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Alfred_Schmidt

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1

Freitag, 9. Juni 2017, 21:31

Rendevouz mit der Zukunft - Die Schallplatte als Fenster in die Vergangenheit.

Als 1878 Thomas Alva Edison das Gedicht "Mary Had a Little Lamb" in den Trichter seines Phonographen (bzw eines Prototyps davon,) sprach, da war ein neues Zeitalter angebrochen, nämlich das der Tonaufnahme. Die neue Erfindung stieß teilweise auf großen Widerstand, ein hoher geistlicher Würdenträger behauptete sogar, es wäre der Teufel, der aus dem Trichter spräche und mit seiner quäckenden Stimme die Menschen nachäffe. Edison konnte ihn dann mit einem kindischen Argument überzeugen.
Die Schallplatte machte die Verbreitung von Tonaufzeichnungen leichter, die elektrische Aufnahme (ab 1925) brachte Verbesserungen der Aufnahmequlität die laufend gesteigert wurde, Der nächste große Schritt war die Langspielplatte, mono auf Vinyl, sie setzte sich anfangs der 50er Jahre durch. Ab ca 1955 gab es die ersten serienreifen Stereoaufnahmen, seit 1983 gibt es die CD. Man kann davon ausgehen, daß ab ca 1960 gemachte Stereotonaufnahmen auch heutige "normale" Ansprüche zufriedenstellen können, wir haben also 60 Jahre Tonaufzeichnung in "naturnaher " Qualität.
Welch ein Boom - in den späten 50ern, als angefangen wurde alles was nicht niet- und nagelfest war aufzunehmen, da wurden die größten Künstler engagiert und auch solche, die große Namen hatten, ihren Zenith aber bereits überschritten hatten. - Wie dem auch sei.
All das geschah um das Spiel der großen Solisten und Dirigenten, sowie Sängern für alle Zeiten festzuhalten. Der englische Pianist Clifford Curzon nannte die Studioaufnahmen "Rendevouz mit der Zukunft" und sie stimmten ihn traurig.
Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen welcher Aufwand einst getrieben wurde um musikalische Darbietungen für die Nachwelt zu erhalten. Dabei hat man allerdings nicht darüber nachgedacht, ob das Vermächnis von den Erben auch angenommen wird.......

mfg aus Wien
Alfred

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harry

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2

Samstag, 10. Juni 2017, 01:23

Der englische Pianist Clifford Curzon nannte die Studioaufnahmen "Rendevouz mit der Zukunft" und sie stimmten ihn traurig.
Ist es erstaunlich - verwunderlich - normal, welche extrem unterschiedliche Einstellungen Interpreten zu Studioaufnahmen haben? Glenn Gould z.B. zog sich komplett vom Konzertbetrieb zurück und arbeitete fortan nur noch im Studio (wo z.B. seine legendären Goldberg-Variationen entstanden; ob diese Qualität live jemals erreichbar gewesen wäre - in einer Sternstunde vielleicht). Demgegenüber Sergiu Celebidache, der nach meiner Erinnerung jede Aufführung eines Stücks als ein einmaliges und nicht wiederholbares Ereignis betrachtete und deshalb jede Art von "Konserve" ablehnte. Sicher ist er da näher bei Curzon, den vielleicht auch genau dieser Gedanke "traurig stimmte".
Ein "Fenster in die Vergangenheit" ist die Schallplatte insofern, als...

