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hart

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  • »hart« ist männlich

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541

Montag, 21. Mai 2018, 15:42

Lieber Stimmenliebhaber,
hab´ besten Dank für Deine ins Detail gehenden Ergänzungen, die sicher auch für Mitlesende interessant sind. Du hast natürlich schon seit Jahren den Vorteil ganz nahe an diesen Geschehnissen dran zu sein, aber diese exakten Daten und Fakten wollen ja auch erst einmal festgehalten werden, nun hast Du mal wieder eine Bestätigung, dass so etwas ab und an auch seine praktische Anwendung findet und verwendet werden kann.

hart

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542

Mittwoch, 23. Mai 2018, 17:58

Wilhelm Kempff - * 25. November 1895 Jüterbog - † 23. Mai 1991 Positano (Italien)


Zum heutigen Todestag von Wilhelm Kempff



Wilhelm Friedrich Walter Kempff wurde als viertes Kind seiner Eltern im Brandenburgischen Jüterbog geboren, das etwa hundert Kilometer südlich von Berlin liegt; damals ein Ort von etwas mehr als siebentausend Einwohnern.
Wilhelm Kempff ist der Sohn einer Bauerntochter, die einen Organisten geheiratet hatte, die Eltern wohnten in einem früheren Franziskanerkloster.
1899 zog die Familie von Jüterbog nach der preußischen Residenzstadt Potsdam, wo Vater Kempff an die Nikolaikirche als Organist und Kantor berufen wurde. Natürlich war der Bub ständig von Musik umgeben; der Vater notierte den ersten Kompositionsversuch seines Sprösslings, da zähltr der Knabe gerade mal fünfeinhalb Lenze.
Nach dem ersten väterlichen Klavierunterricht übernahm dann eine erfahrene Klavierpädagogin den weiteren Klavierunterricht des Jungen. Im Alter von sechs Jahren gab das »Wunderkind« sein erstes öffentliches Konzert; er führte Mozarts C-Dur-Sonate auf.
Neben der Begabung für das Klavier besaß er auch einen schönen Knabensopran, sodass er zusammen mit seinem älteren Bruder Mitglied des liturgischen Chores wurde und lernte auf diese Weise auch die alten Meister wie zum Beispiel Orlando die Lasso kennen.
Bald weihte ihn sein Vater auch ins Orgelspiel ein, wo Kempff Junior erstmals im Alter von neun Jahren öffentlich in Erscheinung trat.
Als sich die ersten Kompositionen des Sohnes erweitert hatten, nahm der Vater Kontakt mit der Berliner Singakademie auf, wo der Direktor vom Leistungsvermögendes Kleinen so beeindruckt war, dass er sich bereit erklärte, ihm den Weg zur Musikhochschule zu ebnen. Dort erklärte der große Joachim, Direktor des Instituts, dass man an der Hochschule keine Kinder aufnehmen wolle, aber es fand sich ein Weg den hochbegabten Jung-Musikus privat zu unterrichten, eine wohlhabende jüdische Familie kam für die Kosten der Ausbildung auf. Von Robert Kahn wurde er in Komposition unterrichtet, für den Klavierunterricht war Heinrich Barth zuständig. Letzterer nahm die pianistische Ausbildung so wichtig, dass er darauf drängte, die gymnasiale Ausbildung zugunsten des Klavierspiels aufzugeben und stellte dem Vater das Ultimatum: »Pianist oder Gymnasiast!
Man trennte sich schweren Herzens; der schulischen Ausbildung wurde Priorität eingeräumt, aber man verlor natürlich die musikalischen Aspekte nicht aus den Augen und besuchte viele Konzerte hervorragender Interpreten, zum Beispiel eines von Eugen d´Albert im Februar1912, das in dem jungen Kempff ein nie mehr erlöschendes Feuer entfachte.
In dieser Zeit kam auch ein Kontakt mit Busoni zustande, was bedeutet, dass Vater Kempff mit Professor Busoni einen Vorspieltermin für seinen Sohn vereinbarte.

Im Frühjahr 1914 legte Wilhelm Kempff sein Abitur ab, wobei das Procedere den Schönheitsfehler hatte, dass der Prüfling im Fach Mathematik ein leeres Blatt abgab, weil er keine Lösungsmöglichkeit sah. Aber das Lehrerkollegium fand in Anbetracht seiner außerordentlichen musikalischen Leistungen, die er während seiner Gymnasialzeit erbrachte, eine Möglichkeit ihm die Reife zu bestätigen.
Also stand einer Anmeldung an der Berliner Musikhochschule nichts mehr im Wege, wo es zu einer Weiterentwicklung des durch die Gymnasialzeit unterbrochenen Unterrichts bei Heinrich Barth kam. Zu dieser Zeit saß auch der sechzehnjährige Geiger Georg Kuhlenkampff im Schulorchester, schon dort spielten die beiden Jungmusiker Schuberts Phantasie op. 159.
Inzwischen waren Kriegszeiten angebrochen und Kempff und Kuhlenkampff begaben sich zur Westfront, um dort in Kathedralen - das erste Konzert war in Laon - aber auch in Theatern, Kinos und sogar Scheunen zu spielen.

So ganz allmählich machte sich der junge Kempff auch außerhalb der Hochschule einen Namen, den man an den Anschlagsäulen lesen konnte und der aufstrebende Pianist konnte in der Presse häufig positive Kritiken seiner Konzerte lesen; im Dezember 1916 hatte er seinen ersten Auftritt in der Reihe »Populäre Konzerte« in der Philharmonie mit dem Philharmonischen Orchester.

