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AMATEURVIDEO-FILMFORUM-WIEN
  • »Ralf Reck« ist männlich
  • »Ralf Reck« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 208

Registrierungsdatum: 23. November 2013

1

Donnerstag, 22. März 2018, 00:33

Großartige Angela Gheorghiu in Tosca (Puccini), Hamburgische Staatsoper, 21.03.2018

Es begann nicht ganz so großartig; der an den großen internationalen Häusern singende italienische Tenor Riccardo Massi (Cavaradossi) begann mit belegter, in der Schallkraft dadurch beeinträchtigter Stimme, zusätzlich bekam er sein Vibrato nicht in den Griff. Nach seiner Auftrittsarie („Wie sich die Bilder gleichen“) herrschte eine Totenstille, die nur von Wenigen mit zaghaftem Klatschen durchbrochen wurde. Man meinte, Massis Pulsschlag bis in die Zuschauerloge hinein hören zu können. Es war offenbar nur Nervenflattern, denn zusammen mit Angela Gheorghiu kam seine angenehm klingende und auch ausreichend schallkräftige Stimme zurück. Seine „Vittoria“-Rufe im zweiten Akt sowie seine Arie im dritten Akt (und es blitzten die Sterne) gelangen ihm eindrucksvoll. Franco Vassallo war ein stimmkräftiger und bös auftrumpfender Scarpia, der sich auch im Zweikampf mit Tosca nichts nahm, eine herausragende Leistung.

Eine solch stimmlich und darstellerisch herausragende Tosca wie die von Angela Gheorghiu habe ich lange nicht gesehen und gehört, da muss ich schon bis zu Eva Marton in die 1980er Jahren zurückgehen. Gheorghius glutvolle, schallstarke Stimme floss frei, ohne störendes Vibrato, blieb in allen Lagen rund und schön, selbst in den dramatischen Ausbrüchen zeigte sich keine Schärfe. Ganz großartig gelang ihr das „Vissi d‘arte“, auch in den Pianopassagen. Hinzu kommt eine darstellerische Kompetenz, wie sie naturgegeben nur eine richtige Primadonna hat; davon gibt es nicht mehr viele, Gheorghiu ist eine davon. Das Orchester spielte unter der Leitung Pier Giorgio Morandi überzeugend, vor allem der Schluss des 1. Aktes „Va Tosca“ klang mit dem ebenfalls hervorragend disponierten Chor grandios. Am Ende gab es übergroßen Jubel für alle drei Protagonisten, wie schön, dass man in Hamburg wieder solche Opernabende erleben kann. Man sollte diese Aufführungsserie nicht verpassen. Angela Gehorgiu singt Tosca noch zweimal (wenn sie denn nicht aussteigt, was bei ihr durchaus nicht selten ist), und zwar am 24. sowie am 29. März, ihr folgen für zwei Vorstellungen (4. und 7. April) Tatiana Serjan (zusammen mit Jorge de Leon) und am 17. April Anja Harteros (mit Jonas Kaufmann). Der Scarpia wird in allen Vorstellungen von Franco Vassallo gesungen.

Das Bühnenbild ist ganz attraktiv, heute würde man sagen, fast schon altmodisch, bietet aber für die Zuseher einige Probleme. Wer in den linken Logen sitzt, bekommt Cavaradossi während seiner Auftrittsarie nicht zu Gesicht, wer rechts sitzt, erblickt nicht die imposante Marienkrönung, die kurz vor Ende des ersten Aktes im rechten Hintergrund aufgezogen wird. Letzteres ist verzichtbar, das Publikum auf den teureren Parkettplätzen soll ja auch für die hohen Preise einen gewissen Mehrwert haben. Den Sänger während wichtiger Passagen nicht zu sehen, ist aber schon einschränkend. Ein Rat also, wenn es die Ranglogen sein müssen, dann die rechtsseitigen wählen.
Oper lebt von den Stimmen, Stimmenbeurteilung bleibt subjektiv

MSchenk

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  • »MSchenk« ist männlich

Beiträge: 2 538

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2

Donnerstag, 22. März 2018, 08:10

Ein Rat also, wenn es die Ranglogen sein müssen, dann die rechtsseitigen wählen.

