Sie sind nicht angemeldet.


JPC Amazon

AMATEURVIDEO-FILMFORUM-WIEN

Ulli

Erleuchteter

  • »Ulli« ist männlich
  • »Ulli« wurde gesperrt
  • »Ulli« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 17 130

Registrierungsdatum: 16. Januar 2005

1

Mittwoch, 6. August 2008, 08:35

Warum ist Musik unantastbar?

Verehrte KlassikhörerInnen [und -Außen],

Zitat

Wobei noch die Frage ist, was zu dem "Unantastbaren" des Werkes gehört


Ja genau... dies soll kein weiterer "Staubi"-Thread werden, nein, mich beschäftigt folgende Frage, zu der Peter Brixius gestern noch, während ich bereits tief schlief, die oben zitierten Worte fand.

Warum bleibt die Musik in der Oper als einzige unangetastet?

Ich persönlich bin durchaus der Meinung, daß die Oper als Gesamtkunstwerk zu betrachten ist. Sie besteht aus drei - offenbar unterschiedlich gewichteten [?] - Teilen:

[list]Text/Libretto/Inhalt
Bühnenbild/Dekoration
Musik[/list]

Während man stets versucht hat, den Text sowie das zu Sehende dem jeweiligen Augenblick, also der jeweiligen Jetztzeit anzupassen, quasi zu "modernisieren", hat man von der Musik selbst diesbezüglich die Finger weggelassen.

Warum?

Ist die Musik heiliger als das Libretto? Umgekehrt: Ist die Achtung vor Libretti oder Regieanweisungen minder als vor der Musik? Wäre ein Libretto von Goethe oder Schiller ebenfalls dem jeweiligen Sprachgebrauch angepasst worden? Gut, ich verstehe, daß sich Sprache wandelt, wie sich auch die Mode [also der optische Geschmack] wandelt - aber Musikgeschmack tut es auch: Nicht umsonst wurden ja Libretti wie 'Orfeo' oder Geschichten und Ränke um diverse verlassene Damen der griechischen Antike hundertfach neu und anders komponiert - durch alle Zeitalter hindurch. Das macht ja auch Sinn: Jeder Epoche ihr 'Orfeo', jedem Tierchen sein Plaisierchen...

Wenn aber nun Text und Bühnenbild der 'Zauberflöte' modernisiert werden, die Musik aber als offenbar absolut außen vor bleibt, dann ist dies eine m. E. ziemlich unlogische Vogehensweise, nicht?

:baby:

Ulli
Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
(Vincenzo Geilomato Hundini)

  • »Johannes Roehl« ist männlich

Beiträge: 11 490

Registrierungsdatum: 12. August 2005

2

Mittwoch, 6. August 2008, 09:08

Ganz unantastbar ist sie nicht. Bei vielen Opern sind gewisse Kürzungen nach wie vor üblich (wie bei fast allen Klassikern des Sprechtheaters, die sonst allesamt zu lang wären). Gluck und Händel wurden im 20. Jhd. oft in massiven (um nicht zu sagen entstellenden) Bearbeitungen gegeben.
Außer Kürzungen und Übersetzungen sind ja bis heute Textänderungen eher in Ausnahmefällen üblich. (Ich habe vor Jahren mal ein Interview, ich glaube mit Leinsdorf, gehört, in dem der z.B. sagte, "weil ein Schwarzer häßlich ist" könne man heute unmöglich singen lassen, die Zeile müßte dann entsprechend geändert werden.)

Und in früheren Zeiten war natürlich gar nichts unantastbar. Eine Oper wurde beinahe selbstverständlich für neue Aufführungen überarbeitet/ergänzt/gekürzt usw. Mit etwas Glück war der Komponist selbst der Bearbeiter. In anderen Fällen nicht. Im 19. Jhd. ensteht dann langsam ein Bewußtsein für die Integrität eines Werkes. Berlioz orchestrierte ein Stück von Weber als obligatorische Balletteinlage für die französische Fassung des Freischütz. Viele Zeitgenossen hätten vermutlich stattdessen selbst was dazukomponiert. Irgendwo kann man nachlesen, wie Berlioz sich über noch zu seiner Zeit gängige Praxis aufregt; er erwähnt dabei eine völlig verstümmelte Neufassung der Zauberflöte ("Die Geheimnisse der Isis").

