Sie sind nicht angemeldet.


JPC Amazon

AMATEURVIDEO-FILMFORUM-WIEN

Wolfram

Prägender Forenuser

  • »Wolfram« ist männlich
  • »Wolfram« wurde gesperrt

Beiträge: 4 158

Registrierungsdatum: 5. August 2006

211

Sonntag, 13. September 2009, 21:14

Hallo zusammen,

ich habe nun nun meine beiden Santini-Aufnahmen des Don Carlo durchgehört, beide Male mit Boris Christoff in der Titelrolle. Die eine Aufnahme ist von 1954 mit Chor und Orchester der Oper von Rom, gibt eine vieraktige Fassung des Werkes wieder und wurde von EMI veröffentlicht. Die andere ist von 1961 mit Chor und Orchester der Mailänder Scala, präsentiert eine fünfaktige Fassung und ist von DG. Vorweg: Eine der Aufnahmen ist gut, die andere sehr gut. Santini leitet beide Aufnahmen unauffällig und gut, es fehlt m. E. vor allem in der jüngeren Aufnahme manchmal an mitreißendem Schwung in den großen Chorszenen.

Zunächst zur jüngeren Aufnahme. Sie scheint vergriffen zu sein. Im ebenfalls vergriffenen "Hermes Handlexikon: Opern auf Schallplatten" wird sie als "vorzügliche Plattenproduktion" bezeichnet, mit einer "ergreifenden Rollengestaltung" von Boris Christoff und der Aussage "Auch alle übrigen Rollen sind optimal besetzt". - Dem kann ich mich nicht anschließen. Dazu muss ich nicht erst die Solti-Aufnahme heranziehen.

Das Orchester der Scala reicht in dieser Aufnahme nicht an das Orchester von Covent Garden (Solti-Aufnahme) heran. Es gibt immer wieder Inhomogenitäten in allen Gruppen und insbesondere im schweren Blech auch Intonationstrübungen. - Vokal am besten ist das königliche Paar: Boris Christoff beherrscht vokal die Szenen, an denen er beteiligt ist mit seinem gewaltigen Organ. Antonietta Stella bleibt weder denen dramatischen noch den lyrischen Abschnitten etwas schuldig. Insgesamt bieten die beiden eine gültige Alternative zu Ghiaurov/Tebaldi.

Ettore Bastianini, der Posa der Aufnahme, ist den meisten wohl als Vater Germont des Live-Mitschnittes der Traviata mit Giulini und Callas bekannt. Bastianini hat als Bass debütiert, bevor er einige Jahre später den Wechsel zum Bariton vollzog. Man hört seine Herkunft allenthalben am dunklen Timbre. Der Gegensatz zu Christoff ist m. E. nicht groß genug, worunter die entsprechenden Duette und insbesondere auch das Quartett im vorletzten Akt leiden. Die Farbe seiner Stimme hat einen durchaus sinnlichen Reiz, der bei weitem nicht nur durch das ungewohnt dunkle Timbre begründet ist. Dennoch ziehe ich hier sowohl Fischer-Dieskau als auch Milnes und Cappucilli (in den Einspielungen mit Solti, Giulini und Karajan) vor.

Fiorenza Cossotto singt als Eboli das berühmte "O don fatale" großartig. Aber ihre Leistung ist im Lied vom Schleier leider nicht ganz so gut, es fehlt ihr an der Leichtigkeit dafür.

Der deutliche Schwachpunkt im Ensemble ist für mich Flavio Labò in der Titelpartie. Seine vergleichsweise schwere Stimme stellt er zu oft kraftmeierisch in den Raum. Er findet nicht mal im letzten Akt im Duett im Elisabetta die angemessenen Zwischentöne und Schattierungen. Zu eindimensional ist seine Gestaltung der lyrischen Passagen, da muss man nicht erst mit Bergonzi vergleichen.

Wegen der Schwächen im Orchester, in der Titelpartie, in Teilen der Eboli und des nicht überzeugenden Timbre von Bastianini bleibt es nur eine gute Aufnahme. Aber das ist ja auch schon etwas, und wir alle wären froh, wenn wir Stimmen wie Christoff, Bastianini und Cossotto heute hätten.
Viele Grüße, Wolfram

Wolfram

Prägender Forenuser

  • »Wolfram« ist männlich
  • »Wolfram« wurde gesperrt

Beiträge: 4 158

Registrierungsdatum: 5. August 2006

212

Sonntag, 13. September 2009, 21:31

Nun zur älteren Aufnahme. Chor und Orchester der Oper von Rom sind ihren Mailänder Kollegen an Homogenität und Spielfreude überlegen.

