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Alfred_Schmidt

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1

Donnerstag, 13. Juli 2017, 18:57

Franz Schubert: Streichquartett D 94



Dieses Streichquartett wurde schon im Thread „ Franz Schubert - die frühen Streichquartette“ von mir behandelt. Da ich indes plane, in Zukunft jedem Streichquartett von Franz Schubert einen Thread zu widmen, wird sich einiges wiederholen, was ich damals geschrieben habe, allerdings haben wir dann die Möglichkeit diese Einzelthreads auf Jahre hinaus aktuell und ausführlich zu halten. Ursprünglich waren die frühen Quartette nur selten auf Tonträger zu haben, das dürfte sich aber allmählich ändern....
Auf Grund der neuen Nummerierung der Quartette – die noch dazu nicht von allen Tonträgerlabeln übernommen wurde habe ich mich schweren Herzens dazu entschlossen mich auf die Nummern des Deutsch-Verzeichnisses zu beschränken.
Gestern Nacht, - besser gesagt heute Früh - hatte ich das Vergnügen D94 in der Interpretation des Diogenes Quartetts zu hören, was mich dazu animierte dem Quartett einen eigenen Thread zu spendieren.
Ich schrieb einst im Sammelthread über Schuberts frühe Streichquartette unter anderem folgendes:

D94 ist, ein eindrucksvolles Werk - allerdings musste ich es des öfteren hören, bis mir das bewusst wurde. Besonders angetan hat mir persönlich der erste Satz. Ein beinahe unscheinbares Thema wird vorgestellt, welches den Hörer den gesamten Satz über allmählich in seinen Bann zieht und erst allmählich seinen Ohrwurmcharakter offenbart. Immer wieder gibt es Unterbrechungen, nach denen das Thema in anderer Form wieder auftaucht, mal lyrisch in sich gekehrt, dann spielerisch tänzelnd, fordernd, feurig aufbrausend - und immer wieder verharrend - bis am Ende das Thema bescheiden ins Nichts verklingt - wie es gekommen ist.

Heute würde ich den Beginn des Werkes anders beschreiben;
Aus einem geheimnisvollen Raunen entwickelt sich ein von Liebreiz geradezu überschäumendes Thema , welches uns im gesamten ersten Satz immer wieder begegnen wird.
Die Interpretation des Diogenes Quartett ist zeitlich nicht stark von jenem des Kodaly Quartets abweichend – aber welch unterschiedlicher Eindruck!! Während die Ungarn eine klangschöne, gediegene und ausgewogene Darstellung ohne besondere Eigenarten abliefern, fallen beim Diogenes Quartett sofort die dynamischen Kontraste und die Verve auf mit der gespielt wird.
Im ersten Satz fand ich eine Stellen geradezu „trotzig“ rhythmisch stampfend, voll Angriffslust und Übermut. Bemerkenswert dabei ist, dass dennoch der schöne Klang dabei nicht auf der Strecke bleibt – Ein Paradoxon. Quasi als Kontrast – und Kontrast ist generell eine der Haupttugenden dieser Aufnahme – sind die ruhigeren Passagen betont lieblich und einschmeichelnd angelegt.
Schuberts frühen Streichquartetten wird gerne als Makel angelastet, dass er sich hier noch an Mozart und Haydn orientiert habe. Abgesehen davon, dass ich persönlich das nicht als Makel empfände, ist diese Behauptung speziell in dieser Aufnahme nicht wirklich überzeugend, bei aller Liebe zu Mozart und Haydn, so feurig und temperamentvoll wie hier habe ich bislang noch kein Streichquartett der beiden in Erinnerung. Die Interpreten scheinen hier das (mutmaßliche) Alter Schuberts (er war etwa 15) in ihre Lesart mit einbezogen zu haben.
Eine wunderbare Aufnahme, die derzeit sowohl einzeln (links oben) als auch in einer sehr günstigen 7-CD Sammelbox mit allen Streichquartetten Schuberts erhältlich ist.

