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Dr. Holger Kaletha

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61

Sonntag, 28. Mai 2017, 12:52

Kann man denn bei dem ganzen analysieren, rezensieren, vergleichen, theoretisieren überhaupt noch Spaß an der Musik haben?
Ich glaube, lieber Reinhard, dass Du hier doch etwas zuspitzt. Es gibt ja nicht nur die reinen Konsumenten, sondern viele Musikhörer spielen ein Instrument, spielen im Hobbyorchester, singen im Kirchenchor etc. Wenn die dann "ihre" Stücke über CD hören, vergleichen sie selbstverständlich. Zum anderen: Warum hören wir 30 Jahre und mehr immer dieselben Stücke? Warum wird uns das nicht langweilig? Eben weil wir Interpretationen vergleichen, analysieren, wir wollen das, was wir mögen, besser verstehen usw. Wenn ich höre und zugleich verstehe, ist der Genuss deutlich größer. So geht es sicherlich nicht nur mir. Warum kaufe ich wohl die 20. Interpretation einer Mahler-Symphonie? Nur für den reinen "Genuss" würde ja eine vollends reichen. Du erwähnst die Tempi. Aktuelles Beispiel: Ich mag allgemein Svjatoslav Richters "langsame" Tempi bei Schubert sehr, etwa bei der B-Dur-Sonate (D 960). Kürzlich hörte ich aber D 840 von ihm und da war er mir im Kopfsatz einfach viel zu langsam. Das gefiel mir nicht. Da möchte ich nun wissen: Warum mag ich das langsame Richter-Tempo bei D 960, bei D 840 aber nicht? Da gibt mir dann die Analyse die Antwort.

Und: Zwischen solchem auf die konkrete Hörpraxis des Hörens und Spielens bezogenem "Analysieren" und wissenschaftlichem Theoretisieren ist doch wohl ein Unterschied. Musikwissenschaftliche Analysen, die die "Fliegenbeine" zählen und nur z.B. harmonische Funktionsanalyse betreiben (oder Formanalyse), ohne dass klar wird, was mir das für mein Hörerlebnis für einen Gewinn bringt, finde ich auch unergiebig. Anders ist es aber, wenn wir z.B. darüber diskutiert haben, inwieweit das Finale von Beethovens op. 13 "Pathetique" noch ein Kehraus-Finale ist oder nicht. Eine solche Diskussion verändert meine Wahrnehmung. Hier hatte mich Christian B. kritisiert, dass dies eben nicht nur ein Kehraus-Finale ist, wie ich schrieb, womit er völlig Recht hatte und ich ihm dafür sehr dankbar bin. Dadurch habe ich nämlich wirklich etwas in diesem Forum gelernt. So sollte es doch sein, oder? :hello:

Schöne Grüße
Holger

Helmut Hofmann

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62

Montag, 29. Mai 2017, 22:04

Bevor ich mir vorhalten muss, die aufgeregt-wortreichen und die angebliche Überlegenheit des analytisch-rationalen Diskurses über Musik reklamierenden Reaktionen auf meine an den Starter dieses Threads gerichteten Worte der Aufmunterung könnten vielleicht eine retardierende Wirkung entfaltet haben, möchte ich, um dem entgegen zu wirken, eine Komposition vorstellen, die für mich eine Perle der Chopin-Musik darstellt, weil sie deren Geist verkörpert:
Die im hochgradig artifiziellen Spiel mit Melodik und Harmonik gleichsam tastende, immer wieder in neuem Anlauf erfolgende, den Abbruch überwindende und schließlich vom Erfolg gekrönte Geburt einer faszinierenden Melodie. Sie ereignet sich im f-Moll-Mittelteil des As-Dur-Impromptus von Chopin, des ersten seines Opus 29.