Das königliche Paar isr dasselbe wie in der DG-Aufnahme. Jedoch klingt Boris Christoff in der älteren Aufnahme deutlich runder, nicht so knorrig. Hier hört man die sieben Jahre Abstand zwischen den Aufnahmen. (Dasselbe Phänomen zeigt sich auch in seinen Studioaufnahmen des Boris Godunov [unter Dobrowen und Cluytens], die ungefähr zu denselben Zeiten entstanden.)

Tito Gobbi als Posa ist ein Hochgenuss! Weniger durch eine klangschöne Stimme als vielmehr durch eine hochsubtile Ausgestaltung der Partie, die auf anderem Weg als Fischer-Dieskau zum selben Ziel gelangt. Seine Stimme hebt sich sowohl von Filippo als auch von Don Carlo hinreichend ab, was vor allem die Duette mit Filippo gegenüber der jüngeren Aufnahme bereichert. Und ohne rundum gelingende Duette findet Verdis Don Carlo nicht statt.

Giulio Neri ist als Großinquisitor nicht weniger bezwingend als Ivo Vinco in der jüngeren Aufnahme.

Elena Nicolai singt ein großartiges "O don fatale", doch ihr für meinen Geschmack ausuferndes Vibrato stört erheblich im Lied vom Schleier.

Mario Filippeschi geht die Titelrolle von der dramatischen Seite an, findet aber deutlich mehr Zwischentöne als Labò und verfällt auch nicht dessen Zur-Schau-Stellung der eigenen Stimme. Der Darstellung des zerrissenen Charakters des Infanten kommt dies zugute. - Bergonzi hat für den Carlo sicher einen bleibenden Maßstab mit einem eher lyrischen Zugang gesetzt. Wer einen dramatischeren Zugang kennen lernen möchte, ist mit Filippeschi sicher mehr als gut bedient.

Ein Ereignis ist auch Plinio Clabassi in der (wichtigen!) Minirolle des "Fratre", hinter dem sich Karl V. verbirgt.

Somit fällt die Entscheidung Santini vs. Santini eindeutig in Richtung der älteren Aufnahme, die mit einem besseren und inspirierteren Chor und Orchester, einem besseren Filippo, einem spannenden Posa und einem sehr guten Infanten gegenüber der jüngeren Aufnahme punktet.

Wer die Solti-Aufnahme mit Ghiarov/FiDi/Bergonzi/Tebaldi/Bumbry hat, kann hier mit Christoff/Gobbi/Filippeschi/Stella/Nicolai spannende Vergleiche anstellen oder einfach beide Aufnahmen als Ganzes genießen.
Viele Grüße, Wolfram

Elisabeth

Prägender Forenuser

Beiträge: 3 393

Registrierungsdatum: 5. Oktober 2010

213

Sonntag, 13. September 2009, 21:33

Zitat

Original von Wolfram
Hallo zusammen,

ich habe nun nun meine beiden Santini-Aufnahmen des Don Carlo durchgehört, beide Male mit Boris Christoff in der Titelrolle. Die eine Aufnahme ist von 1954 mit Chor und Orchester der Oper von Rom, gibt eine vieraktige Fassung des Werkes wieder und wurde von EMI veröffentlicht. Die andere ist von 1961 mit Chor und Orchester der Mailänder Scala, präsentiert eine fünfaktige Fassung und ist von DG. (...)Zunächst zur jüngeren Aufnahme. Sie scheint vergriffen zu sein.




Lieber Wolfram,


sie ist zum Glück inzwischen in dieser neu erschienenen Box erhältlich:





LG, Elisabeth

Wolfram

Prägender Forenuser

  • »Wolfram« ist männlich
  • »Wolfram« wurde gesperrt

Beiträge: 4 158

Registrierungsdatum: 5. August 2006

214

Sonntag, 13. September 2009, 23:11

Wow! Eine tolle Box. 21 CDs, 8 der bekannteren Opern und das Requiem, für €40. Macbeth und Simon Boccanegra gehören zu den besten Aufnahmen dieser Opern, Aida und Requiem zu den besseren jüngeren Aufnahmen. Zum Don Carlo habe ich oben genug geschrieben.

