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Joseph II.

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1

Montag, 19. Januar 2015, 12:24

Gennadij Roschdestwenskij — Einer der letzten großen Alten

Geradezu ungläubig stellte ich soeben fest, dass einem der bedeutendsten Dirigenten des 20. und auch 21. Jahrhunderts kein eigener Thread gewidmet ist. Gerade einigen unserer älteren Wiener sollte er etwas sagen:



Gennadij Nikolajewitsch Roschdestwenskij (Gennadi Nikolajewitsch Roschdestwenski, Gennady Nikolayevich Rozhdestvensky, Генна́дий Никола́евич Рожде́ственский), geboren am 4. Mai 1931 in Moskau.

Roschdestwenskij ist der Sohn des Dirigenten Nikolaj Pawlowitsch Anossow und der Sängerin Natalja Petrowna Roschdestwenskaja, der zunächst eine klassische Musikausbildung am Moskauer Konservatorium absolvierte. Sein Vater führte ihn in die Grundzüge der Orchesterleitung ein. Sein Debüt als Dirigent erfolgte 1951 mit Tschaikowskijs "Nussknacker" im Bolschoj-Theater, wo er bis Anfang der 1960er Jahre als Assistent arbeitete.

Zwischen 1961 und 1974 leitete er das Rundfunk-Symphonieorchester der Sowjetunion. Als Erster dirigierte er Werke von Carl Orff, Paul Hindemith, Béla Bartók sowie Maurice Ravel in der UdSSR. 1964 wurde er zudem künstlerischer Direktor des Bolschoj-Theaters (bis 1970). Kurz darauf, 1974, übernahm er die musikalische Leitung der Moskauer Kammeroper (bis 1985). 1974—1977 amtierte er als künstlerischer Leiter der Stockholmer Philharmoniker, von 1978—1981 als Chefdirigent des BBC Symphony Orchestra. Zwischen 1980 und 1982 fungierte er als Chefdirigent der Wiener Symphoniker. 1983 übernahm er das Symphonieorchester des Kulturministeriums der UdSSR, dem er bis 1991 vorstand. Seine bisher letzte Chefdirigententätigkeit übte er wiederum beim nunmehr Königlichen Philharmonischen Orchester Stockholm aus (1992—1995). 2000—2001 war er noch einmal kurzzeitig künstlerischer Leiter des Bolschoj-Theaters Moskau. Seither nahm Roschdestwenskij nur mehr Gastdirigentenverpflichtungen an. So wurde er 2011 Gastdirigent des Isländischen Symphonieorchesters sowie Erster Gastdirigent der Sankt Petersburger Philharmoniker.

Mit dem Symphonieorchester des Kulturministeriums der UdSSR spielte er alle Symphonien von Schostakowitsch, Glasunow, Bruckner, Schnittke, Honegger und Vaughan Williams ein. Mit dem Rundfunk-Symphonieorchester der UdSSR nahm er alle Symphonien von Sibelius, Tschaikowskij und Prokofjew auf, mit dem Königlichen Philharmonischen Orchester alle Symphonien von Carl Nielsen.

Seit 1969 ist er mit der Pianistin Wiktorija Walentinowna Postnikowa verheiratet.

Neben Jewgenij Mrawinskij, Jewgenij Swetlanow und Kirill Kondraschin gilt Roschdestwenskij als einer der bedeutendsten sowjetischen bzw. russischen Dirigenten des letzten Jahrhunderts.
»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

Joseph II.

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2

Montag, 19. Januar 2015, 12:37

Aufnahmen (Auswahl):







»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

lutgra

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3

Montag, 19. Januar 2015, 13:41

Geradezu ungläubig stellte ich soeben fest, dass einem der bedeutendsten Dirigenten des 20. und auch 21. Jahrhunderts kein eigener Thread gewidmet ist.

So ist es nicht ganz, es gab schon einen thread. Aber es kann nicht schaden, diesen wichtigen Dirigenten mal wieder nach vorne zu holen.

Joseph II.