Hier in einer Aufnahme zu vernehmen, die ich für die mit Abstand beste Interpretation dieses kleinen Werks halte. Der von mir ansonsten so hoch geschätzte Horowitz wird ihr, wie ich finde, infolge des von ihm gewählten zu hohen Tempos und der damit einhergehenden Gefahr einer zu wenig akzentuierten Wiedergabe des Notentextes nicht voll gerecht. Wohl aber Rubinstein:


m-mueller

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63

Montag, 29. Mai 2017, 22:54

Wenn man dem Komponisten unterstellt, dass er nicht bei Null angefangen hat, sondern zumindest rudimentäre Kenntnisse davon hat, was in der Musik vor ihm, passiert ist, dann steht das Werk natürlich nicht mehr allein, sondern in einer Tradition – selbst dann, wenn der Komponist diese bewusst ablehnen oder unterbrechen wollte. Und selbst wenn der Komponist wider jegliche Wahrscheinlichkeit wirklich nichts von der Tradition wissen sollte, so wäre er doch – wenn er nicht völlig außerhalb der Welt leben würde – in irgendeiner Weise Teil seiner Umgebung und auch schon allein dadurch kann man doch nicht mehr ernsthaft behaupten wollen, das Stück stehe für sich allein.

Natürlich gibt es alle möglichen Traditionen - auf die Renaissance-Musik hat die Kirche als wesentlicher Arbeitgeber großen Einfluß genommen, mal war Polyphonie zu komplex und lenkte die Schäfchen zu weit vom Hauptinhalt einer Messe ab, mal war sie gut genug, um den direkten Weg zu Gott zu beweisen, da andere diese Art überirdischer schöner Musik ja nicht darzustellen vermochten (z.B. langjährige Geheimhaltung von Allegris Miserere durch den Vatikan.) Dennoch kann man ohne Schwierigkeiten Palestrinas "Sicut cervus" ganz ohne Rückgriff auf die Missa Papa Marcelli beurteilen. Sicut cervus steht für sich allein, genauso, wie etwa "Sand des Verderbens" von Karl May unabhängig von Winnetou I beurteilt werden kann. Und Holger fordert ja sogar, daß man alle lederstrumpfartigen Indianergeschichten kennen sollte, um Winnetou gerecht zu werden. Vielleicht erkennt man anhand dieser etwas weiter weg liegenden Analogie den Blödsinn der Forderung gegenüber Laien.

Bei romantischen Werken ist vermutlich die Einflußstrukturen sogar noch komplexer und weniger eindeutig als in der Renaissance oder der Wild-West-Literatur. Wenn man wirklich Musikhistorie betreiben will, hat man dann ein sehr weites Feld. Ich halte es hinsichtlich der Intention des Threads für irrelevant.

m-mueller

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64

Montag, 29. Mai 2017, 23:12

Sagen wir mal so. Wer mit einer so steilen Kombination wie "beste Stücke" und einem gönnerischen "nur 10-12% sind wirklich gut" einsteigt, der kann kaum damit rechnen, dass es nicht Kontra gibt. Und das kann m-mueller normalerweise auch vertragen.
Man kann sich dann aber nicht zurückziehen und sagen "alles nur persönliche Vorlieben". Das mag ja so sein, diese defensive Haltung passt aber eben gerade nicht zu dem vorhergehenden Selbstbewusstsein der "10% besten Stücke".
Es ist eben, anders als bei z.B. Haydn oder Liszt, im Falle Chopins nun mal so, dass fast alle seiner Werke feste Repertoirestücke sind, die seit etwa 150 Jahren von nahezu allen Pianisten rauf und runter gespielt werden. D.h. nicht irgendwelche "musikwissenschaftlichen Eierköppe" haben das am Schreibtisch entschieden, sondern die Praxis des Musikbetriebs. Insofern ist "nur 10-12% wirklich gut" in diesem Fall entweder naiv oder provokant oder beides und wird entsprechende Entgegnungen hervorrufen, s.o.
Das hat auch mit (anti-)intellektuell erst mal nichts zu tun, sondern mit einem offenen Umgang sowohl mit Musik als auch mit den Zugangsmöglichkeiten zur Musik.

