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  • »Johannes Roehl« ist männlich
  • »Johannes Roehl« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 11 509

Registrierungsdatum: 12. August 2005

1

Mittwoch, 20. August 2008, 22:09

Haydn, Joseph: Sinfonie Nr. 11 Es-Dur

Sinfonie Nr. 11 Es-Dur

Entstehung um 1760 (vermutlich noch vor der Anstellung bei Eszterhazy, keinerlei nähere Informationen gefunden)

Besetzung: 2 Ob., 2 Hr., Streicher

Dies ist nach Nr. 5 wieder eine Sinfonie in der "Kirchensonatenform". Die Bezeichnung ist nicht ganz richtig, weil bei der barocken sonata da chiesa der 3. Satz ebenfalls langsam ist, während bei den Sinfonien Haydns mit langsamem ersten Satz immer ein Menuett an dritter Stelle steht (bei den Quartetten in op.9 u. 17 mit langsamen Kopfsätzen steht ein Menuett an zweiter und ein weiterer langsamer Satz an dritter Stelle). Man kann aber auch nicht einfach von einer Vertauschung von langsamem Satz und eigentlichem Hauptsatz sprechen. Denn die langsamen Kopfsätze dieser Sinfonien zeichnen sich meist durch einen typischen Duktus aus, der tatsächlich ein wenig an die in barocken Kirchensonaten erinnert.

Lessing äußert die Vermutung, daß es sich bei der späteren Es-Dur-Sinfonie Nr. 22 (um 1764) in derselben Form um eine "verbesserte" Realisierung einer ähnlichen Konzeption handeln könnte; ähnlich Parallelen zieht er zwischen den A-Dur-Sinfonien 5 und 21 und zwischen den Sinfonien mit 4 Hörnern und konzertanten Elementen D-Dur 72 (die falschestnumerierte Haydnsinfonie, die statt ca. 1780, wie nach der Nummer zu schließen, um die Mitte der 1760er entstanden ist) und 31.
Die letzte Sinfonie mit einem langsamen Kopfsatz ist Nr. 49 (ca. 1768); es dürfte verschiedene Gründe geben, warum dieses Formmodell irgendwann ganz aufgegeben wurde.


1. Adagio cantabile
An diesem Satz kann man recht gut die unterschiedlichen Elemente der barocken und empfindsam-vorklassischen Schreibweise erkennen. Der Beginn mit dem ruhig gehenden Bass und den imitatorischen Einsätzen der Violinen entspricht der Kirchensonate, aber sehr bald beginnt die 1. Vl. zu dominieren (mit einer triolisch geprägten Melodie) und der Rest ist im Wesentlichen Begleitung. Der Satz wird von den Streichern dominiert. Die Hörner spielen an einigen Stellen gehaltene Töne zur klanglichen und harmonischen Füllung, bleiben aber immer im Hintergrund, die Oboen vermochte ich gar nicht herauszuhören. Der Satz ist zweiteilig; beide Teile werden wiederholt. Im Mittelteil (Durchführung wäre wohl übertrieben) gibt es ein Wechselspiel in Triolen zwischen Geigen und Celli; es folgt eine Reprise mit geringfügigen Änderungen. Insgesamt ein sehr ruhiges, kontrastarmes, fast meditatives Stück.

2. Allegro
Auch hier gibt es gewisse Anklänge an den barocken Stil. Der Kopf des Hauptthemas ist für kontrapunktische Verarbeitung geeignet und eine solche wird im Seitensatz (quasi Hauptthema + Gegenstimme) und beim Repriseneinsatz auch angedeutet, aber nur sehr knapp. Die Durchführung bringt etwas motivische Arbeit, hauptsächlich aber Bewegungsenergie und die Hörner kommen endlich mal ein wenig aus der Reserve.

