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AMATEURVIDEO-FILMFORUM-WIEN

Joseph II.

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  • »Joseph II.« ist männlich

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151

Mittwoch, 28. Februar 2018, 18:39

Die Aufnahme von Thielemann mit der Staatskapelle Dresden ist mittlerweile auf MDR Kultur zum Nachhören online verfügbar: https://www.mdr.de/kultur/radio/ipg/send…c-4cd383ea.html

Auffällig: Thielemann benötigt im Schlusssatz (den ich als einziges bisher hörte) lediglich 21:30 Minuten. Das dürfte nahe am Geschwindigkeitsrekord sein. Da gefällt mir persönlich schon eher Levine mit seinen etwa 30 Minuten.
»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

La Roche

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Registrierungsdatum: 21. Februar 2012

152

Mittwoch, 28. Februar 2018, 19:26

Die Zeitangabe
Auffällig: Thielemann benötigt im Schlusssatz (den ich als einziges bisher hörte) lediglich 21:30 Minuten.
gefällt mir eigentlich nicht. Dieser wundervolle Satz kann doch in dem Tempo seine Schönheit, seine Ruhe nicht entfalten. Das ist ja (ohne es gehört zu haben) eine ziemliche Jagd. Bernstein benötigt mit den NY-Philharmonikern über 27 min (allerdings mit Schlußapplaus), ich habe ich auch Sinopoli mit dem Philharmonia Orchester in 23 min und Armin Jordan dem Orchestre de la Suisse Romande auch in 21:35.Vielleicht liege ich falsch, wenn ich es langsamer mag?

Live habe ich die 3. erlebt mit dem Gewandhaus unter Chailly, den Dresdenern zum Mahlerfest unter Luisi, der Staatskapelle Weimar zum Abschied von Georg Alexander Albrecht, aber da stoppt man ja die Zeit nicht. Am eindrucksvollsten fand ich Albrecht in Weimar, aber davon gibt es wohl keine Veröffentlichung

Sei es wie es sei. Eine großartige Sinfonie.

Herzlichst La Roche
Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


Rheingold1876

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  • »Rheingold1876« ist männlich

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Registrierungsdatum: 5. Mai 2011

153

Mittwoch, 28. Februar 2018, 19:27

Danke für den Link, lieber Joseph. Da hörte ich doch gleich mal zu. Alles in allem sehr schön musiziert. Mit fehlt aber eine gewisse Härte und Abgründigkeit. Thielemanns Mahler ist sehr diesseitig. An Barbirolli oder Bernstein darf man natürlich nicht denken. Weder beim Beginn noch beim Schluss. Die Granca singt gut, bleibt aber auch mit beiden Beinen auf der Erde. Meine erste "Dritte" war unter Kondraschin, noch von alten Sowjetplatten, über die Panzer hätte fahren können, ohne, dass sie Schaden genommen hätte. Der hat es auch in sich. Nein, Thielemnn hat mir nichts neues mitzuteilen. Im Konzert schön und gut, ich hätte es auch gern besucht. Im Nachklag aber reicht mir das nicht.
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

Norbert

Moderator

  • »Norbert« ist männlich

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Registrierungsdatum: 11. August 2004

154

Sonntag, 4. März 2018, 11:26


Auffällig: Thielemann benötigt im Schlusssatz (den ich als einziges bisher hörte) lediglich 21:30 Minuten. Das dürfte nahe am Geschwindigkeitsrekord sein. Da gefällt mir persönlich schon eher Levine mit seinen etwa 30 Minuten.


Lieber Joseph,

zugegeben, 21:30 sind zügig, aber wie so häufig bei sinfonischen Werken gilt: Das nackte Tempo alleine ist wenig aussagekräftig.

Erich Leinsdorf benötigte 20:20 für den Satz und trifft den Satzcharakter "Langsam. Ruhevoll. Empfunden" (fast) exemplarisch. Bruno Walter (vor 1957) und Michael Gielen haben z.B. das Schlussadagio der 9. Sinfonie oder das Adagietto der 5. Sinfonie in ungewöhnlich schnellen Tempi spielen lassen, ohne dass mir persönlich der Satzcharakter abhanden gekommen wäre.