10 - 15% sind durchaus nicht "gönnerisch", sondern bei "beste Stücke" ein fast sich anbietender Wert. Unabhängig, wie gut Chopin absolut sein mag - hier geht es um seine besten Stücke, also nicht um alle, nicht um die Hälfte, etc. Da erscheint mir ein kleiner Prozentsatz viel logischer als ein großer zu sein. Egal, wie gut eine Klasse ist, nicht alle Schüler werden eine 1 haben, vielleicht eben 10 - 15%. Das sagt naturgemäß nichts aus über die anderen 85%, schon gar nicht, daß sie "schlecht" wären oder "nicht wirklich gut". Soviel mal zum Thema "genaues Lesen", das Holger immer gern reklamiert, wenn man in seinem Theoriesumpf mal wieder abgesoffen ist.

Und wie erkenne ich dann diese Stücke? Natürlich durch persönliche Vorlieben. Ich habe, glaube ich, seit 10 Jahren in diesem Forum noch nichts anderes gesagt, als daß ich Musik mit Hilfe persönlicher Vorlieben beurteile. Darin steckt die Rezeption von Melodie, Rhythmus, Tempo, Rafinessen bei der Ausführung, Lautstärke etc. - die Theoretiker haben noch ein paar Kriterien mehr, die sich aus der Partitur oder musikhistorischen Kontexten ableiten lassen, aber im Grunde sind es auch persönliche Vorlieben - gewisse unpassende Kriterien werden dann ggf. flugs umgewichtet, erzählt mir nicht, irgendwer käme hier zu einem objektiven Urteil.

m-mueller

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65

Montag, 29. Mai 2017, 23:32

Was ich ganz und gar nicht schätze, ist, wenn ich aufgrund irgendwelcher an den Haaren herbeigezogener Kriterien eine Umwertung vornehmen oder die ganz andere Wertung eines Gesprächspartner goutieren soll.

Das ist so eine typische Situation, die immer wieder vorkommen wird: A behauptet, Interpret X sei klasse, B meint, Y sei viel besser, da er sich an die Kriterien a, b und c halte, die für ein Werkverständnis im Lichte neugotischer Deutung zentral seien. Daraufhin erklärt A die Kriterien a und b für irrelevant und c für von B falsch angewendet und sagt, neugotische Deutung interessiere ihn eh nicht. Und schon hat man die beste Ausgangssituation dafür, daß wunderbar aneinander vorbeigeredet und viel Zeit verplempert wird, anstatt die jeweiligen Positionen klar darzustellen, es dann aber auch auf sich beruhen lassen und zum nächsten Stück weiterzugehen.

Zeit, die ich nicht habe.

m-mueller

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66

Dienstag, 30. Mai 2017, 00:07

hallo Helmut,

am Anfang wollte ich Dir schon sehr widersprechen, weil das Stück reichlich trällernd beginnt, aber dann wird es plötzlich abgründiger; der Boden des Kinderbeckens senkt sich, man kann in schimmernde Tiefen hinabtauchen - in der Tat ein interessantes Stück.

m-mueller

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67

Freitag, 2. Juni 2017, 18:58

ein leichter, etwas melancholischer Sommerwalzer

Nr. 11 a-moll, Alex Szilasi spielt

, sofort erstes Stück

m-mueller

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68

Freitag, 2. Juni 2017, 19:20

Der gewaltigste Walzer ist imho 64,2 in cis-moll, der, wie ich finde, hinsichtlich der Tempo-Verteilung besonders heikel ist - ich finde keine Interpretation bei youtube, die ich bisher gehört habe, wirklich befriedigend - ich werde deshalb dieses gewaltige Stück mit mehreren Interpreten darstellen und diskutieren, als erstes hier Yuja Wang





Die einleitende Sequenz ist gut, die Tempowahl ausgezeichnet, insbesondere der melodische Kern des Stückes ab 1:00 min ist sehr gut dargestellt, auch mit der Steigerung der Geschwindigkeit bei der Wiederholung - die ganze Phrase wird ab 2:18 grandios wiederholt, aber danach ist die Geschwindigkeitsverteilung etwas zu sprunghaft.

Helmut Hofmann

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69

Freitag, 2. Juni 2017, 19:55

Zit: "dieses gewaltige Stück "

Findest Du, lieber m-mueller", das Adjektiv "gewaltig" hier wirklich angebracht? Ich habe den Verdacht, dass sich darin Dein Beeindruckt-Sein von der Musik niederschlägt. Ihrer Faktur wird es - wie ich finde - nicht gerecht.
Dieser Walzer ist ein typisches Chopin-Werk(chen): Exzessiv-verspieltes, die Räume von Tempo, Dynamik und Harmonik ganz und gar auslotendes Spiel mit dem Dreivierteltakt, und dies mit dem Ziel eine Melodik daraus zu gebären.
Darin ist es kompositorisch groß und faszinierend. Aber von "Gewaltig-Sein" weit entfernt. Gerade das macht ja doch seine Größe aus!
Schön aber, dass Du diesen Walzer hier eingestellt hast!

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70

Freitag, 2. Juni 2017, 20:10

Lieber Helmut,

vielleicht sind die Pferde mit mir durchgegangen, aber ja, ich finde das Stück gewaltig - es hat eine wunderbare Melodie, die flexibel interpretiert werden kann, diese Melodie wird von phantastisch komponierten "Zufahrten" immer wieder angesteuert und ich kann es mehr als fünfmal hintereinander hören, was auch für "gewaltig" ausreicht.

Oder in Form einer absoluten Wertung: das Stück ist eine 9 (Kontinuum von 0 - miserabel bis 10 - urgewaltig) - und 9 ist schon sehr selten, hat also das Attribut "gewaltig" mindestens verdient.

Inwieweit Du eine absolute Wertung des Stück(chens) darzustellen vermagst, fände ich jetzt sehr interessant!

Helmut Hofmann

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71

Mittwoch, 7. Juni 2017, 17:23

Es ist so still geworden hier, und das finde ich betrüblich.
Vielleicht kann ich ja, indem ich noch einmal kurz etwas zu dem cis-Moll-Walzer sage, diejenigen, die an diesem Thread interessiert sind - und vor allem seinen Initiator - aus den Büschen hervorlocken. in die sie sich verkrochen zu haben scheinen.

Ich kann, um auf Deine Frage einzugehen, lieber m-mueller, gut verstehen und nachvollziehen, warum Du von diesem Walzer so angetan bis, dass Du zu dem Wort "gewaltig" greifst. So Du es nicht als Beschreibung des klanglichen Charakters dieser Komposition verwendest - da wäre es gewiss fehl am Platz - sondern als Wiedergabe des Eindrucks, den sie auf Dich macht, ist das aus meiner Sicht voll angebracht.
Was mich an diesem Walzer so fasziniert, ist das feinsinnige Spiel mit kleinen melodischen Figuren, die durch subtile Variationen und harmonische Modulationen laufen, um am Ende in eine weiteräumiger phrasierte Melodie zu münden. Was Chopins Klaviermusik so einzigartig macht, das ist - wie man vor allem anhand der Kantilene des Mittelsatzes auf beeindruckende Weise vernehmen und erleben kann - seine Fähigkeit, eine im Grund schlichte Melodie durch eine reiche Ornamentik, durch Umspielungen, Ligaturen, melismatische Einfügungen, rhythmische Abstufung und harmonische Modulation so anzureichern, dass sie zu einem hochgradig artifiziellen Gebilde wird und dabei - und das ist das eigentlich Erstaunliche daran - ihren melodischen Geist nicht verliert.
Im Gegenteil: Er wirkt auf diese Weise sogar gleichsam potenziert und wie zu sich selbst gebracht.

m-mueller

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72

Donnerstag, 8. Juni 2017, 11:09

Lieber Helmut,

ich komme ja schon aus dem Busch, manchmal bedarf es allerdings einer Antwort (wie Deiner), um die dazu notwendige Motivation zu erreichen.

