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ThomasBernhard

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1

Samstag, 12. November 2005, 21:42

"Wörterbuch Bach´scher Tonsprache": Das Orgelbüchlein

BWV 599 - 644

"ORGELBÜCHLEIN, Worinne einem anfahenden Organisten Anleitung gegeben wird, auff allerhand Arth einen Choral durchzuführen, anbey auch sich im Pedal studio zu habilitieren, indem in den darinne befibndlichen Choralen das Pedal gantz obligat tractiret wird. Dem höchsten Gott allein zu Ehren, Dem Nechsten, daraus sich zu belehren"





Das Orgelbüchlein stammt aus Bachs Weimarer Zeit und wurde möglicherweise sogar während Bachs mehrwöchiger Inhaftierung geschrieben (Bach hatte sich bei seinem Arbeitgeber unbeliebt gemacht und seine Weimarer Tätigkeit wurde von einem Gefängnisaufenthalt gekrönt).
Konzipiert wurde das Orgelbüchlein für 164 Choräle, von denen Bach jedoch nur 45 fertigstellte. Die Anordnung der Choräle folgt dem Kirchenjahr.
Es sind keine "großen" Choralbearbeitungen, wie etwa die sechs "Schübler-Choräle" [BWV 645 - 650]. Im Gegensatz zu etwa "Wachet auf ruft uns die Stimme" BWV 645 sind die Choräle im Orgelbüchlein ohne Zwischenspiele ausgeführt. Es ist jedoch ein Irrtum, demnach den "nackten" Choral zu erwarten. Das Resultat der Verarbeitungen ist mit unter, daß man den Choral nicht wiedererkennt, so sehr hat Bach in verziert oder in die Begleitstimmen eingewoben.
Eine häufige Verarbeitungsform der Choräle erfolgt "triomässig" - also der Choral-Cantus firmus liegt in einer sehr strak verzierten Solostimme und bekommt zwei Begleitstimmen (linke Hand auf einem anderen manual + Pedal) dazugesellt. Öfter ist der Choral jedoch auch für lediglich ein Manual und Pedal ausgesetzt. Es gibt auch Choralbearbeitungen mit fugierten Stimmeinsätzen.
Um missverständnisse zu vermeiden: Die Choräle des Orgelbüchleins sind zur Begleitung des Geimeindegesangs natürlich vollkommen unbrauchbar, auch sie als direktes Choralvorspiel zu benutzen ist problematisch, da die Geschwindigkeit der Choralbearbeitung meist deutlich langsamer ist als der sangbare Choral.
Große Bekanntheit hat vielleicht "Ich ruf zu Dir, Herr Jesu Christ" durch die Klaviertranskription Busonis.

Das Orgelbüchlein - also eine Orgelschule und Voratskammer an liturgischer Gebrauchsmusik (die Stückchen dauern durchschnittlich ein bis zwei Minuten)? Weit mehr!

Albert Schweizer schrieb in seinem Bach-Buch, daß das Orgelbüchlein "das Wörterbuch Bachscher Tonsprache" sei.
Das Orgelbüchlein ist sozusagen wortgebundene Musik ohne Worte. Der Choraltext steht im Hintergrund und Bachs Textausdeutung bezieht sich auf den Choraltext. Die barocken/bachschen Finessen der Textausdeutung in Form von rethorischen Figuren sind im Orgelbüchlein auf dichtesten Raum dokumentiert.
Es wimmelt von sämtlichen Phänomenen des musikalisch-rethorischen Vokabulars, als da wären passus duriusculus, saltus duriusculus, etc. etc.!
Somit kann man gewissermaßen die Übersetzung von musikalischem Phänomen und Textbedeutung erstellen.
Im Orgelbüchlein fliegen die Engelchen (Vom Himmel kam der Engel Schar), es fliessen die Tränen der Reue (O Mensch bewein Dein Sünde groß), es wird triumphiert (Heut triumphieret Gottes Sohn), es wird gestorben (Alle Menschen müssen sterben) und es geht zu wie ein rauschend Wasser (Ach wie nichtig, ach wie flüchtig).

