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rodolfo39

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  • »rodolfo39« ist männlich

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31

Samstag, 2. Juli 2016, 11:07

Lieber Melot,

wenn ich in Düsseldorf in die Oper gehe, sitzt schon seit Jahren eine altere Dame neben mir, die durch ganz Deutschland reist um Wagner-Aufführungen zu besuchen. Durch ihren Sohn, der im Wagner Verband ist, bekommt sie problemlos Karten. Sie ist für ihr Alter sehr fit, aber trotzdem möchte sie sich die Bestuhlung in Bayreuth nicht mehr zumuten und verfolgt die Aufführungen im Radio oder Fernsehen. In einem Gespräch hab ich mal gesagt, das ich auch gerne nach Bayreuth fahren würde, mir aber die Karten zu teuer sind. Seitdem kann ich - wenn ich möchte - ihre Karten für wenig Geld bekommen.

Bertarido

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  • »Bertarido« ist männlich

Beiträge: 2 952

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32

Samstag, 2. Juli 2016, 12:23

Der letzte Beitrag ärgert mich etwas. Insgesamt sehe ich mich bezüglich Mensch / Künstler Christian Thielemann in einer neutralen Rolle.

Zunächst wird - richtigerweise - festgestellt, daß es ja noch keinerlei Beweise für die Querelen gibt:

(Immer vorausgesetzt, dass die Geschichte mit der Einmischung in das Dirigat des Parsifal stimmt)

Aber dann wird eine Schlußfolgerung gezogen, die (s. o.) eines Beweises entbehrt:

Das zeigt, dass er für den Job des Musikdirektors der Festspiele ungeeignet ist, auch wenn er ein noch so guter Dirigent wäre.

Wenn schon solche, meiner Meinung nach voreiligen, Schlußfolgerungen gezogen werden, dann sollte es wenigsten heißen: "Wenn dies sich bewahrheiten sollte, dann wäre er..."

Oder sehe ich das jetzt zu eng?

Da die Schlussfolgerung von der Prämisse abhängt und die Prämisse unter Vorbehalt stand, gilt das natürlich auch für die Folgerung. Dass ich das sprachlich noch eindeutiger hätte ausdrücken können, gebe ich gerne zu. Ich glaube aber, dass es jeder verstanden hat oder bei etwas gutem Willen hätte verstehen können.

Was das Interview betrifft: Wir haben nun zwei einander völlig widersprechende Darstellungen der Vorkommnisse, über die man ohne weitere Evidenz wie Aussagen anderer Beteiligter nicht wird entscheiden können. Trotzdem kann man eine Meinung oder Vermutung dazu haben, die sich aus ähnlichen Vorkommnissen in der Vergangenheit und den bei anderer Gelegenheit aufscheinenden Persönlichkeitsmerkmalen der beteiligten Personen speist. Ich stehe daher Thielemanns Aussagen sehr skeptisch gegenüber, insbesondere dem "Wenn ich nicht gefragt werde, tue ich überhaupt nichts." :whistling:

MSchenk

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  • »MSchenk« ist männlich

Beiträge: 2 655

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33

Samstag, 2. Juli 2016, 15:07

Ich stehe daher Thielemanns Aussagen sehr skeptisch gegenüber, insbesondere dem "Wenn ich nicht gefragt werde, tue ich überhaupt nichts." :whistling:

Andereseits wäre Thielemann schlecht beraten, um nicht zu sagen kreuzblöd, sich persönlich und öffentlich so zu äußern, wenn es vollkommen anders gewesen wäre. Hingegen Brugs journalistische Qualitäten insbesondere hinsichtlich seiner Recherche-Genauigkeit scheinen mir schon seit längerem - sagen wir mal begrenzt. Und auch, dass dann andere sein "Bild" ungefprüft übernommen haben, klingt heutzutage vielleicht nicht mehr so unwahrscheinlich, wie vielleicht noch vor zehn oder zwanzig Jahren - Böhmermann und Der Postillon lassen grüßen!
mfG Michael

Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs.