In der Tat, klanglich ist der Walzer sicherlich nicht gewaltig, sondern eher zart, und wie Du sagst, feinsinnig. Schlicht (als Melodie) ist ja keineswegs schlecht, die meisten der besten Melodien, die ich kenne, sind eher schlicht, man (ich) kann sich viel besser darauf konzentrieren und ihnen nachspüren als bei sehr komplexen Melodieverläufen z.B. innerhalb von Symphonien. Und ja, die Ornamentik ist so raffiniert und kunstvoll, daß die eigentliche Melodie in ein wunderbares "Bett" gelegt ist. Du hast das oben aber viel besser ausgedrückt als ich.

Ich hatte gesagt, hier mehrere Interpretationen des cis-moll-Walzers vergleichen zu wollen. Meine Standard-Referenz ist Valentina Lisitsa, und sie beginnt tänzerischer als Wang, in der entscheidenden Passage ab 0:48 ist sie allerdings zu wenig lyrisch, sondern "knallt" es zu schnell runter, auch um 2:00 herum und ab 3:05 ist sie zu schnell für den Charakter des Stückes, den ich im Sinn habe. Sie verwandelt dadurch ein eher träumerisches in ein technisch brilliantes Stück, das sich aber nicht mehr sehr abhebt von vielen anderen technisch brillanten Stücken Chopins. Es verliert sozusagen sein Alleinstellungsmerkmal.


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73

Donnerstag, 8. Juni 2017, 11:16

Noch extremer ist da Alexei Volodin, der zeigen will, wie gut er als Pianist ist, was dem Stück überhaupt nicht bekommt. Auch seine zum Teil abgehackten Phrasierungen deuten an, daß er anderes im Sinn hat, als ein lyrisches Stück aufzuführen.


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74

Donnerstag, 8. Juni 2017, 22:13

Kissin macht es richtig gut.

So sehr mir ein perfekter Flow bei Bach gefällt, so sehr gefallen mir hier die vielen kleinen Verzögerungen, mit der die Musik eigentlich erst richtig anfängt zu leben. Im Nähmaschinenrhythmus wirkt der Walzer jedenfalls eher mechanisch und wenig attraktiv. Schon erstaunlich, wie sich so scheinbar eherne Hörkriterien von Bach zu Chopin völlig umkehren.



zu einem Schnäppchenpreis:


Helmut Hofmann

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75

Samstag, 10. Juni 2017, 16:43

Zit: "Kissin macht es richtig gut."

Ja, das finde ich auch und stimme Dir darin zu, lieber m-mueller, - mit der kleinen Einschränkung vielleicht, dass er - mir - im Anschlag manchmal ein wenig zu hart ist. Nicht durchweg, aber in den Rahmenteilen empfinde ich das so. Dieser 1829 komponierte Walzer ist eine von den zarten Kompositionen Chopins, vielleicht sogar der klanglich zarteste überhaupt, - und deshalb unter den die Chopin-Musik liebenden Pianisten sehr beliebt. Geradezu klanglich entzückend sind die kleinen tänzerischen Mazurka-Hüpfer im Mittelteil.
Aber um noch einmal auf Kissin zurückzukommen: Was er zweifellos großartig macht, das ist das Rubato (ich nehme an, dass Du das mit dem Begriff "kleine Verzögerungen" meinst). Das Rubato verleiht der Klaviermusik Chopins in der Interpretation erst das Leben, das ihr innewohnt. Und er findet hier genau die richtige Mitte zwischen zu viel und zu wenig.

m-mueller

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76

Samstag, 10. Juni 2017, 18:57

Ja, das meinte ich: Kissin kommt nicht genau auf der Zählzeit, sondern ein wenig versetzt, und, völlig richtig, ist das ein ganz entscheidendes Moment in der Gesamtwahrnehmung des Stückes.