Mit freundlichen Grüßen aus Wien
Alfred

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Don_Gaiferos

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2

Freitag, 14. Juli 2017, 11:39

Ich verfüge ebenfalls über die Aufnahme mit dem Diogenes-Quartett, die Alfred im vorherigen Beitrag gezeigt hat. Im ersten Satz wird ein außerordentlich heiteres Thema vorgestellt, das übermütig und verspielt daherkommt. Es wird in vielfacher Weise abgewandelt, im weiteren Verlauf des Satzes wird dieses agile, behende Thema auch teilweise mit schroffen, barschen Akkorden kontrastiert, die jedoch die überbordende Lebenslust des Satzes nur noch mehr verstärken. Das Diogenes-Quartett zeigt hier, wie in auch allen anderen Sätzen, eine immense Palette an Nuancen und Klangfarben, an dynamischen Schattierungen, egal ob kraftvoll-herb oder innerlich-zart, die Musiker werden allen Klangfarben vollauf gerecht.
Der zweite Satz, das Andante, ist in ein Wunder an Zartheit und Lieblichkeit, die dolcezza, die nie zur Süßlichkeit wird, ist hier der silbrig-seidene Faden, der das Thema immer weiterführt, sachte und behutsam umspielen und umranken sich die Stimmen. Hier wieder wird eine sehr idyllische, friedvolle Stimmung evoziert, die dank der großen Finesse, mit der das Diogenes-Quartett musiziert, nie auch nur in die Nähe des Kitsches gelangt, sondern authentisch wirkt, die (vermeintlich) schlichte, schiere Schönheit wird nie effektheischend oder aufgesetzt erzeugt.
Die beiden nachfolgenden Sätze sind sehr munter und tänzerisch: das Menuett ist von nahezu heiterer Überschwänglichkeit bei aller Eleganz und Grazie, das Presto lässt das Quartett mit einem Impuls lebhafter, vorwärtsdrängender Energie ausklingen. Alles in allem ein tolles Hörerlebnis, das hier in dieser Einspielung meisterhaft dargeboten wird.

Alfred schrieb:

Zitat

"Im ersten Satz fandich eine Stellen geradezu „trotzig“ rhytmisch stampfend, voll Angriffslust und Übermut, Bemerkenswert dabei ist, dass dennoch der schöne Klang dabei nicht auf der Strecke bleibt – Ein Paradoxon. "

Diese Formulierung bringt es sehr gut auf den Punkt, wie ich finde.

Alfred_Schmidt

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3

Freitag, 14. Juli 2017, 16:21

Es ist schade, dass bislang außer Don Gaiferos und mir niemand an Schuberts D 94 interessiert zu sein scheint, Das ist auch an den Seitenaufrufen ersichtlich, die derzeit bei 78 liegen. Beim erstellen solcher Threads gewinnt man of einen guten Einblick darauf, warum manche Werke (nicht nur von Schubert) "vergessen" wurden. Wenn es nicht kracht und rummst, oder sonst ein auffallendes Ereignis die öffentliche Aufmerksamkeit erregt, dann ist man an heutzutage nicht wirklich interessiert.

Ungeachtet dessen habe ich mir heute - quasi als Gegenentwurf - die Aufnahme desselben Werkes mit dem Auryn Quartett angehört.
Unverkennbar herrscht hier eine andere Werksauffassung vor. Wenngleich - entgegen dem ersten Eindruck - die Dynamilk vereinzelt auch ausgespielt wird, so ist der Gesamteindruck doch ein wenig gemäßigter, der jugendliche Überschwang im ersten Satz fehlt (IMO) fast völlig, ebenso wie die allerfeinsten Schattierungen bei der Klangfarbe. Das Klangbild ist ausgewogen, allerdings nicht so "anspringend" wie bei der BRILLIANT CLASSICS (Diogenes Quartett) Einspielung. Keine Wertung, nur eine Beobachtuing, Inwieweit sich das auf die einzelnen Werke auswirken wird, bzw wie der Einzelne das bewertet ist nicht absehbar.
Der beschriebene Unterschied ist mir vor allem beim ersten Satz aufgefallen, Ob mich dann die musikalische Welt Schuberts im weiteren Verlauf des Abhörvorganges so gefangengehalten hat, dass mein kritisches Ohr milder geworden ist, oder ob man sich bei längerem Hinhören den Klang einer Aufnahme "zu eigen" macht, das weiß ich nicht, jedenfalls habe ich gegen Ende der Aufnahme nur mehr Schuberts Musik gelauscht - und kaum mehr kritisch analysiert...

