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Alfred_Schmidt

Administrator

  • »Alfred_Schmidt« ist männlich

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91

Freitag, 13. Oktober 2017, 13:43

Zitat

An Karl Böhm erinnert das nun absolut nicht.

Das kommt daher, weil Du von Karl Böhm ein völlig falsche Bild hast. Das wurde von seinen Gegener ja lange genung als "Gehirnwäsche" den Klassikhörern eingepaukt.
Diskussionen daruber ; Gerne - aber in einem der zahlreichen Karl Böhm-Threads.
Übrigens kam das Wort "bieder" in meinem Beitrag nirgendwo vor - "Gediegen" ist etwas anders. "Gut Verarbeitet" - "Solide"
:hello:

mfg aus Wien
Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

Norbert

Moderator

  • »Norbert« ist männlich

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92

Freitag, 13. Oktober 2017, 13:53

....... aber die für mich entscheidende Frage, "warum hat Kegel Beethoven aufgenommen?" beantworten mir seine Aufnahmen nicht.

Und dabei ist diese Frage ganz einfach zu beantworten - allerdings muß man sich zuvor von ein paar liebgewordenen Vorstellungen lösen.


Lieber Alfred, ich habe keine "liebgewordenen Vorstellungen", ich habe bestimmte Qualitätsansprüche, das ist für mich ein Unterschied.

Kegel, wie ich in meinem vorherigen Beitrag versuchte darzustellen, blieb für mich bei Beethoven "unterhalb seiner Möglichkeiten".
In dieser eigenen Einschätzung zählt für mich nicht das "warum", sondern einzig und alleine das Ergebnis.

Zitat

Aber erneut gehen wir hier von einer falschen Annahme aus, die darauf beruht, daß wir es hier mit einem eher ungekannten Dirigenten, der einem zweitklassigen Orchester vorstand, zu tun haben.


Herbert Kegel hatte sich im Westen durchaus einen guten Ruf erworben, als Dirigent von spätromantischen und modernen Werken. Er galt z.B. als kompetenter Orff-Interpret, hatte eine viel beachtete Aufnahme von Alban Bergs "Wozzeck" gemacht, seine Einspielung von Mahlers 4. Sinfonie war ein "Geheimtipp", einen "Parsifal" mit einem René Kollo in der Titelpartie übergibt man in den 70ern auch nicht gerade einem "eher unbekannten" Dirigenten, bloß trat er nie als Interpret der Wiener Klassik großartig in Szene. Das an sich muss nichts bedeuten, es kann aber etwas bedeuten...
Grüße aus der Nähe von Hamburg

Norbert

Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
Gustav Mahler

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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93

Freitag, 13. Oktober 2017, 15:05

Beethoven-Sinfonien waren schon damals nahezu die meist aufgenommene Orchestermusik.
Verglichen mit den Mitte/Ende der 1980er erhältlichen alternativen Aufnahmen, war der Status/Bekanntheitsgrad von Kegel/Dresdner Philharmonie bestenfalls vergleichbar mit z.B. Zender/RSO Saarbrücken o.ä. D.h. manche Hörer mögen den Namen gekannt haben, aber eben aus dem Kontext klassischer Moderne oder anderer Repertoirebereiche. Die Konkurrenz im Plattenangebot durch WEIT bekanntere und renommiertere Künstler war überwältigend.
Der ungewöhnlich hohe Verbreitungsgrad dieser Beethoven-Einspielung (sicher deutlich über den meisten anderen Kegels) ist erstmal hauptsächlich durch den damaligen niedrigen Preis (Vollpreis-CDs waren richtig teuer) und das vorübergehende Alleinstellungsmerkmal der DDD-Aufnahme (das war ja das besondere an CDs, das wollte man haben) zustande gekommen. Wie gut die vielleicht im Vgl. mit Karajan, Böhm, Muti, Solti oder was auch immer ca. 1987 publikumswirksam im Plattengeschäft prangte, ist, ist zunächst nebensächlich.