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4

Montag, 19. Januar 2015, 15:26

Das entging mir in der Tat, lieber lutgra (der "tollen" Suchfunktion des Forums sei Dank). Aber wie Du schon sagst: Nach über sieben Jahren ohne Beiträge zu ihm kann es nicht schaden, das mal wiederzubeleben. Interessant, was Edwin Baumgartner vor achteinhalb Jahren in seinem Eingangsbeitrag schrieb. Vielleicht ist das die Erklärung für diesen einmaligen Klang. Ich zitiere den mir entscheidend erscheinenden Satz aus seiner Unterhaltung mit Roschdestwenskij daher hier noch einmal:

"Proben führen zur Routine, und Routine führt zu Langeweile. Aber Langeweile führt nicht zur Musik."

Das ist wirklich eine sehr "unzeitgemäße" Herangehensweise, die mich unweigerlich an Dirigenten wie Furtwängler, Knappertsbusch und Mengelberg erinnert, die ja auch der Ansicht waren, Musik müsse durch Spontaneität, im Augenblick entstehen, könne nicht durch ein perfekt eingeübtes Interpretationskonzept erzielt werden. Die Ergebnisse geben Roschdestwenskij Recht. Ich kenne keine einzige mittelmäßige Aufnahme unter seiner Stabführung.
»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

teleton

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5

Dienstag, 20. Januar 2015, 00:48

Ich kenne keine einzige mittelmäßige Aufnahme unter seiner Stabführung.

Da ich Roshdestwensky genau so schätze wie Du, würde ich dem im Prinzip zustimmen.
Schostakowitsch, Sibelius, Nielsen, Prokofieff, Rachmaninoff, Borodin habe ich komplett mit Rosh.

:huh: Es gibt aber eine Aufnahme, die ich mit ihm einfach fürchterlich finde:
Tschaikowsky: KK Nr.3 mit Postnikowa / Wiener Sinfoniker (Decca). Die KK Nr. 1 und 2 gefallen mir auch nicht besonders. Total in die Länge gezogen und vollkommen fremd aktikuliert. Diese Doppel-CD habe ich wieder aus meinem Bestand entfernt.
Wer hier von Graffmann/Szell und Ormandy (CBS/SONY) oder geprägt ist, kann das nachvollziehen.


:!: Du hast mich aber an eine wichtige Roshdestwensky-CD-Box erinnert, lieber Josef, die ich schon lange auf meinem Kaufplan hatte. ^^ Heute bestellt:
*** Die Brillant-10CD-Box in deinem Beitrag 2.
Hier sind die Schostakowitsch-Sinfonien 1, 4, 7 , 9, 10 noch einmal in LIVE-Aufnahmen (und eine Reihe weiterer zum Teil unbekannter russischer Werke) vorhanden, die ich mir unbedingt anhörten möchte. Von Swjatoslaw (unserem geschätzten Ex) weis ich, dass auch diese Aufnahmen (neben den Melodiya/Eurodisc-Studio-Aufnahmen mit der Moskauer PH) der Hammer sein sollen. Die Aufnahmen sind von 1964 - 1988 (ADD/DDD) entstanden --- das kann also nicht der Klangmüll sein, wie leider bei zahlreichen CD´s in der ansonsten auch wichtigen Brillant - 10CD - Box von Mrawinsky.


:thumbsup: Eine der begeisterungswürdigsten Roshdestwensky-CD´s ist (neben den 15 Schostakowitsch-Sinfonien) diese CD mit Schtschedrins´s Carmen-Suite für Streicher und Schlagzeug:


Melodiya, 1968, ADD

Diese CD habe ich noch in der deutschen Melodiya/Eurodisc-Version.
Gruß aus Bonn, Wolfgang

teleton

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6

Dienstag, 20. Januar 2015, 11:09

Durch Roshdestwensky´s spätere Verpflichtungen mit "nordischen" Orchestern zeigte er auch verstärkt seine grosse Affinität zu den dortigen Komponisten.
Roshdestwensky hier mal ganz anders als gewohnt, aber ganz ausgezeichnet mit Atmosphäre; mit dem Dänischen National SO von 1997:

Langgaard - Spherenmusik (1916-1918) sowie der Ersteinspielung der Vier Tonbilder (1939-43)