alles was nicht niet- und nagelfest war
aufgenommen wurde; allerdings waren auch wahre Schätze darunter - Aufnahmen mit Referenzcharakter und auch philologisch-musikhistorische Projekte wie z.B. die 10 Kassetten mit je 3 LPs umfassende Dokumentation des Deutschen Musikrats "Zeitgenössische Musik in der Bundesrepublik Deutschland", die meines Wissens nie auf CD umgeschnitten wurde - eine Fundgrube für entsprechend Interessierte und nur unter größten Mühen heute in dieser Umfänglichkeit zusammen zu tragen, wenn überhaupt.
Der Knackpunkt ist natürlich das liebe Geld - im Unterschied zu allem, was in den 50/60ern an "nicht Niet- und Nagelfestem" aufgenommen wurde, richtet sich die Ausgabenpolitik der Labels spätestens seit Youtube und Spotify nur noch nach der Verkäuflichkeit; die Namen von Zugpferden (wie z.B. Netrebko, Garret, Dudamel u.v.a.m.) sind wichtiger als die Komponisten und ihre Werke (was man häufig auch auf den CD-Covers unschwer nachvollziehen kann). Allerdings gibt es mittlerweile doch einige löbliche Ausnahmen, die den Mut besitzen, auch ausgesprochenes Nischenrepertoire zu veröffentlichen, und - Gottseidank werden sie immer mehr!

Grüße aus dem schönen Odenwald
harry

Alfred_Schmidt

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3

Samstag, 10. Juni 2017, 15:39

Ist es erstaunlich - verwunderlich - normal, welche extrem unterschiedliche Einstellungen Interpreten zu Studioaufnahmen haben?

Eigentlich ist es nicht erstaunlich, mancher braucht das Publikum, das quasi "mitspielt", es ist möglich, daß eine Sympathiewelle vom Publikum auf den Künstler überströmt und ihn beflügelt. Das ist bei Solodarbietungen und Kammermusik natürlich ausgeprägter. Es kann eine Verbindung zwischen Interpreten und Publikum geben, die - abgesehen davon, dass man zahlen muß - beinahe "intim-Privat" anmutet, oft dadurch gekennzeichnet, daß am Ende der Darbietung nicht nur das Publikum dem Künstler applaudiert, sondern daß er im Gegenzug dasselbe macht.

Manche Künstler mögen indes Menschen nicht unbedingt, sie betrachten das Publikum als notwendigen Störfaktor, der hustet, mit Konfektpapier raschelt und darauf wartet, daß der Pianist einen Fehler macht. Die Stimmung eines Publikums kann schnell ins Negative wechseln, wenn beispielsweise der Pianist die Erwartungen nicht erfüllt. Wer heute vor ein Publikum tritt, der spielt nicht nur gegen seine Konkurrenz, sondern gegen seine eigenen (auf Perfektion geschnittenen) Schllplatten (CDs).

Umgekehrt bietet die sterile Atmosphäre eines Studios einerseits eine gewisse Sicherheit, andrerseits entsteht eine gewisse Spannung - zu wissen - man spielt "für die Ewigkeit".
Allein das Licht "Aufnahme" versetzt so manchen in Panik - wenngleich ich glaube, daß man da heute abgehärteter ist.

Überliefert ist, daß Walter Gieseking die Abbey Road Studios als "Folterkammern" bezeichnete.

mfg aus Wien
Alfred

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Rheingold1876

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4

Samstag, 10. Juni 2017, 21:39

Überliefert ist, daß Walter Gieseking die Abbey Road Studios als "Folterkammern" bezeichnete

Da hat er wohl wahr gesprochen, der gute Gieseking. Überliefert ist auch die Klage, Walter Legge kreuzige die Pianisten in diesen Studios. In dern 1950er Jahren, als sich die technischen Möglichkeiten herausgebildet hatten, begann namentlich Legge, der legendäre EMI-Produzent damit, musikalische Werke exemplarisch einzuspielen. Es sollte das Optimale herausgeholt werden. Dafür wurden etliche der besten Klangkörper und Solisten verpflichtet. Die Schallplatte, damals das wichtigste Medium, etablierte sich neben dem allgemeinen Opern- und Konzertbetrieb als ganz eigenenständige Kunstform. Nichts durfte dem Zufall überlassen bleiben. So und nicht anders sollte es sein. Im Ergebnis dieses Wollens, das mit enormen Anstrengungen verbunden war, sind tatsächlich - daran habe ich nicht den geringsten Zweifel - maßstäbliche Einspielungen gelungen, die eine Vorstellungen davon geben, was möglich ist. Ohne jetzt auf Einzelheiten einzugehen, teile ich den eingangs zitierten Ausspruch von Clifford Curzon. Diese maßstäblichen Studioeinspielungen erwiesen sich für dann folgende Interpretengenerationen auch als schwere Hypothek. Die Jungen wurden und werden mitunter noch immer daran gemessen. Ist das so schlecht?
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

