kam schon 1878 von Berlin nach Frankfurt und sang dort 1879 in der umjubelten Uraufführung von Albert Dietrichs Oper »Robin Hood« den Richard Löwenherz.
Am 20. Oktober 1880 hatte Beck die große Ehre in der Titelrolle von Mozarts »Don Giovanni« das neu erbaute Opernhaus in Frankfurt am Main einzuweihen. An diesem Hause sang er auch in der Frankfurter Premiere den Hans Sachs in »Die Meistersinger von Nürnberg«.
1885 wechselte Beck ans Deutsche Theater in Prag, wo Angelo Neumann als Theaterdirektor namhafte Künstler an diesem neuen Haus versammelte. Aber schon in der Saison 1887/88 war der so häufig wechselnde Sänger am Stadttheater Bremen engagiert.

Die Metropolitan Oper New York hatte schon immer Bedarf an Sängern des deutschen Fachs, und so kam auch der Bariton Joseph Beck in den Blickwinkel der »Met«-Manager. Das Haus war gerade mal fünf Jahre alt, als Beck dort erstmals die Bühne als Heerrufer im »Lohengrin« betrat.
Im Folgenden hörte man ihn in New York vor allem in Wagner-Partien: als Alberich in der amerikanischen Erstaufführung von »Rheingold«, als Wolfram in »Tannhäuser«, als Kurwenal in »Tristan und Isolde« und als Pogner in »Die Meistersinger von Nürnberg«
Aber er trat auch als Pizarro in »Fidelio«, als Salomon in Goldmarks »Königin von Saba« und auch in Opern von Cornelius, Verdi, Rossini und Meyerbeer auf; insgesamt war er in den Jahren 1888 bis 1890 in 17 verschiedenen Rollen an der »Met« zu hören.
Natürlich gastierte der Sänger auch noch an anderen Bühnen, wie zum Beispiel den Hoftheatern in Wien und Hannover ...

Als Johann Nepomuk Beck, der sehr berühmte Vater von Joseph Beck, geisteskrank wurde, widmete sich der Sohn weitgehend der Betreuung seines Vaters, der zurückgezogen in Preßburg, dem heutigen Bratislava, lebte. In der Spielzeit 1895/96 war Joseph Beck dort noch als Sänger zu hören, aber auch als Regisseur tätig.
Das Schicksal wollte es so, dass der Sohn vor dem Vater starb, nämlich am 15. Februar 1903 und der Vater am 9. April 1904.

Praktischer Hinweis:
Das Grab der Opernsänger Joseph Beck und Johann Nepomuk Beck befindet sich auf dem Wiener Zentralfriedhof - Gruppe 30E, das ist nicht weit vom Haupttor entfernt, gleich hinter den Alten Arkaden links.

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Freitag, 13. Juli 2018, 18:54

Christa Maria Ziese - *13. Juli 1924 Aschersleben - † 22. Januar 2012 Meiningen


Zum heutigen Geburtstag von Christa Maria Ziese

Klaviermusik dürfte ihr vermutlich bereits im Säuglingsalter vertraut gewesen sein, denn sie wurde als Tochter einer Pianistin geboren, ihr Vater war Kaufmann. Tochter Christa Maria fand Gefallen am Klavierspiel der Mutter, die in Bad Dürrenberg als Klavierlehrerin bekannt war.
So kam es dann, dass Christa Maria Ziese ab 1942 an der Hochschule für Musik in Leipzig im Hauptfach Klavier studierte.
Bei musikalischen Aktivitäten in Bad Dürrenberg und auch im Umland war aufgefallen, dass Christa Maria Ziese nicht nur Klavier spielen konnte, sondern auch im Besitz einer wohlklingenden Stimme war, denn sie trat da in kleinerem Rahmen schon mal solistisch in Erscheinung. Einige Zeit leitete sie auch den Chor des Domgymnasiums im nahen Merseburg.

Nachdem sie an der Hochschule in Leipzig zwei Jahre Gesang studiert hatte - ihre Lehrer waren Gottlieb Zeithammer und Josef-Maria Hauschild - bot ihr 1947 das Opernhaus Leipzig einen Vertrag als Altistin (!) an. Dort sang sie zunächst die typischen Anfängerpartien in diesem Stimmfach, aber konnte sich auch außerhalb des Hauses profilieren. Beim Carl-Maria-von-Weber-Wettbewerb in Dresden konnte sie sich auszeichnen und beim Internationalen Bach-Wettbewerb in Leipzig errang sie 1950 einen beachtlichen 3. Preis; beim Prager Frühling 1954 war sie dann schon Trägerin des ersten Preises.