(Wir hatten ja schon mehrfach, daß auch Veränderungen in Orchesterwerken, üblicherweise "Verbesserungen" der Instrumentation, nach wie vor üblich sind, wenngleich die meistens recht diskret ausfallen und nur bei guter Kenntnis der Stücke überhaupt zu hören sind.)


:hello:

JR
Struck by the sounds before the sun,
I knew the night had gone.
The morning breeze like a bugle blew
Against the drums of dawn.
(Bob Dylan)

miguel54

Prägender Forenuser

  • »miguel54« ist männlich

Beiträge: 1 747

Registrierungsdatum: 12. September 2007

3

Mittwoch, 6. August 2008, 09:30

Da kann ich mich nur Johannes anschließen - von der Verwendung anderer Instrumente und Bestzungsgrößen als zur Entstehungszeit mal ganz abgesehen, wurde an Opern genauso herumgeschrieben und vor allem gekürzt wie an aller anderen Musik. Bis hin zu nicht immer ehrenwerten Tätigkeit der Herausgeber von Druckausgaben.

Ulli

Erleuchteter

  • »Ulli« ist männlich
  • »Ulli« wurde gesperrt
  • »Ulli« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 17 130

Registrierungsdatum: 16. Januar 2005

4

Mittwoch, 6. August 2008, 09:32

Gut,

bei der Musik könnte man natürlich mit dem Argument kommen, man benutzt neu gefertigte Insturmente nach dem neuesten Standard. Aber dadruch verändert sich die eigentliche Musik, die auf dem Papier steht, nicht wesentlich [über das 'wesentlich' kann man natürlich streiten...]. Wenn nun aber Texte nahezu bis zur Unkenntlichkeit 'eingedeutscht' werden [das passiert heute zwar weniger, ist aber vorgekommen] und Bühnenbilder/Deko der Jetztzeit angepasst werden, so ist diese Vorgehensweise die Musik betreffend nicht zufriedenstellend. Es müsste also anstelle einer 'Zauberflöte' ein 'Zaubersaxophon' und anstelle des 'Glöckchenspiels' ein 'Zauberkeybord' oder...oder...oder gespielt werden. Aber auch das wäre letztlich nur eine Uminstrumentierung - der Kern der Musik bliebe gleich... Melodie und Harmonik bleiben stets unverändert.

Meine Frage ist eigentlich eher, warum die Musik in ihrer Daseinsform [abgesehen von kleinen Kaschierungen und ggfs. Kürzungen] prinzipiell unverändert bleibt, während sich das "Drumherum" komplett austauschen lässt.

Die Musik ist doch auch austauschbar?

:hello:

Ulli
Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
(Vincenzo Geilomato Hundini)

der Lullist

Prägender Forenuser

  • »der Lullist« ist männlich
  • »der Lullist« wurde gesperrt

Beiträge: 3 963

Registrierungsdatum: 13. Januar 2005

5

Mittwoch, 6. August 2008, 09:40

Ich glaube das es vielleicht auch etwas mit mangeldem Respekt vor den anderen Künsten innerhalb der Oper zu tun hat.

Oft werden die Libretti ja mit Missachtung gestraft und niemals als gleichwertig mit der Musik betrachtet.
(von Kostümentwürfen und Bühnendekorationen mal ganz abgesehen).


Warum das so gekommen ist, weiß ich nicht zu beantworten, aber in füheren Jahrhunderten sah man die Elemente Musik, Text, Choreographie, Bühnenkunst (Kostüme / Technik / Kulisse) als gleichwertig an, es war ein Miteinander.

