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zweiterbass

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1 141

Dienstag, 22. März 2016, 10:50

Hallo,

vor kurzem „gingen“ die Nürnberger Philharmoniker/Bayerische Staatsphilharmonie unter ihrem Chefdirigenten Marcus Bosch „fremd“, sie konzertierten nämlich nicht in ihrem angestammten „Konzertraum“ dem Opernhaus Nbg. sondern in der „Meistersingerhalle“ Nbg., bedingt durch das um die SWR Big Band vergrößerte Orchester, das im Orchestergraben des Opernhauses wahrscheinlich nicht mehr Platz gefunden hätte – aber auch wegen der zu erwartenden Akustikprobleme.

Vor der Pause:
Brahms, Klavierquartett g-Moll, op. 25, arrangiert für großes Orchester von Schönberg. Da ich 2 Tage vorher eine sit-in-Probe des Orchesters (mit den überwiegend jüngeren Musikern) unter Marcus Bosch im Orchestersaal (mit überraschend für die Probenarbeit guter Akustik) des Opernhauses besuchen konnte – eine sehr angenehme, freundliche Probenatmosphäre – war ich also „nicht ganz“ unvorbereitet und wusste auch schon, dass sich Schönberg fast gänzlich an die musikalischen Vorgaben von Brahms gehalten hatte. Eine bemerkenswerte Situation: Schönberg orchestriert ein Kammermusikwerk von Brahms und bedient sich dabei in wenigen kleinen Passagen (besonders im 4. Satz!) der Orchestersprache von Brahms’ ungarischer Tänze. Wenn ich das Werk unbekannterweise zuvor z.B. im Rundfunk gehört und hätte raten sollen von wem? Orchesterklang – Bruckner? Musik – Brahms? jedenfalls sofort nach dem letzten Satz.
https://www.youtube.com/watch?v=cQiYttdiZmE

Nach der Pause:
R. Liebermann, Konzert für Jazzband und Orchester. Nachdem die Nürnberger Philharmoniker in der Besetzung unverändert blieben (also auch alle Bläser), die Percussion auf ca. 15 Musiker anwuchs und die SWR Big Band hinzukam, war ein respektables Klangvolumen geboten. Liebermann hielt sich bei dem Werk an die Form des Concerto grosso (die beiden Orchestergruppen traten in einen guten Wettstreit), wobei durch die Vielzahl der Musiker und der außergewöhnlichen Artenvielfalt der Instrumente das „Concerto grosso“ eine ungewöhnliche Erweiterung erfuhr, ganz zu schweigen von der völlig anderen Rhythmik, wo sich also zur Polyphonie der Harmonik (keine „verstörenden Akkorde“) die des Rhythmus addierte. Das Werk entstand 1954; damals war Jazz bei den „Jazzern“ zwar längst angekommen, dieser aber noch kurz zuvor als „entartet“ verboten gewesen und dem klass. Musikpublikum sowieso unbekannt (der Mut des Schweizers Liebermann sollte erwähnt werden).
https://www.youtube.com/watch?v=jMYrStyNsjsDiese Aufnahme erreicht nicht das Konzertniveau der Nürnberger Philharmoniker/SWR Big Band

Es gab noch eine längere Zugabe, eine Komposition in Reinkultur des Boogie-Woogie-Rhythmus (der Komponist ist mir leider entfallen); diesmal nur noch die philharmonischen Streicher und die SWR Big Band, die aber nun „voll aufdrehte“ und den Streichern „nur übrig blieb“, sich ihnen anzuschließen.

Selten bin ich so bes(ch)wingt aus einem Sinfoniekonzert gegangen.

Viele Grüße
zweiterbass
Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

zweiterbass

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1 142

Freitag, 8. April 2016, 20:58

Hallo,

Nachtrag zu Beitrag Nr. 1141:

Das war die Zugabe, nun habe ich sie auf YouTube gefunden - die Zuhörer des Konzerts steigerten sich zu einem wahren Beifallssturm.


zweiterbass
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WoKa

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1 143

Donnerstag, 28. April 2016, 00:48

Gestern hatte ich das erste Mal das Vergnügen, im Rahmen des diesjährigen Emil Gilels-Festivals in Freiburg einen der Pianisten der Stunde zu erleben: Grigori Sokolov. Und ich kann sagen: ich wurde durchaus überrascht! Leider dergestalt, daß ich mich den immer und überall über Sokolov zu lesenden bedingungslosen Jubelarien nicht 100%ig anschließen wollte. Meine Erwartungshaltung deckte sich mithin nicht ganz mit dem Erlebten.

Auf dem Programm des Abends standen:


Robert Schumann - Arabeske, op. 18
Robert Schumann - Fantasie in C-dur, op. 17


Pause

Frédéric Chopin - 2 Nocturnes in B-dur / As-dur, op. 32
Frédéric Chopin - Klaviersonate Nr. 2 in b-moll, op. 35



Hallo!

Ich durfte Sokolov vergangene Woche in der Liederhalle Stuttgart mit demselben Programm erleben. Ich war mir im Klaren darüber, dass er ein Ausnahmemusiker ist, kenne auch das Salzburg Recital (mehr oder weniger). Ich war also gespannt, konnte mir allerdings nicht wirklich vorstellen, wie er sich von anderen Pianist_innen der ersten Reihe unterscheiden könne. Was ich dann allerdings vor allem in der ersten, der Schumann-Hälfte hörte, empfand ich persönlich als unbeschreiblich. Ich habe noch keinen Klavierabend erlebt, der ein derart facettenreiches Klangerlebnis war. Ich bin nicht derjenige, der seine interpretatorischen Ansätze mit denen anderer Interpret_innen vergleichen kann. Dazu sind andere Taminos weit mehr in der Lage. Ich weiß nur, dass ich verzaubert war - und jede weitere Gelegenheit nutzen werde, ihn live zu erleben.

Gruß WoKa
"Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."

Victor Hugo

zweiterbass

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1 144

Montag, 16. Mai 2016, 22:02

Hallo,

unter Kantor Bernhard Buttmann gab es am 15.05 mit der Sebalder Kantorei und dem Bachorchester Nürnberg in St. Sebald

Bach-Kantate BWV 34
https://www.youtube.com/watch?v=rETHbd-Vb3k

Bach-Kantate BWV 51
https://www.youtube.com/watch?v=mM9lpVIC_JQ

Bach Magnificat BWV 243
https://www.youtube.com/watch?v=dg3tg_YEXMQ


Es gibt keine YouTube-Einspielungen mit der Kantorei St. Sebald, es war jedoch eine sehr gute Aufführung, wobei besonders die Trompeter hervorzuheben sind, mehr noch jedoch die Sopranistin Hanna Herfurtner in BWV 51, die kurzfristig als Ersatz eingesprungen war. Der Chor hat überzeugend agiert, wobei die von Buttmann gewählte Aufstellung sich als geschickt erwiesen hat (insbes. für die Bässe).

Bei den geposteten YouTube-Einspielungen habe ich m. E. die besten Aufnahmen ausgewählt, auch wenn es nicht immer die bekanntesten Namen sind.

Viele Grüße
zweiterbass

Nachsatz: Bernhard Buttmann gilt als Reger-Orgelspezialist; es sind 4 CD-Boxen mit je 4 CDs mit allen Orgelwerken von Reger erschienen; ich werde noch dazu posten.
Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

William B.A.

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1 145

Dienstag, 17. Mai 2016, 04:33

Zitat

Hallo!

Ich durfte Sokolov vergangene Woche in der Liederhalle Stuttgart mit demselben Programm erleben. Ich war mir im Klaren darüber, dass er ein Ausnahmemusiker ist, kenne auch das Salzburg Recital (mehr oder weniger). Ich war also gespannt, konnte mir allerdings nicht wirklich vorstellen, wie er sich von anderen Pianist_innen der ersten Reihe unterscheiden könne. Was ich dann allerdings vor allem in der ersten, der Schumann-Hälfte hörte, empfand ich persönlich als unbeschreiblich. Ich habe noch keinen Klavierabend erlebt, der ein derart facettenreiches Klangerlebnis war. Ich bin nicht derjenige, der seine interpretatorischen Ansätze mit denen anderer Interpret_innen vergleichen kann. Dazu sind andere Taminos weit mehr in der Lage. Ich weiß nur, dass ich verzaubert war - und jede weitere Gelegenheit nutzen werde, ihn live zu erleben.

Gruß WoKa


Und ich werde am 31. 5. ihn in Köln mit dem gleichen Programm erleben. Und es wird dann schon das vierte Jahr hintereinander sein, dass ich ihn erlebe, und in einem Jahr war das sogar zweimal der Fall. Inzwischen übernachte ich jedes Mal in Köln, weil Sokolov nach dem Konzert ein zweites Konzert beginnt mit regelmäßig sechs durchaus nicht kurzen Zugaben.

Zitat


Zitat von »Tobias C.B.«
Gestern hatte ich das erste Mal das Vergnügen, im Rahmen des diesjährigen Emil Gilels-Festivals in Freiburg einen der Pianisten der Stunde zu erleben: Grigori Sokolov. Und ich kann sagen: ich wurde durchaus überrascht! Leider dergestalt, daß ich mich den immer und überall über Sokolov zu lesenden bedingungslosen Jubelarien nicht 100%ig anschließen wollte. Meine Erwartungshaltung deckte sich mithin nicht ganz mit dem Erlebten.


Lieber Tobias, ich bin aus deiner Einschätzung nicht so recht schlau geworden. Du hast mit wenigen Worten wenig gesagt. Warum wurdest du "dergestalt" überrascht? Hat er zu schnell gespielt oder zu langsam oder gar falsch? Ich weiß, dass Sokolov für manche Leute zu langsam spielt, aber er tut das mit einer solchen inneren Spannung und mit so feinen dynamischen Schattierungen (Wolfgang drückte sich so ähnlich aus), dass das Publikum regelmäßig verzaubert ist, und ich war es auch, vom ersten Moment an, seit er mir begegnete. Ich habe schon vorher durch meine zahlreichen Beethoven-Sonaten-Besprechungen gelernt, mich auf solche Pianisten wie Sokolov einzulassen (er ähnelt in Vielem auch Richter), und ich hoffe, dass er in Zukunft noch mal öfter zulässt, dass seine Konzerte aufgenommen werden und vielleicht auch etwas mehr Beethoven darunter ist.
Ich werde mich gleich ins Bett legen und noch einmal seine Salzburger "Hammerklaviersonate" hören (ich kann nicht genug davon bekommen). Sokolov verhilft vielen Hörern durch seine scheinbar grenzenlose technische Kompetenz und seine ebenso grenzenlose Musikalität, die Geheimnisse vieler Klavierwerke besser zu verstehen und die Strukturen besser zu lesen, und er ist m. E. im Konzert noch viel unmittelbarer und mitreißender, als es in seinen Aufnahmen rüberkommt. Und er ist so ein einfacher, zurückhaltender Mensch, der dann plötzlich mit dem ersten Ton zum Titanen wird, schon äußerlich durch seine Erscheinung diesen Eindruck erweckend, aber dennoch zu feinsten Regungen fähig und m. E. so vollkommen natürlich die Wahrhaftigkeit in der Musik zum Vorschein zu bringen. Und bei alledem ist sein Spiel stets hochkonzentriert und vollkommen fehlerfrei und kontrolliert. In all den Jahren, in denen ich jetzt Klavierabende besuche, haben mich eigentlich nur drei Pianisten ähnlich begeistert und auch teilweise verzaubert wie Sokolov, und zwar Alfred Brendel, Maurizio Pollini und Radu Lupu.

Liebe Grüße

Willi :)
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

Dr. Holger Kaletha

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Dienstag, 17. Mai 2016, 12:12

Ich werde mich gleich ins Bett legen und noch einmal seine Salzburger "Hammerklaviersonate" hören (ich kann nicht genug davon bekommen).
Das ist wie immer bei Sokolov, lieber Willi, atemberaubend sauber gespielt. Aber vom Stuhl gehauen hat mich seine "Hammerklaviersonate" dann doch nicht - ich habe die CD auch nicht gekauft bislang. Was ich dagegen umwerfend finde ist dieser Mitschnitt eines russischen Kollegen (draufklicken) ;) Die steht ziemlich weit oben auf meiner Anschaffungsliste.



Herzlich grüßend
Holger

William B.A.

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1 147

Mittwoch, 18. Mai 2016, 01:27

Es ist ja nicht so, lieber Holger, als ob ich auf der "Brennsuppen" dahergeschwommen wäre. Ich habe diese CD (von Berman)seit über eineinhalb Jahren. Ich halte sie für auf ähnlich hohem Niveau, aber doch von dem Zeitmangement als entgegengesetzt. Da Berman aber sicherlich von der gleichen Ernsthaftigkeit erfüllt ist und auch technisch auf dem Niveau, ist auch diese Lesart wegen ihrer ebenfalls überragenden Qualität als gleichberechtigt anzusehen. Auch seine Hammerklaviersonate höre ich sehr gerne und mit großer Begeisterung. Schaffe sie dir ruhig an. Jedoch können wir bei Berman leider nicht mehr feststellen wie er im Konzert spielt.

Liebe Grüße

Willi :)

P.S. Meine neue Saisonplanung steht jetzt: insgesamt 10mal (von 31) Klavier, 8mal solo, einmal kammermusikalisch (mit Schiff) und einmal KK (Aimard mit Dvorak). Und das eine oder andere Konzert wird im Laufe der Saison noch dazukommen.
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Dr. Holger Kaletha

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1 148

Mittwoch, 18. Mai 2016, 11:22

Es ist ja nicht so, lieber Holger, als ob ich auf der "Brennsuppen" dahergeschwommen wäre. Ich habe diese CD (von Berman)seit über eineinhalb Jahren. Ich halte sie für auf ähnlich hohem Niveau, aber doch von dem Zeitmangement als entgegengesetzt. Da Berman aber sicherlich von der gleichen Ernsthaftigkeit erfüllt ist und auch technisch auf dem Niveau, ist auch diese Lesart wegen ihrer ebenfalls überragenden Qualität als gleichberechtigt anzusehen. Auch seine Hammerklaviersonate höre ich sehr gerne und mit großer Begeisterung. Schaffe sie dir ruhig an. Jedoch können wir bei Berman leider nicht mehr feststellen wie er im Konzert spielt.
Das mit dem "Brennsuppen", lieber Willi, ist gut! :) Wenn ich an mein Chopin-Projekt denke - über 200 Aufnahmen von demselben Stück - geht es auch bei mir gar nicht mehr ohne. Klanglich und auch wegen des Booklets und das Gefühl, eine wirkliche Musik-Bibliothek greifbar vor mir zu haben, ist mir immer noch die CD am liebsten. Den Berman werde ich mir auf jeden Fall anschaffen - ich warte noch ein bisschen auf ein gutes Angebot. Ich habe ja noch so viel an Ungehörtem "abzuarbeiten"! Den Sokolov werde ich irgendwann wohl auch noch ganz hören... :hello:

Liebe Grüße
Holger

William B.A.

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1 149

Mittwoch, 18. Mai 2016, 20:43

Ich habe beute Nacht noch einmal die Hammerklaviersonate gehört und dabei darauf geachtet: was macht Sokolov eigentlich anders als der Großteil seiner Kollegen?
Man kommt ja nicht unbedingt sofort darauf, wenn man ihn in seiner imposanten Erscheinung, Marke "russischer Bär" sieht. Man könnte auf die Idee kommen: da ist ein gnadenloser Tastendonnerer, aber weit gefehlt!. Vor allem fiel es mit jetzt bei der op. 106 wie Schuppen von den Augen (Ohren), gleich bei den Eingangsakkorden, runde, beinahe weiche Akkorde, und währende des ganzen Kopfsatzes entspanntes, gleichwohl spannendes Musizieren und verstärktes Herausheben des lyrischen Ausdrucks.
Das war kein donnerndes Sturm- und Drang-Musizieren, wie man es oft im Kopfsatz hört, und das war in Beethovens Entwicklung ja auch beileibe kein Sturm und Drang mehr, das war eher schon die Richtung "Altersstil", und das heißt, wie die Entwicklung schon im op. 90 erkennen lässt, die wachsende Durchgeistigung der Musik, der schon beinahe vollzogene Übertritt in eine andere Sphäre, der hier, in op. 106, schon im Adagio sostenuto einen ersten Höhepunkt erfährt. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass es in der klassischen Klavierliteratur keinen anderen Satz gibt, der in der Konsequenz und vor allem in der zeitlichen Ausdehnung so überirdisch ist wie das Adagio sostenuto, auch nicht die Arietta, denn sie ist ja nicht durchgehend Adagio, wenn wir nur an die famose dritte Variation denken, die ich immer gerne als "Boogie-Woogie"-Variation bezeichne. Gleichwohl führt sie entwicklungsmäßig auf eine andere Art weiter, gerade durch die Variationen, die bei Beethoven in der Weiterentwicklung der Mozartschen Variationen in neue Höhen führten.
Aber Sokolov spielt dieses durchgeistigte Adagio sostenuto auf eine Art genau in diesem Sinne, die ich nur als "Wunder" bezeichnen kann.
Auch das Scherzo spielt er in diesem getragenen Tempo, aber auch sehr spannungsgeladen, und das Finale spielt er konsequent „bachischer“, als Bach es vielleicht je komponiert hätte, wenn ihm dieses Thema bekannt gewesen wäre.
Vielleicht ist es das, wovon so viele Anhänger Sokolovs (auch ich), schwärmen, wenn sie ihm zuhören, dass jedwedes Stück in dem Augenblick, da er es spielt, so klingt, als ob er es gerade komponiert und gleichzeitig gespielt hätte, als ob man es zum ersten Mal hörte.

Nach dem Hören des op. 106 habe ich noch das Booklet gelesen, in dem Interessantes über die sechs Zugaben zu lesen waren, fünfmal Rameau und einmal Brahms. Sie werde ich mir heute Nacht zu Gemüte führen und morgen darüber berichten.

Liebe Grüße

Willi :)
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lutgra

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Mittwoch, 18. Mai 2016, 21:42

Ebene Quartett wieder in Stuttgart

Am zurückliegenden Mittwoch (11.5.2016) war das Ebene Quartett mit neuem Bratscher das erste Mal in Stuttgart, als Ersatz für ein im Februar ausgefallenes Konzert. Die Konzerte des französischen Quartetts geniessen inzwischen Kultstatus in dieser Stadt, die Konzerte sind immer ausverkauft und der Beifall ist lauter und länger anhaltend als bei jedem anderen Quartett (incl. Artemis, Hagen, Mandelring oder Belcea).
Die Jungs haben auch immer ein attraktives Programm drauf, inzwischen haben sie wohl alle späten Beethoven Quartette hier dargeboten. Diesmal das op.130 mit der Großen Fuge op. 133 als letzten Satz, als sozusagen die Originalfassung. Ja und das war dann natürlich auch der Höhepunkt des Abends, nachdem es schon vor der Pause mit Haydns kühnem op. 20/2 und Debussy stark losging.
Der Haydn war weitgehend Richtung HIP interpretiert, was für mich inzwischen auch fast Pflicht ist, allerdings das Niveau der vor Jahresfrist erschienenen Doric SQ Aufnahme erreichte m.E. die Ebenes hier nicht. Auch die etwas nebulöse Introduktion in Debussys einzigen Gattungsbeitrag gefiel mir nicht ganz so, aber nach wenigen Minuten war man "im swing". Beethoven scheint den Franzosen dann doch am meisten zu liegen, jedenfalls gab es hier nun überhaupt nichts auszusetzen und der Prüfstein "Fuge" wurde mit selten gehörter Furor und Konsequenz genommen. Schon nachvollziehbar, dass die Zeitgenossen Beethovens mit diesem Stück wenig anfangen konnten. Auch heute noch eine Hörherausforderung.
Der blutjung wirkende neue Bratschist Adrien Boisseau (er ist tatsächlich schon 25, wirkt aber wie ein Pennäler) schien sich bereits perfekt eingefügt zu haben und machte auf mich einen vor allem neugierigen und erwartungsvollen Eindruck.

Dr. Holger Kaletha

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Mittwoch, 18. Mai 2016, 23:50

Nach dem Hören des op. 106 habe ich noch das Booklet gelesen, in dem Interessantes über die sechs Zugaben zu lesen waren, fünfmal Rameau und einmal Brahms. Sie werde ich mir heute Nacht zu Gemüte führen und morgen darüber berichten.
Da freue ich mich schon darauf, lieber Willi! Vielleicht verfrachtest Du dann Deine schönen Eindrücke in den Sokolov-Thread, damit sie hier nicht untergehen! :hello:

Herzlich grüßend
Holger

William B.A.

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1 152

Sonntag, 10. Juli 2016, 05:07

Alisa Weilerstein, Paavo Järvi und die Deutscher Kammerphilharmonie Bremen in Hamburg beim SHMF

Gestern war ich wieder im Konzert. Genau genommen war es nur ein halbes, und zwar beim Schleswig-Holstein-Musikfestival, diesmal in Hamburg in der Laeiszhalle.

Es gastierten wieder einmal die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen unter Paavo Järvi und als Solistin die amerikanische Cellistin Alisa Weilerstein. Auf dem Programm standen:

vor der Pause Beethovens 8.Symphonie F-dur op. 93 und Haydns Cellokonzert D-dur Hob. VIIb:2 und
nach der Pause Haydns Cellokonzert C-dur Hob. VIIb:1 und Beethovens 1. Symphonie C-dur op. 21.

Hätte ich nur vorher die Haydn-Konzerte probegehört, dann hätte ich gewusst, wie lange sie dauern, dann hätte ich mir rechtzeitig in Hamburg ein Zimmer gebucht, denn mein gebuchter Intercity zurück fuhr planmäßig um 22.46 Uhr zurück nach Münster, wo mein Auto stand.
Durch die Gewissenhaftigkeit Paavo Järvis, der die Wiederholungen stets spielt, dauerte schon die Achte Beethoven 26 Minuten und das D-dur-Cellokonzert Haydns noch einmal 26 Minuten, und mit Auftritt und Applaus nach beiden Stücken begann die Pause erst um 21.00 Uhr. Da nach der Pause noch einmal zwei Stücke folgten und nach der 8. Symphonie umgebaut worden war und nach dem zweiten Cellokonzert (in Wirklichkeit dem ersten) noch einmal umgebaut werden würde, war nicht damit zu rechnen, dass selbst unter Verzicht auf die von Järvi stets gegebenen Zugaben (eventuell auch von Weilerstein), ich den letzten akzeptablen Bus um 22. 24 Uhr noch erreichen würde, und so verzichtete ich leicht blutenden Herzens auf die C-dur-Herrlichkeit nach der Pause.
Da ich am 21. August wieder in Hamburg am Start sein werde, diesmal mit Beethovens prachtvoller Pastorale und Haydns prachtvoller Harmoniemesse unter Thomas Hengelbrock und seinen beiden Balthasar-Neumann-Klangkörpern, werde ich nach Schreiben dieses Berichts mich unverzüglich um ein Zimmer in Hbf-Nähe bemühen. Wenn ich denke, dass ich für ein halbes Konzert + IC-Rückkehr 110 € bezahlt habe, wird sich das für ein ganzes Konzert auf jeden Fall rechnen, zumal ich dann den Rückweg ebenfalls kostenfrei bewältigen kann (Als Schwerbehinderter mit Merkzeichen "G" = gehbehindert) kann ich in ganz Deutschland kostenfrei (bis auf wenige blinde Flecken) mit dem Nahverkehr fahren, und bis Hamburg geht das auch zeitlich (noch unter 4,5 Stunden). Wenn die Autobahn voll ist, dauert das genau so lange.
Doch nun zur Musik:

Ich kannte Haydns Cellokonzerte überhaupt nicht und wollte mich überraschen lassen, aber davon später.

Zu Beginn stand Beethovens Achte auf dem Programm, deren Allegretto ich bei meinem allerersten Zusammentreffen mit der deutschen Kammerphilharmonie vor etlichen Jahren in Kiel in einem Konzert mit Hillary Hahn (Mendelssohn), damals schon Schumann nach der Pause (Nr. 2), als vielumjubelte Zugabe genießen konnte, wie übrigens das ganze Konzert. Jahre später konnte ich ihn dann mit dem gleichen Orchester und diesmal mit Julia Fischer und dem gleichen Violinkonzert in Köln erleben.
Doch diesmal war es die ganze Achte, und so konnte ich feststellen, dass ähnlich wie auf der DVD-GA, im Gegensatz zur Auffassung meines Co-Taminos Liebestraum, Järvi eben nicht wie ein "TGV" durch die Partitur brettert.
Im Orchester gab es einige neue Gesichter. Den Paukisten hatte ich schon vor zwei Jahren an gleicher Stelle gesehen, er taucht aber nicht in der Besetzungsliste auf, und in den ersten Geigen ist, zumindest seit letztem Jahr, auch eine junge Konzertmeisterin am Start, die 26jährige Sarah Christian, die sich derzeit bei Prof. Antje Weithaas an der Hanns-Eisler- Hochschule in Berlin auf ihr Konzertexamen vorbereitet, bei gleichzeitigem Lehrauftrag. Das hört man selten:

Ich bin kein Violin-Experte, ich bin überhaupt kein Experte, aber ich meine, dass sie eine sehr leichte und sichere Bogenführung hat und die Stücke, die sie spielt, sozusagen verinnerlicht hat. Von meinem Platz in der 6. Reihe Mitte, konnte ich ihr Spiel sehr gut vernehmen.
Sehr beeindruckt haben mich auch wieder die Stimmführerin der Bratschen, Friedrike Latzko,

die als eine der Prototypen dieses Orchesters in Bezug auf die Einheit von Gehalt und Gestalt, also extrovertiertem Spiel auf höchstem musikalischen Niveau, gelten kann und der Stimmführer in den Celli, Marc Francoux,

der mich seit etlichen Jahren begeistert, für den die gleichen Attribute gelten, obwohl sein Gesichtsausdruck im Spiel nicht immer dem von Friedrike Latzko ähnelt, sondern der doch manchmal sehr konzentriert ist.
Die Celli haben mir heute besonders gefallen, wobei zu bemerken ist, dass ich durch meine recht vordere Sitzposition und die flache Gestaltung von Parkett und Podium die Holzbläser und auch die Blechbläser so gut wie gar nicht erblicken konnte, doch den Solofagottisten, Higinio Arrué,

konnte ich, vor allem im Allegretto, durch seine fabelhafte Spielweise auch so heraushören.
Natürlich kann man, wenn man das ganze Orchester betrachtet, in Aktion mit seinem Dirigenten, doch, wie ich meine, im Vergleich zu der Gesamtaufnahme der Beethoven-Symphonien 2009 in Bonn, zumindest für die Achte (die Erste habe ich ja nicht mehr gehört), eine weitere qualitative Steigerung, vor allem in dynamischer Hinsicht, feststellen.
Ich habe seit vielen, vielen Jahren nicht wieder eine so fabelhafte dramatische, dynamische Steigerung am Ende der Durchführung im Kopfsatz in den Streichern seit jener fabelhaften Aufnahme Wilhelm Furtwänglers, ich meine mit den Berliner Philharmonikern, vernommen wie gestern Abend. Das war schon überwältigend, und vor allem gefiel mir in dieser Sequenz die unerhörte Schärfe und Schroffheit, in der sie das gestalteten mit hell knallenden Pauken- grandios.
Wenn auch einmal, wie ich gestern Abend und auch schon in der vergangenen Saison in Köln feststellte, die eine oder andere Umbesetzung stattgefunden hat, (das müssen sie auch wahrscheinlich wohl wegen ihrer vielen Auftritte machen), so hat darunter ihr homogener Gesamtklang und ihr rhythmisch-dynamisches Spiel in keiner Weise gelitten, sondern sich weiter entwickelt.

Gleiches gilt auch für das D-dur-Cello-Konzert von Haydn, das 31 Jahre vor der Achten Beethoven entstand und entsprechen kleiner besetzt war. Und natürlich war hier noch ein weiterer Gewinn an Transparenz zu verzeichnen, wenn auch nicht gravierend. Aber dieses Konzert hat mich in jeder Weise "umgehauen". Ich war ja schon von Haydns Messen und von seinen späten Symphonien sowie etlichen Streichquartetten gewohnt, dass sie qualitativ weit oberhalb dessen stehen, was so unter "Papa Haydn" lief. Aber dies war ja nochmal eine Steigerung, vor allem in der Durchführung (ich rede immer noch von dem Konzert Nr. 2 D-dur). Das stieß m. E. klanglich und rhythmisch in verschiedenen Sequenzen bis in die Romantik, ja hier und da vielleicht sogar Spätromantik vor, und das Ganze fand, wie ich den Eindruck hatte, einen wunderbaren Ausdruck in dem Können und Engagement von Alisa Weilerstein:

Sie ist jetzt vor wenigen Monaten 34 Jahre geworden, und ich wünsche ihr einen ähnlichen Weg (künstlerisch) wie der legendären Jacqueline du Pré, die in den späten 60er Jahren zusammen mit ihrem Ehemann Daniel Barenboim und dem israelischen Geiger Pinchas Zukerman die legendäre Aufnahmeserie der Beethoven-Klaviertrios vorlegte, die im Fernsehen gezeigt wurden und mich restlos begeisterten, vor allem natürlich Jacqueline du Pré.
Wünschen wir also Alisa Weilerstein einen künstlerisch ähnlichen Weg wie Jacqueline du Pré, Alisa scheint mir ähnlich wie diese auch eine Interpretin zu sein, die gerne auch mal gegen den Strich bürstet, wie ich weiter oben schon erwähnte.
Auch wenn es im Beiheft heißt, dass Haydn nicht gerade so der Experte in Solokonzerten gewesen sei, so ist jedoch m. E. und in meiner bescheidenen Einfalt dieses Konzert ein Gegenbeispiel dafür. So eine hohe Virtuosität bei gleichzeitigem formalen klassischem Ebenmaß und klanglicher Erweiterung ins (Spät)romantische hinein muss man vielleicht anderweitig erst noch einmal suchen.
Desgleich sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Joseph Haydn für das Baryton, ein dem Cello vor allem in Größe und Klang nicht ganz unähnlichen Streichinstrument, allein 123 Trios (mit Viola und Cello) geschrieben hat, quasi, wenn man sich das überlegt, zur Erweiterung des Klangraums und der Klangvielfalt.

Wie dem auch sein, ein wunderbarer Konzertabend, wenn auch nur halb, aber dennoch, mit einem ganzen Dirigenten:



Liebe Grüße

Willi ^^
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zweiterbass

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1 153

Dienstag, 19. Juli 2016, 21:53

Hallo,

am 17.07. gab es unter dem Motto „Hear my prayer“ in St. Egidien, Nürnberg ein Konzert mit dem
Egidienchor
2 Stipendiaten der Egidier Musikwerkstatt
David Catalunya, Clavicymbalum
http://www.davidcatalunya.com/clavisimbalum/
Patricia Kemmer, Sopran + Glockencarillon, transportabel - Dreibockgestell, ca. 1,80 m L und
ca. 0,70 m B, auf dem 13 Messing-Glocken ohne Klöppel aufgehängt sind, die mit einem Holzklöppel angeschlagen werden
Gesamtleitung und an der Truhenorgel Pia Praetorius

Jan Pieterszoon Sweelinck (1562-1621)
O Domine Jesu
https://www.youtube.com/watch?v=TdqlMLtF5Y8

De profundis clamavi
https://www.youtube.com/watch?v=9l5dAFkKAAA

Anonymus – Kyrie Angelicum (Buxheimer Orgelbuch ca. 1460) – Sopransolo, Clavicymbalum, Glockencarillon – der feine, silbrig helle, aber nicht aufdringliche Ton des Clavicymbalum, mit dem sehr obertonreichen Klang der Glocken und der unverbildeten Sopranstimme ergab ein sehr eindrucksvolles, fein nuanciertes, selten gehörtes Klangbild .

Anonymus – In pro (London, Ende 14. Anfang 15, Jh.) – sehr bewegt, tanzartig, Clavicymbalum und Glockencarillon, das z. T. melodiös und z. T. ähnlich eines b. c. eingesetzt war.

Sven Sandström (1942) – Hear my Prayer – als Bearbeitung eines Chorsatzes von H. Purcell. (Das Kompositionsprinzip entspricht dem von „Es ist ein Ros‘ entsprungen“ von M. Praetorius, in welchem ein kleineren Chor den Original-Praetorius-Satz singt, dem steht ein größerer 4-6-stimmiger gem. Chor gegenüber, der mit Harmonien aus dem 20. Jh. den Praetorius-Satz wirkungsvoll und kompatibel ergänzt.) Hier liegt die moderne Ergänzung mehr in den Männerstimmen.
https://www.youtube.com/watch?v=jH0SOu6EA80

J. E. Kindermann (1616-1655)– Benedictio Matutina und Vespertina – Pia Praetorius begleitete den Chor auf der Truhenorgel und für die Solostücke kamen die beiden Stipendiaten (sehr gute Stimmen - Mezzo, Bass) zum Einsatz.

Jan Pieterszoon Sweelinck –
Paracletus Just autem Spiritus
https://www.youtube.com/watch?v=tPnhvXT4dcU

Gaude et laetare
https://www.youtube.com/results?search_q…aude+et+laetare
Works 1/3, mehr anzeigen, dann Nr. 11

Michael Ostrzyga (1975)
Lauda Jerusalem
https://www.youtube.com/watch?v=p9y8DaYlQpU

Avo Pärt (1935)
Magnificat
https://www.youtube.com/watch?v=GiKNUma4dY0

J. Rheinberger (1839-1901)
Abendlied
https://www.youtube.com/watch?v=TGc__HGwdxk
mein Blick vorab ins Programmheft – was hat Spätromantik hier zu suchen? Die ungewöhnliche Dynamik mit der Pia Praetorius diesen bekannten Chorsatz interpretierte löste das Rätsel – aus dem üblicherweise ruhig dahinfließenden Abendlied wurde durch die große Dynamik bei „Bleib bei uns…“ etwas Aufwühlendes, Forderndes (es heißt ja auch nicht „Bitte, bleib bei uns…“) – also nahe am Text interpretiert.

Es gab zwischendurch noch insgesamt 5 Anonymi mit kleinen Stücken für Clavicymbalum und Glockencarillon - in ruhigem Tempo, aber auch lebhaft mit vielen sehr schnellen Läufen im Clavicymbalum, die zu dem sehr reichhaltigen Klangerlebnis beitrugen. Die Intonationsreinheit der vom Egidienchor vorgetragenen A-Cappella-Chorwerke und die authentische Interpretationen durch Pia Praetorius hatten jedoch den Hauptanteil an dem herrlich bereichernden Konzerterlebnis.

Viele Grüße
zweiterbass
Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

operus

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Mittwoch, 20. Juli 2016, 10:02

R. Liebermann, Konzert für Jazzband und Orchester. Nachdem die Nürnberger Philharmoniker in der Besetzung unverändert blieben (also auch alle Bläser), die Percussion auf ca. 15 Musiker anwuchs und die SWR Big Band hinzukam, war ein respektables Klangvolumen geboten. Liebermann hielt sich bei dem Werk an die Form des Concerto grosso (die beiden Orchestergruppen traten in einen guten Wettstreit), wobei durch die Vielzahl der Musiker und der außergewöhnlichen Artenvielfalt der Instrumente das „Concerto grosso“ eine ungewöhnliche Erweiterung erfuhr, ganz zu schweigen von der völlig anderen Rhythmik, wo sich also zur Polyphonie der Harmonik (keine „verstörenden Akkorde“) die des Rhythmus addierte. Das Werk entstand 1954; damals war Jazz bei den „Jazzern“ zwar längst angekommen, dieser aber noch kurz zuvor als „entartet“ verboten gewesen und dem klass. Musikpublikum sowieso unbekannt (der Mut des Schweizers Liebermann sollte erwähnt werden).
https://www.youtube.com/watch?v=jMYrStyNsjsDiese Aufnahme erreicht nicht das Konzertniveau der Nürnberger Philharmoniker/SWR Big Band

Lieber zweiterbass,

wenn Sinfonieorchester ihren in der Regel überalterten Besucherstamm verjüngen und neu beleben wollen, dann sind genau solche Klangevents und eine wohl überlegte Ausweitung des gewohnten sinfonischen Repertoires ein probates Mittel. Wie auch Dein gestriger Konzertbericht zeigt besuchst Du häufig Konzerte die Neues bieten und aus dem Rahmen fallen. Schön für Dich - schön für uns, dass Du diese Erlebnisse durch eine Konzertberichte mit uns teilst. Danke!

Herzlichst
Operus
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zweiterbass

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Montag, 25. Juli 2016, 00:11

Hallo,

im Rahmen der Reihe „Musica Franconia“ hörte ich am 24.07. in St. Sebald, Nürnberg, das Requiem (Erstaufführung in der BRD 1 Tag vorher in der Wallfahrtskirche Freystadt) von Jean Paul Egide Martini (siehe Thread „Geburts- und Todestage…“). Auch eine Spezialität Riedelbauchs, der in der BRD unbekannte Werke „auskramt“, wenn er sie für gut/aufführungswürdig hält; es gab auch schon in den letzten 40 Jahre die Fälle, dass er zusammen mit anderen Musikwissenschaftlern irgendwo aufgefundene Noten (auch nicht komplett) zum Druck herausgab.
Ausführende:
Corina Schreiter, Sopran
Martin Platz, Tenor
Markus Simon, Bass
Festivalchor Musica Frankconia (ca. 50 Sänger/Innen)
Orchester „La Banda“ auf historischen Instrumenten (ca. 40 Instrumentalisten/Innen)
Gesamtleitung Wolfgang Riedelbauch

Das Werk gibt es weder auf CD noch bei YouTube, ich kannte nicht mal den Namen „…Martini“. Umso mehr war ich erstaunt über die hohe Qualität des Werkes, das neben bekannten Totenmessen durchaus bestehen kann. Wie bei (wie vielen?) Mozarts kirchlichen Werken kommt auch hier der Opernkomponist ab und zu durch. Wenige Stellen geraten m. E. für eine Totenmesse etwas zu verträumt schmalzig, insgesamt hat das Requiem eine für die Zeit der Entstehung stimmige Musiksprache und daraus folgend einen stimmigen Charakter.

Die Leistungen der Ausführenden waren weit überdurchschnittlich, dabei konnte insbesondere der Chor glänzen. Sehr gefallen hat mir auch die meist überzeugende Klangbalance - ich saß zum Ende des 1. Drittels des Kirchenschiffs – das oft zu hörende Übertönen von Soli und Chor durch das Orchesters viel aus; da kam die große Chorerfahrung Riedelbauchs zum Tragen und wahrscheinlich auch die Besetzung des Orchesters mit hist. Instrumenten.

Lang anhaltender Beifall aus der voll besetzten Sebalduskirche belohnte die Ausführenden.

Viele Grüße
zweiterbass

Nachsatz: Gerne denke ich an die Zeit zurück, als ich in 1970-er Jahren im Hans-Sachs-Chor, Nürnberg, unter der Chorleitung von Riedelbauch als 2. Bass mitgesungen habe.
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operus

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Dienstag, 26. Juli 2016, 19:05

Die ollen Kamellen ziehen noch!!!

Ja, wenn die vermeintlich antiquierten Stücke begeistert über die Rampe gebracht werden: So geschehen in Heilbronn, wo am vergangenen Sonntag fünf blutjunge Sängerinnen und Sänger der Musikhochschule Düsseldorf durch ihr Spieltalent, ihre Lebendigkeit, ihre Vitalität, ihr jugendliches Feuer im Konzertsaal pulsierende Opern- und Operettenatmosphäre schufen. Dabei begann dieses Konzert mit einer Hypothek, denn es war als Open-Air-Konzert im romantischen Deutschhof geplant und musste wegen Umbauarbeiten am Aufführungsort in den doch recht sommerlich warmen Harmonie-Saal verlegt werden. Doch bereits beim ersten Stück, als der fabelhaft aussehende, singende und spielende Tenor James Park als Marquis de Chateauneuf sein liebreizendes flandrisches Mädchen, Linda Hergarten, Sopran, anhimmelt war alle Enttäuschung verflogen. Im Sturm eroberten die beiden Sänger die Herzen der Heilbronner. Erste Bravi. Der Bariton Alexander Kalina steckt noch mitten im Studium. Sein Zar Peter mit Zepter und Krone wirkt noch etwas verhalten, zeigt jedoch bereits gewinnendes, lyrisches Potential. Ganz anders dagegen später als er aus Lortzings "Wildschütz" mit Temperament und Bravour wirklich "Heiterkeit und Fröhlichkeit" entfachte. Aus dem der Spieloper gewidmeten Teil sind noch besonders die Arie der Baronin Freimann erstaunlich reif und routiniert von Linda- Maria Kramer gesungen und gestaltet und die sehr diffiziele "Billiardszene" hervorzuheben. Perfekt waren die 5 Solisten von ihrer Lehrerin und Mentorin Kammersängerin Prof. Jeanne Piland vorbereitet und trainiert. Das Zusammenspiel und die schwierigen Übergänge sitzen tadellos. Alle stimmlichen Facetten werden sängerisch und komödiantisch genussvoll ausgekostet. Da man kein Billiard auf der Bühne zur Verfügung hatte, spielen Graf und Baron ein lustiges, gestenreiches Schere-Stein-Papier-Spiel, das aber spontan zündete. Der tosende Beifall und Jubel bewies eindrucksvoll: Die Spieloper mit dieser Rasanz und Verve von solch jungen gewinnenden Solisten serviert lebt, wirkt und begeistert. Das spielfreudige Heilbronner Sinfonie Orchester unter der Leitung des erfahrenen Dirgenten Peter Braschkat begleitete flexibel und vermittelte durch Anpassungsfähgikeit die Sicherheit, auf der sich der Stimmzauber der Sänger entwickeln konnte.
Höher und höher stieg die Stimmung im Operettenteil mit unsterblichen Melodien aus Millöckers "Bettelstudent" und Zellers "Vogelhändler". Der Bassbariton Gereon Grundmann legte einen glaubhaft polternden stimmlich potenten Ollendorf hin.
Wieder sind die Ensemble-Szenen, wie z. B. "Das ist der Fürst Wibicki", in der James Park mit edlem tenoralem Schmelz der Polin Reiz besingt, die geschlossendsten, überzeugendsten Darbietungen. Mit federleichter Grazie, glockenreinem Sopran und charmantem, verführerischen Spiel becirct Linda Hergarten als Christel von der Post nicht nur die Männer im Publikum. Die "Rosen in Tirol", die geschickt für das gesamte Ensemble arrangiert waren, ließen James Park und Lena Maria Kramer auf's Schönste erblühen.Der ganze Saal summte mit. Als dann noch als Zugabe "Wie mein Ahnerl zwanzig Jahr" - vom koreanischen Tenor sogar wienerisch gesungen - erklang, kannte die Begeisterung des zum großen Teil gesetzten Publikums kaum noch Grenzen. Stehende Ovationen, rhythmisches Klatschen, Bravorufe waren der Lohn und die Bestärkung für die jungen Solisten. :jubel: :jubel: :jubel:
Wir diskutierten in der Nachfeier dieses Abends, an dem es nur zufriedene, glückliche Gesichter gab, noch lange die Fragen: Ob es in einer so angsterfüllten Zeit, wie wir sie leider gerade erleben, nicht eine vordringliche Aufgabe des Musiktheaters ist, von den Problemen weg in die Welt der Opern- und Operettenseligkeit zu führen und was getan werden kann, dass die Juwelen der deutschen Spieloper und Operette wieder häufiger strahlen und im Alltag beglücken können.
Herzlichst
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zweiterbass

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Dienstag, 26. Juli 2016, 23:10

Ob es in einer so angsterfüllten Zeit, wie wir sie leider gerade erleben, nicht eine vordringliche Aufgabe des Musiktheaters ist, von den Problemen weg...]


Hatten wir das nicht schon mal so oder so ähnlich :?: :?: :?:

zweiterbass
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operus

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Mittwoch, 27. Juli 2016, 08:55

Hatten wir das nicht schon mal so oder so ähnlich :?: :?: :?:

Lieber zweiterbass,

ich bitte Dich wirklich dringend, mich nicht andeutungsweise oder zwischen den Zeilen in eine Ecke zu rücken in die ich nun wirklich nicht gehöre. :cursing:

Operus
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Dr. Holger Kaletha

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Mittwoch, 27. Juli 2016, 11:39

Ob es in einer so angsterfüllten Zeit, wie wir sie leider gerade erleben, nicht eine vordringliche Aufgabe des Musiktheaters ist, von den Problemen weg in die Welt der Opern- und Operettenseligkeit zu führen und was getan werden kann,
Es ist zweifellos eine mögliche Reaktion, lieber Operus, durch Ablenkung oder Zerstreuung - psychologisch gesprochen durch Verdrängung - auf lebensweltliche Ängste zu reagieren. Ob allerdings solch sorglose "selige" Unterhaltung die "vordringliche" Aufgabe des Musiktheaters im allgemeinen - also auch der "ernsten" Oper und nicht nur "leichter Muse" wie der Operette - ist und sein soll, würde ich allerdings entschieden bezweifeln. Verdrängung und einen weltabgewandten Hedonismus zu frönen kann nicht die primäre Aufgabe von Kunst sein, meine ich. Da finde ich z.B. Liszts nachdenkliche Schwermut in "Il Penseroso" existenziell glaubwürdiger und überzeugender. Sonst befinden wir uns letztlich irgendwo in "Mahagonny". :hello:

Schöne Grüße
Holger

hami1799

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Mittwoch, 27. Juli 2016, 12:51

Verdrängung und einen weltabgewandten Hedonismus zu frönen kann nicht die primäre Aufgabe von Kunst sein, meine ich.

Wer hätte das je behauptet?
Ist es etwa das Non plus ultra der Tugenden, jedem mit der moralischen Brechstange zu begegnen, der dem Leben auch einmal positive Seiten entlocken möchte?
Kannst du nicht wenigsten einmal die Kirche beim Dorf lassen?
Operette als Werkzeug der Verdrängung und eines weltabgewandten Hedonismus? Ein ausgemachter Blödsinn!

Wenn diese moralisierende Besserwisserei die letzte Weisheit der zeitgenössischen Philosophie darstellen soll, dann tut mir diese "Wissenschaft" aufrichtig leid!

Im Übrigen hast du deiner Gewohnheit gemäß wieder alles falsch verstanden. Ich kenne Operus und auch seine Ansichten auf dem sozialen Gebiet. Er hat es weiß Gott nicht nötig, sich als sorglosen Trottel anpflaumen zu lassen.

operus

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Mittwoch, 27. Juli 2016, 13:26

Ich kenne Operus und auch seine Ansichten auf dem sozialen Gebiet. Er hat es weiß Gott nicht nötig, sich als sorglosen Trottel anpflaumen zu lassen.

Lieber Hami,

vielen Dank für die gewährte Schützenhilfe. Es ist doch gut, Freunde wie Dich zu haben.
Ich meine es sind verschiedene Aufgaben, welche die Kunst hat. Eine davon ist sicherlich, Lebensfreude zu vermitteln und zu schenken. Das heißt doch nicht, dass bereits morgen schon wieder ein sehr ernstes zum Nachdenken herausforderndes Werk das Beste sein kann. Also es geht keinesfalls um den Tanz auf dem Vulkan und oberflächliche Verdrängung, sondern darum, alle Facetten der Musik auszuschöpfen. Lieber Holger, vielleicht wäre ein wenig mehr "Heiterkeit und Fröhlichkeit" und ein Leben nach dem Motto "O selig, o selig ein Kind noch zu sein" sogar ein Tipp für Dich. Diese Stücke aus "Zar und Zimmermann" und dem "Wildschütz" waren im besprochenen Programm. Bieten sie, wenn man nur ein wenig tiefer schürft, nicht doch bedenkenswerte Lebensweisheit?

Herzlichst
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Don_Gaiferos

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Mittwoch, 27. Juli 2016, 14:12

Um da mein Scherflein beizutragen: natürlich ist es in Ordnung, wenn Kunst zeitweilig dazu beiträgt, auch einmal die Not und Sorgen, die Ängste und Zweifel hinter sich zu lassen - in einem anderen Thread wurde ja bereits eindrucksvoll dokumentiert, dass Musik nachgerade heilsam und lebensrettend wirken kann. Davon bleiben die vielen anderen Funktionen der Musik - aufrütteln, aufpeitschen, den Finger in die Wunde legen etc. pp. völlig unberührt.
Das heißt ja auch gar nicht, dass Musik dauerhaft nur einlullen soll, und das Tag und Nacht, nur weil sie auch zeitweilig einfach mal nur "schön" sein darf - zumal niemand eindimensional 24 h lang nur Musik hört am Tag, um alles auszublenden, und 24 h am Tag nur seligmachende Operette - zumindest weiß ich gewiss, dass dies bei Hans nicht so ist.
Ansonsten ist Hans für mich über jeden Zweifel erhaben - dass er seinen Mann im Berufsleben gestanden hat, sich für andere einsetzt, Probleme löst, die Geschicke der Gottlob-Frick-Gesellschaft geführt hat und immer noch aktiv begleitet, und auch hier im Forum ein Aktivposten ist, der auch immer wieder das soziale und verbindende Element betont, der sich ehrenamtlich in vielfältiger Weise engagiert, zeigt doch mehr als deutlich, dass er niemand ist, der einer vollkommenen Weltflucht und einem blinden Eskapismus das Wort redet.
Und hier gar Anspielungen auf den 2. Weltkrieg zu bringen, oder zumindest zwischen den Zeilen zu insinuieren, als Musik dazu dienen sollte, die Schrecken des Krieges zu vergessen (und somit langfristig die Erholung und Wehrfähigkeit der Soldaten zu stärken, und was nicht noch alles an Ideen damit verknüpft war), und Hans' Posting in die Nähe dieser Ideologie und Gedankenwelt zu bringen, halte ich für vollkommen deplaziert und eine völlige Entgleisung. Ich hoffe, diese Geschmacklosigkiet entsprang lediglich der Gedankenlosigkeit und nicht dem bösen Willen.

operus

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Mittwoch, 27. Juli 2016, 14:33

Lieber Boris,

auch Dir lieben Dank.
Wenn es stimmt, dass "Musik die Sprache der Engel" ist, dann stellt sich sicherlich die Frage, ob Musik nicht doch himmlisch und beseligend sein sollte? :angel:

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Dieter Stockert

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Mittwoch, 27. Juli 2016, 15:12

Beim Lesen des Konzertberichts war für mich der Tenor – ohne Kenntnis von operus’ persönlichem Hintergrund, über den inzwischen Don_Gaiferos etwas berichtet hat – durchaus so, wie das anscheinend auch Holger verstanden hat. Und was Holger geschrieben hat, war ja, im Gegensatz etwa zur Replik von hami1799, der das anscheinend völlig in den falschen Hals bekommen hat, sachlich und ohne persönliche Angriffe formuliert.
»Ich habe keine Zeile geschrieben.« (Thomas Brasch: Der schöne 27. September)

hami1799

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Mittwoch, 27. Juli 2016, 16:04

Und was Holger geschrieben hat, war ja, im Gegensatz etwa zur Replik von hami1799, der das anscheinend völlig in den falschen Hals bekommen hat, sachlich und ohne persönliche Angriffe formuliert.

Lobenswert. Das ist schon echt wagnerianisch: Treue bis zum Tod.

Dieter Stockert

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Mittwoch, 27. Juli 2016, 16:25

Ich habe jedenfalls versucht, sachlich zu bleiben.
»Ich habe keine Zeile geschrieben.« (Thomas Brasch: Der schöne 27. September)

hami1799

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Mittwoch, 27. Juli 2016, 16:59

Ich habe jedenfalls versucht, sachlich zu bleiben.

Sachlichkeit ist leider kein Alibi. Das erinnert mich an den weisen Spruch "wer schreit hat Unrecht".

Im Übrigen geht es gar nicht darum, wie Dr. Kaletha im Einzelnen einen Artikel bewertet, sondern um die Art, dass und wie er eine hintergründige Unterstellung verteidigt hat.
Du willst dem Herrn Doktor wohl nicht Dummheit oder Ahnungslosigkeit unterstellen.?

Nicht Alles auf dieser Welt passt fürs Regietheater, das sollte man doch akzeptieren können.

dr.pingel

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Mittwoch, 27. Juli 2016, 17:42

Ich möchte nur auf einen Aspekt in der Besprechung von operus eingehen: die Nennung des Namens der Professorin der fünf Sänger, hat bei mir wehmütige Erinnerungen auf kommen lassen: Jeanne Piland. Ich habe sie in Düsseldorf oft gesehen und kann mich besonders an ihre größte Leistung erinnern: die "Feldmarschallin". Ich weiß noch, wie ich im Duisburger Theater ganz allein oben rechts im Rang saß (uneinsehbar für andere Zuschauer) und mit Taschenlampe und Textbuch das Geschehen verfolgt habe, wobei ich es bei Jeanne Piland nicht gebraucht habe.
"Zeitvernichtungsdienste wie Facebook, Twitter oder Instagram..." (Jaron Lanier, Computerexperte).
"Facebook ist von vorneherein als sozialer 'Validierungs-Feedback-Loop' angelegt gewesen, der die anthropologische Sehnsucht seiner Nutzer, von anderen Bestätigung zu erfahren, in Verweildauer umwandelt, die dann wiederum die Anzeigenkunden interessiert" (dieser Satz ist nicht von Peter Sloterdijk, sondern von Facebook-Mitbegründer Sean Parker).

Dr. Holger Kaletha

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Mittwoch, 27. Juli 2016, 18:28

Also es geht keinesfalls um den Tanz auf dem Vulkan und oberflächliche Verdrängung, sondern darum, alle Facetten der Musik auszuschöpfen. Lieber Holger, vielleicht wäre ein wenig mehr "Heiterkeit und Fröhlichkeit" und ein Leben nach dem Motto "O selig, o selig ein Kind noch zu sein" sogar ein Tipp für Dich. Diese Stücke aus "Zar und Zimmermann" und dem "Wildschütz" waren im besprochenen Programm. Bieten sie, wenn man nur ein wenig tiefer schürft, nicht doch bedenkenswerte Lebensweisheit?
Lieber Hans,

dann hast Du Dich aber nicht glücklich ausgedrückt:
Ob es in einer so angsterfüllten Zeit, wie wir sie leider gerade erleben, nicht eine vordringliche Aufgabe des Musiktheaters ist, von den Problemen weg in die Welt der Opern- und Operettenseligkeitzu führen
Meinen "Wink mit dem Zaunpfahl" ist wohl nicht verstanden worden? Ich hatte hingewiesen auf Brecht/Weill "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny". Thema ist dort der moderne Opernhedonismus in einer Art Oper über die Oper. Nach Brecht ist der Zweck der Oper die "Abendunterhaltung", er spricht von der "kulinarischen Oper". Der zeitliche Hintergrund ist nun genau diejenige Vergnügungskultur der 20iger Jahre, zu der auch diese "Operettenseligkeit" gehört (siehe meinen Kolumnenbeitrag über die "Ästhetik des Häßlichen"). Es ist also nicht so abwegig, an diesen Kontext zu denken, wenn man so etwas liest.

Seien wir nun doch mal ehrlich. Wer von uns könnte, wenn neben ihm die Bomben hoch gegangen sind, sich wirklich mit leichtgewichtiger, "weltvergessener" Unterhaltung betäuben, so, als ob nichts gewesen wäre? Ich jedenfalls könnte meine Empfindungen nicht abschalten. Hören könnte ich in so einem Fall - wenn überhaupt - Wagners "Tristan", das "Lied von der Erde", auch das Adagietto aus der 5. Mahler. Musik kann und soll natürlich auch in eine "schöne Welt" entführen, etwa um zu trösten. Aber Trost - wie etwa Liszts "Consolations" in der Tradition von Boethius De consolationae philosophiae - kann es gerade nicht geben, wenn man von den "Problemen der Welt" wegsieht, sondern im Gegenteil, wenn man sie nicht vergißt, denn anderenfalls brauchte man schlicht gar keinen Trost. Musik ist dann Schönheit, die sich gebrochen mit Trauer mischt ("Ich bin der Welt abhanden gekommen" (Mahler/Rückert)), oder sich angesichts von Hunger und Elend, dem "irdischen Leben", humoristisch-gebrochen in den Himmel träumt: "Es gibt keine Musik ja nicht auf Erden, die unsrer verglichen kann werden." Es kann auch eine Gegenwelt - eine schöne, lustvolle, zu genießende - im Trotz entworfen und mit Weltverachtung der Welt entgegengeschleudert werden, so Liszt/Lenau Die drei Zigeuner. Auch da schafft sich Kunst/Musik eine eigene Welt, ein eigenes Paradies, sieht dabei aber nicht einfach von den Problemen der Welt weg wie vergnügungssüchtige, selbstvergessene Unterhaltung, sondern begegnet ihr auf hoch reflektierte Weise. Chopin kann, etwa in der Sonate h-moll Nr. 3, scheinbar schwerelos heitere Musik schreiben. So etwas Schönes, ja Über-Schönes ist jedoch himmelweit entfernt von "gesunder" "Operettenseligkeit", nämlich höchst sublim. So etwas kann nur ein tief trauriger, von Schwermut befallener Mensch, eine zutiefst verletzte Seele, komponieren. Genau das merkt man dieser Musik auch an: ihre aus Verletzlichkeit geborene Sensibilität und Hyper-Sensibilität. Hier ist es so wie mit dem Herbstlaub: Wenn die Natur stirbt, leuchtet sie kurz vor dem Ableben in größter Schönheit auf: Feuilles mortes. Solche Schönheit kann über das Leid der Welt hinwegtrösten - "Operettenseligkeit" dagegen ist - Entschuldigung - trivial, nichts Beglückendes für wirklich sensible Menschen.

Schöne Grüße
Holger

zweiterbass

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Mittwoch, 27. Juli 2016, 20:30

Hallo,

meine Antwort mit den ??? war gemünzt auf eine sehr lange Zeit und vielen Zuständen vor und nach der NS-Zeit. "Brot und Spiele" gab's schon...

zweiterbass
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