Stimmenliebhaber

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94

Freitag, 13. Oktober 2017, 15:28

Kegel, wie ich in meinem vorherigen Beitrag versuchte darzustellen, blieb für mich bei Beethoven "unterhalb seiner Möglichkeiten".
In dieser eigenen Einschätzung zählt für mich nicht das "warum", sondern einzig und alleine das Ergebnis.
Es gibt ja so viele unterschiedliche Ergebnisse von Beethoven-Sinfonien in Interpretationen Kegels.

Einige davon findet man hier, die "Neunte" gleich dreifach:

https://www.youtube.com/playlist?list=PL…9DkNzKcnblhqJEv
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

Inhalten aller Art in Beiträgen anderer in diesem Forum stimme ich hier ausdrücklich nur dann zu, wenn ich ihnen in Antwortbeiträgen ausdrücklich zustimme! ;)

Joseph II.

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95

Freitag, 13. Oktober 2017, 15:39

Kegel, wie ich in meinem vorherigen Beitrag versuchte darzustellen, blieb für mich bei Beethoven "unterhalb seiner Möglichkeiten".

Zumindest in der Live-Fünften aus Japan von 1989 und auch in der Live-Neunten aus Leipzig von 1987 (zu finden bei YouTube) muss ich hier doch widersprechen. :D
Was mir bei Kegels Beethoven auffällt, ist die sehr exponierte Betonung der Blechbläser, wodurch altbekannte Stellen auf einmal völlig anders klingen. Ich weiß allerdings nicht, inwieweit das auch in seinem Studio-Beethoven der Fall ist.
»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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96

Freitag, 13. Oktober 2017, 16:05

Das ist meiner Erinnerung nach bei dem Studio-Beethoven in einigen (wenigen) Passagen auch der Fall. Z.B. eine Stelle in der Coda des Kopfsatzes der 2. Sinfonie, bei der die Trompete(n) selten so gut rauskommen. Oder die oben erwähnte Tutti-Präsentation des Freudenthemas (vor dem Vokaleinsatz), die mich damals irritierte, weil die Trompeten "zu laut" waren und die Passage dominierten.

Ich müsste mir die Kegel-Aufnahmen nochmal anhören. Meiner Erinnerung nach habe ich sie, als ich dann etwas mehr Erfahrung mit anderen Einspielungen hatte (es war meine erste GA, davor hatte ich 3,5,6,9 auf LP/MC und die anderen Werke mal bei Bekannten gehört) als uneinheitlich, um nicht zu sagen inkonsistent, in Erinnerung. Eher positiv meiner Erinnerung nach relative Deutlichkeit der Bläser (manchmal, s.o. aber auch zu Lasten der Holzbläser, die vom Blech übertönt werden), also teils gute, teils befremdliche instrumentale Balancen. Aber z.B. Tempi "all over the place" von einer sehr flüssigen Pastorale zu traditionell (zu) langsamen Kopfsätzen von Eroica und 9.
Ebenso Wiederholungen mal so, mal so, bis hin zu der aus meiner Sicht bizarren Abfolge eines anderthalb mal so langen dritten Satzes der 5. (wg. der o.g. umstrittenen Restaurierung von Wdh.) vor einem Finale ohne Wdh. der Exposition.
Eine so eindeutige, "klare Handschrift" wie bei dem o.g. Klemperer kann ich kaum erkennen.

Der Punkt ist m.E. auch weniger, ob Kegels Beethoven-GA nun mittelmäßig oder gar schlecht ist. Sondern eher, ob man, wenn man dutzende von Aufnahmen zur Verfügung oder gar schon im Regal stehen hat, sich nun gerade diese als 12. oder 20. zu Gemüte führen oder dazustellen sollte. Bei entsprechenden Exzellenz- oder Alleinstellungsmerkmalen fällt mir nicht so viel ein und da werde ich auch bei den typischerweise vagen Begründungen der Fans dieser Aufnahmen nicht ohne weiteres fündig.