Noch bevor Kempff sein Musikstudium beendet hatte, musste er im Januar 1917 als Landsturmmann seinen Militärdienst antreten.
In dieser Zeit erreichte ihn an seinem Dienstort ein Telegramm, welches ankündigte, dass sein Vorspiel zu Kleists »Hermannsschlacht« im Berliner Beethovensaal uraufgeführt werden soll.
Dabei kam es jedoch zu einigen Querelen, weil man von Kempff verlangte, sich an den Konzertkosten zu beteiligen, was dieser ablehnte. Es gab einiges Hin und Her, aber am 13. Januar 1917 konnte das Werk dann doch, zusammen mit Werken anderer junger Komponisten, aus der Taufe gehoben werden. Während die Komponisten-Kollegen zumindest einen Achtungserfolg verbuchen konnten, fiel Kempffs Werk mit Pauken und Trompeten durch; es gab da einige Missgeschicke, die dafür sorgten, dass die Aufführung zwar ein außergewöhnlicher Heiterkeitserfolg wurde, aber auf breiter Linie hat man das Werk als Komposition nicht anerkannt und Heinrich Barth schimpfte, weil sein ehemaliger Zögling nicht konsequent den Weg eines Klaviervirtuosen verfolgte. Barth meinte:

»Warum musst du solch scheußliche Musik schreiben, wo du doch ganz passabel Klavier spielst? Überhaupt diese ewige Irrlichterei von einem zum anderen, vom Klavier zur Orgel und in einem Satz womöglich mit fliegenden Frackschwänzen zum Dirigentenpult; pass bloß auf, dass du nicht ein zweiter Bülow wirst!«

Als Soldat taugte Kempff nicht viel; als man das bemerkte, wurde er zum Postdienst versetzt, und weil die Pferde im Krieg gebraucht wurden, musste der verhinderte Held den Postwagen durch Berlin ziehen. Aber immer wieder ergaben sich Gelegenheiten des Musizierens.
In den letzten Wochen der Kriegswirren wurde dem Berliner Domchor zum dritten Male die Erlaubnis erteilt mit dem Solisten Wilhelm Kempff eine Tournee durch Schweden zu machen, noch am 29. September 1918 spielte er an der großen Domorgel in Uppsala, als in anderen Gegenden Europas der Krieg tobte. Mitte Oktober bestritt Kempff in Berlin zum ersten Mal einen Bach-Abend als Pianist und Organist.
1919 folgte seine vierte Skandinavienreise, diesmal ohne Domchor, aber mit seinem Vater. Elly Ney, die auch hier weilte, schrieb nach Hause: »Einer namens Kempff hat alles ausverkauft«, das klingt so als sei ihr der Name damals noch nicht geläufig gewesen.
Aber dieser machte schon 1920 seine ersten Schallplattenaufnahmen bei Polydor, denen dann noch viele in den nächsten sechs Jahrzehnten folgten; Kempffs letzte Schallplattenaufnahme entsteht 1980mit Praeludien und Fugen aus Bachs »Wohltemperiertes Klavier« I und II.

1924 übernahm Kempff die Leitung der Stuttgarter Musikhochschule; die Stuttgarter wollten nicht nur einen lehrenden Professor haben, sondern jemanden der noch aktuell auf internationalen Konzertpodien agiert und sich dort beweisen muss. Bei seiner Berufung war Kempff 28 Jahre alt und demnach der jüngste Hochschuldirektor in Deutschland. Er hatte hier nur an zwei Tagen Unterrichtsverpflichtungen, so dass ihm noch ausreichend Zeit blieb seiner Konzerttätigkeit nachzugehen. Nach fünf Jahren wollte Kempff seine Stuttgarter Tätigkeit aufgeben; man bot ihm traumhafte Konditionen, aber er strebte nach voller Freiheit, verließ Stuttgart in aller Freundschaft und ging nach Potsdam zurück.

1926 hatte Wilhelm Kempff seine Klavierschülerin Helene Freiin Hiller von Gertringen geheiratet, die Hochzeit fand im Berliner Dom statt. Die junge Familie wohnte in Stuttgart, Kräherwald.
Dem Paar wurden zwei Söhne und fünf Töchter geboren und man konnte noch die Goldene Hochzeit feiern.
Als im Februar 1945 immer klarer wurde, dass es mit dem propagierten »Endsieg« wohl nichts mehr werden wird, verließ die Familie Kempff Potsdam in Richtung Oberfranken, wo sie im Schloss Thurnau Unterschlupf fand; es war das Schloss der Familie seiner Frau, nun hatte man für etwas mehr als zehn Jahre hier seinen Wohnsitz.
Im Dezember 1955 bezog die Familie Kempff ihr eigenes Heim in Ammerland am Starnberger See, es war ein Isartaler Haus.

Wenn man sagt, dass Wilhelm Kempff soundso lang irgendwo wohnte, dann kann das nicht die ganze Wahrheit sein; zählt man nämlich die Anzahl seiner Auftritte zusammen und verfolgt seine Konzertreisen auf einem Globus, wird klar, dass dieser Mann eher selten zu Hause anzutreffen war.
Kempff war schon in seinen jungen Jahren ein gefragter Mann, bereits 1927 traf er sich in der Türkei mit Staatspräsident Atatürk, um die türkische Regierung zu beraten, welche Musiker an die neugegründete Musikhochschule nach Ankara berufen werden sollen; man gab zu Ehren Kempffs in der Präsidentenvilla ein Abendessen das bis 23 Uhr dauerte. Nachdem alle anderen Gäste das Haus verlassen hatten, bat Atatürk den deutschen Gast in sein Arbeitszimmer. Bei dem Gespräch legte Atatürk seine Meinung dar, dass bei der Modernisierung der Türkei die westliche Musik eine wesentliche Rolle spielen müsse, da sonst die übrigen Reformen nicht vollständig sein könnten. Konkret fragte der Staatspräsident:
»Wie können wir die klassische Musik verbreiten? Welche Schulen oder Institutionen müssen wir gründen? Welche bedeutenden Künstler und Musikwissenschaftler sollen eingeladen werden, um dazu die Grundsteine zu legen?«
Das Gespräch dauerte immerhin bis morgens vier Uhr. Kempff empfahl zunächst, dass man Furtwängler mit dieser Entwicklungsarbeit betraut, aber der konnte aus Zeitgründen diesen Job nicht annehmen, so dass Paul Hindemith letztendlich in dieser Sache tätig wurde.
Wilhelm Kempff weilte insgesamt fünfmal in verschiedenen Jahren in der Türkei, letztmals 1950.

