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dr.pingel

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Dienstag, 11. Oktober 2016, 23:06

Wer komponiert eigentlich hebräische Buchstaben? Carl Luython

Nach David wurde das israelische Reich in zwei Reiche geteilt, in das Nordreich (Israel) und das Südreich (Juda). 722 machten die Assyrer dem Nordreich den Garaus, 589 die Babylonier unter Nebukadnezar dem Südreich, wobei Jerusalem und der Tempel völlig zerstört wurden und die Elite nach Babylon abtransportiert. In dieser Zeit schrieb ein Autor, der unter dem Namen des Propheten Jeremia auftrat, bewegende Klagelieder, die in der Bibel den Platz hinter dem Propheten Jeremia haben. Man nennt sie auch "Threni". In der katholischen Karfreitagsliturgie haben sie ihren festen Platz, wie man hier weiter oben nachlesen kann. Die ergreifendsten Kompositionen stammen dabei von Tomàs Luis de Victoria (oben beschrieben) und Thomas Tallis: "Lamentationes Jeremiae Prophetae". Dies ist eine der großartigsten Kompositionen für Chor (Kammerchor!) überhaupt. Ich habe sie zweimal singen können, einmal im Tenor, einmal im 2. Alt. Die Besonderheit dieser Komposition ist die, dass Tallis die den Text gliedernden Buchstaben (die im Hebräischen auch Zahlzeichen sind) mitvertont. Ich habe nun eine Komposition entdeckt, die das auch macht. Es handelt sich um eine groß angelegte Komposition der Threni mit fast allen hebräischen Buchstaben (Zahlzeichen). Es handelt sich um die "Lamentationes Jeremiae Prophetae" von Carly Luython.
Als ich begann, vermehrt und intensiv Polyphonie zu hören, waren die Großmeister wie Josquin, Orlando di Lasso, Palestrina, Victoria, Tallisund viele andere mir bald ein Begriff. Aber da spielten die King´s Singers ein Requiem auf den Tod Josquins ein, verfasst von Jean Richafort, ein absolutes Meisterwerk. Und bei meiner Suche nach Komponisten der Threni stieß ich auf diese CD, die die Klagelieder in einer Komposition von Carl Luython vorstellt.
Carls Luython war ein flämischer Komponist, der in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts am Hofe Rudolfs II. in Prag angestellt war, der in allen Künsten damals das Zentrum Europas war (neben Luython gehörte auch Hans Leo Haßler dazu). Nebenbei: Janaceks "Die Sache Makropulos" nimmt ihren Ausgang bei Rudolf II. Sein Leibarzt, der Grieche Hieronymos Makropoulos soll ein Ewigkeitselixier für den Kaiser brauen, das aber erst an der Tochter des Arztes ausprobiert wird. Zu dieser Oper sucht ihr am besten unseren Opernführer auf.
Neben Haßler und Luython wirkten an diesem Hof Arcimboldo, Tycho Brahe, Kepler.
Carl Luython lebte von 1556 bis 1620 und starb in Armut.
Seine "Lamentationes" sind ein großartiges Werk (45 Minuten!), das in den verschiedenen Versen immer mit dem eindrucksvollen Kehrvers endet: "Jerusalem, convertere ad Dominum Deum tuum". Dieser Vers ist auch von Tallis eindrucksvoll vertont worden.
Die CD, um die es hier geht, weist noch andere Kompositionen auf, wie eine Messe von Philippe de Monte und Kompositionen von Palestrina und Regnart. Das ausführende Ensembleme ist "Dialogo Musicale" aus Holland unter der Leitung von Leo Meilink. Hier sind Sänger und Instrumentalisten mit der gleichen Leidenschaft und dem gleichen Können am Werk. Vor Jahren hat der WDR in Köln ein Symposion zu Josquin des Prez gehalten, zu dem Musiker und Musikwissenschaftler aus der ganzen Welt angereist waren. Die Musik dazu wurde von "Dialogo musicale" gespielt, eine Aufnahme die ich trotz technischer Mängel immer noch habe. Leider ergab die Google-Suche nach diesem Ensemble und nach Josquin keine Ergebnisse. Es wurde nur die hier angezeigte CD vorgestellt.