Agon

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97

Freitag, 13. Oktober 2017, 16:16

Das kommt daher, weil Du von Karl Böhm ein völlig falsche Bild hast.
Hm, tja, das kann schon sein. Aber was wäre denn das "richtige" Bild von Karl Böhm, das ich haben sollte?

Seine DG-Beethoven-Aufnahmen finde ich teilweise ja gar nicht mal so schlecht.

Übrigens kam das Wort "bieder" in meinem Beitrag nirgendwo vor - "Gediegen" ist etwas anders. "Gut Verarbeitet" - "Solide"
Gut, also "solide", ja, das ist sicher so. Und das ist ja auch schon was. Auf jeden Fall romantisiert Kegel Beethoven nicht, so wie es etwa Blomstedt in seiner Staatskapellen-GA macht. Ich kann mit den Kegel-Aufnahmen sehr gut leben, mich sprechen sie an, auch wenn sie nicht alleinseligmachend sind - aber welche Beethoven-Sinfonien-GA ist das bitte schon?
Es gibt kein richtiges Leben im falschen. (Theodor W. Adorno)

Stimmenliebhaber

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98

Freitag, 13. Oktober 2017, 16:20

Ich kann mit den Kegel-Aufnahmen sehr gut leben, mich sprechen sie an, auch wenn sie nicht alleinseligmachend sind - aber welche Beethoven-Sinfonien-GA ist das bitte schon?
So sehe bzw. höre ich das auch! :yes:
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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Alfred_Schmidt

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  • »Alfred_Schmidt« ist männlich

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99

Freitag, 13. Oktober 2017, 19:07

auch wenn sie nicht alleinseligmachend sind - aber welche Beethoven-Sinfonien-GA ist das bitte schon?

Na das wäre ja schrecklich, so es eine gäbe - schlecht für alle Dirigenten - schlecht für alle Rezensenten - schlecht fürs Tamino Klassikforum....
mfg aus Wien
Alfred

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Rheingold1876

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100

Samstag, 14. Oktober 2017, 08:17

Seine konzertante Leipziger Parsifal-Aufnahme aus den späten Siebzigerjahren mit Adam und Kollo ist die hurtigste (passt auf 3 CDs!) und schlankeste, die ich kenne. Sehr schön, schlüssig, hörenswert! Ich höre sie ebenso gern wie manche andere, viel getragenere Aufnahmen.


Lieber Melot, Deinem Urteil schließe ich mich an. Kegels "Parsifal ist inzwischen bei Brilliant zum Schleuderpreis neu aufgelegt worden.


Ich hatte mich an anderer Stelle des Netzes (kein Forum!!!) einmal damit beschäftigt und gebe diesen Beitrag hier zum besten, weil es gerade passt: Die konzertante Aufführung fand am 11. Januar 1975 in der Leipziger Kongresshalle statt. Die glich in ihrer Bedeutung einer Art Erstaufführung. Zumal für damals jüngere Leute, die gar nicht wussten, wie diese Musik live klingt. Der oberste DDR-Musikkritiker Ernst Krause hatte noch 1977 in seinem "Opernbuch von A-Z" ziemlich unverstellt zum Ausdruck gebracht, dass "Parsifal" in Bayreuth am besten aufhoben sei – und mit erhobenem Zeigefinger davor gewarnt, "Konzertaufführungen dürften erst Recht nicht Wagners Intensionen entsprechen". Gleichzeitig gab er die Empfehlung aus, dass "fragwürdige zweimalige Weihe-Ritual" nur anzudeuten. Der unerschrockene Kegel scherte sich nicht um solche Ratschläge. Er schritt zur Tat. Sein Konzert gelangte 1978 beim VEB Deutsche Schallplatte (Eterna) als Mitschnitt auf die Platte. Der Klang hat die Jahrzehnte bestens überstanden. Nach langer Zeit diesen Mitschnitt, der von Publikumsgeräuschen völlig befreit wurde, wiedergehört, wird auf beglückende Weise deutlich, was Dirk Stöve im Booklet so ausdrückt: "Der Leichtigkeit und Transparenz des Klangbildes ist mitunter etwas Entmaterialisiertes zu eigen, das an Debussy und seine sublime Art der Instrumentation denken lässt." Insofern vertieft Kegel noch, was Pierre Boulez bei seinem Aufsehen erregenden Bayreuther "Parsifal"-Debüt von 1966 begonnen hatte. Er nimmt der Musik die Schwere, nimmt ihr aber auch viel von der mystischen Wirkung, die vor allem Knappertsbusch zugeschrieben wird. Wie genau der Däne Ulrik Cold als Gurnemanz und René Kollo als Parsifal dem Dirigenten folgen, klingt heute noch genau so neu und frisch wie einst.

