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Joseph II.

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  • »Joseph II.« ist männlich

Beiträge: 11 068

Registrierungsdatum: 29. März 2005

241

Samstag, 9. Dezember 2017, 14:33

Die Aufnahme von Karl Richter spaltet die Klassikgemeinde nicht erst seit gestern. Dass sie in ihrer Zeit (1964) keineswegs zu den altmodischsten Interpretationen zählte, kann man nachhören, wenn man etwa mit Beecham oder Scherchen vergleicht (wie Fiesco bereits tat). Der eine auf fast unerträgliche Weise opernhaft und damit den Werkcharakter verfehlend (was natürlich auch an der Goossens-Bearbeitung liegt), der andere durch extremste Tempowechsel in eine andere Ära weisend. Mich wundert immer, wie altmodisch Scherchen im Barockbereich dirigierte (seine Brandenburgischen Konzerte lassen selbst Klemperer flott erscheinen), wo er sonst so modern und schlank musizieren ließ.

Nüchtern betrachtet, ist die Richter-Aufnahme schlichtweg die beste deutschsprachige Einspielung. Was wären auch die Alternativen? Daneben gibt es noch eine 1973 in der DDR entstandene unter Helmut Koch (mein erster "Messias" überhaupt), die mir auch noch ziemlich gefällt, die aber doch nicht ganz dieses Niveau erreicht. Dasselbe gilt für die Aufnahme unter Karl Forster, die eher durch die Sängerbesetzung heraussticht als durch das biedere Dirigat. Nimmt man die Mozart-Bearbeitungen hinzu, so finde ich da noch Mackerras am überzeugendsten. Rilling und Hermann Max konnten mich nicht begeistern.

Daneben kenne ich noch viele englischsprachige Aufnahmen, darunter die zweite von Mackerras, Davis, Klemperer, Bernstein, Willcocks, Hogwood, Pinnock, Harnoncourt, Christie, McCreesh. Ich will keine davon abwerten, aber den Richter übertreffen sie für mein Dafürhalten nicht.

Ich gäbe viel für eine Gesamtaufnahme von Willem Mengelberg:



Leider nahm er 1938 nur das Halleluja auf – ebenfalls auf Deutsch. Auch wenn es mehr nach Wagner klingt: finde ich großartig. :thumbup:
»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

musikwanderer

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  • »musikwanderer« ist männlich

Beiträge: 4 031

Registrierungsdatum: 20. Januar 2010

242

Sonntag, 10. Dezember 2017, 15:17

Ich habe mich, zugegebenermaßen etwas oberflächlich, durch den Thread gelesen und ziehe für mich das Resümee, dass ich Joseph II. Argumentationen (mit einer Einschränkung allerdings) folgen kann: Helmut Kochs Interpretation und die von Wok in Betracht gezogene Aufnahme unter Karl Forster mag ich ebenso.
Kurz gesagt: Nicht frühere musikalische Aussagen mit scheelem Blick betrachten, sondern sich freuen, dass wir sie noch heute hören können!

:hello:
.

MUSIKWANDERER

  • »Johannes Roehl« ist männlich

Beiträge: 11 259

Registrierungsdatum: 12. August 2005

243

Sonntag, 10. Dezember 2017, 18:29

Dass sie hörbarer als zwei so idiosynkratische (allerdings eben auch erheblich originellere) Interpretationen wie Scherchens oder Beechams sein mag, ist für mich kein besonders gutes Argument für Richter. Ähnliches gilt für die Bedingung "deutschsprachige Aufnahme". Das ist für mich eher ein Ausschluss-Kriterium; ich glaube gerne, dass Koch oder Forster nicht viel besser sind.

Mein Vergleichspunkt für die 1960er ist die etwa gleichzeitige Einspielung von Colin Davis, die ich in nahezu jeder Hinsicht als weit frischer und lebendiger empfinde.

Fiesco

Fortgeschrittener

  • »Fiesco« ist männlich

Beiträge: 282

Registrierungsdatum: 30. August 2017

244

Donnerstag, 14. Dezember 2017, 22:34


Mein Vergleichspunkt für die 1960er ist die etwa gleichzeitige Einspielung von Colin Davis, die ich in nahezu jeder Hinsicht als weit frischer und lebendiger empfinde.


Hallo J.Roehl, vom Orchester her gehört gebe ich dir Recht (habe mir die Aufnahme zugelegt auf deine Empfehlung hin, kam Heute an) , aber gesanglich war das für mich eher enttäuschend, das Beste ist Heather Harper in den Sopran Arien die mit schöner Stimme der Einspielungen Glanz verleiht und auch John Shirley -Quirk dessen Interpretation und mit den Koloraturen überzeugen kann (was für einen Bass nicht so leicht ist, was man auch in div.Einspielungen hören kann)! Der Tenor John Wakefield vibriert sich schon durchs erste Accompagnato und die nachfolgende Arie, und Helen Watts singt für meine Ohren zu unbeteiligt, am besten ist sie noch im Duett mit H.Harper!
Aber ich habe es erst einmal gehört, also mein erster Eindruck! ;)

LG Fiesco
Die Tonkunst begrub hier einen reichen Besitz, aber noch viel schönere Hoffnungen.

Grillparzers Worte auf der Reliefplatte Schuberts.

  • »Johannes Roehl« ist männlich

Beiträge: 11 259

Registrierungsdatum: 12. August 2005

245

Freitag, 15. Dezember 2017, 10:19

Es ist bei mir, sowohl bei Davis als auch bei Richter hauptsächlich der Gesamteindruck, weniger Details. Bei Richter ist dieser Gesamteindruck steif und dröge (und außer Janowitz finde ich die Sänger nicht so toll), bei Davis lebendig.
Die (wohl teils tatsächlich extemporierten) Verzierungen der Sänger und des Cembalisten bei Davis sind aus heutiger Sicht vielleicht gar nicht mehr so historisch korrekt und etwas gewöhnungsbedürftig, finde aber auch, dass das zum spontanen und frischen Eindruck beiträgt.