Chandos, 1997, DDD


Ich hatte es bereits vor vielen Jahren mal in einem Grieg-Thread geschrieben.
Die Peer-Gynt-Suiten habe ich auf einer Eurodisc-LP mit Roshdestwensky / Grosses RSO der UDSSR Moskau. Nie wieder habe ich diese Suiten so innig mit Hingabe interpretiert gehört.
Das gleiche gilt auch für die Lyrische Suite op.54 auf gleicher LP --- ein Edelstein, der bisher noch nicht durch eine CD ersetzt werden konnte.
Gruß aus Bonn, Wolfgang

Dr. Holger Kaletha

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7

Dienstag, 20. Januar 2015, 11:55

Rohdestwensky hat auch sehr schöne Aufnahmen von Schnittke und Gubaidulina gemacht - mit dem wunderbaren Royal Stockholm Philharmonic Orchestra:





Wunderbar auch mit demselben Orchesterr die Borodin-Symphonien:



Schöne Grüße
Holger

Joseph II.

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8

Freitag, 23. Januar 2015, 20:36

Vor einigen Jahren, Ende 2009, dirigierte der damals 78-jährige Roschdestwenskij als einer der ersten berühmten Dirigenten die über ein halbes Jahrhundert in Vergessenheit geratene Tondichtung "Die Waldnymphe" von Sibelius während eines Konzerts in Moskau. Ich kenne so ziemlich jede greifbare Aufnahme davon, handelt es sich doch um eines meiner liebsten Werke. Jedenfalls steht Roschdestwenskij für mich eindeutig an der Spitze. So eine nervenaufreibende Interpretation von der ersten bis zur letzten Note habe ich noch nicht gehört. Er bietet eine sehr nordisch und rau angehauchte Sicht auf dieses Werk. Mit der Russischen Staatlichen Symphonie-Kapelle (alias Russian State Symphony Orchestra), dem ehemaligen Symphonieorchester des Kulturministeriums der UdSSR, dem er zwischen 1983 und 1991 als Chefdirigent vorstand, hat er den idealen Klangkörper für diese höchst intensive Leseart, die mitunter geradezu exzessiv-ekstatisch anmutet. Ein wenig meint man den typischen alten sowjetischen Klang noch zu hören, den dieses Orchester wohl noch halbwegs im Blut hat, besonders, wenn eine Sowjet-Legende wie Roschdestwenskij am Pult steht.

»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

lutgra

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9

Freitag, 23. Januar 2015, 21:27

Diese Aufnahme entfaltet wahrlich einen außerordentlich Sog, großartig. Danke fürs Posten.

teleton

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10

Montag, 26. Januar 2015, 18:52

RE: Roshdestwensky und die russische Orchesterkultur

Ein wenig meint man den typischen alten sowjetischen Klang noch zu hören, den dieses Orchester wohl noch halbwegs im Blut hat, besonders, wenn eine Sowjet-Legende wie Roschdestwenskij am Pult steht.

Das ist der alte sowjetische Klang mit seiner höchst individuellen packenden Orchesterkultur, lieber Josef.

Ich habe jetzt die Brillant-10CD-Box Roshdestwensky erhalten.

Brillant, 1964- 1988, ADD/DDD

Hier sind klanglich ordentliche Aufnahmen aus den 80er-Jahren mit dem UDSSR-Orchester des Moskauer Kultusministeriums, UDSSR-Orchester des Moskauer Konservatoriums, dem Akademischen SO der UDSSR Moskau, dem Staatlichen SO der UDSSR Moskau (Swellanows früheres Orchester), sowie dem Staatliche TV und Radio SO der UDSSR enthalten.
Nie habe ich stärker und eindeutiger gespürt, welche andere Orchesterkultur doch dort gegenüber unseren Breiten üblich war, als gerade hier in der Roshdestwensky - Box. ES sind alles LIVE-Aufnahmen mit einer unsagbaren Athmosphäre.

Ganz krass die Dvorak-Sinfonie Nr.2, die ich in meinen GA mit Kubelik (DG) und Kertesz (Decca) eher wenig beachtet hatte. Einfach packend, was Roshdestwensky hier aus der Partitur mit diesem UDDR-Orchester raus kitzelt ....

