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Stimmenliebhaber

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181

Gestern, 00:21

Lieber "Melomane".

zuerst einmal ganz herzlichen Dank für deine beiden ausführlichen Beschreibungen deiner Höreindrücke - auch wenn ich nicht mit allen Details deiner Ausführungen einverstanden bin bzw. sie nicht teile, hast du deine Meinung sehr nachvollziehbar begründet und insofern akzeptiere ich deine - zweifellos aus Kompetenz gespeisten - Meinungen (als für dich gültig) voll und ganz!

ihre Interpretation überzeugt mich aber nur bedingt, da sie für mich etwas zu ruhig und nicht aufgeregt genug klingt.
Muss sie denn aufgeregt klingen? In der von mir 36x gesehenen Kupfer-Inszenierung an der Komischen Oper war die Susanna in dieser Szene gar nicht aufegregt, sondern reichlich abgeklärt. Sie weiß, Figaro liegt auf der Lauer und die Lektion für ihn läuft - ich kenne kaum eine unaufgeregtere Figur als Susanna in dieser Szene. Wenn anschließend Cherubino unerwartet kommt und mit seiner impulsiven Art die schönen Pläne durchkreuzt bzw. ihren Erfolg gefährdet, wird sie (wie auch die mit ihr an eine Strang ziehende Gräfin) freilich aufgeregter.

Das Geniale an der Setzung dieser Arie durch Mozart und da Ponte ist die Uneindeutigkeit, die Unschärfe
Ich würde es in dieser Arie als Doppeldeutigkeit bzw. Gleichzeitigkeit des Verschiedenen bezeichnen: Einerseits spielt sie Figaro, den sie auf der Lauer liegend weiß, einen Streich, erteilt ihm eine schmerzhafte Lektion, andererseits freut sie sich schon auf die gemeinsame Zeit nach der - längst eingerechneten - Versöhnung und auf die Hochzeitsnacht (also den ersten Sex, so war das damals bei guten Katholiken, und das sind die Spanier nunmal). Und diese Gleichzeitigkeit von Witzigkeit im Streichspielen und der Abgeklärtheit mit der Siegesgewissheit des guten Endes - das macht für mich den besonderen Reiz dieser Nummer aus.

Natürlich wissen wir, dass Susanna als Adressaten eigentlich Figaro meinen muss, aber klingt die Arie nicht doch sehr aristokratisch? Könnte man sich nicht vorstellen, dass Susanna doch von den Privilegien träumt, die ihr eine Verbindung mit dem Graf bringen würde? Oder wechselt sie den Adressaten vielleicht sogar während der Arie? Natürlich hat sie den Grafen den ganzen "tollen Tag" lang zuvor an der Nase herumgeführt, aber könnte das ganze im Eindruck der Nacht sich nicht in eine andere Richtung entwickeln?

Nun ist der Graf freilich nicht da. Figaro weiß sie auf der Lauer liegend, der Graf wurde hingegen noch nicht gesichtet, insofern glaube ich das nicht, dass der Graf ihr konkreter Adressat in dieser Szene ist. Es passt für mich auch inhaltlich überhaupt nicht: Eine legitime Verbindung mit dem - adligen und bereits verheirateten - Grafen ist völlig absurd, unvorstellbar, und eine Affaire würde ihren Ruf nur ruinieren und die Ehe mit dem Mann, den sie liebt und für die "unbefleckte" Erstbegegnung mit ihm sie so sehr kämpft, akut gefährden. Also mit Verlaub: Ich halte dieses "Gedankenspiel" für einen Schmarrn! :D

So bleibt der Eindruck einer Sängerin mit Qualitäten und sehr sauberer Stimmführung, ihre Susanna hat mich persönlich aber leider nicht erreicht.
Diese Einschätzung finde ich völlig legitim! Mir geht es da wie gesagt anders, was aber vielleicht auch mit unserer unterschiedlichen Einschätzung dieser Szene zu tun hat.

Ich glaube nicht, dass sie am Grafen interessiert ist
Ich auch nicht! Er ist an ihr interessiert, also daran, sie ins Bett zu kriegen. Sie liebt einen anderen (das sagt Mozarts Musik meines Erachtens ganz eindeutig!) und ist vor allem daran interessiert, den Grafen zu foppen und ihm seine Grenzen aufzuzeigen!