FiDi ist wohl nicht der beste Rigoletto der Schallplattengeschichte, aaaaber ... wie in mehreren ähnlich gelagerten Fällen (Holländer, Wotan, Hans Sachs, Falstaff) kann ich mir vorstellen, dass er eine interessante Interpretation der Rolle geliefert hat, die als Dritteinspielung neue Facetten aufzeigt, die man bei den Klassikern (Merrill, Gobbi, Warren, Tibbett) so nicht gehört hat. Die übrigen Aufnahmen gehören wohl eher ins Mittelfeld der Schallplattengeschichte, weisen aber auch den einen oder anderen prominenten Namen auf, der neugierig macht. - Ob Bergonzi ein in jeder Beziehung überzeugender Manrico ist, wage ich zu bezweifeln ... es muss ja nicht gleich Corelli sein ... aber Björling war in der Cellini-Aufnahme natürlich auch alles andere als ein Brülltenor. Sicher ist Bergonzi auch als Manrico hörenswert.

Es ist natürlich schön, dass die DG-Aufnahme des Don Carlo mit Santini wieder verfügbar ist.

Es dürfte schwierig sein, die vier, fünf guten und sehr guten Aufnahmen dieser Box für weniger als €40,- zu bekommen.
Viele Grüße, Wolfram

farinelli

Prägender Forenuser

  • »farinelli« ist männlich

Beiträge: 1 570

Registrierungsdatum: 12. Mai 2009

215

Donnerstag, 23. Februar 2012, 23:45

Und Jahre gingen ins Land ...

Man sollte diesen thread hier einrahmen und für bessere Zeiten aufbewahren - eine vielseitige Diskussion über eine Konwitschny-Inszenierung, und auf welchen Niveau geführt. Da kann man nur mit der Pique Dame-Gräfin ausrufen:

Was sind das für Zeiten! Wer schreibt heute? Wer diskutiert?

Freunde der Solti-Einspielung müssen sich fragen lassen, wie sie mit Rodrigos Szene gegenüber der Königin klarkommen:

Carlo ch´è sol - il nostro amore,
Vivi nel duol - su questo sol.

(usw.)

Fischer-Dieskaus Art, das zu singen, mit einem Tremolo, wo er die Betonung vermutet, muß mir ein Sängerexperte erklären. Mir ist schleierhaft, wie man in Ettore Bastianini nicht den besten Rodrigo erblicken möchte (Gobbi übertrifft ihn nur in der Sterbeszene, sonst bleibt er schwächer). Von Christoff ganz zu schweigen, den besten Philipp überhaupt.

Ich empfehle auch hier, da die Sänger wirklich einzigartig sind (und der Preis sehr erschwinglich):



:hello:
Zerging in Dunst das heilge römsche Reich

- uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!

Harald Kral

Erleuchteter

  • »Harald Kral« ist männlich

Beiträge: 14 983

Registrierungsdatum: 20. Juni 2007

216

Sonntag, 11. März 2012, 09:28

Premiere heute vor 145 Jahren:

Don Carlos,
Oper in 5 Akten von Giuseppe Verdi.
Text von Joseph Méry und Camille du Locle nach Friedrich Schillers Don Carlos (1787).
Uraufführung: 11.3.1867 Paris, Théâtre de l'Opéra
mit Marie Sass • Pauline Lauters-Gueymard • Jean Morère • Jean-Baptiste Faure • Louis- Henri Obin • Léonie Levielly • Armand Castelmary,
Dirig. Émile Perrin



Erstaufführung der Neufassung in 4 Akten mit der ital. Übersetzung von Achille de Lauzières und Angelo Zanardini:
10.1.1884 Mailand, Teatro alla Scala
mit Abigaille Bruschi-Chiatti • Giuseppina Pasqua • Francesco Tamagno • Paul Lhérie • Alessandro Silvestri • Francesco Navarrini,
Dirig. Franco Faccio.



Erstaufführung der letzten Fassung in 5 Akten: 26.12.1886 Modena, Teatro Comunale.