Das Werk kann hier lediglich im Rahmen der - übrigens von der Presse hochgelobten - Gesamtausgabe - erworben werden - ebenfalls für 29.99 Euro - für 6 CDs recht günstig.

Beste Grüße aus Wien
Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

Reinhard

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4

Freitag, 14. Juli 2017, 18:08

Es ist ja nichtso, Alfred, daß dieses Thema (mich) nicht interessiert und Krach und Rumms brauche ich auch nicht so häufig in der Musik. Leider bin ich nicht der intensive Streichquartett-Hörer, von Ausnahmen abgesehen.
Die hier bisher besprochenen Aufnahmen kenne ich (noch) nicht, in meiner Sammlung findet sich nur diese Aufnahme mit dem Verdi-Quartett, die ich heute (nach exakt 4 Jahren) wieder gehört habe:



Damit ich einen Vergleich hatte und um meinen Eindruck nach dem Hören zu überprüfen habe ich mir anschließend die Aufnahme mit dem Schweizer Aria-Quartett beim Werbepartner angehört:



Und, es hat sich bestätigt: zu den "Verdis" fiel mir spontan ein - nachdem ich Eure Beiträge gelesen hatte: bedeutungsschwer aufgeladen.
Das Aria-Quartett hat mir deutlich besser gefallen, einfach lockerer, leichter und angenehmer zu hören.
Aber wie gesagt, ich bin eher ein "Streichquartett-Wenig-Hörer" und bei mir spielt die Tagesform auch stets eine Rolle...
Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
(Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

Alfred_Schmidt

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5

Freitag, 14. Juli 2017, 20:53

Leider bin ich nicht der intensive Streichquartett-Hörer, von Ausnahmen abgesehen.

Leider bin ich nicht der intensive Streichquartett-Hörer, von Ausnahmen abgesehen.
Genau das ist das Problem - ich hatte es nur etwas "griffiger " formuliert, wenn ich sagte, die Leute hörten nur dann Klassik "wenn es "kracht und rummst".
In einem der Beihefte, der von mir zum Hörvergleich herangezogenen Aufnahmen hat man auf einen interessanten Aspekt aufmerksam gemacht:
Schuberts versuchte - natürlich erfolglos - seine ersten Streichquartette an die Verleger zu verkaufen als die Nachfrage an Werken dieses Genres nachzulassen begann, weil Streichquartette aus der Mode kamen. Wien wurde soeben von einer Rossini-Welle heimgesucht. Zu allem Unglück hatte Beethoven soeben seine mittleren Streichquartette auf den Markt geworfen - die auf Grund der hohen Reputation des Komponisten von der "Flaute" nicht wirklich betroffen waren.
Ich hab mir darüber Gedanken gemacht ob diese Erklärung überhaupt einer Überprüfung standhält.
In der Tat ist es so, dass der "Ausstoß an Streichquartetten - gemessen am 18. Jahrhundert doch sehr zurückging. Von Schuberts Streichquartetten wissen wir, daß sie zu Lebzeiten - und auch lange danach nicht ernst genommen wurden. Es gab dann natürlich Mendelssohn und Brahms, auch Dvorak, aber alles in allem waren es, verglichen Mit Boccherini, Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert doch eher wenige.
Der zitierten "Rossini-Welle" konnte sich selbst Schubert nicht entziehen, schrieb er doch, dadurch angeregt seine "Ouvertüre im Italienischen Stil".
Dazu später mehr in den Schubert-Sinfonien und Orchester-Threads......