3. Menuett
Der Hauptteil ist recht konventionell mit Kontrasten zwischen kräftig-derben Tuttis und zarteren Passagen für die Streicher. Hervorzuheben (auch von Lessing und dem Reclam-Führer) ist das Trio, das kammermusikalisch nur für Streicher gesetzt ist und durch ständige Synkopen und einige Molltrübungen etwas Unruhe stiftet.

Presto
Auch das Finale wird von synkopierten Rhythmen und einem kapriziös-widerborstigen Thema dominiert. Es handelt sich um einen knappen, aber vollständigen Sonatensatz mit einer relativ langen Durchführung. So wird aus einem spritzigen Kehraus ein nicht ganz konfliktfreier, jedenfalls sehr energiereicher Satz.

viele Grüße

JR
Struck by the sounds before the sun,
I knew the night had gone.
The morning breeze like a bugle blew
Against the drums of dawn.
(Bob Dylan)

Alfred_Schmidt

Administrator

  • »Alfred_Schmidt« ist männlich

Beiträge: 19 225

Registrierungsdatum: 9. August 2004

2

Donnerstag, 26. Oktober 2017, 11:24

Durch die Thematisierung der Haydn Sinfonie Nr 48 "Maria Theresia" erinnerte ich mich an mein "Projekt" alle Haydn Sinfonien durchzuhören, eventuell einen kurzen Kommentar im jeweiligen Thread abzugeben und - so erforderlich - einen in dieser von Johannes Roehl gestarteten Serie - noch fehlenden Thread ergänzend einzufügen. Die ersten zehn Sinfonien habe ich nun schon "abgearbeitet" - folgt also die Nr 11.
10 Minuten - so lange dauert in etwa der erste Satz - hatte ich Zeit, darüber nachzugrübeln, wie ich den Ersten Satz charakterisieren solte, der so zurückhaltend beginnt. Melancholisch? Nein das trifft es nicht. Klagend? Auch nicht! Vielleicht reflektierend? Nein der Satz strahlt keine "Gelehrtheit" oder dergleichen aus. Nachdenklich? - Schon eher - aber irgend etwas fehlt noch. Dann kam die Erleuchtung: VERSONNEN! Ja das trifft es , bringt es auf den Punkt. Ähnliche Begriffe die zu passen scheinen wären - unterschwellig - bewertend, beispielsweise "verträumt" hat einen positiven Unterton, "nachdenlich" einen eher grüblerischen, besorgten oder intellektuellen.
Versonnen ist indes IMO wertfrei - und so sehe ich auch diesen Satz. Er ist der längste der 4 sätzigen Sinfonie und beansprucht fast so viel Zeit, wie die drei anderen Sätze zusammengenommen.
Wie bei Haydn nicht anders zu erwarten setzt er mit dem zweiten Satz (Allegro) einen starken Kontrast.
Der dritte Satz (Menuett) ist eher gestelzt, hölzern als tänzerisch.
Das Presto ist voller Energie und beendet das Werk spritzig aber nicht wirklich beeindruckend.

Subjektiv habe ich den Eindruck einer kompositorischen Pflichtübung (auf haydnschem Niveau selbstverständlich), die weder besonders klangschön ist, noch feierlich, majestätisch, oder durch eingeschobene Soli glänzt. Alles in allem: Haydnsches "Mittelmaß" aus seinen Anfangstagen.
Auch die vorzügliche "The Hannover Band" unter Roy Goodman vermögen aus dem Werk nicht mehr herauszuholen als drin ist.....

Und jetzt steinigt mich bitte !!!!

mfg aus Wien
Alfred

MIT ARBEIT VERSAUT MAN SICH DIE GANZE FREIZEIT

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Beiträge: 11 509

Registrierungsdatum: 12. August 2005

3

Donnerstag, 26. Oktober 2017, 14:05

Wie angedeutet, lohnt es sich, dieses Werk mit der weit berühmteren Nr. 22 (ebenso Nr. 5 mit Nr. 21) zu vergleichen, um zu sehen, wie Haydn souveräner und origineller geworden ist.