LG

:hello:
Harald

Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
(Vinícius de Moraes)

operus

Ehrenpäsident und Außenminister

  • »operus« ist männlich

Beiträge: 5 203

Registrierungsdatum: 14. Mai 2008

217

Sonntag, 11. März 2012, 11:20

Ein denkwürdiger Don Carlos in deutscher Sprache

Diese am 15. Dezember 1965 live aufgezeichnete Repertoirevorstellung von Verdis "Don Carlos" in der Bayerischen Staatsoper ist nicht nur wegen ihres hohen künstlerischen Niveaus beachtenswert. Ist es doch die bisher einzige bekannte Aufnahme, in der Gottlob Frick als Philipp II. komplett dokumentiert wurde. Frick bestätigt an diesem Abend beeindruckend alle die sängerischen Tugenden, die ihn in seiner Zeit zum führenden deutschen Basso profundo mit Weltrang machten. Eine beeindruckende sängerdarstellerische Leistung, die den Sänger trotz der deutschen Sprache in die Reihe der großen Darsteller dieser Partie, wie Plancon, Kipnis, Pinza, Pasero, Siepi, Christoff und Ghiauroff erhebt. Auch Kurt Böhme ein anderer großer deutscher Bassist, konnte in der Rolle des Großinquisitors auftrumpfen. Die Stimme dröhnt machtvoll mit enormer Strahlkraft. Durch das Aufeinandertreffen dieser beiden großen Sänger wird das Kabinett des Königs und die Szene Philipp - Großinquisitor zum imponierenden Bassduell und einem Höhepunkt der Aufführung.
Dieser "Don Carlos" ist auch als eines der wenigen großen Tondokumente des verdienten "ewigen" Münchner Kapellmeisters und Opernpraktikers Heinrich Bender eine Rarität. Der Maestro bestätigt seinen Ruf als Sängerdirigent. Obwohl er die Partitur mit dem Bayerischen Staatsorchester voll auskostet und spannungsvoll musiziert, trägt er seine Sänger gewissermaßen auf Händen. Hier wird keine Sinfonie mit Gesang zelebriert. Durch Benders sängerfreundliches Dirigat entsteht ein wirkliches Opernfest, in dem sich Gesang und Musik zu einem intensiven Gesamterlebnis verbinden .
Frisch mit unverbrauchten Stimmen präsentieren sich die jungen Amerikaner James King und Thomas Tipton. Durch ihr jugendliches, temperamentvolles Singen wird ihr Duett zu einem weiteren Glanzpunkt der Aufnahme. Auch die beiden Damen Claire Watson als Elisabeth Und Dagmar Naaff als Eboli singen eindrucksvoll und bewähren sich als glaubhafte Darstellerinnen.
Insgesamt ist diese Aufzeichnung eine Erinnerung an eine Zeit , als es solche herausragende Opernabende noch als Repertoirevorstellungen zu erleben gab.
Das Hamburger Archiv für Gesangskunst hat das Tondokument hervorragend remastered und die Klangqualität erheblich verbessert. Auch das kompetent
geschriebene und niveauvoll gestaltete Booklet unterstreicht, mit welcher Liebe zum Detail die Herausgeber gearbeitet. haben.
( 2 CDs, 30320 Hamburger Archiv für Gesangskunst)
Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

Milletre

Prägender Forenuser

  • »Milletre« ist männlich

Beiträge: 1 388

Registrierungsdatum: 18. März 2008

218

Sonntag, 11. März 2012, 12:53

Dieser von Operus beschriebene "Don Carlos" ist tatsächlich ein großer Wurf. Die von Hans zitierte homogene Besetzung und auch die Chöre sowie das liebevoll geführte Orchester machen diese Live-Aufnahme zum Ereignis.

Und gerade diese Produktion sowie die herrlichen Baß-Arien von Verdi mit Gottlob Frick lassen mich schmerzlich bedauern, dass sich dieser Künstler nicht der Mühe unterzog, Italienisch (bzw. Französisch oder gar Russisch) zu lernen, was seiner doch sehr langen Karriere zugute hätte kommen können - und wir Opernfans hätten seinen Philipp, Procida, Gremin, Boris oder Mefistofeles im Haus erleben können.

Wenn ich daran denke, dass wir in Wien einen Hausbassisten aus derselben Generation hatten, ein fränkisches eher nicht urbanes Urgestein namens Walter Kreppel, der zumindest die italienischen Partien doch recht belkantesk, wenn auch auf seine Art, sang, so schmerzt doch um so mehr, dass wir in diesem Fach Gottlob Frick nie erleben konnten. Also müssen wir uns mit seinen Aufnahmen trösten, die in ihrer Grandiosität erahnen lassen, welch herrlicher Interpret dieser gottgesegnete Schwabe im italienischen oder russischen Fach gewesen sein mußte.