Okay, Leinsdorf, Gielen und Walter waren herausragende Dirigenten, Thielemann (auch wenn ich die Interpretation von Mahlers 3. Sinfonie nicht kenne) ist diesem Anspruch bei mir noch nicht einmal ansatzweise gerecht geworden.
Grüße aus der Nähe von Hamburg

Norbert

Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
Gustav Mahler

William B.A.

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Registrierungsdatum: 6. Oktober 2010

155

Sonntag, 4. März 2018, 19:43

Zitat

dr. pingel: Faszinierend das Posthorn, man hatte dem Spieler eine eigene Kamera gegeben, die immer wieder auf ihn schwenkte. Eine makellose Leistung führte dazu, dass er, als er beim Schlussapplaus herunterkam, wie ein Popstar gefeiert wurde.

In der Aufnahme, lieber Dottore, über die ich in Beitrag 143 und 144 geschrieben habe, hat der Posthornist und Solotrompeter des HR-Sinfonieorchesters sogar ein eigenes Seitenschiff im Kloster Eberbach, sondern sogar ein eigens Publikum:

Hier ein Ausschnitt aus dem wunderschönen 3. Satz!

@ Joseph: Järvi, lieber Joseph, hat in dieser Aufnahme auch nur 21:17 min. gebraucht, und ich finde, dass sich die Ruhe sehr wohl entfalten konnte. Er hat ja auch nicht explizit gegen die Satzvorschriften verstoßen, denn dort steht nur: Langsam: Ruhevoll. Empfunden. Und das lässt durchaus den nötigen Spielraum zwischen +/- 21 Minuten und mehr.

Liebe Grüße

Willi :)
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

Dr. Holger Kaletha

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  • »Dr. Holger Kaletha« ist männlich

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Registrierungsdatum: 2. Februar 2008

156

Montag, 7. Mai 2018, 20:15

Ein kleiner Interpretationsvergleich mit Vaclav Neumann



Schon seit eltlichen Wochen liegt Neumanns zweite Aufnahme der 3. bei mir ungehört, die er ein Jahr vor seinem Tod 1994 machte. Der erste Vergleich ist natürlich der mit seiner rund 15 Jahre älteren Supraphon-Aufnahme. Der signifikanteste Unterschied ist der Kopfsatz: Neumann nimmt sich in seiner späten Aufnahme 3 Minuten länger Zeit! Beide Aufnahmen sind einfach herausragend! Da kommen zwei Dinge zusammen: Die Tschechische Philharmonie ist insbesondere für diese Symphonie einfach das ideale Orchester und Neumann beweist seine Qualitäten als ganz großer Mahler-Dirigent. Er braucht keine Mätzchen und keine irgendwie theatralischen Gesten zu machen um "Effekte" zu erzielen. Das ist ungemein präzise dirigiert mit dem traumwandlerischen Gefühl für das "Richtige" in jedem Moment. Trotz der drei Minuten längeren Spielzeit im Kopfsatz kann man auch hier die überragende Neumann-Qualität bewundern, über eine lange Distanz die Spannung zu halten. Die alte Aufnahme hat diese beeindruckende rhythmische Verve und Leichtigkeit - die auch ein Georg Solti trotz ungefähr desselben Tempos einfach nicht hat. Die späte Aufnahme ist aber nicht weniger rhythmisch präzise. Dazu spielt die Tschechische Philharmonie schlicht unglaublich schön. Die Aufnahmetechnik ist bei beiden Einspielungen wirklich exzellent - bei Exton etwas präsenter, dafür hat die Supraphon-Aufnahme diese unglaublich atmosphärische Luftigkeit. Beim Posthornsolo, dass auch 1994 Miroslav Kejmar von der Saalempore aus spielt und nicht draußen außerhalb des Saales, kann man in der letzten Aufnahme sehr schön durch den unterschiedlichen Hall die Raumwirkung nachvollziehen. Insgesamt ist die Tschechische Philharmonie in früheren Zeiten etwas idiomatisch böhmischer im Klang, dafür aber bei dieser späten Aufnahme etwas satter im Ton. Im Finale ist Neumann bei beiden Aufnahmen mit 20 Minuten einer der "schnellsten". Trotzdem wirkt das Tempo völlig organisch und "richtig". Er schafft es eben, diesen quasi unendlich langen Atem eines kontinuierlichen dynamischen Entwicklungsbogens aufzubauen, so dass die Musik wie ein großer Fluss mit Wellenbergen und Tälern fließt.