Merlin

Anfänger

  • »Merlin« ist männlich

Beiträge: 50

Registrierungsdatum: 12. August 2007

34

Samstag, 2. Juli 2016, 17:23

Ich wundere mich, wie in der Causa aus Vermutungen Schlüsse gezogen werden.

Fakt ist doch, dass Herr Nelsons von seinen freien Tagen in Riga nicht mehr zurückgekommen ist. Über die Gründe wird nun spekuliert. Offensichtlich war das auch von ihm anders geplant, da seine ganzen persönlichen Sachen in Bayreuth geblieben sind. Zwischen den Parsifal-Aufführungen sollte er noch in Tanglewood dirigieren, das bekanntlich nicht in Franken liegt. Das bringt allerlei Beschwerlichkeiten und Stress mit sich. Möglicherweise wurde ihm alles zu viel.

Auch seine Frau ist zurzeit wohl nicht in bester Verfassung, die Festpspielpremiere der "Jüdin" in München, in der sie die Titelpartie singen sollte, fand ohne sie statt. Also, es gibt sehr viele Parameter, alles Übel monokausal dem bösen Riesen Thielemann, der auf dem Nibelungenhort sitzt, zuzuschreiben, halte ich für abwegig.

Misha

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  • »Misha« ist männlich

Beiträge: 1 061

Registrierungsdatum: 16. März 2005

35

Sonntag, 3. Juli 2016, 17:30

Man kann ja über Thielemann geteilter Meinung sein. Seine Meistersinger in Bayreuth fand ich live grandios; auf Konserve habe ich bisher nichts erwerbenswert gefunden.

Die meisten Dirigenten sind Egomanen, unwahrscheinlich scheinen solche Konflikte (die es ja auch früher in Bayreuth gab) nicht.
Aber: Der Artikel von Brug ist unterste Schublade. Keine Fakten. Keine Recherche. Null Information für den Leser. Diffamierung und Polemik. Ofensichtlich ist der manipulative Schmierenjournalismus von der Politik jetzt auch in die Kultur metastasiert.
res severa verum gaudium

Herzliche Grüße aus Sachsen
Misha

Hüb'

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  • »Hüb'« ist männlich
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36

Dienstag, 5. Juli 2016, 07:09


Norbert

Moderator

  • »Norbert« ist männlich
  • »Norbert« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 7 333

Registrierungsdatum: 11. August 2004

37

Dienstag, 5. Juli 2016, 19:41

Es wurde ein neuer Dirigent gefunden: Hartmut Haenchen wird den "Parsifal" dirigieren.
Grüße aus der Nähe von Hamburg

Norbert

Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
Gustav Mahler

rodolfo39

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  • »rodolfo39« ist männlich

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38

Dienstag, 5. Juli 2016, 20:37

Eine sehr gute Wahl. Ich hab ihn in Amsterdam im Ring Zyklus erlebt. Ich hab mich schon immer gewundert, das man ihn nicht schon längst für Bayreuth engagiert hat.

m.joho

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  • »m.joho« ist männlich

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Registrierungsdatum: 6. Oktober 2010

39

Dienstag, 5. Juli 2016, 21:36

Ohne Erfahrung mit den akustisch speziellen Gegebenheiten? Und wieder ein kanmermusikalischen Wagner? Aber zur Melodie zum Peter Alexander-Hit: Der CT wird's schon richten... ☺

Stimmenliebhaber

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  • »Stimmenliebhaber« ist männlich

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40

Dienstag, 5. Juli 2016, 22:31

Eine fantastische Wahl!
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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Glockenton

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  • »Glockenton« ist männlich

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Registrierungsdatum: 27. Juli 2006

41

Mittwoch, 6. Juli 2016, 01:19

Wenn man sich den Threadverlauf und die Links durchliest, dann stellt man immer wieder fest, was für ein Unsegen doch die Schnelligkeit der digitalen Informationswelt über die Welt gebracht hat.

Irgendeiner setzt etwas schlecht recherchiert oder gar in bewusst schlechter Absicht in die Welt. Dann schreibt die Presse voneinander ab, dass man sich nur wundern kann. Ich habe einmal von einem Experiment gehört, wo man eine bewusste Falschmeldung lancierte, die dann tatsächlich durch die die ganze deutsche Presselandschaft und die sozialen Medien geisterte.