Edit:
das Problem ist nur, dass im Lauf der Jahrhunderte auch vieles verloren ging.
Von nur wenigen Bühnendekorationen existieren noch die Zeichnungen und Choreographien wurden erst spät von du Feuillet und Pecour aufgezeichnet.
(Choreographien zu Balletten und Opern vor 1690 existieren praktisch nicht)

Aber dennoch ist genug vorhanden um zumindest Rekonstruktionen wagen zu können.... aber das Interesse dafür muss erst geweckt werden.

Ulli

Erleuchteter

  • »Ulli« ist männlich
  • »Ulli« wurde gesperrt
  • »Ulli« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 17 130

Registrierungsdatum: 16. Januar 2005

6

Mittwoch, 6. August 2008, 09:52

Zitat

Original von der Lullist
[...] aber in füheren Jahrhunderten sah man die Elemente Musik, Text, Choreographie, Bühnenkunst (Kostüme / Technik / Kulisse) als gleichwertig an, es war ein Miteinander.


Da gibt es sogar teilweise Belge, daß der Librettist und sein Produkt als wichtiger angesehen waren, als das musikalische Beiwerk. Titelseite des Librettos der 'Zauberflöte', Wien, 1791, Ignaz Alberti:


Die Zauberflöte.

Eine
große Oper in zwey Aufzügen.

Von
Emmanuel Schikaneder.

~~~~~

Die Musik ist von Herrn Wolfgang Amade
Mozart, Kapellmeister, und wirklichem k.
k. Kammer=Compositeur.


Ich habe versucht, die Schriftgrößenvehältnisse in Relation wiederzugeben.

Ganz offensichtlich war es Schikaneder ziemlich egal, wer nun die Noten zu seinem Werk hinschmierte - er feierte schließlich auch große Erfolge mit Kompositionen von Süßmayr, Gerl und anderen heute Unbekannten. Es war zudem auch üblich, daß der Librettist zuerst genannt wurde, man vergleiche mit den Ankündigungen der Uraufführungen diverser Opern... als gleichwertig behandelt würde ich das jetzt eher nicht betrachten.

:hello:

Ulli
Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
(Vincenzo Geilomato Hundini)

7

Mittwoch, 6. August 2008, 09:56

Austauschbar ist die Musik eben gerade nicht. Du unterschiedest selbst zwischen der Musik und dem "Drumherum". Die Rezeptur Text/Bühnenbild/Musik, gegebenfalls auch noch Choreographie/Regie erfasst die Bestandteile nur scheinbar gleichgewichtig. Die Bezeichnung einer Oper ist, zunehmend zumindest in der Zeit nach Schikaneder, regelmäßig aus dem Namen der Oper und dem Namen des Komponisten aufgebaut. Den Namen des Textdichters etc. wirst Du, von Ausnahmefällen abgesehen, erst suchen müssen.

Offenbar hat die Musik eine Identifikationsfunktion: Eine Arie mit neuer Melodie ist nun einmal nicht mehr DIE Arie, die wir hören wollen. Außerdem haben sich die Interpretationsparameter für die einzelnen Bestandteile im Lauf der Jahrhunderte auseinander entwickelt. Die Interpretation von Musik findet schwerpunktmäßig im Rahmen und auf Grundlage des notierten Textes in der gerade als überliefert akzeptierten Fassung statt. Die Interpretation von Text/Bild etc. findet schwerpunktmäßig vornehmlich nach deren Sinngehalt/Plot etc. im jeweils beliebig gewünschten historischen Kontext - Jetztzeit, Periode der Vergangenheit oder gar der Zukunft (?) statt.

Liebe Grüße, Ulrich

der Lullist

Prägender Forenuser

  • »der Lullist« ist männlich
  • »der Lullist« wurde gesperrt

Beiträge: 3 963

Registrierungsdatum: 13. Januar 2005

8

Mittwoch, 6. August 2008, 09:57

das ging aber nicht nur Mozart so

selbst Namen von Stars wie Hasse tauchten irgendwo im Kleingedruckten auf.

Das rührte eben noch aus dem 17. Jahrhundert her, wo der Text einfach viel bedeutsamer war, als die Musik.
Damals hieß es ja auch noch "prima le parole" (Monteverdi soll das gesagt haben...)


War es beim Idomeneo nicht sogar so, dass Mozart überhaupt nicht genannt wurde ?
Aber auch damit stand er nicht allein, das war eben so.

Ulli

Erleuchteter

  • »Ulli« ist männlich
  • »Ulli« wurde gesperrt
  • »Ulli« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 17 130

Registrierungsdatum: 16. Januar 2005

9

Mittwoch, 6. August 2008, 10:01

Zitat

Original von Ulrich Kudoweh
Offenbar hat die Musik eine Identifikationsfunktion: Eine Arie mit neuer Melodie ist nun einmal nicht mehr DIE Arie, die wir hören wollen.


Das aber ausschließlich auf die Musik zu beschränken, halte ich ebenfalls für etwas wenig: Eine Arie mit anderem Text in anderer Umgebung aufgeführt, ist eben auch nicht DIE Arie, die ich hören möchte... schließlich ist die Musik durch verschiedene Voraussetzungen [dem originalen Text eben und der gedachten Umgebung ihrer Handlung] heraus entstanden. Die Musik aus dem Kontext zu reißen ist nicht immer sinnvoll... natürlich gibt es Ausnahmen oder Gewöhnungssachen, beispielsweise rein konzertante Aufführungen oder Konserven, bei denen per se die Musik im Vordergrund steht.

Und natürlich ist Musik m. E. austauschbar: Wie ich schon oben schrieb, wurden viele Libretti, zumeist aus der Feder Metastasios, von verschiedensten Komponisten in Musik gesetzt. Also: Selber Text ---> selbe Inszenierung ---> andere Musik.

Ich finde es z.B. sehr spannend, die gleiche Oper mit anderer Musik hören zu können, beispielsweise "Don Giovanni", mal von Mozart, mal von Righini, ein weiteres Mal von Gazzaniga.

:hello:

Ulli
Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
(Vincenzo Geilomato Hundini)

10

Mittwoch, 6. August 2008, 10:16

Zitat

Original von Ulli
Und natürlich ist Musik m. E. austauschbar: Wie ich schon oben schrieb, wurden viele Libretti, zumeist aus der Feder Metastasios, von verschiedensten Komponisten in Musik gesetzt. Also: Selber Text ---> selbe Inszenierung ---> andere Musik.

Das trifft es eigentlich, was ich meine: Die Erkenntnis, ob der gerade gehöret Barbiere derjenige von Rossini oder von Paisiello ist, triffst Du doch nicht durch Untersuchung des Librettos, ob es also dasjenige von Sterbini oder das von Petrosellini ist. Noch nicht mal musst Du den Plot auf Beaumarchais zurückführen, denn Du identifizierst DAS WERK, indem Du DIE MUSIK Rossini oder Paisiello zuordnest. Führst Du Petrosellinis Text auf Rossinis Musik auf, wirst Du das wohl als Rossinis Werk identifizieren - hier taucht ein anderer Zusammenhang auf, weshalb die Musik unverändert bleibt: die Aufteilung der Textsilben zur Melodie ist komplex, die Konsequenzen einer platten Veränderung der Melodie dürften weitreichender sein, als die Anpassung eines modernisierten Textes an eine gegebene Melodie.

Liebe Grüße, Ulrich

Ulli

Erleuchteter

  • »Ulli« ist männlich
  • »Ulli« wurde gesperrt
  • »Ulli« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 17 130

Registrierungsdatum: 16. Januar 2005

11

Mittwoch, 6. August 2008, 10:36

Das sehe ich leider etwas anders: Faszinierend finde ich zunächst der Stoff, beispielsweise "Don Giovanni" oder "Orfeo". Im zweiten Schirtt ist von Interesse, welcher Librettist was daraus macht: welche Schwerpunkte werden gesetzt? Erst im dritten Schritt fasziniert mich dann [mehr oder weniger], welcher Komponist das dann wie musikalisch umsetzt [im vierten Schritt kommt dann noch die Wiedergabe hinzu]. Die Vielfalt ist hier m. E. sehr viel größer und vor allem auch sehr viel interessanter [für mich], als diese ganzen aus dem Boden gestampften Inszenierungsversuche "ein und desselben" Werks, welches auf Dauer dann doch langweilig wird.

Es gibt für mich also nicht DEN Don Giovanni oder DEN Orfeo, sondern viele verschiedene [auf die Textdichter und Komponisten bezogen]. Dabei ist z.B. interessant, ob die Musik das Geschehen bestätigt [Mozart, Don Giovanni] oder eben nicht [Mozart, Cosí fan tutte]. Wie das im letztgenannten Fall gewesen wäre, hätte uns Salieri sicher zu Gehör gebracht - leider sind die Cosí-Fragmente von Salieri bis heute nicht eingespielt worden.

Wenn ich also der Interpretation [sic!] da Ponte/Mozart den Vorzug gäbe, dann ist das kaum etwas anderes, als würde ich bei der Wiedergabe den Vorzug Östman geben...

:hello:

Ulli
Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
(Vincenzo Geilomato Hundini)

12

Mittwoch, 6. August 2008, 10:52

Kammamasosehn ... mit der Sichtweise, die Musikkomposition als Interpretation des Erzählstoffes zu verstehen, habe ich allerdings so meinen Kummer.

Verstehe ich Dich richtig: Aus Deiner Sicht gibt es das Werk "Oper" gar nicht, sondern nur das Werk "Schauspiel" als einziges identifizierendes Kriterium? Dann wäre aus Deiner Sicht jegliche Veränderung an den Bestandteilen erwünscht, solange nur die Geschicht als solche erkennbar bleibt?

hmm ...

Ulli

Erleuchteter

  • »Ulli« ist männlich
  • »Ulli« wurde gesperrt
  • »Ulli« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 17 130

Registrierungsdatum: 16. Januar 2005

13

Mittwoch, 6. August 2008, 11:00

Zitat

Original von Ulrich Kudoweh