Seine erste Konzertreise nach Südamerika - das war 1934 - unternimmt Kempff als Ehrengast von Hugo Eckner mit dem Luftschiff »Graf Zeppelin«; er konzertiert in Argentinien, Uruguay und Brasilien - 1951 findet man in seinem Terminkalender die fünfte Südamerikareise und 1964 gibt er Konzerte in Mexiko und am Teatro Colón in Buenos Aires. Erstaunlicherweise gibt er erst 1964 sein Debüt in den USA bei einem Konzert in der Carnegie Hall New York.

Die erste Japanreise absolvierte Kempff bereits 1936 und seine Reisetätigkeit in das Land der aufgehenden Sonne endet erst 1979 mit seiner zehnten Reise die er nach Japan macht.
Als Kempff zum ersten Mal nach Japan kam, waren seine Beethoven-Schallplatteneinspielungen schon so weit im Land verbreitet, dass man ihm einen begeisterten Empfang bereitete; auf der Woge dieser Begeisterung erhielt sogar eine kleine Insel den Namen »Kempu-san«.
Im Zusammenhang mit Kempffs Reisen ist noch zu erwähnen, dass er immer leidenschaftlich fotografierte, wenn er unterwegs war.
Als 1945 die GIs nach Schloss Thurnau kamen und ihm eröffneten, dass er von jetzt an das Verbot habe öffentlich Klavier zu spielen (Kempff war kein Parteimitglied gewesen), antwortete Kempff: »In diesem Fall werde ich fotografieren und davon leben, weil ich ein ausgezeichneter Fotograf bin.«

Es ist in diesem Rahmen einfach nicht möglich, auf alle Aktivitäten Kempffs einzugehen; er war auf fast allen bedeutenden Festivals und den bedeutenden Musikzentren der Welt zu hören, aber zum Beispiel auch an Orten wie dem Kloster Alpirsbach, wo er mir Albert Schweitzer musizierte. Seine Konzertpartner sind Legende ...
Wenn der Name Wilhelm Kempff erwähnt wird, assoziiert man in aller Regel den Begriff Pianist, aber neben all diesen überaus zahlreichen weltweiten Konzertauftritten entstanden noch eine Menge Kompositionen. Das waren Opern, Lieder, Orchesterwerke, Kammermusik und natürlich auch Klaviermusik.

Noch mit 85 Jahren absolvierte Kempff öffentliche Konzerte. Die in Bielefeld erscheinende »Neue Westfälische« schrieb damals:

»Für den hochbetagten Pianisten war offensichtlich das Klavier ein Jungbrunnen ... und nun ist auch Wilhelm Kempff 85 Jahre alt und spielt noch immer. Sein Gang zum Flügel ist nicht mehr ganz so schwebend und schnell. Aber wie eh und je genügen wenige Sekunden der Konzentration. Die Faszination des Hörers fängt schon bei den ersten Takten an. Kempff spielt sich nicht ein. Er beginnt jetzt noch jedes Konzert so gelöst, als spiele er für sich selber. Im Schwung der Emotion geht ihm nun etwas öfter die Perfektion der Technik verloren - es gibt brillantere Klavierspieler - , aber Noten waren für ihn immer nur ärmliche Behelfszeichen, die gar nicht in der Lage sind, das auszudrücken, was Beethoven erlebt hat. Die Partitur ist für Kempff nichts Absolutes. Kempf hat kleine, zarte Hände, und so verbietet sich physisch das Tastendonnern. Die leisen Töne vor allem sind sein Feld, ohne das geringste Zugeständnis an den Effekt.«