Natürlich kommen dann auch diejenigen mit miesen Absichten schnell aus der Deckung, denen der Inhalt in ihr meistens aggressives Meinungsbild passt. Sie sind immer für Steilvorlagen dankbar. Man will eigentlich nicht hören, was ist, sondern was einem eh in das eigene, klein zurechtgezimmerte Weltbild gerade passt. Alles wird ja heute relativiert und in Frage gestellt, geradezu so, als ob Pilatus mit seinem Spruch "Was ist Wahrheit?" in der Postmoderne eine gewaltige Jüngerschaft nach 2000 Jahren hätte mobilisieren können.
Mir ist aufgefallen, dass nicht nur die sogenannten Populisten wie gewisse Parteien, sondern auch "normale" Medien und etablierte Parteien sich auf diesem eigentlich ärgerlichen bis gefährlichem Niveau zunehmend bewegen. Die jeweiligen Anhänger auf Facebook belegen mit ihren Kommentaren die These, dass es für das Wort "unterirdisch" immer noch Steigerungsformen geben müsste.

Thielemann konnte in diesem Fall Stellung nehmen und so gut es ging erklären wie er wollte, aber das Schlimme an solchen Dingen ist ja, dass zum Schluss doch etwas hängen bleibt, frei nach dem Motto " wird schon irgendetwas daran gewesen sein.".

Gute Musiker wollen sich immer weiterentwickeln und besser werden. Auf die Aussagen und Rückmeldungen von wirklichen Fachleuten legen sie hohen Wert. Nur unfähige Laiendirigenten wollen sich nichts sagen lassen, weil sie gute Gründe haben, Zweifel an ihrer eigenen fachlichen Inkompetenz vor einem noch inkompetenteren Chor (zum Beispiel) möglichst in der Proben-Öffentlichkeit und sogar gegenüber sich selbst im Keime zu ersticken. Ich stelle mir das furchtbar anstrengend vor und frage mich, warum es immer wieder Laienchordirigenten gibt, die so tun wollen oder sich so fühlen wollen, als ob sie selbst schon so ein "Maestro" wären.
Hier jedoch reden wir von Dirigentenkollegen die Musik auf internationalem Spitzenniveau machen. Deren Leidenschaft gilt der Musik, und vor allem der Musik und ihrer möglichst wunderbaren Wiedergabe.

Gerade bei der schwierigen Bayreuther Akustik geht es auch gar nicht anders, als dass man auch Rückmeldungen von Leuten mit gutem Fachgehör bekommt.
Dass man aus dieser Sache nun erneut irgendetwas Skandalöses dem Thielemann anhängen wollte, zeigt mir die ganze Böswilligkeit seiner offensichtlich nicht allzu sehr an hochwertiger Musik interessierten (und diese wahrscheinlich kaum wirklich verstehenden) Widersacher.
Alfred hat wohl recht, wenn er sagt, dass solche kolportierten und anschließend genüßlich in Kommentaren aufgenommenen Gemeinheiten dem Thielemann am Ende doch nur nützen.

Gruß
Glockenton

Caruso41

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Beiträge: 4 190

Registrierungsdatum: 19. November 2010

42

Donnerstag, 7. Juli 2016, 09:36

Ohne Erfahrung mit den akustisch speziellen Gegebenheiten?

Nein, lieber M.Joho!

Hartmut Haenchen hat in den 70er Jahren als Assistent von Pierre Boulez in Bayreuth gearbeitet.