mfg aus Wien
Alfred

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6

Freitag, 14. Juli 2017, 23:13

Schubert schrieb die frühen Quartette (1-11) sehr wahrscheinlich fürs Musizieren im Familien- und Freundeskreis. Und natürlich um sich selbst kompositorisch auszuprobieren.
Sie sind aber überhaupt nicht mit z.B. Beethovens op.59 zu vergleichen. Schon dessen op.18 geht an die obere Grenze der Leistungsfähigkeit von Laien, op.59 deutlich darüber hinaus. Die ersten professionellen Streichquartette wie das Schuppanzigh-Quartett formierten sich ja u.a. als Reaktion auf diese Werke. Und bei seinen letzten drei Quartetten rechnet Schubert dann natürlich auch mit professionellen Virtuosen.
Für den Hausmusikmarkt gab es im 19. Jhd. dann eher Arrangements aus Opern u.a. bekannten Melodien.

Don_Gaiferos

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7

Freitag, 14. Juli 2017, 23:48

Natürlich ist das Streichquartett keine so "spektakuläre" Formation wie ein großes Symphonie-Orchester, und die "breite Masse", falls sie nicht eh schon klassik-afin ist, wird wohl eher mit einem massiven Klangkörper wie einem Orchester zu begeistern sein als mit einem Streichquartett - selbiges taucht ja außerhalb von Klassik-Konzerten allenfalls einmal bei Sport-Events auf, um die Nationalhymne zu spielen...

In der Tat kann man sich ja fragen, inwiefern die meisten Musikfreunde, selbst wenn sie gerne Klassik hören, tatsächlich auch alle Mozart- oder Haydn-Symphonien gehört haben? Selbst die "populärere" oder "massenwirksamere" Gattung der Symphonie hat es also mitunter schwer - Von den Streichquartetten daher ganz zu schweigen...will sagen, dass meistens nur ein paar "Zugpferde" tatsächlich im öffentlichen Bewusstsein verankert sind, und die darüberhinaus existierenden Werke, ungeachtet ihrer musikalischen Qualität, oftmals nicht so stark wahrgenommen werden, wie sie es verdient hätten.

Umso mehr füllt dieser Thread eine Lücke, und ich bin guten Mutes, dass er auch langfristig seine Leserschaft finden wird, wir sollten uns also daher nicht decouragieren lassen. Ich werde Dir, lieber Alfred, bei Deiner Reise durch die Schubert'schen Quartette jedenfalls gerne als Begleiter zur Seite stehen.

Reinhards Aufnahmen habe ich teilweise per Klangschnipsel angehört; was das Verdi-Quartett angeht, kann ich ihm nur beipflichten, dass klingt viel zu bedeutungsschwer und auch schwerfällig - da hört man schon anhand der wenigen Sekunden, wie frappierend da die Unterschiede sind, und umso höher ist die Leistung des Diogenes-Quartetts einzustufen.

Reinhard

Moderator

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8

Samstag, 15. Juli 2017, 00:16

Reinhards Aufnahmen habe ich teilweise per Klangschnipsel angehört; was das Verdi-Quartett angeht, kann ich ihm nur beipflichten, dass klingt viel zu bedeutungsschwer und auch schwerfällig - da hört man schon anhand der wenigen Sekunden, wie frappierend da die Unterschiede sind, und umso höher ist die Leistung des Diogenes-Quartetts einzustufen.

Ach, das lese ich doch gern, daß ich mit meiner Meinung nicht daneben lag. Dann werde ich mich mal um die Aufnahme mit dem Diogenes-Quartett bemühen. Irgendwie hat mir das jetzt Lust gemacht.
Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
(Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)