Beide lösen sich aus der Tradition, lassen die Vorbilder links liegen und nehmen ihre großen Aufgaben ziemlich unerschrocken und sportlich. Kegel musste beide Sänger im Westen "einkaufen", weil er sie in der DDR offenbar nicht fand. Siegfried Vogel, der später ein grandioser Gurnemanz werden sollte, war wohl noch nicht so weit. Es rächte sich, dass das Fach vernachlässigt worden war. In der DDR hatte es nach Ernst Gruber immer an Heldentenören gemangelt – bis Harry Kupfer 1975 bei seinem Dresdner "Tristan" plötzlich den seit Jahren in der DDR engagierten Bulgaren Spass Wenkoff auf dem Hut zauberte und ihn 1977 auch bei der Premiere seiner "Parsifal"-Inszenierung an der Berliner Staatsoper Unter den Linden die Titelrolle singen ließ. Obwohl ein Verehrer von Theo Adam, bin ich plötzlich ziemlich erschrocken, wie er sich durch die Partie des Amfortas brüllt. Als Gurnemanz war er in späteren Jahren wesentlich besser aufgestellt und sehr ergreifend. Eine Spur zu temperamentvoll agiert Gisela Schröter als Kundry, die in wilder Auffahrung beim Konzert sogar ihr Mikrophon umgeworfen hat. Sie fügt sich mit ihrer flackenden Stimme trotz vieler berührender Momente dem Konzept von Kegel am wenigsten ein. Die Sängerin Ingeborg Zobel hielt sich an dem Abend als Einspringerin für den Fall der Fälle bereit, kam aber nicht zum Zuge, was ich im Stillen immer ein wenig bedauert habe.
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

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101

Samstag, 14. Oktober 2017, 10:03

Ich bin zwar eigentlich ein Freund flüssiger, ja zügiger Tempi, aber mit dieser "Parsifal"-Aufnahme fremdle ich doch sehr, da wirkt vieles auf mich überhetzt und "runtergerotzt" - das Bühnenweihfestspiel verliert JEDEN weihevollen Ton und das gefällt mir nicht. Vittorio Gui ist zum Beispiel auch flüssiger als andere, aber das korrespondiert für mich noch sehr gut mit dem Stück, während Kegel meines Erachtens ein neues Stück draus macht, als wenn er einen "Lukullus" dirigieren würde.
René Kollo ist natürlich ein sehr guter Parsifal, aber das ist er bei Solti auch und da hat er bessere Partner. Ganz so negativ sehe ich Theo Adam nicht, aber an einigen Stellen forciert er in der Tat arg, da ist es nicht mehr schön, trotzdem ist er neben Kollo der emotionalste Sänger der Aufführung. Ulrik Cold hat eine gute durchgebildete Stimme, die mir aber zu wenig differenziert, zu eindimensional als Gurnemanz geführt wird, der Text wird bei dieser Interpretation nicht in allen Schattierungen ausgelotet, da war Siegfried Vogel in dieser Rolle eine andere Nummer. Und dieser gab ja 1977 in Berlin bei Kupfer nicht sein Rollendebüt, sondern hatte die Partie schon zuvor bei zwei Gastspielen gesungen, ich glaube ab 1975, vielleicht hätte er also sogar zur Verfügung gestanden.
Wirklich enttäuscht bin ich bei dieser Aufnahme von Gisela Schröter, die auf der Bühne der Staatsoper Berlin ab 1977 (bis 1984) eine umwerfende Kundry gewesen sein muss, wie mir viele völlig unterschiedliche Leute dutzenfach begeistert berichtet haben - aber diese Faszination, die ich live auch noch bei einigen ihrer Altersrollen erlebt habe und in einigen Live-Aufnahmen von Bühnenaufführungen wiederfinde, stellt sich hier nicht ein. Die Stimme wirkt auf mich nervös und unsicher, flackert, wird einfach nicht so konsequent und bedingungslos eingesetzt wie bei ihren Bühnenauftritten. Sie war keine Konzertsängerin, sondern ein Bühnentier! Was würde ich für einen Live-Mitschnitt einer szenischen Aufführung ihrer Kundry (aus Berlin, Kopenhagen oder sonstwo) geben! Aber sowohl wegen ihrer problematischen Leistung als auch wegen Kegels doch sehr eigenwilliger Interpretation höre ich diese Live-Aufnahme kaum noch.

Wie unterschiedlich Kegel ein und dasselbe Werk interpretieren konnte, ist wirklich faszinierend. Seine Studio-Einspielung der "Verurteilung des Lukullus" ist langlich faszinierend, beinahe spätromantisch, während die beinahe zeitgleich entstandene Fernsehaufzeichnung der Berghaus-Inszenierung an der Staatsoper Berlin völlig anders klingt, schroff und avantgardistisch. Es ist beinahe so, als wenn es sich um ein anderes Stück handeln würde. Da ich das Werk nach einer ersten Live-Aufführung im Sommer 1992 in der Staatsoper dann doch durch häufiges Hören der Kegel-Studioaufnahme erst so richtig kennen und lieben lernte, war ich sehr gespannt auf diese Fernsehaufzeichnung (zumal einige Sänger wie die Burmeister und die Prenzlow in beiden Versionen besetzt sind), aber irgendwie war ich dann doch überrascht und ernüchtert.



Warum ich diesen Vergleich jetzt ziehe: Um zu verdeutlichen, dass es auch bei seinen Beethoven-Interpretationen ganz unterschiedliche Resultate gibt, die man nicht alle über einen Kamm scheren kann und auch nicht sollte. :yes:
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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  • »Johannes Roehl« ist männlich

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102

Samstag, 14. Oktober 2017, 10:54

Wenn von Beethoveninterpretationen Kegels die Rede ist, dann aber in 99,9% der Fälle von den weit verbreiteten Dresdner Studioaufnahmen ca. 1982. Insofern besteht da normalerweise keine Gefahr des Missverständnisses.

Stimmenliebhaber

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103

Samstag, 14. Oktober 2017, 12:43

Wenn von Beethoveninterpretationen Kegels die Rede ist, dann aber in 99,9% der Fälle von den weit verbreiteten Dresdner Studioaufnahmen ca. 1982. Insofern besteht da normalerweise keine Gefahr des Missverständnisses.
Hast du eigentlich meinen Beitrag Nr. 94 gelesen? Außerdem haben hier auch außer mir schon mehrere(!) andere User über andere Beethoven-Insterpretationen (Leipzig, Japan usw.) geschrieben, sodass deine Behauptung von den 99,0% mindestens(!) für diese Rubrik eindeutig falsch ist!
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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Joseph II.

