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m-mueller

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31

Montag, 22. Mai 2017, 23:38

Einer meiner Lieblinge ist der Walzer op. 69, Nr. 2 in h-moll - aber man muß ihn langsam und gefühlvoll und dennoch stets im Fluß spielen. Die Interpretationen bei youtube sind mir meist zu schnell oder mit zu willkürlichen Temposprüngen, selbst Valentina Lisitsa nimmt den Walzer zu schnell und ist diesmal nicht meine Interpretation der Wahl.

Ich habe ziemlich lange gesucht, und schließlich Dalia Lazar gefunden:



Bei amazon ist von ihr nur ein mp3-Album zu finden, das werde ich hier nicht verlinken, zumal der Walzer auch nicht drauf ist - bei jpc gibt es gar nichts von ihr.
Schade, scheint eine Pianistin mit Potential zu sein.

Dr. Holger Kaletha

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32

Dienstag, 23. Mai 2017, 07:16

Ich habe ziemlich lange gesucht, und schließlich Dalia Lazar gefunden:
... finde ich ebenfalls schön und dieser, die Melancholie betonende Zugang gefällt mir auch sehr viel besser als der auf Brillanz getrimmte. An welchem großen Vorbild sie sich orientiert, ist aber auch klar :) :



Schöne Grüße
Holger

m-mueller

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33

Dienstag, 23. Mai 2017, 12:10



ein so zentrales Werk der Klavierliteratur wie die Chopin-Etüden hat es einfach verdient, dass man doch etwas seriöser damit umgeht. Der erste Schritt dazu wäre, dass man sich mit der Gattung "Klavieretüde" bis Chopin beschäftigt. Ein bekanntes Standardwerk sind die Czerny-Etüden. Die haben einen ausschließlich pädagogischen Zweck ohne künstlerische Ambition. Das sind Studien zum Training der Finger, um es mal salopp auszudrücken. Chopin hat nun neue Maßstäbe gesetzt, indem er an diesem klavierpädagogischen Aspekt einerseits festhält (was Liszt und Schumann in dieser systematischen Form dann gar nicht mehr tun), diesen "pädagogischen" Fingerübungen aber andererseits zugleich den Rang von Kunstwerken allerhöchster Güte verleiht. Das ist musikgeschichtlich einfach ein Novum!



Hallo Holger,

mir ist nicht so ganz klar, was Du unter "Beschäftigung" verstehst.

Mich vor dem Hören von Chopin-Etuden mit Cerny-Etüden zu beschäftigen, könnnte heißen: hören, hören und darüber Literatur lesen, die Noten mitlesen, selber spielen.

Ich bin aber der Meinung, daß das alles nicht nötig ist. Mag sein, daß ich die Chopin-Werke besser finde (oder verstehe), wenn ich mich erstmal durch die ggf. grottigen Cerny-Werke durchgewühlt habe. Aber das ist nicht mein Anspruch und auch nicht meine Vorgehensweise. Ich höre ein Stück und finde es gut oder nicht - der Kontext spielt keine große Rolle. Es steht für sich allein. Und ich beurteile es für sich allein.

Bei manchen Stücken, die ich besonders gut finde, interessiert es mich, mehr zu erfahren, aber ich würde nicht auch nur ansatzweise auf die Idee kommen, bevor ich irgendwelche Musik höre, mich durch sämtliche relevanten oder auch nur scheinbar relevanten Vorläufer durchzuhören. Da käme ich zu nix. Zumal der infinite Regress droht: der Vorgänger hatte einen Vorgänger hatte einen Vorgänger...

Wenn Du selbst so vorgehst, wundert es mich, wie Du überhaupt zu einer einzigen Bewertung kommst.

Wenn ich also von leeren Larven spreche, dann deshalb, weil ich leere Larven gehört habe - und wie lustig sie Pianisten finden, kann ich nicht beurteilen, da ich keiner bin. Und warum sollte mich das überhaupt interessieren?

Du schreibst, man müsse "seriöser" mit diesen Werken umgehen - das erkläre mir doch mal auf dem Hintergrund des gerade Gesagten.

Dr. Holger Kaletha

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34

Mittwoch, 24. Mai 2017, 07:23

mir ist nicht so ganz klar, was Du unter "Beschäftigung" verstehst.
Hallo M-Müller,

dann mache ich das mal klar am Beispiel von Bach WTK. :D Das C-Dur-Präludium kennt jedes Klavier spielende Kind - man kann das Stück ohne Mühe vom Blatt spielen. Im 19. Jhd. hat man auch daraus eine Schnulze gemacht - eine Singstimme unterlegt. So. Nun nehmen wir mal hypothetisch an, ich bin ein Hörer, der sich für die Musikgattung "Fuge" und ihre Geschichte rein gar nicht interessiert, sondern Musik einfach so hört, weil er sie schön findet. Die Schnulze, die man aus dem C-Dur-Präludium gemacht hat, habe ich im Ohr. Dann sage ich: Dieses Bach-Stückchen ist Trivialmusik, ganz nettes Ohrengeklingel, aber nichts von Bedeutung. 90% der Fugen sind mir zu gelehrt, das ist für mich reine Kopfmusik. Das sollen Universitätsprofessoren und Bachspezialisten hören, sage ich, musikalisch hat das für mich einfach nicht die Bedeutung von Beethovens "Appassionata". Das, der Beethoven, ist erhabene Musik, die das Herz berührt. Beethovens Klaviersonaten, fahre ich fort, sind vom Rang her 1000 Mal höher einzuschätzen als dieser vertrocknete Bach-Akademismus. Für wirklich "große" Musik von Bach, die mit Beethoven mithalten kann, erkläre ich dann maximal 10-12 % des WTK und mache einen Thread auf mit dem Titel "Bach - beste Stücke" mit dem Hintergedanken: Wirklich bedeutungsvoll von Bach sind nur 10-12% seiner Stücke, so dass man so einen Thread braucht, um die Spreu vom Weizen zu trennen, also festzustellen: Was lohnt es sich überhaupt von Bach zu hören und was nicht?

So ganz fiktiv ist das bezeichnend nicht. Denn im 18. Jhd., im Zeitalter der Empfindsamkeit, erführ der Bach-Sohn C.Ph.E. Bach die allgemeine Hochschätzung, die Fugen seines Vaters dagegen hat man gar nicht geschätzt, man hielt diese Musik für zopfig und hoffnungslos veraltet. Kaum einer hatte Lust, sie überhaupt zu hören. Das WTK erfuhr also damals überhaupt nicht die Wertschätzung, die es heute genießt.
Ich bin aber der Meinung, daß das alles nicht nötig ist. Mag sein, daß ich die Chopin-Werke besser finde (oder verstehe), wenn ich mich erstmal durch die ggf. grottigen Cerny-Werke durchgewühlt habe. Aber das ist nicht mein Anspruch und auch nicht meine Vorgehensweise. Ich höre ein Stück und finde es gut oder nicht - der Kontext spielt keine große Rolle. Es steht für sich allein. Und ich beurteile es für sich allein.
Der Czerny ist natürlich überhaupt keine Musik zum Hören, sondern zum Üben! Auch hier muss man sagen, dass dies eine sehr "moderne" Einstellung ist. Strawinsky hat mal gesagt: Anders als der Hörer des 18. und 19. Jahrhunderts interessiert sich der des 20. Jhd. nur noch für das individuelle Musikstück, nicht die Gattungen. Das war aber zu Chopins Zeiten ganz anders. Man hat eben sehr wohl auf die Einhaltung von Gattungstraditionen geachtet. Wenn ein Stück "Etüde" oder "Mazurka" heißt, dann wollte man auch eine "Etüde" und "Mazurka" hören, hat es also daraufhin bewertet, wie kunstfertig der Komponist mit diesen Gattungsvorgaben umgeht. Das gehörte mit zum Musikgenuss. Liszt fragte bezeichnend seinen Freund Chopin in Bezug auf die Polonaise-Fantasie: "Wieso ist das noch eine Polonaise?"
Wenn ich also von leeren Larven spreche, dann deshalb, weil ich leere Larven gehört habe - und wie lustig sie Pianisten finden, kann ich nicht beurteilen, da ich keiner bin. Und warum sollte mich das überhaupt interessieren?
Glenn Gould hat auch behauptet, dass Mozarts Klavierkonzerte nicht mehr bedeuten als leer gedroschenes Stroh - was schlicht ein krasses Fehlurteil ist. Wie es zustande kommt, ist auch klar: Er misst Mozart am Fugengeist von Bach, und davon ist dann bei Mozart natürlich nichts zu finden. Er ist also nicht in der Lage oder weigert sich schlicht, den Eigenwert von Mozarts Musik, die nun mal so total anders ist als Bach, zu erkennen. Ich höre keine Larven bei Chopin und alle Chopin-Liebhaber auch nicht. Gerade die Sextenetüde ist ein schönes Beispiel. Im Rahmen einer klaviertechnischen Aufgabenstellung öffnet sich bei Chopin die Tür zur Moderne, wenn man nur als Hörer nicht rückwärtsgewandt, sondern vorwärtsgewandt hört. Entdeckt wird hier nämlich die ästhetische Bedeutungs eines Intervalls an sich, das als reiner Klangkörper wahrgenommen wird. So etwas gibt es dann bei Debussy, es gibt ein Debussy-Prelude mit dem etüdenhaften Titel "alternierende Terzen" und auch eine Sexten-Etüde, natürlich von Chopin inspiriert.
Du schreibst, man müsse "seriöser" mit diesen Werken umgehen - das erkläre mir doch mal auf dem Hintergrund des gerade Gesagten.
Das habe ich eben anzudeuten versucht. ;)

Noch abschließend zu Chopin: Glenn Gould sagte, es gibt "pianistische" Klaviermusik und unpianistische. Er selbst hat sich für das "Pianistische" nie interessiert, was er auch offen sagt. "Der" Komponist, der wirklich "Klavier"-Musik geschrieben hat, ist nun mal Chopin. Nicht nur vom Klaviersatz her, der selbst in diesen schwierigsten Teilen immer gut in der Hand liegt (anders als Schubert z.B., der ist sperrig "unpianistisch"), sondern auch, was die Empfindung angeht: Das ist für das Klavier und seine Möglichkeiten erfundene Musik. Wer sich für das originär "Pianistische" nicht so interessiert, für den wird Chopin - oder Debussy etwa - auch nie einen besonders großen Stellenwert haben - nicht anders wie für Gould. :hello:

Schöne Grüße
Holger

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Donnerstag, 25. Mai 2017, 14:44

...Für wirklich "große" Musik von Bach, die mit Beethoven mithalten kann, erkläre ich dann maximal 10-12 % des WTK und mache einen Thread auf mit dem Titel "Bach - beste Stücke" mit dem Hintergedanken: Wirklich bedeutungsvoll von Bach sind nur 10-12% seiner Stücke, so dass man so einen Thread braucht, um die Spreu vom Weizen zu trennen, also festzustellen: Was lohnt es sich überhaupt von Bach zu hören und was nicht?


In der Tat, das ist der Sinn solcher Threads. Wenn es nur "beste Stücke" gäbe, wären sie sinnlos. Und 10- 15% ist meine Schätzung FÜR MICH, jeder andere kann da gern einen anderen Prozentsatz anlegen.

Und natürlich kann Dir auch die Sextenetüde gefallen, Du hörst ja keine Larve, ich schon - oder sagen wir, ich finde sie ein wenig "unstrukturiert". Wenn Gould Mozarts Klavierkonzerte nicht so prickelnd fand, wird er ebenfalls seine Gründe dafür gehabt haben - das als krasses Fehlurteil zu bezeichnen ist, nun, ein krasses Fehlurteil.

Über den Terminus "rückwärtsgewandtes Hören" breiten wir mal den Schleier des Vergebens... Vermutlich kann man auch bei 12-Ton-Musik jede Menge revolutionäre Intervalle "entdecken", wenn einem nicht vorher die Ohren abfallen.

Selbstverständlich hat Chopin andere Klaviermusik geschrieben als Bach, der kannte das moderne Piano ja nicht.

Umso mehr sollten sich doch die Anhänger "pianistischer" Klaviermusik darüber freuen, daß es auch aus der anderen Fraktion Leute gibt, die das eine oder andere pianistische Stück zu würdigen wissen.

m-mueller

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Donnerstag, 25. Mai 2017, 15:11

Eines der Stücke aus dem Olymp ist das scheinbare einfache Präludium Nr. 4 e-moll. Es ist so zart und fragil, daß es hier entscheidend darauf ankommt, wie das Tempo im Vergleich zum Aushalten der Töne, der Betonung der rechten Hand im Vergleich zur eher arhytmischen, z.T. schleppenden Begleitung der Linken ausfällt, wie die Lautstärkeverteilung im Stück ist, etc.

Richtig gespielt ist das Stück von einer wundervollen Melancholie, hat aber nichts Elegisches. Ein funkelnder Diamant, wie es nur ganz wenige gibt.

Die beste Version, die ich im Internet gefunden habe, kommt von Pogorelich:

, ab 3:44 min


m-mueller

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37

Donnerstag, 25. Mai 2017, 21:13

Sehr poetisch ist das Nocture op. 9,2, Lisitsa spielt auf typisch höchstem Niveau:


Accuphan

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  • »Accuphan« ist männlich

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38

Gestern, 08:32


Aufregend ist diese Cziffra-Improvisation mit der Etüde op. 10 Nr. 1 zum "Aufwärmen". Als jemand, der sich damit täglich über die Tasten gequält hat :D , fällt mir da einfach die Kinnlade runter:



"I am finished." Me, too!! :hail: Unfassbar... Cziffra kenne ich namentlich, habe ihn sicherlich schon im Radio gehört, aber noch nie bewusst und noch nie gesehen. Ist bekannt, was für eine Studiosituation das war? Da kommt einer rein, Phänotyp zwischen Busfahrer und Schuhverkäufer, und dann haut der sowas raus. Zum Aufwärmen?! Lang, lang nicht so gestaunt... ;)
(gut stimmen!!)

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39

Gestern, 09:12

Cziffra war ein Phänomen und hatte eine hochspannende (und teils tragische: Arbeitslager, Barpianist, tragischer Tod des Sohnes) Biographie. Es fehlen bei seinem Chopin zwar leider einige zentrale Werke (keine Préludes, keine Nocturnes, kein Mazurken, nur die 4. Ballade, auf der unten genannten Sammlung auch keine Scherzi, aber davon gibt es das 2. live auf Aura/Ermitage), aber die EMI-Aufnahmen sind nach wie vor günstig zu haben und lohnen auf jeden Fall:


Dr. Holger Kaletha

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40

Gestern, 16:38

"I am finished." Me, too!! :hail: Unfassbar... Cziffra kenne ich namentlich, habe ihn sicherlich schon im Radio gehört, aber noch nie bewusst und noch nie gesehen. Ist bekannt, was für eine Studiosituation das war? Da kommt einer rein, Phänotyp zwischen Busfahrer und Schuhverkäufer, und dann haut der sowas raus. Zum Aufwärmen?! Lang, lang nicht so gestaunt... ;)
Nein, leider nicht, lieber Accuphan! Der Witz mit Lang, lang ist wirklich gut! :D Schön ist auch diese Anekdote, die Tamas Vasary erzählt (erst über Gilels, dann über Cziffra):



Die "Ungarischen Rhapsodien" von Liszt spielt er unvergleichlich! Er hat viele Nachahmer natürlich unter den jüngeren Pianisten, die ihn bewundern, aber keiner kommt letztlich an das "Original" heran. :hello:
Cziffra war ein Phänomen und hatte eine hochspannende (und teils tragische: Arbeitslager, Barpianist, tragischer Tod des Sohnes) Biographie. Es fehlen bei seinem Chopin zwar leider einige zentrale Werke (keine Préludes, keine Nocturnes, kein Mazurken, nur die 4. Ballade, auf der unten genannten Sammlung auch keine Scherzi, aber davon gibt es das 2. live auf Aura/Ermitage), aber die EMI-Aufnahmen sind nach wie vor günstig zu haben und lohnen auf jeden Fall:
Zum Glück, Johannes, habe ich noch diese inzwischen vergriffene Box mit sämtlichen Aufnahmen.



Da sind auch die Etüden op. 10 und op. 25 drin, obwohl das eigentlich eine Philips-Aufnahme ist. (Ist die in dieser Einzelbox auch enthalten?) Sein Chopin ist überragend, gerade auch die Sonate Nr. 2. Wenn man diese Cziffra-Box besitzt, kann man ermessen, dass er nicht nur einer der größten Virtuosen aller Zeiten war, sondern auch ein wirklich großer Musiker und Interpret.

Schöne Grüße
Holger

Dr. Holger Kaletha

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41

Gestern, 19:31

Chopin Prélude op. 28 Nr. 4 Interpretationsvergleich

Richtig gespielt ist das Stück von einer wundervollen Melancholie, hat aber nichts Elegisches. Ein funkelnder Diamant, wie es nur ganz wenige gibt.

Die beste Version, die ich im Internet gefunden habe, kommt von Pogorelich:
Wie weit oder besser nicht weit man mit diesem Verfahren kommt, zeigt eine Analyse und ein Vergleich der verschiedenen Interpretationen, wenn man dabei nur den Notentext im Blick behält. Interpretatorisch ist diese scheinbar so einfache Stimmungsmusik durchaus heikel. Chopin notiert nämlich einerseits ein sehr langsames, getragenes Tempo "Largo" und schreibt dazu noch "espressivo" vor. Aber: Wirklich ungewöhnlich sind die großen Bögen: Der Bogen der rechten Hand erstreckt sich über 8 Takte, der in der linken über sage und schreibe 12 Takte. Chopin wollte also gerade das nicht, was die russische Pianisten-Schule mit ihrem Expressivo-Spiel betreibt, nämlich die große Phrase gleichsam zu "atomisieren" und in eine Reihe von Einzelphrasen zu zerlegen. Die Notierung ist eigentlich der Hinweis darauf, dass Chopin dieses "espressivo" nicht durch rhetorische Pointierung der Seufzermotive und exzessives Rubato-Spiel realisiert haben will, sondern durch subtile Abtönungen, klangfarbliche Schattierungen, welche die Kontinuität wahren. Das Stück hat zudem einen großformalen dramatischen Spannungsaufbau. Es beginnt im Piano, dann im Mittelteil schaukelt sich die Emotion hoch ("stretto...") bis zu einem Forte-Höhepunkt, um dann wieder ins ruhige Piano zurückzufallen (Ruhe-Bewegung (Aufregung) - Beruhigung). Maurizio Pollini kann man da nur bewundern, wie er diese Intention Chopins notentextreu und zugleich hochsensibel und hochpoetisch umsetzt. Eine wirklich "meisterliche" Interpretation, reif für die Lehrstunde in der Meisterklasse für angehende Pianisten. Ähnlich überragend Rafal Blechacz, der zwar ein bisschen mehr Rubato riskiert, aber ebenso souverän den großen Bogen wahrt und klangfarblich schattiert. Auch absolut meisterlich interpretiert.

Nun kommen die "Expressionisten" Alfred Cortot und sein Schüler Vlado Perlemuter. Obwohl Cortot die Seufzermotive schon sehr rhetorisch nimmt, weiß er als ganz großer Chopin-Interpret um das Problem und wahrt die Linie durch die durchgehende Bewegung der Akkorde in der linken Hand. Die "Linke" fängt also die Atomisierungstendenzen der rechten Hand auf. Ähnliches kann man von Vlado Perlemuter sagen. Claudio Arrau tendiert ebenfalls in die expressive Richtung, aber auch er beachtet die Großbogigkeit.

Zuletzt kommen wir zu den Russen. Von Emil Gilels existiert ein Mitschnitt aus Leningrad von 1953. Er spielt russisches "Expressivo" mit den dazugehörenden atomisierenden Tendenzen, aber die große Gilels-Qualität zeigt sich auch hier: sein überragender Formsinn. Obwohl das eine "Russifizierung" von Chopin darstellt, zerfällt die Musik eben nicht in hochexpressive Einzelgesten, zudem Gilels die großformale Dramaturgie (Ruhe-Aufregung-Beruhigung) wunderbar schlüssig darzustellen weiß. Sokolov nun geht einen Schritt weiter. Bei ihm wird das russische Expressivo nicht mehr klassisch gebändigt, sondern Chopins große Phrase wirklich "expressionistisch" zerlegt in lauter Einzelphrasen. Aber: Sokolov fängt diese Atomisierung wiederum auf, indem er die großformale Dramaturgie ungemein eindringlich unterstreicht durch eine Tempoverlangsamung bis Takt 12, eine Art "Ersterben" der Bewegung, um dann dem "stretto"-Teil mit der Steigerung des Piano zum Forte um so eindringlicher wirken zu lassen wie auch die anschließende Beruhigung. Durch diese "psychologische" Dramaturgie wird seine Interpretation schließlich schlüssig (und ungemein eindringlich). Obwohl sich diese Interpretation von den Intentionen Chopins eigentlich ein ganzes Stück entfernt, ist sie deshalb trotzdem faszinierend.

Nun kommen wir zu Pogorelich. Ivo Pogorelich heiratete bekanntlich seine russische Lehrerin, so dass es nicht verwundert, dass er letztlich Chopin hier spielt wie ein Sprössling der russischen Klavierschule. Das ist auch ungemein sensibel gespielt und fein ausgehorcht. Nur: Pogorelich entfernt sich von Chopin in einer Weise, die über die anderen zuvor genannten Beispiele noch einmal hinausgeht. Nicht nur, dass bei ihm vom großen Bogen Chopins rein gar nichts mehr zu hören ist. Bei ihm fällt dieser Atomisierung letztlich auch die großformale Dramaturgie Ruhe-Aufregung (Bewegung)-Beruhigung zum Opfer, die schlicht unkenntlich wird. Es gibt keine dynamische Steigerung, keinen Spannungsaufbau mit dramatischem Höhepunkt! Dort, in Takt 17, wo Chopin Forte (!!!!) notiert, spielt Pogorelich bezeichnend Piano! Ihm hier das Prädikation "beste" Interpretation zu verleihen, ist also mehr als verwegen, denn er verkehrt die Intentionen Chopins, die der Notentext nun mal eindeutig zu erkennen gibt, schlicht ins Gegenteil. Alle anderen hier genannten großen Chopin-Interpreten hätten dieses Prädikat also mehr verdient. Wobei man sagen muss, auch Pogorelichs sehr "individueller" Umgang mit Chopin hat seine Qualität. Das ist hochsensibles Klavierspiel auf höchstem Niveau. Aber eben auch interpretatorisch sehr fragwürdig. Ein typischer Pogorelich eben. :D



Schöne Grüße
Holger

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42

Gestern, 20:41

Formal wirst Du wohl völlig recht haben, wahrscheinlich interpretiert Blechacz den Notentext tatsächlich werkgetreuer als Pogorelich. Aufgrund fehlender Notenkenntnis kann ich da nicht mitreden.

Ich habe mir den Blechacz nun mehrfach hintereinander angehört (ab 3:38 min) und stelle immer dasselbe fest: es kommt nicht halb die Stimmung auf, die sich bei Pogorelich einstellt, alles zu schnell, zu wenig phrasiert, zu runtergespult. Ich vermute mal, daß das, was Du "Atomisierung" nennst ("große Bögen" höre ich auch bei Blechacz nicht) einen gut Teil zur Atmosphäre des Stückes beiträgt.

Preisfrage: was ist die bessere Interpretation? Die, die stärker am Notentext klebt oder diejenige, die einem besser gefällt?

Ich meine auch eine gewisse Inkonsistenz Deiner Argumentation hier mit Deinen diversen Ausführungen bei den verschiedensten Regie-Theater-Threads feststellen zu können, wo Du ja einer extrem freien Auslegung der Anweisungen des Komponisten das Wort redest. Und hier pochst Du auf peinliche Werktreue?

Ich weiß eh nicht, welche Interpreten nun alle wie sehr vom Notentext abweichen, wenn man sich aber anhört, wie unterschiedlich Interpretationen ausfallen, kann in der Pianistenwelt die Disziplin, sich genau an den Notentext zu halten, nicht allzu verbreitet sein. Man sollte vielleicht nicht was völlig anderes spielen, als da steht, insofern hast Du mit Deinem Forte-Argument einen Punkt, aber anscheinend gibt es im Lager der Interpreten eine hohe Bereitschaft zu umfangreicher Diversität.

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Gestern, 21:10

Nachtrag: Artur Rubinstein und Martha Argerich mit op. 28 Nr. 4

Artur Rubinstein nahm die „Préludes“ für RCA 1946 auf. Einmal mehr muss man sagen: Ohne Rubinstein geht in Sachen Chopin einfach nichts. Er spielt wirklich den „großen Bogen“ so wie er bei Chopin notiert ist, ohne jede Drücker und Expressivo-Verzögerungen. Aber nicht nur das: Er macht den Sinn dieser Großbogigkeit deutlich, wie man ihn sonst nie erfasst, das dynamische An- und Abschwellen nämlich – eine große, sich in Stufen auf- und abschaukelnde Wellenbewegung. Das ist Rubinstein, wie man ihn kennt: kernig, völlig unsentimental. Zugleich wird bei ihm aber die Schwierigkeit sichtbar, bei dieser Formanlage das „espressivo“ auch wirklich auszuspielen, also nicht Expressivo auf Kosten der Großbogigkeit oder umgekehrt zu realisieren. Das zeigt die große Klasse von Pollini, der seinem Vorbild und väterlichen Freund Rubinstein einerseits folgt, andererseits aber durch die „impressionistischen“ Abtönungen des harmonischen Kolorits das Sentimentalische, die melancholischen Stimmungsschwankungen, nicht unterdrückt. Gerne hätte man von Rubinstein hier auch noch einmal eine spätere Aufnahme!

Martha Argerich spielt flüssig und zugleich mit expressiven Schwankungen im Tempo. Auch ihr gelingt eine Synthese von Großbogigkeit und Expressivo auf sehr eigene Weise. Das ist nicht ganz so formklar wie Pollini, aber ihre Sinnlichkeit nimmt gefangen, zudem sie den dramatischen Höhepunkt wirklich ergreifend expressiv spielt. Das ist die Argerich von ihrer besten Seite, intuitiv treffsicher, hochemotional und zugleich feinsinnig. Nicht nur beeindruckend, sondern sehr beeindruckend, ihr Chopin! „Intime Briefe“ (nach Janacek) könnte man über diese Interpretation schreiben.

Schöne Grüße
Holger

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44

Gestern, 21:22

Was sein muß, muß sein - auch wenn es das wohl bekannteste Präludium ist, also eher durchgenudelt, zudem das einzige mit einem richtigen Namen, ist die "Regentropfenprelude" (Nr. 15) ein Stück aus der Spitzenklasse.

Ich mag die Interpretation von Daniil Trifonov (Holger mag hinterher gern die umfangreichen Schwächen meiner Wahl erklären, ist es doch schon wieder russische Schule):

, ab 18:25 min

Dr. Holger Kaletha

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45

Gestern, 21:22

Ich habe mir den Blechacz nun mehrfach hintereinander angehört (ab 3:38 min) und stelle immer dasselbe fest: es kommt nicht halb die Stimmung auf, die sich bei Pogorelich einstellt, alles zu schnell, zu wenig phrasiert, zu runtergespult. Ich vermute mal, daß das, was Du "Atomisierung" nennst ("große Bögen" höre ich auch bei Blechacz nicht) einen gut Teil zur Atmosphäre des Stückes beiträgt.
Ich finde bei Blechacz rein gar nichts runtergespult. Du erwartest hier "Phrasierung" (von mir unterstrichen, s.o.!), aber Chopins Notierung zeigt, dass Chopin das Expressivo gerade nicht durch die Phrasierung, sondern das Mittel der harmonischen Schattierung realisiert haben will. Wenn Du diesen anderen Weg, das "Espressivo" eben nicht "rhetorisch" sondern klanglich zu realisieren, als solchen nicht nachvollziehen kannst durch Deine vorgeprägte Hörerwartung, dann liegt das ganz allein bei Dir, und nicht am Interpreten. Blechacz spielt nicht weniger hochexpressiv als Pogorelich, nur auf andere Weise. Da sind wir wieder beim Thema vorwärts- und rückwärtsgerichtetes Hören. Pollini und Blechacz spielen einen modernen Chopin, der auf Debussy vorausweist.
Ich meine auch eine gewisse Inkonsistenz Deiner Argumentation hier mit Deinen diversen Ausführungen bei den verschiedensten Regie-Theater-Threads feststellen zu können, wo Du ja einer extrem freien Auslegung der Anweisungen des Komponisten das Wort redest. Und hier pochst Du auf peinliche Werktreue?
Nein. Der Vortrag eines Klavierstücks ist kein Musiktheater, das sind zwei ganz verschiedene Welten.
Ich weiß eh nicht, welche Interpreten nun alle wie sehr vom Notentext abweichen, wenn man sich aber anhört, wie unterschiedlich Interpretationen ausfallen, kann in der Pianistenwelt die Disziplin, sich genau an den Notentext zu halten, nicht allzu verbreitet sein. Man sollte vielleicht nicht was völlig anderes spielen, als da steht, insofern hast Du mit Deinem Forte-Argument einen Punkt, aber anscheinend gibt es im Lager der Interpreten eine hohe Bereitschaft zu umfangreicher Diversität.
Da hast Du auch wieder nicht sorgfältig gelesen. Ich messe überhaupt nicht normativ diese Interpretationen an irgendeiner buchstäblichen "Werktreue", sondern ihre Qualität daran, wie es ihnen gelingt, das interpretatorische Problem, das der Notentext aufzeigt (was ich als "heikel" bezeichnet habe), nämlich eine Synthese von Expressivo und Großbogigkeit zu finden, zu lösen. Das realisieren sie durchaus auf verschiedene Weise und dies ist bei der einen oder anderen Spielweise mehr oder weniger schlüssig gelungen. Wäre ich so verfahren, wie Du mir unterstellst, hätte ich Cortot, Gilels oder Sokolov in die Pfanne gehauen. Und Pogorelich habe ich auch nicht die in Pfanne gehauen. Also bitte genau lesen, was ich geschrieben habe - mit der Ergänzung zu Rubinstein und Martha Argerich bitte.

Schöne Grüße
Holger

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46

Gestern, 22:06

Ach, Holger, ich finde die Diskussion ermüdend, zumal Musiktheorie meine Sache nicht ist.

Ich habe Dein Vokabular nicht, verstehe es nicht und weiß nicht einmal, ob es denn überhaupt in der Musiktheorie anerkannte Begriffe sind, die Du hier verwendest (oder nur Obskures aus der Hermeneutik-Alchemie, gepaart mit Adorno-Geschwätz).

Ich habe mal nach "harmonische Schattierung" gegooglet und kriege eine Wort-Erwähnung im Brahms-Handbuch auf Seite 396. Bei Wikipedia wird die Wortkombination unter "Komposition" eingeordnet, allerdings im Rahmen der Bildenden Kunst. Das scheint mir also nicht der Terminologie-Kracher zu sein.

Und über diese harmonische Schattierung willst Du Dich ernsthaft mit MIR unterhalten? Oder willst Du hier nur eine Show abziehen für irgendein fiktives Publikum?

Anstatt hier irgendwelchen Spiegelfechtereien nachzugehen, mache ich doch lieber das, was ich besser kann: Musik hören, beurteilen (nach meinen Kriterien), hier reinstellen und hoffen, daß meine Empfehlungen von dem einen oder anderen geteilt werden - was bei den Zugriffszahlen, die einige von mir gestartete Threads haben, ja nicht als ganz aussichtslos erscheint.

Beste Grüße

Michael

Dr. Holger Kaletha

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47

Gestern, 22:21

Und über diese harmonische Schattierung willst Du Dich ernsthaft mit MIR unterhalten? Oder willst Du hier nur eine Show abziehen für irgendein fiktives Publikum?
Wenn Du gerne einen Hinweis auf die Musikwissenschaft haben willst: Der Weg zur Neuen Musik führt von der Entrhetorisierung (in der Romantik) zur Entsprachlichung. Und was "Entrhetorisierung" bedeutet, kann man z.B. in diesem Prelude op. 28 Nr. 4 sehen. Rubinstein, Blechacz und Pollini liegen auf dieser Linie. Es gibt auch musikwissenschaftliche Untersuchungen, die zeigen, dass sich in der Romantik die Harmonik von ihrer Funktion der Melodiebildung löst und zu einer eigenständigen expressiven Größe wird. Ich weiß also durchaus, wovon ich rede.

Wie ich Interpretationsvergleich gestalte, kann man im Thread über Chopins Trauermarschsonate sehen. Ich habe inzwischen über 100 verschiedene Aufnahmen rezensiert, die in ihrem Interpretationsansatz unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf diesem Gebiet habe ich also einige Übung - auch mit Bezug auf Beethovens Klaviersonaten in Willis Threads, die ich ziemlich aktiv mitgestalte.

Schöne Grüße
Holger

Helmut Hofmann

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48

Heute, 19:56

Zit.: "...mache ich doch lieber das, was ich besser kann".

Und das ist gut so, lieber m-mueller!
Lass Dich darin bloß nicht irritieren, von Deinem hier eingeschlagenen Weg abbringen und zu einem in die Sphäre substanzlos-leerer Abstraktion führenden Diskurs verleiten.
Ich habe hier, in diesem Chopin-Thread, endlich wieder einmal zur schlichten, von keinerlei analytischer Gedanklichkeit getrübten Rezeption einer Musik zurückgefunden, die eine meiner frühen Lieben ist und lange der Vergessenheit - nein, der Vernachlässigung - anheim gefallen war.
Und ich fühle mich sagenhaft wohl darin!

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Reinhard