Lieber Ralf, dass nenne ich mal einen praktischen Tipp für den Opernbesuch :thumbup: Danke für den einmal mehr sehr instruktiven Bericht. Übrigens ist Menassi bereits am vergangenen Samstag sehr kurzfristig für den erkrankten Dmytro Popov in der neuen "Ingvar Kamprad-Gedächtnis-Inszenierung" von Verdis Messa da Requiem (Regie Calixto Bieto) eingesprungen. Er sang dort von der Seite - die Zeit für die szenische Einstudierung reichte verständlicherweise nicht mehr, weshalb diesen Part der Spielleiter Tim Jentzen übernahm - und machte dort seine Sache recht gut. Der Trumpf des Abends war jedoch Maria Bengtsson, die mit ihrem dramatischen Sopran und einem herrlichem Piano selbst meine Frau (ebenfalls kurzfristig für einen erkrannten Freund eingesprungen), die ansonsten hohe Stimmlagen eher als unangenehm empfindet, vollkommen überzeugen konnte. Solltest Du noch einen Besuch des Requiems planen: Hier ist die Platzwahl zumindest optisch nebensächlich. Ich hatte zumeist die Augen geschlossen, da dass wiederholte Hin-und-her-Schieben von überdimensionalen IKEA-Regalen doch eher etwas langweilig über die Rampe kam :untertauch:
mfG Michael

Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs.

rodolfo39

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  • »rodolfo39« ist männlich

Beiträge: 3 124

Registrierungsdatum: 7. Oktober 2010

3

Donnerstag, 22. März 2018, 08:33

Lieber Ralf,
solche Berichte sind viel interessanter als die ewigen RT Diskussionen.

Bertarido

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  • »Bertarido« ist männlich

Beiträge: 2 919

Registrierungsdatum: 24. April 2014

4

Donnerstag, 22. März 2018, 09:36

Danke für den Bericht. Beneidenswert, dass Du Angela Gheorghiu live erleben konntest, das würde ich auch gerne einmal.

Gerhard Wischniewski

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  • »Gerhard Wischniewski« ist männlich

Beiträge: 4 425

Registrierungsdatum: 7. April 2011

5

Donnerstag, 22. März 2018, 11:05

Lieber Ralf,

danke für den erfreulichen Bericht. Nach deinen letzten Berichten scheint Hamburg wieder zu konventionelleren Aufführungen zurückzufinden. Schade, dass es von hier zu weit entfernt ist.
Angela Gheorghiu habe ich in der Filmfassung mit Roberto Alagna und Ruggero Raimondi, wo sie mich als Sängerin und Darstellerin der Tosca ebenfalls begeistert.

Liebe Grüße
Gerhard
Ich mache dringend darauf aufmerksam, dass die szenischen Vorschriften, wie sie in der Partitur mit großer Genauigkeit angegeben sind, mit skrupulöser Treue befolgt werden.
(Wagner in einem Brief zu seinem "Tannhäuser" an Stocks 1841)

Stimmenliebhaber

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  • »Stimmenliebhaber« ist männlich

Beiträge: 7 590

Registrierungsdatum: 3. Dezember 2012

6

Donnerstag, 22. März 2018, 11:20

Wer in den linken Logen sitzt, bekommt Cavaradossi während seiner Auftrittsarie nicht zu Gesicht, wer rechts sitzt, erblickt nicht die imposante Marienkrönung, die kurz vor Ende des ersten Aktes im rechten Hintergrund aufgezogen wird. Letzteres ist verzichtbar, das Publikum auf den teureren Parkettplätzen soll ja auch für die hohen Preise einen gewissen Mehrwert haben. Den Sänger während wichtiger Passagen nicht zu sehen, ist aber schon einschränkend. Ein Rat also, wenn es die Ranglogen sein müssen, dann die rechtsseitigen wählen.
Über diese besch... Sicht in den Ranglogen (wer baut sowas???) habe ich mich bei meinem "Onegin"-Besuch im Februar auch maßlos geärgert und mich während der Vorstellung 2x umgesetzt...