Mein liebstes Stück ist "O Mensch, bewein dein Sünde gross", BWV 622. Es dürfte eines der Stücke der Musikgeschichte sein, mit der größten Dichte von Verzierungen und Schnörkeln. Ähnlich viel bedeutet mir "Wenn wir in höchsten Nöten sein" (BWV 641)

Von Wolfgang Stockmeiers Aufnahme will ich vorerst schweigen, Walcha habe ich nur auf Schallplatte, empfehlen möchte ich Simon Prestons Aufnahme. Er hat an er Orgel der Abtei Soro (Dänemark) teils wunderschöne Klangfarben zusammenregistriert.



Als Notenausgabe empfehle ich die Bärenreiter Neue Bachausgabe, Orgelwerke I, da hier auch die Vorlagen, also die Chorale in ihrer Grundgestalt, abgedruckt sind.
Frauen und Kinder zuerst

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reklov29

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2

Dienstag, 15. November 2005, 21:25

Bach'sche Tonsprache aus Bückeburg auf CD

Hallo Markus,
Zitat:
Somit kann man gewissermaßen die Übersetzung von musikalischem Phänomen und Textbedeutung erstellen.
Im Orgelbüchlein fliegen die Engelchen (Vom Himmel kam der Engel Schar), es fliessen die Tränen der Reue (O Mensch bewein Dein Sünde groß), es wird triumphiert (Heut triumphieret Gottes Sohn), es wird gestorben (Alle Menschen müssen sterben) und es geht zu wie ein rauschend Wasser (Ach wie nichtig, ach wie flüchtig).
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Wunderschön von Dir wiedergegeben, genau das ist Bachs Art und wollte so seine Kompositionen
verstanden wissen.

Über Walcha hatten wir uns schon einmal kurz ausgetauscht er bleibt für mich ein fantastischer Bach-Interpret der vergangenen Jahre.


Bei Amazon zu beziehen, sowie Bachs Geamtwerke von Walcha, nur sündhaft teuer.

Aber um auf Deinen Thread zurückzukommen kann ich hier ein wunderschönes Kleinod als CD von Bachs
frühsten Orgekompositionen nur empfehlen.

Wie in diesem Orgel-Thread von mir schon angedeutet über den Bückeburger "Bach"


(Label Ambiente 15€, portofrei!)

handelt es sich bei dieser Einspielung der frühen Bachschen Werke um gelungene Klangbeispiele.
Das Booklett ist vom Feinsten. Die eingespielten Werke werden historisch erleutert sowie mit Takte, Musikalische Phänomene und Theologischen Bedeutungen abgehandelt. Am Ende des Bookletts sind Registrierungen von J.S. Bach vermerkt.

Weiter ist die Janke-Orgel der Stadtkirche zu Bückeburg zu Recht als eine der profiliertesten Orgel-
Neubauten der Gegenwart zuzurechnen.
Ausgerichtet wurde die Klanggestaltung der Orgel auf die Orgelmusik von J.S. Bach und des 18.
Jahrhunderts. Diese Klangfarben der Orgel begeistern mich ungemein.

Die frühen Kompositionen beginnen mit den acht kleinen Präludien und Fugen BWV 553-560, die
wohl nach seiner Ausbildung in Lüneburg entstanden sein könnten.

Auf dieser CD werden alle Facetten der Registrierung durch den Organisten gezogen, ungemein schöne
Klangbeispiele sind enthalten.

Eine wärmstens zu empfehlende CD die genau in Dein Thema passt und für einen Organisten wohl
als ein Anleitung zum spielen Bachscher Orgelwerke geradezu prädesziniert erscheint.