Kammamasosehn ... mit der Sichtweise, die Musikkomposition als Interpretation des Erzählstoffes zu verstehen, habe ich allerdings so meinen Kummer.


Dafür ist doch gerade Mozart so berühmt - im Vergleich zu seinen Zeitgenossen ist er ja angeblich der einzige, der seinen personaggi einen Charakter gibt, sie also interpretiert bzw. ihnen Leben einhaucht und damit formt. Ich will das mal so hingestellt lassen, denn die Diskussion darüber wäre womöglich wieder einen eigenen Thread wert.

Zitat


Verstehe ich Dich richtig: Aus Deiner Sicht gibt es das Werk "Oper" gar nicht, sondern nur das Werk "Schauspiel" als einziges identifizierendes Kriterium? Dann wäre aus Deiner Sicht jegliche Veränderung an den Bestandteilen erwünscht, solange nur die Geschicht als solche erkennbar bleibt?

hmm ...


Das Werk Oper gibt es durchaus, natürlich. Aber eben als Gesamtkunstwerk - die kleinste Veränderung [zer]stört es m. E. - in wenigen Fällen gelingt eine temporäre "Verbesserung". Letztlich führen meine Überlegungen dahin, das "Essentielle" [was auch immer das ist?] aus dem Gesamtwerk herauszuziehen und pur darzubieten. Ist dafür aber die Musik überhaupt notwendig? Bühnenbilder sind es offenbar nicht, die Texte auch nicht so sehr... Die Aussage, die ein Regisseur mit seiner "Inszenierung" ausdrücken möchte, könnte er viel einfacher ohne die aufwändige Veränderung einer bestehenden Oper rüberbringen.

:hello:

Ulli
Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
(Vincenzo Geilomato Hundini)

14

Mittwoch, 6. August 2008, 11:40

Zitat

Original von Ulli
Die Aussage, die ein Regisseur mit seiner "Inszenierung" ausdrücken möchte, könnte er viel einfacher ohne die aufwändige Veränderung einer bestehenden Oper rüberbringen.

Kann er? Will er etwas ausdrücken? Oder quält er sich zu den Aussagen über das, was er angeblich ausdrücken will, nur deshalb, weil er meint, dem Gesamtkunstwerk einen weiteren "neuen", noch nie dagewesenen Aspekt hinzufügen zu sollen und so der Nachwelt überlieferungswürdig zu erscheinen?

Die Musik braucht er dafür nicht, würde ich meinen; nimmt man die Frage so, wie Du sie gestellt hast, ist die Musik wohl kaum das Essentielle. Die Frage nach dem Essentiellen würde ich als Grundvoraussetzung jeder Interpretation eines Werkes gleich welcher Gattung ansehen. Damit erhältst Du aber nicht mehr als das Fundament, auf dem das (Gesamt-)Kunstwerk aufbaut. Dein Gedanke ist, das (Gesamt-)Kunstwerk auf das Essentielle zu reduzieren und in dieser Reduktion aufzuführen?

Mir scheint eher, dass die Kunst erst jenseits der Essenz beginnt! Die Essenz kann Fundament für eine Vielzahl unterschiedlichster Kunstwerke sein. Diese sind interessant. Die Essenz selbst in ihrer reduzierten Form dürfte regelmäßig eher uninteressant sein.

Liebe Grüße, Ulrich

audiamus

Prägender Forenuser

  • »audiamus« ist männlich
  • »audiamus« wurde gesperrt

Beiträge: 1 663

Registrierungsdatum: 24. Oktober 2007

15

Mittwoch, 6. August 2008, 11:46

Trivialer terminologischer Einwurf:
Gerade die Musik ändert sich mit jedem Dirigenten, Sänger, Orchester.
Nur die Noten bleiben gleich.

"Oh, das schmeckt gut. Danke!" - Johannes Brahms' letzte Worte

Ulli

Erleuchteter

  • »Ulli« ist männlich
  • »Ulli« wurde gesperrt
  • »Ulli« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 17 130

Registrierungsdatum: 16. Januar 2005

16

Mittwoch, 6. August 2008, 11:55

Zitat

Original von Ulrich Kudoweh

Zitat

Original von Ulli
Die Aussage, die ein Regisseur mit seiner "Inszenierung" ausdrücken möchte, könnte er viel einfacher ohne die aufwändige Veränderung einer bestehenden Oper rüberbringen.

Kann er? Will er etwas ausdrücken? Oder quält er sich zu den Aussagen über das, was er angeblich ausdrücken will, nur deshalb, weil er meint, dem Gesamtkunstwerk einen weiteren "neuen", noch nie dagewesenen Aspekt hinzufügen zu sollen und so der Nachwelt überlieferungswürdig zu erscheinen?