Eine ganz bedeutende Sache im Leben des Wilhelm Kempff waren die Meisterkurse im italienischen Positano. Bereits auf seiner Hochzeitsreise nach Sorrent hatte Kempff diesen Ort kennen gelernt; nun kam es etwas mehr als drei Jahrzehnten später hier 1957 zur Gründung der »Fondazione Culturale Orfeo«, einer Schweizer Stiftung, die für den Erhalt der »Casa Orfeo« sorgte und die alljährliche Durchführung der Beethoven-Kurse organisierte.
Kempff hatte hier eine schon in seiner Potsdamer Zeit verwirklichte Idee wieder aufleben lassen, denn schon dort hatte er einen kleinen Kreis von ausgewählten jungen Pianisten unterrichtet, und schon dort gab es - wie in Positano auch - einen wunderschönen Garten.
Die »Fondazione Culturale Orfeo« stiftete einen Preis, der es zwei Wochen lang jungen Pianisten ermöglichte, kostenlos an den Beethoven-Interpretationskursen teilzunehmen. Lediglich die Kosten für Anreise und Unterkunft mussten die Teilnehmer selbst tragen.
Jeder konnte da nicht kommen; die Teilnehmerzahl war auf 15 begrenzt und für die Bewerber bestand die Bedingung, dass sie schon in eigenen Klavierabenden aufgetreten waren und einige Klaviersonaten aus den drei Schaffensperioden Beethovens beherrschen.
Im Juni 1984 hat in Positano Kempffs letzter Kurs stattgefunden; im Januar 1986 übersiedelte Kempff auf Anraten seiner Ärzte ganz nach Positano, einen Monat später starb seine Frau Helene in einer Klinik am Starnberger See.
In den Nachmittagsstunden des 23. Mai 1991 starb Wilhelm Kempf in der »Casa Orfeo«; unmittelbar nach seinem Tod trat er seine letzte Reise nach Schloss Wernstein in Oberfranken an, wo er in der Halle der Burg aufgebahrt wurde. In der Nähe des Schlosses hat die Familie der Freiherren von Künssberg einen privaten Waldfriedhof, auf dem auch Wilhelm Kempffs Mutter und seine Frau ihre letzte Ruhe gefunden hatten - hier ruht nun auch einer der letzten Vertreter der Musiktradition des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Praktische Hinweise:
Schloss Wernstein liegt in 95336 Markt Mainleus, es handelt sich hier um den Zusammenschluss vieler früher selbständiger Gemeinden.
Der private Waldfriedhof befindet sich in einiger Entfernung vom Schloss. Der Weg dorthin führt vom Schlosseingang aus nach links Richtung Schmeilsdorf (Fahrstraße). Als Fußgänger folgt man dieser Straße etwa 150 Meter und nimmt dann den nächstmöglichen Feldweg, der nach rechts in den Wald führt.


Ein des Weges kommender Wanderer vermutet hinter dieser Einzäunung wohl kaum einen Friedhof ...


Teilansicht von Schloss Wernstein

hart

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543

Gestern, 20:55

Paul Sacher - * 28. April 1906 in Basel - † 26. Mai 1999 Basel


Zum heutigen Todestag von Paul Sacher



Paul kam zwei Monate zu früh zur Welt und beinahe wäre aus dem Frühstarter ein Kurt geworden, denn diesen Namen hatte seine Mutter für ihren Erstgeborenen ausgesucht, aber dem Kindesvater klang dieser Name zu Deutsch, auf dem Weg zum Standesamt beschloss er eigenmächtig seinen Sohn als Paul Oswald Sacher eintragen zu lassen, weil er zu der Ansicht gelangt war, dass Paul sich in Französisch und Englisch besser aussprechen lässt.
Dieser Vorgang ist unter dem Aspekt besonders beachtlich, dass Anny Sacher in dieser Ehe »die Hosen anhatte«, wie man landläufig zu sagen pflegt.
Anny Sacher hatte das Schneiderhandwerk erlernt und nahm gezielt eine Stelle in Fribourg an, um dort ordentlich Französisch zu lernen, danach ging sie für einige Zeit als Kindermädchen nach England. Krankheitsbedingt kehrte sie in die Schweiz zurück, wo sie Oswald August Sacher, Pauls Vater, kennen lernte, was bei Annys Vater keine Freude auslöste denn der tobte:
»Bisch e schöni Chueh! Jetz bisch achtezwanzig und hesch de Ärmschti gnoh.« (Du bist eine schöne Kuh! Jetzt bist du achtundzwanzig und hast die den Ärmsten ausgesucht).
Pauls Vater war Speditionskaufmann und hatte durchaus Anlagen etwas in seinem Beruf zu werden, aber absolut keinen Ehrgeiz. Vorerst trug Anny Sacher mit ihrem eigenen Schneideratelier zum Familieneinkommen bei. Anny war äußerst geschäftstüchtig und hatte inzwischen einige Näherinnen angestellt, aber für den kleinen Paul hatte sie kaum Zeit.
1912 kam Pauls Schwesterchen Nelly zur Welt, was für Paul bedeutete, dass sich seine Großmutter nun verstärkt der Kleinen zuwandte und seine Mutter hatte nach wie vor keine Zeit, aber sie bot ihm die bestmöglichen Bedingungen, dass er lernen konnte.
Paul zog sich zurück und erschuf sich seine eigene Welt, er war sechs Jahre alt und hatte zur Musik noch keinerlei Bezug, denn seine Eltern verfügten weder über Radio noch Grammophon; sie gingen auch nicht in Konzerte; die Kammermusiksoirées gehörten nicht zum Arbeiterklassenleben der Sachers. Der erwachsene Paul Sacher sagte einmal ironisch: »Es gab keine erbliche Belastung«.

Dennoch hatte er einmal die Bach-Passionen im Basler Münster gehört, die ihn beeindruckten und irgendwie sehnte sich das Kind nach Musik und es entstand der Wunsch nach einer Geige, die er zu seinem sechsten Geburtstag erhielt; eine wohlhabende Tante bezahlte den Geigenunterricht, der bei einem Violinisten aus dem städtischen Symphonieorchester stattfand.
Paul fand den Klang des Instruments faszinierend, aber schon im Kindesalter war ihm klar geworden, dass er nie ein Violinvirtuose werden wird. Mit sechs Jahren wurde er eingeschult, die Mitschüler waren schon sieben und die Klassenstärke betrug so um die fünfzig Schüler.
Als Paul lesen konnte, tat sich für ihn eine neue Welt auf; wie er sich erinnerte, störten jetzt die Erwachsenen nur noch.
Dann störte der Beginn des Ersten Weltkriegs, von Basel aus konnte man sehen und hören wie sich Deutsche und Franzosen bekriegten; da war auch die Lebensqualität der Schweizer erheblich eingeschränkt, aber Anny sorgte stets dafür, dass ihre Familie nicht hungern musste.
Einen tiefen Einschnitt in die familiären Verhältnisse gab es, als Pauls Vater - praktisch über Nacht - urplötzlich religiös wurde und niemand wusste, was der Auslöser dazu war; er sprach nun stundenlange Tischgebete; der Erwachsene Paul Sacher vermutete bei der Sacher-Linie einen Hang zur Depression.