Grüsse
reklov29
Bach ist so vielfältig, sein Schatten ist ziemlich lang. Er inspirierte Musiker von Mozart bis Strawinsky. Er ist universal ,ich glaube Bach ist der Komponist der Zukunft.
Zitat: J.E.G.

sebastian

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3

Donnerstag, 17. November 2005, 17:39

Allerdings glaubt man heute zu wissen, dass die acht kleinen doch nicht von Bach sind, sondern von einem jener unzähligen "kleinen" Organisten geschrieben wurden - wer die Choräle der Neumeister-Sammlung mit den acht kleinen vergleicht, wird auch schnell merken, dass bei den acht ein solches Genie nicht gearbeitet hat.
Zur NBA: Ich halte sie für sehr kritisch - da sie ein unbequemes Notenbild und somit auch oft sehr dumme Wendestellen hat und da viele Sachen in ihr gegenüber Peters auch verschlimmbessert sind...
Bach ist Anfang und Ende aller Musik

ThomasBernhard

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4

Donnerstag, 17. November 2005, 23:52

[Wollte nur mal so nebenbei anmerken, daß uns Reklov hier aufs falsche Gleis gesetzt hat, da die "acht Kleinen" (BWV 553 - 560) mir zwar auch recht lieb sind, aber mit dem "Orgelbüchlein" nix zu tun haben.]

@ Sebastian: Die "acht Kleinen" spiele ich auch aus der Peters-Ausgabe.
Frauen und Kinder zuerst

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reklov29

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5

Freitag, 18. November 2005, 23:16

die "acht Kleinen" (BWV 553 - 560)J.S. Bach

Hallo Markus,
Zitat:
[Wollte nur mal so nebenbei anmerken, daß uns Reklov hier aufs falsche Gleis gesetzt hat, da die "acht Kleinen" (BWV 553 - 560) mir zwar auch recht lieb sind, aber mit dem "Orgelbüchlein" nix zu tun haben.]
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Das verstehe ich nun ganz und gar nicht, meine Aussage war ganz eindeutig formuliert das es sich bei der CD - Einspielung um
die Frühwerke von Bach und seine BWV 553-560 aus Bückeburg handelt, Du Markus aber von dem
Orgelbüchlein, BWV 599 - 644, geschrieben hast.

Mein Hinweis auf diese CD hast Du dann wohl nicht richtig verstanden, mir geht es hier um die ver-
schiedenartigste Registrierung und Klangbeispiele, die der Organist als Versuch unternommen hat, dem
Hörer dies näherzubringen, sowie auf die Theologischen und musikalischen Phänomene im Booklett.die
dort enthalten sind.

Des weiteren meine Aussage:
Die eingespielten Werke werden historisch erleutert sowie mit Takte, Musikalische Phänomene und Theologischen Bedeutungen abgehandelt. Am Ende des Bookletts sind Registrierungen von J.S. Bach vermerkt.

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Bezogen auf Deine Aussage:
Zitat:
Somit kann man gewissermaßen die Übersetzung von musikalischem Phänomen und Textbedeutung erstellen.

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so wollte ich meinen Beitrag der veröffentlichten CD verstanden wissen.

Grüsse
reklov29
Bach ist so vielfältig, sein Schatten ist ziemlich lang. Er inspirierte Musiker von Mozart bis Strawinsky. Er ist universal ,ich glaube Bach ist der Komponist der Zukunft.
Zitat: J.E.G.

tom

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6

Freitag, 18. November 2005, 23:45

@ ThomasBernhard:

Du teilst mit, daß Du "vorerst" über Wolfgang Stockmeiers Platte schweigen willst. Stellt sich dies inzwischen anders dar? Ich persönlich kenne zwar die Stockmeier-Aufnahme von 248 Orgelwerken Bachs zum großen Teil, bin aber nicht so firm, was das Orgelbüchlein anbetrifft. Vor dem Hintergrund, daß die Stockmeieraufnahme in relativ kurzer Zeit realisiert worden ist, ist manches vielleicht mißlungen oder freundlicher formuliert, nicht alles ist zum interpretatorischen Juwel geraten. Trifft das auch auf das Orgelbüchlein in der Einspielung Stockmeiers zu?

ThomasBernhard

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7

Samstag, 19. November 2005, 01:58

Servus Tom

Stockmeiers Aufnahme (weisses Pappkistchen) habe ich jetzt nicht erneut gehört, daher schon mal grund Nummer eins des Schweigens.