Wenn die alten Hoftheater aus dem 18. und 19. Jahrhundert teilweise schlechte Sicht haben, ok, aber bei einem Nachkriegsneubau???
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

Inhalten aller Art in Beiträgen anderer in diesem Forum stimme ich hier ausdrücklich nur dann zu, wenn ich ihnen in Antwortbeiträgen ausdrücklich zustimme! ;)

Melomane

Schüler

  • »Melomane« ist männlich

Beiträge: 171

Registrierungsdatum: 8. November 2017

7

Donnerstag, 22. März 2018, 11:29

Nach deinen letzten Berichten scheint Hamburg wieder zu konventionelleren Aufführungen zurückzufinden.


Die Premiere dieser Inszenierung von Robert Carsen war im Oktober 2000, also vor fast 18 Jahren und seitdem ist die Produktion - wie für eine "Tosca" an einem großen Repertoire-Theater üblich - jede Spielzeit gespielt worden. Wie kann man da von "zurückfinden" reden?

Ich habe die Inszenierung auch einmal gesehen und habe sie auch noch einigermaßen in Erinnerung und deshalb wundert mich, lieber Gerhard, wie du ihr so bedingungslos zustimmen kannst. Jörg Königsdorf schrieb damals in seiner "Tagesspiegel"-Rezension:

Zitat

Seine "Tosca" spielt auf dem Theater, die Engelsburg-Zinne wird zur Bühnenrampe, und die Opernsängerin Floria Tosca zur Diva, die nach ihrem Auftritt ihren Fans Autogramme gibt. Ein Distanzierungskonzept, das für die "Tosca" verblüffend gut aufgeht.


Hier die ganze Kritik


Unter dem Strich: Änderung der Handlung (im Stück gibt Tosca nirgendwo Autogramme) und der Schauplätze (Bühnenrampe statt Engelsburg), normalerweise das, was du als "Verunstaltungstheater" bezeichnest. Dazu noch eine Zeitverschiebung, wie du auf diesen Fotos sehen kannst, Scarpia mit einem Mantel mit einem Pelzkragen, ein Kostüm aus dem 20. Jahrundert, weit entfernt von der Handlungszeit 1800:

https://www.staatsoper-hamburg.de/de/spi…p?AuffNr=146685

Wie kommt jetzt deine Zustimmung zu dieser Inszenierung zustande? Hast du deine Meinung bezüglich Änderung von Handlung, Zeit und Schauplätzen geändert oder hast du dich einfach mal wieder zu einer Theateraufführung geäußert, die du nicht kennst und hast sie dir in deiner Phantasie ganz anders vorgestellt als sie eigentlich ist?

MSchenk

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  • »MSchenk« ist männlich

Beiträge: 2 538

Registrierungsdatum: 5. März 2011

8

Donnerstag, 22. März 2018, 11:44

Unter dem Strich: Änderung der Handlung (im Stück gibt Tosca nirgendwo Autogramme) und der Schauplätze (Bühnenrampe statt Engelsburg), normalerweise das, was du als "Verunstaltungstheater" bezeichnest. Dazu noch eine Zeitverschiebung, wie du auf diesen Fotos sehen kannst, Scarpia mit einem Mantel mit einem Pelzkragen, ein Kostüm aus dem 20. Jahrundert, weit entfernt von der Handlungszeit 1800: https://www.staatsoper-hamburg.de/de/spi…p?AuffNr=146685
Nicht zu vergessen die unvermeidliche RT-Bestuhlung, die ja einigen immer ein ganz besonderer Dorn im Auge ist :hahahaha: Tatsächlich habe ich die Inszenierung im letzten Jahr erstmalig gesehen und fand sie soweit ganz okay.
mfG Michael

Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs.

La Roche

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  • »La Roche« ist männlich

Beiträge: 2 589

Registrierungsdatum: 21. Februar 2012

9

Donnerstag, 22. März 2018, 13:31

Lieber Ralf,

ich beneide Dich um diese Inszenierung, besonders um die musikalische Seite. Nach wie vor ist für mich Angela Gheorghiu eine der besten Sängerinnen im italienischen Fach, aber leider habe ich sie bisher nie sehen können, ich meine live. Ich besitze mehrere DVD mit ihr und ihre Bühnenpräsenz hat mich immer beeindruckt. Stimmlich und darstellerisch.