:thumbsup: Ebenso war es mir eine helle Freude auch die Schoatkowitsch-Sinfonien Nr.1, 4, 9, 10 LIVE (aus 1976, 1987, 1982) zu hören. Gegenüber den Melodiya/Eurodisc-Studio-Aufnahmen aus den 80ern kommt hier noch einmal das LIVE-Gefühl dazu; nicht ganz 100% perfekte Digitaltechnik, aber gut und breit räumlich abgebildetes Orchester - eindrucksvoll - ansonsten liefert Roshdestwensky von der Emotionalität her = den obersteren möglichen Level - kurzum Wahnsinn.
Die Siebte ist klanglich leider ein negativer Ausreisser (Aufn.von 1968) und daher vernachlässigbar. ( ;) Die Siebte hat man ja in der Eurodisc-Aufnahme mit Rosh und die mit Swetlanow !)
Gruß aus Bonn, Wolfgang

rolo betman

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11

Montag, 18. Juni 2018, 15:24

Ich habe eben auf Wikipedia gelesen, dass Herr Roschdestwenskij am 16. Juni gestorben ist. Ruhe er in Frieden.
'Junge, ich habe es doch nur gut gemeint'
aus der Biographie des r.b. 'Mütter und andere Naturkatastrophen'

Fiesco

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12

Montag, 18. Juni 2018, 17:13

Ich habe eben auf Wikipedia gelesen, dass Herr Roschdestwenskij am 16. Juni gestorben ist. Ruhe er in Frieden.

Ja lieber rolo, siehe hier, man sollte doch alle Beiträge im Forum lesen! ;)
LG Fiesco
Die Tonkunst begrub hier einen reichen Besitz, aber noch viel schönere Hoffnungen.

Grillparzers Worte auf der Reliefplatte Schuberts.

Joseph II.

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13

Montag, 18. Juni 2018, 18:06

Gennadi Roschdestwenski (04.05.1931–16.06.2018)

Nun ist also auch Roschdestwenski abgetreten (ich tendiere in letzter Zeit wieder zur einfacheren Transkription). 87 Jahre sind ein stolzes Alter. Er prägte die russische Orchesterlandschaft seit 1951, also sage und schreibe 67 Jahre lang. Seine Anfänge waren am Bolschoi-Theater in Moskau, wo er auch als Ballettdirigent wirkte und später noch einige Male zurückkehren sollte, zuletzt als Chefdirigent in den Jahren 2000/01, wo er nach einer missglückten Produktion aber bald schon wieder entnervt das Handtuch warf. Man sieht: Er Oper spielte in seinem Leben eine große Rolle, was aus den vielen Aufnahmen so nicht unbedingt hervorgeht.

Große Verdienste erwarb er sich mit seinen Zyklen der Symphonien von Prokofjew, Schostakowitsch und Sibelius. Letzteren hat er als m. W. einziger sowjetischer Dirigent komplett eingespielt, was wohl an einer grundsätzlichen Distanz der Russen gegenüber dem finnischen Nationalkomponisten liegt (die patriotisch angehauchte Zweite brachte es in Russland nie zu großer Beliebtheit). Es folgten weitere Gesamtaufnahmen, darunter Tschaikowski (mehrfach), Borodin und Nielsen. Er hat es in den 80er Jahren sogar erreicht, einen wirklich kompletten Bruckner-Zyklus aufzunehmen, unter Berücksichtigung sämtlicher Fassungen der Werke. Ein geradezu säkularisierter Klang, nichts von Weihrauch. Auf seine Weise faszinierend.

Seine "wilden Jahre" waren wohl die in der Sowjetunion, wo er ganz radikale Deutungen vorlegte. Unvergessen bleibt mir ein in seiner Schroffheit und in seinem Vorwärtsdrang (nur gut 13 Minuten) kaum je erreichter Wotan-Abschied von 1965 mit dem großartigen, damals schon 70-jährigen Mark Reisen (auf Russisch gesungen), den ich hier noch verlinken werde, und eine extrem "russifizierte" Interpretation der "Enigma-Variationen". Im Westen hatte Roschdestwenski auch zu Sowjetzeiten ein zweites Standbein, ob als Chefdirigent des BBC Symphony Orchestra, der Wiener Symphoniker und der Stockholmer Philharmoniker oder gar als gern gesehener Gastdirigent beim Boston Symphony Orchestra in den USA. Zum Absprung kam es nie, anders als bei Kondraschin, wohl auch, weil ihm die Kommunisten letztlich viele Freiheiten einräumten und ihn machen ließen.