Nachdem Paul im Frühjahr 1916 die Primarschule verlassen hatte, musste entschieden werden, welche weiterführende Schule er nun besucht. Die Mutter befürchtete, dass ihr Sohn danach strebt Geiger zu werden, was sie für brotlose Kunst hielt und als Paul sagte, dass er eigentlich eher daran denke Dirigent zu werden, war Anny eher noch mehr beunruhigt.

Für Paul gab es da keine Wahlmöglichkeiten aus den drei angebotenen Schultypen etwas herauszusuchen, das entschied nämlich Anny; es war die von ihm am wenigsten geliebte auf Naturwissenschaften und Mathematik spezialisierte Realschule, die von Jungs besucht wurde, die Ingenieure und Wissenschaftler werden wollten.
Paul Sacher war ein erfolgreicher Schüler und brachte überdurchschnittlich gute Zeugnisse nach Hause, erhielt aber von seiner Mutter deswegen kein Lob, sie meinte, dass man seine Sache gut macht sei selbstverständlich.
Seinen täglichen schulischen Pflichten entledigte er sich möglichst rasch, um sich noch der Geige zuzuwenden und pro Tag ein Buch zu lesen.

Nelly, Pauls Schwester, bekam, als der Krieg zu Ende war, ein Klavier, aber Paul dachte nicht daran auch darauf zu spielen. Er empfand das Klavier als ein schreckliches Instrument, weil es aus seiner Sicht keinen noblen und schönen Klang hat - viel schöner empfand er Orgel oder Cembalo. Ihm war bewusst, dass ein Dirigent eigentlich Klavierspielen können muss; er hätte ja ohne diese Kenntnisse an keinem Theater arbeiten können, aber Sacher fand einen Weg ...

Als Sechzehnjähriger konnte er seinen Wunsch klar artikulieren; er wollte Dirigent werden. Während seiner Schulzeit hatte er nur wenig Musik gehört, weil diese damals ja nicht so einfach zugänglich war, wie das heute der Fall ist. Deshalb machte er sich zwei Jahre vor seinem gymnasialen Abschluss auf die Suche nach jemand, der ihm weiterhelfen konnte. Sacher wandte sich an den Basler Komponisten und Lehrer für Musiktheorie Rudolf Moser.
Zwei Jahre lang erteilte ihm Moser Unterricht, trainierte sein musikalisches Gehör und unterwies ihn in Kontrapunkt und Harmonielehre. Ganz billig waren Mosers Stunden nicht zu haben, also betätigte sich Paul Sacher ebenfalls pädagogisch und erteilte Nachhilfeunterricht.

Im Frühjahr 1924 wurde bei Sacher Tuberkulose festgestellt, während seiner gesamten Kindheit hatte er an Atemwegserkrankungen gelitten; ein Kuraufenthalt in Arosa wurde notwendig. Das Heimleiter-Ehepaar hatte drei Töchter, prompt verliebte er sich in Lili ... und binnen kurzer Zeit wurde er zum Mittelpunkt. Er hielt Lesungen bei Kerzenschein und gründete ein kleines Orchester.
Auch an seiner Schule gründete er zwei Jahre vor der Matura ein Orchester; schlagartig war sein Name an der Schule ein Begriff. Im Herbst 1922 begannen die Proben; am 10. November war das erste Konzert mit anspruchsvollem Programm. Wer im eleganten Saal des Restaurants »Zur Post« dabei sein wollte, musste 1,10 Franken berappen, das war der doppelte Preis einer Kinokarte. Das Konzert war ausverkauft. Es gab danach noch zwei Konzerte. Irgendjemandem war es gelungen sogar einen Kritiker der weitverbreiteten »Neuen Basler Zeitung« zu einem dieser Konzerte zu locken - dieser schrieb:

»Herr Sacher ist mit Ernst bei seiner Aufgabe und hat seine Spieler fest in der Hand. Die Disziplin war gut, die Intonation rein, und aus allem spürte man das rassige, frische Temperament des Dirigenten.«

1924 hatte Paul Sacher seine Matura in der Tasche und konnte sich an der Basler Universität einschreiben. Die Grundlage seiner Studien bildete zwar die Musikwissenschaft, aber der junge Student belegte dazu noch viele andere Fächer und besuchte auch Vorlesungen in Geschichte, Nationalökonomie und Jura. Er studierte sein Hauptfach durchaus mit Interesse, machte aber nie einen Abschluss.
Zur Begründung gab er an, dass dies am Dissertationsthema lag, das ihm sein Professor gegeben hatte: »Das oder jenes über Beethoven«; das Thema der Dissertation berührte in einfach nicht.
Sacher hatte sich gleichzeitig am Basler Konservatorium eingeschrieben und spielte dort im Schülerorchester Geige.

Felix Weingartner, Liszt-Schüler und der Nachfolger Gustav Mahlers an der Wiener Hofoper, kreuzte nun auf seine alten Tage in Basel auf. Wenn er Meisterkurse gab, kamen die Leute aus der ganzen Welt, um daran teilzunehmen. Einer der Teilnehmer war natürlich der »dirigiersüchtige« Sacher. Aber so einfach war das nicht zu bewältigen, denn wer an diesen Kursen teilnahm musste Klavier spielen können. Auf die Problematik wurde schon hingewiesen; so gesehen musste Sacher eigentlich außen vor bleiben, denn die Kursteilnehmer mussten aus der Partitur spielen können. Aber Weingartner hatte von den Bemühungen des jungen Mannes um die moderne Musik gehört und ließ ihn deshalb seinen Dirigentenkursen beiwohnen. Leute, die Sacher näher kannten, glaubten, dass er sich da einiges bei Weingartner abgeschaut hat, was Sacher jedoch nicht gelten lassen wollte.