"Früher war alles besser!" Sogar die Kommentare zu "Früher war alles besser!" waren früher besser (Dr. Pingel´s Brosamen, Band 1, Nr. 65).

dr.pingel

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182

Montag, 27. Februar 2017, 18:51

Lagrime di San Pietro

Dieser Zyklus "geistlicher Madrigale" ist das letzte Werk von Orlando di Lasso, 1594 geschrieben. Drei Wochen später ist der Komponist gestorben, ohne sein Werk gehört zu haben. Der Text stammt von einem italienischen Dichter und beschreibt die Reue des hl. Petrus, nachdem er Jesus verleugnet hatte.
Die Aufnahme, von der hier nur der Anfang vorliegt, lief bei Arte und dauert 50 Minuten. Es ist intensive, meditative Musik, die sich beim ersten Hören kaum erschließt. Sie wird von Solisten des Collegium vocale Gent unter der Leitung von Philipp Herreweghe gesungen. Erkannt habe ich Maria Cristina Kiehr, Hana Blazikova, Peter Kooy und Stephen McLeod. Es ist ein Beispiel dafür, dass diese Solisten nicht nur solistisch singen, sondern auch als kleiner ausgewogener Chor agieren können. Es ist auch ein Beispiel dafür, wie Herreweghe von kleinen Besetzungen wie dieser über mittlere (Matthäuspassion) und große (Neunte von Beethoven) alle Ensembles zu Höchstleistungen bringt. Ein Geheimnis dieser Tatsache, ist, dass er nur erstklassige Sänger verpflichtet.

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Montag, 17. April 2017, 18:23

Auf dem Weg zur Weltspitze - Ingenium-Ensemble aus Slowenien

Am Karfreitag gastierte das Ingenium-Ensemble aus Ljubljana zum ersten Mal in der Essener Philharmonie, mit einem Programm, das Motetten und kleine Passionen zum Karfreitag enthielt, alle vor 1600 komponiert. Atemlos verfolgten ein paar Hundert Zuhörer dieses 6köpfige Ensemble, das mit einer erstaunlichen Stilsicherheit und Souveränität dieses schwere Programm absolvierte. Es gibt keinen Leiter, nur der sehr junge (schwarze, meint die Stimmlage) Bass gab Anfänge und Schlüsse mit einem kaum merkbaren Kopfnicken an. Einen Teil der Literatur kannte ich, so Tallis, Byrd, Victoria, Gesualdo. Ganz neu war mir die dreiteilige Johannespassion von Jacobus Händl, genannt Gallus.
Am Schluss gab es nur eine Zugabe, eine Komposition der Heimat des Ensembles. Man konnte durchaus sehen, dass die Musiker sehr erschöpft waren, aber fast 2 Stunden Polyphonie - das ist wie ein Marathonlauf.

https://www.youtube.com/watch?v=LJP5f6DR…h?v=LJP5f6DRf5I

Beim Anklicken erscheint Victorias Motette "Nigra sum".
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Bertarido

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Montag, 17. April 2017, 19:18

Am Karfreitag gastierte das Ingenium-Ensemble aus Ljubljana zum ersten Mal in der Essener Philharmonie, mit einem Programm, das Motetten und kleine Passionen zum Karfreitag enthielt, alle vor 1600 komponiert.

Hätte ich das gewusst, dann wäre ich auch dabei gewesen :(

Übrigens fällt mir jedesmal, wenn dieser Thread wieder nach oben rückt, das Fehlen von Bachiania schmerzlich auf.

dr.pingel

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Montag, 17. April 2017, 21:24

Ich hätte es auch verpasst, wenn mein Chorleiter mir nicht eine Karte geschenkt hätte. Ich versorge ihn nämlich regelmäßig mit CDs und DVDs mit alter Musik und mit ausgefallenen Biersorten. Da hat er sich revanchiert. Wir saßen in der ersten Reihe. Es war mein schönstes Vokalpolyphonie-Konzert nach den King´s Singers vor 20 Jahren.
Das nächste Konzert ist am 24.6. in der Essener Philharmonie. Das Orchestra of the Age of Enlightenment unter William Christie spielt Campra, Fischer, Rameau und Bach. Das Gute an diesen Programmen ist, dass man abends immer noch reichlich Karten kriegt, denn der Zuspruch ist wie hier nur den Kennern vorbehalten. Außerdem wäre eine tolle Gelegenheit, uns endlich mal kennenzulernen.
Das Ensemble Ingenium hat jetzt die erste CD herausgebracht, Informationen findest du bei YouTube.
Die Sache mit Bachiana sehe ich genauso wie du.