Wenn Susanna so jemanden gerne hätte
... könnte man sich eigentlich die ganze Handlung sparen, die würde jegliche Brisanz verlieren, uninteressant und beliebig werden. Dass eine Vertreterin des dritten Standes (Susanna) dem Vertreter des ersten Standes (Graf) intellektuell überlegen ist und es schafft, dessen Pläne erfolgreich zunichte zu machen, anstatt ihnen doch nachzugeben und ihnen freiwillig zum Erfolg zu verhelfen, das macht für mich den "Kern" dieser Handlung aus. Es geht in dieser Handlung, schon in der literarischen Vorlage, gerade darum, dem Adel zu verklickern, dass man sich nicht mehr alles von ihm gefallen lässt. (Meine Meinung!)


natürlich will Carmen José damit eifersüchtig machen, nicht ahnend wie tödlich diese Eifersucht einst für sie sein wird.

Da sind wir uns hingegen mal wieder einig. Sie will ihn nicht nur eifersüschtig machen, sondern ihn überhaupt reizen und verführen, ihr die Flucht zu ermöglichen, um sich dann hinterher bei ihr den verdienten "Lohn" abzuholen...

halt typisch Baltsa und vermittelt in dieser kurzen Konzertarie dem Open-Air-Publikum sehr gekonnt, worum es in diesem Stück Musik geht.

Das sehe ich auch so! :yes: :hello:

Und unseren Dissenz in der Beurteilung der Dramaturgie der Susanna-Szene müssen wir jetzt auch nicht weiter auswalzen, das mag zwar ein hochinteressantes Thema sein, aber es ist nicht das Thema dieser Rubrik.
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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Hosenrolle1

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182

Gestern, 00:43

Ich habe mir - entgegen meinem Grundsatz, mir keine Arien anzuhören, die nicht in der Originalsprache gesungen werden - die dt. Version der Rosenarie jetzt doch angehört.

aber insgesamt ist mir das ganze zu brav, zu einseitig

Das kann ich gut verstehen. Ich fand, dass sie stimmlich irgendwie wie eine lustige, etwas ältere Nebenfigur wirkt, eine nette Gouvernante oder so, aber nicht wie eine junge Frau Anfang 20. Auch klang mir das alles zu deutsch und zu bieder, mir ging da ein bisschen das südliche "Temperament" ab, was sicher auch an der Sprache liegt.


Die Begrenzung in der Tiefe - da bin ich ganz bei "Stimmenliebhaber" - finde ich nicht weiter tragisch, damit geht sie sehr geschickt um.

Das konnte ich wiederum nicht nachvollziehen. Ich weiß jetzt nicht, wie du für dich eine gute Tiefe definierst, aber ich fand schon, dass sie sauber nach unten gegangen ist, und die tiefen Töne auch noch halbwegs "laut" und ebenfalls sauber gesungen hat. In anderen Versionen klingt das schon irgendwie angestrengt, oder die Stimme wird besonders unschön oder fast heiser.
Die hohen Töne am Ende wurden nicht "gebrüllt", und auch sauber ohne Anstemmen gesungen.


Einmal mehr, ähnlich wie bei Jutta Vulpius' Königin - muss ich auch dem Dirigenten eine erhebliche Mitschuld an der Langweiligkeit des Vortrages attestieren, auch wenn er in diesem Fall Horst Stein heißt.

Mozart möchte hier ein Andante haben, Leopold Mozart schreibt in seiner Violinschule:

Zitat

ANDANTE, gehend. Dies Wort sagt uns schon selbst, dass man dem Stücke seinen natürlichen Gang lassen müsse

Ich fand das Tempo jetzt nicht zu zerdehnt, aber viel langsamer hätte es auch nicht sein sollen.




LG,
Hosenrolle1
„Begreifen wir endlich, dass der emotionale Kult der Tradition nur eine Form unserer geistigen Faulheit ist.“ (Stanislaw Brzozowski)

Caruso41

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Registrierungsdatum: 19. November 2010

183

Gestern, 16:13

Elisabeth Söderström

Heute vor acht Jahren ist Elisabeth Söderström im Alter von 82 Jahren gestorben!

Sie war sicher eine der klügsten und zugleich auch emotional überzeugendsten Sopranistinnen der letzten 60 Jahre. Ihre Mozart- und Strauss-Portraits sind nach wie vor hörenwert. Vor allem aber ihre Portraits die Frauengestlten von Leos Janacek.
Auf Youtube ist sie merkwürdig unterrepräsentiert!
Vielleicht hat auch darum Stimmenliebhaber kein Video in dem Jubilar-Thread von ihr angeboten!
Immerhin gibt es ihre aufregende Aufnahme von Schuberts der Erlkönig, die mir geeignet scheint, sich über ihre Gesangskunst ein Urteil zu bilden!

Meiner Meinung nach eine meisterhafte Interpretation.
Söderström gibt allen drei Figuren der Ballade eine eigene Stimme. Das versuchen viele, aber in keinem anderen Falle ist es so überzeugend umgesetzt, wie in der Aufnahme von Elisabeth Söderström.

Das erschreckte und von Fieberträumen geschüttelte Kind singt sie mit heller, mitunter leicht bebender, gar brechender Kinderstimme.

Dem Vater gibt sie Ihr kräftiges, fast männlich wirkendes Mezzotimbre, die Vokale färbt sie dunkel und der Gesangslinie gibt sie Gewicht.

In den Verlockungen und Verführungen des Erlkönigs aber setzt sie den ganzen Zauber ihrer eigenen Stimme ein, singt sie mit makellosem Legato und wundervoller Wärme und hinreißender Sinnlichkeit. Das ist schlicht überwältigend und leuchtet mir viel mehr ein als alle dämonischen Töne anderer Interpreten, die ja oft zur peinlichen Karikatur geraten.

Und das Ganze hat nicht Elaboriertes oder Bemühtes sondern ist ein grandios angelegter dramatischer Bogen, mit einem unheimlichen Vorwärtsdrang und einer verhängnisvollen Ausweglosigkeit - von Badura-Skoda kongenial (wenn auchg nicht ganz ohne Fehler) mitgestaltet!


https://www.youtube.com/watch?v=5fwt8XJjcNQ



Caruso41
;) - ;) - ;)

Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

Stimmenliebhaber

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Beiträge: 6 942

Registrierungsdatum: 3. Dezember 2012

184

Gestern, 17:19

In den Verlockungen und Verführungen des Erlkönigs aber setzt sie den ganzen Zauber ihrer eigenen Stimme ein, singt sie mit makellosem Legato und wundervoller Wärme und hinreißender Sinnlichkeit. Das ist schlicht überwältigend und leuchtet mir viel mehr ein als alle dämonischen Töne anderer Interpreten, die ja oft zur peinlichen Karikatur geraten.
Lieber "Caruso41", ich danke dir, dass du hier auf Elisabeth Söderström hingewiesen, ein Beispiel Video eingestellt und deine Eindrücke sehr kompetent geschildert hast. :jubel:
Das weiß ich sehr zu schätzen, auch wenn ich deine Eindrücke überhaupt nicht teilen kann - aber so subjektiv ist eben Stimmbeurteilung! :yes:

Ich konnte mit der Stimme von Frau Söderström noch nie etwas anfangen - und das hat sich durch das Hören des von dir eingestellten Beispiels, Schuberts Erlkönig, auch nicht wirklich geändert. :S

Die Stimme wirkt auf mich seltsam fragil, instabil, geradezu "ausgefranzt" - das mag alles sehr ungerecht sein, aber schön finde ich ihre Stimme nicht - und in den auf mich karikiert wirkenden stimmlichen Charakterisierungen von Kind und Erkönig weniger denn je. DAS ist für mich eine peinliche Karikatur! :untertauch:

Nun muss ich freilich auch einräumen, dass ich gerade bei diesem Lied voreingenommen bin, weil ich es als ganz klares "Herrenlied" ansehe und wie einige andere Lieder auch von einer Frau gesungen nur ganz schwer ertragen kann - den "Erlkönig" noch weniger als andere Schubert-Lieder, die meines Erachtens auch nach einer Herrenstimme schreien. Mag sein, dass Schubert nicht explizit festgelegt hat, ob dieses Lied von einer Frau oder einem Mann zu singen ist, aber de facto waren es meines Wissens zu Schuberts Zeit Herren, die das sangen, vorangig der Tenorbariton Vogl - Helmut Hofmann weiß sicherlich mehr darüber und darf mich gerne korrigieren, wenn ich irren sollte und diese Lieder damals auch schon gleichberechtigt von Männern und Frauen gesungen sein sollten. :hail:

Gerade beim Lied ist für mich die Sprachbehandlung essentiell wichtig, und hier offenbart Frau Söderström in der deutschen Sprache doch deutliche Defizite. Da stimmt die Färbung vieler Vokale überhaupt nicht - und dass das "ächzende Kind" über kein "K" verfügt, ist für mich nur der Höhepunkt einer schlampigen Sprachbehandlung! :untertauch:

Lieber "Caruso41", bitte nimm es mit nicht übel, dass ich trotz deiner kompetenten Beschreibung nach meinem subjektiven Hörempfinden deine Begeisterung für diese Sängerin im Allgemeinen und für diese "Erlkönig"-Interpretation im Besonderen überhaupt nicht teilen kann! Es mag mein Verlust, mein persönliches Defizit sein, aber mein Vorsatz, bestimmt Lieder nur von Herrenstimmen und nicht von Frauenstimmen interpretiert anzuhören, ist nach diesem - für mich - "Negativbeispiel" leider bestärkt worden... :(

Wenn es dir und anderen anders geht, dann freut mich das für euch! :) :hello:
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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Hosenrolle1

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Registrierungsdatum: 3. August 2017

185

Gestern, 17:25

die Färbung vieler Vokale

Ich frage nicht nach, weil ich diese Aussage kritisiere, sondern weil ich das öfter lese, und mich interessiert, was genau damit gemeint ist (unabhängig von Söderström).



LG,
Hosenrolle1
„Begreifen wir endlich, dass der emotionale Kult der Tradition nur eine Form unserer geistigen Faulheit ist.“ (Stanislaw Brzozowski)

Stimmenliebhaber

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Registrierungsdatum: 3. Dezember 2012

186

Gestern, 17:29

die Färbung vieler Vokale

Ich frage nicht nach, weil ich diese Aussage kritisiere, sondern weil ich das öfter lese, und mich interessiert, was genau damit gemeint ist (unabhängig von Söderström).



LG,
Hosenrolle1
Lieber "Hosenrolle1", damit meine ich vorrangig, dass offene Vokale als geschlossene Vokale gesungen werden und/oder umgekehrt. "Es ist" - das sind im Deutschen zwei offene Vokale, Frau Söderström singt aber zwei geschlossene Vokale. "Mit" und "sicher" sind bei ihr auch geschlossen statt offen gesungen. Dafür ist das "o" bei "Kron'" zu offen gesungen. "Und hörest du niecht, was Erlenkönig mir leise verspriecht" - usw...

(Von den Konsonanten, den "danzenden Döchtern" schweigen wir jetzt in diesem Zusammenhang mal, das hat nichts mit Vokalfärbung zu tun. Das "den" bei "in den Armen" wird völlig verschmiert und gar nicht artikuliert - usw.)
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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orsini