Mit einem großen Orchester konnte Sacher eigentlich nichts Rechtes anfangen, er brauchte ein intimeres Orchester in der Größe, für die Paul Hindemith und Arnold Schönberg schon Sachen komponiert hatten. Heute ist das eine ganz andere Musiklandschaft als damals, unsere Zeit kennt eine Vielzahl von Kammerorchestern, das gab es so nicht und Sacher war zu der Ansicht gelangt, dass man so etwas neu erschaffen müsse.
Zwar hatte sich sein Klassenorchester am Ende der Schulzeit aufgelöst, aber einige seiner Ehemaligen waren durchaus gewillt unter seinem Dirigat weiterzumachen. Auf der Suche nach zusätzlichen Instrumentalisten lernte er Annie Tschopp kennen, die nur wenige Monate jünger war als Paul Sacher. Die junge Dame hatte auf der Töchterschule in Basel ebenfalls ein Klassenorchester geleitet und wollte dieses erhalten.
Ende August 1925 konstituierte sich das Orchester junger Basler als Verein. Annie Tschopp hatte einen anderen familiären Hintergrund als Sacher, sie bewohnte in ihrem Elternhaus, das fünf Stockwerke hoch war, eigene Räume. Familie Tschopp verkehrte in einem gehobenen Milieu, was Annie, die ebenfalls der zeitgenössischen Musik nahe stand, die Möglichkeit gab in diesen Kreisen entsprechend zu werben.
Der 4. November 1926 war das Gründungsdatum des Basler Kammerorchesters. Die Sache war gründlich vorbereitet, der Presse wurden entsprechende Informationen anhand gegeben.
Das Orchester hatte sich gegründet, um zeitgenössische und frühe Musik aufzuführen.
Aber wenn Bach, Mozart, Haydn oder Händel auf dem Programm standen, hat Sacher immer unbekannte Sachen dieser Komponisten ausgewählt, er suchte stets die vergessenen Stücke.
Sacher sah, dass die Konzentration der üblichen Orchesterprogramme auf die Musik des 19. Jahrhunderts den Komponisten seiner Ära nur wenige Chancen boten aufgeführt zu werden.
Im Januar 1927 trat das Basler Kammerorchester in der Martinskirche zu Basel erstmals vor die Öffentlichkeit. Der erste Programmteil war den unbekannten Stücken einiger Klassiker vorbehalten, im zweiten Teil erfolgte eine Weltpremiere, es war die »Suite für Violoncello und Kammerorchester« op. 35; der Komponist dieses Werks war Paul Sachers Lehrer Rudolf Moser. Alle Kritiken zu diesem Konzert waren positiv ausgefallen.

Paul Sacher stand nun selbständig im Leben, aber so ganz doch nicht, denn seine Mutter beklagte sich, dass er sich zuhause wie ein Hotelbesucher verhalte.
Als Musiker des BKO war man arm dran, alle Musiker einschließlich des Dirigenten verrichteten ihren Dienst fast zehn Jahre lang ohne Bezahlung. Aber auch wenn die Musiker kein Geld bekamen, entstanden dem Orchester Kosten. Sacher gelang es aber Leute in die Vorstandschaft zu bringen, die Geld hatten und sich großzügig zeigten.

Aber auch der noch arme Sacher vergab schon Aufträge an Komponisten, deren Lohn bestand darin, dass das BKO die komponierten Stücke an die Öffentlichkeit brachte. Zuerst waren das nur Schweizer Komponisten, aber allmählich kamen auch Werke Fortners und Hindemiths in Basel zur Aufführung, so zum Beispiel Paul Hindemiths »Das Marienleben« und wenig später noch weitere Werke von Hindemith, bei denen dieser selbst als Bratschensolist tätig wurde.
Zeitgenossen Sachers berichten, dass rhythmische Elemente eine ganz besondere Vorliebe Sachers waren. Dirigierte er alte Musik, so konnte man schon mal Stimmen hören, die von »eiskalt« sprachen und Sacher nur zugestanden, dass er »nichts weiter als ein Organisator« sei.
1929 brachte Sacher zum ersten Mal Arthur Honeggers »König David« in Basel zur Aufführung, ein Riesending, bei dessen Bewältigung auch Organisationstalent gefragt war.

Aus Gründen der Geldknappheit wurde Sacher 1925 Chordirigent; aus seiner damaligen Perspektive war die Bezahlung fürstlich, aber die Tätigkeit war ihm ein Gräuel, er fand es langweilig, mit einem Laienchor etwas einzustudieren.
Ende der 1920er Jahre weitete das BKO seine Aktivitäten aus und konzertierte auch außerhalb der Schweizer Grenze und Sacher dirigierte 1930 das Orchestre Chambre de Lausanne in der Schweiz und das Göteborger Symphonieorchester in Schweden.