Herzlichst La Roche
Ein Gespräch setzt voraus, daß der andere Recht haben könnte. Gadamer


  • »Ralf Reck« ist männlich
  • »Ralf Reck« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 208

Registrierungsdatum: 23. November 2013

10

Freitag, 30. März 2018, 00:05

Noch einmal Tosca, die dritte Aufführung der Serie am 29.03.2018

Man sagt ja, dass die dritte Vorstellung einer Serie in der Regel die beste sei. Auch heute traf das zu. Riccardo Massi hatte sich als Cavaradossi eingesungen und lieferte eine stimmlich herausragende Leistung, schon von Anbeginn an. Etwas war auch anders, er sang nicht mehr vom Malpodest an der linken Wand aus, wie es bisher bei allen von mir in dieser Inszenierung (Robert Carsen, Bühnenbild Anthony Ward) gesehenen Aufführungen der Fall war, sondern ging für seine Bildnisarie nach vorn an die Rampe, für alle Zuschauer im Saal gut sehbar. Diese Verbesserung hätte sich die Abendspielleitung auch schon viel früher einfallen lassen können. Möglicherweise war das auch auf den Einfluss von Frau Gheorghiu zurückzuführen, die sich, wie man hörte, auch verschiedene, nicht so ins Gewicht fallende Änderungen ausbedungen hatte, vor allem eine (zusätzliche) Pause nach dem zweiten Akt. Angela Gheorghiu sang wieder wunderbar. Ich meine, irgendwo gelesen zu haben, dass die Tosca die Rolle ihres Lebens sei. Das lässt sich nach dem gestrigen und dem ersten Abend der Tosca-Serie nur bestätigen. Sie ist Tosca, gesanglich und auch darstellerisch. Sie lebt diese Figur mehr als dass sie sie spielt. Und mit dieser vortrefflichen, sowohl im lang gehaltenen, dann langsam verhauchenden Piano als auch in den dramatischen Ausbrüchen rein und und klar klingenden Stimme erscheint sie derzeit in dieser Rolle unübertrefflich. Ich jedenfalls habe in den letzten dreißig Jahren keine bessere Tosca gehört und erlebt. Franco Vassallo übertraf diesmal noch seine sängerische und gestalterische Leistung als gefährlich-bösartiger Scarpia. Diese guten Leistungen basierten aber auf dem unter der Leitung von Pier Giorgio Morandi wieder hervorragend aufspielenden Philharmonischen Staatsorchester Hamburg. Was für ein Unterschied zu gestern (Aida). Es kommt wohl doch sehr auf den Dirigenten an. Wenn das Orchester im Graben sitzt und mit den Sängern nicht mitatmen kann, klappt es ohne den zwischen Bühne und Graben vermittelnden Dirigenten nicht. Heute atmete das Orchester mit den drei Protagonisten; Orchestermusik und Gesang wuchsen zu einer harmonischen Einheit zusammen, das Orchester überdeckte nie die Stimmen (wir saßen im Parkett in der 13. Reihe) und konnte sich bei den Piani der Solisten entsprechend zurücknehmen; nichts klapperte nach. Insgesamt durften wir heute in der Hamburgischen Staatsoper eine Sternstunde der Opernkunst erleben. Das Publikum dankte es den Solisten und dem Dirigenten mit großem, großem Jubel. Was sehr selten ist, es wurden auch Blumen auf die Bühne geworfen und insbesondere Franco Vassallo genoss sichtlich und lang den großen Jubel bei seinem Solovorhang. Zum Schluss umarmten sich die drei Protagonisten und freuten sich über den glücklichen Abschluss ihres Engagements. Franco Vasallo wird ja in den folgenden drei Aufführungen den Part des Scarpia noch weiter übernehmen.
Oper lebt von den Stimmen, Stimmenbeurteilung bleibt subjektiv