Das ist für mich dasselbe, sorry :O - und auch für einen anderen Thread bestimmt.

Zitat

Die Musik braucht er dafür nicht, würde ich meinen; nimmt man die Frage so, wie Du sie gestellt hast, ist die Musik wohl kaum das Essentielle.


Klingt schonmal interessant.

Zitat

Dein Gedanke ist, das (Gesamt-)Kunstwerk auf das Essentielle zu reduzieren und in dieser Reduktion aufzuführen?


Möglich. Wenn etwas übrigbleibt. Ich meine: Wenn schon, dann muß alles reduziert werden. Zumal, wenn die Musik garnicht das Essentielle ist, kann man sie gleich komplett weglassen. Nur dann dürfen wir in Tamino nicht weiterdiskutieren...

Zitat

Mir scheint eher, dass die Kunst erst jenseits der Essenz beginnt! Die Essenz kann Fundament für eine Vielzahl unterschiedlichster Kunstwerke sein. Diese sind interessant. Die Essenz selbst in ihrer reduzierten Form dürfte regelmäßig eher uninteressant sein.


Wenn die Essenz nicht das Essentielle ist, was bitte dann? Ich kaufe ein Ypsilon... [Meine einstigen Bemühungen um Anerkennung des 'y' beim 'Glyxrad' als Vokal sind leider fehlgeschlagen...]

?(

Ulli
Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
(Vincenzo Geilomato Hundini)

17

Mittwoch, 6. August 2008, 12:14

Zitat

Original von Ulli
Wenn die Essenz nicht das Essentielle ist, was bitte dann?

Genau. Diese Definition bist Du ja bisher mit dem Hinweis auf die Unklarheit, was immer das sein mag, schuldig geblieben - obwohl für Deinen Gedanken doch absolut zentral. Wie weit soll denn die Reduktion gehen, die Du Dir vorstellst? Davon hängt es ja ab, ob noch etwas übrig bleibt, was Kunst und der Aufführung würdig sein könnte.

Zitat

Original von audiamus
Trivialer terminologischer Einwurf:
Gerade die Musik ändert sich mit jedem Dirigenten, Sänger, Orchester.
Nur die Noten bleiben gleich.

:hahahaha: ... köstliche Nickeligkeit, das ... :jubel:

Liebe Grüße, Ulrich

Wulf

Prägender Forenuser

  • »Wulf« ist männlich
  • »Wulf« wurde gesperrt

Beiträge: 3 837

Registrierungsdatum: 14. Februar 2006

18

Mittwoch, 6. August 2008, 12:18

Zitat

Original von Ulli
Das sehe ich leider etwas anders: Faszinierend finde ich zunächst der Stoff, beispielsweise "Don Giovanni" oder "Orfeo". Im zweiten Schirtt ist von Interesse, welcher Librettist was daraus macht: welche Schwerpunkte werden gesetzt? Erst im dritten Schritt fasziniert mich dann [mehr oder weniger], welcher Komponist das dann wie musikalisch umsetzt [im vierten Schritt kommt dann noch die Wiedergabe hinzu].

Das hört sich aber eher nach einer Erschließungsstrategie an, bei der ich recht ähnlich fahre. Wenn Du das Werk, die Oper erst einmal gut kennst - will sagen, Du hast sie als Gesamtes wahrgenommen (live oder auf DVD) frage ich (etwas zugespitzt): hättest Du lieber eine reine Tonwiedergabe auf CD oder Spiel auf der Bühne ohne Ton? Ich wage zu bezweifeln, daß Du Dich für zweieinhalb Stunden Don Giovanni ohne Ton entscheidest. Denn sonst hötte Herr mozart auch keine Musik dazu kompnieren müssen - die Protagonisten sprechen ja nicht, sie singen (jaja, ich weiß was Rezitative sind - und der Wiedererkennungswert einer Oper liegt - zumindest in der Zeit, aus der die von Dir bevorzugte Musik stammt eben miest in der Musik und nicht im gesprochenen Rezitativ). Nicht umsonst gibt es keine aufführungen auf der Bühne ohne Musik, dafür aber konzertante Aufführungen im Konzert (ob man sie mag ist freilich was anderes). das erinnert mich an die schöne Szene aus dem "Amadeus"-Film, in dem Mozarts Balettmusik gestrichen wird und der Kaiser etwas empört von dem musikalisch nicht begleiteten Rumgehopse auf der Bühne ist - die Musik mußte als Identifikation wieder her.

:hello:
Wulf
Carreras, I'll never stop saying Carreraaaas!
(Leonard Bernstein)