Die Frau von Felix Weingartner hatte Paul Sacher im Sommer 1930 darum gebeten, dass das BKO auf der Geburtstagsparty ihres Mannes spielen möge. Beim Geburtstagsmenü nach dem Konzert hatte Frau Weingartner Paul Sacher so platziert, dass die Frau von Dr. Emanuel Hoffmann, Maja Hoffmann-Stehlin, zu seiner Rechten saß.
Maja war Bildhauerin und sammelte zeitgenössische Kunst: Marc Chagall, Max Ernst, Pablo Picasso ... man kam gut ins Gespräch und es entwickelte sich eine Freundschaft zwischen Paul Sacher und den Hoffmanns, der bald regelmäßiger Gast im Lilienhof, dem feudalen Wohnsitz der Hoffmanns, war.
Am Abend des 3. Oktober 1932 verunglückte Emanuel Hoffmann-Stehlin beim Überqueren eines Bahnübergangs tödlich, ein Zug hatte sein Auto erfasst. Als Sacher am nächsten Tag von dem Geschehen erfuhr, ging er unverzüglich zu Maja, um der Witwe beizustehen, die im Folgenden noch mehr zu ertragen hatte, nur wenige Monate nach dem Unglück erkrankte ihr dreizehnjähriger Sohn an Leukämie und starb ein Jahr nach seinem Vater.
Im Juni 1934 heiraten Paul Sacher und Maja Hoffmann-Stehlin. Er war achtundzwanzig, sie achtunddreißig. Freunde des Paares erhielten erst kurz vor der Hochzeit eine Nachricht.
Unmittelbar nach der Hochzeit unternahm Paul Sacher mit seiner Frau eine fast einjährige Reise, die sie um die halbe Welt führte.

Für einige Damen in Paul Sachers bisherigem Leben war diese Nachricht eine unangenehme Überraschung, für manche sogar ein Schock. Eine ganz wichtige Person auf diesem unmusikalischen Gebiet war Romana Segantini, eine Enkelin des Schweizer Malers Giovanni Segantini. Sacher hatte Romana im Sommer 1925 kennen gelernt; er war neunzehn, sie zwei Jahre jünger. Diese Freundschaft endete erst mit Romanas Tod 1992. Bei ihrer Beerdigung wurde in der Kirche in Maloja ein riesiges Gebinde blassrosa Rosen abgegeben; daran steckte eine Karte auf der nur der Name Paul Sacher stand. Keiner in ihrer Familie hatte jemals gehört, dass sie diesen Namen aussprach.

Natürlich traten nach dieser Eheschließung Neider mit entsprechend gehässigen Kommentaren auf den Plan, aber da waren kaum Musiker dabei, denn diese konnten am besten einschätzen, was der Dirigent vor seiner reichen Heirat alles ohne einen solchen monetären Hintergrund geschaffen hatte.

Nun konnte Sacher dank seines neuen Vermögens seine Kompositionsaufträge ordentlich bezahlen und es war jetzt auch nicht mehr notwendig, dass die Musiker nur aus Freude an der Musik spielten - zumindest meinte das Annie Tschopp, wogegen Sacher von Bezahlung nichts wissen wollte. Mit einem großen Knall trat Anni Tschopp aus dem Orchester aus. Erst viele, viele Jahre später näherte man sich wieder etwas an; spät in seinem Leben gab Sacher an, dass er ihr gegenüber ein schlechtes Gewissen habe. Die Musiker bekamen nun zwar etwas Geld, aber diesbezüglich darf man Sacher als knausrig bezeichnen.

Mit der Schola Cantorum Basilensis gründete Sacher 1933 ein privates Lehr- und Forschungsinstitut für alte Musik. Eine beachtliche Sammlung alter, gepflegter Musikinstrumente wurde dem Institut leihweise zur Verfügung gestellt.

1936 hatten sich Sacher mit seiner Frau, in deren Adern Architektenblut floss, ein neues Haus erbauen lassen, das keine Wünsche offen ließ, auch Paul Sachers Eltern wurden nicht vergessen, sie verfügten jetzt über ein eigenes Haus mit Dienstpersonal.

In den 1950ger, sechziger und siebziger Jahren war Sacher in vielen europäischen Ländern als Gastdirigent gefragt und er arbeitete mit bedeutenden Orchestern wie dem Royal Philharmonie Orchestra in London oder dem Mozarteum Orchester in Salzburg. In seinen Programmen erschienen immer wieder Werke, die er selbst in Auftrag gegeben hatte. Zum einen liebte er es, Werke zu dirigieren, bei denen er die Autorität des Komponisten hinter sich hatte, und zum anderen wich er damit elegant der Gefahr aus, zu seinen Ungunsten mit Vorgängern wie Weingartner oder Zeitgenossen wie Herbert von Karajan oder Sergiu Celebidache verglichen zu werden. Sacher hatte sich einen Ruf erworben, der namhafte Komponisten veranlasste ihm die neu geschaffenen Kompositionen anzuvertrauen.
Eine fruchtbare Zusammenarbeit ergab sich mit Strawinsky, den er schon 1930 kennenlernte und Béla Bartók. Letzterer reiste als Gast der Sachers an, um an der beauftragten Komposition zu arbeiten. Seit Jahren mietete Maja Sacher in den Sommermonaten in den Berner Alpen ein Chalet, in dem nun Bartók im Sommer 1939 arbeitete, zu diesem Zweck, hatte man aus Bern ein Klavier ins Chalet bringen lassen.
Andere Komponisten kamen nach Schönenberg; Arthur Honegger wohnte zum Beispiel mit seiner Familie fast ein ganzes Jahr dort und jahrelang hieß eines der Zimmer im Haupthaus »Pierres Zimmer«, weil Pierre Boulez dort so häufig übernachtete.