1951 war Frau Ziese im Ensemble des Deutschen Nationaltheaters in Weimar, wo sie mit größeren Rollen des jugendlich-dramatischen Soprans (!) betraut wurde. 1954 kehrte sie mit viel Bühnenerfahrung an das Leipziger Haus zurück. Sie war nun zwar zum Sopran avanciert, konnte aber dennoch auch mühelos Partien wie Carmen oder Octavian im »Rosenkavalier« bewältigen.

Christa Maria Ziese war zwar von 1954 bis 1977 am Opernhaus in Leipzig engagiert, gastierte aber oft an der Staatsoper Berlin und auch an der Komischen Oper in Berlin, sowie an der Staatsoper in Dresden, zudem kamen Gastspiele am Moskauer Bolschoi-Theater und in Brno.
Etwas Besonderes stellten damals Gastspiele in der westlichen Welt dar, da absolvierte sie Auftritte an der Deutschen Oper am Rhein, Hamburg, Hannover, Zürich und Nizza.

Sie besaß eine große Stimme, von besonderer Ausdruckskraft und konnte diese am besten im hochdramatischen Fach zur Geltung bringen - als Venus in »Tannhäuser«, Leonore in »Fidelio« ... Senta, Isolde, Aida, Santuzza, Salome, Tosca, Turandot, Carmen ...

Als sie 1977 ihre Bühnentätigkeit beendete, nahm sie noch pädagogische Aufgaben wahr. Später wohnte sie in Schönau, einem kleinen Odenwaldstädtchen, 20 Kilometer nordöstlich von Heidelberg; auch der heute bekannte Chorleiter Johannes Knecht pilgerte eine Zeit lang zweimal die Woche zu ihr und bezeichnete es als Glücksfall, dass sie sich seiner annahm.
Später wohnte sie bei ihren Kindern in Karlsruhe und zuletzt im thüringischen Meiningen, wo sie in einer betreuten Wohnung lebte. Am Ende ihres Lebens gab es Probleme mit dem Sauerstoff, sie starb im Krankenhaus im Meiningen.
Die Trauerfeier fand am 22. Februar 2012 in der Hauptkapelle auf dem Südfriedhof in Leipzig statt. Dort ruhen nun beide Künstler im gemeinsamen Grab, ihr Mann war bereits 2005 im Odenwald verstorben.

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Rainer Lüdecke wurde in Essen geboren, wo er auch seine Ausbildung bei Professor Erwin Roettgen begann; im Anschluss daran wurde er in Leipzig von der nur um drei Jahre älteren Sängerin Christa Maria Ziese unterwiesen. Es muss eine ersprießliche Zusammenarbeit gewesen sein, denn Schüler und Lehrerin heirateten einander und aus der Ehe gingen ein Sohn und eine Tochter hervor.

Sein Debüt gab der Bass-Bariton 1951 am Volkstheater Halberstadt in der Rolle des Komtur in »Don Giovanni«, und wechselte 1952 zum Sächsischen Landestheater Dresden-Radebeul, wo er bis 1955 blieb. Ab 1957 wurde er an das Opernhaus Leipzig verpflichtet, wo sich der Sänger zu einer wesentlichen Stütze des Ensembles entwickelte. Am Anfang der 1960er Jahre vollzog Lüdecke einen Fachwechsel hin zum Heldenbariton.
Sein künstlerisches Wirken blieb nicht auf Leipzig beschränkt; er gab regelmäßig Gastspiele an den Staatsopern in Berlin und Dresden. Mit seinem umfangreichen Repertoire trat er auch international in Erscheinung und sang zum Beispiel auch am Bolschoi-Theater in Moskau, an der Nationaloper in Belgrad und an den Opernhäusern von Lodz und Brno.
Sogar im Westen war Lüdecke zu hören; 1983 gastierte er beim Festival von Lausanne, wo er als König Marke in »Tristan und Isolde« auftrat. Als das Staatstheater Dessau im November 1990 ein Gastspiel in Ludwigshafen gab, stand Lüdecke in einer Inszenierung von Rüdiger Flohr als Ochs auf Lerchenau im »Rosenkavalier auf der Bühne.
Auch heute noch ist seine Stimme auf einer außergewöhnlichen DVD zu hören, die als Kult-Verfilmung von »Der fliegende Holländer« im Jahre 1964 gilt; der renommierte Regisseur Joachim Herz hatte diese Oper nicht nur optisch, sondern auch dramaturgisch auf das Medium Film übertragen. Wie gesagt, hier ist die Stimme von Rainer Lüdecke in der Rolle des Holländer zu hören, zu sehen ist er nicht, denn die Sängerinnen und Sänger wurden durch Schauspieler gedoubelt, Rainer Lüdecke lieh seine Stimme dem Schauspieler Fred Düren.