Einen zu harten Anschlag habe ich allerdings nicht festgestellt, aber vielleicht höre ich da etwas "robuster" als Du.

Hast Du denn eine Interpretation, die alle deine Ansprüche erfüllt?

m-mueller

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Samstag, 10. Juni 2017, 19:27

Das nächste Stück, das ich vorschlagen möchte, ist die Nocture op. 9, Nr. 2 in Es-Dur, und hier spielt mein aktueller Referenzpianist m. E. die Referenzinterpretation.

Das Stück ist vom Charakter nicht so sehr weit vom obigen Walzer 69,2 entfernt, es ist jedenfalls auch ein sehr lyrisches, zartes Stück.


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Samstag, 10. Juni 2017, 19:33

Yundi Li übertreibt es mit Rubato und Dynamik-Sprüngen


Helmut Hofmann

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Sonntag, 11. Juni 2017, 18:30

Du bist zwar in der Vorstellung von Chopin-Werken schon über den h-Moll-Walzer op.69 hinaus, lieber m-mueller, aber Du richtetest an mich die Frage "Hast Du denn eine Interpretation, die alle deine Ansprüche erfüllt?".
Und da es sich für mich gehört, auf eine Frage zu antworten, muss ich nun den Verlauf des Threads stören, um dem nachkommen zu können.
Ja, ich kenne eine solche Aufnahme. Es ist diese:






Eben habe ich mir diesen Walzer, interpretiert durch Claudio Arrau, noch einmal angehört, und ich kann nicht anders, als festzustellen: Er wird dieser Komposition deutlich besser gerecht als Kissin. Der Grund: Er wählt ein wesentlich langsameres Tempo, nimmt sich fast fünf Minuten Zeit (4.58), und die nutzt er, um in einer hochgradig differenzierten Weise die einzelnen melodischen Phrasen zu gestalten und jeweils mit einem Diminuendo am Ende ausklingen zu lassen. Kissin wirkt - für mich - im Vergleich dazu fast schon grobschlächtig.
Das ist unbedingt hörenswert. Fast würde ich von einer anderen pianistischen Welt sprechen, - einer, in der die Musik Chopins in ihrem Wesen und ihrem spezifischen Charakter viel umfassender und tiefer reichend aufklingt.

Hier ist ein Link zu einer Aufnahme mit Arrau als Interpret. Vielleicht stammt sie ja aus der oben angezeigten CD. Es ist jedenfalls kein Unterschied zur Interpretation dort festzustellen.
(Du würdest mir eine Freude machen, wenn Du mich Dein Urteil darüber wissen ließest.)

[/size][/youtube]

m-mueller

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80

Sonntag, 11. Juni 2017, 20:11

Lieber Helmut,

Threads sind ja selten streng linear, also Thema 1, Thema 2 usw, häufig findet nach nach Thema n ein Rückgriff auf Thema i statt - und mich stört das auch gar nicht. Insofern hat Deine Antwort überhaupt nicht gestört.

Ja, ich gebe Dir recht, Arrau ist deutlich besser als Kissin, und ich glaube auch, daß er die Intention Chopins besser erfaßt. Das ganze Stück liegt ausgebreitet wie eine Blumenwiese, auf der man alle Gräser und Blumen erkennen kann und nicht nur Farbkleckse sieht.

Ich bin zwar mit Arrau "groß" geworden (meine Oma hatte mehrere Platten von Arrau, allerdings im Wesentlichen Beethoven), habe ihn aber heute nur noch selten auf dem Schirm, weil modernere Musikdateien häufig besser klingen als ältere. Aber es lohnt sich offensichtlich, den Altmeister wieder stärker zu beachten.