P.S. Du müsstest mal meine E-Mail-Adresse rauskriegen (über Alfred, Gerhard, musikwanderer), dann könnte ich dir meine Brosamen schicken, die über das, was ich hier veröffentliche, hinausgehen. Außerdem könnte ich dir eine Kopie einer Fernsehaufzeichnung von Orlando di Lassos "Lagrime di San Pietro" machen, mit 8 Sängern unter Herreweghe.
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Bertarido

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Dienstag, 18. April 2017, 18:10

Das nächste Konzert ist am 24.6. in der Essener Philharmonie. Das Orchestra of the Age of Enlightenment unter William Christie spielt Campra, Fischer, Rameau und Bach. Das Gute an diesen Programmen ist, dass man abends immer noch reichlich Karten kriegt, denn der Zuspruch ist wie hier nur den Kennern vorbehalten. Außerdem wäre eine tolle Gelegenheit, uns endlich mal kennenzulernen.

Das wäre schön! Ich habe den Termin notiert, weiß aber noch nicht, ob ich an dem Abend kann.

P.S. Du müsstest mal meine E-Mail-Adresse rauskriegen (über Alfred, Gerhard, musikwanderer),

Ich versuche es...

dr.pingel

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Freitag, 28. April 2017, 12:09

Heute Abend auf WDR 3 (Radio, 20.04-22.00): ein Konzert der Gruppe Alamire mit der Messe L´homme armé einmal von Josquin und dann von Palestrina.
"Früher war alles besser!" Sogar die Kommentare zu "Früher war alles besser!" waren früher besser (Dr. Pingel´s Brosamen, Band 1, Nr. 65).

zweiterbass

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Sonntag, 20. August 2017, 19:23




Hallo,
auf dieser CD sind 20 in der Renaissancezeit entstandene, meist 5-8-stimmige polyphone A-Cappella-Chorsätze enthalten, interpretiert von „Voces Suaves“ Wer die CD anklickt erfährt die Namen der Komponisten, einige sind mehrfach vertreten.
Die CD dürfte nicht sehr bekannt sein, darum stelle ich einige YouTube-Aufnahmen ein um das Besondere von polyphoner A-Cappella-Chormusik (mit Voces Suaves) hörbar zu machen.




https://www.youtube.com/watch?v=RrnlCK6SqiU CD Track 16
https://www.youtube.com/watch?v=bEHWtPhO8FI CD Track 3
https://www.youtube.com/watch?v=bEHWtPhO8FI CD Track 7


Die Chorwerke der Tracks Nr. 4, 6, 11 und 16 werden um den Klang einer Theorbe erweitert. Eigentlich meine ich, A-Cappella-Chorwerke sollten rein vokal bleiben; der feine, zurückhaltende Ton der mit Darmsaiten bespannten Theorbe verträgt sich aber sehr gut mit dem polyphonen A-Cappella-Chorklang und stört überhaupt nicht, wie das bei manchen instrumental begleiteten A-Cappella-Chorwerken der Barockzeit der Fall ist.


http://www.voces-suaves.ch/voces.phpDas Ensemble klingt rund (keine auffälligen Stimmen, weder in Farbe, Timbre, Vibrato) und lässt zugleich die polyphone Struktur deutlich erkennen; die Intonation ist hervorragend.

Viele Grüße
zweiterbass
Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

Gombert

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189

Dienstag, 21. November 2017, 19:42

Und das gilt auch für Bach-Motetten, wie z. B. "Singet dem Herrn...", welche durch völlig überflüssiges b.c in ihrer überragenden Wirkung als A-Cappella-Chorwerke behindert werden.

Zwar vermute ich, dass es keine vollkommene Einigkeit der Gelehrten geben wird, aber dass barocke "A cappella"-Werke ohne Instrumente aufgeführt wurden, ist wohl kaum mehr haltbar. Sie wurden anscheinend nachweislich *manchmal* mit colla parte Instrumenten aufgeführt und wohl IMMER mit Basso continuo

So eindeutig ist die Quellenlage nicht. Zunächst waren viele der Bachmotetten offenbar als Begräbnismusik gedacht, und Trauermusik oblag in Leipzig einem Instrumentalverbot.

Ausserdem bestätigt J.A.Scheibe, der Leipzig und Bach kannte, 1744 in seinem „Critischen Musicus“ die a capella-Aufführung von Motetten – ohne b.c. - als übliche Praxis:
http://www.archive.org/details/bub_gb_P95oNO55jfYC

Dies scheint auch Doles als Quasi-Amtsnachfolger Bachs im Thomaskantorat (Harrer einmal ausgeklammert) so praktiziert zu heben, obgleich hier die Frage nach einer ungestörten Kontinuität natürlich offen bleiben muss.