Es wird sicher ein schneller und flüssiger Parsifal. Souverän disponiert und mit einer narrativen Geradlinigkeit. Ohne hochtönende Weihestimmung und salbungsvolles Pathos, aber mit Ernst und Würde. Vor allem mit Sinnlichkeit und Leidenschaft im 2.Akt!
Freu Dich einfach drauf. In Amsterdam war sein Parsifal ein Ereignis, das ich wirklich genossen habe.#

Beste Grüße

Caruso41
;) - ;) - ;)

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Rheingold1876

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  • »Rheingold1876« ist männlich

Beiträge: 4 583

Registrierungsdatum: 5. Mai 2011

43

Freitag, 8. Juli 2016, 18:32

Das angebliche Verbot des "Parsifal" in der DDR

Als die Bayreuther Festspiele Hartmut Haenchen als neuen Dirigent des PARSIFAL für die Eröffnung 2016 vermeldeten, geschah dies auch in Verbindung mit einigen persönlichen Bemerkungen des Dirigenten - der entsprechehende Link ist in Beitrag 37 gesetzt. Nach seinen Worten war das Werk in der DDR verboten. Erst Herbert Kegel habe dieses Verbot mit einer konzertanten Aufführung gebrochen. "Ich war der zweite Dirigent, der eine szenische Aufführung als Chefdirigent der Mecklenburgischen Staatskapelle durchsetzen wollte", so Haenchen. Die szenische Aufführung sei aber verboten worden, "es wurden konzertante Aufführungen". Dann habe Harry Kupfer den "Parsifal" an der Berliner Staatsoper inszeniert. Haenchen weiter: "Ich dirigierte dort zwei Vorstellungen (ausverkauft an Stasileute, damit das normale Publikum nicht hineinkonnte)."

Ich habe sehr viele Aufführungen dieser Inszenierung erlebt, einmal auch eine von Haenchen dirigierte. Wir gingen hin, um mal nicht Suitner zu hören, der meistens am Pult stand. Aus Stimmenliebhabers großer Dokumentation habe ich diese Vorstellung herausgesucht: "1980-12-07 Parsifal (Haenchen – Schröter; Wenkoff, Willi Nett, Vogel, Stryczek, Reeh – Garduhn, Fröhlich; Schaller, Katterfeld, Neukirch, Bindszus; Priew – Nossek, Hoff, Priew, Bromann, Peschke, Schaller) (15. Vorstellung)"

Die Inszenierung hatte Kultstatus für uns noch ziemlich junge Opernbesucher, die sich alle untereinander kannten und mitunter auch persönlichen Umgang pflegten. Nun erfahre ich so ganz nebenbei aus dem Mund von Haenchen, dass wir alle bei der Stasi waren, denn genau darauf zielt seine Bemerkung ab. Ich habe Selbstbewusstsein genug, um über derlei Bemerkungen hinwegzugehen. Es ist allerdings kein guter Stil, wenn ein Dirigent sein Publikum pauschal unter einen so absurden, im Kern allerdings sehr schlimmen Generalverdacht stellt.

Was ist nun dran am Verbot des "Parsifal" in der DDR? Die Fakten sprechen dagegen. Das größte Opernhaus der DDR, die Staatoper Berlin, bot die erste Inszenierung unter den veränderten politischen Verhältnissen am 7. April 1950 noch in ihren Ausweichquartier, dem Admiralspalast. Die nächste Premiere ging in der Regie von Harry Kupfer am 10. Juli 1977 über die Bühne und wurde über die Jahre immer wieder in wechselnde Besetzung geben. Die Zahl der Vorstellungen und die Mitwirkenden können bei Stimmenliebhaber nachgelesen werden. Zwischen beiden Inszenierungen liegen 27 Jahre, was ich für dieses Werk mit Festspielcharakter nicht so dramatisch finde, bedenkt man, wie viele Titel es in diesem Zeitraum noch gab, darunter auch so genannten Spielopern, die heute von den Spielplänen der großen Häuser so gut wie verschwunden sind. Das Repertoire war nach meiner Beobachtungen breiter.

Außerdem wurde "Parsifal" szenisch in Dessau (Premiere 1956), in Weimar (1957), Leipzig (1977) und Dresden (1988) geben. Konzertante Aufführungen fanden in Gera (1953), Karl-Marx-Stadt (Chemnitz / 1961), Leipzig (1975), Schwerin (1978) und Dresden (1979) statt. Das auch von Haenchen erwähnte Leipziger Konzert von 1975 mit René Kollo in der Titelrolle und Herbert Kegel am Pult wurde mitgeschnitten und gelangte in der DDR offiziell auf Schallplatte, später auch auf CD. Erst kürzlich ist diese Produktion wieder neu aufgelegt worden.