Aber die Musik spielte auch in der Firma - im Mai 1938 trat Paul Sacher in den Verwaltungsrat des pharmazeutischen Unternehmens F. Hoffmann-La Roche ein. Und er tat das nicht etwa widerwillig, sondern war von dieser ganz anderen Welt fasziniert.
1944 erfolgte dann eine ganz andere Berufung, die von der Schweizer Regierung ausging, Sacher wurde in die Kulturstiftung Pro Helvetia berufen, wo er fünfzehn Jahre mitwirkte und einen enormen Einfluss ausübte; seine Dominanz in diesem Gremium war nicht zu übersehen. Selbstverständlich nutzte er seine wachsende Autorität, um die Arbeit seiner Komponistenfreunde zu fördern. Aber er förderte auch Strauss - der natürlich überhaupt nicht zum Kreis der von Sacher favorisierten Musiker passte - als dieser mittellos in der Schweiz auftauchte. Auf der Bettkante von Frau Strauss sitzend, wurde das Werk »Metamorphosen« von Sacher in Auftrag gegeben. Es kostete fünftausend Franken, für den gleichen Betrag erwarb Sacher dann sukzessive noch das von Strauss eigenhändig abgeschriebene Manuskript und etwas später auch noch das Original, also summa summarum 15. 000 CHF.

»Sie war ein faszinierendes Weibsbild: schön, rassig, feingliedrig, gescheit, gebildet, musikalisch begabt - eine außergewöhnliche Frau.« So beschreibt Paul Sacher Nina von Faber-Castell; seine Affäre mit ihr dauerte immerhin drei Jahrzehnte und die Dame war verheiratet und hatte Kinder, denen Onkel Paul ganz sympathisch war.
In dieser Beziehung wurde auch Paul Sacher Vater, Maja blieb diese Beziehung über Jahre hinweg verborgen.

In den 1960er Jahren und danach hatte das Wirken Sachers eine weltweite Bedeutung erlangt, weil er bei einer Menge zeitgenössischer Werke Pate war. Persönlich hatte er so um die hundert Musikstücke in Auftrag gegeben und bis auf wenige Ausnahmen, auch selbst uraufgeführt.
Dank seiner finanziellen Ressourcen konnte man bei Sacher mitunter auch Arroganz und Selbstherrlichkeit bemerken und zum Teil hatte man Angst vor ihm. So wurde schon mal ein kritisch gehaltener Zeitungsartikel nicht gedruckt oder eine geplante Radiosendung nicht ausgestrahlt.

Die Paul Sacher Stiftung wurde 1973 zunächst mit dem Ziel der Bewahrung der musikalischen Bibliothek von Paul Sacher gegründet. Mit der einige Zeit später einsetzenden systematischen Erweiterung der Bestände wandelte sich diese Aufgabe. Mit rund hundert Nachlässen und Sammlungen von bedeutenden Komponisten und Interpreten bildet die Stiftung heute ein internationales Forschungszentrum für die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts.

Im privaten Bereich hatte sich die Beziehung zu Nina stark eingetrübt.1974 lernte Sacher eine Ärztin aus Norddeutschland kennen, die als Assistenzärztin an ein Krankenhaus in Basel gekommen war; sie war 33 Jahre alt und hieß Irma, hatte rotblondes Haar und grüne Augen; Sachers Interesse war geweckt. Es war wieder einmal der Beginn einer heimlichen Affäre, die auch dem engen Umfeld über Jahre verborgen blieb. Und Irma wollte unbedingt ein Kind, wogegen sich der inzwischen 75-jährige Sacher vehement wehrte, auch mit dem Argument, dass er bereits zwei Töchter habe, die nicht seinen Namen tragen. Irma hielt an ihrem Kinderwunsch fest, 1981 wurde Paul Sacher Vater eines Sohnes.
Zu keinem Zeitpunkt hatte Paul Sacher die Absicht sich von Maja scheiden zu lassen. Irma erkrankte schwer und hatte keine Überlebenschance und mit Nina und Maja stand es auch nicht zum Besten; Paul Sacher, dem in seinem Leben so viel gelungen ist, war stark angeschlagen und zog sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Nach sechzig Jahren hatte er dann den Entschluss gefasst sein Orchester aufzulösen.
Irma begleitete ihren Paul im Juni 1988 nach Oxford, wo er mit Doktorwürden ausgezeichnet wurde, es war der letzte gemeinsame öffentliche Auftritt der beiden; Irma starb Anfang November 1988. Maja Sacher-Hoffmannstarb am 8. August 1989. Nina, mit der er in den letzten Jahren keinen regelmäßigen Kontakt mehr hatte, starb 1994.

Es war angedacht, dass Jean Tinguely, ein von Maja seit langem verehrter Künstler, der später auch mit Paul Sacher befreundet war, eine Skulptur für Irmas Grabstätte schaffen sollte, und diese Grabstätte war auch für Paul Sacher vorgesehen. Tinguely hatte an etwas Bewegliches gedacht, aber Sacher wollte weder Bewegung noch Geräusche an seinem Grab; er meinte: »nach dem Tod ist alles still, nichts bewegt sich.« Jean Tinguely starb 1991, man konnte die Diskussion nicht mehr zu Ende führen ...

Es kam dann ganz anders, plötzlich teilte Paul Sacher seinem Sohn mit, dass er sich eine Grabstätte auf einem anderen Friedhof gekauft hat. Dort ruht er nun alleine, unweit des Familiengrabes der Hoffmanns, in dem auch Maja Sacher begraben ist.

Praktische Hinweise:
Das Grab befindet sich im Gräberfeld 11
Am besten benutzt man den Eingang am Grenzacherweg, von dort aus geht man etwa 250 Meter nach links


Der Haupteingang des Friedhofs am Hörnli in Basel - von hier aus muss man zum Grab nach ganz hinten laufen und dann nach rechts.





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