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Beiträge: 71

Registrierungsdatum: 9. Juli 2017

187

Gestern, 20:19

Elisabeth Söderström

Ein paar Gedanken meinerseits zu diesem ungewöhnlichen Beispiel:
Einleitend möchte ich sagen, dass ich bei Schubert-Liedern weniger nach "männlichen" oder "weiblichen" Liedern unterscheide. Ich höre z.B. auch "Die Winterreise" gesungen von Christa Ludwig oder Margaret Price sehr gerne. Bei Strauss-Liedern bin ich hingegen viel mehr voreingenommen, wer was singen sollte.
Die Interpretation von Elisabeth Söderström ist für mich keine klassische Interpretation mehr "wie man Schubert halt normalerweise singen sollte", sondern hat schon veristische Züge. Am ehesten vielleicht mit Rosvaenges "Feuerreiter" von H. Wolf zu vergleichen.
Ich kenne momentan keine andere Interpretation, wo der Solist mit vier verschiedenen Stimmen zu singen in der Lage ist (Erzähler, Vater, Sohn, Erlkönig). Bei vielen heute kurz angehörten Erlkönigen wird gerade mal ein zusätzlicher Stimmklang verwendet (meist entweder der Sohn oder Erlkönig - der Vater ist eh tiefer notiert). Oft wird nur durch die Lautstärke versucht, die Personen zu differenzieren. Zwar höre ich nicht wie Caruso41 in der Erlkönig-Stimme wundervolle Wärme und hinreißende Sinnlichkeit, aber die anderen Charkaterisierungen treffen es auch für meinen Geschmack sehr gut. Fast erschrocken war ich beim ersten Hören vom Klang, den Söderström für das Kind verwendet. Zu unterschiedlich die Stimme verglichen mit der normalen Söderström-Stimme. Stelle ich mir aber ein im Fieber delirierendes Kind vor, ist der Stimmklang durchaus zutreffend. Die von Stimmenliebhaber monierten sprachlichen Unebenheiten/Unzulänglichkeiten empfinde ich nicht als derart gravierend, dass sie für mich die gesamte Interpretation entwerten würden. Der Text bleibt über das gesamt Lied sehr gut verständlich (allerdings kenne ich den Text wie viele andere auch aber auch auswendig). Das die eine oder andere Silbe ggf. mal verschluckt oder phonetisch verschliffen wird, rechne ich wohlwollend eher der intendierten Interpretation zu.
Insgesamt wirkt diese Interpretation auf mich fast hysterisch-gehetzt. Ein ungewöhnlicher Ansatz, aber der Stimmung des Gedichtes sehr wohl entsprechend. Ein ganzen Liederabend in dieser Art zu hören, mag ich mir nicht vorstellen. Als Solitär gehört hingegen eine beindruckende Interpretation.
Man soll nicht lügen. Es sei denn, daß man mit der Wahrheit noch schlechter führe.
Curt Goetz

Stimmenliebhaber

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188

Gestern, 20:29

Lieber "orsini",

besten Dank für deinen Beitrag mit der Schilderung deiner Höreindrücke, die in der Bewertung näher bei "Caruso41" als bei mir sind, aber damit kann ich gut leben. :hello:

Die von Stimmenliebhaber monierten sprachlichen Unebenheiten/Unzulänglichkeiten empfinde ich nicht als derart gravierend, dass sie für mich die gesamte Interpretation entwerten würden.
Das freut mich für dich, ich finde das aber nach wie vor nur schwer erträglich, weil ich über Sänger wie Dietrich Fischer-Dieskau, Siegfried Lorenz und kurz darauf auch Thomas Quasthoff die Kunstform (Kunst-) Lied kennen und lieben gelernt habe, die alle sehr viel Wert auf das perfekte Wort-Ton-Verhältnis gelegt haben und mir dabei Maßstäbe vermittelt haben, hinter denen ich nur ungerne zurückbleibe - gerade weil Gesang für mich eine wunderbare Verbindung aus Wort und Ton ist, bei der beides zu seinem Recht kommen muss, möglichst gleichberechtigt, was leider häufig nicht der Fall ist. Im konkreten Beispielfall bin ich weder mit dem Wort noch mit dem Ton glücklich, aber das ist mein Problem, nicht deines! :hello:
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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Bertarido

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Registrierungsdatum: 24. April 2014

189

Gestern, 21:56

Ich kenne momentan keine andere Interpretation, wo der Solist mit vier verschiedenen Stimmen zu singen in der Lage ist (Erzähler, Vater, Sohn, Erlkönig)

Jessye Norman hat das auch gekonnt. Meine Lieblingsinterpretin dieses Liedes, das ich überhaupt nicht als "männlich" empfinde. Aber das ist natürlich sehr subjektiv.

