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Felix Meritis

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1

Montag, 16. Juli 2012, 15:33

Mendelssohns Streichquartetttrias Opus 44

Sie haben sich von allen seinen Werken neben der Lobgesangsymphonie zur größten Provokation für die Nachwelt entwickelt - der musikwissenschaftlichen wohlgemerkt: Mendelssohns Streichquartette Opus 44. Bereits die Tatsache, dass Mendelssohn wieder Streichquartette in einem Sammelopus publizierte, legt nahe, dass man es mit klassizistisch orientierten Werken zu tun hat. Nun, man muss natürlich sagen, dass sich der Verdacht beim Hören auch sofort erhärtet, vor allem im Vergleich mit den beiden frühen Streichquartetten Opus 12 und 13. Die Frage ist aber, ob sich daraus eine qualitative Minderwertigkeit ergibt? Tatsächlich ist die Uneinigkeit über die Bedeutung der drei Opus 44 Quartette groß. Im deutschen Sprachraum ist die Einschätzung überwiegend negativ, in Westeuropa überwiegend positiv. Zu Mendelssohns Lebzeiten waren die Werke überaus populär und wurden als vollkommen zeitgemäß gesehen, etwa von Robert Schumann, der Opus 44 zum Anlass für die Komposition seiner eigenen Streichquartetttrias Opus 41 nahm. Meiner Meinung nach repräsentiert Opus 44 ziemlich genau Mendelssohns Musikideal: klassisch und formal strukturierter Lyrismus. So gesehen sind die drei Werke viel typischer für Mendelssohns Kompositionsstil als die Streichquartette Opus 12 und. 13, bzw. Opus 80.

Die drei Streichquartette im Detail:

#1, D-Dur: trotz der Nummerierung das als letztes komponierte und von Mendelssohn favorisierte. Auffallend sind die konzertanten Ecksätze, die sich dem Stil des Quattuor brilliante annähern ohne aber wirklich so zu klingen. Typisch Mendelssohn sind die stark polyphonen Verdichtungen in der Durchführung. Der zweite Satz ist formal ein Menuett, wahrscheinlich um den forschen Impetus des ersten Satzes auszugleichen, tatsächlich aber ein romantisches Charakterstück, in dem Mendelssohn in gelungenster Weise seine "naturromantischen" Register zieht. Es entseteht eine nebelhafte Atmosphäre. Die Stimmung des dritten Satzes ist ähnlich verhalten und geheimnisvoll.

#2, e-moll: das zuerst entstandene und von Mendelssohn am wenigsten favorisierte der drei. Für den heutigen Hörer ist das unverständlich, da das drängende synkopierte Thema des Kopfsatzes sehr ansprechend ist. Bewundernswert ist die polyphone Dichte dieses Satzes. Für mich der Höhepunkt des ganzen Opus 44. Das Scherzo ist ein gutes Beispiel für die äußerst geschickte rhytmische Durcharbeitung des Mendelssohnschen Typus des Scherzos. Meiner Meinung nach eines der besten Scherzi, die Mendelssohn geschrieben hat. Der langsame Satz ist ein Lied ohne Worte, das aber eine augenzwinkernde Überraschung für Geiger und Bratschisten bereit hält. Die Begleitfigur des Themas ist nämlich direkt aus einer der Etüden für Violine von Kreutzer entnommen. Damals wie heute, geigerisches Grundnahrungsmittel und auch von Mendelssohn eifrigst geübt. Interessanterweise, konnte ich diese Beobachtung noch in keinem Buch oder CD-Text bestätigt finden. Das Finale nimmt wieder die Grundstimmung des ersten auf, nur rhytmisch markanter.

#3, Es-Dur: das eindeutig klassizistischte der drei Quartette und eine tiefe Verbeugung vor Joseph Haydn, trotz einiger Reminiszenzen an Beethovens Harfenquartett, vor allem im Adagio. Der erste Satz ist praktisch monothematisch und durchwalkt in jedem einzelnen Takt das thematische Material. Der kompositorisch vielleicht dichteste Satz, den Mendelssohn je geschrieben hat - allerdings, naja, etwas trocken. Viel eher begeistern den Hörer wohl die beiden Innensätze, ein komplex fugiertes Scherzo und ein elegisches Adagio in haydnschem Stil, ganz anders als die sonstigen langsamen Sätze Mendelssohns, die fast immer Andante und nicht Adagio sind. Vielleicht ist dieser langsame Satz der schönste, den Mendelssohn geschrieben hat. Das Finale ist zu lang, mehr kann man dazu kaum sagen. Zusammengefasst, hat #3 vielleicht die stärksten Innensätze all seiner Kammermusikwerke, gepaart mit den am wenigsten ansprechenden Ecksätzen.



Einspielungen gibt es inzwischen wie Sand am Meer. Mit dem Cherubini-Quartett und dem Talich-Quartett ist man gut bedient. Vom e-moll Quartett (#2) gibt es keine bessere Aufnahme als vom Vogler-Quartett, erschienen bei Profil. Nirgendwo sonst wird der erste Satz dermaßen prägnant und drängend gestaltet wie hier. Ebenfalls auf dieser CD befindet sich die mir bekannte beste Aufnahme von Opus 12.