Alfred_Schmidt

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5

Sonntag, 11. Juni 2017, 01:32

Legge war ja wohl ein Spezialfall für sich, einer der großen Produzenten der Schallplattengeschichte, ein würdiger Nachfolger des großen Fred Gaisberg, dem wir die ersten Caruso-Aufnahmen und jene der Adelina Patti, sowie Luisa Tetrazzini verdanken. Er versuchte auch die Feindschaft zwischen Wilhelm Furtwängler und Herbert von Karajan zu beenden - hier blieb er allerdings erfolglos. Legge mißtraute vielen Künstlern, die er engagiert hatte und überwachte deren Aufnahmen, Er war mit Elisabeth Schwarzkopf verheiratet, was zu Gerüchten führte, daß er sie protegierte und er sie anderen Sängerinnen vorzog, Dem wiedersprach er aufs heftigste. Weder Freundschaften, noch Feindschaften könnten sein Urteil beeinflussen, meint er. Das wörtliche Zitat konnte ich leider nicht finden. Wenngleich er großes für die Schallplattengeschichte leistete, do gibt es dennoch einen Wermutstopfen: In entscheidender Position bei EMI tätig, versuchte der die Einführung der Stereo-Schallplatte so lange wie möglich zu verhindern.

mit freundlichen Grüßen auns Wien
Alfred

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Rheingold1876

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6

Sonntag, 11. Juni 2017, 08:46

Legge kam aus der Mono-Tradition. Er hat schließlich schon in den 1930er Jahren Platten produziert. Die erste "Zauberflöte" aus dem Studio von 1938 war auch sein Werk.


Diese künstlerische Vergangenheit konnte er wohl nie ablegen. Wer sich die Mühe macht und von ihm geleiteten Produktionen genau und vorbehaltlos anhört, wird verstehen, warum. Er wollte - besonders bei den Vokalaufnahmen (und nur die kenne ich genauer) - diesen waren, samtigen Klang. Diesen menschlichen Klang, der keiner besonderen technischen Unterstützung bedarf. Die Raffinessen mussten aus der Interpretation kommen und nicht aus den Maschinen. Was nun die oft beklagte und angebliche Bevorzugung seiner Frau Elisabeth Schwarzkopf angelangt, hatte er in ihr seine Medium gefunden. Sie konnte er formen nach seinem Bilde. Die machte alles, was ihm vorschwebte. So eine Partnerschaft stelle ich mir gnadenlos und nicht erstrebenswert vor. Aber die beiden haben etwas zustande gebracht, das einmalig sein dürfte. Hier findet sich die Zusammenfassung davon:



Der "Rosenkavalier" unter Herbert von Karajan ist schließlich - und das war Leger Kompromiss - zweifach eingespielt worden. Vormittags Mono, nachmittags Stereo. In dieser Form ist er auch auf den Markt gekommen, wobei die Monoaufnahme (rechts) erst um viele Jahre später auf CD veröffentlicht wurden:

Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

La Roche

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7

Sonntag, 11. Juni 2017, 09:09

Er war mit Elisabeth Schwarzkopf verheiratet, was zu Gerüchten führte, daß er sie protegierte und er sie anderen Sängerinnen vorzog,

Das Problem der Besetzung der Marschallin im Rosenkavalier zur Eröffnung des neuen Festspielhauses 1960 in Salzburg unter Karajan widerspricht dieser Aussage. Lisa della Casa war zugesagt worden, die Premiere zu singen, diese wurde verfilmt. Legge setzte durch, daß seine Frau diese Premiere singt, und damit auch der Film mit ihr gedreht wurde. Lisa della Casa erhielt nach eigenen Aussagen nicht einmal eine Information dazu. Allerdings sollte sie die 2. Premiere singen.

Sie war aber so vergnatzt, daß sie nie wieder in Salzburg sang.