Natürlich war "Parsifal" nicht die Wunschoper der DDR-Führung. Die jüngste Forschung hat einzelne Aspekte sehr genau herausgearbeitet. Ich habe mich bei meiner Statistik auf das exzellent recherchierte Buch "Richard Wagner in der DDR – Versuch einer Bilanz" von Werner P. Seiferth (Sax Verlag) gestützt. Auch Band 4 der Dresdener Beiträge zur Musikforschung mit dem Titel "Richard Wagner – Kgl. Kapellmeister in Dresden" (Olms) ist zu empfehlen, weil er einen sehr guten Beitrag von Boris Kehrmann zum Thema "Um einen marxistischen Wagner von innen bittend" enthält.

Es gibt keinen Grund, die DDR im Nachhinein als Hüterin des musikalischen Erbes zu apostrophieren, als die sie sich gern selbst sah. Die DDR war immer klamm, und es gab Schwierigkeiten, Wagner rollendeckend zu besetzen. Geeignete Sänger standen nicht in dem Maße zur Verfügung, wie es notwendig gewesen wäre. Wer sich also kritisch, hart und streng mit diesem untergangenen Gebilde DDR befassen möchte, der sollte dies vom Standpunkt der Fakten aus tun.

Gruß Rheingold
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

Stimmenliebhaber

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Beiträge: 7 947

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44

Freitag, 8. Juli 2016, 22:44

"1980-12-07 Parsifal (Haenchen – Schröter; Wenkoff, Willi Nett, Vogel, Stryczek, Reeh – Garduhn, Fröhlich; Schaller, Katterfeld, Neukirch, Bindszus; Priew – Nossek, Hoff, Priew, Bromann, Peschke, Schaller) (15. Vorstellung)"
Um dieses Vorstellungserlebnis beneide ich dich sehr! :yes:


Die Inszenierung hatte Kultstatus für uns noch ziemlich junge Opernbesucher, die sich alle untereinander kannten und mitunter auch persönlichen Umgang pflegten. Nun erfahre ich so ganz nebenbei aus dem Mund von Haenchen, dass wir alle bei der Stasi waren, denn genau darauf zielt seine Bemerkung ab. Ich habe Selbstbewusstsein genug, um über derlei Bemerkungen hinwegzugehen. Es ist allerdings kein guter Stil, wenn ein Dirigent sein Publikum pauschal unter einen so absurden, im Kern allerdings sehr schlimmen Generalverdacht stellt.
Mir sind diese Haenchen-Äußerungen auch völlig unbegreiflich, auch wenn ich damals noch zu jung war, um dabei gewesen zu sein, aber ich kenne einige, die dabei waren, aus Ost- und Westberlin, und niemand von denen habe ich in Verdacht, bei der Stasi gewesen zu sein, das waren einfach Opernliebhaber und Wagnerianer - die Stasi hatte, glaube ich, doch andere Sorgen und Aufgaben, als "Parsifal"-Aufführungen komplett zu besetzen...
Wenn man nicht gewollt hätte, dass Normalbürger "Parsifal" sehen, hätte man das Stück nicht spielen müssen.

("Lukullus" 1951 war sicherlich das weit größere Politikum - und schon da ging die hier beschriebene Taktik schief, weil viele FDJ-Funktionäre u.ä. ihre Karte für Westgeld an interessierte Westberliner weiterverkauften)


Außerdem wurde "Parsifal" szenisch in Dessau (Premiere 1956), in Weimar (1957), Leipzig (1977) und Dresden (1988) geben. Konzertante Aufführungen fanden in Gera (1953), Karl-Marx-Stadt (Chemnitz / 1961), Leipzig (1975), Schwerin (1978) und Dresden (1979) statt. Das auch von Haenchen erwähnte Leipziger Konzert von 1975 mit René Kollo in der Titelrolle und Herbert Kegel am Pult wurde mitgeschnitten und gelangte in der DDR offiziell auf Schallplatte, später auch auf CD. Erst kürzlich ist diese Produktion wieder neu aufgelegt worden.
Danke für diese Richtigstellung auf Seiferth-Grundlage, die beweist, wie falsch und dumm Haenchens diesbezügliche Außerungen sind - ungeachtet derer ich ihn trotzdem für einen bedeutenden Dirigenten halte und mich über ein Bayreuth-Engagement freue.