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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Registrierungsdatum: 12. August 2005

2

Mittwoch, 18. Juli 2012, 22:46

Sie haben sich von allen seinen Werken neben der Lobgesangsymphonie zur größten Provokation für die Nachwelt entwickelt - der musikwissenschaftlichen wohlgemerkt: Mendelssohns Streichquartette Opus 44. Bereits die Tatsache, dass Mendelssohn wieder Streichquartette in einem Sammelopus publizierte, legt nahe, dass man es mit klassizistisch orientierten Werken zu tun hat. Nun, man muss natürlich sagen, dass sich der Verdacht beim Hören auch sofort erhärtet, vor allem im Vergleich mit den beiden frühen Streichquartetten Opus 12 und 13.
Inwiefern "Provokation"? Meinem Eindruck nach wurden die Werke, noch weit mehr als die anderen Quartette Mendelssohns bis vor etwa 30 Jahren zumindest auf Tonträgern ziemlich ignoriert (von Quartettspielern, nicht Wissenschaftlern). Seither sind allerdings eine erstaunliche Anzahl von Einspielungen erschienen, während sich manche Ensembles mehr oder minder auf op.12+13 beschränkt haben (zB Juilliard, LaSalle, ABQ, Mosaiques)


Zitat

So gesehen sind die drei Werke viel typischer für Mendelssohns Kompositionsstil als die Streichquartette Opus 12 und. 13, bzw. Opus 80.
Sie entsprechen deutlicher der klassizistischen Tendenz, die aber ja nicht die einzige Mendelssohns ist. Und mindestens op.12+13 sind insofern klassizistisch, dass sie sehr deutlich an Vorbildern orientiert sind, freilich am (späten) Beethoven, der nicht gerade typische Vorbilder für Klassizisten abgibt. Umso mehr Respekt für den jungen Mendelssohn und daher vielleicht auch eine (relative) Enttäuschung vieler heutiger Hörer bei op.44.


Zitat

#1, D-Dur: trotz der Nummerierung das als letztes komponierte und von Mendelssohn favorisierte.
Reclams Kammermusikführer behauptet im Gegenteil, dass das Es-Dur als letztes geschrieben und von Mendelssohn als "hundertmal besser" als die anderen bezeichnet worden sei. Was ist nun richtig? ?(


Zitat

Auffallend sind die konzertanten Ecksätze, die sich dem Stil des Quattuor brilliante annähern ohne aber wirklich so zu klingen. Typisch Mendelssohn sind die stark polyphonen Verdichtungen in der Durchführung. Der zweite Satz ist formal ein Menuett, wahrscheinlich um den forschen Impetus des ersten Satzes auszugleichen, tatsächlich aber ein romantisches Charakterstück, in dem Mendelssohn in gelungenster Weise seine "naturromantischen" Register zieht. Es entseteht eine nebelhafte Atmosphäre. Die Stimmung des dritten Satzes ist ähnlich verhalten und geheimnisvoll.
Mein "Problem" mit dem Stück ist nicht einmal hauptsächlich die extreme Dominanz der Vl. 1 in den Ecksätzen. Sondern eher und das gilt in mancher Hinsich für das gesamte Opus, dass man diesen Gestus des schwungvollen Geigenthemas oder auch die Satztypen wie "Elfenscherzo" (in #3) oder Tarantella-Finale so ähnlich (nur "besser", oft mit prägnanteren Themen) schon in anderen Werken Mendelssohns findet. Allen voran natürlich im Oktett, das mehr als 10 Jahre vorher geschrieben wurde. Das Finale (das mir vom D-Dur zusammen mit dem Menuett wohl am besten gefällt) wirkt beinahe wie eine Mixtur aus den Ecksätzen der A-Dur-Sinfonie.

Zitat

#2, e-moll: das zuerst entstandene und von Mendelssohn am wenigsten favorisierte der drei. Für den heutigen Hörer ist das unverständlich, da das drängende synkopierte Thema des Kopfsatzes sehr ansprechend ist. Bewundernswert ist die polyphone Dichte dieses Satzes. Für mich der Höhepunkt des ganzen Opus 44. Das Scherzo ist ein gutes Beispiel für die äußerst geschickte rhythmische Durcharbeitung des Mendelssohnschen Typus des Scherzos. Meiner Meinung nach eines der besten Scherzi, die Mendelssohn geschrieben hat. Der langsame Satz ist ein Lied ohne Worte, das aber eine augenzwinkernde Überraschung für Geiger und Bratschisten bereit hält. Die Begleitfigur des Themas ist nämlich direkt aus einer der Etüden für Violine von Kreutzer entnommen. Damals wie heute, geigerisches Grundnahrungsmittel und auch von Mendelssohn eifrigst geübt. Interessanterweise, konnte ich diese Beobachtung noch in keinem Buch oder CD-Text bestätigt finden. Das Finale nimmt wieder die Grundstimmung des ersten auf, nur rhythmisch markanter.
Das gefällt mir vermutlich auch am besten von op.44. Das Finale könnte eine etwa leichtere und beschleunigte Reminiszenz an das von Beethovens op.132 sein.
Ich müsste nun nochmal das frühe a-moll direkt im Vergleich hören. Ich habe es eindringlicher und "ernster" in Erinnerung als dieses e-moll-Quartett. Man nähert sich dem Klischee, aber ich kann nun beim Wiederhören von op.44 nicht verhehlen, dass ich in etlichen Sätzen, gerade eben auch solchen die dramatisch daherkommen (und die Tempi sind ja fast durchgehend sehr rasant) diesen Eindruck des emotional Distanzierten, glatt virtuosen habe. Und zwar deutlich mehr als bei handwerklich perfekten, ebenfalls hochvirtuosen Stücken wie dem Oktett oder den Klaviertrios. Da ich zB diese Stücke alle sehr schätze, glaube ich nicht, ein prinzipielles Problem mit Mendelssohn Klassizismus zu haben. Aber bei op.44 kann ich "Klassizismus" als kritischen Vorwurf besser nachvollziehen als bei vielen anderen Stücken. Was natürlich keineswegs heißt, dass diese Quartette absolut gesehen schwach oder nicht hörenswert wären. Nur dass ich hier die Zurücksetzung zB gegenüber den drei anderen Quartetten durchaus nachvollziehen kann.

Bei op.44 dominiert für mich oft der Eindruck einer oberflächlichen Hektik und "Theaterdonner". Und ich mag nach wie vor Tremolo im Quartett nicht besonders (auch wenn es bei Schubert manchmal funktioniert).


Zitat

#3, Es-Dur: das eindeutig klassizistischte der drei Quartette und eine tiefe Verbeugung vor Joseph Haydn, trotz einiger Reminiszenzen an Beethovens Harfenquartett, vor allem im Adagio. Der erste Satz ist praktisch monothematisch und durchwalkt in jedem einzelnen Takt das thematische Material. Der kompositorisch vielleicht dichteste Satz, den Mendelssohn je geschrieben hat - allerdings, naja, etwas trocken. Viel eher begeistern den Hörer wohl die beiden Innensätze, ein komplex fugiertes Scherzo und ein elegisches Adagio in haydnschem Stil, ganz anders als die sonstigen langsamen Sätze Mendelssohns, die fast immer Andante und nicht Adagio sind. Vielleicht ist dieser langsame Satz der schönste, den Mendelssohn geschrieben hat. Das Finale ist zu lang, mehr kann man dazu kaum sagen. Zusammengefasst, hat #3 vielleicht die stärksten Innensätze all seiner Kammermusikwerke, gepaart mit den am wenigsten ansprechenden Ecksätzen.
Ja. das Finale ist zu lang, für mich der Kopfsatz ebenfalls, was bei beiden nicht zuletzt an dem in meinen Ohren etwas blassen thematischen Material liegt. Natürlich gibt es bei Haydn oder Beethoven ebenfalls Sätze, bei denen die Themen zunächst wenig bemerkenswert scheinen und die auch viel Passagenwerk enthalten. Die wirken auf mich aber erheblich schlüssiger und meist auch motivisch prägnanter als Mendelssohn in diesem Werk. Ob die Binnensätze zu den stärksten in der gesamten Mendelssohnschen Kammermusik gehören, wage ich nicht zu beurteilen.

Felix Meritis

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3

Donnerstag, 19. Juli 2012, 00:23

Vielen Dank für diese äußerst detaillierte Entgegnung! Ich habe mich sehr gefreut.
Inwiefern "Provokation"? Meinem Eindruck nach wurden die Werke, noch weit mehr als die anderen Quartette Mendelssohns bis vor etwa 30 Jahren zumindest auf Tonträgern ziemlich ignoriert (von Quartettspielern, nicht Wissenschaftlern). Seither sind allerdings eine erstaunliche Anzahl von Einspielungen erschienen, während sich manche Ensembles mehr oder minder auf op.12+13 beschränkt haben (zB Juilliard, LaSalle, ABQ, Mosaiques)
Ja, ich meinte, dass die Op. 44 Quartette eine Provokation für Musikwisschenschaftler darstell(t)en, z.B für Eric Werner, einem der ersten bedeutenden Mendelssohn Biographen, der die Werke pauschal als "Lehnstuhlmusik" abqualifiziert hat. Die Provokation, die nicht nur von Wissenschaftlern sondern auch von "erfahrenen" Hörern, so empfunden wird, besteht eben in dem (vermeintlichen?) Rückschritt in die Zeit Haydns, während Mendelssohns erste beiden Quartette an Beethoven orientierte Bekenntniswerke romantischer Art sind. Zudem ist der weitgehend "biografiefreie" Stil der Quartette vollkommen unüblich für die Zeit (selbst wenn man sich Onslow ansieht), man denke nur an den späten Beethoven und Schubert. Die Op. 44 Quartette wurden und werden daher auch als Anomalie empfunden, was immer irritiert (nicht nur neues sondern "altes" kann irritieren, Stichwort "Rosenkavalier"). Die älteren Streichquartettformationen, wie bspw. das ABQ, hatten daher wohl auch wenig Lust sich mit Op. 44 auseinanderzusetzen.


Sie entsprechen deutlicher der klassizistischen Tendenz, die aber ja nicht die einzige Mendelssohns ist. Und mindestens op.12+13 sind insofern klassizistisch, dass sie sehr deutlich an Vorbildern orientiert sind, freilich am (späten) Beethoven, der nicht gerade typische Vorbilder für Klassizisten abgibt. Umso mehr Respekt für den jungen Mendelssohn und daher vielleicht auch eine (relative) Enttäuschung vieler heutiger Hörer bei op.44.
Ja klar, da der späte Beethoven absolute Avant Garde war, war das Mendelssohn mit seinen ersten beiden Quartetten auch. Zum Vergleich braucht man sich nur Quartette von Spohr anhören. Witzigerweise empfand aber Schumann die Op. 44 Quartette auch als zukunftsweisend. Für den heutigen Hörer machen die Op. 44 Quartette allerdings, wie oben erwähnt, einen emotional neutralen Eindruck, der schon dadurch entsteht, dass Mendelssohn, ganz in der Art Haydns, tiefsinnige Sätze und Kehraussätze in einem Quartett vereint, z.B. im Es-Dur Quartett. Das erwartet man nicht in einem romantischen Kammermusikwerk, weshalb man dann auch irritiert oder enttäuscht ist. Aber es sind nicht nur die Schlussätze, denn der langsame Satz des e-moll Quartetts wirkt seltsam unbeteiligt, bösartig ausgedrückt: glatt. Für sich genommen ist es natürlich ein schöner Andantesatz, bei Haydn würde er auch nicht stören - man denke nur an das Andante aus dem Quintenquartett. Ich denke, der Hörer geht mit einer anderen Erwartungshaltung an Werke heran, die nach Beethoven entsanden, als an Werke, die vor Beethoven entstanden.


#1, D-Dur: trotz der Nummerierung das als letztes komponierte und von Mendelssohn favorisierte.
Reclams Kammermusikführer behauptet im Gegenteil, dass das Es-Dur als letztes geschrieben und von Mendelssohn als "hundertmal besser" als die anderen bezeichnet worden sei. Was ist nun richtig? ?(
Da irrt der Reclamführer. Das D-Dur Quartett wurde in 1838 geschrieben, das e-moll quartett in 1837 und das Es-Dur Quartett entstand um den Jahreswechsel 1837/38. Er hielt das Es-Dur Quartett für besser als das, was er zuvor geschrieben hatte. Nach Vollendung des D-Dur Quartetts, hatte er dann offensichtlich wieder einen neuen Favoriten. Mendelssohns Selbsteinschätzung seiner Werke ist manchmal etwas seltsam. Er hielt auch die Lobgesangsymphonie für sein bestes Werk - was sie ja wohl wirklich nicht ist.


Mein "Problem" mit dem Stück ist nicht einmal hauptsächlich die extreme Dominanz der Vl. 1 in den Ecksätzen. Sondern eher und das gilt in mancher Hinsich für das gesamte Opus, dass man diesen Gestus des schwungvollen Geigenthemas oder auch die Satztypen wie "Elfenscherzo" (in #3) oder Tarantella-Finale so ähnlich (nur "besser", oft mit prägnanteren Themen) schon in anderen Werken Mendelssohns findet. Allen voran natürlich im Oktett, das mehr als 10 Jahre vorher geschrieben wurde. Das Finale (das mir vom D-Dur zusammen mit dem Menuett wohl am besten gefällt) wirkt beinahe wie eine Mixtur aus den Ecksätzen der A-Dur-Sinfonie
Ja, das ist bei Mendelssohn durchaus so, aber das beschränkt sich ja nicht auf die Op. 44 Quartette sondern gilt auch für die Klaviertrios und die Streichquintette. Ich finde eher, dass gerade in Op. 44 in den "Tanzsätzen" mehr Variation als gewöhnlich zu finden ist. D-Dur hat ein Menuett, und das Scherzo von Es-Dur ist nich sehr elfenhaft sondern eher streng.


#2, e-moll: das zuerst entstandene und von Mendelssohn am wenigsten favorisierte der drei. Für den heutigen Hörer ist das unverständlich, da das drängende synkopierte Thema des Kopfsatzes sehr ansprechend ist. Bewundernswert ist die polyphone Dichte dieses Satzes. Für mich der Höhepunkt des ganzen Opus 44. Das Scherzo ist ein gutes Beispiel für die äußerst geschickte rhythmische Durcharbeitung des Mendelssohnschen Typus des Scherzos. Meiner Meinung nach eines der besten Scherzi, die Mendelssohn geschrieben hat. Der langsame Satz ist ein Lied ohne Worte, das aber eine augenzwinkernde Überraschung für Geiger und Bratschisten bereit hält. Die Begleitfigur des Themas ist nämlich direkt aus einer der Etüden für Violine von Kreutzer entnommen. Damals wie heute, geigerisches Grundnahrungsmittel und auch von Mendelssohn eifrigst geübt. Interessanterweise, konnte ich diese Beobachtung noch in keinem Buch oder CD-Text bestätigt finden. Das Finale nimmt wieder die Grundstimmung des ersten auf, nur rhythmisch markanter.
Das gefällt mir vermutlich auch am besten von op.44. Das Finale könnte eine etwa leichtere und beschleunigte Reminiszenz an das von Beethovens op.132 sein.
Ich müsste nun nochmal das frühe a-moll direkt im Vergleich hören. Ich habe es eindringlicher und "ernster" in Erinnerung als dieses e-moll-Quartett. Man nähert sich dem Klischee, aber ich kann nun beim Wiederhören von op.44 nicht verhehlen, dass ich in etlichen Sätzen, gerade eben auch solchen die dramatisch daherkommen (und die Tempi sind ja fast durchgehend sehr rasant) diesen Eindruck des emotional Distanzierten, glatt virtuosen habe. Und zwar deutlich mehr als bei handwerklich perfekten, ebenfalls hochvirtuosen Stücken wie dem Oktett oder den Klaviertrios. Da ich zB diese Stücke alle sehr schätze, glaube ich nicht, ein prinzipielles Problem mit Mendelssohn Klassizismus zu haben. Aber bei op.44 kann ich "Klassizismus" als kritischen Vorwurf besser nachvollziehen als bei vielen anderen Stücken. Was natürlich keineswegs heißt, dass diese Quartette absolut gesehen schwach oder nicht hörenswert wären. Nur dass ich hier die Zurücksetzung zB gegenüber den drei anderen Quartetten durchaus nachvollziehen kann.
Hier gilt wieder das, was ich in den ersten beiden Absätzen schrieb. Es ist eben das "unbekenntnishafte", welches durch das Zusammenstellen emotional so unterschiedlich geprägter Sätze entsteht, das hier irritiert. Machen wir ein kleines Gedankenexperiment: stellen wir folgendes Op. 44 Quartett zusammen: Kopfsatz aus e-moll, Scherzo aus Es-Dur, Adagio aus Es-Dur und Finale aus e-moll (klar es passt die Tonartenfolge nicht zusammen). Ich behaupte, man würde von einem grandiosen, emotional aufwühlenden Werk sprechen, das auch das ABQ unbedingt hätte einspielen wollen.


Bei op.44 dominiert für mich oft der Eindruck einer oberflächlichen Hektik und "Theaterdonner". Und ich mag nach wie vor Tremolo im Quartett nicht besonders (auch wenn es bei Schubert manchmal funktioniert).
Ehrlich gesagt, empfinde ich das mehr bei Op. 13 (das ich trotzdem sehr mag). Man denke nur an das Tremolo am Anfang des Finalsatzes, der aus Beethovens Op. 132 entlehnt wurde. Auch die vielen emotional aufgeladenen Rezitative in der Solovioline in eben diesem Finalsatz zähle ich eher zu den Effekten.


#3, Es-Dur: das eindeutig klassizistischte der drei Quartette und eine tiefe Verbeugung vor Joseph Haydn, trotz einiger Reminiszenzen an Beethovens Harfenquartett, vor allem im Adagio. Der erste Satz ist praktisch monothematisch und durchwalkt in jedem einzelnen Takt das thematische Material. Der kompositorisch vielleicht dichteste Satz, den Mendelssohn je geschrieben hat - allerdings, naja, etwas trocken. Viel eher begeistern den Hörer wohl die beiden Innensätze, ein komplex fugiertes Scherzo und ein elegisches Adagio in haydnschem Stil, ganz anders als die sonstigen langsamen Sätze Mendelssohns, die fast immer Andante und nicht Adagio sind. Vielleicht ist dieser langsame Satz der schönste, den Mendelssohn geschrieben hat. Das Finale ist zu lang, mehr kann man dazu kaum sagen. Zusammengefasst, hat #3 vielleicht die stärksten Innensätze all seiner Kammermusikwerke, gepaart mit den am wenigsten ansprechenden Ecksätzen.
Ja. das Finale ist zu lang, für mich der Kopfsatz ebenfalls, was bei beiden nicht zuletzt an dem in meinen Ohren etwas blassen thematischen Material liegt. Natürlich gibt es bei Haydn oder Beethoven ebenfalls Sätze, bei denen die Themen zunächst wenig bemerkenswert scheinen und die auch viel Passagenwerk enthalten. Die wirken auf mich aber erheblich schlüssiger und meist auch motivisch prägnanter als Mendelssohn in diesem Werk. Ob die Binnensätze zu den stärksten in der gesamten Mendelssohnschen Kammermusik gehören, wage ich nicht zu beurteilen.
Hier stimme ich absolut zu. Thematisch sind die Rahmensätze im Es-Dur schlichtweg blass. So etwas gibt es bei Mendelssohnkaum, schon gar nicht in Kopfsätzen. Aber auch hier ein Vergleich mit Haydn: wer würde Haydns Opus 50 als seinen Liebling unter den Streichquartetten nominieren? Technisch um nichts schlechter als alles was er später geschrieben hat, aber trocken wie ein altes Biscuit.

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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Registrierungsdatum: 12. August 2005

4

Donnerstag, 19. Juli 2012, 22:48

Ich bin ab morgen für ein gute Woche unterwegs, kann zwar vermutlich ins Forum schauen, aber keine Musik hören; daher nur mal ein paar kurze Anmerkungen. Ausführlichere Diskussionen ggf. wenn ich wieder mehr Zeit habe, die Werke auch gründlich und vergleichend anzuhören.


Ja, ich meinte, dass die Op. 44 Quartette eine Provokation für Musikwisschenschaftler darstell(t)en, z.B für Eric Werner, einem der ersten bedeutenden Mendelssohn Biographen, der die Werke pauschal als "Lehnstuhlmusik" abqualifiziert hat. Die Provokation, die nicht nur von Wissenschaftlern sondern auch von "erfahrenen" Hörern, so empfunden wird, besteht eben in dem (vermeintlichen?) Rückschritt in die Zeit Haydns, während Mendelssohns erste beiden Quartette an Beethoven orientierte Bekenntniswerke romantischer Art sind. Zudem ist der weitgehend "biografiefreie" Stil der Quartette vollkommen unüblich für die Zeit (selbst wenn man sich Onslow ansieht), man denke nur an den späten Beethoven und Schubert.
Wenn Mendelssohn tatsächlich so komponieren würde wie Haydn, wäre ja der Vorwurf des "Rückschritts" durchaus angebracht. Ich habe allerdings auch gewisse Schwierigkeiten Beethovens späte Quartette als "biographisch" einzuordnen. Das "biographischste" Stück, um das es hier allerdings nicht geht, ist Mendelssohns op.80, weit mehr als Beethoven oder Schubert.


Zitat

Witzigerweise empfand aber Schumann die Op. 44 Quartette auch als zukunftsweisend. Für den heutigen Hörer machen die Op. 44 Quartette allerdings, wie oben erwähnt, einen emotional neutralen Eindruck, der schon dadurch entsteht, dass Mendelssohn, ganz in der Art Haydns, tiefsinnige Sätze und Kehraussätze in einem Quartett vereint, z.B. im Es-Dur Quartett. Das erwartet man nicht in einem romantischen Kammermusikwerk, weshalb man dann auch irritiert oder enttäuscht ist. Aber es sind nicht nur die Schlussätze, denn der langsame Satz des e-moll Quartetts wirkt seltsam unbeteiligt, bösartig ausgedrückt: glatt. Für sich genommen ist es natürlich ein schöner Andantesatz, bei Haydn würde er auch nicht stören - man denke nur an das Andante aus dem Quintenquartett. Ich denke, der Hörer geht mit einer anderen Erwartungshaltung an Werke heran, die nach Beethoven entsanden, als an Werke, die vor Beethoven entstanden.
Ich kann durchaus nachvollziehen, dass Schumann den romantischen Klassizismus von Mendelssohns Quartetten als zeitgemäß empfunden hat. Wirklich an den späten Beethoven angeschlossen hat ja, nach Mendelssohns frühen Werken, erst einmal gar niemand. Die taugten offenbar nur sehr bedingt als Vorbild für die Romantiker. Natürlich hat man "nach Beethoven" andere Vorstellungen, was die Geschlossenheit eines Werkes betrifft. Aber ich habe weder bei Haydn noch bei diesen Mendelssohnschen Werken den Eindruck mangelnder Geschlossenheit, auch wenn die nicht so obsessiv durch zyklisch wiederkehrende Motive betont wird wie bei dem frühen a-moll-Quartett.
Ich glaube auch nicht, dass ein grundsätzliches Problem besteht, einen eher schlichten Satz als Kontrast nach einem dichten und dramatischen Kopfsatz zu haben wie im Quintenquartett (oder in Beethovens 5. Sinfonie!). Die "Glätte", die man bei Mendelssohn zu spüren meint, höre ich bei Haydn so nicht. Das ist eben der Unterschied zwischen "Klassik" und Klassizismus". Um das genauer zu sehen, müsste man ins Detail gehen; ich weiß auch nicht, ob ich es analytisch überhaupt erklären könnte, aber ich meine, dass es nicht nur daran liegt, dass Mendelssohn eben ca. 50 Jahre nach Haydn schreibt.


Zitat

Bei op.44 dominiert für mich oft der Eindruck einer oberflächlichen Hektik und "Theaterdonner". Und ich mag nach wie vor Tremolo im Quartett nicht besonders (auch wenn es bei Schubert manchmal funktioniert).
Ehrlich gesagt, empfinde ich das mehr bei Op. 13 (das ich trotzdem sehr mag). Man denke nur an das Tremolo am Anfang des Finalsatzes, der aus Beethovens Op. 132 entlehnt wurde. Auch die vielen emotional aufgeladenen Rezitative in der Solovioline in eben diesem Finalsatz zähle ich eher zu den Effekten.
Das ist richtig. Nun ist aber das Rezitativ+Tremolo einer der wesentlichen Pointen des Stücks. Mag teilweise wie Theaterdonner wirken, aber mir scheint es emotional insgesamt schlüssiger als zB 44/2 und abgesehen davon ist einfach die Kühnheit des 18-20jährigen, sich die avanciertesten Werke, die fast alle anderen Komponisten 60 Jahre lang von weitem bewunderten und de facto eher ignorierten, zum Vorbild zu nehmen und dennoch etwas sehr eigenes daraus zu machen, unglaublich. Es liegt einfach auch an der Qualität der beiden frühen Quartette (und des Oktetts), dass man den Eindruck haben kann, op.44 würde dem nichts wesentliches hinzufügen.


Zitat

Hier stimme ich absolut zu. Thematisch sind die Rahmensätze im Es-Dur schlichtweg blass. So etwas gibt es bei Mendelssohnkaum, schon gar nicht in Kopfsätzen. Aber auch hier ein Vergleich mit Haydn: wer würde Haydns Opus 50 als seinen Liebling unter den Streichquartetten nominieren? Technisch um nichts schlechter als alles was er später geschrieben hat, aber trocken wie ein altes Biscuit.
Da stimme ich nicht zu. Ein paar Einzelsätze (wie die Kopfsätze der ersten beiden) mögen eine gewisse "Trockenheit" aufweisen. Aber das fis-moll oder das D-Dur-Quartett aus op.50 zählen zu meinen Favoriten. (Ich kenne diese Stücke allerdings auch besser als Mendelssohns op.44)

Felix Meritis

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5

Donnerstag, 19. Juli 2012, 23:24

Dann wünsch ich gute Reise!

Ich werde dann zunächst einmal nur auf den letzten Punkt antworten:
Da stimme ich nicht zu. Ein paar Einzelsätze (wie die Kopfsätze der ersten beiden) mögen eine gewisse "Trockenheit" aufweisen. Aber das fis-moll oder das QD-Dur-Quartett aus op.50 zählen zu meinen Favoriten. (Ich kenne diese Stücke allerdings auch besser als Mendelssohns op.44)
Vielleicht tue ich Op. 50 Unrecht, aber bis jetzt habe ich zu diesen Werken einfach noch keinen Zugang gefunden, ganz im Gegensatz zu Opus 33 und Opus 54. Allerdings, umgekehrt wie in deinem Fall, kenne ich Mendelssohns Op. 44 wesentlich besser als Haydns Op. 50. Werde mich wieder damit beschäftigen...



Bem Hörvergleich sollten unbedingt die Aufnahmen vom Cherubin-Quartett dabei sein (falls du die hast)! Ich habe mich natürlich auch in den letzten Tagen wieder vermehrt mit meinem Opus 44 Fundus beschäftigt und finde, dass die Cherubinis zumindest bei Opus 44#1 und #3 klar die beste Wahl sind. Und zwar weil sie die Dominanz der Primgeige zurückdrängen und auch den anderen Stimmen zu ihrem Recht verhlfen. Meiner Meinung nach, IST die dominante Primgeige das Hauptproblem bei der Rezeption dieser Werke, weil die dichte und gekonnte Faktur der Quartette dadurch schwer wahrnehmbar ist. Das gilt ganz besonders für das D-Dur Quartett, das ich bei den Cherubinis viel lieber mag als sonst.

Felix Meritis

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6

Freitag, 20. Juli 2012, 10:38

Vielleicht doch noch ein paar Anmerkungen zu Punkten allgemeinerer Natur, die mir offen scheinen:

Wenn Mendelssohn tatsächlich so komponieren würde wie Haydn, wäre ja der Vorwurf des "Rückschritts" durchaus angebracht. Ich habe allerdings auch gewisse Schwierigkeiten Beethovens späte Quartette als "biographisch" einzuordnen. Das "biographischste" Stück, um das es hier allerdings nicht geht, ist Mendelssohns op.80, weit mehr als Beethoven oder Schubert
Biografisch meinte ich nicht nur im speziellen, sondern auch im allgemeineren Sinne, etwa den Humanismus Beethovens. Aber es gibt in den Beethoven-Quartetten ja auch genug direkte Verbindungen mit seinem Leben, man denke nur an das Adagio aus Op. 59 #1, das "ein Akazienzweig auf dem Grab seines Bruders" ist, oder den Dankgesang aus Op. 132. Es ließen sich noch zahlreiche weitere Stellen finden, zumal er ja auch andere Musikgattungen für persönliche Äußerungen genützt hat. Bei Schubert scheint mir der resignative Ton des Streichquintetts und der B-Dur Sonate (auch der A-Dur Sonate) ebenfalls direkt biografisch deutbar zu sein.
Bei Mendelssohn beschränken sich autobiografische Bezüge übrigens keineswegs auf Op. 80, sondern sind eher die Regel denn die Ausnahme. Hier die gesicherten Fälle neben Op. 80:

1. Op. 13 aus Anlass von Beethovens Tod, seinem absoluten Idol - neben Bach natürlich. Ich denke man kann das Stück gewissermaßen auch als Requiem für Beethoven verstehen.