Dieser Zyklus ist zwar in verschiedenen Kirchen entstanden, aber seltsamerweise ausschliesslich an Orgeln der Firma Kreienbrink, was mir dann dann fast wie ein klingender Firmenprospekt vorkommt. Leider empfand ich die Orgeln (und mitunter auch die Registrierungen) als unspektakulär bis langweilig, was auch auf den interpreten zutrifft (aber das ist alles wie gesagt eine unverschämte, hochnäsige, parasitäre :D subjektive Meinung aus der Erinnerung und bedarf einer erneuten Hör-Kontrolle)


Hallo Reklov, ja, ist OK, hab ein bisschen unsorgfältig über die Intention Deines Beitrages drübergelesen :O

Gruß, Markus
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zweiterbass

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8

Montag, 20. Juli 2015, 23:36

Hallo,

ich stelle erneut diese CD ein, auf welcher Orgelwerke u. a. von Bach auf einer Orgel interpretiert wird, die sich bereits dem romantischen Orgelklang nähert und den Bach bekannten Orgeln –für die er komponiert hat (für Orgeln mit romantischen Klang konnte er gar nicht komponieren, die gab’s noch nicht)– nicht mehr entspricht. In diesem Fall ist es m. E. noch eine Frage des pers. Geschmacks ob eine Interpretation auf dieser oder ähnlichenOrgel noch Bach ist/sein kann; denn Bach als „mathematischen Kompositeur“ einzuordnen geht fehl; viele seiner Werke geben ein hörbares Zeugnis davon ab, wie emotional, auch textverdeutlichend er sein kann/ist.

Diese CD geht nun einen Schritt weiter. Leider ist der Wikipedia-Eintrag über Karl Straube sehr lückenhaft, besser mangelhaft; ich muss daher auszugs- und zusammenfassenderweise aus dem Booklet zitieren:

„ Auf dieser Einspielung sind ausgewählte Orgelwerke Bachs zu hören, die Karl Straube bearbeitet und als romantisierend bezeichnet hat... Um die Werke des alten, ewig jungen Meisters (Bach) vor der Vergessenheit zu entreißen, also für den alltäglichen Gebrauch…. Dabei ließ er den Notentext nahezu unverändert und berücksichtigte zunächst wesentlich die Möglichkeiten der nun zur Verfügung stehenden Orgeln mit ihren Crescendo-Walzen, Schwellern, inzwischen sehr verschiedenen, umfangreichen Registern, genauen Registrier- und Spielanweisungen, wie Tempo, Dynamik, Agogik und Artikulation (um dem damaligen Schlendrian, Bachs Orgelwerke in einer/m gleichmäßigen Registrierung/Fortissimo zu spielen, entgegen zu wirken)…Bei seinen Nachschöpfungen ging Straube stets von einem bestimmten Gesamteindruck des Orgelwerkes aus, den das jeweilige Werk seiner Ansicht nach hervorruft. (Und die er in vielen Kommentaren den Noten zufügte um dem Organisten seine Vorstellungen nahe zu bringen; Bespiele: Präludium aus BWV541 – anmutsvoller Zauber der Rokokokunst, melodische Linien von größter Beweglichkeit, voll Leben, Weichheit und einschmeichelnder Liebenswürdigkeit; Präludium aus BWV 544 – elegisches Werk, das den Hörer in romantische Irrgärten führt.)
16 Jahre nach seiner Bach-Edition aus 1913 sah Straube im Rahme der neuen Orgelbewegung in Deutschland ein, dass sein romantisierender Weg ein Irrweg war und seine Forderung zur Interpretation Bachscher Orgelwerke lautete nun: Eine objektiv klare Wiedergabe, mit dem geringsten affektmäßigen Aufwand.“

Viele Grüße
zweiterbass

Nachsatz: Dass Bachs Orgelwerke oft gleichbleibend registriert und forte gespielt werden, sollte/müsste m. E. dennoch nicht sein.
Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler