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  • »Johannes Roehl« ist männlich

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31

Dienstag, 28. November 2006, 16:51

Sleepers awake!

Zitat

Original von Alfred_Schmidt
Ich stelle mir überhaupt die Frage welche Eigenschaften zum Genuss solch einer Kantate nötig sind, kann jemand der Agnostiker ist von der textlichen Seiter her überhaupt Zugang zu solch einem Werk finden ?


Das ist zwar einerseits keine uninteressante Frage, andererseits wundert mich, dass gerade Du sie aufwirfst, Alfred! Du hast doch auch sonst keine Probleme damit, Musik einfach nur als "schön", ohne Bohren nach tieferer Bedeutung wahrzunehmen, oder sehe ich das falsch?
Das geht mit Bach ganz genauso wie anderswo und obwohl es natürlich ebenso wie bei anderer Musik meistens eine gewisse Verkürzung ist,kann man sich durchaus mal auf diesen Aspekt beschränken, man kann nicht immer alles berücksichtigen. Das klappt bei Bach vielleicht sogar besser als bei anderen Komponisten, weil immer viel musikalische Substanz und Komplexität da ist.
Ich finde solche Choralsätze wie den Eingangssatz, rein musikalisch, faszinierend. Spannender als viele Fugen u.ä., weil in gewisser Weise frei und flexibel, aber dennoch gebunden durch den Cantus firmus, die Choralmelodie. Ich habe keine Schwierigkeiten, etwa die Steigerung bei "Steh, auf, steh auf,...." erstmal unabhängig vom Text als musikalische Verdichtung/Steigerung zu hören.
(in der Tat habe ich bei etlichen dieser choralbasierten Kantaten eher Schwierigkeiten, für den Rest noch Interesse aufzubieten, weil der erste Satz mit großem Abstand der längste und komplexests ist, das andere klappert irgendwie nach ;))

Und die mittlere Strophe (Zion hört die Wächter singen bzw. die Orgelversion als Schüblerscher Choral) mit der tänzerischen Melodie hat Ohrwurmqualitäten und fehlt auf keiner Bearbeitungsplatte von Loussier über W. Carlos zum Modern Jazz Quartet... meinem Eindruck nach zusammen mit "Air", Toccata&Fuge d-moll und "Jesu bleibet meien Freude" das populärste Stück von Bach :yes:

viele Grüße

JR
Struck by the sounds before the sun,
I knew the night had gone.
The morning breeze like a bugle blew
Against the drums of dawn.
(Bob Dylan)

Glockenton

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  • »Glockenton« ist männlich

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32

Dienstag, 28. November 2006, 18:42

Satz 6 Aria Duetto „ Mein Freund ist mein, und ich bin sein“

In diesem Beitrag möchte ich schwerpunktmäßig einen Analyseversuch des Oboenthemas unternehmen.

Das Oboenthema enthält viele Elemente, durch die es als wirkliche Predigt in Tönen, als musikalische Rhetorik bezeichnet werden kann.

Zur möglichen Bedeutung der Figuren
In Takt 1 hören wir die bekannten wiegenden „Brautfiguren“ ( Achtelpaare in artikulatorischen 2-er-Bindungen) in Takt 2 die instrumental nachgezeichnete Reaktion des Bräutigams ( in Sechzehnteln)
Ab Takt 3 verschmelzen diese Figuren miteinander.
Man schaue sich nur die Sopran und die Bassstimme der Takte 9-12 (mit Auftakt) an: Eigentlich ist es nicht schwer, solche Deutungen herzuleiten und auf das instrumentale Ritornell der Oboe zu übertragen. Bei Bach sind ja Instrumental- und Vokalmusik unglaublich eng miteinander verwoben.
Die in den Takten 1 bis 4 vorgetragenen Behauptungen werden nun mit aufzählenden Argumenten begründet, und zwar ab Takt 5 mit auftaktigen Sechzehntelfiguren.
Eigentlich bestehen die Argumente aus Diminutionen der schon bekannten Motive, aber es ist noch viel mehr enthalten.




Zur Interpunktion
Vielleicht weil die Zweisamkeit das Thema dieser Arie darstellt, ist Argument 1 auch zweigeteilt, und zwar von den letzten beiden Noten Takt 4 bis zur fünften Noten Takt5 und von der sechsten Note Takt 5 bis zur dreizehnten Note Takt 5.
Argument 2 ist genauso aufgebaut und beginnt mit den letzten drei Sechzehnteln von Takt 5.
Wo sitzen nun die Einschnitte, die Kommata, der Punkt oder vielleicht auch ein Semikolon?
Meiner Ansicht nach:
Takt 2 vor dem letzten Achtel (D2) ein Komma
Takt 4 vor den beiden letzten Sechzehnteln ein Semikolon oder auch ein Komma ( hier beginnen die Argumente für die vorher aufgestellten Behauptungen)
Takt 5 vor den letzten drei Sechzehnteln ein Komma ( Beginn von Argument 2)
Analog Takt 6 vor den letzten drei Sechzehnteln ein Komma ( Beginn von Argument 3)
Takt 7 nach dem fünften Sechzehntel bereits ein Komma ( Beginn von Argument 4, Argument 3 ist also kürzer)
Argument 4 ist gleichzeitig ein Fazit und endet wie jeder Satz beim Reden oder Schreiben mit einem Punkt auf der Viertelpause.

Ich muss hierzu einschränken, dass es man auch so sehen kann, dass es nur ein Komma gibt, nämlich da, wo ich das Semikolon eingezeichnet habe. Die anderen Kommata wären dann kleinere Einschnitte ( ich müsste `mal wieder etwas Mattheson lesen...)
Im Endeffekt ist es aber relativ egal, solange man als Musiker diese Unterteilungen beachtet und als Hörer wahrnehmen kann. Wenn man darüber hinwegspielt, dann ist das für mich eine Sinnentstellung.

Zur Artikulation und Detaildynamik
An den Sechzehnteln der Oboe von Takt 5 –8 sieht man sehr schön, dass es ein riesengroßes Missverständnis wäre, diese Noten als Sechzehntelketten unartikuliert wie eine Maschine herunterzurattern. Die Frage ist nun, wie artikuliert werden soll?
Welche Noten spielt man Non-Legato, wo setzt man Bindebögen, wann kommen wie viele Noten unter einen Bogen?
Spätestens an dieser Stelle setzt das Thema HIP ein, eigentlich schon vorher.
Es muss einfach eine Ergänzung nach den Regeln der Barockzeit erfolgen, die Bach als selbstverständlich vorausgesetzt hat.
Die Bogensetzung hat ja auch bedeutsame kleindynamische Konsequenzen, weshalb sie für den Bachinterpreten von großer Bedeutung sein muss, denn die erste Note eines Bogens ist grundsätzlich dynamisch die stärkste und artikulatorisch die breiteste, während die letzte Note die schwächste und kürzeste darstellt.

Aus meiner Sicht sollte es so aussehen, wie ich es mit der Hand eingezeichnet habe:

Zusätzlich von Bach eingezeichnet sind:
Takt 7
Noten 13-16 unter einem Bogen
Takt 8
Noten 1-4 unter einem Bogen
Noten 5-8 unter einem Bogen

Sollte sich hier jemand wirklich die Mühe gemacht haben, das oben Genannte irgendwie nachzuvollziehen, dann wird er durch das Betrachten des Notenbildes schon entscheidend mehr verstehen, als es durch das bloße Lesen dieses Textes möglich wäre.
Das mitlesende Hören einer guten Aufführung wäre in diesem Zusammenhang noch aufschlussreicher.
Die Viererbindung ist übrigens weniger üblich als die Dreier- oder Zweierbindung, weshalb sie Bach extra eingezeichnete, um Missverständnisse zu vermeiden.
Von den eingezeichneten Viererbindungen nun darauf zu schließen, dass Bach diese Artikulation für das ganze Oboenvorspiel so gewollt hätte, wäre nach meiner Überzeugung ein krasser Fehlschluss.
Zum Grundaffekt
Für mich ist es der Reigentanz sich gegenseitig umarmender Liebenden.
Reigentanz bedeutet nicht Modern-Swing, Motorik, Disco-Drive oder Ähnliches, worauf ich noch später eingehen werde...
Der Grundaffekt hat große Auswirkungen auf die Ausführung der Artikulation, auf die Tempowahl, etc...

Im nächsten Beitrag möchte ich noch auf einige CD-Einspielungen eingehen.



Gruss :hello:
Glockenton
"Jede Note muss wissen woher sie kommt und wohin sie geht" ( Nikolaus Harnoncourt)

Glockenton

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  • »Glockenton« ist männlich

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33

Dienstag, 28. November 2006, 18:53

Nun noch zu einigen CD-Einspielungen dieser Arie

Vieles, was sich in geschriebenen Worten vielleicht kompliziert anhören mag, wird zur schönen Selbstverständlichkeit, wenn es einem in einer guten Interpretation live oder auf CD demonstriert wird.
Man höre sich nur den fabelhaft vorgetragenen Oboenpart Jürg Schaeftleins auf Harnoncourts Aufnahme an, um dies nachvollziehen zu können.
Bei dieser Aufnahme gibt es allerdings noch viel mehr zu hören, als nur die historisch einwandfreie Umsetzung von Artikulation und Dynamik.
Schaeftlein gelingt es hier ausgezeichnet, trotz der kleinteiligen Artikulation die große, verbindende Linie zu verdeutlichen, was ich für diese Arie aus Gründen des durchaus zärtlichen Affekts ( ein Sich-Austrecken, mit geöffneten Armen) für wichtig halte.

Die Bögen werden hier nicht kurz abgezogen, sondern es werden nur kleine „Löcher“ gemacht – es klingt nach vorne gestreckt, was m.E. dem o.g. Affekt entspricht.
Die gegenseitige Verbundenheit und die Spannung, die zwischen der Braut und dem Bräutigam liegt, wird hierdurch verdeutlicht.
Auch das Continuo passt sich diesem affekt- und figurenbezogenen Konzept an.
Der Cellist Harnoncourt artikuliert die hier Achtel gewohnt abwechslungsreich.
Für stilsichere Spontanität sollte bei solchen Continuobässen Raum sein.
So könnte man hier z.B. von einem grundsätzlichen weichen Portato bei den Achteln ausgehen und immer wieder durch Artikulation bekannte Figuren herausmodellieren.
Beispiele: Takt 2 die ersten drei Achtel und einem gedachten Bogen ( muss streichertechnisch nicht unbedingt unter einem Bogenstrich sein) mit hinführendem weichen Achtelauftakt (letzte Achtelnote Takt 1)
In Takt 3 und 4 kommen zwei Figuren hintereinander, die jeweils aus vier Achtelnoten bestehen. Aufgrund der Intervalle sehe ich hier die Möglichkeit, die jeweils erste Note abzusetzen und die darauffolgenden drei Noten unter einem Bogen zu nehmen.

Abschließend noch einige generelle Bemerkungen zu dieser und auch zu anderen mir bekannten Einspielungen.
Aufgrund der hervorragenden Instrumentalanteile ziehe ich Harnoncourts Einspielung letztendlich vor. Es gibt aber auch hier nicht nur Licht, sondern auch ein bisschen Schatten.
Sollte nämlich jemand nach genauem Hinhören zu anderen Schlüssen als ich kommen, dann kann ich es vor allem dann verstehen, wenn er sich auf die sängerischen Leistungen bezieht.
Hier gibt es ein Ungleichgewicht des metallisch und kräftig singenden Hampson zum Knabensopran Alan Bergius, der sich vor allem in der Tiefe dagegen nicht durchsetzen kann. Er wird hier teilweise an die Wand gesungen – schade.
Man sollte nun nicht den Fehler machen und dem Buben eine schwache Leistung attestieren. Für einen verhältnismäßig kleinen Jungen sind seine Leistungen rein musikalisch und von der Intonation her einfach beeindruckend.
Das Problem liegt für mich aber hier in der Kombination mit Hampson, dessen metallisches Timbre mich hier weniger überzeugen kann. Schließlich handelt es sich um ein eher zart beschwingtes Liebesduett.

Nun habe ich mir im Vergleich hierzu die Aufnahmen Richters und Gardiners angehört.

Bei Richters Aufnahme war ich positiv überrascht: Nach dem massigen Eingangschor hatte ich eine ähnliche Tendenz für diese Arie erwartet, was zum Glück nicht der Fall ist.
In das Tempo kann ich mit gut einleben und auch der angenehm musikalisch spielende Oboist macht seine Sache ziemlich gut, auch wenn er nicht all die von mir oben genannten Dinge beachtet ( er setzt z.B. in Takt 4 das vorletzte Achtel F nicht vom darauffolgenden G ab und eliminiert auf diese Weise den mir wichtigen Einschnitt).
Bei den Sechzehntel-„Begründungen“ gefällt mir die agogische Verbreiterung auf der ersten Note von Takt 6 – so etwas kann man machen, und ich finde es hier schön.
Wahrscheinlich waren solche Dinge das Äußerste an "HIP", was unter Richters Leitung ohne Einschreiten des Dirigenten möglich war – jedenfalls stelle ich es mir so vor ( kenne mich in den Münchner Interna nicht aus)

Das Continuo erkenne ich vom ersten Ton an als typisch Richter: Eine meiner Auffassung nach in zu hoher Lage und zu verspielt improvisierende Orgel und -für mich leider- ein durchgehendes Staccato in den Bässen.
Früher mochte ich gerade diese Art der Bachschen Bässe, und sie klingen aufgrund ihrer kompositorischen Qualität auch so noch schön.
Nachdem ich jedoch Harnoncourts Aufnahmen kennerlernte, wurde mir klar, dass es noch viel interessanter, ausdrucksvoller und schöner geht.
Nun aber zu den Sängern bei Richter II:
Der Schelte von Edith Mathis kann ich mich nicht völlig anschließen. Das liegt wohl zunächst daran, dass ich ein bekennender Mathis-Fan bin und sowohl ihre Stimme als auch ihre Musikalität grundsätzlich sehr mag. Positiv finde ich an ihrem Gesang, dass sie eine starke musikantische und angenehme Persönlichkeit in die Musik einbringt, und zwar in einem Masse, wie ich es heute nicht jeden Tag erlebe.
Natürlich sind bei Ihren Bachinterpretationen nicht so viele Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis zu hören, wie etwa bei heutigen, auf alte Musik spezialisierten Sopranistinnen.
Ich gebe zu, dass sie die langen Töne mit zu dramatischem Vibrato angeht und auf diesen kein glockentonartiges Decrescendo macht, was schlanker und durchhörbarer geklungen hätte.
Ob sie hier eine „schrille Braut“ ist ....so weit würde ich in meiner Kritik nicht gehen.
Fischer-Dieskau hat für diese Arie nach meinem Dafürhalten ein genau passendes Timbre und macht seine Sache hier außerordentlich gut, besonders Takt 62: „...da Freude die Fülle“
Hier hört man auch, dass er ein deutschsprachiger Sänger ist, der mit Hilfe der Aussprache Expressivität vermitteln kann.


Zu Gardiners Aufnahme kann ich bei dieser Arie leider :no:nur den Kopf schütteln:
Hohes und hochvirtuoses Können der durchaus tollen Solisten (auch des Oboisten) aber: Wegen des hastigen Tempos, das dem Atmen der Musik für mich klar im Wege steht, gerät die ganze Arie in die gefährliche Nähe der Bedeutungslosigkeit. Um meinen Eindruck treffend zu beschreiben, müsste ich Begriffe aus dem Jazz oder Pop bemühen: Das Continuo spielt hier einen vorantreibenden Achtel-Groove , einen Drive, der auch an Walkingbässe aus dem Swing ( wenn nicht schon bald aus dem Bebop) erinnert.
Man könnte ironisch fragen, warum nicht ein dezentes Drum-Set ( mit Besen) untergelegt wurde...
Darüber mühen sich die Sänger und der Oboist redlich, ihre Ausdrucksparameter noch unterzubringen. Etwas Großartiges konnte bei diesem „swingig-sportlichen Ansatz“ aber leider nicht entstehen – so mein Eindruck.
Die artikulatorischen Ergänzungen der Sechzehntel ab Takt 5 vermisse ich hier auch (bis auf die Sechzehntelnoten 9-12 in paarweisen 2-er Bindungen)
Obschon ich HIP-Anhänger bin, höre ich bei dieser Arie tatsächlich lieber Richter II, selbst wenn ich wie meine Vorredner finde, das Mathis hier mit zuviel Vibrato singt.

Zitat

Original von Christian B.
Koopmans zumeist motorischer Ansatz geht hier völlig an der Musik vorbei.

Genau diesen Satz würde ich in diesem Fall auf diese Arie in Gardiners Interpretation von 1990 anwenden wollen und dabei ergänzen: So schnell geht es leider am Affekt vorbei.

Gruss :hello:
Glockenton
"Jede Note muss wissen woher sie kommt und wohin sie geht" ( Nikolaus Harnoncourt)

alfons

Schüler

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34

Dienstag, 28. November 2006, 21:07

Zitat

Original von wolfgadamo
(...)
Bilder, die so leicht auch vom musikalisch Ungebildeten und Agnostikern entdeckt werden können.
(...)


:hahahaha: :hahahaha: :hahahaha:

Jetzt wäre ich doch wirklich vor Lachen fast vom Stuhl gerutscht. Ich schmeiß mich weg!

Nichts für ungut wolfgadamo, aber --- nee, wirklich --- :hahahaha:

wolfgadamo

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  • »wolfgadamo« ist männlich

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35

Dienstag, 28. November 2006, 21:33

Also alfons-,

das war wohl zu naiv-, oder warum willst du dich wegschmeißen?
Magnificat anima mea

36

Dienstag, 28. November 2006, 21:50

Hallo Glockenton,

Schaeftlein artikuliert zwar gut, aber er klingt leider - auch für Barockoboenverhältnisse - scheußlich. So wie eine Sopranistin mit einer ausgeleierten Plärrstimme - und das macht für mich leider alles kaputt.

Bei Manfred Clement, dem Oboisten der Richter-Aufnahme, verhält es sich gerade ungekehrt. Der Klang ist voll, warm und an sich schon von großem Ausdrucksreichtum. Die Artikulation bzw. Phrasierung hingegen wirkt nicht sonderlich differenziert und lebendig. Damit kann ich persönlich aber besser leben als mit der "hässlichen Stimme" Schaeftleins...

Das nur zur Oboe (die natürlich nicht der einzige Aspekt bei der Beurteilung der jeweiligen Interpretation sein kann).

In knapp 2 Wochen habe ich übrigens selber das Vergnügen mit BWV 140. Die Freude ist jetzt schon groß, aber auch das Muffensausen!

Viele Grüße

Bernd

Glockenton

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37

Mittwoch, 29. November 2006, 00:51

Hallo Bernd Schulz,

Zitat

Schaeftlein artikuliert zwar gut, aber er klingt leider - auch für Barockoboenverhältnisse - scheußlich. So wie eine Sopranistin mit einer ausgeleierten Plärrstimme - und das macht für mich leider alles kaputt.


müsste ich jetzt als Schaeftlein-Fan ärgerlich reagieren?
NEIN, überhaupt nicht, denn ich glaube Dir 100%ig, dass Du es so hörst, selbst wenn Du "auch für Barockoboenverhältnisse" eingeschoben hast.
Da Du ja jeden Tag auf einer modernen Oboe spielst ( um nicht zu sagen: Du mit so einem Instrument verheiratet bist) und Dich und Deine Musik darauf ausdrückst, musst Du Deine Klangästhetik einfach auf Dein Instrument eingestellt haben.
Ich weiss auch, dass es auch bei der Barockoboen und deren Spielern grosse Klangunterschiede gibt: Bei Herreweghe klingen sie weicher, beim Leonhardt-Consort....jetzt fehlt mir am späten Abend das Wort...kerniger (?)....nach Leonhardt-Oboen?
Auf jeden Fall machen sie dort viel mit Vibrato am Ende des Tones etc..

Schaeftlein hat ja auch moderne Wiener-Oboe gespielt und war einer der wenigen, die auf beiden Instrumenten richtig zu Hause waren.
Diesen "modernen" Wiener Klang magst Du ja auch nicht so sehr, gell? ;)
Von daher ist es wohl nicht ganz überraschend, dass Schaeftlein klanglich bei Dir nicht so gute Karten haben kann.
Für mich als Pianisten kann ich vielen Klangphilosophien etwas abgewinnen, bin also klangästhetisch etwas weniger fixiert, wahrscheinlich auch weniger sensibilisiert.
In meinen Ohren klingt Schaeftleins Barockoboe bisher wunderbar, nicht nur vom Spiel, sondern auch vom Klang her. Ich kann aber auch dem dunkleren und vielleicht weicheren Klang des Herreweghe-Oboisten viel abgewinnen.
(Nur der hat BWV 140 noch nicht aufgenommen)

Manfred Clements Oboenspiel habe ich ja insgesamt positiv bewertet ( für mich durchaus überraschend)
Unter den Prämissen des modernen Instrumentariums finde ich seinen Beitrag musikalisch erstaunlich gut und klanglich wirklich hervorragend.

Für Deinen konzertanten Auftritt wünsche ich Dir alles Gute! :)
Du kannst ja etwas über Deine Erlebnisse mit BWV 140 berichten, wenn Du möchtest.

Gruss :hello:
Bernd
"Jede Note muss wissen woher sie kommt und wohin sie geht" ( Nikolaus Harnoncourt)

Glockenton

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38

Mittwoch, 29. November 2006, 11:05

Ich schließe mit :

Satz 7 Choral: „Gloria sei dir gesungen“

Mit einem prachtvollen Choralsatz schließt diese großangelegte Kantate ab.
Textlich ist das Werk bei der Perspektive der himmlischen Herrlichkeit vor Gottes Thron angekommen und bezieht sich unter anderem auf die bekannte Textstelle aus 1.Korinther 2.9:

„Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben“

Harmonisch gesehen beginnt Bach nicht zufällig mit den ersten drei Akkorden im reinen Es-Dur Dreiklang in allen Umkehrungen (Sextakkord, Quartsextakkord und Grundstellung, siehe Takt 1-2)
Der Dur-Dreiklang auf der Tonika galt in jener Zeit noch als Symbol für eine sinnvolle Ordnung, als „trias harmonica perfecta“, wohl auch als Symbol für die heilige Dreieinigkeit.
Auf den drei Silben Glo –ri- a wird also entlang der vom Grundton, über Terz zur Quinte aufsteigenden Choralmelodie durch die dreimalige reine Es-Dur-Dreiklangsharmonik die Trinität dreimal angerufen – möglicherweise, festlegen möchte ich mich hier lieber nicht.
Es kann ebenso Zufall aber auch Absicht sein, dass der Bass von Takt 1 bis 5 aus 12 Tönen besteht ( wenn man das nur übergebundene Es auf der Eins von Takt 2 nicht mitzählt)
Zum Text „Von zwölf Perlen sind die Pforten“ würde es jedenfalls passen.

In diesem Choralsatz scheint mir die bewegte Bassstimme meistens expressiver als die anderen Stimmen komponiert zu sein, z.B. der nach oben gehende Oktavsprung in Takt 8 „und englischen Zungen“. Dadurch wird im Bass sozusagen in Richtung der Engel gezeigt, also nach oben. Das weite Intervall drückt aber auch den Affekt der Freude aus:

„Da...die Freude durch Ausbreitung unserer Lebensgeister empfunden wird, so folget vernünfftiger und natürlicher Weise, dass ich diesen Affect am besten durch weite und erweiterte Intervalle ausdrücken könne“ schrieb Johann Mattheson in seinem Standardwerk „Der vollkommene Capellmeister“ von 1739.

In Takt 18 ( „Kein Aug`hat je gespürt“) bekommt die Harmonik für mich durch die Terzparallen im Sopran und Alt, sowie die vom Bass ausgehenden Intervalle einen ergriffen-schwärmenden Charakter. Über dem f auf dem zweiten Viertel bauen sich die Intervalle Quinte, None und Undecime ( 5, 9, 11) zu einem ausdrucksvoll mehrstimmigen „Doppel-Vorhalt“ auf, der sich im nächsten Viertel nach B7 über F im Bass „auflöst“ . „Auflöst“ deshalb in Anführungszeichen, weil der Septakkord selbst auch noch nach Es-Dur mit Terz im Bass im darauffolgenden Takt aufgelöst wird.
Bei „Dess sind wir froh“ springt der Bass nach „solcher Freude“ im Tritonus (!) nach unten.
Auf „sind“ sehen wir den Vorhalt A-halbvermindert sich nach F7 über der Bassterz auflösen, danach geht es über G-Dur mit Bassterz leittönig zurück zur parallelen Molltonart c-moll.
Dieser Takt wirkt auf jeden Fall recht spannungsreich und nach vorne weisend; nach der vorhergehenden Beschreibung der himmlischen Harmonie vielleicht sogar wie eine kalte Dusche, wenigstens am Anfang.
Deswegen wirkt auf mich das anschließende, durch Viertelnoten freudig bewegte „Io, Io! Ewig in dulci jubilo!“ umso stärker
( die im vorletzten Takt "zu Herzen gehenden" Sextparallelen Sopran/Tenor führen auf den in diesem Zusammenhang warm-ausdrucksvolle Dominantseptakkord B7 und anschließend im letzten Takt auf die Tonika Es-Dur, den ruhigen Hafen der vollkommen Harmonie)

Nicht nur die vorhergehenden Kantatensätze, sondern auch dieser Choral ist in meinem Augen ein echtes, bedeutsames Meisterwerk und erlangt im Zusammenhang eine starke Wirkung.

Kann man aus solchen Betrachtungen Schlußfolgerungen für die eigene Interpretation ziehen?
Ich meine schon, allerdings bei Chorälen in Maßen.
Grundsätzlich bin ich nämlich der Auffassung, dass man als Interpret nicht der Versuchung erliegen sollte, die Choräle ihrer Schlichtheit durch zuviel -hier aufgesetztes- Interpretieren zu berauben.
Trotz einer gewissen Textbezogenheit sollte es bei einem Choral meiner Ansicht nach immer noch fließend und natürlich klingen.
Schlusschoräle gut und überzeugend zu interpretieren ist nicht so leicht, wie man es möglicherweise vorschnell annehmen kann.

Harnoncourt lässt den Choral unmittelbar nach dem Duett attaca und engagiert im kräftigen Forte einsetzen.
Mit der Interpretation kann ich durchaus zufrieden sein.
Prachtvoll und strahlend sollte es bei diesem Text unbedingt klingen.
Auch mit dem Chorklang der Tölzer kann ich hier noch leben. Einzig die Bässe wirken auf mich etwas herausstechend angestrengt.
Kultivierter wäre es wohl mit dem Arnold Schönberg Chor geworden.

Ich kann mir vorstellen, dass sich dieser Choral von der Klangkultur her besonders schön in Koopmans Aufnahme anhört, die ich nicht vollständig kenne.
Wer diese Einspielung hat, mag darüber berichten.


Gruss :hello:
Glockenton
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AndreasH

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39

Mittwoch, 29. November 2006, 19:33

Hallo zusammen,

nachdem sich dieser Thread ja prächtig entwickelt hat und viele wirkliche "Bach-Päpste" ihren Beitrag veröffentlicht haben, möchte ich nach langer Überlegung auch noch etwas beitragen:

Ich besitze von dieser Kantate nur zweieinhalb Aufnahmen. Zweieinhalb ? ja zweineinhalb.

Zum einen wäre da die Aufnahme mit Helmuth Rilling, der Gächinger Kantorei Stuttgart und dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn.

Zum anderen die Aufnahme mit Gardiner, dem Monteverdi Choir und den English Baroque Soloists.

Über beide Aufnahme wurde bereits ausführlich referiert. Ich persönlich bevorzuge eher Aufnahmen mit herkömmlichem Instrumentarium, aus diesem Grund liegt Rilling bei mir ebenfalls vorne.

Was ist nun die halbe Aufnahme ? Eigentlich sind es nur zwei Chöre, nämlich der Eingangschor "Wachet auf ruft uns die Stimme" und die Nr. 4 "Zion hört die Wächter singen" mit dem Mormon Tabernacle Choir, dem Philadephia Orchestra unter der Leitung von Eugene Ormandy.

Der Chor singt englisch ("sleepers awake") und dürfte nach meiner Schätzung in der XXL-Besetzung angetreten sein. Auch mit dem Orchester in voller Besetzung mit Blech und Pauken ließe sich sicherlich eine romantische Sinfonie aufführen.

Und so klingt das ganze auch: romantisch und voluminös. Der Eingangschor dauert bei Ormandy rund 7 Minuten (zum Vergleich: Rilling ist eine Minute schneller). Was mir an dieser Aufnahme gefällt ist der Schluß von "Zion hört die Wächter singen". Hier spielt das ganze Orchester in vollem Sound nochmals die Melodie und endet sozusagen in voller Pracht.

Seit längerem habe ich diese CD nicht mehr gehört und sie anläßlich dieses postings wieder aus dem Schrank geholt und muss sagen, dass ich durchaus angetan war. Wobei sie natürlich keine enstzunehmende Alternative sein kann, bestenfalls ein Ausflug in für Bachsche Musik ungewohnte Gefilde.

ciao

Andreas
Johann Sebastian Bach ist Anfang und Ende aller Musik (Max Reger)

wolfgadamo

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40

Donnerstag, 30. November 2006, 09:20

Hallo zusammen!

Der Bräutigam ist gekommen, das Hochzeitsmahl gerüstet, die Sicherheit des Himmelreichs gegeben. Glockentom hat wunderbar von der trias harmonica perfekta ausgehend den Choral als Hymnus der Freude analysiert.Vielen Dank dafür. Alle Erregung in den Rezitativen und der (Liebes-) Schmerz der Arien sind überwunden.

Christoph Wolff vergleicht in seiner Bach-Biographie auf den Seiten 6ff das Suchen Isaac Newton's nach naturwissenschaftlicher Wahrheit mit dem Streben nach Vollendung in Bachs Musik. In BWV 140 konnte man Bach's Weg zu dieser 'künstlerischen Wahrheit' gut verfolgen.

Nun komm-, der Heiden Heiland. Ich erwarte gern das neue Kirchenjahr mit seiner 1.Kantate.

Gruß

Wolfgang

Jetzt erwarte ich die
Magnificat anima mea

reklov29

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Samstag, 2. Dezember 2006, 21:17

BWV 140 "Wachet auf, ruft uns die Stimme"

Hallo,
Zitat von J.R.:
Gardiner
Ärgerlich ist mir auch in dieser Einspielung nur die entsetzliche Hast. Eine Bachkantate ist doch kein Minutenwalzer! Die Sätze rauschen bei ihm nur so vorbei...
-------------------------------
Hier möchte ich Dir aufgrund seiner neu gegebenen Konzerte nach der Pilgrimage 2000 widersprechen.
Ein in die Jahre und seiner Interpretationsform gekommener Gardiner hat seit dem Jahr 2000 an Profil gewonnen, wie sinniger und getragenerr erklingen jetzt seine Bachinterpretationen (Choräle). Den Zugang zu Bach hat er wohl aufgrund seiner Jahres-Pilgerreise 2000 erhalten.

Als eine ebenfalls hörbare Alternative aus dem "Altertum der normalen Aufführungspraxis" des BWV 140 ist die Aufnahme aus dem Jahr 1984 von
Karl Münchinger mit den Hymnus Chorknaben und Stuttgarter Kammerorchester.


Die Instrumentalisten können überzeugen, aber weniger die Gesangssolisten, schrecklich Gabriele Fontana, Sopran und Gösta Windbergh als Tenor, einfache Dutzendware, leider!!

Grüsse
Volker.
Bach ist so vielfältig, sein Schatten ist ziemlich lang. Er inspirierte Musiker von Mozart bis Strawinsky. Er ist universal ,ich glaube Bach ist der Komponist der Zukunft.
Zitat: J.E.G.

Glockenton

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42

Samstag, 2. Dezember 2006, 21:30

RE: BWV 140 "Wachet auf, ruft uns die Stimme"

Hallo reklov29,

Zitat

Den Zugang zu Bach hat er wohl aufgrund seiner Jahres-Pilgerreise 2000 erhalten.


sicherlich eine erfreuliche Entwicklung !

Gruss ins vorweihnachtliche und wohl zu warme Spenge :hello:
Glockenton
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ThomasNorderstedt

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Samstag, 2. Dezember 2006, 22:13

Liebe Bach-Freunde,

gestern endlich sind meine CDs mit Rifkin und Scherchen angekommen, gerade noch rechtzeitig, bevor ich fahrplanmäßig auf neue Kantaten umsteigen muss :D. Mein Eindruck nach jeweils zweimaligem Hören lautet:

Der Klang der Aufnahme von Scherchen aus 1950/51 ist für das Alter recht gut. Nur der Chor scheint mir nicht angemessen eingefangen. Leider ist der erste Eindruck daher negativ. Der Chor, der ohnehin nach alter Sitte recht breit singt, wirkt auf mich zäh und breiig. Der zweite Satz aber enthält bereits die Wende zum Guten. Aufgrund der fokussierten, stark durchdringenden Stimme des Tenors (Waldemar Kmentt) enthält er eine Dringlichkeit, die aufs Beste zur Bedeutung des Textes passt. Sehr gespannt war ich auf den dritten Satz, da ich eben wegen des Duetts nach Empfehlung aus dem Forum (s.o.) die CD bestellt hatte. Ich mache es kurz: Der Kauf hat sich gelohnt. Zwar stellte ich zunächst etwas enttäuscht fest, dass die Stimme der Sopranistin Magda Laszlo nicht wirklich schön, in den Höhen beinahe grell klingt, doch war das sehr schnell vergessen, da es sängerisch nichts auszusetzen gab – im Gegenteil! – und die Stimme der Sopranistin mit der des Basses Alfred Poell derart hervorragend zusammen passte, dass auch ich sagen möchte: Ein herausragendes Duett! (zumal auch die Violino piccolo sehr gut gespielt ist). Mit dem Chor kehrt im vierten Satz die Enttäuschung zurück. Derart verhalten und zurückhaltend darf man die Zeile „Das Herz tut ihr vor Freuden springen“ nicht singen. Für das „Gloria sei dir gesungen“ des sechsten Satzes gilt dasselbe.

Direkt im Anschluss hörte ich die Aufnahme Rifkins. „Fabelhaft!“, wollte ich bereits nach kurzer Zeit rufen. Ich hatte, das sollte ich erklärend sagen, noch keine Aufnahme gehört, in dem die Solisten den Chor darstellen. Umso begeisterter war ich! Die Durchhörbarkeit des Klangbildes (natürlich insbesondere im Vergleich zu Scherchen bevorteilt durch die bessere Aufnahmetechnik), die Agilität, Beweglichkeit, Leichtigkeit der Stimmen überzeugte mich sofort. Was für eine Freude, den Koloraturen des Countertenors zuzuhören! Wie erstaunlich zu hören, was alles im Chor passiert, was alles bei den anderen Aufnahmen untergeht. Im Vergleich zu der Lebendigkeit und Frische der Rifkin-Aufnahme wirkte die Scherchen-Aufnahme schwerfällig wie ein Tanker. Ich gewann überdies den Eindruck, dass die Rifkin-Solisten mit Enthusiasmus bei der Sache sind, während der Chor bei Scherchen nur ein altes Kirchenlied, nun ja, runterleiert. Besonders klangschön, mit erlesener, klarer Höre singt der Tenor Jeffrey Thomas den zweiten Satz, leider mit den oben bereits erwähnten sprachlichen Unebenheiten. Die Stimme der Sopranistin Julianne Baird wirkt etwas hauchig, leicht heiser. Das Duett mit dem Bassisten Opalach wird sehr schön gesungen, wenngleich es die Qualität des Duettes bei Scherchen, den dort erreichten Zauber der Verschmelzung nicht erreicht. Am Ende der Kantate, beim Hören des Schluss-Chorals stelle ich nochmals erstaunt fest: In dieser Aufnahme gefällt mir der Chor am besten.

Mein persönliches Fazit lautet: Ich bin froh, inklusive der Leusink-Aufnahme drei sich so klar unterscheidende Aufnahmen zu haben und möchte keine missen. Müsste ich mich aber entscheiden, würde ich die Rifkin-Aufnahme nehmen.

Thomas

reklov29

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44

Sonntag, 3. Dezember 2006, 20:29

RE: BWV 140 "Wachet auf, ruft uns die Stimme"

Hallo Glockenton,
Zitat:
Gruss ins vorweihnachtliche und wohl zu warme Spenge
-----------------------
Heute 13 ' Zypernklima.

Heute habe ich mir noch einmal Harnoncourt angehört und konnte meine leichten Vorbehalte seiner barocken Aufführungsqualität gegenüber nicht widerlegen. Aber ich möchte seine CD als eine weitere Bachinterpretation nicht missen und werde sicherlich in Zukunft mit ihm nicht so hart ins Gericht gehen.
An jeder Veröffentlichung kann gemäkelt werden, selbst Gardiner hat Intonationsschwierigkeiten mit seinen barocken Instrumental-Solisten die ganz schön nervig sein können.

Freuen wir uns lieber an den guten und zahlreichen Bachinterpreten, die uns die Auswahl nicht gerade leicht machen, sondern uns nur beglücken können. :angel:


Grüße aus OWL und ebenfalls eine schöne Vorweihnachtszeit!

Volker
Bach ist so vielfältig, sein Schatten ist ziemlich lang. Er inspirierte Musiker von Mozart bis Strawinsky. Er ist universal ,ich glaube Bach ist der Komponist der Zukunft.
Zitat: J.E.G.

45

Mittwoch, 13. Dezember 2006, 08:51

Hallo,

nachdem ich jetzt selber bei einer Aufführung von BWV 140 beteiligt war (das Duett stellt sich konditionell und atemtechnisch schon als ziemliche Herausforderung dar), scheinen mir Tempo und Gestus des Eingangschors ein wesentlicher Knackpunkt zu sein.
Bei unserer Probe kam mir die Grundgeschwindigkeit recht sportlich, aber nicht unangenehm vor. Zu Hause habe habe ich dann bei Rilling und Richter mitgespielt. Rilling hat einen Affenzahn drauf, man muß sich wirklich ranhalten, um hinterherzukommen. Schön finde ich diese Hektik nicht (auch das Duett mit der sehr klangschön spielenden Oboe wird leider in Nürburgringmanier heruntergerammelt).
Bei dem von mir ansonsten sehr geschätzten Richter stößt man erwartungsgemäß auf das genaue Gegenteil, und auch hier bin ich nicht begeistert, da die Musik nie ins Schwingen kommt, sondern einen statischen und letztlich leider leblosen Eindruck macht. Es gibt keinen Puls.
An besten gefallen hat mir diesmal trotz der aller Leuchtkraft entbehrenden ollen Tröten die Leusink-Aufnahme. Das Tempo ist hier für meinen Geschmack sehr gut getroffen, es kommt zu einem schönen rhythmischen Fluß, ohne daß der Eindruck irgendeiner Hetze entsteht

Viele Grüße

Bernd.

Heliaster

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46

Samstag, 26. Juli 2008, 12:42

Auch ich muss mich FÜR die Leusink-Aufnahme aussprechen. Die angebrachte Kritik an der Gasamtaufnahme kann ich zwar in vielen Fällen Nachvollziehen, aber "Wachet auf, ruft uns die Stimme" gehört für mich nicht in den Kanon misslungener Kantaten.

Die hat mehrere Gründe:
Erstens der Eingangschor - Leusing versucht, wie schon erwähnt, das geheimnissvolle dieses Satzes zu betonen ("Mitternacht"), und ich finde, dies gelingt ihm relativ gut. Sogar der Chor, der wohl größte Schwachpunkt der Gesamtaufnahme, ist hier nicht nur ertäglich sondern nah an der Grenze zum schönen Klang. Besonders der Alt hält sich etwas zurück, was dem Chorklang sehr zugute kommt (ich meine, der Alt klingt wirklich hässlich, besonders wenn er zu laut wird :kotz: ). Auch der Soprandrängt sich nicht so in den Vordergrund
(sind es weniger?)

Das einzige, was noch immer noch sehr stört ist die Aussprache - Wackt arrrrrf

Ach die Duette gefallen mir sehr - Holton & Ramselaar singen sauber und gleichwertig, wobei Ihnen das zweite Duett besser gelingt ald das erste.

Auch den Choral finde ich nicht so schlecht wie einige andere hier. Natürlich, Nico von der Meels Stimme klingt im ersten Moment etwas ungewohnt und es mangelt ihr tatsächlich an Tiefe. Was mir an seiner Stimme jedoch gefällt ist das "jugendliche" - man muss bedenken, dass auch der/die Thomaner, der/die bei Bach dises Stück gesungen hat/haben, nicht sonderlich alt war/waren. Dass Leusink diesen Satz solistisch besetzt, kann auch klangliche Gründe gehabt haben - ganz ehrlich, den Tenor des Holland Boys Choir SOLO? 8o

Ein Schwachpunkt ist dann aber wieder der Schlusschoral - hier zeigt sich der Chor von seiner schlechtesten Seite. :kotz: Dabei haben sie doch im Eingangschor gezeigt, dass sie auch anders können - schade!
Irgendwo wurde der Chorklang als obszön bezeichnet. Klingt zwar böse, ist aber so - zumindest hier.
"Phantasie ist unser guter Genius oder unser Dämon."
- Immanuel Kant (1724-1804)

William B.A.

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47

Samstag, 21. Mai 2011, 02:40

Die Bachkantate (001) BWV 140: Wachet auf, ruft uns die Stimme

Durch Zufall bin ich in diesen Thread gelangt, da ich mich mit Bach ein bisschen schwer tue, obwohl ich alle seine Werke in meiner Sammlung habe. Meine Favoriten sind jedoch das "Wohltemperierte Klavier", letzendlich dank der überragenden Interpretation von Swjatoslaw Richter und die Kantate BWV 140: "Wachet auf, ruft uns die Stimme". Das Lied gleichnamigen Titels war schon im alten Gesangbuch "Laudate", vor dem zweiten Vatikanischen Konzil, in dem der Umbruch von der lateinischen Messe zur landessprachlichen Messe beschlossen wurde, eines meiner Lieblingslieder. Als ich dann später, schon lange Jahre Chormitglied, auf einen vorübergehenden Chorleiter traf, der diese Kantate mit uns einstudierte, war ich Feuer und Flamme. Insgesamt habe ich seitdem vier Bachklantaten mit einstudiert, unter anderen auch die BWV 147 "Herz und Mund und That und Leben", aber die Nummer 140 ist mir immer die Liebste gewesen, zumal ich das o.a. Lied schon als kleines Kind unvergesslich in mein Herz geschlossen habe.

Liebe Grüße

Willi :)
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).