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104

Samstag, 14. Oktober 2017, 13:23

Der Kegel'sche "Parsifal" war vor fast zehn Jahren erstaunlicherweise neben dem von Karajan mein Einstieg in dieses Werk. Erstaunlich deswegen, weil ich damals sicher nicht wusste, wie genial Herbert Kegel war. Es war definitiv eine Empfehlung hier aus dem Forum, die mich auf diese DDR-Aufnahme brachte. Ihre interessante Entstehungsgeschichte wurde hier ja schon ausführlich dargelegt, dafür besten Dank. Tatsächlich gefiel mir Kegels Ansatz schon damals ausnehmend – und das, obwohl Karajan und, später dann in meiner Kollektion hinzugekommen, Knappertsbusch und Goodall doch einen sehr unterschiedlichen verfolgen. Ich muss auch bekennen, dass mir Kegels Aufnahme immer besser gefiel als jene von Boulez. Einen frischeren "Parsifal" kenne ich nicht. Stimmlich konnte ich seinerzeit nichts bemängeln. Hier wurde nun aber zurecht auf Defizite hingewiesen. Besonders René Kollo und der fast unbekannte Ulrik Cold halten aber auch heute noch jeden Vergleich aus, weil sie wirklich perfekt in Kegels "entschlacktes" Konzept passen. Das Stichwort Debussy finde ich sehr gut gewählt, es trifft auch meinen Eindruck. Die Akustik der Leipziger Kongreßhalle möchte ich an der Stelle auch mal lobend hervorheben. Die fiel mir schon öfter positiv auf. Es gab in Leipzig also zumindest aufnahmetechnisch bereits vor dem klanggewaltigen Gewandhaus einen sehr guten Konzertsaal – wie es in der Kongreßhalle live war, weiß ich aber nicht.

Ich habe eine ältere Ausgabe dieses "Parsifal" (unten links). Allein die Tatsache, dass es etliche Editionen gibt, zeigt, dass die Aufnahme noch heute gekauft wird. Die CD-Erstveröffentlichung erschien scheinbar 1993 bei Koch Schwann. Natürlich ist das bei Kegel kaum ein "Bühnenweihfestspiel", aber seine Interpretation hat doch einen festen Platz in der Diskographie und ragt auch heraus.



P.S. Hieß dass zu DDR-Zeiten nun offiziell "Rundfunk-Sinfonieorchester Leipzig" oder "Rundfunk-Sinfonie-Orchester Leipzig", wie auf den "Parsifal"-Covern steht?
»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

chrissy

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105

Samstag, 14. Oktober 2017, 14:12

P.S. Hieß dass zu DDR-Zeiten nun offiziell "Rundfunk-Sinfonieorchester Leipzig" oder "Rundfunk-Sinfonie-Orchester Leipzig", wie auf den "Parsifal"-Covern steht?
Ich meine, so ist es richtig. Zumindest ist es mir aus früheren Aufnahmen noch so in Erinnerung.

CHRISSY
Jegliches hat seine Zeit...

Joseph II.

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106

Gestern, 01:19

Beethoven-Zyklus (1982/83)