Melomane

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Beiträge: 74

Registrierungsdatum: 8. November 2017

190

Gestern, 22:26

zu Elisabeth Söderström

Auch ich möchte gerne noch ein paar Sätze zu Elisabeth Söderström und ihrer Erlkönig-Interpretation beitragen. Ich muss vorweg sagen, dass ich kein sehr großer Fan von ihr bin, anders als "Caruso41" sehe ich ihre Potraits der Janácek-Heroinen in den an sich sehr verdienstvollen Decca-Aufnahmen unter Sir Charles Mackerras nicht ganz so positiv, das betrifft insbesondere ihre Katja und ihre Jenufa, denen meines Erachtens jegliche Mädchenhaftigkeit abgehen. Im zweiten Akt der "Jenufa" hat man absurderweise manchmal das Gefühl, dass Eva Randová ihre Tochter sein könnte so alt klingt hier die etwas ausgemergelte Stimme der Söderström im Vergleich zur saftigen vokalen Üppigkeit der Mezzo-Sopranistin.
Aber man soll ja in dieser Rubrik unvoreingenommen hören und da kommt es mir vielleicht zu Gute, dass es mir völlig egal ist, ob Schubert-Lieder von einer Frau oder einem Mann gesungen werden, so lange mich die Interpretation mitnimmt. Und obwohl ich mir ziemlich sicher war, dass mir das nicht gefallen würde, hat es mich doch gepackt. An den - von "Stimmenliebhaber" zurecht konstatierten - Vokalverfärbungen störe ich mich jetzt nicht so sehr, die Textdeutlichkeit ist trotz der zum Teil arg verwaschenen Konsonanten gegeben. Klar, muss man beim Lied immer Abstriche machen, wenn ein/e Nicht-Muttersprachler/in am Werk ist, aber es bewegt sich hier für mich noch absolut im Rahmen des für mich Erträglichen. Man kann zu den sehr unterschiedlichen Stimmen, die sie den drei "Figuren" angedeihen lässt, stehen wie man will, man kann es ordinär finden, aber mir bringt es den Inhalt des Liedes tatsächlich näher. Gerade das Kind verkommt für mich nicht zu einer Karikatur, sondern befindet sich förmlich in den letzten Zuckungen und bäumt sich mit letzter - auch vokaler - Kraft gegen das nahe Ende auf. So viel Mut zu vokalen Hässlichkeit ist in einer Liedinterpretation schon bemerkenswert und auch eine Gratwanderung, sie zahlt sich aber meine Erachtens aus, wenn sie nicht zum Selbstzweck verkommt. Im vorliegenden Fall wird aus meiner Sicht der Todeskampf des Kindes dem Zuhörer emotional sehr nahe gebracht. Paul Badura-Skodas Begleitung des technisch sehr anspruchsvollen Klavierparts unterstreicht das Existentielle dieser Aufnahme, indem selbst ein trügerischer Schönklang konsequent vermieden wird.
Für mich ein Aufnahme, bei der Vokal-Ästheten nur bedingt auf ihre Kosten kommen. Der rasante Ritt, den der Vater vollführt, um das Kind zu retten wird für den Zuhörer jedoch mehr als deutlich. Erlkönigs lakonische Einwürfe, er ist ein höhnischer und zugleich verführerischer Todesbote inmitten der sich vergeblich mühenden Menschen, das, so finde ich, wird in dieser Interpretation schon sehr deutlich und darum gefällt sie mir.

Hosenrolle1

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191

Gestern, 22:59

Ich kenne die Söderström von dieser HUG-Aufnahme von 1978, wo sie die Hexe gesungen hat.



Wenn man auf 1:32:00 geht, hört man ihr "Hurr hopp hopp hopp", das ich zwar stimmlich gut finde, weil sie nicht wie eine junge Frau, sondern wirklich alt klingt, andererseits finde ich den Vortrag irgendwie langweilig, ohne jede Energie, ohne jeden Schwung, es klingt für mich zu gewollt, wie sie versucht eine Hexe zu spielen.

Hier der Text dieser "Arie", falls es jemand nicht kennt:

Hurr hopp hopp hopp, galopp lopp lopp
mein Besengaul, hurr hopp, nit faul!

So wie ich´s mag, am lichten Tag
spring´ kreuz und quer um´s Häuschen her!
Bei dunkler Nacht, wenn niemand wacht
zum Hexenschmaus am Schornstein raus!

Aus fünf und sechs, so sagt die Hex´,
mach sieb´n und acht, so ist´s vollbracht
und neun ist eins, und zehn ist keins
und viel ist nichts, die Hexe sprichts!
So reitet sie bis morgen früh!
Brrrr! Besen hü!




LG,
Hosenrolle1
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192

Gestern, 23:00

Ich muss vorweg sagen, dass ich kein sehr großer Fan von ihr bin, anders als "Caruso41" sehe ich ihre Potraits der Janácek-Heroinen in den an sich sehr verdienstvollen Decca-Aufnahmen unter Sir Charles Mackerras nicht ganz so positiv, das betrifft insbesondere ihre Katja und ihre Jenufa, denen meines Erachtens jegliche Mädchenhaftigkeit abgehen. Im zweiten Akt der "Jenufa" hat man absurderweise manchmal das Gefühl, dass Eva Randová ihre Tochter sein könnte so alt klingt hier die etwas ausgemergelte Stimme der Söderström im Vergleich zur saftigen vokalen Üppigkeit der Mezzo-Sopranistin.
Lieber "Melomane",

danke für deinen Beitrag. Diese "Jenufa" ist genau die Aufnahme, in der ich Elisabeth Söderström kennenlernte und nicht übermäßig schätzen lernte.

Dass dir die Interpretation des "Erlkönigs" von ihr - im Gegensatz zu mir - gefällt, damit kann ich gut leben. :hello:
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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193

Gestern, 23:20

Hier der Text dieser "Arie", falls es jemand nicht kennt
Ich kenne den zwar, aber es war in diesem Falle schon ganz gut, dass der dabeistand...

(Und wenn es nur ein einiziges Detail von vielen ist, dass sie nicht "um's Häuschen her", sondern "um Häuschen her" singt...)


es klingt für mich zu gewollt
Und genau das ist mein Empfinden bei ihrem "Erlkönig!" :yes:
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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194

Heute, 09:50

Bevor neue Tagesbeispiele komme: Für mich geht der "Erlkönig" mit Elisabeth Söderström gar nicht. Der Vortrag mit verteilten Rollen ist ein gewaltiger Irrtum. Die Kinderstimme finde ich nahezu unerträglich. Ich war erschrocken, als ich das hörte. Die Ballade - eine der großen Herausforderungen für Sänger - zerfällt hier in einzelne Bestandteile und bleibt nicht zusammen. Ein Manko, das auch der Pianist nicht ausgleichen kann. Aus Kunst wird Klamauk, hart am Schmierentheater. Diese Sängerin neigt zu Übertreibungen, die ich für den Feind jeder Interpretation halte. Das Hexenbeispiel von HR1 bestätigt mich in meinen Vorbehalten. Ich kenne keine Interpretation, mit der sie mich überzeugt. Freund Caruso will ich aber dennoch nicht zu sehr widersprechen. Vielmehr achte ich seine wohlbegründete Einschätzung. Er hat - wie so oft - den Vorteil, sie selbst auf der Bühne und sicher auch im Liederabend gehört zu haben. Dadurch entstehen, wie ich finde, andere und komplexere Eindrücke, als wenn man Sänger nur von den Konserven kennt. Konserve und live sind eben doch zwei unterschiedliche Dinge. Manche Sänger gibt es deshalb zweimal.
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

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195

Heute, 10:45

Für mich geht der "Erlkönig" mit Elisabeth Söderström gar nicht. Der Vortrag mit verteilten Rollen ist ein gewaltiger Irrtum. Die Kinderstimme finde ich nahezu unerträglich. Ich war erschrocken, als ich das hörte. Die Ballade - eine der großen Herausforderungen für Sänger - zerfällt hier in einzelne Bestandteile und bleibt nicht zusammen. Ein Manko, das auch der Pianist nicht ausgleichen kann. Aus Kunst wird Klamauk, hart am Schmierentheater.
Lieber "Rheingold1876",

vielen Dank für deinen Beitrag, der mir - irgendwie auch zu meiner inneren Beruhigung - zeigt, dass es in diesem konkreten Fall, Söderström und "Erlkönig", nicht nur mir (mit meinen Problemen dabei) so ging! :yes:
(Ich hatte ja in Beitrag 184 dazu geschrieben: "DAS ist für mich eine peinliche Karikatur.") :hello:
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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Rheingold1876

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196

Heute, 10:47

Das hatte ich sehr wohl gelesen. :)
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

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197

Heute, 10:53

Lieber Helmut Hofmann,

falls du hier mitliest: Mich würde deine Einschätzung der Interpretation dieses "Erlkönigs" von Elisabeth Söderström wirklich brennend interessieren! Und solltest du dabei noch meine in Beitrag 184 an dich gestellte Frage beantworten können, wäre das geradezu perfekt! :jubel: :hail: :hello:
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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