Man sieht hier eigentlich ganz gut, wie die langsamere Spielweise zu einer transparenteren Darstellung des Stoffes führt, über Volodin, Lisitsa, Kissin zu Arrau wird es langsamer und besser, nicht nur besser durchhörbar, sondern dem Charakter des Stücks auch adäquater. Ich denke aber, daß das nicht in extenso geht, bei Tempi, die noch langsamer sind als die Arraus, gibt es vermutlich einen Spannungsabriß, ähnlich wie bei einem Flugzeug, das nicht mehr genügend Auftrieb hat.

Dr. Holger Kaletha

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81

Sonntag, 11. Juni 2017, 21:14




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Sonntag, 11. Juni 2017, 21:16

ab 13.03:


m-mueller

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Sonntag, 11. Juni 2017, 21:22

Hallo Holger,

ich darf mich mal selbst zitieren (aus Beitrag 80):

... weil modernere Musikdateien häufig besser klingen als ältere.

Dafür hast Du in der Tat einen schlagenden Beweis geliefert.

Dr. Holger Kaletha

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84

Sonntag, 11. Juni 2017, 21:35

Hallo Holger,

ich darf mich mal selbst zitieren (aus Beitrag 80):

... weil modernere Musikdateien häufig besser klingen als ältere.

Dafür hast Du in der Tat einen schlagenden Beweis geliefert.
Nichts für Ungut, lieber m-mueller.

Aber wegen solchen "Banausentums" (so empfinde ich das als Klaviermusik-Enthusiast mit einer Riesensammlung gerade auch historischer Aufnahmen) beteilige ich mich auch nicht weiter an diesem Thread. Das war nur ein Versuchsballon! Mir ist ein verrauschtes, dafür aber hochbedeutendes und aufregendes Cortot- oder Lipatti-Ereignis hunderttausend Mal lieber als die unzähligen stereophon-hifidelen Hochglanzlichter interpretatorischer Routine und Langeweile! :hello:

m-mueller

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85

Sonntag, 11. Juni 2017, 21:42

nu ja, auch pianistisch habe ich da jetzt (soweit hörbar) nichts Aufregendes vernommen, weder Lipatti noch Cortot werden dem Stück auch nur ansatzweise gerecht -

(und ewig grüßt der Banause....)

Dr. Holger Kaletha

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86

Sonntag, 11. Juni 2017, 21:43

nu ja, auch pianistisch habe ich da jetzt (soweit hörbar) nichts Aufregendes vernommen, weder Lipatti noch Cortot werden dem Stück auch nur ansatzweise gerecht
... das tut jetzt aber richtig weh! :no:

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87

Sonntag, 11. Juni 2017, 21:48

Suum Cuique.

Sollte es zu schmerzhaft werden: Diclofenac!

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88

Sonntag, 11. Juni 2017, 22:09

Ich wollte mich eigentlich bedanken bei Dir, lieber m-mueller, und noch einiges zur Interpretation dieses Walzers durch Claudio Arrau sagen, -
aber das geht nun nicht mehr.
Leider!

Dr. Holger Kaletha

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Sonntag, 11. Juni 2017, 22:10

Suum Cuique.

Sollte es zu schmerzhaft werden: Diclofenac!
Die Alternative (ist vieeeeel gesünder!) :D :D :D :D :D :D

P.S. Es sollte eigentlich bekannt sein, dass ich ein ganz großer Arrau-Verehrer bin. Das nur als Fußnote, damit keine Missverständnisse entstehen.

m-mueller

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Sonntag, 11. Juni 2017, 22:15

Lieber Helmut, mir ist nicht ganz klar, warum es nicht geht, anscheinend hat es etwas mit der zwischendurch stattgefundenen Diskussion zu tun, aber es ist sehr schade, daß wir den Gesprächsfaden nicht weiterspinnen können. Vielleicht wieder bei den nächsten Stücken...

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