Nun liegt mir also die Beethoven-Gesamtaufnahme der Dresdner Philharmonie unter Herbert Kegel vor (mein großer Dank gilt an dieser Stelle einem befreundeten Tamino). Genaue Aufnahmedaten werden im Booklet leider nicht angegeben. Im Netz findet man nur ein vages 1982 und 1983 in der Dresdner Lukaskirche. Hat jemand konkretere Details? Abgesehen davon, begann ich - für mich untypisch - mit der Neunten. Die hebe ich mir neben der "Eroica" und "Pastorale" meist für den Schluss auf. Was soll ich sagen? Ich bin begeistert. Beginnen wir auch bei den Sätzen von hinten. Ein besseres Solistenquartett im Finalsatz zu finden dürfte schwierig sein. Und dabei sind es eher nicht die ganz bekannten Namen: Alison Hargan als Sopran, Ute Walther als Alt, Eberhard Büchner als Tenor sowie Kolos Kováts als Bass. Ein sehr homogenes Ensemble, wo keiner den anderen überdecken will. Ich habe die vier Solisten selten so gut an wirklich jeder Stelle lokalisieren können. Besonders Büchner würde ich hervorheben wollen. "Froh, wie seine Sonnen fliegen" ungemein klangschön und heldisch - kurz: referenzträchtig vorgetragen. Ab sofort einer meine Favoriten in diesem Part. Ich kannte ihn bisher nur von einer ebenfalls ganz hervorragenden Gralserzählung des Lohengrin. Und dann der Chor! Hier die vereinigten Rundfunkchöre Berlin und Leipzig. Kegels Ruf, ein genialer Chorleiter zu sein, kam ja nicht von ungefähr. Den Rundfunkchor Leipzig leitete er fast 30 Jahre lang selbst und machte ihn zu einem der besten überhaupt. Ungemein durchhörbar und wortdeutlich. Ausgezeichnete Leistung! Da behaupte mal noch wer, nur kleine Chöre könnten das. Im Finale wählt Kegel ein getragenes Zeitmaß (26:22), das indes vollauf angemessen ist und der Größe des Werkes entgegenkommt. Den "Freude, schöner Götterfunken"-Chor hört man nicht oft so majestätisch. Sehr gut auch das Orchester. Die Blechbläser prägnant und hervorstechend, ein Kegel'sches Markenzeichen. Der Paukist lässt es, wenn nötig, auch richtig knallen. Ansonsten sind die Tempi nicht unbedingt langsam: 16:37 im Kopfsatz, 11:24 im Scherzo und 16:13 im Adagio, insgesamt also gut 70 Minuten. Dramatisch Kegels Zugriff bereits in den ersten Takten. Ein Höhepunkt ist die Coda des ersten Satzes. Im darauffolgenden Scherzo darf sich der Paukist dann richtig "austoben" - und vollführt gegen Ende (etwa bei 9:50) einen regelrechten Paukenschlag, wie ich es mag. Den vermisse ich in vielen Aufnahmen. Das Adagio schließlich ist tief empfunden, aber frei von Larmoyanz. Die frühe Digitalaufnahme klingt tadellos und sehr natürlich - keine Anzeichen von künstlichem Klang. Ein formidabler Einstieg in diesen Zyklus, der sich so hoffentlich fortsetzt.
»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • »Johannes Schlüter« ist männlich

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107

Gestern, 10:33

Deine Begeisterungsfähigkeit möchte ich haben... Da hörst Du Deine hundertste Neunte oder Deine dreiundneunzigsten Meistersinger und immer das, was Du gerade zuletzt neu gehört hast, das ist dann meist sensationell, exzeptionell, formidabel, superlativisch, hat man so noch nie gehört, vielleicht die beste Aufnahme, die gibt. Bis die nächste neue alte Aufnahme um die Ecke kommt. Ich höre auch gerade Kegels Neunte und bin eher ernüchtert.

orsini

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108

Gestern, 14:12

Genaue Aufnahmedaten werden im Booklet leider nicht angegeben. Im Netz findet man nur ein vages 1982 und 1983 in der Dresdner Lukaskirche. Hat jemand konkretere Details?

hallo Joseph II.,
ich habe folgende Aufnahmedaten gefunden, Aufnahmeort jeweils die Dresdner Lukaskirche:
1. Sinfonie 23./24. August 1983
2. Sinfonie 1. bis 3. August 1982
3. Sinfonie 10. bis 13. Januar 1983
4. Sinfonie 1. bis 4. Februar 1983
5. Sinfonie 14. bis 18. Juni 1982
6. Sinfonie 8. bis 10. März 1983
7. Sinfonie 20. bis 22. Oktober 1981
8. Sinfonie 1982/1983 (wobei 1982 das für mich wahrscheinlichere Datum ist; die 8. Sinfonie erschien zuerst auf LP mit der 5. Sinfonie, die auch 1982 aufgenommen wurde)
9. Sinfonie 20. Mai bis 7. Juni 1983
Man soll nicht lügen. Es sei denn, daß man mit der Wahrheit noch schlechter führe.
Curt Goetz

Joseph II.

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109

Gestern, 15:18

Deine Begeisterungsfähigkeit möchte ich haben... Da hörst Du Deine hundertste Neunte oder Deine dreiundneunzigsten Meistersinger und immer das, was Du gerade zuletzt neu gehört hast, das ist dann meist sensationell, exzeptionell, formidabel, superlativisch, hat man so noch nie gehört, vielleicht die beste Aufnahme, die gibt. Bis die nächste neue alte Aufnahme um die Ecke kommt. Ich höre auch gerade Kegels Neunte und bin eher ernüchtert.

