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Damiro

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Registrierungsdatum: 13. Dezember 2017

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Dienstag, 13. Februar 2018, 22:49

Zlata Chochieva spielt 1. Klaviersonate d- moll op. 28 (+ Chopin- Variationen op. 22)

Hörbericht für die Sonate - für die Chopin Variationen siehe dort.

Folgende CD ist gemeint:




https://www.jpc.de/jpcng/classic/detail/…28/hnum/1446954

Zlata Ch. ist in Russland geboren, aufgewachsen und ausgebildet. In 2012/13 war sie Postgrad.- Stipendiatin bei Prof. J. Rouvier am Salzburger Mozarteum (könnte man, glaube ich, in diesem Falle mit Assistenzprofessorin übersetzen), hat 14 internat. Wettbewerbe gewonnen. Als Lehrer werden unter teils bekannten russischen Pädagogen auch M. Pletnev, D. Bashkirow und dann P. Badura- Skoda genannt Im Netz gibt es reichlich Informationen über sie, ausserdem zwei Hände voll Youtube Videos, allerdings nichts in deutscher Sprache. Sie ist jetzt 32 Jahre alt.

Die Medienfirma PIANO CLASSICS zeichnet für die vorliegende CD verantwortlich. Diese ist 2012 aufgenommen worden (bei "I Musicanti" Rom), es gibt bei dieser Firma noch zwei weitere CDs. Aufnahme- und Produktionspersonal waren rein italienisch, Z. Ch. spielte einen YAMAHA Flügel CF III. (Wer den eingestellt hat, sollte man sich merken, wenn man dort Klavier spielt !) Das Booklet ist ausreichend informativ; nebst Aufnahmezeiten der einzelnen Takes sind einige S/W - Aufnahmen der attraktiven Künstlerin und diverse Pressezitate ausgebreitet. Der Klang des Flügels und des Studios sind tadellos. Die technische Seite der CD überzeugt mich (s.u.!)

Um es vorweg zu sagen:
die Technik der Pianistin ist enorm, ich habe keinerlei manuelle Schwächen gehört. Man ahnt / vernimmt wenige Schnittstellen. Sie spielt mit wunderbarem Klangsinn, vermeidet gestalterische Brüche oder gar Schroff-/Grobheiten. Dennoch verfügt sie über Pranke und Biss. Sie scheint alle Dynamikgrade zu beherrschen bis hin zu sehr leise und noch leiser (pp und ppp). Eine weitere Stärke ist ihre Art, Kantilenen und Nebenstimmen zu suchen und diese klangharmonisch in den musikalischen Fluss einzubetten.
Das klingt dann polyphon und reizt zum wiederholten Hören. (Wie würde sie einen Bach spielen ? - Rachmaninoff war ein grosser Bachbewunderer !) Und manchmal scheint ihr eine einzelne Note oder ein kleiner Akkord wichtig zu sein.

Nachdem der letzte Ton verklungen war, musste ich mich geistig- stimmungsmässig etwas sammeln. (Nach Rachmaninoff- Konsum ist man, falls es einem gefallen hat, immer in einem etwas überdrehten oder "überdosierten" Zustand). Ich schrieb ein paar Stichworte auf einen Zettel gestern frühabds., und hörte heute nachmittag, bei allerschönstem Sonnenschein und Kälte im Neckartal, nochmals. Und ?
Die Sonate ist kein Rach., wo man sich einklinken kann und abfährt und singt (was ?) und schwelgt. Sie wurde offenbar - nach den allgemein zugänglichen Einschätzungen- als Programm geplant oder betitelt (Faust - Gretchen- Mephisto...). Er hat sie ab 1906 in seinen mehrfachen, längeren Dresden- Aufenthalten komponiert.

Noch weniger als bei anderen Werken von R. spielen in dieser Sonate Melodiebögen, eröffnende, fortführende und abschliessende Begleitakkorde eine Rolle; nein, diese treten zugunsten einfacher, aber suggestiver rhythmischer Figuren und zugehöriger Pausen in den Hintergrund, v.a. im ersten und dritten Satz (siehe Satzbezeichnungen auf jpc- Link). M.E. versuchte der Meister hier den Rhythmus als Strukturelement zu nutzen. Es kann dann ganz packend werden ! Ich meine die Vielzahl und Abfolgen von punktierten Achteln (meist absteigend), welche einem zwar auch auf den Geist gehen können, aber die meist dramatisch inszeniert sind, z.B. in den beiden Klavierkonzerten und Preludes. Diese mikroskopischen rhythmischen und klanglichen Unterschiede vom tat- dara - tat- dara- tat- dara- tat... kann man von der Pianistin allerexaktest hören, und all deren Modifiationen.
Im zweiten Satz dann fliesst die Musik ruhig, sehr klangschön, auch etwas brav dahin.
Zu Beginn des dritten Satzes (14 `16``) sind schnell wieder harmonisch- lakonische und rhythmische Elemente im Vordergrund. Nur im letzten Drittel des Satzes und kurz vor Schluss gerät dieser "Ritt mit Tanz" ins Stolpern.
Erstens stimmen die rhythmischen Vorgaben von vorher nicht mehr, es holpert kurz oder etwas länger, zweitens fehlt es dem sonst toll klingenden YAMAHA- Flügel dort an dem letzten Quäntchen Brillanz (Härte ?) eines Steinway- Werkzeugs. Der Höreindruck gerät ins Wanken ! Diese Wischi Waschi- Wahrnehmung ist dann sogleich wieder verschwunden. Ich sage es ungern, die letzten 24 Takte sind einfach enttäuschend. Ob sowas der Toningenieur merken muss ?

Bei dieser Frage bleibt es.

Immer wieder merkt man, dass Rachmaninow neue Wendungen und Ausdrucksformen gesucht hat. Vielleicht ist Zlata Ch. ihm ähnlich, dass beide die ästhetischen Prinzipien der Harmonie und des Rhythmus dieser Musik keinesfalls preissgeben wollten. Mit weniger Risiko zu Werke gingen. Mal gespannt , ob uns Z.Ch. mal mit Bach und/ oder Mozart überraschen wird. Auch würde ich gerade diese Sonate bald/ später wieder hören wollen, v.a mit Weissenberg :?: Was würde passieren, wenn man die fraglichen Stellen konsequenter phrasieren = akzentuieren würde ? Wäre dies zu radikal ?

Fazit:
eine interessante CD für Rachmaninoff- Freunde, wobei Repertoiregesichtspunkte auch eine Rolle spielen. Im Detail sehr viel Interessantes. Zlata Chochieva möchten wir generell noch öfters haben ! :)
(bitte hierzu noch Nachbarthread lesen)
D.

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