Die DDR war immer klamm, und es gab Schwierigkeiten, Wagner rollendeckend zu besetzen. Geeignete Sänger standen nicht in dem Maße zur Verfügung, wie es notwendig gewesen wäre.
An der Staatsoper Berlin sicherlich noch am wenigsten, anderswo sicherlich mehr, und trotzdem gab es erstaunlich viel Wagner, alles hier nachzulesen:
Ich habe mich bei meiner Statistik auf das exzellent recherchierte Buch "Richard Wagner in der DDR – Versuch einer Bilanz" von Werner P. Seiferth (Sax Verlag) gestützt.
Wer sich also kritisch, hart und streng mit diesem untergangenen Gebilde DDR befassen möchte, der sollte dies vom Standpunkt der Fakten aus tun.
Einverstanden! Da hat Seiferth wirklich Großartiges geleistet - und habe mir in den letzten Jahren erlaubt, auch einen kleinen Beitrag zur Zugänglichmachung der Fakten zu leisten.
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

Inhalten aller Art in Beiträgen anderer in diesem Forum stimme ich hier ausdrücklich nur dann zu, wenn ich ihnen in Antwortbeiträgen ausdrücklich zustimme! ;)

Caruso41

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Registrierungsdatum: 19. November 2010

45

Samstag, 9. Juli 2016, 08:58

Danke, lieber Rheingold und Stimmenliebhaber,

für die Informationen und Aufklärung!
Es ist sehr wertvoll, wenn gründlich recherchiert wird und falsche Aussagen richtiggestellt werden.
Nochmals: herzlichen Dank!

("Lukullus" 1951 war sicherlich das weit größere Politikum - und schon da ging die hier beschriebene Taktik schief, weil viele FDJ-Funktionäre u.ä. ihre Karte für Westgeld an interessierte Westberliner weiterverkauften)

Das habe ich oft erlebt, dass man von FDJ-Mitgliedern, Angehörigen von Betriebskampfgruppen, Gewerkschaftsfunktionären usw. vor der Vorstellung Karten bekommen konnte. Und nicht nur beim Lukullus!!! Einfach weil die Verlockung, dafür ein paar Westmark zu bekommen, zu groß war. Da verzichtete man schon mal auf Kultur.
Oft aber wurden einem die Karten sogar geschenkt, weil man kein Interesse hatte, eine lange Oper zu hören.
Na ja, das ist ein "weites Feld"! Und es gehört hier nicht her.

Beste Grüße

Caruso41
;) - ;) - ;)

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operus

Ehrenpäsident und Außenminister

  • »operus« ist männlich

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Registrierungsdatum: 14. Mai 2008

46

Samstag, 9. Juli 2016, 17:33

Ich finde es bereits seit längerem bemerkenswert und eine ausgezeichnete Haltung, mit welchem Nachdruck die Opernfreunde und -kenner das Opernschaffen in der ehemaligen DDR und ihre Opernlieblinge argumentativ glorifizieren. Da blitzt echte lang anhaltende Begeisterung auf. Dadurch bringen sie uns - die wir dies nicht miterlebt haben - dieses wichtige Stück deutscher Operngeschichte mit ihren Protagonisten näher. War und ist diese Opernbegeisterung für's Opernschaffen im eigenen Land ein Phänomen der DDR, denn so intensiv habe ich diese bei uns im Westen nicht empfunden? In Bayreuth spielt sich wieder das übliche Sommertheater ab. Nicht allzu ernst nehmen. Die himmlisch schöne "Parsifal"-Musik wird über alle Querelen triumphieren. Meine Frau und ich dürfen hoffentlich unseren geliebten "Tristan" in Ruhe und ohne störendes Vorgeplänkel genießen.

