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Dr. Holger Kaletha

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  • »Dr. Holger Kaletha« ist männlich

Beiträge: 6 890

Registrierungsdatum: 2. Februar 2008

91

Montag, 2. Juli 2018, 12:51

Ich weiche jetzt wieder leicht vom Thema ab, man möge mir verzeihen oder mich steinigen.
Warum wird antijüdische Hetzerei gerade hier im Forum immer wieder mit Wagner in Verbindung gebracht?? Das geht doch schon über 2000 Jahre so, die alten Römer waren antijüdisch eingestellt, das Christentum in den Jahren bis weit ins 20. Jahrhundert auch, andere Religionen sind jetzt noch judenfeindlich, Luther und und und.......
Die Antisemitismusforschung hat ja nun deutlich herausgestellt, dass zwischen religiösem Antisemitismus in Antike und Mittelalter und modernem, totalitärem Antisemitismus ein ganz grundlegender Unterschied besteht. Im Mittelalter konnte sich ein Jude jeder Zeit durch die Taufe der Verfolgung entziehen. Das geht im totalitaristischen Antisemitismus nicht mehr, weil das Judesein als die Auszeichnung eines Völkischen und einer Rasse verstanden wird. Wagner agitiert bezeichnend gegen Mendelssohn, der im religiösen Sinne gar kein Jude mehr ist, sondern längst getauft. Wagners Schrift wurde zu einem der Schlüsseltexte für die antisemitische Bewegung in Deutschland, das ist einfach ein historisches Faktum. Adolf Hitler hielt in den 20igern in München eine flammende antisemitische Rede gegen den berühmten Regisseur Max Reinhardt, der ein Jude war, indem er Wagners Schrift, die er verinnerlicht hatte, bis in den Wortlaut hinein imitierte.
Aber sobald die Sprache auf Wagner kommt, wird von vielen nicht sein musikalisches Vermächtnis vordergründig betrachtet, nein, immer muß der Seitenhieb kommen, daß er diese Schrift verfaßt hat und er als extremer Unsympath gilt. Abgesehen von seiner Schrift hat er viele menschliche Eigenschaften, die auch andere haben, viele andere, die deshalb aber nicht am Pranger stehen.
Wagner ist aber nun einmal keiner wie viele Andere, sondern das, was Max Weber eine "charismatische Persönlichkeit" nennt, die eine Identifikationsfigur ist für eine große Gruppe von Menschen. Diese seine Stellung hat Wagner weidlich ausgenutzt, um seinem Antisemitismus Verbreitung zu verschaffen, ihn im gebildeten Bürgertum salonfähig zu machen. Schon einem Zeitzeugen wie Friedrich Nietzsche, der bei Wagner persönlich zu Gast war, stieß übel auf, dass sich zu den Festspielen Deutschlands Antisemiten versammelten. Von Bayreuth nach Wagner ganz zu schweigen...
Er konnte nicht mit Geld umgehen, er liebte die Frauen seiner Gönner besonders, er war zunächst Revolutionär und schwenkte dann um (wer von unseren Politikern sagt nicht heute etwas, was er selbst morgen als Geschwätz abtut??), er hatte Hautprobleme, er war geltungssüchtig, er machte Schulden, er war ein Genußmensch usw. usw. usw. Eigenschaften, die wir auch heute noch von unseren Nachbarn nebenan kennen und die wir sogar bewußt oder unbewußt selber haben.
Aber nicht jeder Nachbar ist ein abscheulicher Antisemit. Das ist eben keine banale Selbstverständlichkeit.
Ich verdamme seine "Judentum in der Musik", übersehe aber nicht, daß er damit im Zeitgeist lag und ihn nicht daran hinderte, jüdischen Musikern und Mitbürgern auch hilfreich zur Seite zu stehen. Ich sehe ihn in seiner Musik, und die liebe ich, die mag ich und sehe keinen Zusammenhang damit, daß auch der "Gröfaz" seine Musik mochte.
Die Reaktion auf Wagners Schrift zeigt, dass er damit überhaupt nicht im Zeitgeist lag. Die zeitgenössischen Reaktion waren durchweg negativ, die positiven Reaktionen die Ausnahme. Seine Freunde (wie Franz Liszt und sein jüdischer Freund Börne, dem er in seiner Schrift zu schmeicheln sucht) reagierten empört. Er hat mit dieser Schrift also "Zukunftsmusik" gemacht, nämlich den antisemitischen Ungeist nach ihm beflügelt. Und dass Antisemiten, auch die übelsten, jüdische Freunde haben, ist keine Seltenheit. Hermann Göring sagte: "Wer Jude ist und wer nicht, das entscheide ich!"
die Gegenwart wirkt nach meinem Verständnis nicht in die Vergangenheit.
Kausal betrachtet natürlich nicht, lieber Karl. Dann berücksichtigt man aber nicht, dass Vergangenheit immer nur gedeutete Vergangenheit ist. Und die ändert sich mit der jeweiligen Gegenwart.
Deshalb muss man sich von der damals herrschenden Stimmung und über die damaligen gesellschaftlichen wie kulturellen Gegebenheiten sachlich und ausführlich informieren, will man die Auslöser von früheren Ereignisse verstehen und richtig einordnen.

Da sehe ich immer wieder erhebliche Mängel und eine sehr oberflächliche Betrachtungsweise, dabei fängt die ernstgemeinte Aufarbeitung hier erst an.
Natürlich einverstanden! :hello:

Schöne Grüße
Holger