Traurig, traun ...
Arrestati, sei bello! - (Verweile, Augenblick, du bist so schön!)

operus

Ehrenpäsident und Außenminister

  • »operus« ist männlich

Beiträge: 5 203

Registrierungsdatum: 14. Mai 2008

219

Sonntag, 11. März 2012, 14:03

Singen in deutscher Sprache mit ideologischem Hintergrund!

Lieber Milletre, mein lieber Fritz,

das Problem liegt tiefer. Gottlob Frick war genau wie Oskar Czerwenka ein glühender Verfechter des Singens in deutscher Sprache. Beide Sänger hörten nur mit Schaudern das Italienisch mancher deutschen Sänger an. In einer Diskussion vertraten die beiden bedeutenden Bassisten übereinstimmend die Auffassung, lieben, leiden - und Czerwenka fügte dazu - blödeln könne man nur in seiner Muttersprache. Frick kam aus einer ländlichen Gegend. Er war der Ansicht, dass der Widerstand, eine Opernaufführung zu besuchen für einfache Menschen noch stark erhöht würde, wenn diese den Text des Gesungenen nicht verstehen würden. In seinem herrlichen, lesenswerten Buch "Lebenszeiten -ungebetene Briefe" begründet der grundgescheite, lhochgebildete Oskar Czerwenka in dem Brief an seinen großen Kollegen Gottlob Frick seine ideologischen Gründe, warum er ein absoluter Verfechter des Singens in deutscher Sprache sei. In der Liebermann-Ära in Hamburg wurde geradezu eine "Hochkultur" beim Singen von italienischen und französischen Operntexten in deutscher Sprache angestrebt und erreicht. Viele Opern wurden damals deshalb neu und verbessert ins Deutsche übersetzt.
Durch Herbert von Karajan ausgelöst und die darauf folgende weltweite Globalisierung des Opernbetriebes wurde das Singen in der jeweiligen Originalsprache zum unentbehrlichen Standard des internationalen Opernschaffens. Nicht zuletzt dadurch wurden bedauerlicher Weise die deutschen Opernensembles gesprengt und aufgelöst. Wenn wir nun noch in die Gesangskrise und ihre Ursachen einsteigen würden, würde die Diskussion noch viel weiter gehen. Wie immer im Leben hat halt alles seinen Preis.
Übrigens ist der Lobl nicht ganz standhaft geblieben. Collin, Komtur und Ramphis sang er in italienisch. Die Philipp-Arie hatte er für den Hausgebrauch drauf. Aber selbst ein glühender Verehrer muss zugestehen: Bei Fricks Italienisch in Opern und Latein in Oratorien musste die Pracht der Stimme die sprachlichen Unzulänglichkeiten schon recht stark kompensieren.
Wenn ich mich nicht täusche hat Frick den Pihilipp in deutscher Sprache aber auch im ehrwürdigen Haus am Ring gesungen?
Wir haben ja erfreulicher Weise bald Gelegenheit, alle diese Themen in Wien im persönlichen Dialog zu vertiefen. ich freue mich auf die Welthaupstadt der Oper und den Kontakt mit Euch.
Herzlichst
Operus
( Das erwähnte Buch: Oskar Czerwenka "Lebenszeiten - ungebetene Briefe" , Paul Neff Verlag Wien, 1988, ISBN 3 - 7014 - 0260 -4)
Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

Milletre

Prägender Forenuser

  • »Milletre« ist männlich

Beiträge: 1 388

Registrierungsdatum: 18. März 2008

220

Montag, 12. März 2012, 01:46

Du hast recht, lieber Hans, Frick sang den Philipp in Wien sage und schreibe 15mal zwischen 1953 und 1959. Den Colline lediglich einmal (28.2.1956). Nur schade, dass dies knapp vor meiner Zeit war - Komtur und Ramphis habe ich noch selbst erlebt!
(Daten entnommen aus: Chronik der Wiener Staatsoper 1945-2005, redigiert von Andreas Láng.)
Arrestati, sei bello! - (Verweile, Augenblick, du bist so schön!)