Herzlichst
Operus
Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

Stimmenliebhaber

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47

Samstag, 9. Juli 2016, 18:42

Ich finde es bereits seit längerem bemerkenswert und eine ausgezeichnete Haltung, mit welchem Nachdruck die Opernfreunde und -kenner das Opernschaffen in der ehemaligen DDR und ihre Opernlieblinge argumentativ glorifizieren.

Lieber "Operus", von "glorifizieren" (also im Sinne von "verherrlichen") würde ich nicht sprechen wollen und auf "Rheingold1876" trifft diese Vokabel noch viel weniger zu als auf mich, aber ich versuche - auch mit dem Archiv - zu zeigen, was war, und sage, was ich in der Endphase der DDR noch selbst erlebt habe, welche tollen Sänger mich begeistert und meine Liebe zur Oper entfacht haben - nicht aus Gründen der "Glorifizierung", sondern einfach um der Plattitüde entgegenzuwirken, dass alles, was in der DDR stattfand, also auch Oper, wie selbstverständlich Mist oder zumindest zweiklassig gewesen sein muss. Es ist noch gar nicht lange her, da musste man ähnlich Groteskes auch wieder hier im Forum lesen ("Ostberliner Provinzsänger") - solcher Borniertheit und Ignoranz möchte ich öffentlich und auch offensiv entgegenwirken, ohne deshalb die DDR als "Lost paradise" zu verklären, denn das war sie ganz bestimmt nicht, auch wenn es eben doch ganz beachtlich ist, was da auf dem Kultur- und (Musik-) Theatersektor trotz widriger Umstände geleistet wurde - mit Ergebnissen auf Augenhöhe zu Opernproduktionen anderswo, auch in westlicher Richtung. Darum geht es mir, nicht um "Glorifizierung"!
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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operus

Ehrenpäsident und Außenminister

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48

Samstag, 9. Juli 2016, 21:44

Ich finde es bereits seit längerem bemerkenswert und eine ausgezeichnete Haltung, mit welchem Nachdruck die Opernfreunde und -kenner das Opernschaffen in der ehemaligen DDR und ihre Opernlieblinge argumentativ glorifizieren.
Lieber "Operus", von "glorifizieren" (also im Sinne von "verherrlichen") würde ich nicht sprechen wollen und auf "Rheingold1876" trifft diese Vokabel noch viel weniger zu als auf mich, aber ich versuche - auch mit dem Archiv - zu zeigen, was war, und sage, was ich in der Endphase der DDR noch selbst erlebt habe, welche tollen Sänger mich begeistert und meine Liebe zur Oper entfacht haben - nicht aus Gründen der "Glorifizierung", sondern einfach um der Plattitüde entgegenzuwirken, dass alles, was in der DDR stattfand, also auch Oper, wie selbstverständlich Mist oder zumindest zweiklassig gewesen sein muss. Es ist noch gar nicht lange her, da musste man ähnlich Groteskes auch wieder hier im Forum lesen ("Ostberliner Provinzsänger") - solcher Borniertheit und Ignoranz möchte ich öffentlich und auch offensiv entgegenwirken, ohne deshalb die DDR als "Lost paradise" zu verklären, denn das war sie ganz bestimmt nicht, auch wenn es eben doch ganz beachtlich ist, was da auf dem Kultur- und (Musik-) Theatersektor trotz widriger Umstände geleistet wurde -mit Ergebnissen auf Augenhöhe zu Opernproduktionen anderswo, auch in westlicher Richtung. Darum geht es mir nicht um "Glorifizierung"

Lieber Stimmenliebhaber,

schon als ich den ersten Beitrag schrieb, war mir klar, dass der Begriff "glorifizieren" einen anderen Zugenschlag in meine Ausführungen bringen könnte. Mit fiel nur nichts Treffenderes ein. Prompt ist dies auch geschehen. Ohne jegliche Ironie wollte ich anerkennen mit welchem Engagement , Nachdruck und Feuer Taminos, die das Opernschaffen in der DDR erlebten, ihre Eindrücke schildern und ihre Begeisterung mitteilen. Gleichzeitig wollte ich danken, dass uns dadurch ein Stück Operngeschichte nahegebracht wird, dass ich so nicht kannte. Ich bleibe dabei: Ich habe dieses leidenschaftliche Eintreten für Operereignisse bei uns im Westen so nicht erlebt. Liegt das daran, dass wir im Westen mit Veranstaltungen aller Arten überfüttert wurden und Theater, Opern- und Konzertbesuche Ereignisse von vielen waren. In der DDR dagegen Kulturschaffen - Theater, Musik Oper - einen weit höheren Stelllenwert hatte? Allein die Zahl der leistungsfähigen Profiorchester in der DDR im Vergleich zu den Orchestern im reichen Westen könnte meine Wahrnehmung und Schlussfolgerungen stützen. Kulturschaffen hatte in der ehemaligen DDR - egal aus welchen Gründen - ein besonders hohes, bevorzugtes und gefördertes Ansehen.

Herzlichst
Operus
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Stimmenliebhaber

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49

Samstag, 9. Juli 2016, 22:52

Kulturschaffen hatte in der ehemaligen DDR - egal aus welchen Gründen- ein besonders hohes, bevorzugtes und gefördertes Ansehen.

Vermutlich deshalb, weil die "Politiker" damals ein noch schlechteres Ansehen hatten als heute! :D

Die positiven Leistungen, die "Taten" der Schauspieler, Sänger und anderer Künstler lagen halt quasi "objektiv" auf der Hand, wurden immer wieder, während andere viel positiv redeten, aber die schönen Reden zu selten mit entsprechenden Taten einlösten.
So klammerten sich die Menschen zweifellos an die, deren positive Taten für Freude sorgten: die Künstler.
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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MSchenk

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50

Freitag, 15. Juli 2016, 23:28

mfG Michael

Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs.

Dr. Holger Kaletha

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Registrierungsdatum: 2. Februar 2008

51

Samstag, 16. Juli 2016, 01:31

Ein sehr sympathisches - und ehrliches! - Interwiev von Thielemann, finde ich!

Schöne Grüße
Holger

Rheingold1876

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Registrierungsdatum: 5. Mai 2011

52

Samstag, 16. Juli 2016, 09:06

Soeben habe ich mir dieses Interview in einem Ritt angeschaut, was etwas heißen will um diese Zeit. Mir hat die große Ruhe und Unaufgeregtheit gefallen, die daraus spricht. Dank an Michael, dass er es verlinkt hat.

Gruß Rheingold
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

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rodolfo39

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53

Samstag, 16. Juli 2016, 10:00

Hab mir auch grade das Interview angehört und ich glaube wenn man eins in Bayreuth braucht, dann Ruhe, Gelassenheit und wie Herr Thielemann gesagt hat ein dickes Fell. Was wird aber aus Herrn Nelsons, wenn Hartmut Hänchen einen großen Erfolg als Einspringer beim Publikum und Presse haben wird? Alle scheinen ja davon auszugehen das Herr Nelsons nächstes Jahr den Parsifal dirigieren wird.

musikwanderer

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54

Samstag, 16. Juli 2016, 10:03

Auch ich habe das Gespräch in einem Durchlauf gesehen, was bei mir aber nichts heißen will, denn um diese Zeit habe ich schon drei oder vier Stunden Tagesablauf hinter mir. Die Eindrücke aus diesem Interview, und da gebe ich sowohl Rheingold als auch Holger recht, sind bei mir positiv angekommen: Ruhig, Sympathisch - und nicht erhellend, was den Grund des von Brug in die Welt gesetzten Skandalon angeht. Jetzt müsste Nelsons befragt werden und es wäre zu begrüßen, wenn er sich Frau Täuschel gegenübersetzen und antworten würde. Ich bezweifle momentan noch, dass es dazu kommen wird. Ich neige aber auch dazu, die ganze Angelegenheit (was ich nicht nur auf Bayreuth, sondern auf die Szenen hinter den Kulissen aller Opernhäuser bezogen sehen möchte) nach unten zu fahren - wenn man sich die wahren Probleme dieser Welt ansieht. Was bedeutet da schon dieser Kindergarten?

:hello:
.

MUSIKWANDERER