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Alfred_Schmidt

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1

Samstag, 20. August 2011, 10:12

Die vielen Gesichter des Antonio Vivaldi

Schon wieder ein neuer Thread über Antonio Vivaldi
Dabei gibt es hier schon einige:

Vivaldi - welche Violinkonzerte?
Vivat Vivaldi ! - Vivaldi Plus Ultra !
Was mich an Antonio Vivaldi fasziniert ............
Ist Vivaldi zu ersetzen ?
Vivaldi, Antonio: Die Sonaten für Cello und B. C.
Vivaldi-Transkriptionen
Antonio Vivaldi - Die Violinkonzerte und ihre Interpreten

Indes - jeder hat andere Schwerpunkte - und somit ist es möglich weitere 100 zu Eröffnen ohne sich im Wesentlichen zu wiederholen.

Heute möchte ich den Focus des Threads ein wenig auf das Vivaldi-Bild im Allgemeinen und seinem Wandel im Laufe der Zeit im Besonderen hinlenken.
Noch in meiner Jugend war Vivaldi ein relativ unbekannter Komponist. Natürlich kannte man seinen Namen, dazu noch die "Vier Jahreszeiten" (heute eher unter der italienischen Bezeichnung zu finden) und ein paar weitere Konzerte.
Auch wenn es vermutlich eine unzulässige Verallgemeinerung darstellt, so glaube ich, daß man mit Fug und Recht behaupten kann, Vivaldi führte noch vor 60 Jahren Jahren ein Schattendasein. Es gab wohl einige Werke auf Tonträger, aber weder waren sie historisch informiert (Ausnahme war hier wohl Harmonia Mundi), noch besonders charakteristisch.
Vivaldi wurde als Vielschreiber gefälliger Konzerte abgetan, der seine Werke stets mit einer freundlichen, immer gleichen Tünche ausstattete, ohne Tiefgang und Anspruch. Irgendjemand hat sogar (wahrscheinlich um mich zu ärgern) Vivaldis Werke als "Klassik für Kinder" bezeichnet.
Dann begann man sich vereinzelt mit Vivaldi näher zu befassen, und auch vermeintlich historisch korrekte Interpretationen aufzunehmen.
Che Surprise! Vivaldi klang plötzlich schlanker und silbriger (The English Concert) (was seine Werken guttut) und als Folge davon intimer und durchhörbarer.
Aber dabei blieb es nicht - Es folgte "Vivaldi mit Attacke" (Giardino Armonic als Beispiel). Wenngleich ich im Hinblick auf Authentizität so meine Zweifel habe, so ist das Ergebnis durchaus beeindruckend und hörenswert.
Der "neue Vivvaldi" war geboren. Andere Ensembles nahmen die allzuforsche Lesart allmählich wieder zurück, und vereinzelt meine ich sogar melancholische Untertöne bei Vivaldi vernommen zu haben (Marcon/Carmignola), nein- ich bin mir dessen sogar sicher.
Daß Vivaldi Opern geschrieben hat, hat man erst seit einigen Jahren zur Kenntnis genommen. Da es hieruber einen eigenen Thread gibt, möchte ich bitten sich hier auf die verschiedenen emotionellen Eindrücke zu konzentrieren, welche Vivaldis Musik - vor allen jenen die in den letzten Jahren veröffentlicht wurde bei Euch hervorruft - Vielleicht sogar mit Vergleichen in Alternativinterpretationen.
Nicht man die vielstrapazierten "Jahreszeiten" klingen überall ähnlich - jedoch hat sich das Werk so in den Ohren der Hörer festgesetzt, daß nur wenig Spielraum für extreme Deutungen gegeben scheint - zumindest wird - von ein paar Ausnahmen abgesehen, nicht allzuviel Gebrauch davon gemacht.
Anders jedoch bei Violin- und anderen Solokonzerten. Hier hat sich in den letzten 25 -30 Jahren geradezu ein Ozean von interpretatorischer Vielfalt entwickelt....

mfg aus Wien

Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

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2

Samstag, 20. August 2011, 11:56

Ich muss zugeben, keine Oper Vivaldis zu kennen (und auch nicht Juditha triumphans). Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, möchte ich aber auf die Konzerte mit unterschiedlichen (oft wilden Mischungen von) Instrumenten hinweisen und auf einige geistliche Musik. Letztere ist an Dichte und "Tiefe" zwar nicht annähernd Bach oder Händeln vergleichbar, zeigt aber doch eine andere Seite Vivaldis, ebenso die oft getrageneren, ernsteren Konzerte, die für den Einsatz im Gottesdienst gedacht waren (bizarres Cover ignorieren):



Bei aller unbestritten hohen Originalität im Rahmen der Konzertform, finde ich allerdings bislang, dass Vivaldi ingesamt nicht allzu "viele Gesichter" hat, gegenüber Bach, Händel oder besonders auch Telemann, der m.E. Vivaldis Farbenreichtum erreicht und ihn an Formenreichtum und stilistischer Vielfalt übertrifft (und von dem kenne ich bisher so gut wie keine Vokalmusik). Verglichen mit den Franzosen Couperin und Rameau fehlt die Cembalomusik als weiteres "Gesicht". Allerdings kenne ich die italienischen Zeitgenossen (wie Albinoni oder Durante) zu flüchtig. Corelli ist natürlich vergleichsweise "einseitig", allerdings auch eine Generation älter und mit seiner systematischen Zielsetzung und Beschränkung ein Sonderfall.
Damit soll die Vielfalt von Vivaldis Konzerten nicht geschmälert werden, aber seine "Gesichter" beschränken sich doch recht stark auf diese Gattung (bis mich jemand von den Opern überzeugt...).
Struck by the sounds before the sun,
I knew the night had gone.
The morning breeze like a bugle blew
Against the drums of dawn.
(Bob Dylan)

Alfred_Schmidt

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3

Samstag, 20. August 2011, 23:15

Vielleicht ist es nicht richtig durchgeklungen. Mit den Vielen Gesichtern, dem chamäleonartigen meinte ich nicht etwa ausschliesslich die Vielfalt der Kompositionen, sondern auch die Möglichkeiten der "Auslegung" ihm Rahmen der Interpretation...
Von der "neutralen" bis faden Wiedergabe, von heiter bis melancholisch...

mfg aus Wien
Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

Hammel

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4

Samstag, 24. September 2011, 16:50

Vielleicht ist es nicht richtig durchgeklungen. Mit den Vielen Gesichtern, dem chamäleonartigen meinte ich nicht etwa ausschliesslich die Vielfalt der Kompositionen, sondern auch die Möglichkeiten der "Auslegung" ihm Rahmen der Interpretation...
Von der "neutralen" bis faden Wiedergabe, von heiter bis melancholisch...

mfg aus Wien
Alfred
Naja, aber das haben wir doch bei allen Komponisten, oder?? :stumm:

Aber zu Vivaldi!
Ich schließe mich JR an, wenn es um die geistliche Musik geht.
Vivaldi ist hier vielfältiger, farben- und kontrastreicher und vor allem auch ernster.
Natürlich finden sich auch Höhepunkte unter den hunderten Konzerten, aber ganz unrecht hatte Stravinsky seinerzeit auch nicht.
(Was die Konzerte betrifft)

@JR: Oper kenne ich bis jetzt nur "Bajazet".
Ich habe leider keine Aufnahme, habe mir diese Oper als Stückwerk vor etlichen Jahren im Internet zusammengehört,
auch die örtliche Bücherei hat eine (wenn auch nicht allzu gute) Einspielung.
Allerdings gedenke ich mir in Zukunft die Oper zuzulegen, da mir das Gehörte sehr gefiel.
Wieder fand ich, dass Vivaldi auch in dieser Oper mehr Tiefe und Ausdruck unterbringt als in einem seiner durchschnittlicheren Konzerte.

Vivaldi lebt für mich v.a. wegen seiner geistlichen Musik, der Oper die ich kenne, und einigen ausdruckstärkeren seiner Konzerte.

Grüße :hello:
Komponiert ist schon alles - aber geschrieben noch nicht. (W.A. Mozart)

Alfred_Schmidt

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5

Dienstag, 4. Oktober 2011, 10:34

Lieber Hammel - und Rest der Welt

Zitat

Naja, aber das haben wir doch bei allen Komponisten, oder??


Ja und nein - Die Komponisten des Barock - und ich glaube hier macht nicht mal Bach wirklich eine Ausnahme - wurden bis vor einiger Zeit ziemlich lieblos heruntergespult. Ich hatte den Eindruck, die Interpreten könnten nichts richtiges mit ihnen anfangen. Vivaldi war in dieser Hinsicht stark betroffen, während man Bach - auch wenn man ihn nicht verstand oder nicht mochte - doch Tiefgang und Substanz zugestehen musste. Vivaldi war indes für viele ein Vielschreiber ohne Tiefgang, dessen Werke eigentlich ziemlich emotionslos bis undefiniert fröhlich gesehen wurden - Fließbanarbeit - eines wie das andere.

Und dieses Urteil (nicht nur von Strawinsky) hat sich in den Köpfen der Hörer festgefressen - und es wird heute noch immer zu hören sein - wenngleich nur hinter vorgehaltener Hand..

Und das ist e, was ich hier (erfolglos) zur Sprache bringen wollte. Wie differenziert die Interpretationen von heute doch sind, wie individuell, und wie mutig. Wie unterschiedlich kann ein und dasselbe Vivaldi-Konzert doch klingen. Manche Interpreten machen aus Vivaldi einen verwegenen Revolutionär (Il giardino armonico) andere wiederum lassen das Melancholische durchklingen und den (scheinbar doch vorhandenen ) Tiefgang ( Venice Baroque Orchestra unter Marcon und mit Carmignola als Solist, der "leichte" Vivaldi ist derzeit in der Minderzahl - aber er existiert noch.

Der "belanglose" Vivaldi ist indes (fast) ausgestorben. Die Neuaufnahmen der letzten Jahre beweisen das.

mfg aus Wien
Alfred

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Knut-Hagen

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6

Montag, 21. November 2011, 18:01

Also ich kenne Stücke von ihm, die sind für mich reine Rockmusik. Und ich meine jetzt nciht irgend so eine Kennedyaufnahme. Ich finde sie jetzt nciht, aber war so eine Allerweltsaufnahme. Die Bassläufe könnte man heute so im Rockkonzert spielen und auch sonst, Schlagzeug, Bass und zwei Gitarren. Da bräuchte man keine Noten zu verändern.
Ich find´s klasse
Klaus
ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

Alfred_Schmidt

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7

Montag, 21. November 2011, 19:17

Zitat

Also ich kenne Stücke von ihm, die sind für mich reine Rockmusik. Und ich meine jetzt nicht irgend so eine Kennedyaufnahme.....

Man muß schon sagen, daß die Interpretation der Werke Vivaldis in den letzen 30 Jahren eine gigantische Wandlung durchgemacht hat. Ich kann mich nicht erinnern, daß Vivaldi in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts "rockig" interpretiert wurde, das ist vielmehr eine Errungenschaft der 80iger Jahre und später. Ich bin mir nicht sicher, daß diese Spielweise wirklich historisch korrekt ist - aber zumindest ist in diesem Fall das Ergebnis ungleich überzeugender, als die "konventionelle" Lesart.....
Ein extremes Beispiel - und meiner Meinung nach ungleich überzeugender als Kennedy - ist das italienische Ensembel "Il Giardino Armonico" Aber natürlich sind sie nicht die einzigen.....

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Knut-Hagen

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8

Montag, 21. November 2011, 19:33

Er eignet sich vielleicht dafür, weil er doch relativ einfach ist und mit eingängigen Melodien arbeitet.
ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

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9

Samstag, 18. August 2012, 12:04

Auch ich muss gestehen das ich von Vivaldi bisher kaum mehr als das Magnificat "deposuit potentes et exultavit humiles" und auch natürlich die 4 Jahreszeiten kannte!

Um diesen Mangel auszumerzen habe ich mir gerade folgende CD bei iTunes gedownloadet:

Insbesondere die Konzerte RV 230, RV 522, RV 565 und auch insbesondere der Kopfsatz des RV 519 gefallen mir äußerst gut, weiter bin ich aktuell noch nicht gekommen mit dem durchhören. Aber sollte sich die Qualität nicht verschlechtern werde ich mir wohl auch die weiteren Konzerte Vivaldis zulegen! Ein Nischendasein hat Vivaldi wirklich nicht verdient! :)

Lg

Alfred_Schmidt

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10

Sonntag, 19. August 2012, 00:45

Vivaldi führt kein Nischendasein mehr, er ist sozusagen einer der "Aufsteiger" der letzten 35 Jahre.
Worauf ich Dich aufmerksam machen möchte, ist, daß Du eine Interpretation von Vivaldi gewählt hast, welche schon ein wenig aus der Mode gekommen ist. Vivaldi klingt hier brav - und vielleicht ein wenig belanglos. Genau das ist das Thema dieses Threads (auch wenn es sich nicht so entwickelt hat wie angedacht) - daß nämlich heute verschieden Sichtweisens der Werk Vivaldis in heutige Interpretationen einfliessen, welch den Komponisten in einem anderen Licht erscheinen lassen - von frech und rabiat, bis melancholisch melodiös, keineswegs mehr nur unverbindlich belanglos-lieblich....

Hier zwei Beispiele für extrem schwungfollen - ja sogar rabiaten Vivaldi


unf diehr das Gegenstück: Sensibel, melodiös bis melancholisch....



Dazwischen gibt es jede Menge.....

mfg aus Wien
Alfred

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AH.

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Beiträge: 248

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11

Freitag, 26. Dezember 2014, 16:05

Hallo,

die vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi waren oft im Radio zu hören und sie haben mir immer sehr gefallen. Auch im Radio hörte ich Variationen über "la Folia" von Vivaldi, die mir sehr gefielen - die habe ich einem Freund einmal zum Geburtstag geschenkt. Immer wollte ich Vivaldi in meiner Plattensammlung haben, wenn ich ihn hörte, habe ihn aber nie gekauft? Neulich wollte ich mir die Rokoko-Variationen von Tschaikowsky mit Ofra Harnoy bestellen, jpc hat mir aber stattdessen alle Cellokonzerte und auch Cellosonaten von Antonio Vivaldi mit Ofra Harnoy geschickt (5 CD´s). Wo die Aufnahmen da waren, habe ich sie mir angehört - und war begeistert. Alle Cellokonzerte wirken inspiriert, immer hat Vivaldi gute, eingänge Themen, eine interessante Harmonik und eine schöne Rhythmik. Das ist alles sehr gut komponiert, die langsamen Sätze sind durchaus tiefsinning, aber man findet auch heiteres. Die Musik spricht mich emotional immer an. Nun kenne ich nicht viele Werke von Vivaldi, aber unter denen, die ich kenne, ist kein schwaches. Das ist eigenartig, denn Vivaldi gilt in der Öffentlichkeit wohl doch weniger, als etwa Mozart. Der hat gute Kompositionen, aber auch viele schwache, wie ich meine. Die meisten seiner Klavierkonzerte finde ich doch ziemlich uninspiriert, als Beispiel. Ich behalte also meine 5 CD´s mit Ofra Harnoy und Werken von Vivaldi für nur 17 € und werde versuchen, mehr Werke von Vivaldi zu bekommen. Ein wirklich großer Komponist, wie ich finde. Einfach mal reinhören. Ofra Harnoy ist auch wirklich eine sehr begabte Cellistin, die gut phrasiert und artikuliert, ihre Interpretation wirkt sehr sinnvoll, obwohl sie nicht aus der "Alte-Musik-Szene" stammt:



Liebe Grüße

Andreas
De gustibus non est disputandum (über Geschmäcker kann man nicht streiten)

Alfred_Schmidt

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12

Freitag, 26. Dezember 2014, 17:53

Zitat

Das ist eigenartig, denn Vivaldi gilt in der Öffentlichkeit wohl doch weniger, als etwa Mozart.

Das kann man in dieser Form nicht wirklich sagen, denn die beiden gehören ja einem ganz anderen Zeitalter an, sind 80 Jahre voneinander entfernt., also fast 4 Generationen. Der Vater von Wolfgang Amadeus, Leeopold. hatte eine sehr hohe Meinung von den Werken Vivaldis. Irgendwann geriet er aber in Vergessenheit, und wurde als "Vielschreiber" abgetan. Noch um 1965 (!) konnte man am Covertext einer Langspielplatte (damals gab es üblicherweise keine "Booklets") lesen, daß Vivaldi an die 400 Konzerte geschrieben haben soll, die aber weitgehend noch nicht gesichtet und katalogiesiert seien, einige rivalisierende Wissenschafter seien dabei Werverzeichnisse zu erstellen. Die Arbeit sei aber noch nicht abgeschlossen, man vermute, daß es noch unentdeckte Werke Vivaldis in Archiven und Dachkämmern gäbe. Das war übrigens eine richtige Voraussage, denn einige der weiter oben gezeigten Einspielungen von Violinkonzerten (mit Carmignola) sind Ersteinspielungen, genau deshalb, weil die Werke erst um ca 1980 (?) oder später entdeckt wurden.
Die ebenso stumpfsinnige wie bösartige Aussage von Strawinski, Vivaldi habe im Grunde nur EIN Konzert geschrieben, das aber gleich 400 mal, hat der Reputation Vivaldis auch nicht grade genutzt. Heute geht man von knapp 500 Konzerten aus, manchmal wurden 600 genannt. Die Ursache für die stets schwwankende Anzahl ergibt sich daraus, daß manche, früher Vivaldi zugeschriebenen Konzerte, von anderen Komponisten stammen. Umgekehrt wird immer wieder neues entdeckt. - bis ins Jahr 2005 (!!)
Über Mozarts Klavierkonzerte bin ich gerne bereit zu diskutieren - allerding in den geeigneten Spezialthreads (siehe Thread-Directory)

Vivaldi wurde lange Zeit auch unterschätz und als Komponist von gefälligen, fröhlichen Konzerten abgetan. Dieser Standpunkt ist heute indes obsolet....

mit freundlichen Grüßen aus Wien
Alfred

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13

Freitag, 26. Dezember 2014, 18:33

Sagen wir mal so, AHs Ansicht bzgl. der Klavierkonzerte Mozarts ist eher die einer Minderheit...
Und von Vivaldi sind bis heute die Opern de facto unbekannt (und sie waren meines Wissens auch zu Lebzeiten des Komponisten nicht so erfolgreich wie seine Instrumentalmusik), die geistliche Musik mit wenigen Ausnahmen ebenfalls, während Mozart 5-6 der bekanntesten Opern und einige der populärsten geistlichen Werke komponiert hat.
Die Originalität Vivaldis besteht zum einen darin, die spätbarocke Solokonzertform geprägt zu haben, zum anderen in der fantasievollen Ausgestaltung, der Berücksichtigung fast aller Instrumente in oft ungewöhnlichen Kombinationen. Warum seine Musik so gründlich in Vergesssenheit geriet, etwa im Ggs zu Corellis oder Händels, deren Werke bis Ende des 18. Jdhs. regelmäßig nachgedruckt wurden, ist mir auch nicht ganz klar; vielleicht lag das auch am virtuosen Anspruch in Kombination mit einem stärker zeitgebundenen Geschmack, während Corelli besser für Laien spielbar und "klassischer" gewesen ist.
Mir scheint es daher nicht völlig unfair, dass Vivaldi heute als ein weniger vielschichtiger Komponist als zB Mozart (oder auch Händel) wahrgenommen wird. M.E. wird er verglichen mit anderen Zeitgenossen (zB Albinoni, Durante, Telemann, Zelenka) heute eher überschätzt.

Alfred_Schmidt

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14

Freitag, 26. Dezember 2014, 23:02

Zitat

M.E. wird er verglichen mit anderen Zeitgenossen (zB Albinoni, Durante, Telemann, Zelenka) heute eher überschätzt.

Ich würde das nicht so sehen. Vivaldi war - sehen wir von Bach, Händel und Purcel mal ab - bis vor einigen Jahren ebenso unterschätzt, wie die von Dir genannten. Er war allerdings der erste, der aus deser Nische ausbrechen konnte - vermutlich durch die "Jahreszeiten" - die speziell in den siebzigern der 20. Jahrhunderts stets als Demoplatte für Stereoaufzeichnungen missbraucht wurde. Der nächste Komponist aus dieser Aufzählung, dessen Wert allmählich erkannt wird ist zweifellos Telemann. Über die anderen werden wir uns in den nächsten Monaten bis Jahren ausführlich unterhalten.....

Vivaldi- um beim Thema zu bleiben - kam in den letzten Monaten seines Lebens nach Wien - wo er auch starb. Hier wurde er aber einfach nicht wahrgenommen...........

mit freundlichen Grüßen aus Wien
Alfred

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Melante

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15

Sonntag, 28. Dezember 2014, 04:38

Nutzt denn nicht jeder Komponist den "Wortreichtum", der ihm zur Verfügung steht?
Vivaldi hat lange Jahre nichts mehr drucken lassen, sondern meistbietend versteigert.
Angesichts der Nachfolger wie Locatelli, die seine Sprache nutzten, aber erweiterten.
Darauf hat er reagiert und nun ebenfalls tiefsinniger geschrieben.
Ohne sich untreu zu werden.
Eine der großartigsten Arien einer seiner letzten Opern, meint "Farnace", greift Themen des Winter auf aus den "Vier Jahreszeiten".

Jeder hier von uns hat seinen eigenen Wortschatz und keiner käme auf die Idee, dem anderen Schreibenden nur Unterhaltungswert zuzugestehen.
Alfred stellt oben ja sogar Beziehungen her: Zelenka. Ohne Vivaldis Musik gäbe es vermutlich vieles so nicht seitens der Dresdener Komponisten.
Vieles des alten Bach auch nicht.

Vivaldi hat die Musikgeschichte geprägt wie kaum ein anderer, das Konzert als solches, den Beginn des Sonatenhauptsatzes. Hat Instrumente so Sollisten werden lassen, die bis dato nur "Tuttischweine" waren wie das Violoncello, das Fagott.

Der erste, der immer Neues versucht hat, der erste, der die Klarinette nutzte.
Diese wunderschöne Arie aus "Juditha" jagd mir seit Jahrzehnten Schauer über den Rücken:
https://www.youtube.com/watch?v=H2bYhsKAzAQ

Ich bin überzeugt: ohne Vivaldi wäre die gesamte Musikgeschichte anders verlaufen.
Bachs "Italienisches Konzert", um nur ein Beispiel zu nennen, würde vielleicht nicht da sein- oder aber völlig anders gebaut sein und klingen.

Welche Arroganz und Ignoranz, Vivaldi als "Fahrstuhlmusik" zu (ent)werten!

Herzliche Grüße, lieber Vivaldi!
Mike
"Man kann die Menschen zur Vernunft bringen, indem man sie dazu verleitet, daß sie selbst denken." Voltaire

Bertarido

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16

Sonntag, 28. Dezember 2014, 14:18

Ich liebe Vivaldi, er ist ein steter Begleiter, seit ich überhaupt klassische Musik höre. Am Anfang natürlich die "Vier Jahreszeiten", dann die vielen anderen Concerti, später kam die geistliche Musik hinzu, und nun befasse ich mich intensiv mit seinen Opern, die zum Glück eine Wiederentdeckung erfahren. Vivaldis Instrumentalmusik ziehe ich der aller anderen barocken Komponisten vor, auch der von Händel, Telemann und erst recht der von Bach, mit der ich nie recht warm geworden bin. Vivaldis Concerti gehen mir in einer Weise zu Herzen, wie ich es bei anderen Groß- und Kleinmeistern des Barock nie erlebt habe. Mag sein, dass es das typisch Italienische seiner Musik ist (auch wenn sich das arg nach Klischee anhört).

Hat Vivaldi viele Gesichter? Ich denke schon, wenn man sich die verschiedenen Genres anschaut, für die er komponiert hat und die erst im Laufe der Zeit wieder ins Bewusstsein getreten sind. Und die Aufführungstradition hat sich im Laufe der Jahre auch stark verändert - zum Glück. Alte Aufnahmen seiner Concerti kann ich nicht mehr hören, nachdem ich Interpreten wie Andrea Marcon oder Fabio Biondi kennengelernt habe.

William B.A.

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Registrierungsdatum: 6. Oktober 2010

17

Dienstag, 28. Juli 2015, 00:13

Es ist schwierig, eine Erinnerung an Antonio Vivaldi in einem seiner Threads einzustellen, da alle ein wenig speziell sind. Darum will ich es heute hier versuchen, und zwar mit dieser neueren Box:



Heute ist Antonio Vivaldis 264. Todestag.


Nächstens Jahr ist wieder ein Antonio Vivaldi-Jahr.

Liebe Grüße

Willi :)
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

Alfred_Schmidt

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18

Samstag, 5. März 2016, 13:59

Schon der Einleitungsbeitrag vom 20. August 2011 zeigt die Vielzahl an Vivaldi-Threads im Allgemeinen und solche über "die vier Jahreszeiten" im Speziellem. Ich halte es deshalb für kontraproduktiv in einem Thread, welches Highligts über ein spezellles Werk aufzählen oder begründen soll, sich über allgemeine Fragen in Bezug auf Vivaldi-Konzerte und seinen Stellenwert im allgemeinen zu verbreitern - notabene da es bereits zahlreiche - teils brachliegende Threads zu diesem in der Tat interessanten Theme gibt, Ja ich hätte nichts gegen ein oder zwei beue Vivaldo-Threads, so sie neue - bislang nicht angedachte - Betrachtungsmöglichkeiten ermöglichten.

Hier nun - zur Erinnerung und Ermunterung , eine (fast komplette??)Liste aller bisherigen Vivaldi Threads, die letzten Monate ausgenommen
Wie man sieht ist diese Liste seit 20. August 2011 doch merklich angewachsen.......
---und die Zahl der Aufnahmen und Interpreten ist es auch - genug Anreiz, das Thema Vivaldi an den verschiedene Stellen wieder aufzugreifen.......

VIVALDI Antonio: Le quattro Stagioni (Ohrwurm aus Italien)
VIVALDI Antonio: Le quattro Stagioni - Faszinaton eines Konzertzyklus
VIVALDI Antonio: Le quattro Stagioni - Vivaldis musikalische Reise durch das Jahr - Der Winter
VIVALDI Antonio: Le cantate da camera di Vivaldi
VIVALDI Antonio - Der Kirchenmusiker
VIVALDI Antonio - Die Violinkonzerte und ihre Interpreten
VIVALDI Antonio - Der rote Priester und sein Starinterpret - Giuliano Carmignola
VIVALDI Antonio - Die vielen Gesichter des Antonio Vivaldi
VIVALDI Antonio - Ist Vivaldi zu ersetzen ?
VIVALDI Antonio - Konzertaufnahmen (Vivat Vivaldi ! - Vivaldi Plus Ultra !)
VIVALDI Antonio - Vivaldis Jahreszeiten in diversen Bearbeitungen und Instrumentierungen
VIVALDI Antonio - Was mich an Antonio Vivaldi fasziniert ............
VIVALDI Antonio - Welche Violinkonzerte?

mfg aus Wien
Alfred

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19

Donnerstag, 2. März 2017, 10:56

Es wurde neulich bemängelt, daß es einen gewissen Mangel an veröffentlichten Hintergrundwissen über Komponisten und ihre Werke gäbe, deshalb hatte ich angedacht, so etwas über Vivaldi zu starten, aber zu meiner eigenen Überraschung finde ich immer wieder Threads die diese Forderung zumindest näherungsweise erfülllen. Vivaldi ist hier ein gutes Beispiel, weil in meiner Jugend, konkret in den mittleren bis späteren 60erjahren des 20. Jahrhunderts, war er zwar nicht völlig unbekannt, aber hauptsächlich spielte man seine "Die vier Jahreszeiten", wobei der Titel damals im deutschen Sprachraum meist auch deutsch geschrieben wurde. Das ist im Falle von Instrumentalmusik natürlich belanglos, zeigt aber doch an, wie man sich der Welt des Komponisten näherte, oder nicht näherte.
So erinnere ich mich an einen Covertext (Die heutigen Booklettexte waren - von Luxusausgaben mal abgesehen - üblicherweise auf der Rückseite des Covers abgedruckt) wo da (aus der Erinnerung zitiert) in etwa zu lesen war. "Vivaldi dürfte an die 600 Konzerte geschrieben haben, das meiste ist noch nicht erforscht und katalogisiert, wenngleich derzeit an 4 (!) unterschiedlichen Werkverzeichnissen gearbeitet wird. Manches dürfte noch unentdeckt in Archiven und auf Dachböden schlummern. Es werden laufend neue Werke entdeckt"
Das war in etwa der Stand von 1965.
Inzwischen wurde in der Tat so manches Werk entdeckt und es gab zahlreiche Aufnahmen der diversen Konzerte. Speziell bei Vivaldi klingen alle sehr unterschiedlich. Viel ausgeprägter auseinanderdriftend als bei den meisten anderen Komponisten. Die Ursache dürfte daran liegen, dass man sich vor allem zu Beginn der Auseinandersetzung mit Vivaldi kein Bild über die Interpretaton seiner Werke machte, und einfach die Noten spielte. Das hinterließ bei vielen ein Bild der Beliebigkeit und der Eintönigkeit, etwa so, als würde man einen Text von Shakespeare von einem Computer sprechen lassen, korrekt aber leblos.

mit freundlichen Grüßen aus Wien
Alfred

ACHTUNG: Diese hier gezeigten Links zu Vivaldi Threads sind nur ein Auszug

VIVALDI Antonio: Le quattro Stagioni (Ohrwurm aus Italien)
VIVALDI Antonio: Le quattro Stagioni - Faszinaton eines Konzertzyklus
VIVALDI Antonio: Le quattro Stagioni - Vivaldis musikalische Reise durch das Jahr - Der Winter
VIVALDI Antonio: Le cantate da camera di Vivaldi
VIVALDI Antonio - Der Kirchenmusiker
VIVALDI Antonio - Die Violinkonzerte und ihre Interpreten
VIVALDI Antonio - Der rote Priester und sein Starinterpret - Giuliano Carmignola
VIVALDI Antonio - Die vielen Gesichter des Antonio Vivaldi
VIVALDI Antonio - Ist Vivaldi zu ersetzen ?
VIVALDI Antonio - Konzertaufnahmen (Vivat Vivaldi ! - Vivaldi Plus Ultra !)
VIVALDI Antonio - Vivaldis Jahreszeiten in diversen Bearbeitungen und Instrumentierungen
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