Zum Vergleich habe ich zunächst Ricardo Chailly mit dem Concertgebouw-Orkest gehört. Zweifellos ist auch das eine gute Aufnahme. Im Kopfsatz hat Chailly zwar das Tempo der Exton-Aufnahme von Neumann. Aber im Unterschied zu Neumann gibt es keine Vorwartsbewegung, das ist einfach nicht so zwingend und bisweilen ein bisschen steif wie beim Wiegenlied-Thema. Alles auf hohem Niveau - aber es fehlt irgendwie das letzte Quäntchen, damit dies eine Spitzenaufnahme wäre. Im Finale gelingt es Chailly zudem nicht, diesen quasi unendlichen dynamischen Entwicklungsbogen aufzubauen, statt dessen wirkt er ein bisschen episodisch. Zudem ist die Decca-Aufnahmetchnik hier einmal nicht ideal, sondern eindeutig zu basslastig. Da hat Bernard Haitink mit dem Chicago SO doch ein anderes Niveau. Zwar wirkt das Blech zu Beginn des Kopfsatzes ein bisschen positivistisch - das ist nicht der Zauber der Tschechischen Philharmonie. Aber ab Satz 2 wird das Niveau wirklich exquisit. Was Haitink mit dem fabelhaften Orchester da an Details herausarbeitet ist wahrlich aufregend - dagegen wirkt Chailly irgendwie schematisch. Und im Finale gelingt es Haitink eben auch, die Musik permanent im Fließen zu halten. Ebenfalls eine absolute Spitzenaufnahme ist Claudio Abbado mit den Wiener Philharmonikern - leider hat sie von allen die mäßigste Aufnahmetechnik. Abbado macht feinste dynamische Schattierungen, wodurch er die Musik immer wieder neu zum Leben erweckt, die Stimmungswechsel wunderbar nachzeichnet. Zudem hat er Jessye Norman als Solistin - die konkurrenzlos ist. Die feinsinnigste Aufnahme der 3., die es gibt. Ebenfalls beeindruckend ist Georg Solti mit dem London SO (!) - nicht nur wegen der hier fabelhaften Decca-Aufnahmetechnik. Er spielt nicht einfach die Sätze schnell herunter, sondern beweist sehr viel Einfühlsamkeit in Mahlers Musik und hat einen sehr individuellen interpretarorischen Zugriff. Das ist auch eine Aufnahme, die ich nicht missen möchte. Er spielt das Finale noch eine dreiviertel Minute schneller als Neumann - aber auch bei ihm wirkt das Tempo nie überhastet, sondern einfach organisch-natürlich. Man kann diesen Satz eben auch so völlig überzeugend interpretieren. Wirklich auch eine gute und sorgfältig durchgearbeitete Aufnahme ist die von Yevgeny Swetlanov - allerdings merkt man, dass sowohl das russische Orchester wie der Dirigent mit dieser Symphonie nicht so vertraut sind. Trotz des Neumann-Tempos fehlt eben der "Zug" und die federnde Rhythmik der Tschechischen Philharmonie. Die Idiomatik stimmt zudem nicht immer - das ist mehr bemüht als treffsicher. So ist das Scherzo mit dem Posthornsolo manchmal etwas zu russisch-schwerblütig. Im Finale gelingt es ihm auch nicht so wie den anderen großen Mahler-Dirigenten von Abbado bis Neumann und Solti, dieses sich dynamisch entwickelnde Kontinuum entstehen zu lassen. Dagegen ist Bernsteins DGG-Aufnahme mit den New Yorker Philharmonkern wiederum Spitze - auch aufnahmetechnisch. Trotz des extrem langsamen Tempos gelingt es Bernstein im Finale, den dynamischen großen Bogen aufzubauen.

Fazit: Die beiden Aufnahmen, wo gerade auch der 1. Satz fasziniert, sind die mit Vaclav Neumann und der Tschechischen Philharmonie. Zudem haben sie von allen Aufnahmen das schönste Posthornsolo. :)

Schöne Grüße
Holger