In seinen späten Jahren, beginnend wohl in den 90ern, entwickelte sich ein Altersstil, der konträr war zu dem davor. Extrem getragene Tempi und sehr gewagte Agogik sind hier zu nennen. Man möchte fast einen Vergleich zum späten Celibidache bemühen. Auch galt Roschdestwenski trotz seines im persönlichen Umgang oft bestätigten sympathischen Wesens als schwierig. So sprang er erwiesenermaßen mehrfach im letzten Moment als Gastdirigent ab, als sein Name seines Erachtens nicht groß genug auf den Konzertplakaten stand. In einem Fall soll nur der Solist des Abends auf den Karten gestanden haben, während sein eigener unterschlagen blieb. Der brüskierte Maestro reiste tatsächlich ab und der Solist sprang auch als Dirigent ein. Aber es gab auch andere Fälle. In Paris sprang er mal spontan im letzten Moment für den erkrankten Mikko Franck für ein Wagner-Konzert ein. Dort brauchte er für die "Tannhäuser"-Ouvertüre fast 18 Minuten (auch diese ist unten verlinkt). Gerne hielt er vor seinen Konzerten in Russland gelehrte spontane Einführungen für das Publikum. Er stand gerne im Mittelpunkt.

Ein Mann der Extreme. Er wird mir fehlen.

R.I.P. Maestro.



»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

orsini

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14

Montag, 18. Juni 2018, 22:33

Mit Gennadi Roschdestwenski habe ich Tschaikowskis "Schwanensee" in den 1980er Jahren kennengelernt - damals freilich noch als Schallplatte. Und diese Aufnahme ist für mich bis heute die Referenz geblieben. Aufgenommen in Moskau 1969 mit dem Großen Radio- und Fernseh-Sinfonieorchester der UdSSR vermittelt die CD ~148 Minuten pure Tschaikowski-Wonne. Da schmettern machtvoll die Posaunen und Bläser, die Musik galoppiert, wo geboten, furios dahin, um an anderer Stelle betörend schön die Adagio-Stellen mit großem Pathos auszukosten.
Diese Gesamtaufnahme enthält zusätzlich zwei Anhänge für den 3. Akt: ein Pas de deux des Schwarzen Schwans und den Russischen Tanz, die häufig in "Gesamtaufnahmen" weggelassen werden.
Hervorragende Solisten für Solo-Violine, Cello und Harfe. Die Tontechnik ist makellos und vermittelt ein sehr direktes und durchhörbares Klangbild.

Wenn "Schwanensee" als reine Hörmusik - dann diesen!

Einen wirklich nur schwachen Eindruck von dieser Aufnahme bekommt man durch diesen youtube-clip. Allerdings klingt das Orchester auf CD viel voller und mächtiger, fast das gesamte Streicherfundament geht durch die Komprimierung verloren, die Bläser verschmieren - aber man bekommt zumindest eine Ahnung von der Verve und Unbedingheit, mit der hier musiziert wird.
... in diesem Sinne beste Grüße von orsini

„Das Denken ist zwar allen Menschen erlaubt, aber vielen bleibt es erspart.“
Curt Goetz

Joseph II.

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15

Freitag, 22. Juni 2018, 00:03



"Nimrod" 1973.
Wahnsinn! Was für eine Zuspitzung! :hail:
Russische Expressivität trifft auf englische Noblesse.
Kein Wunder, dass ihn das BBC Symphony Orchestra einige Jahre später zu seinem Chefdirigenten machte.
»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

Dr. Holger Kaletha

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16

Freitag, 22. Juni 2018, 06:23



Wieder das Traurige, dass eine große künstlerische Persönlichkeit von uns gegangen ist. Als Würdigung ist sicher diese großartige Aufnahme geeignet - Gubaidulinas russisch-religiöse Auseinandersetzung mit dem musikalischen Geist von Anton Webern - Musik als das Leben des Tons mit der Stille. Roshdestwensky - der mit der Pianistin Victoria Postnikowa verheiratet war - dirigiert hier das großartige, wunderbar klangschön spielende Royal Stockholm Philharmonic Orchestra.

Schöne Grüße
Holger