Verwechselst Du mich mit jemandem anderen hier? Ich habe in der letzten Zeit etliche Rezensionen verfasst, darunter auch kritische. Wenn ich Kegels Aufnahme der 9. Symphonie so weit vorne sehe, stehe ich auch dazu. Aber vielleicht ist meine Erwartungshaltung auch eine andere.

Eigentlich brauche ich ja keine Sekundanten, aber zitieren wir mal die Kritikerzunft zu diesem Zyklus von Herbert Kegel:

"Ein klang- und kraftvolles Orchester!" (Gramophone 11/1984)

"Wer 'alle Neune' in klarer, zu Herzen gehender Gangart will, ist mit der Dresdner Philharmonie 1982/83 unter Herbert Kegel bestens bedient. Kegels Beethoven-Sicht ist frei von patzigem Pathos - dafür packend, fesselnd, belebend, befreiend." (audio 01/04)

"Das wunderbare Orchester der Dresdner Philharmonie ist in all seinen Nuancen klar, deutlich und unglaublich präzise zu hören, so als sei die Aufnahme erst vor einiger Zeit entstanden, und nicht bereits vor 30 Jahren. [...] Selten hat man die legendäre 'Eroica', Beethovens 3. Sinfonie, die er zur Verehrung Napoleons geschrieben hatte und die leider von den Nazis missbraucht worden war, und auch 'Die Neunte' so tonal und akustisch formvollendet gehört." (inn-joy.de 11/2013)
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110

Gestern, 15:19

Genaue Aufnahmedaten werden im Booklet leider nicht angegeben. Im Netz findet man nur ein vages 1982 und 1983 in der Dresdner Lukaskirche. Hat jemand konkretere Details?

hallo Joseph II.,
ich habe folgende Aufnahmedaten gefunden, Aufnahmeort jeweils die Dresdner Lukaskirche:
1. Sinfonie 23./24. August 1983
2. Sinfonie 1. bis 3. August 1982
3. Sinfonie 10. bis 13. Januar 1983
4. Sinfonie 1. bis 4. Februar 1983
5. Sinfonie 14. bis 18. Juni 1982
6. Sinfonie 8. bis 10. März 1983
7. Sinfonie 20. bis 22. Oktober 1981
8. Sinfonie 1982/1983 (wobei 1982 das für mich wahrscheinlichere Datum ist; die 8. Sinfonie erschien zuerst auf LP mit der 5. Sinfonie, die auch 1982 aufgenommen wurde)
9. Sinfonie 20. Mai bis 7. Juni 1983

Besten Dank für diese sehr hilfreichen Infos, lieber orsini!
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Agon

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111

Gestern, 16:06

Also, ich habe diese Capriccio-Box der Beethoven-Sinfonien:



Leider ist hier als Aufnahmedatum auch nur "1982/83" vermerkt. Im Booklet befinden sich dann kurze Künstlerporträts und Bilder. Auch ein Bild der Aufnahmesitzung der Neunten Sinfonie in der Lukaskirche ist vorhanden.

Künstlerische Aufnahmeleitung: Eberhard Geiger
Tonregie: Horst Kunze
Schnitt: Andreas Neubronner, Stefan Schellmann


Ich höre mir gerade die Neunte Sinfonie an und bin alles andere als ernüchtert. Das ist einfach sehr gut. Es ist rhythmisch-gespannt, agil, vorwärtsdrängend, schlank und kompakt im Klang, sehr transparent und klar - ein Beethoven der "Neuen Sachlichkeit" würde ich mal sagen. Ich wüsste nicht, wo Kegel hier "unter seinen Möglichkeiten" bliebe. Dieser Beethoven ist nicht altbacken, romantisierend oder ähnliches. Er muss sich auch heute in keiner Weise verstecken, im Gegenteil, er ist einfach gültig und zeitlos.
Es gibt kein richtiges Leben im falschen. (Theodor W. Adorno)

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