Herzlichst La Roche
Ein Gespräch setzt voraus, daß der andere Recht haben könnte. Gadamer


Rheingold1876

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8

Sonntag, 11. Juni 2017, 18:06

Das Problem der Besetzung der Marschallin im Rosenkavalier zur Eröffnung des neuen Festspielhauses 1960 in Salzburg unter Karajan widerspricht dieser Aussage. Lisa della Casa war zugesagt worden, die Premiere zu singen, diese wurde verfilmt. Legge setzte durch, daß seine Frau diese Premiere singt, und damit auch der Film mit ihr gedreht wurde. Lisa della Casa erhielt nach eigenen Aussagen nicht einmal eine Information dazu. Allerdings sollte sie die 2. Premiere singen.

Lieber La Roche, gestatte mir einen kleinen Einwurf. Das Neue Festspielhaus in Salzburg wie es zunächst hieß, wurde am 26. Juli 1960 mit einer Neuinsznierung des "Rosenlkavalier" eröffnet. Die Marschallin sang Lisa Della Casa. Elisabeth Schwarzkopf stieg erst am 6. August in diese Produktion ein, also zur dritten Vorstellung. Es gab seitens des österreichischen Rundfunks ganz konkrete Pläne, die Premiere, die ja auch ein bedeutendes mediales Ereignis zu werden versprach, im Fernsehen zu senden. Dagegen soll sich Karajan erfolgreich gewehrt haben. Der wollte den kontrollierten Film, nicht das von vielen Risiken begleitete Live-Erebnis. Wohl auch aus nachvollziehbaren künstlerischen Erwägungen. Um die Entscheidung, dabei die Schwarzkopf einzusetzen, ranken sich viele Gerüchte, die immer mal wieder auf die Rivalität beider Sängerinnen anspielen. Es wurden auch Zusammenhänge hergestellt mit dem abgefilmten Salzburger "Don Giovanni", bei dem nicht die Schwarzkopf, die ein Abo auf diese Rolle hatte, sondern die Della Casa als Elvira zum Zuge kam. Wie auch immer. Mir soll es so Recht sein. Immerhin sind beide Sängerinnen in zentralen Rollen ihres Repertoires auch in bewegten Bildern überliefert. Schließlich verband beide Damen ein sehr professionelles künstlerisches Verhältnis. Das ist mir wichtiger als der Klatsch. Als die Schwarzkopf 1964 endlich zu ihren späten und schwierigen Debüt an der Met kam - und zwar auch mit der Marschallin im "Rosenkavalier" - stand ihr die Kollegin, die seit 1953 an diesem Haus etabliert war, dadurch bei, indem sie nochmals die Rolle des Octavian übernahm, die sie längst abgelegt hatte.

Alle Besetzungen der Salzburger Festspiele können im Online-Archiv nachgesehen werden. Hier der Link.
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

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Alfred_Schmidt

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9

Sonntag, 11. Juni 2017, 22:35

Ich will hier keine neue Dikussion über die verschiedenen Ring Aufnahmen anfangen, aber gerade die damals als "revolutionäre Klangbühne" ersonnenen Effekte bei Solti machen die Aufnahme für mich heutzutage altbacken.

Dieses Zitat aus einem anderen Thread bringt uns zum eigentlichen Thema des Threads, nämlich wie wir mit den überlieferten Aufnahmen umgehen, ob wir sie schätzen, bewundern, akzeptieren oder ob wir sie als zum alten Eisen gehörig sehen.
Das wird natürlich von jedem ein wenig anders gesehen werden und da auch nicht bei jeder Aufnahme gleich, so werden Caruso-Aufnahmen bis heute noch teilweise als Referenz gehandelt....

mfg aus Wien
Alfred

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Misha

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10

Sonntag, 11. Juni 2017, 22:50

........wie wir mit den überlieferten Aufnahmen umgehen, ob wir sie schätzen, bewundern, akzeptieren oder ob wir sie als zum alten Eisen gehörig sehen.
Das wird natürlich von jedem ein wenig anders gesehen werden und da auch nicht bei jeder Aufnahme gleich, so werden Caruso-Aufnahmen bis heute noch teilweise als Referenz gehandelt....

mfg aus Wien
Alfred

Ich stelle mal die ketzerhafte These auf, dass Caruso heute nicht mehr so erfolgreich wäre. Gigli oderTauber vielleicht schon, aber auch da bin ich mir nicht sicher. Die Leute erwarten heute - auch mangels Geschmacksbildung durch langjähriges vergleichendes Hören - eine andere Art des Singens mit mehr vordergründig plakativer "Emotionaliät" (jedenfalls das, was sie dafür halten).
Solti Ring: Damals hat man wohl versucht, mit den technischen Möglichkeiten auf der Klangbühne einen möglichst guten Ersatz für eine Opernaufführung zu schaffen. In Zeiten von Multimedia ist das obsolet. Ich glaube Opernfreunde (also die, die sich eine Gesamtaufnahme anhören), haben heute andere Erwartungen.
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Misha

9079wolfgang

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11

Sonntag, 11. Juni 2017, 23:50

Zitat

Ich stelle mal die ketzerhafte These auf, dass Caruso heute nicht mehr so erfolgreich wäre. Gigli oderTauber vielleicht schon,
Gerade Caruso würde heute noch überzeugen. Gigli bestimmt nicht mehr und Richard Tauber mitnichten!


Zitat

Ich glaube Opernfreunde (also die, die sich eine Gesamtaufnahme anhören), haben heute andere Erwartungen.
Das sieht bei mir entschieden anders aus. Ich besitze sehr gute Mono-Aufnahmen mit der Callas, Borkh, Tebaldi, del Monaco, Tucker, Björling, u. A., die mir von der Aufnahme und der Wärme der Stimme her weitaus besser gefallen als viele der neueren Stereo-Aufnahmen.
Ich möchte noch hinzufügen, daß ich von diesen und anderen aufgeführten Interpreten auch einige Gesamtaufnahmen besitze, die auch des Öfteren auf meinem Plattenteller landen.

do svidanje Misha :hello:
W.S.

Misha

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12

Montag, 12. Juni 2017, 00:02

Nur mal zur Klarstellung: ich habe hier nicht meinen persönlichen Geschmack angesprochen, sondern versucht, einzuschätzen, wie die Chancen „am Markt“ wären.
Ich selber bevorzuge auch größtenteils die von Dir genannten Sänger und ein Großteil der Gesamtaufnahmen, die ich besitze (wobei man natürlich konzediere muss, dass heute nicht mehr viel produziert wird) ist Jahrzehnte alt, aber ich glaube beispielsweise, dass ich die Ruhe in der Vergangenheit gegenüber Herrn Jonas Kaufmann am heutigen Massenmarkt nicht mehr behaupten könnten. Jetzt komme ich aber etwas weit vom Thema ab.
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Alfred_Schmidt

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13

Montag, 12. Juni 2017, 00:45

Also prinzipiell sind sicher alle drei Sänger modisch an ihre Zeit gebunden.

Aber ich möchte hier einen anderen Aspekt beleuchten. Bei Caruso kommt das mit Sicherheit nicht zum Tragen, vielleicht unabsichtlich durch die technische Unzulänglichkeit des Trichters. Aber gerade jetzt, wo ich das schreibe, fällt mir ein, daß das Phänomen, welches ich euch jetzt beschreiben möchte, auch im Falle der späteren elektrischen Aufnahme auf Schellack Gütigkeit hat. Die Stimmen klangen nämlich vor allem deshalb "samtiger", weil die höchsten Töne nicht aufgenommen werden konnte, das war erst ab etwa 1948/50 möglich - aber noch immer bediente man sich damals eines Kunstkniffs, der ältere Musikfreunde bei heutigen Aufnahmen vermissen; die Stimmen wurde nach vorn geholt und an der Balance wurde gedreht, die Orchester wurden leise, die Stimmen lauter - und dadurch daß sie sehr nah am Mikrophon waren, wärmer und fülliger. Heute legt man Wert darauf, daß die "Originalbalance " gewahrt bleibt und die Stimme nicht allzu präsent im Vordergrund steht. Da kann es dann schon mal passsieren, daß das Orchester eine Stimme zudeckt und man ein Quentchen (oder mehr) an Wärme und Volumen vermisst.

mfg aus Wien
Alfred
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Rheingold1876

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14

Montag, 12. Juni 2017, 08:53

wobei man natürlich konzediere muss, dass heute nicht mehr viel produziert wird

Nach meinem Eindruck ist das Gegenteil der Fall. Zumindest was die Zahl der Neuerscheinungen anbelangt, ob nun als Mitschnitt oder aus dem Studio. Einbezogen werden müssen dabei auch die DVDs. Ich kann zwar nicht mit konkreten Zahlen aufwarten, wage aber die These, dass nach 2000 durchschnittlich gerechnet mehr konservierte Musik in neuen Aufnahmen auf den Markt gekommen ist als in den Jahren zuvor.
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15

Montag, 12. Juni 2017, 09:59

wobei man natürlich konzediere muss, dass heute nicht mehr viel produziert wird

Nach meinem Eindruck ist das Gegenteil der Fall. Zumindest was die Zahl der Neuerscheinungen anbelangt, ob nun als Mitschnitt oder aus dem Studio. Einbezogen werden müssen dabei auch die DVDs. Ich kann zwar nicht mit konkreten Zahlen aufwarten, wage aber die These, dass nach 2000 durchschnittlich gerechnet mehr konservierte Musik in neuen Aufnahmen auf den Markt gekommen ist als in den Jahren zuvor.

Ich habe mich unklar ausgedrückt und mal wieder nur an mein Hauptinteresse gedacht: Operngesamtaufnahmen. Was da heute auf den Markt kommt, sind ja fast nur noch Mitschnitte von Konzerten oder Aufführungen. Sorgfältig produzierte Projekte gibt es fast nicht mehr.
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16

Montag, 12. Juni 2017, 11:05

Ich habe mich unklar ausgedrückt und mal wieder nur an mein Hauptinteresse gedacht: Operngesamtaufnahmen. Was da heute auf den Markt kommt, sind ja fast nur noch Mitschnitte von Konzerten oder Aufführungen. Sorgfältig produzierte Projekte gibt es fast nicht mehr.

Das hat natürlich verschiedene Ursachen. Man hat heute die (aus Kostengründen) üblichen Mitschnitte den Leuten so eingeredet, daß sie eigentlich gar nichts anderes mehr wollen.
Ich komme aus einer anderen Zeit. Mitschnitte habe ich in meiner Jugend nur ausnahmsweise gekauft, weil ich meinte, da könne ich gleich Radioübertragungen auf Band mitschneiden.
Die Problematik bei Mitschnitten sind ja nicht nur die Publikumsgeräusche, sondern vor allem die nicht kontrollierbare Akustik. Im Studio habe ich da doch mehr Möglichkeiten.
Andrerseits überträgt heutiges Aufnahmeequipment auch die kühle Studioatmosphäre, wenn da nicht gegengesteuert wird. Künstlicher Nachhall ist heute verpönt, da auch er von heutigen Wiedergabegeräten als solcher entlarvt wird.

ABER, allmählich kommen doch wieder vereinzelt Studioproduktionenauf den Markt. - ein gutes Zeichen.

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Alfred

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17

Montag, 12. Juni 2017, 12:00

Bei Alfreds Statement Nr. 13 fällt mir eine Stelle aus den Tagebüchern von Thomas Mann ein. Dieser besuchte Bruno Walter in Beverly Hills, wo ihm vom Hausherren dessen neue HIFI-Anlage vorgeführt wurde. Diese repräsentierte natürlich das Fortgeschrittenste, was seinerzeit überhaupt existierte, teilweise mit Geräten, die auf dem Markt noch gar nicht präsent waren.
Thomas Mann war bitter enttäuscht über den "harten und grellen" Klang der Anlage und wunderte sich, daß Bruno Walter dies überhaupt aushalten könne.
Mann war eben den dunklen, wenig frequenzreichen Klang der damaligen üblichen Abspielgeräte gewöhnt, und auch die Schallplattenaufnahmen oder Radioübertragungen wurden in diesem "Zigarrenkisten-Sound" hergestellt bzw. übertragen.
Man vergleiche den Klang eines - auch sehr teuren - Radios der fünfziger Jahre mit einem modernen Tuner!

Viele Grüße

Joachim
"Die Musik steht hinter den Noten" (Gustav Mahler)

Karl

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18

Montag, 12. Juni 2017, 13:01

Zitat

All das geschah um das Spiel der großen Solisten und Dirigenten , sowie Sängern für alle Zeiten festzuhalten.
Der englische Pianist Clifford Curzon nannte die Studioaufnahmen "Rendevouz mit der Zukunft" und sie stimmten ihn traurig.
Hätte man Mozart oder Beethoven erzählt, daß man ihre Musik konservieren kann bis zum Ende aller Tage, sie zu jeder beliebigen Stunde bei sich zuhause anhören könne, sie hätten wohl geantwortet, daß das natürlich der Traum jedes Musikliebhabers sei, aber leider nicht möglich. Und anschließend sich schnell verabschiedet, um diesen seltsamen Spinner zu entkommen.

Im Gegensatz zu Curzon war z.B. Karajan alles andere als traurig, daß man ein musikalisches Vermächtnis hinterlassen kann.


Zitat

Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen welcher Aufwand einst getrieben wurde um musikalische Darbietungen für die Nachwelt zu erhalten.
Dabei hat man allerdings nicht darüber nachgedacht, ob das Vermächnis von den Erben auch angenommen wird.......
Der technische und monetäre Aufwand aus früherer Zeit ist leicht verständlich, wenn man sich die Begeisterung für die entstandene Möglichkeit der Aufnahme von Musik vor Augen führt. Gleiches gilt für Foto und Video.

Da ging man wohl schlicht davon aus, daß die Nachwelt für jede vorhandene Aufnahme dankbar sein wird.

Aber die Zeiten ändern sich.

Durch die Kopierbarkeit der digitalen Tonträger werden viele Aufnahmen zu Preisen angeboten, die teuere Produktionen nicht mehr erlauben.

Bertarido

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19

Montag, 12. Juni 2017, 14:10

Ich habe mich unklar ausgedrückt und mal wieder nur an mein Hauptinteresse gedacht: Operngesamtaufnahmen. Was da heute auf den Markt kommt, sind ja fast nur noch Mitschnitte von Konzerten oder Aufführungen. Sorgfältig produzierte Projekte gibt es fast nicht mehr.
Gerade bei Operngesamtaufnahmen ziehe ich einen Live-Mitschnitt jeder Studioproduktion vor. Umso mehr natürlich, als ich mir Opern am liebsten auf DVD/Blu-ray anschaue. Und ich denke, dass man auch einen Live-Mitschnitt sorgfältig produzieren kann.


Die Problematik bei Mitschnitten sind ja nicht nur die Publikumsgeräusche, sondern vor allem die nicht kontrollierbare Akustik. Im Studio habe ich da doch mehr Möglichkeiten.
Publikumsgeräusche bei Live-Mitschnitten sind doch wohl ein Relikt der Vergangenheit. Ich kann mich jedenfalls an keine neuere Live-Aufnahme erinnern, wo irgendwelche derartigen Geräusche zu hören gewesen wären. Und die Qualität der Aufnahmetechnik ist so gut, dass eine Live-Aufnahme heute auch nicht schlechter klingt als eine Studio-Produktion. Bei Opernaufnahmen tragen die Sänger Mikrophone am Körper, so dass man auch die Abmischung der Stimmen kein Problem ist.

9079wolfgang

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20

Montag, 12. Juni 2017, 14:32

Zitat

Joachim Schneider: Man vergleiche den Klang eines -auch sehr teuren- Radios der fünfziger Jahre mit einem modernen Tuner!

Ich besaß bis vor wenigen Jahren noch einen NORDMENDE "Tannhäuser", ein Röhrengerät mit 4 Lautsprechern und einem wundervollen, weichen Klang. Dieses Gerät vermisse ich noch heute.
W.S.

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21

Montag, 12. Juni 2017, 15:15

Zitat
Joachim Schneider: Man vergleiche den Klang eines -auch sehr teuren- Radios der fünfziger Jahre mit einem modernen Tuner!
Ich besaß bis vor wenigen Jahren noch einen NORDMENDE "Tannhäuser", ein Röhrengerät mit 4 Lautsprechern und einem wundervollen, weichen Klang. Dieses Gerät vermisse ich noch heute.

Ich verstehe, was Du meinst; ich kenne diesen weichen und dunklen Klang von einem Grundig-Radio meines Großvaters, das dieser angeschafft hatte, da er zu krank war, um persönlich nach Bayreuth zu reisen, aber wenigstens im Radio die Festspielübertragungen hören wollte.

Mit High Fidelity im engeren Sinne hat dies aber nichts zu tun. Ich kann mich noch an meine erste HIFI-Anlage erinnern, die ich zum Abitur bekam; dies war für mich eine akustische Offenbarung, denn eine solche Klangqualität kannte ich nur von der Anlage in unserem Musiksaal (damals hatten die Schulträger noch Geld wie Heu und investierten dieses auch in ihren Schulen).

Viele Grüße

Joachim
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Alfred_Schmidt

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22

Dienstag, 13. Juni 2017, 22:27

Ich komme wieder zurück zum Fenster in die Vergangenheit:

An den Hauptgrund dieses Threads wurde ich heute wieder erinnert, als andernorts in diesem Forum darüber diskutiert wurde, inwieweit man heut Karl Richters Bach-Interpretationen noch hören könne, Aber auch die Kritik an den Spielerein der Tontechnik bei Soltis Ring passt trefflich hierher, und nicht zuletzt Karl Böhms Mozart Dirigate. Und da beginnt man sich zu fragen: Wozu werden Schallplattenaufnahmen eigentlich gemacht? Was ist das Ziel? Wozu der Aufwand? Was will man erreichen?

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23

Montag, 26. Juni 2017, 01:08

Was ist das Ziel ? Wozu der Aufwand? Was will man erreichen ?

Nun, das liegt eigentlich auf der Hand: Man will Überliefernswertes - oder das was man dafür hält - für kommende Generationen bewahren.
Es hat sich aber harausgestellt, daß dies Generationen gar nicht interessier an der Vergangenheit und ihren Interpreten sind. Anfänglich dachte man, dies läge an der schlechten Tonqualität, die in der Tat in der Steinzeit der Tonaufnahme nicht dazu angetan war, die Klassikfreunde zum Hören zu animieren.
Mit Einführung der HIFI-Norm und der Stereophonie - etwa 1955 - dachte man, den kritischen Punkt überschritten zu haben. Und das hatte man auch - aber die heutige Gentetion akzeotier teilweise eher heutige Mittelmaß, als erstlassiges von gestern. Diese Tendenz ist eigentlich allgemein bekannt, manch dachte aber, daß der Klassikmarjt davon nicht betroffen sei. Das war aber in Irrtum. Die Tonträgrinsustrie hat daraus die Konsequenzen gezogen. Man hudelt die aufnahme in Eiltempo herunter, begnügt sich mit Mitschnitten, verkauft das Produkt dann drei Jahre und nimmte es dann zugunsten eines neueren aus dem Programm...

mit freundlichen Grüßen aus Wien
Alfred

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Theophilus

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Montag, 26. Juni 2017, 05:37

Zitat

Was ist das Ziel ? Wozu der Aufwand? Was will man erreichen ?

Nun, das liegt eigentlich auf der Hand: Man will Überliefernswertes - oder das was man dafür hält - für kommende Generationen bewahren.

Bei all den vorgeschobenen hehren Beweggründen - die vielleicht hin und wieder auch zutreffen - sollte man dabei nie vergessen, dass Schallplattenfirmen grundsätzlich Unternehmen sind, die mit ihrem Produkt schlicht und einfach Geld verdienen wollen - wie jede andere Firma auf anderen Gebieten auch...