Im vorigen Text wurde nur das Opernschaffen der beiden Künstler dargestellt, es sei nachdrücklich darauf hingewiesen, dass sie sich auch auf den Konzertpodien sehr erfolgreich präsentierten.

Für Leser, die bei Richard Wagner nicht so zuhause sind, noch der Hinweis zu dem Text »Der Vogel, der heut´ sang, dem war der Schnabel hold gewachsen ...« er bezieht sich auf Szene 3 im II. Akt der Oper »Die Meistersinger von Nürnberg«.

Praktischer Hinweis:
Das Grab befindet sich auf dem Südfriedhof in Leipzig; dort in der Abteilung II, nicht weit vom Eingang am Friedhofsweg 3 entfernt, der sich in der Nähe des Völkerschlacht-Denkmals befindet.
Im gleichen Gräberfeld ist auch die letzte Ruhestätte der Kollegin Rosemarie Lang (siehe Beitrag Nr. 539)

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Tondokumente mit Christa Maria Ziese

Stimmenliebhaber

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Samstag, 14. Juli 2018, 00:26

Christa Maria Ziese war zwar von 1954 bis 1977 am Opernhaus in Leipzig engagiert, gastierte aber oft an der Staatsoper Berlin
Ihr Debüt an der Deutschen Staatsoper Berlin hatte sie am 27. April 1959 als Agathe im "Freischütz" (unter Arthur Apelt neben Ingeborg Wenglor als Ännchen, Günther Treptow als Max, Gerhard Frei als Kaspar und Manfred Krug als Samiel!!!).

Die Agathe sang die Ziese an der Staatsoper Berlin auch am 28. Mai 1959 (neben Gerhard Stolze als Max) und am 5. Juni 1959 (unter Franz Konwitschny).

Am 6. September 1961 sang sie die Aida neben Helge Rosvaenge unter Franz Konwitschny.

Am 23.12.1961 und am 31.01.1962 gastierte sie als "Fidelio"-Leonore (neben Erich Witte als Florestan).

Am 7. Juni 1964 sang sie die Carmen unter Heinz Fricke neben Martin Ritzmann als Don José.

Ihren letzte Auftritt an der Staatsoper Berlin hatte sie am 1. Oktober 1965 (wieder) als Aida (neben Irina Archipowa als Amneris und Martin Ritzmann als Radames unter Heinz Rögner).

Sie besaß eine große Stimme, von besonderer Ausdruckskraft und konnte diese am besten im hochdramatischen Fach zur Geltung bringen - als Venus in »Tannhäuser«, Leonore in »Fidelio« ... Senta, Isolde, Aida, Santuzza, Salome, Tosca, Turandot, Carmen ...
In diesem (leider nur) Teilmitschnitt ist sie eine wirklich enorm gute Salome:


https://www.youtube.com/watch?v=_Ehu1CTJZsU
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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Rheingold1876

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Samstag, 14. Juli 2018, 10:01



Es sei mir gestattet, den Gedenkfaden für Christa Maria Ziese noch etwas weiterzuspinnen. In meinen Beständen habe ich ein Foto einer Szene aus der Leipziger "Salome" gefunden, die dort im März 1956 Premiere hatte. Zu sehen sind die Ziese in der Titelrolle, rechts daneben Ferdinand Bürgmann als Herodes, dahinter stehend Elise Bey als Herodias. Die letztgenannte Sängerin scheint nur wenige Spuren hinterlassen zu haben. Ich fand keine biografischen Details, gehe aber davon aus, dass sie in der von Stimmenliebhaber verlinkte Szene ebenfalls die Herodias gibt.
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."