2. Op. 12 im Zustand der unglücklichen Verliebtheit in Betty Pistor geschrieben. Einem Freund schrieb er, er habe ein neues Quartett komponiert, in "BP-Dur" (Bettys Inititialen).

3. Streichquintett Nr. 1, Op. 18, enthält ein Adagio, das als Trauergesang für seinen verstorbenen Freund Julius Rietz zu verstehen ist.

4. Klaviertrio Nr. 2 in c-moll wurde inspiriert von der, schließlich überstandenen, lebensgefährlichen Erkrankung seiner Tochter Lilli. Die vier Sätze könnte man wohl als Angst/Kampf, Gebet, Krise und Heilung/Dank interpretieren.

  • »Hartmut Spiesecke« ist männlich

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7

Mittwoch, 5. November 2014, 12:38

Aus meiner Sicht beruht die leichte "Geringschätzung" Medelssohns auf einem Irrtum. Als Carl Dahlhaus 1973 vom "Problem Mendelssohn" sprach, bezogen die damaligen Kongressbesucher sich darauf, dass Mendelssohn die Art der thematischen Arbeit aus seinen opera 12 und 13, die sich am späten Beethoven orientierten, in seinen späteren Werken nicht fortgesetzt hat. Diese Beschreibung iat aus meiner Sicht im wesentlichen zutreffend.

Nicht aber die sich daran anschließende Bewertung. Denn die bis heute enorme Popularität vieler Werke Mendelssohns (Violinkonzert, Sommernachtstraum-Musik, Schottische und Italienische, Streicherkammermusik, Klaviermusik) beruht nach meinem Verständnis auf zwei Kriterien: auf prägnanter Melodik und auf klanglicher Wirkung. Beides gilt auch für die Quartette op. 44.

Das Charakteristischste am Thema des ersten Satzes aus op. 44,1 ist ja nicht die dominierende 1. Geige (die es nun wirklich in vielen Quartetten der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gibt), sondern der "flächige", und das meint klangfarbenorientierte Klang der drei anderen Stimmen. Ähnliches gilt für das e-moll-Quartett noch deutlicher: Die synkopierte Begleitung des ersten Themas im ersten Satz, die folgenden Sechzehntelketten, das rhythmische Scherzo, der mit durchgehenden Sechzehntel-Akkordbrechungen begleitete, liedhafte dritte Satz: Alles zielt auf einen besonderen Klang. Wer nur auf die motivische Arbeit guckt, steht in der Gefahr, die Klangfarbe zu gering zu schätzen.

Julia Sopinola hat zum Mendelssohn-Jahr 2009 einen bestechenden Artikel in der FAZ verfasst. Er beginnt mit einer genialen Beschreibung des Beginns der Sommernachtstraum-Ouvertüre und verdeutlicht, dass die ersten Akkorde, aufgebaut von oben nach unten, den Klangraum mit nur vier ganzen Noten vom höchsten bis ins tiefste Register ein Ziel haben: die Evozierung einer Märchenstimmung. Ich denke, Frau Spinola hat damit ins Schwarze getroffen.

Wer Mendelssohns Musik also nicht nur mit den traditionellen musikwissenschaftlichen Kriterien nach motivisch-thematischer Arbeit hört (die ja vorhanden ist!), sondern die Kombination von Klangwirkung und Motivbehandlung in den Blick (oder ins Ohr) nimmt, der hat bei Mendelssohn noch viel zu entdecken. Dies kann auch an op. 44 sehr gut beobachtet werden.

lutgra

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8

Freitag, 20. Januar 2017, 17:47

Eine aktuelle Einspielung von op. 44,1 und 44,3 legt das amerikanische Parker Quartett vor. 44,1 lag gerade im Player.

Aktuelle Rezensionen:
»In ihrer Aufnahme der Werke op. 44 Nr. 1 und 3 vereinen die Streicher (...) Einflüsse von beiden Seiten des großen Teichs zu einer ganz eigenen Interpretationsidee. (...) Doch anders als manche ihrer Kollegen aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten haben die Mitglieder des Parker Quartet nicht den polierten Schönklang als Hauptziel anvisiert, sondern dringen (...) viel weiter in die Tiefenschichten der Musik vor.« (Marcus Stäbler, Fono Forum, Januar 2017)
What is striking in these recordings from the Boston-based Parker Quartet is exactly the sense of energy that they produce. From the very first bars of Quartet No 3, they set out their stall as players of assurance and élan. These are young players, confident and commanding. In general, their tempos are quicker than those of almost any rivals on disc, yet they do justice the quieter and more reflective moments of these works. What they do very well is to bring out the sudden contrasts which are part of Mendelssohn’s method. I was struck by how effectively they are able to develop musical arguments – beautiful phrases are part of developed paragraphs, integrated into an overall vision. To do this requires the virtuosity and insight on display here. Outstanding performances are matched by an impeccable quality of recording. Each part is clear while maintaining a sense of listening to each of the other players.
For me, this new release goes straight to the head of the list of favourites. I hope to hear much more from this talented group, not least the other Mendelssohn quartets.
(Michael Wilkinson, Music Web International)